[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Jan Korte, Christine Buchholz,
Dr. Diether Dehm, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE.
– Drucksache 19/29305 –
Umfragen zu Vorbildern, Traditionen und Selbstverständnis innerhalb der
Bundeswehr
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Der Webseite des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) ist zu
entnehmen, dass bei der Auftaktveranstaltung der „Gespräche am Ehrenmal“ am
7. April 2021 u. a. Prof. Sönke Neitzel zu den Fragen „Was ist das
Selbstverständnis der Bundeswehr? Und was bedeutet das für die Traditionspflege und
die Bedürfnisse der Soldaten?“ ein Impulsreferat hielt. Im Gespräch mit
Oberst i. G. Dr. Sven Lange (BMVg) berichtete Professor Neitzel dabei
Folgendes aus seiner Forschungsarbeit:
„In meinen Gesprächen war relativ klar, der Infanterist will Vorbilder im
Kampf, Bewährung im Extrem. Es gibt einen Bedarf nach Mythen. Jetzt
können wir die Frage stellen: Ist das möglich, das aus der Geschichte der
Bundeswehr zu ziehen? Ja, zum Teil, aber aus meiner Erfahrung eben nur zum Teil.
Und viele Truppengattungen, Panzertruppe und so, sagen letztlich, ich würde
mal sagen, bis zum Dienstgrad Brigadegeneral, das reicht alleine nicht aus. Ich
habe nun keinen getroffen, der allein die Wehrmacht haben will. Aber es gibt
Umfragen, schön unter Verschluss in Strausberg, im Heer, die ganz klar sagen,
Wehrmacht ist ein Teil unserer Tradition. Und die Umfragen waren relativ
eindeutig. Sie sind natürlich nicht veröffentlicht. Man kann sich vorstellen
warum.“ (ab Minute 44:11 auf
https://www.bmvg.de/de/mediathek/gespraeche-a
m-ehrenmal-veranstaltung-zum-nachhoeren-5051420 nachhörbar).
V o r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Die Traditionspflege in der Bundeswehr verfolgt unter anderem das Ziel, die
Identifikation mit der eigenen Teilstreitkraft, dem Organisationsbereich, der
Truppengattung oder dem Dienstbereich zu stärken. Sie setzt staatsbürgerliches
Bewusstsein voraus und fordert zur persönlichen Auseinandersetzung auf.
Diesem selbstreflektierenden Verständnis folgt auch die genannte
Veranstaltungsreihe „Gespräche am Ehrenmal“ des Bundesministeriums der Verteidigung. Die
Erarbeitung der aktuellen Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur
Traditionspflege in der Bundeswehr („Traditionserlass“ von 2018) erfolgte
entsprechend in einem breiten, inklusiven und offenen Beteiligungs- und Kommunika-
Deutscher Bundestag Drucksache 19/29978
19. Wahlperiode 21.05.2021
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums der Verteidigung vom 20. Mai
2021 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
tionsprozess innerhalb wie außerhalb der Bundeswehr. Insbesondere die
Teilstreitkräfte und Organisationsbereiche der Bundeswehr waren in diesen Prozess
eng eingebunden. Die Teilstreitkräfte haben jedoch keine empirischen oder
repräsentativen Umfragen speziell zum Traditionsverständnis beauftragt,
durchgeführt oder gebilligt.
1. Kann die Bundesregierung die Existenz der von Prof. Sönke Neitzel
erwähnten Umfragen im Heer bestätigen, und wenn ja, um welche
Umfragen handelt es dabei genau (bitte nach Titel, Datum, Seitenzahl und
Urheber aufführen)?
Teil des breiten Beteiligungsprozesses zur Erarbeitung der aktuellen Richtlinien
zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr
(„Traditionserlass“) war das Programm „Tradition und Identifikation im Heer“.
Unter Einbindung von Soldatinnen und Soldaten aller Dienstgradgruppen und
Führungsebenen wurden das Traditionsverständnis in den Teileinheiten,
Einheiten und Verbänden des Heeres und seiner Truppengattungen identifiziert,
Grundlagen der Identifikation mit der Teilstreitkraft definiert und eine
reflektierende Diskussion über die Tradition im Heer angestoßen. Dazu sind aus
mehreren Bereichen des Heeres Meinungen und Sichtweisen umfassend, jedoch
unsystematisch und nicht-repräsentativ zusammengetragen worden. Die
Auftaktveranstaltung des Programms am 17. Oktober 2017 und der gesamte spätere
Beteiligungsprozess sowie ein abschließendes Symposium am 12. Juni 2018
wurden durch Prof. Dr. Sönke Neitzel (Universität Potsdam), dem vormaligen
Abgeordneten des Deutschen Bundestages Winfried Nachtwei (Bündnis 90/Die
Grünen) sowie Oberst Dr. Frank Hagemann (Zentrum für Militärgeschichte und
Sozialwissenschaften der Bundeswehr) fachlich begleitet. Die Ergebnisse des
Projekts wurden 2018 veröffentlicht (Kai Uwe Bormann und Bernd Lawall,
Projekt „Tradition und Identifikation im HEER“. Ein Arbeitsbericht. In:
Jahrbuch Innere Führung 2018. Hrsg. von Uwe Hartmann und Claus von Rosen,
Berlin 2018, S. 130 bis 142).
Auf die Vorbemerkung der Bundesregierung wird verwiesen.
2. Haben alle Umfrageergebnisse eine Verschlusssachen (VS)-Einstufung
erhalten, und wenn ja, aus welchem Grund erfolgte dies jeweils wann (bitte
entsprechend nach Umfrage, Grund, VS-Einstufung und Datum der VS-
Einstufung aufführen)?
Auf die Antwort zu Frage 1 wird verwiesen.
3. Existieren auch für die anderen Teilstreitkräfte entsprechende Umfragen,
und wenn ja, um welche handelt es sich dabei (bitte nach Titel, Datum,
Seitenzahl, Urheber und ggf. VS-Einstufung aufführen)?
Die Luftwaffe hat ebenfalls ein wissenschaftlich nicht repräsentatives
Meinungsbild der Truppe erstellt. Dessen Ergebnisse wurden im März 2018 auf der
Militärhistorischen Tagung der Luftwaffe öffentlich vorgestellt und
anschließend veröffentlicht (Matthias Benkert, Traditionsverständnis aus Sicht der
Truppe. In: Die Luftwaffe und ihre Traditionen. Hrsg. von Eberhard Birk und
Heiner Möllers, Berlin 2019 (= Schriften zur Geschichte der Deutschen
Luftwaffe, 10), S. 213 bis 222).
Die Marine initiierte 2018 eine empirische Untersuchung zur
Bestandsaufnahme der Identität der Deutschen Marine im Rahmen des Projektes „Wir sind
Marine“. Das Projekt flankierte Maßnahmen zur Verbesserung der Einsatz- und
Leistungsfähigkeit und sollte Maßnahmen zur Identität sowie Attraktivität des
Dienstes in der Marine begleiten. Dabei wurde auch in einer einfachen,
geschlossenen Frage nach der Relevanz von Tradition und Brauchtum in der
Marine gefragt. („Ich empfinde es als wichtig und wertvoll, dass die Marine ihre
Ideale und Werte in Tradition und Brauchtum zum Ausdruck bringt.“). Die
Ergebnisse des Projektes flossen in die Erstellung der Schrift „Kompass Marine“
ein (
https://www.bundeswehr.de/de/organisation/marine/aktuelles/wir-sind-ma
rine).
4. Sind diese Umfrageergebnisse bereits dem Deutschen Bundestag
zugeleitet worden, und seit wann besteht für die Abgeordneten die Möglichkeit
einer Einsichtnahme, z. B. in der Geheimschutzstelle des Deutschen
Bundestages?
Auf die Vorbemerkung der Bundesregierung sowie auf die Antworten zu den
Fragen 1 und 3 wird verwiesen.
5. Inwieweit vertragen sich aus Sicht der Bundesregierung solche
Umfrageergebnisse mit dem Traditionserlass der Bundeswehr?
6. Welche Schlussfolgerungen hat die Bundesregierung aus den jeweiligen
Umfrageergebnissen gezogen?
7. Welche Schlussfolgerungen, Reaktionen und Maßnahmen hat es nach
Kenntnis der Bundesregierung innerhalb der Bundeswehr auf die
entsprechenden Umfrageergebnisse gegeben?
Die Fragen 5 bis 7 werden zusammen beantwortet.
Die Bundesregierung begrüßt ausdrücklich die partizipative und transparente
Weise, in der die Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur
Traditionspflege der Bundeswehr erarbeitet wurden. Die enge Beteiligung der Teilstreitkräfte
und Organisationsbereiche und die innerhalb der Teilstreitkräfte erstellten
Meinungsbilder haben eine zügige und zielgerichtete Überarbeitung der Richtlinien
ermöglicht und maßgeblich zur Handlungssicherheit in der Traditionspflege
beigetragen.
8. Planen die Bundesregierung und die Bundeswehr eine Veröffentlichung
der Umfrageergebnisse und einen offenen Umgang mit diesen?
Wenn ja, wann soll dies erfolgen?
Wenn nein, warum nicht?
Auf die Antworten zu den Fragen 1 und 3 wird verwiesen.
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