[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Katrin Helling-Plahr, Michael Theurer,
Renata Alt, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
– Drucksache 19/23598 –
Fortschritte bei der Umstellung auf die Anforderungen der EU-
Medizinprodukteverordnung
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Am 25. Mai 2017 sind die Verordnung (EU) 2017/745 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 5. April 2017 über Medizinprodukte (Medical
Device Regulation – MDR) und die Verordnung (EU) 2017/746 über In-vitro-
Diagnostika (IVDR) in Kraft getreten. Nach einer Implementierungsphase von
drei Jahren, in der die wesentlichen Voraussetzungen für eine
Funktionsfähigkeit zu schaffen waren, war für den 26. Mai 2020 ursprünglich der
Geltungsbeginn der Verordnung (EU) 2017/745 (MDR) vorgesehen.
Mit dem Gesetz zur Anpassung des Medizinprodukterechts an die Verordnung
(EU) 2017/745 und die Verordnung (EU) 2017/746 (Medizinprodukte-EU-
Anpassungsgesetz – MPEUAnpG) und dem darin enthaltenen Gesetz zur
Durchführung unionsrechtlicher Vorschriften betreffend Medizinprodukte
(Medizinprodukterecht-Durchführungsgesetz – MPDG) wurden technische
Anpassung des nationalen Medizinprodukterechts an die neuen EU-Vorgaben
im März 2020 vom Deutschen Bundestag beschlossen.
Bereits im vergangenen Jahr wurden deutliche Bedenken seitens aller an der
praktischen Implementierung beteiligten Akteure laut, die große Zweifel an
der fristgerechten Umsetzbarkeit der neuen Vorgaben der MDR aufkommen
ließen. Zum einen mangelte es zum Jahresbeginn 2020 immer noch an gemäß
den Maßgaben der MDR zertifizierten Benannten Stellen. Zum anderen
herrschte bei den Akteuren der deutschen Medizintechnikbranche große
Unsicherheit bezüglich der auf sie zukommenden neuen Anforderungen und
Kosten. Auch die Bundesregierung erkannte entsprechende Probleme in ihrer
Antwort auf die Kleine Anfrage der Fraktion der FDP auf
Bundestagsdrucksache19/11541 an.
Vor dem Hintergrund der zeitlichen Dringlichkeit wurden auf europäischer
Ebene Übergangsregeln geschaffen, um unter anderem dem drohenden
Szenario eines abrupten Wegfalls von Marktzulassungen bereits auf dem Markt und
in der Versorgung befindlicher Medizinprodukte nach den Vorgaben der MDR
zuvorzukommen und die Gefahr eines Zertifizierungsstaus möglichst zu
verringern.
Deutscher Bundestag Drucksache 19/24164
19. Wahlperiode 09.11.2020
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Gesundheit vom 6. November
2020 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Nach Auftreten des Coronavirus SARS-CoV-2 hatte sich die Europäische
Kommission im März 2020 dafür ausgesprochen, den Geltungsbeginn der
MDR um ein Jahr zu verschieben, um Liefer- und letztendlich
Versorgungsengpässe zu vermeiden. Das diesbezügliche Moratorium wurde im April 2020
durch das Europäische Parlament bestätigt, die entsprechende Anpassung des
Geltungsbeginns des MPDG im Rahmen des Zweiten Gesetzes zum Schutz
der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite vom
Deutschen Bundestag beschlossen.
Angesichts der Tatsache, dass bereits rund ein Drittel der zusätzlichen Zeit
verstrichen ist, ist aus Sicht der Fragesteller zu evaluieren, wie es um den
Fortschritt bezüglich der Umstellung auf die Anforderungen der MDR in
Deutschland und der Europäischen Union bestellt ist.
V o r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Die Verordnung (EU) 2017/745 des Europäischen Parlaments und des Rates
vom 5. April 2017 über Medizinprodukte (MDR) und die Verordnung (EU)
2017/746 über In-vitro-Diagnostika (IVDR) stellen Hersteller von
Medizinprodukten und insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU) weiterhin
vor große Herausforderungen. Um eine pragmatische und rechtskonforme
Implementierung der Anforderungen durch die Hersteller und weitere Betroffene
zu ermöglichen, beteiligt sich die Bundesregierung an Gremien und
Diskussionen auf europäischer Ebene. Da notwendige Systeme wie z. B. die europäische
Datenbank für Medizinprodukte (EUDAMED) zum Geltungsbeginn nicht
vollständig einsatzbereit sind, setzt sich die Bundesregierung aktiv für
pragmatische Lösungen für die damit einhergehenden Probleme ein. Die Novellierung
des Rechtsrahmens für Medizinprodukte in der EU wurde nicht zuletzt
aufgrund der häufig geäußerten Kritik an den bisher geltenden Regelungen
angestoßen. Die Kritik richtete sich dabei insbesondere auch gegen zu geringe
Anforderungen an die klinische Bewertung für Hochrisikoprodukte und
mangelnde Transparenz.
Die beiden Verordnungen sind das Ergebnis eines langen und schwierigen
europäischen Gesetzgebungsverfahrens. Ziel der gefundenen Regelungen ist es, die
Patientensicherheit zu erhöhen, ohne den innovationsfreundlichen
Rechtsrahmen des europäischen Medizinprodukterechts grundlegend zu ändern.
1. Wie viele nach Maßgaben der MDR zertifizierte Benannte Stellen gibt es
nach Kenntnis der Bundesregierung zum gegenwärtigen Zeitpunkt in
Deutschland?
a) Wie hat sich die Anzahl seit Jahresbeginn 2020 bis heute entwickelt
(bitte nach Monaten aufschlüsseln)?
b) Um welche Institutionen handelt es sich bei den bisher in
Deutschland nach Maßgaben der MDR zertifizierten Benannten Stellen (bitte
auflisten)?
c) Wie viele dieser Benannten Stellen wird es nach Einschätzung der
Bundesregierung im Mai 2021 in Deutschland geben?
2. Wie viele nach Maßgaben der MDR zertifizierte Benannte Stellen gibt es
nach Kenntnis der Bundesregierung zum gegenwärtigen Zeitpunkt in der
Europäischen Union?
a) Wie hat sich die Anzahl seit Jahresbeginn 2020 bis heute entwickelt
(bitte nach Monaten aufschlüsseln)?
b) Wie verteilen sich diese Benannten Stellen über die EU-
Mitgliedstaaten?
c) Wie viele dieser Benannten Stellen wird es nach Einschätzung der
Bundesregierung im Mai 2021 in der Europäischen Union geben?
Die Fragen 1 bis 2c werden aufgrund des Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Nach Auskunft der Europäischen Kommission haben zum Stand 21. Oktober
2020 insgesamt 48 Benannte Stellen einen Antrag auf Benennung und
Notifizierung nach der MDR gestellt, elf davon aus Deutschland. Anlage 1 enthält
eine Auflistung aller bisher unter der MDR notifizierten Benannten Stellen. Die
Benannten Stellen verteilen sich über die EU-Mitgliedstaaten wie folgt:
Deutschland 6
Niederlande 3
Frankreich 1
Irland 1
Italien 1
Norwegen 1
Schweden 1
Slowakei 1
(Vereinigtes Königreich) 1
(Quelle: NANDO-Datenbank der EU-Kommission)
In 2020 wurden acht Benannte Stellen notifiziert (Stand: 21. Oktober 2020).
Die Bundesregierung geht aktuell davon aus, dass bis zum Mai 2021 insgesamt
etwa 25 Benannte Stellen unter der MDR erfolgreich notifiziert sein werden.
3. Liegen der Bundesregierung Informationen vor, die darauf hindeuten,
dass vor dem Hintergrund der anhaltenden Corona-Pandemie eine
abermalige Verschiebung des Geltungsbeginns der MDR auf europäischer
Ebene zur Debatte steht?
Außer dem Umstand, dass die anhaltende Corona-Pandemie einer erfolgreichen
und schnellen Implementierung der MDR nicht förderlich ist, liegen der
Bundesregierung keine Informationen vor, dass eine erneute Verschiebung des
Geltungsbeginns der MDR auf Europäischer Ebene zur Debatte steht.
4. Hat die Bundesregierung das Szenario, dass zum 26. Mai 2021 kein Ende
der Corona-Pandemie absehbar ist, mit Blick auf die Bedeutung des
Geltungsbeginns der MDR für die Patientenversorgung evaluiert, und wenn
ja, mit welchem Ergebnis?
Derzeit geht die Bundesregierung davon aus, dass auch unter dem Einfluss der
Corona-Pandemie mit dem Geltungsbeginn der MDR im Mai 2021 keine
unmittelbaren Gefahren für die Patientenversorgung verbunden sind. Der
Einfluss der aktuellen Corona-Pandemie auf die erfolgreiche Implementierung der
MDR wird fortwährend beobachtet und bewertet, insbesondere auf
europäischer Ebene.
5. Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung für den Fall, dass zum
26. Mai 2021 trotz Verschiebung des Geltungsbeginns nicht ausreichend
Benannte Stellen zur Verfügung stehen?
Die Bundesregierung geht auch im Hinblick auf die vorhandenen
Übergangsregelungen derzeit davon aus, dass eine ausreichende Anzahl an Benannten
Stellen bis zum 26. Mai 2021 vorhanden sein wird. Sofern Gefahren für die
Patientenversorgung entstehen sollten, werden die in der MDR und der
nationalen Medizinproduktegesetzgebung vorhandenen Instrumente der
Marktüberwachung und ggf. nationale bzw. europäische Sonderzulassung genutzt. Damit
kann ein Zugang zu benötigten sicheren und leistungsfähigen
Medizinprodukten gewährleistet werden. In diesem Zusammenhang beteiligt sich die
Bundesregierung an den in einschlägigen europäischen Gremien geführten
Diskussionen und unterstützt die Bemühungen der Behörden der Mitgliedstaaten und der
Europäischen Kommission, eine gemeinsame Lösung im Wege der
Marktüberwachung für Hersteller und Produkte zu erarbeiten.
6. Liegen der Bundesregierung aktuelle Erkenntnisse oder Einschätzungen
zu den Möglichkeiten der ausreichenden Personalgewinnung für nach
Maßgaben der MDR zertifizierte Benannte Stellen vor, und wenn ja,
welche, und mit welcher Aussage?
Im Rahmen des europäischen Begutachtungsprozesses für Benannte Stellen
wird intensiv geprüft, ob diese Stellen über ausreichendes und qualifiziertes
Personal verfügen, um ihre Aufgaben nach der MDR erfüllen zu können. Nach
Angaben von Team-NB, der europäischen Interessenvertretung der Benannten
Stellen im Medizinproduktebereich, haben sich die Zahl der Mitarbeitenden bei
den bei Team-NB organisierten Benannten Stellen im Jahreszeitraum 2018 bis
2019 im Vergleich zum Jahr 2017 um 30,8 Prozent erhöht. Die Benannten
Stellen werden auch zukünftig weiteres Personal einstellen. Angesichts der hohen
Nachfrage nach entsprechend qualifizierten Experten, auch von Seiten der
Hersteller, sind ähnlich hohe Personalzuwächse bei Benannten Stellen in naher
Zukunft nicht zu erwarten.
7. Liegen der Bundesregierung vor dem Hintergrund der MDR
Informationen über noch durchzuführende delegierte Rechtsakte und
Durchführungsrechtsakte im europäischen Verantwortungsbereich vor?
a) Wie viele, und welche sind bisher bereits verabschiedet worden?
b) Wie viele, und welche stehen noch aus?
Nach Analyse der Europäischen Kommission sind vor dem Geltungsbeginn der
MDR mindestens acht delegierte Rechtsakte oder Durchführungsrechtsakte zu
erlassen (vgl. Anlage 2). Davon sind fünf bereits umgesetzt bzw. erlassen
worden. Drei delegierte Rechtsakte oder Durchführungsrechtsakte stehen noch aus,
die im Zusammenhang stehen mit den gemeinsamen Spezifikationen für
Produkte ohne medizinische Zweckbestimmung des Anhang XVI der MDR und
zur Ausgestaltung, Funktionsfähigkeit und dem Start von EUDAMED.
8. Wie schätzt die Bundesregierung den aktuellen Vorbereitungsstand der
deutschen Medizintechnikbranche bezüglich der Anforderungen der
MDR ein (bitte begründen)?
Nach Kenntnis der Bundesregierung arbeiten alle Beteiligten intensiv an der
Implementierung der MDR. Aufgrund der durch die Verschiebung des
Geltungsbeginns der MDR gewonnen Zeit und der Vielzahl von veröffentlichten
europäischen Leitlinien haben alle Beteiligten erhebliche Fortschritte bei der
Implementierung erzielt. Die relative geringe Anzahl der in Deutschland
registrierten MDR-konformen Klasse I – Medizinprodukten ist ein Indiz dafür, dass
alle Beteiligten weiterhin aktiv an einer erfolgreichen Implementierung arbeiten
müssen. Im Hinblick auf die Implementierung durch die betroffenen Hersteller
wird die Einschätzung der Bundesregierung durch Unternehmensumfragen
dahingehend unterstützt. In einer im Frühjahr 2020 durchgeführten
Unternehmensumfrage gaben 77 Prozent der befragten Unternehmen an, dass die
Umsetzung der neuen Anforderungen sehr herausfordernd sind. Im Rahmen einer im
August 2020 durchgeführten Unternehmensumfrage liegen die meisten
Aufwände für die befragten Unternehmen u. a. in den Bereichen der Klinischen
Bewertungen und Klinischen Studien. 67 Prozent der teilnehmenden
Unternehmen planen mindestens eine neue Mitarbeiterin bzw. einen neuen Mitarbeiter
einzustellen.
9. Sind die Übertragungsprozesse der Bescheinigungen auf eine EU-27-
Benannte Stelle für alle Medizinprodukte, die zuvor von einer britischen
Benannten Stelle zertifiziert worden waren, zum gegenwärtigen
Zeitpunkt nach Kenntnis der Bundesregierung abgeschlossen (siehe Antwort
der Bundesregierung auf die Schriftliche Frage 97 auf
Bundestagsdrucksache 19/13176, S. 63 f.)?
Nach Kenntnis der Bundesregierung sind alle relevanten und übertragbaren
Bescheinigungen von Benannten Stellen des Vereinigten Königreichs auf EU-27-
Benannte Stellen übertragen worden. Lediglich für Klienten von britischen
Benannten Stellen, die im Herbst 2019 ihre Tätigkeit als Benannte Stellen
eingestellt haben, war eine relativ einfache Übertragung nicht möglich und etwa 180
Hersteller mussten sich eine neue EU-27-Benannte Stelle suchen.
10. Geht die Bundesregierung zum gegenwärtigen Zeitpunkt davon aus, dass
Medizinprodukte aufgrund der neuen mit der MDR verbundenen
Anforderungen vom Markt genommen werden?
Wenn ja, welche Produktgruppen wird das nach Einschätzung der
Bundesregierung betreffen, und welche Konsequenzen sieht die
Bundesregierung für die Patientenversorgung (bitte begründen)?
Der Bundesregierung liegen keine belastbaren Informationen über
Medizinprodukte vor, die aufgrund der neuen oder geänderten Anforderungen der MDR
vom Markt genommen werden.
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Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]