[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Wieland Schinnenburg, Michael
Theurer, Grigorios Aggelidis, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
– Drucksache 19/26384 –
Jahresbericht der Drogenbeauftragten: Fehlende Daten zu
medikamentenbezogenen Störungen
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Der am 26. November 2020 vorgelegte Jahresbericht der Drogenbeauftragten
der Bundesregierung unterscheidet sich deutlich von den Berichten der
vorherigen Jahre. Während im Drogen- und Suchtbericht des Jahres 2019 auf 220
Seiten viele Fachdaten veröffentlicht wurden (
https://www.drogenbeauftragt
e.de/assets/Service/DSB_2019_mj_barr.pdf), wurde der Jahresbericht des
Jahres 2020 erheblich gekürzt. Auf nun nur noch 86 Seiten finden sich deutlich
weniger Daten und Fakten als in den Berichten der Vorjahre.
Das Thema „Medikamentenbezogene Störungen“ findet keinerlei Beachtung
im aktuellen Drogen- und Suchtbericht. Das verwundert besonders, da die
Prävalenzzahlen in diesem Bereich sehr hoch sind (vgl. die Antwort der
Bundesregierung auf die Kleine Anfrage auf Bundestagsdrucksache 19/24523).
Nach Auffassung der Fragesteller stellten die ursprünglich veröffentlichten
Fachdaten eine wichtige Informationsquelle dar, die von vielen in der Drogen-
und Suchtarbeit tätigen Personen aufmerksam verfolgt wurden. Diese Anfrage
soll daher im Bereich des Medikamentenmissbrauchs und der
Medikamentenabhängigkeit die fehlenden Fachdaten abfragen und weitere wichtige
Fachdaten liefern.
V o r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung veröffentlicht jährlich einen
Bericht zur Drogen- und Suchtpolitik. In der Sache fokussiert die
Berichterstattung 2020 insbesondere auf die drogen- und suchtpolitischen Aktivitäten des
Bundes sowie die Arbeit der Drogenbeauftragten der Bundesregierung im
benannten Jahreszeitraum. Daten zu Prävalenzen des Konsums legaler und
illegaler Suchtstoffe wurden – anders als in den Vorjahren – mit dem Ziel größerer
Übersichtlichkeit sowohl auf den Mittelseiten des Berichts als auch auf einem
herausnehmbaren Einleger gebündelt dargestellt.
Deutscher Bundestag Drucksache 19/26759
19. Wahlperiode 17.02.2021
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Gesundheit vom
17. Februar 2021 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Die mit Förderung durch die Bundesregierung erhobenen Daten zum
Medikamentenkonsum und zur Medikamentenabhängigkeit sowie ihren Folgen werden
neben dem Drogen- und Suchtbericht in weiteren Publikationen und
ausführlich auf speziellen Internetseiten veröffentlicht, z. B. im Jahrbuch Sucht der
Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (
https://www.dhs.de/unsere-arbeit/jahrb
uch-sucht) und der Internetseite des Epidemiologischen Suchtsurvey (
https://w
ww.esa-survey.de/).
1. Wie hoch ist die Prävalenz (mindestens wöchentliche Einnahme,
Gebrauch in den letzten sieben Tagen, Gebrauch in den letzten 30 Tagen)
von Medikamentengebrauch (bitte nach Altersgruppe und Geschlecht
aufschlüsseln, Jahr der Datenerhebung angeben) für folgende
Medikamentengruppen:
a) psychoaktive Arzneimittel,
b) Schmerzmittel,
c) opioidhaltige Schmerzmittel,
d) Antidepressiva,
e) Schlaf- bzw. Beruhigungsmittel,
f) Benzodiazepine,
g) Antidementiva,
h) Neuroleptika Antiepileptika,
i) Stimulanzien,
j) Appetitzügler,
k) Anabolika?
Eine Datengrundlage ist der Epidemiologische Suchtsurvey (ESA) 2018. In der
folgenden Tabelle sind nach Geschlecht, Altersgruppe und
Medikamentengruppen die jeweiligen Prävalenzen zum mindestens wöchentlichen Gebrauch in
den letzten 30 Tagen zu finden. Die Spalte „mindestens 1 Medikament“ weist
die Prävalenz der Personen aus, die im genannten Zeitraum mindestens ein
psychoaktives Arzneimittel eingenommen haben. Zu Antidementiva liegen keine
Daten vor.
Tabelle: 30-Tage-Prävalenz der mindestens wöchentlichen
Medikamenteneinnahme (Gesamtstichprobe) (Prozent)
Altersgruppen
Gesamt 18-20 21-24 25-29 30-39 40-49 50-59 60-64
Gesamt (n) 9153 1068 1165 1171 1614 1566 1633 936
Schmerzmittel 19.7 14.9 17.0 15.4 18.1 21.4 21.7 23.1
Schlaf-/Beruhigungsmittel 2.6 1.6 2.1 1.0 2.0 2.6 3.5 5.2
Anregungsmittel 0.6 1.9 1.6 0.9 0.3 0.8 0.1 0.1
Appetitzügler 0.1 0.3 0.7 0.5 0.0 0.0 0.0 0.1
Antidepressiva 4.1 1.7 2.4 3.7 3.1 4.3 5.7 6.1
Neuroleptika 0.9 0.4 0.6 0.8 0.8 1.1 1.5 0.5
Anabolika 0.1 0.2 0.2 0.1 0.2 0.1 0.1 0.0
Mindestens 1 Medikament 1) 23.4 18.0 20.3 19.0 21.2 24.6 26.4 29.2
Männer (n) 4140 486 538 544 711 696 733 432
Schmerzmittel 16.5 10.4 12.4 10.1 13.4 19.0 21.1 21.4
Schlaf-/Beruhigungsmittel 2.7 1.1 2.0 0.3 1.7 3.3 4.6 4.0
Anregungsmittel 0.9 2.4 1.8 1.3 0.5 1.2 0.1 0.2
Appetitzügler 0.1 0.2 0.4 0.0 0.0 0.0 0.0 0.1
Altersgruppen
Gesamt 18-20 21-24 25-29 30-39 40-49 50-59 60-64
Gesamt (n) 9153 1068 1165 1171 1614 1566 1633 936
Männer (n) 4140 486 538 544 711 696 733 432
Antidepressiva 3.4 1.5 2.2 2.1 2.9 3.5 5.7 3.7
Neuroleptika 0.9 0.2 0.4 0.3 0.7 1.5 1.3 0.2
Anabolika 0.2 0.3 0.4 0.1 0.1 0.3 0.3 0.0
Mindestens 1 Medikament 1) 19.6 13.8 14.6 13.0 16.5 21.5 25.4 25.7
Frauen (n) 5013 582 627 627 903 870 900 504
Schmerzmittel 22.9 19.8 22.1 21.1 23.1 23.9 22.2 24.6
Schlaf-/Beruhigungsmittel 2.6 2.2 2.2 1.7 2.4 1.9 2.5 6.2
Anregungsmittel 0.3 1.4 1.3 0.5 0.1 0.3 0.1 0.1
Appetitzügler 0.2 0.3 0.9 1.0 0.1 0.0 0.0 0.0
Antidepressiva 4.9 1.9 2.5 5.5 3.3 5.2 5.7 8.4
Neuroleptika 1.0 0.6 0.9 1.4 0.9 0.7 1.6 0.8
Anabolika 0.1 0.1 0.0 0.0 0.3 0.0 0.0 0.1
Mindestens 1 Medikament 1) 27.4 22.7 26.6 25.6 26.2 27.9 27.3 32.5
n für Gesamtstichprobe mindestens 1 Medikament
1) Schmerzmittel, Schlaf-/Beruhigungsmittel, Anregungsmittel, Appetitzügler, Antidepressiva oder
Neuroleptika
Quelle: ESA 2018
Eine weitere Quelle für die Prävalenzen von Medikamentengebrauch in den
letzten sieben Tagen ist die Studie des Robert Koch-Instituts zur Gesundheit
Erwachsener in Deutschland (DEGS1, Datenerhebung zwischen 2008-2011).
Zielpopulation war die in Deutschland lebende Bevölkerung im Alter von 18
bis 79 Jahren. Insgesamt nahmen 8 152 Personen teil, darunter 4 193
Ersteingeladene (Response 42 Prozent) und 3 959 ehemalige Teilnehmerinnen und
Teilnehmern des Bundes-Gesundheitssurveys 1998 (Response 62 Prozent). Die hier
dargestellten Prävalenzen wurden mit einem Gewichtungsfaktor berechnet, der
Abweichungen der Stichprobe von der Bevölkerungsstruktur (Stand
31.12.2010) hinsichtlich Alter, Geschlecht, Region und Staatsangehörigkeit
sowie Gemeindetyp und Bildung korrigiert. Die Medikamentengruppen wurden
anhand der ATC Kode (Anatomisch-Therapeutisch-Chemischer Kode)
definiert.
Die Anwendungsprävalenz der erfragten Medikamentengruppen nach
Geschlecht und Altersgruppe sind in folgender Tabelle dargestellt. 3,5 Prozent
aller Männer und Frauen geben an, ein Arzneimittel der Psycholeptika Gruppe
(ATC Kode N05) angewendet zu haben. Dabei nimmt die
Anwendungsprävalenz mit steigendem Alter zu und ist bei Frauen höher als bei Männern. Das ist
auch der Fall bei den Psychoanaleptika, opioidhaltigen Schmerzmitteln,
Antidepressiva, Schlaf-/Beruhigungsmitteln, Benzodiazepinen und Antidementiva.
13 Prozent der Teilnehmenden geben an, ein Schmerzmittel in den letzten
sieben Tagen angewendet zu haben.
Quelle: DEGS 1
2. Wie hat sich die mindestens wöchentliche Einnahme von Medikamenten
bei Männern und Frauen seit 2010 entwickelt (bitte nach
Medikamentengruppe auflisten)?
Datengrundlage sind die Erhebungsjahre 2012, 2015 und 2018 des
Epidemiologische Suchtsurveys. In der folgenden Tabelle sind die Trends nach Geschlecht
und Medikamentengruppen dargestellt. Signifikante Abweichungen zum
Referenzjahr 2018 sind mit einem Sternchen gekennzeichnet. Seit 2012 steigt der
Schmerzmittelgebrauch an und sinkt der Gebrauch von Schlaf- und
Beruhigungsmitteln – vornehmlich bei Frauen.
Tabelle: Trends der mindestens wöchentlichen Einnahme in den letzten 30
Tagen von Medikamenten der 18- bis 64-Jährigen nach Geschlecht und
Medikamentengruppe, 2012 bis 2018 (gewichtete Prozent, ungewichtetes n)
Geschlecht Erhebungsjahr
2012 2015 2018
% n % n % n
Schmerzmittel Gesamt 17.0* 1491 18.1 1588 17.8 1605
Männer 14.5 530 15.0 558 14.3 555
Frauen 19.7* 961 21.2 1030 21.5 1050
Schlaf- und
Beruhigungsmittel
Gesamt 3.7* 315 2.9 245 2.4 215
Männer 2.8 100 2.0 74 2.2 85
Frauen 4.5* 215 3.7* 171 2.6 130
Anregungsmittel Gesamt 0.5 43 0.4 50 0.5 58
Männer 0.6 23 0.4 28 0.8 35
Frauen 0.4 20 0.4 22 0.3 23
Appetitzügler Gesamt 0.2 17 0.2 20 0.1 18
Männer 0.2 8 0.1 3 0.1 5
Frauen 0.2 9 0.3 17 0.2 13
Antidepressiva Gesamt 4.3 358 4.2 347 3.8 335
Männer 3.7 127 3.3 115 3.2 127
Frauen 4.9 231 5.1 232 4.4 208
Geschlecht Erhebungsjahr
2012 2015 2018
% n % n % n
Neuroleptika Gesamt 1.0 83 1.1 86 0.8 73
Männer 0.9 35 1.1 36 0.8 30
Frauen 1.0 48 1.0 50 0.9 43
* p<.05 für eine Veränderung gegenüber dem Jahr 2018. Logistische Regression zur Vorhersage der
Prävalenzen mit Jahr (Referenz: 2018), (Geschlecht), Alter, Erhebungsmodus. Bei kleinen
Zellbesetzungen (n ≤ 5) wurde Fisher`s exakter Test verwendet.
Quelle: ESA
3. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die jährliche Prävalenz
von Medikamentenmissbrauch und Medikamentenabhängigkeit bei
Minderjährigen in Deutschland seit 2010 (bitte nach Geschlecht und
Medikamentenklasse aufschlüsseln)?
Im Rahmen der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in
Deutschland des Robert Koch-Instituts (KIGGS 2) wurden Daten zur
Anwendung von Arzneimitteln bei Kindern und Jugendlichen erhoben (
https://www.ki
ggs-studie.de/ergebnisse/kiggs-welle-2/johm.html). Diese Daten erlauben
jedoch keine Rückschlüsse auf Medikamentenmissbrauch und -abhängigkeit.
Weitere Daten zu dieser Fragestellung liegen der Bundesregierung nicht vor.
4. Wie hat sich der klinisch relevante Medikamentengebrauch in den
einzelnen Bundesländern und Altersgruppen jeweils bei Männern und Frauen
sowie insgesamt seit 2014 entwickelt?
Es liegen keine Trenddaten zum klinisch relevanten Medikamentengebrauch
seit 2014 vor. Der klinisch relevante Medikamentenmissbrauch wurde mit dem
Epidemiologischen Suchtsurvey im angefragten Zeitraum nur im Jahr 2015
erhoben (siehe folgende Tabelle).
Tabelle: Prävalenz des klinisch relevanten Medikamentengebrauchs nach dem
Kurzfragebogen für Medikamentengebrauch (KFM) in den letzten 12 Monaten
nach Geschlecht (Prozent)
Altersgruppen
Gesamt 18-20 21-24 25-29 30-39 40-49 50-59 60-64
Gesamt (n) 9125 1184 1191 1079 1516 1594 1636 925
Klinisch relevanter
Gebrauch1) 5.2 2.1 4.3 4.3 4.8 5.7 6.8 4.3
Männer (n) 4083 567 577 519 617 666 733 404
Klinisch relevanter
Gebrauch1) 4.5 0.1 2.8 3.2 4.0 4.3 6.6 5.5
Frauen (n) 5042 617 614 560 899 928 903 521
Klinisch relevanter
Gebrauch1) 6.0 4.1 5.8 5.6 5.6 7.1 7.1 3.2
1)Klinisch relevanter Gebrauch nach Kurzfragebogen zum Medikamentengebrauch (KFM);
Schwellenwert ≥ 4.
Quelle: ESA 2018
Für dieses Jahr liegen nur Daten zu den Bundesländern Bayern, Hamburg,
Hessen Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Thüringen vor (ohne Differenzierung
nach Geschlecht; siehe folgende Tabelle)
Tabelle: Prävalenz des klinisch relevanten Medikamentengebrauchs nach KFM
in den letzten 12 Monaten nach Altersgruppen (Prozent)
Altersgruppe Bundesland
Bund Bayern Hamburg Hessen NRW Sachsen Thüringen
15-17 - - - - - 3.0 -
18-24 5.5 4.0 5.7 4.2 5.4 3.3 2.7
25-39 6.7 6.6 5.9 9.2 6.8 6.0 6.3
40-59 10.3 5.9 5.1 8.0 12.7 7.5 10.3
60-64 8.9 4.7 9.6 5.8 8.5 6.0 8.9
Anmerkungen: -) Wurde nicht erhoben.
Quelle: ESA 2015; Sonderauswertung für einzelne Bundesländer
5. Wie hoch ist die Prävalenz von Psychopharmakagebrauch kombiniert mit
täglichem Alkoholkonsum (bitte nach Altersgruppe und Geschlecht
auflisten)?
Für Deutschland liegen Daten zur Häufigkeit von Psychopharmakagebrauch
und täglichem Alkoholkonsum aus der bereits erwähnten DEGS1-Studie für die
Altersgruppe der 18 bis 79-Jährigen vor. Die Prävalenz von
Psychopharmakagebrauch kombiniert mit täglichem Alkoholkonsum in der erwachsenen
Bevölkerung betrug 1,34 Prozent im Jahr 2010. Es zeigten sich keine
Geschlechtsunterschiede (Frauen: 1,29 Prozent; Männer: 1,39 Prozent). Im jüngeren und
mittleren Alter ist diese deutlich niedriger mit jeweils 0,23 Prozent und 1,78
Prozent und nimmt mit dem Alter zu. Bei älteren Personen im Alter ab 65 bis
79 Jahren beträgt die Prävalenz 3,04 Prozent. Frauen haben eine höhere
Anwendung von Psychopharmaka, aber einen signifikant niedrigeren
Alkoholkonsum als Männer. Psychopharmakagebrauch und täglicher Alkoholkonsum
nehmen mit dem Alter zu. Psychopharmakagebrauch kombiniert mit täglichem
Alkoholkonsum ist ein beträchtliches Gesundheitsproblem bei älteren Menschen
(Du et al. 2016). Zwei Drittel derjenigen, die täglich Alkohol konsumieren,
trinken auch riskant. Die Prävalenz von Psychopharmakagebrauch kombiniert
mit täglichem riskantem Alkoholkonsum bei Personen im Alter von 60 bis
79 Jahren beträgt 2,1 Prozent (Du et al. 2016).
Psychopharmakagebrauch
kombiniert mit täglichem
Alkoholkonsum
Psychopharmakagebrauch
in den letzten 7 Tage
Täglicher
Alkoholkonsum
% 95 % KI n % 95 % KI n % 95 % KI n
Insgesamt 1,34 [1,06-1,69] 124 12,0 [11,1-13,0] 915 11,1 [10,1-12,1] 881
Geschlecht Männer 1,39 [1,03-1,87] 73 8,3 [7,2-9,6] 310 16,9 [15,3-18,7] 669Frauen 1,29 [0,91-1,81] 51 15,6 [14,2-17,2] 605 5,3 [4,4-6,3] 212
Altersgruppe
18-44 J. 0,23 [0,10-0,54] 7 5,7 [4,7-7,1] 125 4,9 [3,9-6,2] 117
45-64 J. 1,78 [1,29-2,45] 53 13,5 [12,0-15,1] 373 14,8 [13,2-16,5] 412
65-79 J. 3,04 [2,18-4,24] 64 23,3 [20,7-26,1] 417 18,1 [15,7-20,8] 352
Psychopharmaka ist definiert nach Du et al. 2016 mit ATC-codes N00
(Arzneimittel für das Nervensystem), R05DA (Opiate als Antitussiva) und N02BA71
(Aspirin-Koffein-Kombinationspräparate). Ausgeschlossen sind Arzneimitteln
mit ATC-codes N02B (Analgetika und Antipyretika, wie Aspirin und
Paracetamol) und N01B (Lokalanästhetika) und homöopathische Arzneimittel.
Psychopharmaka mit pflanzlichen Wirkstoffen wurden mitberücksichtigt und unter
bestimmten Untergruppen kodiert.
Quelle: DEGS 1
6. Wie hat sich der Konsum psychoaktiver Arzneimittel bei 60- bis 79-
Jährigen seit 2010 verändert (bitte nach Geschlecht und
Medikamentengruppe auflisten)?
Hierzu liegen nur Daten für die Altersgruppe der 60- bis 64-Jährigen auf Basis
des Epidemiologischen Suchtsurveys der Erhebungsjahre 2012, 2015 und 2018
vor (siehe folgende Tabelle). Es ist zu beachten, dass die Stichprobengröße bei
dieser Altersgruppe geringer als in anderen Altersgruppen ist, sodass u. a. die
Schätzungen gerade bei Appetitzügler und Neuroleptika mit Vorsicht zu
interpretieren sind. Bis auf den gestiegenen Schmerzmittelgebrauch bei allen 60- bis
64-Jährigen im Jahr 2012 im Vergleich zum Jahr 2018 ist kein statistisch
auffälliger Trend zu verzeichnen.
Tabelle: Trends der mindestens wöchentlichen Einnahme in den letzten 30
Tagen von Medikamenten der 60-64-jährigen nach Geschlecht und
Medikamentengruppe, 2012-2018 (gewichtete Prozent, ungewichtetes n)
Erhebungsjahr
2012 2015 2018
% n % n % n
Schmerzmittel Gesamt 17.6* 191 19.9 186 20.5 193
Männer 15.0 73 18.5 76 17.0 74
Frauen 20.1 118 21.1 110 23.9 119
Schlaf- und
Beruhigungsmittel
Gesamt 5.1 57 4.6 44 4.6 43
Männer 3.2 15 3.2 13 3.7 16
Frauen 7.0 42 6.0 31 5.6 27
Anregungsmittel Gesamt 0.2 2 0.4 4 0.3 3
Männer 0.2 1 0.8 4 0.5 2
Frauen 0.2 1 0.0 0 0.2 1
Appetitzügler Gesamt 0.1 1 0.1 1 0.1 1
Männer 0.2 1 0.0 0 0.2 1
Frauen 0.0 0 0.2 1 0.0 0
Antidepressiva Gesamt 5.0 55 5.2 50 5.6 54
Männer 4.0 20 4.6 19 3.9 17
Frauen 6.0 35 5.7 31 7.3 37
Neuroleptika Gesamt 1.3 14 0.7 7 0.6 6
Männer 1.2 6 0.7 3 0.4 2
Frauen 1.4 8 0.8 4 0.8 4
* p<.05 für eine Veränderung gegenüber dem Jahr 2018. Logistische Regression zur Vorhersage der
Prävalenzen mit Jahr (Referenz: 2018), Geschlecht, Erhebungsmodus. Bei kleinen Zellbesetzungen
(n ≤ 5) wurde Fisher`s exakter Test verwendet.
Quelle: ESA
7. Wie hat sich der Anteil von Personen, die mehrere Medikamente
gleichzeitig einnahmen (Polypharmazie) seit 2010 entwickelt (bitte nach
Altersgruppe und Geschlecht auflisten)?
Hierzu liegen Daten des Epidemiologischen Suchtsurveys der Erhebungsjahre
2012, 2015 und 2018 vor (siehe folgende Tabelle). Bis auf eine statistisch
auffällige Reduktion der Polypharmazie (Medikamenten aus zwei oder mehr
Medikamentengruppen) von 4,7 Prozent (2015) auf 3,5 Prozent (2018), sind keine
weiteren Trends feststellbar.
Tabelle: Trends der mindestens wöchentlichen Einnahme in den letzten 30
Tagen von Medikamenten aus zwei oder mehr Medikamentengruppen nach Alter
und Geschlecht, 2012 bis 2018 (gewichtete Prozent, ungewichtetes n)
Erhebungsjahr
Polypharmazie2 2012 2015 2018
Geschlecht Alter % n % n % n
Gesamt
18-24 1.4 32 1.7 40 1.9 45
25-39 2.6 59 2.4 64 2.3 65
40-59 5.1 191 4.4 150 3.6 121
60-64 4.2 47 4.4 42 4.6 44
18-64 3.9 329 3.5 296 3.1 275
Männer 18-64 3.2 113 2.3 83 2.7 103
Frauen 18-64 4.6 216 4.7* 213 3.5 172
* p<.05 für eine Veränderung gegenüber dem Jahr 2018. Logistische Regression zur Vorhersage der
Prävalenzen mit Jahr (Referenz: 2018), Geschlecht, Alter, Erhebungsmodus. Bei kleinen
Zellbesetzungen (n ≤ 5) wurde Fisher`s exakter Test verwendet. 1 Mindestens wöchentliche Einnahme von
Medikamenten aus zwei oder mehr Medikamentengruppen (Schmerzmittel, Schlaf- und
Beruhigungsmittel, Anregungsmittel, Appetitzügler, Antidepressiva oder Neuroleptika):
Quelle: ESA
8. Wie hat sich die Prävalenz von potenziell inadäquaten Medikationen
(PIM) bei Männern und Frauen seit 2010 entwickelt (bitte nach
Altersgruppe und Medikamentenklasse auflisten)?
Hierzu wird auf den Drogen- und Suchtbericht 2019 verwiesen. Danach haben
nach Angaben von Schubert et al. im Jahr 2010 insgesamt 22 Prozent der
älteren Menschen (Frauen: 24,8 Prozent, Männer: 18,3 Prozent) mindestens eine
potenziell inadäquate Medikation (PIM) erhalten. In dieser Studie wurde die
höchste PIM-Prävalenz mit 6,5 Prozent bei Antidepressiva beobachtet
(Schubert et al. 2013). Neuere Daten liegen der Bundesregierung nicht vor.
9. Wie hoch ist die Prävalenz von Sturzereignissen bei den 60- bis 79-
jährigen Männern und Frauen?
Wie hoch ist die Prävalenz von Sturzereignissen in dieser Altersgruppe
unter Anwendung von psychoaktiven Arzneimitteln?
Für Deutschland liegen Daten zur Häufigkeit von Stürzen älterer Menschen in
Privathaushalten aus der bereits erwähnten DEGS-Studie für die Altersgruppe
der 65 bis 79-Jährigen vor. Rapp et al. (2014) berichten auf Basis von Daten
aus DEGS1, dass Frauen häufiger stürzen als Männer (25,7 Prozent vs.
16,3 Prozent) und dass die Sturzhäufigkeit mit dem Alter zunimmt. Ein Zehntel
der Befragten zwischen 65 und 80 Jahren ist mehr als einmal im letzten Jahr
gestürzt.
Quelle: DEGS 1
Du et al (2017) zeigen auf Basis der Daten der DEGS-Studie für die
Altersgruppe der 65- bis 79-Jährigen, dass Personen mit Sturzereignissen häufiger
psychotrope Arzneimittel verwenden als Personen, die nicht gestürzt sind
(33.1 Prozent vs. 20.7 Prozent,). In logistischen Regressionsmodellen, die für
Alter und Geschlecht adjustiert wurden, zeigt sich ebenfalls, dass der Gebrauch
von psychotropen Arzneimitteln mit Stürzen assoziiert ist; das Risiko, zu
stürzen, ist bei Personen, die derartige Medikamente verwenden, um 64 Prozent
erhöht gegenüber Personen, die keine psychotropen Arzneimittel verwenden.
Quelle: DEGS 1
10. Wie viel Prozent der bewilligte Entwöhnungsbehandlungen durch die
Deutsche Rentenversicherung 2019 und 2020 fielen auf die Behandlung
von Medikamentenabhängigkeit (bitte nach Behandlungssetting,
Geschlecht und Altersgruppe auflisten)?
11. Wie viele Patienten wurden seit 2017 jährlich mit Medizinalcannabis
behandelt (bitte nach Alter, Geschlecht und Symptom auflisten)?
Der Bundesregierung liegen die auf der Basis von § 84 Absatz 5 des Fünften
Buches Sozialgesetzbuch (SGB V) erhobenen Verordnungsdaten vor. Diese
Daten sind nicht versichertenbezogen.
12. In welcher Form wurde Medizinalcannabis wie häufig verordnet?
Die Angaben zu Verordnungen cannabinoidhaltiger Fertigarzneimittel und
Zubereitungen mit Berichtsstand bis zum dritten Quartal 2020 können auf der
Internet-Seite des GKV-Spitzenverbandes
https://www.gkv-gamsi.de/media/do
kumente/quartalsberichte/2020/q3_23/Bundesbericht_GAmSi_202009_konsoli
diert_Sonderbeilage_Cannabis.pdf eingesehen werden.
13. Welche Erkenntnisse konnten aus dem vom Bundesministerium für
Gesundheit geförderten Projekt „Datenquellen und Erhebungsinstrumente“
zum nichtbestimmungsgemäßen Gebrauch psychotroper Medikamente
gewonnen werden?
Im Rahmen des Projektes wurde zusammengetragen, welche Datenerhebungen
zum Thema „Medikamentenmissbrauch und –abhängigkeit“ durchgeführt und
welche Erhebungsinstrumente dabei eingesetzt werden. Dabei sollte
insbesondere auch die Eignung der verwendeten Erhebungsinstrumente beurteilt und
bestehender Optimierungsbedarf dargestellt werden. Das Projekt diente der
Vorbereitung eines Workshops mit Expertinnen und Experten am 2. Dezember
2020. Von den Teilnehmenden wurde die Bildung einer Expertengruppe
erbeten, die
• sinnvolle Indikatoren für ein Monitoring des Medikamentenkonsums
festlegt, die in ein integriertes Monitoring einbezogen werden sollten,
• unter Beachtung vorhandener Datenquellen aufzeigt, welche Datenlücken
bestehen,
• sinnvolle Fragestellungen formuliert, die im Rahmen weiterer Studien
geklärt werden können.
Dabei sind bereits bestehende Monitoringsysteme, wie z. B. der
Epidemiologische Suchtsurvey, zu berücksichtigen. Die Expertengruppe soll im Laufe des
Jahres 2021 ihre Arbeit aufnehmen.
14. Welche Präventions- und Suchthilfeprojekte im Bereich der
Medikamentenbezogene Störungen hat die Bundesregierung jeweils in den Jahren
2019 und 2020 finanziell gefördert?
a) In welcher Höhe wurden diese Projekte gefördert?
b) Welche Zielvorgaben gab es jeweils für die Gewährung der
Fördermittel?
c) Wie wurde überprüft, ob diese Zielvorgaben eingehalten bzw.
erreicht wurden?
d) Welche dieser Projekte wurden wann wie und mit welchem Ergebnis
evaluiert?
e) Sind weitere Evaluationen der Projekte geplant, wenn ja, wann, und
für welche Projekte?
Die Fragen 14 bis 14e werden gemeinsam beantwortet.
Es wird auf die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der
Fraktion der FDP auf Bundestagsdrucksache 19/24523 verwiesen. Aus der dortigen
Antwort zu den Fragen 5 und 6 können die erbetenen Informationen
entnommen werden. Darüber hinaus fördert das Bundesministerium für Gesundheit
derzeit ein Projekt zur Entwicklung, Dissemination und Evaluation von
Gesundheitsinformationen zur Reduktion von Missbrauch und Abhängigkeit von
Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Projektnehmer ist das Universitätsklinikum
Hamburg-Eppendorf. Das Fördersumme beläuft sich auf insgesamt
204 160 Euro (2019: 15 534 Euro; 2020: 108 180 Euro; 2021: 80 446 Euro).
15. Welche messbaren Ziele hat sich die Bundesregierung im Bereich
Prävention und Suchthilfe im Bereich Medikamentenbezogene Störungen
für die Zukunft gesetzt?
Ziel der Drogen- und Suchtpolitik ist die Reduzierung des Konsums legaler und
illegaler Suchtmittel sowie die Vermeidung der drogen- und suchtbedingten
Probleme in der Gesellschaft. Die legalen Suchtmittel Alkohol, Tabak und
psychotrope Medikamente finden aufgrund der weiten Verbreitung eine besondere
Beachtung bei der Weiterentwicklung der Suchtprävention und der
Hilfesysteme. In der Nationalen Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik, die die
übergreifende nationale Ausrichtung der Drogen- und Suchtpolitik in Deutschland
beschreibt, sind für den Bereich Medikamente folgende Ziele vorgesehen:
• Verbesserung der Datenlage zur Leistungssteigerung durch Medikamente
und Entwicklung zielgruppenspezifischer Präventionsmaßnahmen gegen
Medikamentenmissbrauch.
• Verbesserung der Information über Arzneimittelabhängigkeit durch
Apotheker und Apothekerinnen.
• Verbesserung der bestimmungsgemäßen Verschreibung von psychotropen
Medikamenten durch Ärzte und Ärztinnen.
• Stärkung der Früherkennung und Frühintervention zur Reduzierung der
Arzneimittelabhängigkeit insbesondere bei älteren Menschen.
16. Warum wurden die Daten zu medikamentenbezogenen Störungen im
aktuellen Jahresbericht der Drogenbeauftragten nicht veröffentlicht, und
auf welche Art sollen diese zukünftig der Fachöffentlichkeit präsentiert
werden?
Es wird auf die Vorbemerkung der Bundesregierung verwiesen.
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ISSN 0722-8333]