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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet

Einsamkeit während der COVID-19 Pandemie

(insgesamt 16 Einzelfragen)

Fraktion

FDP

Ressort

Bundesministerium für Gesundheit

Datum

02.09.2020

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 19/2141403.08.2020

Einsamkeit während der COVID-19-Pandemie

der Abgeordneten Andrew Ullmann, Otto Fricke, Michael Theurer, Jens Beeck, Dr. Jens Brandenburg (Rhein-Neckar), Britta Katharina Dassler, Dr. Marcus Faber, Markus Herbrand, Torsten Herbst, Reinhard Houben, Ulla Ihnen, Pascal Kober, Frank Sitta, Judith Skudelny, Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Linda Teuteberg, Manfred Todtenhausen, Gerald Ullrich und der Fraktion der FDP

Vorbemerkung

Einsamkeit ist kein neues Thema. Weltweit steigt die Zahl der Menschen, die sich einsam fühlen. Schon im Jahr 2018 sprachen Experten von einer Einsamkeits-Epidemie in Industriestaaten (Worsley, A. S. (2018) Loneliness is a much more modern phenomenon than you might think).

Im Zeitalter der Corona-Pandemie und den daraus folgenden Maßnahmen zur Bekämpfung von COVID-19, verschärfte sich das Problem der Einsamkeit noch einmal enorm. Lockdown, Social Distancing und Kontaktverbote verlangten den Menschen viel ab. Die Psychologin Maike Luhmann weist darauf hin, dass in solchen Situationen gerade Alleinlebende gefährdet sind, ein Gefühl der Vereinsamung zu entwickeln. Aber auch für Menschen, die sich bereits einsam fühlten, stelle die Situation eine große Herausforderung dar. Sie betont, allerdings sei zwischen räumlicher und sozialer Distanzierung zu unterscheiden (Interview: Alleinleben in Zeiten von Corona. Wenn Isolierung krank macht https://www.deutschlandfunkkultur.de/alleinleben-in-zeiten-von-corona-wenn-isolierung-krank-macht.1008.de.html?dram:article_id=473074).

Im Rahmen einer Studie, die in Großbritannien vom Kreditinstitut Santander durchgeführt wurde, zeigte sich, dass schon vor den Maßnahmen ca. 25 Prozent der Menschen mehrere Tage mit niemandem Kontakt hatten, was sich durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie natürlich noch verschlimmerte. Rund 14 Prozent der Befragten befürchteten sogar, dass sie ihre Freunde für immer verloren haben, da sie sie nicht besuchen konnten („Einsamkeit im Corona-Lockdown: jede vierte Person sagte, sie habe keine echten Freunde“, 1. Juni 2020, https://www.stern.de/gesundheit/einsamkeit-durch-lockdown--erwachsene-fuehlen-sich-einsam-9321650.html gelesen am 7. Juli 2020).

Die Angst, die in der oben genannten Studie beschrieben wird, beschreibt auch Prof. Dr. Thomas Loew, Leiter der Abteilung Psychosomatik am Universitätsklinikum Regensburg. Er geht sogar so weit zu sagen, dass Einsamkeit ein ähnlich starkes Gefühl wie Angst ist und somit nicht nur psychische, sondern auch physische Konsequenzen haben kann. Seiner Expertenmeinung nach ist Einsamkeit ein Vorläufer für so einige andere Krankheiten wie zum Beispiel Depressionen („Was Einsamkeit aus Menschen machen kann“, 5. Mai 2020 https://www.idowa.de/inhalt.experte-im-interview-was-einsamkeit-aus-menschen-machen-kann.a14ccbb1-3e75-42bd-9ee8-dd9354fc26b4.html, gelesen am 7. Juli 2020). Schon im Jahr 2010 haben Forscher herausgefunden, dass Einsamkeit für die Gesundheit genauso schädlich ist wie der Konsum von 15 Zigaretten am Tag. Vergleichen kann man laut Forscher die Schädigung von dauerhafter Einsamkeit auch mit Alkoholmissbrauch oder damit, keinen Sport zu machen. Gleichzeitig warnt der Studienautor aber auch davor, die Kommunikationsmöglichkeiten im Zeitalter des Internets und der modernen Technologie als Ersatz für ein echtes soziales Netzwerk zu sehen („Einsamkeit schadet genau so wie Rauchen“, 28. Juli 2010, https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/psyche-und-gesundheit-einsamkeit-schadet-genauso-wie-rauchen-a-708728.html#:~:text=%20Demnach%20kann%20man%20die%20gesundheitssch%C3%A4dlichen%20Folgen%20eines,ist%20doppelt%20so%20sch%C3%A4dlich%20wie%20Fettsucht%20More%20, gelesen am 7. Juli 2020).

In Deutschland fühlten sich während der Lockdown-Phase durchschnittlich 48 Prozent der Deutschen wenigstens gelegentlich einsam. Vor allem trifft es die jüngere Generation, genauer gesagt, die nach 1994 Geborenen. Von ihnen fühlen sich immerhin 62 Prozent einsam („Studie: Hälfte der Deutschen fühlten sich während des Corona-Lockdowns einsam”, 9. Juni 2020, https://www.rnd.de/gesundheit/corona-studie-halfte-der-deutschen-fuhlte-sich-einsam-TQUIRYF5JZBSBNDJ44O4OQMMGM.html , gelesen am 7. Juli 2020).

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen16

1

Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung ergriffen, um der mit den COVID-19-Maßnahmen verbundenen Vereinsamung der Bevölkerung entgegenzuwirken, und welche Altersgruppen wurde damit adressiert (bitte in Maßnahme und Zielgruppe aufschlüsseln)?

2

Hat die Bundesregierung Kenntnis darüber, wie sich die Einsamkeit in der Bevölkerung während der COVID-19-Krise entwickelt hat (bitte in Altersgruppen aufschlüsseln)?

3

Hat die Bundesregierung Kenntnis darüber, wie sich die Einsamkeit bei den im Gesundheitswesen Tätigen während der COVID-19-Pandemie entwickelt hat?

Was unternimmt die Bundesregierung, um gerade diese Gruppe vor der Vereinsamung in Krisensituationen zu schützen?

Sieht die Bundesregierung im Gesundheitswesen Tätige aufgrund der Arbeitsbelastung besonders gefährdet, zu vereinsamen?

Wenn nicht, warum nicht?

4

Inwiefern sieht die Bundesregierung die nach Ansicht der Fragesteller irreführende Botschaft der sozialen Distanzierung, statt physischer Distanzierung als Ursache für die wachsende Einsamkeit während der COVID-19-Pandemie in der Bevölkerung?

Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung daraus, um die Krisenkommunikation in Zukunft zu verbessern?

5

Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um die Vereinsamung der Bevölkerung in einer möglichen zweiten Welle zu verhindern?

6

In welchem Umfang fördert die Bundesregierung Studien zur wissenschaftlichen Untersuchung der psychischen Auswirkung der COVID-19-Maßnahmen, insbesondere auf die Entwicklung der Einsamkeit?

7

Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus den vorliegenden Studienerkenntnissen zur Entwicklung der Einsamkeit in Deutschland aufgrund der COVID-19-Maßnahmen?

8

Hat die Bundesregierung Kenntnis über die Entwicklung der Einsamkeit während der COVID-19-Krise in anderen Staaten?

Inwiefern berücksichtigt die Bundesregierung das Thema Einsamkeit aufgrund der COVID-19-Maßnahmen bzw. die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit im Zuge der Pandemiekontrolle in der Entwicklungszusammenarbeit?

Welche Maßnahmen ergreift sie, um ihre Partnerländer diesbezüglich zu unterstützen?

9

In welchen Umfang fördert die Bundesregierung Grundlagenforschung zur Einsamkeit seit Beginn der 19. Legislaturperiode des Deutschen Bundestages?

10

Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung seit 2019 ergriffen, um die Einsamkeit in der Bevölkerung zu bekämpfen?

Fand eine systematische Evaluierung der Maßnahmen statt, und wenn ja, mit welchem Ergebnis?

11

Welche Initiativen plant die Bundesregierung langfristig umzusetzen, und welche Altersgruppen werden mit diesen Initiativen adressiert?

12

Was unternimmt die Bundesregierung, um präventiv gegen Einsamkeit vorzugehen?

13

Welche Rolle spielt nach Auffassung der Bundesregierung die Stärkung der Gesundheitskompetenz für die Bekämpfung der Einsamkeit?

14

Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung, um die Aufmerksamkeit für das Thema Einsamkeit zu erhöhen?

15

Wie bewertet die Bundesregierung das derzeitige Angebot an verlässlichen Informationen für Menschen, die sich einsam fühlen?

Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung, um das Informationsangebot in Deutschland zu verbessern?

16

Plant die Bundesregierung, eine Einsamkeitsstrategie zu entwickeln?

Wenn ja, wird diese noch in der aktuellen Legislaturperiode vorgelegt?

Wenn nicht, warum wird keine Einsamkeitsstrategie geplant?

Berlin, den 29. Juli 2020

Christian Lindner und Fraktion

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