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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet
Kriegsaltlasten Munition: Deutschlands marine und terrestrische Herausforderungen in der Kampfmittelbeseitigung
Fraktion
FDP
Ressort
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit
Datum
08.11.2019
Aktualisiert
26.07.2022
BT19/1400715.10.2019
Kriegsaltlasten Munition - Deutschlands marine und terrestrische Herausforderungen in der Kampfmittelbeseitigung
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
[Kleine Anfrage
der Abgeordneten Olaf in der Beek, Grigorios Aggelidis, Renata Alt,
Christine Aschenberg-Dugnus, Nicole Bauer, Jens Beeck,
Dr. Jens Brandenburg (Rhein-Neckar), Dr. Marco Buschmann, Karlheinz Busen,
Britta Katharina Dassler, Dr. Marcus Faber, Thomas Hacker,
Katrin Helling-Plahr, Manuel Höferlin, Reinhard Houben, Ulla Ihnen,
Dr. Christian Jung, Dr. Marcel Klinge, Daniela Kluckert, Pascal Kober,
Konstantin Kuhle, Michael Georg Link, Till Mansmann, Dr. Martin Neumann,
Hagen Reinhold, Dr. Wieland Schinnenburg, Judith Skudelny,
Bettina Stark-Watzinger, Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Katja Suding,
Michael Theurer, Stephan Thomae, Dr. Florian Toncar, Sandra Weeser,
Nicole Westig und der Fraktion der FDP
Kriegsaltlasten Munition – Deutschlands marine und terrestrische
Herausforderungen in der Kampfmittelbeseitigung
Nach offiziellen Schätzungen liegen 1,6 Mio. Tonnen Munition in deutschen
Meeresgewässern, die überwiegend bewusst nach dem Zweiten Weltkrieg
versenkt wurden und aufgrund der fortschreitenden Korrosion immer mehr zur
Umwelt- und Gesundheitsgefahr werden (www.helmholtz.de/erde_und_um
welt/das-erbe-der-kriege/). Auch im terrestrischen Bereich sind mehrere
hunderttausend Hektar unter Kampfmittelverdacht (www.tagesspiegel.de/berlin/
jahresbilanz-brandenburg-2018-knapp-300-tonnen-kampfmittel-gefunden/
23798910.html).
Die Kampfmittelräumung ist zwar grundsätzlich Ländersache, dennoch sollte
sich der Bund aus Sicht der Fragesteller nicht vollkommen der Verantwortung
entziehen. Die bereits eingeleiteten Forschungsprojekte wie RoBeMM
(Entwicklung eines robotischen Unterwasser-Bergungs- und Entsorgungsverfahrens
inklusive Technik zur Delaboration von Munition im Meer, gefördert durch das
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie – BMWi – und UDEMM
(Umweltmonitoring für die Delaboration von Munition im Meer, gefördert durch
das Bundesministerium für Bildung und Forschung – BMBF – brauchen aus
Sicht der Fragesteller gezielte (Anschluss-)Förderprogramme, um
beispielsweise die robotische Delaborationstechnologie zur Marktreife zu führen und auch
die umweltschädlichen Auswirkungen der Munitionsbelastung wissenschaftlich
fundiert zu untersuchen.
Auch angesichts der zahlreichen Brände, darunter über 1000 ha Waldfläche, in
munitionsbelasteten Gebieten im Jahr 2018 und wiederholt 2019 besteht aus
Sicht der Fragesteller dringender Handlungsbedarf, einen Konsens auf Bund-
Länderebene zu erzielen, um gemeinsam konstruktive Lösungen für eine
zügige und umweltfreundliche Beseitigung von Kampfmitteln zu erarbeiten.
Deutscher Bundestag Drucksache 19/14007
19. Wahlperiode 15.10.2019
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Sieht die Bundesregierung Bedarf an einer vom Bund errichteten
Kooperationsebene mit den Ländern, Kampfmittelräumdiensten und jeweiligen
Arbeitskreisen, um gemeinsam die Kriterien für ein bundesweites digitales
Kampfmittelkataster mit einheitlichen Standards zu erarbeiten und in
diesem Rahmen die Fragen der Zuständigkeit, Dokumentationspflicht und
benötigtes Personal zu adressieren?
Wenn ja, in welcher Form?
Wenn nein, warum nicht?
2. Bis wann soll nach Kenntnis der Bundesregierung die gemäß
Bundestagsdrucksache 18/6328 vom Deutschen Bundestag beschlossene Entwicklung
und Fortschreibung eines internationalen Munitionskatasters in Nord- und
Ostsee zur Erfassung des Gefährdungspotentials nach exaktem Ort, Art,
Menge und Zustand konkret abgeschlossen sein?
3. Wann plant die Bundesregierung die Einführung des bereits durch den
Deutschen Bundestag beschlossenen internationalen Munitionskatasters,
und wie wird die langfristige Finanzierung gesichert?
4. Sieht die Bundesregierung angesichts der zahlreichen Brände in
munitionsbelasteten Gebieten im Jahr 2018 und wiederholt im Jahr 2019, darunter
über 1000 ha Waldfläche, Bedarf an einem auf Bund- bzw. Länderebene im
Konsens mit den Ländern, Kampfmittelräumdiensten und jeweiligen
Arbeitskreisen koordinierten, systematischen Vorgehen in Bezug auf die
Beseitigung von Kampfmitteln, welche bisher nur im Rahmen von einzelnen
Gefahrenabwehrmaßnahmen durch Länder vorgenommen werden?
5. Welche konkreten Ergebnisse wurden in Bezug auf Frage 4 in den von
Bund und Ländern geführten Gespräche im Fachbereich Bau erzielt, die
laut Bundestagsdrucksache 19/10512 stattgefunden haben?
6. Welche konkreten Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der
toxikologischen Analyse von Professor Edmund Maser, Direktor des
Instituts für Toxikologie und Pharmakologie für Naturwissenschaftler des
Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), die zu dem Ergebnis kam,
dass im Meer versenkte Munition korrodiert und dabei giftige Sprengstoffe
in die Meeresumwelt freigesetzt werden und neben der Beeinträchtigung
des marinen Ökosystems auch die Möglichkeit des Eintritts dieser
toxischen und krebserregenden Explosivstoffe in die marine Nahrungskette
besteht (www.uni-kiel.de/de/universitaet/detailansicht/news/070-
maserpreis/)?
7. Welche konkreten Forschungsprojekte unterstützt die Bundesregierung, um
die Expositions-Risiko-Beziehung der austretenden toxischen Stoffe auf
die Gesundheit der Fischkonsumenten hin zu untersuchen?
8. Wie weit sind in diesem Zusammenhang die Forschungsaktivitäten im
DAIMON-Projekt des bundeseigenen Thünen-Instituts fortgeschritten?
9. Wann ist hier mit einem konkreten Endergebnis zu rechnen?
10. Welche konkreten Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus dem
Forschungsprojekt RoBEEM, welches ein Roboter-System entwickelt, das
die Munition unter der Wasseroberfläche unschädlich macht und die
Option einer umweltfreundlichen Bergung darstellt (www.helmholtz.de/er
de_und_umwelt/das-erbe-der-kriege/)?
11. Teilt die Bundesregierung die Ansicht, dass bei einer weiteren Förderung
von RoBeMM über den Prototyp-Status hinaus In-situ-Sprengungen
obsolet sind und eine Freisetzung von Schadstoffen durch vollautomatisierte
und umweltfreundliche Systeme vermieden werden kann?
12. Wie plant die Bundesregierung konkret die im EU-Projekt DAIMON und
BMBF-Projekt UDEMM entwickelten Methoden in ein bundesweit
nutzbares System zu überführen und in Zukunft für die Bewertung des Risikos
einzusetzen?
13. Welche konkreten Forschungsprojekte unterstützt die Bundesregierung, um
der grundsätzlichen Frage nachzugehen, wie man mit den
Munitionsvorräten umgeht?
14. Welche Begründung führt der Bund/Länder-Ausschuss Nord- und Ostsee
(BLANO) Expertenkreis „Munition im Meer“ nach Kenntnis der
Bundesregierung angesichts der potenziell krebserregen Auswirkungen der
versenkten Munition an, dass eine großräumige Gefährdung der marinen
Umwelt nicht zu erwarten ist?
15. Sieht die Bundesregierung in Bezug auf Frage 12 Bedarf an einer
Überprüfung der Gefährdungsbeurteilung?
16. Hält die Bundesregierung unter Berücksichtigung der Studienergebnisse
von Professor Edmund Maser ihre Gefährdungseinschätzung aufrecht,
wonach es „derzeit nicht erkennbar ist, dass eine großräumige Gefährdung
[…] der munitionsbelasteten Flächen hinaus vorhanden oder zukünftig zu
erwarten ist“?
Falls nein, inwiefern ist mit einer Anpassung der Gefährdungseinschätzung
im Rahmen der BLANO zu rechnen?
17. Welche konkreten Auswertungen hat die Bundesregierung zu den
Forschungsprojekten DAIMON, RoBEMM und UDEMM vorgenommen, und
welche konkreten Erkenntnisse konnten daraus gewonnen werden?
18. Hat die Bundesregierung bereits eine Kosteneinschätzung vorgenommen
oder im Rahmen von BLANO vornehmen lassen, was die vollumfängliche
Bergung und Entsorgung der Munition im Meer kosten würde?
Wenn ja, in welcher Form?
19. Wie viele Tonnen ehemalige reichseigene Munition hat die Gesellschaft
zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten mbH
(GEKA) in Munster nach Kenntnis der Bundesregierung für Aufträge des
Bundes seit 2000 durchgeführt (bitte nach Herkunftsland aufschlüsseln)?
20. Sieht die Bundesregierung Bedarf an einem Auf- bzw. Ausbau der
Entsorgungseinrichtungen für chemische Kampfstoffe und Rüstungsaltlasten?
Wenn ja, welchen?
21. Sieht die Bundesregierung einen erhöhten Personalbedarf im Bereich der
Kampfmittelbeseitigung?
Wenn ja, welchen?
22. Welche konkreten Umweltschäden gehen nach Kenntnis der
Bundesregierung durch Lärmimmissionen bzw. Schalldruck, verursacht durch
unkontrollierte Selbstdetonation oder durch gezielte Sprengung von Munition, für
die Meeresumwelt einher?
23. Welche Meerestiere sind nach Kenntnis der Bundesregierung am stärksten
von den in Frage 20 dargestellten Lärmimmissionen betroffen, und welche
konkreten Gegenmaßnahmen bzw. Schutzmaßnahmen werden in diesem
Zusammenhang durchgeführt?
24. Sieht die Bundesregierung weiteren Forschungsbedarf im Bereich der
ökotoxikologischen Auswirkungen von sprengstofftypischen Verbindungen auf
die Meeresumwelt?
Wenn ja, in welcher Form?
25. Welche konkreten Maßnahmen werden nach Kenntnis der Bundesregierung
durchgeführt, um kritische Situationen bei baulichen Maßnahmen, z. B.
beim Verlegen von Leitungen oder beim Bau von Offshore-Windparks, zu
vermeiden?
26. Welches konkrete Verfahren wird nach Kenntnis der Bundesregierung zur
Risikobewertung und Priorisierung munitionsbelasteter Flächen
vorgenommen?
27. Welche Ansätze sieht die Bundesregierung, um die Lösung des
gesamtgesellschaftlichen Problems der Munition im Meer durch die
Zukunftstechnologie der Künstlichen Intelligenz (KI) zu unterstützen (bitte konkrete
Ansätze sowie ferner Anknüpfungspunkte zur nationalen KI-Strategie der
Bundesregierung nennen)?
28. Wie bewertet die Bundesregierung den jüngst erschienenen
„Qualitätsleitfaden Offshore-Kampfmittelbeseitigung“, und auf Grundlage welcher
Standards und Qualitätsmerkmale ist die Kampfmittelsuche und -räumung
(oder einzelne Schritte hiervon) im Meer durch öffentliche Stellen, private
Unternehmen und Forschungseinrichtungen nach Ansicht der
Bundesregierung durchzuführen?
29. In welcher Form wirkt die Bundesregierung auf eine qualifizierte
quantitative Risikobewertung für die punktuelle Gefährdung für Personengruppen,
die im marinen Bereich der Nord- und Ostsee mit Grundberührung tätig
sind, hin, und welche konkreten Werkzeuge liegen für eine solche
Risikobewertung vor?
30. Wie sorgt die Bundesregierung dafür, dass aktuelle technologische
Entwicklungen (autonome Unterwasserfahrzeuge, automatisierte
Bergungstechnologien, künstliche Intelligenz, 3D-Messverfahren etc.) in den
Bereich Meer überführt werden?
31. Wie gewährleistet die Bundesregierung den größtmöglichen Schutz von
Mensch und Umwelt bei Bergungen von Munition aus dem Meer und bei
Kampfmittelbeseitigungen auf dem Land?
32. In welcher konkreten Form unterstützt die Bundesregierung die
Überwachung von munitionsbelasteten Gebieten oder marinen Nahrungsmitteln
durch Langzeitmonitoring mittels Muscheln oder anderen Messverfahren?
33. Inwieweit stellt die Bundesregierung sicher, dass marine Nahrungsmittel
vor dem Hintergrund der munitionsbelasteten Meeresgewässer aus
toxikologischer Sicht unbedenklich für den menschlichen Verzehr sind?
34. Wie und in welcher Form wird sich die Bundesregierung für die
erforderliche Aktualisierung der seit 2011 geltenden Gesamtbewertung des Berichts
„Munitionsbelastung der deutschen Meeresgewässer“ einsetzen?
Berlin, den 25. September 2019
Christian Lindner und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]
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