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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet

Geringe Anzahl weiblicher Gründer in Startups

Fraktion

FDP

Ressort

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Datum

01.09.2020

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 19/2169818.08.2020

Geringe Anzahl weiblicher Gründer in Start-ups

der Abgeordneten Bettina Stark-Watzinger, Christian Dürr, Dr. Florian Toncar, Frank Schäffler, Markus Herbrand, Katja Hessel, Till Mansmann Christine Aschenberg-Dugnus, Mario Brandenburg (Südpfalz), Dr. Jens Brandenburg (Rhein-Neckar), Dr. Marco Buschmann, Hartmut Ebbing, Dr. Marcus Faber, Reginald Hanke, Markus Herbrand, Manuel Höferlin, Reinhard Houben, Ulla Ihnen, Gyde Jensen, Dr. Christian Jung, Dr. Marcel Klinge, Pascal Kober, Konstantin Kuhle, Oliver Luksic, Dr. h. c. Thomas Sattelberger, Dr. Wieland Schinnenburg, Judith Skudelny, Dr. Hermann Otto Solms, Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Gerald Ullrich und der Fraktion der FDP

Vorbemerkung

Wenn es um die Gründung junger, innovativer Unternehmen in Deutschland geht, sind durchschnittlich nur 15,7 Prozent der Personen im Gründungsteam weiblich. Zwar ist der Anteil weiblicher Gründer in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, doch bleibt die Zahl der Start-ups, die durch Frauen gegründet werden, gering. Entsprechend kommt eine Studie des Bundesverbandes Deutsche Startups zu dem Schluss, dass das deutsche Start-up-Ökosystem nach wie vor stark männlich geprägt sei (vgl. Female Founders Monitor 2020, https://femalefoundersmonitor.de/wp-content/uploads/FemaleFoundersMonitor_2020.pdf).

Aber nicht nur in einer geringen Zahl weiblicher Gründer zeigt sich die Diskrepanz zwischen Frauen und Männern im Start-up-Ökosystem. Eine Studie der Boston Consulting Group (BCG) kommt zu dem Schluss, dass lediglich 4 Prozent aller Partnerinnen in Venture Capital Fonds weiblich sind. Frauen sind enorm unterrepräsentiert; sie haben zudem einen schlechteren Zugang zu Ressourcen. Im Schnitt können männliche Gründer im Durchschnitt 10,6 Mio. Euro an Wagniskapital einsammeln, weibliche Gründer nur 3,5 Mio. Euro (https://www.handelsblatt.com/unternehmen/beruf-und-buero/buero-special/kein-geld-fuer-gruenderinnen-frauen-haben-es-in-der-start-up-welt-immer-noch-schwer/25967820.html).

Bei offensichtlichen Diskriminierungen sind wir uns des Problems bewusst und haben zumindest die Möglichkeit, dagegen vorzugehen. In einem bekannten TED-Talk stellt die Forscherin Dana Kanze aber Studienergebnisse vor, nach denen es subtile Unterschiede zwischen Investoren und Gründern gibt, die das Ergebnis beeinflussen. Dieser Unterschiede, so Kanze, sind wir uns nicht bewusst. Gründerinnen würden beispielsweise von Investoren hauptsächlich gefragt, was beim Geschäftsmodell schiefgehen könne, während männliche Gründer nach dem Potenzial des Start-ups gefragt würden. Bei Frauen würde also die Minimierung des Risikos im Mittelpunkt stehen, bei Männern die Maximierung des Erfolgs (https://www.ted.com/talks/dana_kanze_the_real_reason_female_entrepreneurs_get_less_funding#t-519821).

Die BCG-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass weibliche Gründer gegenüber männlichen Gründern eine 40-prozentig geringere Chance haben, in der wichtigen zweiten Finanzierungsrunde Wachstumskapital zu erhalten. In der dritten Finanzierungsrunde liegt die Wahrscheinlichkeit sogar 90 Prozent niedriger (https://www.handelsblatt.com/unternehmen/beruf-und-buero/buero-special/kein-geld-fuer-gruenderinnen-frauen-haben-es-in-der-start-up-welt-immer-noch-schwer/25967820.html).

Nach Meinung der Fragestellerinnen und Fragesteller sind diese Zahlen bedauerlich. Ziel muss die Chancengerechtigkeit in unserem Land sein. Das gilt in besonderem Maße mit Blick auf gleiche Chancen für Frauen und Männer. Viele Talente werden nach Ansicht der Fragestellerinnen und Fragesteller in Deutschland nicht oder nicht ausreichend gefördert. Chancen für die gesamte Volkswirtschaft bleiben ungenutzt. Gesetze und Quoten werden nach Ansicht der Fragestellerinnen und Fragesteller das Problem nicht lösen. Es bedarf nach Ansicht der Fragestellerinnen und Fragesteller dringend einer Kultur der Aufmerksamkeit für die tief verwurzelte unbewusste Voreingenommenheit (Unconscious Bias) in der Gesellschaft. Diese unbewussten Vorurteile sind tief verankert im Menschen und beeinflussen unsere Entscheidung. Unbewusst angenommene Rollenbilder sind dafür verantwortlich, dass bei gleichen Voraussetzungen Frauen gegenüber Männer benachteiligt werden. Nur wer unbewusstes Verhalten kenne, könne es anpassen, so die Fragestellerinnen und Fragesteller.

Die Fragestellerinnen und Fragesteller sind ebenfalls überzeugt, dass eine höhere Diversität in der Entwicklung von Zukunftstechnologien gefördert werden müsse. Denn wenn beispielsweise vor allem Männer Algorithmen programmieren, überträgt sich noch nicht einmal absichtlich der Unconscious Bias auf die Entscheidungen und Empfehlungen der Software. Die Folge ist, dass Frauen, aber auch Menschen mit Migrationshintergrund, durch einen Algorithmus benachteiligt werden (vgl. z. B. https://www.faz.net/einspruch/nachrichten/vorwuerfe-auf-twitter-benachteiligt-apples-kreditkarte-frauen-16480174.html).

Änderungen an der Situation können nach Ansicht der Fragestellerinnen und Fragesteller insbesondere erreicht werden, wenn schon früh im Bildungsweg junge Frauen für Unternehmertum und neue Technologien begeistert werden können.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen16

1

Kann die Bundesregierung die Zahlen hinsichtlich des Anteils weiblicher Gründerinnen des Female Founders Monitors 2020 bestätigen, oder liegen ihr andere bzw. weitere Zahlen vor?

2

Was hat die Bundesregierung in dieser Legislaturperiode bislang unternommen und was plant sie noch, um das vereinbarte Ziel im Koalitionsvertrag zu erfüllen, Unterstützungsmaßnahmen für Gründerinnen auszubauen und erfolgreiche Gründerinnen in ihrer Vorbildfunktion zu stärken (vgl. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD für die 19. Legislaturperiode, Zeile 2694 ff.)?

3

Inwieweit hat die Bundesregierung die Vereinbarkeit von Gründerinnen und Familie verbessert, und welche Maßnahmen plant die Bundesregierung ggf. noch, um für Verbesserungen zu sorgen?

4

Teilt die Bundesregierung die Ansicht der #stayonboard-Initiative, dass es eine Gesetzesänderung bedürfe, damit Vorstands- und Aufsichtsratsmandate vorübergehend ruhen gelassen werden können, sodass die Positionen mit der Geburt eines Kindes vereinbar sind (vgl. https://stayonboard.org)?

Wie viele Start-ups haben in diesem Zusammenhang nach Kenntnis der Bundesregierung die Rechtsform einer AG?

Liegen der Bundesregierung Zahlen vor, wie viele Frauen in einer solchen AG einen Vorstands- oder Aufsichtsratsposten begleiten?

5

Liegen der Bundesregierung Zahlen vor, wie viele Frauen sich als Business Angels betätigen?

6

Liegen der Bundesregierung Zahlen vor, wie viele Frauen sich in Venture Capital Fonds als Investorinnen betätigen?

7

Teilt die Bundesregierung das Ergebnis der BCG-Studie, wonach Frauen eine deutlich geringere Chance haben, Wachstumskapital in wichtigen Finanzierungsrunden zu erhalten?

Liegen der Bundesregierung weitere Zahlen diesbezüglich vor?

Sofern die Bundesregierung die Zahlen teilt, was sind nach Ansicht der Bundesregierung die Ursachen für die Benachteiligung von Frauen bei der Bereitstellung von Wachstumskapital?

Was hat die Bundesregierung in dieser Legislaturperiode getan, bzw. welche Maßnahmen plant sie noch, um die Situation bei der Bereitstellung von Wachstumskapital für Gründerinnen zu verbessern?

8

Welche Maßnahmen sind nach Ansicht der Bundesregierung zielführend, um die Zahl weiblicher Risikokapitalgeber zu erhöhen?

9

Hält die Bundesregierung ein freiwilliges oder verpflichtendes Reporting auf Investorenebene für geeignet, das die Anzahl der Frauen in Gründungsunternehmen explizit ausweist, die durch die Investoren gefördert werden?

10

Teilt die Bundesregierung die Ansicht der Fragestellerinnen und Fragesteller, nach dem die Hauptursache in der Ungleichbehandlung von männlichen und weiblichen Gründern im Unconscious Bias liegt, und wenn ja, welche Möglichkeiten bestehen nach Ansicht der Bundesregierung, den Unconscious Bias zu überwinden?

11

Teilt die Bundesregierung das Ergebnis des Female Founders Monitors 2020, wonach Frauenteams über weniger stark ausgeprägte Netzwerke verfügen, und wenn ja, welche Maßnahmen kann sich die Bundesregierung vorstellen, um Netzwerke für weibliche Gründer und Investoren noch besser zu fördern?

12

Welche Maßnahmen kann sich die Bundesregierung vorstellen, um den Frauenanteil im Technologie- und MINT-Bereich noch weiter zu erhöhen?

13

Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung, um bei öffentlichen Institutionen, die Wagniskapital bereitstellen, weibliche Gründer zu berücksichtigen?

14

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Frauenanteil bei Investorenteams in öffentlichen Institutionen, die Gründer beraten oder Wagniskapital bereitstellen (wenn möglich bitte jeweils Frauenanteil pro Institution angeben)?

15

Kann sich die Bundesregierung vorstellen, bei staatlichen Förderprogrammen für Gründer (z. B. INVEST, EXIST) besonders Frauen noch stärker zu fördern, und wenn ja, was wären geeignete Maßnahmen?

16

Was hat die Bundesregierung in dieser Legislaturperiode bislang unternommen und was plant sie noch, um Schülerinnen und Studentinnen für eine Gründung eines Start-ups zu begeistern?

Berlin, den 14. August 2020

Christian Lindner und Fraktion

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