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Kleine AnfrageWahlperiode 20Beantwortet
Aufklärung der Vorwürfe gegen eine Trainerin im Deutschen Turner-Bund
(insgesamt 19 Einzelfragen)
Fraktion
DIE LINKE
Ressort
Bundesministerium des Innern und für Heimat
Datum
12.04.2022
Antwortdauer
13 Tage
Aktualisiert
26.07.2022
BT20/121730.03.2022
Aufklärung der Vorwürfe gegen eine Trainerin im Deutschen Turner-Bund
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
[Kleine Anfrage
der Abgeordneten Dr. André Hahn, Nicole Gohlke, Gökay Akbulut, Clara Bünger,
Anke Domscheit-Berg, Christian Görke, Jan Korte, Ina Latendorf, Petra Pau,
Sören Pellmann, Martina Renner, Dr. Petra Sitte
und der Fraktion DIE LINKE.
Aufklärung der Vorwürfe gegen eine Trainerin im Deutschen Turner-Bund
Mit dem „SPIEGEL“-Artikel vom 27. November 2020 „Medaillen über
Mädchen – Psychische Gewalt, Schmerzmittel, Essstörungen: Athletinnen erheben
schwere Vorwürfe gegen die Trainerin Gabriele Frehse am Bundesstützpunkt in
Chemnitz“ waren die Vorgänge im Deutschen Turner-Bund (DTB) keine
interne Angelegenheit mehr, sondern auch ein Thema für die Sportpolitik im
Deutschen Bundestag und im für den Spitzensport zuständigen Bundesministerium
des Innern und für Heimat (BMI). Es folgten Hunderte Presseartikel, Fernseh-
und Rundfunkberichte (auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehfunk) bei voller
Namensnennung der langjährig tätigen erfolgreichen Trainerin und unter
Außerkraftsetzung der üblichen Unschuldsvermutung.
Umfassend befasste sich der Sportausschuss am 24. Februar 2021 in
Anwesenheit mehrerer Sachverständiger (die betroffene Trainerin sowie Elternvertreter
der in Chemnitz trainierenden Turnerinnen durften nicht teilnehmen) mit der
Situation im Turnsport (siehe auch „Vorwürfe gegen Turntrainerin am
Olympiastützpunkt Sachen“ unter www.bundestag.de/presse/hib/824404-824404 sowie
in „Fall Frehse und die Folgen, nicht nur im Turnen“ in Sächsische Zeitung
online vom 24. Februar 2021). Grundlage dafür war u. a. das vom DTB in
Auftrag gegebene Gutachten, welches weder zu dem Zeitpunkt und auch nicht bis
heute den Mitgliedern des Ausschusses sowie den betroffenen Personen
vollständig zur Verfügung gestellt wurde (Ausschussdrucksache 19(5)299). Nach
Informationen von Frau Frehse wurden ihr als betroffene Person lediglich
230 Seiten des Berichtes, davon 172 Seiten geschwärzt, zur Verfügung gestellt.
In der Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion der
FDP auf Bundestagsdrucksache 19/27177 erklärte das BMI u. a., dass es alle
beteiligten Akteure um Stellungnahmen gebeten und umfassende Aufklärung
gefordert habe. Auch könne die Bundesregierung die Gesamtergebnisse der
Untersuchung der Kanzlei Rettenmaier nicht beurteilen. Zudem kündigte sie
an, dass Verstöße gegen die Integrität und Gewaltfreiheit des Sports
Konsequenzen hinsichtlich der Förderung durch den Bund haben kann.
Erklärungsbedürftig sind nach Auffassung der Fragestellerinnen und
Fragesteller die Gründe, die zur Berufung gegen das Urteil des Arbeitsgerichtes
Chemnitz führten, mit dem die Kündigung gegen die auch mit Bundesmitteln
finanzierte Trainerin Gabriele Frehse für unwirksam erklärt wurde (siehe „Die
fragwürdige Rolle des Turner-Bundes“ in Sächsische Zeitung vom 8. Oktober 2021
Deutscher Bundestag Drucksache 20/1217
20. Wahlperiode 30.03.2022
und „Fall Frehse: OSP legt keine Berufung ein“ in Freie Presse vom 23.
Oktober 2021).
Verbunden mit den Vorwürfen gegenüber der Trainerin Gabriele Frehse sind
auch die Entwicklung und Perspektive des Bundesstützpunktes Chemnitz, die
Abwanderung von Kaderathletinnen zu anderen Bundesstützpunkten und eine
instabile, unzureichende Personalsituation in Chemnitz (siehe Antwort der
Bundesregierung auf die Schriftliche Frage 32 des Abgeordneten Dr. André
Hahn auf Bundestagsdrucksache 19/32373 sowie: „Warum nur eine deutsche
Turnerin bei der WM startet“ in Sächsische Zeitung vom 14. Oktober 2021).
Am 14. Februar 2022 stellte der DTB der Presse bzw. der Öffentlichkeit zwei
neue Bundestrainer vor. Einer davon, der 44-jährige Gerben Wiersma, ist
künftig für das Frauenteam zuständig. Wiersma war vorher niederländischer
Auswahltrainer, der wegen Vorwürfen wegen körperlichen und emotionalen
Misshandlungen seiner Schützlinge im Frühjahr 2021 von seinem Amt zurücktrat.
DTB-Präsident Alfons Hölzl erläuterte zu seiner Personalentscheidung: „Wir
sind fest davon überzeugt, dass uns seine Erfahrung helfen wird, den richtigen,
respektvollen Weg einzuschlagen und zugleich international erfolgreich zu
sein.“ (Presseinformation des DTB vom 14. Februar 2022)
Im Jahr 2021 hatte der DTB das Projekt „Leistung mit Respekt“ ins Leben
gerufen und hierzu im Februar 2022 ein Zwischenfazit gezogen. Bemerkenswert
auch mit Blick auf die Vorgänge im niederländischen Turnverband ist, dass der
DTB als Anstoß für dieses Projekt nicht Vorwürfe gegen mehrere Trainerinnen
und Trainer benennt, sondern „aufgrund bekannt gewordener Vorwürfe
gegenüber einer Trainerin …“ (gemeint ist hier nach Ansicht der Fragestellerinnen
und Fragesteller ohne Zweifel Frau Frehse) aktiv wurde.
Die Pressemitteilung des DTB veranlasste Gabriele Frehse am 14.
Februar 2022 zu einem Schreiben an das BMI, den Vorsitzenden des
Sportausschusses des Bundestages sowie die Fragesteller, aus dem sich eine Reihe von
Fragen ergeben.
Aus Sicht der Fragesteller fand gegen die Turntrainerin Gabriele Frehse eine
nun schon über ein Jahr dauernde bespiellose Kampagne und Vorverurteilung
in der Öffentlichkeit statt, bei der weder der DTB noch das für den
Leistungssport zuständige BMI sich für eine sachgerechte Aufklärung der im Raum
stehenden Vorwürfe und den Schutz der betroffenen Person eingesetzt haben. Dies
hat dem Ansehen des Sports und auch allen Bemühungen, Sportlerinnen und
Sportler, vor allem Kinder und Jugendliche wirksam vor Gewalt im
organisierten Sport zu schützen, schwer geschadet. Umso mehr sind umfassende
Aufklärung, Analyse der zurückliegenden Abläufe und – sofern sich die Unhaltbarkeit
der Vorwürfe gegen Gabriele Frehse bestätigen – deren Rehabilitation nötig.
Die Antworten der Bundesregierung auf die nachfolgenden Fragen können
hierzu einen Beitrag leisten.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche Akteure hat das BMI um eine Stellungnahme zu den im Raum
stehenden Vorwürfen am Olympiastützpunkt (OSP) Chemnitz gebeten, und
von wem hat sie eine entsprechende Stellungnahme erhalten (siehe
Antwort zu Frage 3 auf Bundestagsdrucksache 19/27177)?
2. Inwieweit teilt die Bundesregierung das vom DTB gezogene
Zwischenfazit zum Kultur- und Strukturwandel im DTB, und welche
Schlussfolgerungen ergeben sich aus den vorgelegten Ergebnissen und Erkenntnissen für
die Tätigkeit der Bundesregierung hinsichtlich der Förderung sowie der
Arbeit mit den bei Bundeswehr und Bundespolizei beschäftigten
Bundeskadern (Bericht des DTB vom 3. Februar 2022)?
3. War die Berufung von Gerben Wiersma als Bundestrainer mit dem BMI
abgestimmt, und wenn ja, inwieweit teilt die Bundesregierung die
Auffassung des DTB-Präsidenten Hölzl, dass Gerben Wiersma mit seinen
Erfahrungen die geeignete Person für dieses Amt ist?
4. Hat sich die Bundesregierung in diesem Zusammenhang das erweiterte
Führungszeugnis von Gerben Wiersma vorlegen lassen, und wenn nein,
warum nicht?
5. Kennt die Bundesregierung den Brief von Gabriele Frehse vom 14.
Februar 2022, und welche Reaktionen gab es von ihr auf diesen Brief?
6. Inwieweit und seit wann hat die Bundesregierung Kenntnis von Vorwürfen
von Turnerinnen und deren Eltern über psychischen und emotionalen
Missbrauch von Trainern anderer Stützpunkte sowie einem nach Ansicht
der Fragestellerinnen und Fragesteller erheblich belastenden Brief einer
ehemaligen Nationalmannschaftsturnerin vom Bundesstützpunkt Stuttgart
an die DTB-Führung (siehe Brief Gabriele Frehse vom 14. Februar 2022),
und was hat sie diesbezüglich unternommen?
7. Inwieweit waren die im Brief von Gabriele Frehse vom 14. Februar 2022
geschilderten Vorgänge zu den Vorwürfen gegen Gabriele Frehse im
Oktober und November 2020 bekannt, und welche Position hat die
Bundesregierung dazu?
8. Ist der Bundesregierung bekannt, dass es seitens des DTB keine
Gesprächsversuche gegeben haben soll, und wenn ja, welche Schlüsse bzw.
Konsequenzen für ihr eigenes Handeln zieht sie daraus?
9. Wer hat seitens der Bundesregierung mit Gabriele Frehse zu den
Vorwürfen gegen ihre Person gesprochen (bitte die Personen bzw. Funktionen,
Datum, Gesprächsform und Ergebnisse nennen)?
10. Hat die Bundesregierung ebenso wie das DTB-Präsidium das im Januar
2021 erschienene Gutachten über die Untersuchung der gegen Gabriele
Frehse gerichteten Vorwürfe erhalten?
Wenn ja, wann, und von wem sowie in welcher Form (im Original oder
geschwärzt)?
11. Welche Schlüsse bzw. Konsequenzen zieht die Bundesregierung daraus,
dass dieses Gutachten Gabriele Frehse und dem Arbeitgeber (OSP
Sachsen) nur als überwiegend geschwärztes Exemplar zur Verfügung gestellt
wurde?
12. Kennt die Bundesregierung das vom OSP Sachsen in Auftrag gegebene
Gutachten von Prof. Dr. Udo Rudolph, in dem Verfahrensfehler bei der
Durchführung der Anhörung von Gabriele Frehse durch die
Rechtsanwaltskanzlei Rettenmaier festgestellt wurde (siehe auch „Das Chemnitzer
Dilemma“ in Tageszeitung „neues deutschland“ vom 27./28. März 2021),
und wenn nein, gab es Bemühungen, dieses Gutachten einzusehen?
13. Welche Förderungen erhielt der DTB in den Jahren 2018 bis 2022 vom
Bund, welche Förderungen der Olympiastützpunkt Sachsen sowie die für
das Geräteturnen weiblich zuständigen Bundesstützpunkte Chemnitz,
Mannheim und Stuttgart (bitte detailliert nennen und nach Jahren, bei 2022
laut aktueller Planung, aufschlüsseln)?
14. Inwieweit sind aus Sicht der Bundesregierung die Vorkommnisse am OSP
Chemnitz inzwischen umfassend bzw. abschließend aufgeklärt, die
sachgerechten Schlussfolgerungen gezogen und erforderliche Maßnahmen
ergriffen worden (siehe Antworten zu den Fragen 8 und 9 auf
Bundestagsdrucksache 19/27177)?
15. Wie hat sich seit 2018 die Zahl der Kaderathletinnen im Bereich
Geräteturnen weiblich entwickelt (bitte nach Jahren, Olympiakader,
Perspektivkader, Nachwuchskader 1 und der Zuordnung zu den einzelnen
Bundesstützpunkten aufschlüsseln)?
16. Wie viele Trainerinnen- und Trainerstellen stehen in den drei BSP
Geräteturnen weiblich zur Verfügung, und wie sind sie derzeit besetzt?
17. Inwieweit haben die Vorwürfe gegen Frau Frehse und diesbezügliche
Aktivitäten des OSP Sachsen sowie des BSP Chemnitz Auswirkungen auf den
Umfang finanzieller Leistungen seitens des Bundes?
18. Hat das BMI im Zusammenhang mit Verstößen gegen die Integrität und
Gewaltfreiheit des Sports bei Spitzensportverbänden oder anderen
Zuwendungsempfängern hinsichtlich ihrer Fördermaßnahmen Konsequenzen
gezogen, und wenn ja, bei welchen (siehe die Antwort zu den Fragen 5a bis
5c auf Bundestagsdrucksache 19/27177; bitte die jeweiligen
Zuwendungsempfänger, die Gründe für entsprechende Maßnahmen des BMI, die
konkreten Maßnahmen auch mit Datum und finanziellem Umfang benennen)?
19. Hat die Bundesregierung gegenüber dem Deutschen Olympischen
Sportbund (DOSB) und/oder dem DTB gefordert, dass der OSP Sachsen gegen
das Urteil des Arbeitsgerichtes Chemnitz vom Oktober 2021 (mit dem
Gabriele Frehse freigesprochen wurde, wieder eingestellt und das
Turnhallenverbot aufgehoben werden musste) in Berufung gehen soll, und wenn
ja, in welcher Weise, und mit welcher Begründung?
Berlin, den 16. März 2022
Amira Mohamed Ali, Dr. Dietmar Bartsch und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]
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