[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Detlev Spangenberg, Dr. Robby
Schlund, Jörg Schneider, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD
– Drucksache 19/27363 –
Psychische Langzeitfolgen von Corona-Infektionen
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Im September vergangenen Jahres hat die WHO eine Liste der Organe
veröffentlicht, die nach einer Infektion mit dem Erreger SARS-CoV-2 von
Langzeitschäden betroffen sein können und gibt als Symptome möglicher
Langzeitschäden u. a. Depressionen sowie Beeinträchtigungen des Gedächtnisses und
der Konzentration an (
https://www.who.int/docs/default-source/coronaviruse/
risk-comms-updates/update-36-long-term-symptoms.pdf?sfvrsn=5d3789
a6_2).
Bisher liegen allerdings nur sehr wenige Studien vor, die Aufschluss über die
psychische Genesung nach einer COVID-19-Erkrankung geben. Eine Studie
mit etwa 1 700 der ersten COVID-19-Patienten aus Wuhan zeigt, dass ein
halbes Jahr nach der Erkrankung drei Viertel von ihnen noch unter Symptomen
wie Müdigkeit, Schlafstörungen und Depressionen gelitten habe (
https://www.
spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-langzeitfolgen-genesen-und-noc
h-sechs-monate-spaeter-symptome-a-d8f39ae0-ba9b-4831-9efe-e02de6e2
e4e0). Sie alle waren wegen eines schweren Verlaufs von COVID-19 im
Krankenhaus behandelt worden. Die Teilnehmenden waren im Mittel 57 Jahre alt
(ebd.). 23 Prozent der Genesenen litten ein halbes Jahr nach der Erkrankung
an Depressionen oder Angststörungen (ebd.).
Der Direktor der Klinik für Innere Medizin IV am Universitätsklinikum Jena
(UJK) berichtet, dass es auffallend sei, dass sich Patienten besonders nach der
stationären Entlassung nicht wieder so gesund fühlen wie vor der COVID-19-
Erkrankung (
https://www.oekotest.de/gesundheit-medikamente/Langzeitfolge
n-durch-Corona-Infektion-Genesen-aber-noch-nicht-gesund_11552_1.html).
Depressionen, Angst- und posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS)
kämen insbesondere bei intensivmedizinisch behandelten Patienten vor.
Das Ärzteblatt schreibt, dass die emotionale Belastung durch die Erkrankung,
das mögliche Bestehenbleiben von Beschwerden und Ungewissheit in Bezug
auf den weiteren Verlauf eigene Ursachen für depressive Verstimmungen,
Angst oder eine Posttraumatische Belastungsstörung sein könnten (https://
www.aerzteblatt.de/archiv/217002/Long-COVID-Der-lange-Schatten-von-
COVID-19).
Deutscher Bundestag Drucksache 19/27768
19. Wahlperiode 23.03.2021
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Gesundheit vom 19. März 2021
übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Einer Studie zufolge, die im britischen Fachmagazin „The Lancet Psychiatry“
veröffentlicht wurde, hat knapp ein Drittel der untersuchten Patienten
psychische Auffälligkeiten wie Psychosen, demenzähnliche oder depressive
Störungen (
https://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366(20)302
87-X/fulltext). Ob es sich bei den beobachteten Auffälligkeiten um
Dauerschäden handelt oder ob sie wieder ausheilen, sei noch unklar.
1. Hat die Bundesregierung Kenntnis darüber, ob sich die COVID-19-
Erkrankung negativ auf die psychische Gesundheit auswirkt?
a) Wenn ja, welche konkreten psychischen Folgeerkrankungen von
kurzfristiger wie auch von langfristiger Dauer sind der Bundesregierung in
welchem Umfang bekannt?
b) Wie werden die Betroffenen nach Kenntnis der Bundesregierung
behandelt?
c) Reichen die Behandlungsmöglichkeiten für Betroffene mit
psychischen COVID-19-Spätfolgen nach Kenntnis der Bundesregierung aus?
d) Plant die Bundesregierung, die Kapazitäten für die Behandlung
psychischer Erkrankungen weiter auszubauen?
e) Wie viele der Betroffenen waren nach Kenntnis der Bundesregierung
aufgrund einer COVID-19-Erkrankung in stationärer,
intensivmedizinischer Behandlung, und wie viele davon wurden beatmet?
Die Fragen 1 bis 1e werden gemeinsam beantwortet.
COVID-19 ist Ende 2019/Anfang 2020 als globale pandemische
Infektionskrankheit aufgetreten. Trotz der erheblichen Ressourcen, die weltweit
kurzfristig in die Erforschung der Krankheit geflossen sind, ist längst nicht alles über
sie bekannt. Man befindet sich vielmehr noch im Frühstadium des
Verständnisses der Krankheit und ihrer kurz-, mittel- und längerfristigen Folgen. Nahezu
täglich wird diesbezüglich neue Evidenz generiert. Viele Artikel befinden sich
zurzeit als noch nicht begutachtete Versionen, auf sogenannten Preprint-
Servern und sind online einsehbar, um der Wissenschaftsgemeinschaft die
Ergebnisse zeitnah zur Verfügung zu stellen. Die daraus resultierende Vorläufigkeit
gilt es bei der Bewertung vorliegender Daten zu beachten, und es sollten keine
verfrühten Schlussfolgerungen gezogen werden. Dies trifft insbesondere auf
mögliche Langzeitfolgen einer COVID-19-Infektion zu, da hierfür der
Beobachtungszeitraum noch zu kurz ist. Aktuell können nur Erkenntnisse
hinsichtlich kurz- und mittelfristiger Zusammenhänge mit der psychischen
Gesundheit bewertet und berichtet werden und es besteht weiterer
Forschungsbedarf für die Entwicklungen in Deutschland.
COVID-19-Krankheitsverläufe weisen eine große Heterogenität auf. Diese
reicht von leichten bis zu schweren Verläufen, wie beispielsweise Verläufe mit
ausbleibender Symptomatik bis zu akuten respiratorischen Problemen mit
erforderlicher intensivmedizinischer Behandlung.
Bezüglich der Folgen einer COVID-19-Infektion mehren sich Hinweise darauf,
dass einige Patientinnen und Patienten nach Abklingen der Akutsymptomatik
weiterhin unter anhaltenden Symptomen wie geringer körperlicher und
kognitiver Belastbarkeit, anhaltenden Schmerzen und chronischer Erschöpfung sowie
psychischen Problemen leiden, darunter auch jüngere Patientinnen und
Patienten mit vermeintlich milderen Verläufen. Zurzeit können noch keine
zuverlässigen Aussagen über bevölkerungsbezogene Häufigkeiten gemacht werden.
Kinder entwickeln seltener akute Symptome nach einer SARS-CoV-2-Infektion
als Erwachsene, und wenn sie diese entwickeln, sind sie in der Regel milder –
Todesfälle sind bislang sehr selten. Wenn längerfristige Folgen berichtet
werden, dann ähneln sie jedoch denen der Erwachsenen. Eine Fallserie aus
Schweden beschreibt Fatigue, Dyspnoe, Herzstolpern, Brustschmerz, Kopfschmerzen,
Konzentrationsprobleme, Muskelschwäche, Schwindel und Halsschmerzen.
Mädchen scheinen eher betroffen zu sein als Jungen.
Wenn Menschen während oder nach einer COVID19-Erkrankung unter
behandlungsbedürftigen psychischen Beschwerden oder Erkrankungen leiden,
dann erfolgt – neben der Behandlung der Grunderkrankung – die Behandlung
orientiert am individuellen Krankheitsbild und Behandlungsbedarf in Form
vielfältiger Angebote der ambulanten oder ggf. auch stationären
psychiatrischpsychotherapeutischen Versorgung. Erste Anlaufstellen können Hausärztinnen
und -ärzte, Psychotherapeutinnen und -therapeuten, entsprechend qualifizierte
Fachärztinnen und -ärzte, Institutsambulanzen von Kliniken und psychosoziale
Beratungsstellen wie die kommunalen Sozialpsychiatrischen Dienste sein. Für
die Versorgung gesetzlich Versicherter, die psychotherapeutische oder
psychiatrische Unterstützung benötigen, wurden seit Beginn der Corona-Pandemie
zahlreiche Sonderregelungen eingeführt, die Patientinnen und Patienten die
Inanspruchnahme dieser Leistungen erleichtern und die Vertragsärzte und -
psychotherapeuten in der Coronakrise entlasten sollen. Beispielsweise wurden die
Möglichkeiten erweitert, psychotherapeutische Behandlungen, aber auch
sonstige ambulante psychiatrische Dienste, in Form von Telefon- oder
Videosprechstunden durchzuführen. Mit diesen Maßnahmen wird auch in Zeiten der
Coronavirus-Pandemie ein flächendeckendes psychiatrisch-
psychotherapeutisches Hilfesystem sichergestellt.
Bevölkerungsbezogene Angaben über die Häufigkeit oder die konkrete
Behandlung von Personen mit psychischen Störungen als Spätfolge einer
COVID-19 Infektion liegen der Bundesregierung nicht vor. Somit ist es auch
nicht möglich, eine Aussage zur Deckung diesbezüglicher Behandlungsbedarfe
durch das psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgungssystem zu treffen.
Generell geht die Bundesregierung davon aus, dass die psychiatrische und
psychotherapeutische Versorgung auch während der Pandemie sichergestellt ist.
Dies gilt auch vor dem Hintergrund, dass seit Pandemiebeginn ein verstärkter
Aufbau von digitalen Gesundheitsangeboten für die psychische Gesundheit
(E-Mental-Health) und anderen Onlineangeboten als Ergänzung zu klassischen
ambulanten und stationären Behandlungsmöglichkeiten erfolgt. Diese reichen
von niedrigschwelligen Beratungs- bis hin zu therapeutischen
Behandlungsangeboten, vgl. zum Beispiel die Zusammenstellung der Deutschen Gesellschaft
für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V.
(
https://www.dgppn.de/schwerpunkte/e-mental-health/corona.html) oder
spezielle Angebote für Kinder und Jugendliche der Deutschen Gesellschaft für
Psychologie (
https://psychologische-coronahilfe.de/hilfen-fuer-kinder-und-jugendli
che/).
Für den stationären Bereich wird darauf hingewiesen, dass es Aufgabe der
Länder ist, im Rahmen ihres Auftrags für die Sicherstellung der stationären
Versorgung zu beurteilen, ob die Behandlungskapazitäten ausreichen oder ob
zusätzliche Behandlungskapazitäten geschaffen werden müssen. Für den Bereich der
ambulanten psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung gilt, dass
der Auftrag zur Sicherstellung dieser Versorgung bei den Kassenärztlichen
Vereinigungen liegt.
Zur Anzahl der Betroffenen im Sinne der Fragestellung, die aufgrund einer
COVID-19-Erkrankung in stationärer, intensivmedizinischer Behandlung
waren, und dazu, wie viele dieser Patientinnen und Patienten beatmet wurden,
liegen der Bundesregierung keine Erkenntnisse vor.
2. Wurden nach Kenntnis der Bundesregierung bzw. durch die
Bundesregierung bisher Studien in Auftrag gegeben, um psychische Langzeitfolgen
nach einer Corona-Infektion zu erforschen?
a) Wenn ja, welche Institutionen wurden ggf. nach Kenntnis der
Bundesregierung mit derartigen Studien beauftragt?
b) Wurden dabei nach Kenntnis der Bundesregierung Vorgaben zu den
Teilnehmern und dem Zeitrahmen für die Studie gemacht?
c) Welche Ergebnisse liegen der Bundesregierung bereits aus
entsprechenden Studien vor (bitte beauftragte Institutionen, Anzahl der
Studienteilnehmer und die Schwere dessen vorausgegangenen COVID-
Erkrankung sowie Dauer der Studien angeben)?
Die Fragen 2 bis 2c werden gemeinsam beantwortet.
Das Robert Koch-Institut (RKI) führt derzeitig im Auftrag des
Bundesministeriums für Gesundheit und in Kooperation mit anderen Forschungsinstituten
verschiedene Studien durch, bei denen unter anderem auch die psychische
Gesundheit und die Entwicklung der psychischen Gesundheit im kurz- und
mittelfristigen Verlauf der Pandemie berücksichtigt werden. Diese beziehen sich zu
großen Teilen auf die Allgemeinbevölkerung, aber auch auf Personen mit
COVID-19. Zu letzteren gehört das Corona-Monitoring Lokal (repräsentative
Stichproben aus der in Deutschland lebenden Erwachsenenbevölkerung an vier
Standorten bzw. sogenannten Hotspots von Mai bis Dezember 2020) und das
Corona-Monitoring bundesweit (Befragung von Personen aus dem
bundesweiten Haushalts-Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW
Berlin im Zeitraum September 2020 bis März 2021). Für die Studie Corona-
Monitoring Lokal ist eine Nachbefragung geplant. Die Auswertungen können
unter anderem Hinweise auf Fragen zu psychischen Belastungen/Sorgen,
Symptomen von Angst und Depression sowie zur Häufigkeit von Diagnosen
einer depressiven Störung liefern. Langfristige Folgen können jedoch zum
aktuellen Zeitpunkt noch nicht abgeschätzt werden und erfordern die Bewertung der
psychischen Gesundheit z. B. auch über den Zeitraum der akuten Pandemie
hinaus.
Informationen zur Studie Corona Monitoring bundesweit:
•
https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/lid/lid_nod
e.html
Informationen zur Studie Corona Monitoring lokal:
•
https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/cml-studie/
cml-studie_node.html
•
https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/JoHM/2020/JoHM_
Inhalt_20_S05.html
Im Rahmen des seitens des Bundesministeriums für Bildung und Forschung
(BMBF) vom 1. April 2020 bis 31. Dezember 2021 geförderten Netzwerks der
Universitätsmedizin werden systematisch klinische Daten und Bioproben von
COVID-19-Patientinnen -Patienten bzw. Genesenen erhoben und
zusammengeführt, um u. a. Erkenntnisse über Folgeschäden von COVID-19 und deren
Ursachen zu erlangen. Darin eingeschlossen sind auch Erhebungen zu
psychischen Belastungen und Störungen. In dem Netzwerk sind alle
Universitätskliniken Deutschlands beteiligt.
Es wurden gemäß wissenschaftlicher Standards lokal repräsentative
Stichproben der Erwachsenenbevölkerung gezogen (Corona-Monitoring lokal) sowie
verschiedene Bevölkerungsgruppen abdeckende Teilnehmende aus dem
Deutschen Haushaltspanel rekrutiert (Corona Monitoring bundesweit).
Die Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmer werden anhand der durch
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler festgelegten Ein- und
Ausschlusskriterien ausgewählt. Die Ein- und Ausschlusskriterien sind so gewählt, dass die
Studienpopulation einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung zur
Beantwortung der Forschungsfragen darstellt.
Für die Studie Corona-Monitoring bundesweit liegen Daten noch nicht vor.
Erste Auswertungen der Studie Corona-Monitoring lokal, in der repräsentative
Stichproben aus der in Deutschland lebenden Erwachsenenbevölkerung an vier
Standorten (Hotspots) gezogen wurden, zeigen keine statistisch bedeutsamen
Unterschiede in depressiven Symptomen oder Angstsymptomen zwischen
Personen mit vs. ohne COVID-19 (positiver PCR-Test und/oder positiver
Antikörpertest). Auch unter Berücksichtigung der Zeit, die seit der COVID-19-
Diagnose vergangen ist, zeigten sich keine Unterschiede hinsichtlich der
Symptome einer depressiven Symptomatik oder Angststörung bei betroffenen
Personen. Basierend auf diesen Erkenntnissen kann zum jetzigen Zeitpunkt kein
kurz- oder mittelfristiger Zusammenhang zwischen einer SARS-CoV-2-
Infektion und depressiven Symptomen oder Angstsymptomen für die erwachsene
Allgemeinbevölkerung hergestellt werden.
Aus dem o. g. vom BMBF geförderten Netzwerk liegen der Bundesregierung
noch keine Ergebnisse vor.
3. Liegen der Bundesregierung bisher eindeutige Erkenntnisse darüber vor,
ob psychische Langzeitfolgen nach einer Corona-Infektion auf das Virus
selbst oder auf die Art der Behandlung und der damit
zusammenhängenden Umstände zurückzuführen sind?
a) Wenn ja, welche?
b) Wenn nein, unternimmt oder plant die Bundesregierung Maßnahmen,
um die tatsächliche Ursache für psychische Langzeitfolgen nach einer
Corona-Infektion aufzuklären, und wenn ja, welche?
Die Fragen 3 bis 3b werden gemeinsam beantwortet.
Beim gegenwärtigen Stand der Forschung ist es noch nicht möglich, die
Langzeitfolgen von COVID-19 klar einzugrenzen. Nach bisherigen Erkenntnissen
handelt es sich zudem nicht um ein einheitliches Phänomen, sondern um recht
unterschiedliche Symptome, Krankheitsbilder und Krankheitsverläufe, die
derzeit noch nicht auf eine Ursache zurückgeführt werden können.
Erste Fallstudien zeigen, dass es auch bei leichten Verläufen z. T. über das
Stadium der akuten Infektion hinaus, zu Müdigkeitserscheinungen,
Gedächtnisproblemen oder Wortfindungsstörungen kommen kann. So hat zum Beispiel
eine Studie aus England im Zuge der Forschung über Folgen von COVID-19-
Infektionen die Daten von 384 stationär behandelten Patientinnen und Patienten
mit einem Durchschnittsalter von knapp 60 Jahren ausgewertet. Acht Wochen
nach ihrer Entlassung litten 69 Prozent unter dem Ermüdungssyndrom
(Fatigue), 53 Prozent unter Atemnot, 34 Prozent an Husten und 14,6 Prozent wies
Symptome einer Depression auf. Die Häufigkeit depressiver Symptome ist in
dieser Gruppe im Vergleich zur Normalbevölkerung leicht erhöht (im European
Health Survey 2014 bis 2017 zeigten in Deutschland 6,7 Prozent bei Personen
ab 65 Jahren). Es lässt sich jedoch nicht sagen, ob die tatsächliche COVID-19-
Infektion oder die gesamten Umstände der Erkrankung und deren Behandlung
eine solche erhöhte depressive Symptomatik verursacht.
Gegenwärtig gibt es noch keine eindeutigen Erkenntnisse darüber, ob und wenn
ja welche psychischen Langzeitfolgen nach einer Corona-Infektion auf das
Virus selbst oder auf die Art der Behandlung und der damit zusammenhängenden
Umstände zurückzuführen sind. Hierfür werden weitere Studienergebnisse
benötigt, die gezielt zwischen verschiedenen mit der COVID-19-Infektion
assoziierten Faktoren (wie z. B. stationäre Quarantäne oder häusliche Isolation,
erlebtes Maß an sozialer Unterstützung, Kenntnisse über die Infektion)
unterscheiden. Es ist auch zu erwarten, dass an COVID-19 Erkrankte unterschiedlich
resilient sind und mögliche Langzeitfolgen vor diesem Hintergrund variieren. Vor
dem Hintergrund der komplexen und vielfältigen Wirkzusammenhänge wird es
auch nicht eine einzelne Studie geben, die eine „tatsächliche“ Ursache
identifizieren kann. Der Wissensstand entwickelt sich sehr dynamisch weiter und wird
erst nach und nach die komplexen Zusammenhänge erklären können.
Aus diesem Grunde arbeitet das RKI mit verschiedenen wissenschaftlichen
Netzwerken zusammen, um die Ergebnisse der Forschung hinsichtlich der
psychischen Langzeitfolgen von COVID-19 in die eigenen Fachaufgaben zu
integrieren. Die internationale und nationale Forschung zu COVID-19 wird vom
RKI durch eigene Forschungsarbeiten ergänzt. Hierbei wird einerseits auf
bestehende Studien aufgebaut, andererseits werden aber auch neue
Studienformate entwickelt, um ergänzende Ergebnisse zu erzielen.
Die erzielten Forschungsergebnisse des RKI werden zeitnah publiziert. Hierfür
wurde unter anderem eine eigene Veröffentlichungsreihe zu COVID-19 im
„Journal of Health Monitoring“ etabliert, um die Fachöffentlichkeit zeitnah
über neue Erkenntnisse zu informieren.
4. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse darüber vor, ob der Lockdown
mit entsprechenden Maßnahmen, die das Leben der Bürger einschränken,
möglicherweise Auslöser von psychischen Problemen wie Depressionen,
Ängsten und posttraumatischen Belastungsstörungen sein könnte?
a) Wenn ja, welche?
b) Wenn nein, unternimmt oder plant die Bundesregierung Maßnahmen,
um einen möglichen Zusammenhang zwischen Lockdown und
psychischen Erkrankungen zu erforschen, und wenn ja, welche sind dies?
Die Fragen 4 bis 4b werden gemeinsam beantwortet.
Der Forschungsstand zur psychischen Gesundheit der Bevölkerung in
Deutschland während der COVID-19-Pandemie erlaubt aktuell vorrangig
Abschätzungen zur Entwicklung von psychischer Belastung und von (Einzel-)Symptomen
psychischer Störungen wie z. B. Sorgen, Ängsten, Niedergeschlagenheit, nicht
aber zur Entwicklung psychischer Störungen (i. S. von Vollbildern
behandlungsbedürftiger psychischer Störungen gemäß klassifikatorischer Diagnostik
nach ICD-10 oder DMS-V) wie Depressionen, Angststörungen oder
posttraumatischen Belastungsstörungen. Die bisher veröffentlichte Ergebnisse stellen
zudem zeitliche Verläufe der untersuchten Aspekte während verschiedener
Phasen der Pandemie dar, weisen aber keine kausalen Effekte i. S. von Auslösern
psychischer Probleme nach. Zudem kann nicht zwischen den Effekten einzelner
Maßnahmen des Infektionsschutzes und den Effekten der gesundheitlichen
Lage an sich (Entwicklung der Fall- und Todeszahlen, der Belastung der
Intensivstationen) auf die psychische Gesundheit unterschieden werden.
Eine aktuelle, noch unveröffentlichte Literaturrecherche des RKI unter
Einbezug von Veröffentlichungen mit Publikation bis zum 22. Februar 2021 zeigt,
dass der aktuelle Erkenntnisstand zur psychischen Gesundheit in Deutschland
während der COVID-19-Pandemie gekennzeichnet ist durch a) eine
vergleichsweise geringe Anzahl an methodisch hochwertigen Studien, die sich für
belastbare Schätzungen von Entwicklungen in der Allgemeinbevölkerung eignen,
sowie b) eine fast ausnahmslose Beschränkung des Beobachtungszeitraumes auf
die erste Infektionswelle im ersten Halbjahr 2020. Während zwar aktuell
weitere Datenerhebungen laufen bzw. schon abgeschlossen sind, stehen deren
Ergebnisse momentan noch nicht zur Verfügung.
Zusammenfassend zeigt die Studienlage für die erwachsene Bevölkerung keine
eindeutige Evidenz einer wesentlichen Verschlechterung der psychischen
Gesundheit. Dabei divergieren die Ergebnisse stark in Abhängigkeit von der
methodischen Qualität der Studien. Kritisch bewertet werden müssen insbesondere
die Ergebnisse auf Basis von rasch initiierten Online-Befragungen von
selbstselektierenden Stichproben (Convenience-Samples spontan befragungsbereiter
und interessierter Teilnehmender, häufig rekrutiert über Social-Media, Internet
und Presse). Diese meist breit publizierten Befunde zeigen zwar eine starke
Zunahme psychopathologischer Symptome und psychischer Störungen im Zuge
der ersten Infektionswelle in Deutschland, müssen vor dem Hintergrund von
nicht abschätzbaren, aber wahrscheinlichen erheblichen Verzerrungen der
Stichprobe (mangelnder Repräsentativität für die Allgemeinbevölkerung)
aufgrund des gewählten Studiendesigns mit großer Vorsicht interpretiert werden.
Die Ergebnisse stehen im Widerspruch zu repräsentativ angelegten Umfragen
mit Zufallsstichproben, in denen im Bevölkerungsmittel Lebenszufriedenheit
und depressive Symptome sowohl im Vergleich zu früheren Zeitpunkten als
auch im Verlauf der ersten Infektionswelle relativ stabil bleiben. Lediglich zum
Zeitpunkt des Ausbruchs der Pandemie deuten Studien auf eine
durchschnittliche Erhöhung von Ängstlichkeit und Depressivität der Bevölkerung im
Querschnitt hin sowie auch auf Veränderungen des Einzelindividuums gegenüber
Zeitpunkten vor der Pandemie bei längsschnittlicher Betrachtung. Im
Querschnitt war die berichtete Ängstlichkeit schon im April 2020 wieder rückläufig,
während Niedergeschlagenheit bis Februar 2021 leicht erhöht blieb.
Längsschnittstudien auf Basis selbst-selektierender Stichproben geben Hinweise auf
Risikogruppen mit einer sich verschlechternder psychischen Gesundheit im
Zeitverlauf, während zugleich der Großteil der Befragten stabile oder positive
Entwicklungen zeigte. Ähnliche divergierende und sich möglicherweise im
Bevölkerungsmittel gegenseitig aufhebende Trends werden auch für verschiedene
soziale Gruppen beschrieben.
5. Lässt die Bundesregierung untersuchen, ob die Art der COVID-19-
Berichterstattung möglicherweise Auswirkungen auf die allgemeine
psychische Gesundheit hat?
a) Wenn ja, welche Untersuchungen wurden in Auftrag gegeben, und
welche Ergebnisse liegen der Bundesregierung diesbezüglich bereits
vor?
b) Wenn nein, warum nicht?
Die Fragen 5 bis 5b werden gemeinsam beantwortet.
Studien, die Auswirkungen der Presseberichterstattung zu COVID-19 auf die
psychische Gesundheit der Bevölkerung untersuchen, sind der
Bundesregierung nicht bekannt. Die Bundesregierung plant keine diesbezüglichen Studien.
6. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse darüber vor, inwieweit sich der
gesundheitliche Zustand bei Menschen verändert hat, die bereits vor der
Corona-Pandemie und den damit zusammenhängenden Lockdown-
Maßnahmen psychisch erkrankt waren?
a) Wenn ja, welche?
b) Wenn nein, erwägt die Bundesregierung, diesbezüglich Studien in
Auftrag zu geben?
Die Fragen 6 bis 6b werden gemeinsam beantwortet.
Für Menschen, bei denen zu Beginn des Ausbruchsgeschehens bereits eine
akute psychische Störung vorlag, weist eine internationale Übersichtsarbeit sowohl
auf einige positive als auch erhebliche negative Entwicklungen im Zuge der
COVID-19-Pandemie hin. Für Deutschland konnten bisher nur
Veröffentlichungen von wenigen Studien identifiziert werden, welche zu
widersprüchlichen Ergebnissen kommen, beispielsweise zeigte sich eine sehr starke
Belastung für Personen mit einer vorhandenen Angststörung, während Personen mit
einer psychotischen Störung kaum belastet waren.
Hinsichtlich der in vielen Medienberichten thematisierten möglichen
Steigerungen der Suizidraten muss festgestellt werden, dass bisher erst eine regionale
Auswertung der amtlichen Todesursachenstatistik zu den Suizidraten vor und
während der Pandemie für die Stadt Leipzig vorliegt. Dort fanden sich weder
Unterschiede zwischen verschiedenen Phasen der Pandemie (leichte vs. starke
Restriktionen) noch zu vorpandemischen Entwicklungen der Vorjahre. Für
Gesamtdeutschland wurden noch keine Ergebnisse veröffentlicht.
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ISSN 0722-8333]