[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Jörg Schneider, Martin Sichert,
Dr. Christina Baum, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD
– Drucksache 20/2314 –
Gründe für die Übersterblichkeit in der Grippesaison
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Das Auftreten des Coronavirus im Jahr 2020 hat zur Feststellung der
epidemischen Lage von nationaler Tragweite geführt, welche seitdem zu zahlreichen
Beschränkungen im Leben der Menschen in Deutschland geführt hat.
Die Fragesteller möchten den historischen Bezug zu früheren Infektionswellen
herstellen, welche früher in der Regel als „Grippesaison“ bezeichnet wurden.
Dazu haben sie die monatlichen Sterbezahlen in Deutschland seit dem Jahr
2000 untersucht und die Übersterblichkeit jeder Grippesaison im Vergleich
zum Rest des jeweiligen Jahres berechnet (
https://www.dropbox.com/s/10g42
kxm04t8tiw/Sterbezahlen_2000-2021.JPG?dl=0; Quelle für die verwendeten
Daten: Statistisches Bundesamt,
https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellsc
haft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/Tabellen/sonderaus
wertung-sterbefaelle.html). Als Grippesaison wurden die Monate November
(Vorjahr) bis April definiert. Berechnet wurde die Übersterblichkeit wie folgt:
Es wurde jeweils der Mittelwert der Sterbezahlen November (Vorjahr) bis
April durch den Mittelwert der Monate Mai bis Oktober geteilt und 100 Prozent
wurden abgezogen. So entstehen relative, vergleichbare Werte, die keine
absoluten Zahlen mehr enthalten.
Folgende Übersterblichkeiten wurden so ermittelt: 2000/2001 5,3 Prozent,
2001/2002 6,6 Prozent, 2002/2003 10,6 Prozent, 2003/2004 7,6 Prozent,
2004/2005 11,6 Prozent 2005/2006 5,4 Prozent 2006/2007 7,2 Prozent,
2007/2008 10,8 Prozent, 2008/2009 15,4 Prozent, 2009/2010 5,7 Prozent,
2010/2011 8,1 Prozent, 2011/2012 10,2 Prozent, 2012/2013 16,2 Prozent
2013/2014 4,9 Prozent, 2014/2015 15,2 Prozent, 2015/2016 7,7 Prozent,
2016/2017 16,5 Prozent, 2017/2018 16,4 Prozent, 2018/2019 8,6 Prozent,
2019/2020 9,5 Prozent, 2020/2021 15,9 Prozent.
Folgendes kann man nach Ansicht der Fragesteller den Daten entnehmen: Es
gibt jedes Jahr in Deutschland in der Grippesaison eine deutliche
Übersterblichkeit. Sie bewegt sich zwischen 5,3 Prozent 2000/2001 und 16,5 Prozent
2016/2017. Von Dezember bis März ist die Sterblichkeit besonders hoch und
im Sommer am geringsten. Auf eine bis zwei stärkere Grippesaisons folgen
immer eine bis zwei milde. Die erste Corona-Saison 2019/2020 zeigt mit
9,5 Prozent eine recht durchschnittliche Übersterblichkeit. Die zweite Corona-
Saison 2020/2021 belegt mit 15,9 Prozent nur Platz vier der letzten 20 Jahre.
Deutscher Bundestag Drucksache 20/2838
20. Wahlperiode 18.07.2022
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Gesundheit vom 18. Juli 2022
übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Über Grippesaisons mit hoher Übersterblichkeit wie 2012/2013, 2014/2015,
2016/2017 oder 2017/2018 wurde in der Regel von der Presse berichtet
(
https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2013/09/17/grippew
elle-war-heftig-und-lang;
https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/grippe-
2014-2015-zehntausende-mussten-ins-krankenhaus-a-1052868.html;
https://w
ww.spiegel.de/gesundheit/diagnose/grippe-in-deutschland-influenza-saison-20
16-17-war-besonders-heftig-a-1170348.html;
https://www.aerzteblatt.de/nachr
ichten/106375/Grippewelle-war-toedlichste-in-30-Jahren).
Die Übersterblichkeit in der Grippesaison zwischen 2000 und 2021 hat einen
leicht steigenden Trend. Eine Regression ergibt eine statistische Zunahme von
etwa 0,3 Prozent pro Jahr. Die Fragesteller vermuten einen demografischen
Zusammenhang. So hat sich die Zahl der über 80-Jährigen seit 2000 fast
verdoppelt (
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1203300/umfrage/person
en-ab-80-jahren-in-deutschland/). Diese sind durch Atemwegsinfektionen
deutlich gefährdeter als jüngere Personen.
In der Historie der Bundesrepublik Deutschland lagen die absoluten
Sterbezahlen bis 1990 so gut wie immer über 900 000 bis knapp 1 Million Personen
pro Jahr. Anfang der 90er-Jahre fingen sie an zu sinken und erreichten 2004
ihr absolutes Minimum mit 818 000 (
https://www.deutschlandinzahlen.de/tab/
deutschland/demografie/natuerliche-bevoelkerungsbewegungen/geburten-
undsterbefaelle-insgesamt). Seitdem steigen sie wieder. Die Fragesteller vermuten
hier einen Zusammenhang mit den gefallenen Soldaten des Zweiten
Weltkrieges, welche in diesem Zeitraum ihr statisches Sterbealter erreicht hätten.
Da die Übersterblichkeit stets einem saisonalen Effekt folgt, muss es saisonale
Ursachen geben. Die geringere Tageslänge verbunden mit einer deutlich
geringeren UV-Strahlung sorgt für eine schlechtere Vitamin-D-Versorgung, welche
schwere Verläufe von Atemwegsinfektionen begünstigt. Vitamin D kann der
menschliche Körper nur unter UV-Strahlung bilden (
https://www.aerztezeitun
g.de/Medizin/Vitamin-D-verhindert-Atemwegsinfektionen-312707.html).
Einige nördlich gelegene Länder wie Irland oder Schweden haben dieses
Problem erkannt und rufen ihre Bürger aktiv zur Prävention auf (
https://www.i
rishtimes.com/news/health/every-adult-in-ireland-should-take-vitamin-d-suppl
ements-report-recommends-1.4531214;
https://www.dailysabah.com/europe/2
018/12/26/swedish-tv-warns-muslim-immigrants-of-vitamin-d-deficiency).
Sicherlich halten sich die Menschen im Herbst und Winter häufiger in
Innenräumen auf, was Ansteckungen begünstigt. Die vulnerabelste Gruppe für
Atemwegsinfektionen sind Altenheimbewohner, besonders Bettlägerige. Sie
sind besonders gefährdet, wenn Viren in diese Einrichtungen gelangen. Wegen
oft schwacher Immunsysteme wirken bei ihnen Schutzimpfungen weniger gut
(
https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/warum-die-grippe-impfung-b
ei-alten-menschen-oft-nicht-wirkt-2114.php).
Es gibt seit etwa 80 Jahren Grippe-Schutzimpfungen. Erfahrungsgemäß
werden sie unmittelbar vor der Grippesaison im Herbst verabreicht, weil man um
die zeitlich begrenzte Wirksamkeit weiß. Die meisten Menschen in
Deutschland, abgesehen von Hochrisikopatienten, haben die Impfungen gegen das
Coronavirus abweichend im Frühjahr oder Sommer 2021 erhalten. Dass die
Zulassungsstudien fast aller Impfstoffe gegen das Coronavirus mit zwei Dosen
erfolgten, erscheint den Fragestellern bereits ungewöhnlich. Für die
Auswirkungen von drei oder sogar vier Impfdosen innerhalb eines Jahres gibt es mit
keinem anderen Impfstoff bisher Erfahrungen zur Verträglichkeit,
Wirksamkeit oder Langzeitsicherheit.
1. Welche Gründe gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung zusätzlich zu
Atemwegsinfektionen für die jährliche Übersterblichkeit in den Monaten
November (Vorjahr) bis April?
In allen europäischen Ländern gibt es ein saisonales Muster der Sterblichkeit,
das dazu führt, dass im Winter mehr Menschen sterben als im Sommer.
Einflüsse, die Auswirkungen auf ein Mortalitätsmonitoring haben können, sind
beispielsweise Influenzawellen.
2. Wieso kommt es nach Kenntnis der Bundesregierung zur Alternierung
der Übersterblichkeit in der Grippesaison, sodass auf eine bis zwei
stärkere Grippesaisons immer eine bis zwei mildere folgen (vgl.
Vorbemerkung der Fragesteller)?
Es gab in den letzten zwei Jahrzehnten verschiedentlich die Beobachtung, dass
eine relativ hohe Durchseuchung in einer Saison zu einem hohen
Bevölkerungsimmunitätsgrad führt und somit ein relativer Schutz vor einem ähnlichen
Virustyp in der darauffolgenden Saison aufgebaut werden konnte. Da
prinzipiell seit vier Jahrzehnten zwei Influenza A-Subtypen sowie ein zweiter
Influenzatyp B zirkulieren, kommt es allerdings nicht immer zu dieser alternierenden
Bevölkerungsimmunität in den Influenzawellen.
3. Wie wirkt sich nach Einschätzung der Bundesregierung die Demographie
auf die Übersterblichkeit in der Grippesaison aus (vgl. Vorbemerkung der
Fragesteller)?
Sowohl für die Sterberate als auch für die Stärke des saisonalen Musters der
Sterblichkeit besteht eine sehr deutliche Altersabhängigkeit, so dass
demographische Veränderungen einen Einfluss auf die Sterblichkeit haben. Ebenso
nimmt die Influenzasterblichkeit mit dem Alter stark zu, jedoch spielt bei dem
Ausmaß der Übersterblichkeit auch der populationsbezogene Immunitätsgrad,
bezogen auf die jeweils zirkulierenden Virusvarianten der Influenza, eine Rolle.
4. Was begründet nach Einschätzung der Bundesregierung die besondere
Gefährlichkeit der Infektion mit Corona, obwohl die Übersterblichkeit in
der Grippesaison 2020/2021 nur die vierthöchste der letzten 20 Jahre ist
(vgl. Vorbemerkung der Fragesteller)?
Je nach verwendeter Methode zeigen Modellierungen zur Berechnung der
Übersterblichkeit teils unterschiedliche Ergebnisse. Ein gemeinsames Ergebnis
dabei ist, dass auch in Deutschland die Anzahl an Verstorbenen durch eine
COVID-19-Infektion bei weitem höher ist als beispielsweise durch die
Influenza. Die besondere Gefährlichkeit begründet sich darin, dass das Virus die
Kriterien eines pandemischen Erregers erfüllt (siehe dazu: Nationaler Pandemieplan
https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/174/29x3vlR5Miwxa6.pdf?sequen
ce=1&isAllowed=y).
Im Übrigen wird auf die Antwort zu Frage 8 verwiesen.
5. Aus welchen medizinischen Gründen wurden nach Kenntnis der
Bundesregierung abweichend zur Grippe-Schutzimpfung die Corona-
Schutzimpfungen für die meisten Menschen im Frühjahr oder Sommer
2021 empfohlen und durchgeführt?
Da SARS-CoV-2 sich aufgrund seiner pathogenen Eigenschaften und der damit
verbunden Erkrankungsschwere, -häufigkeit und Sterblichkeit von den
zirkulierenden saisonalen Influenzaviren unterscheidet und unter Berücksichtigung
der verfügbaren Impfstoffe sowie der oben genannten Aspekte, hat die STIKO
im Sommer 2021 eine Empfehlung zur COVID-19-Impfung erarbeitet. Die
aktuelle Empfehlung der STIKO und die wissenschaftliche Begründung dazu
können unter dem folgenden Link abgerufen werden:
https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/ImpfungenAZ/COVID-19/Impfe
mpfehlung-Zusfassung.html.
6. Wie viele Menschen wären nach Einschätzung der Bundesregierung
ohne Corona-Schutzimpfungen zusätzlich an den Folgen einer Corona-
Infektion verstorben (bitte nach Monaten aufschlüsseln)?
Das Robert Koch-Institut (RKI) publizierte im September 2021 eine Analyse
im Epidemiologischen Bulletin, die rückblickend den Effekt der Impfung im
ersten Halbjahr 2021 (Januar bis Juli 2021) abschätzte. Danach wurden im
oben genannten Zeitraum durch die COVID-19-Impfung in Deutschland
706 000 Meldefälle, 76 600 stationäre und etwa 19 600 intensiv-medizinische
Fälle sowie mehr als 38 300 Sterbefälle verhindert. Die verhinderten Fälle
betrafen in diesem Zeitraum aufgrund der damals empfohlenen Priorisierung von
besonders gefährdeten Personen größtenteils Menschen aus der Altersgruppe
über 60 Jahre. In dieser Altersgruppe wurden die ohne die Impfung zu
erwarteten Sterbefälle geschätzt um 47 Prozent reduziert (
https://www.rki.de/DE/Cont
ent/Infekt/EpidBull/Archiv/2021/Ausgaben/35_21.pdf?__blob=publication
File).
7. Aufgrund welcher medizinischen Studien gelten nach Kenntnis der
Bundesregierung regelmäßige Auffrischimpfungen (Booster) gegen das
Coronavirus als wirksam und unbedenklich für das Immunsystem?
Bislang empfiehlt die STIKO lediglich eine Auffrischimpfung für alle
Altersgruppen ab 12 Jahren sowie eine zweite Auffrischimpfung für bestimmte
Personengruppen. Die zugrunde liegende Evidenz für die einzelnen
Entscheidungen (unter anderem zur Wirksamkeit und Sicherheit der Auffrischimpfungen)
sind im Detail in den Wissenschaftlichen Begründungen der STIKO ausgeführt.
Zudem empfiehlt das Europäische Zentrum für die Prävention und die
Kontrolle von Krankheiten (ECDC) und die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA)
eine zweite Auffrischimpfung für Personen ab 60 Jahren und für vulnerable
Personen, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Erkrankungsverlauf
haben (
https://www.ecdc.europa.eu/en/news-events/updated-ecdc-ema-statement-
additional-booster-doses-covid-19-vaccines).
8. Wie viele Menschen wären nach Einschätzung der Bundesregierung seit
2020 ohne sogenannte Schutzmaßnahmen zusätzlich an den Folgen einer
Corona-Infektion verstorben (bitte nach Monaten aufschlüsseln)?
Ohne Schutzmaßnahmen und bevölkerungsbezogene Maßnahmen zur
Kontaktreduktion war davon auszugehen, dass sich spätestens im Winter 2020 ein
erheblicher Teil der Bevölkerung mit dem SARS-CoV-2 Virus infiziert hätte. Bei
einer Letalität im Bereich von 0,8 bis 2,4 Prozent aller infizierten Personen
hätte sich selbst bei moderaten weiteren Annahmen eine Zahl von mehreren
100.000 Todesfällen ergeben (vergleiche D. Gornyk et al., SARS-CoV-2
Seroprevalence in Germany - a Population-Based Sequential Study in Seven
Regions., Dtsch. Arztebl. Int., vol. 118, no. 48, pp. 824–31, 2021, doi: 10.3238/
arztebl.m2021.0364 sowie T. Dimpfl, J. Sönksen, I. Bechmann, and J.
Grammig, Estimation of the SARS-CoV-2 infection fatality rate in Germany, medR-
xiv, 2021, doi:
https://doi.org/10.1101/2021.01.26.21250507). Dabei ist noch
nicht mitgerechnet, dass eine massive Überlastung des Gesundheitssystems
auch zu vielen weiteren Todesfällen, unabhängig von der reinen SARS-CoV-2-
Infektion, geführt hätte.
9. Wie viele Menschen wären nach Einschätzung der Bundesregierung
ohne Quarantäne
a) Infizierter und
b) Kontaktpersonen Infizierter
zusätzlich an den Folgen einer CoronaInfektion verstorben (bitte nach
Monaten aufschlüsseln)?
Hierzu liegen der Bundesregierung keine Daten vor. Im Übrigen wird auf die
Antwort zu Frage 8 verwiesen.
10. Wie viele Menschen wären nach Einschätzung der Bundesregierung
ohne eine Maskenpflicht
a) in öffentlichen Gebäuden,
b) in öffentlichen Verkehrsmitteln,
c) in Geschäften,
d) in der Gastronomie,
e) im Außenbereich,
f) in Schulen,
g) in medizinischen Einrichtungen,
h) in Altenheimen,
i) Kontaktbeschränkungen,
j) Lockdowns,
k) lokale Ausgangssperren ab dem 23. April 2021 (Bundesnotbremse)
und
l) Nichtgenehmigung von Demonstrationen und Versammlungen
zusätzlich an den Folgen einer Corona-Infektion verstorben (bitte nach
Monaten aufschlüsseln)?
Eine Aufschlüsselung nach Einzelkategorien ist nicht möglich, da diese
Maßnahmen ihre Wirksamkeit nicht unabhängig voneinander, sondern in
Kombination (Multikomponenten-Ansatz) entfalten, siehe unter anderem:
https://www.r
ki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Downloads/control-covid-
2021-09-22.pdf?__blob=publicationFile). Zudem muss berücksichtigt werden,
dass ein Teil der Bevölkerung bereits einen Teilschutz etwa aufgrund einer
Impfung beziehungsweise einer Infektion im Laufe des Pandemiegeschehens
erworben hat. Insofern wird auf Studien zur Wirksamkeit von
nichtpharmazeutischen Interventionen bei der Kontrolle der COVID-19-Pandemie
verwiesen, die unter anderem unter dem folgenden Link abgerufen werden
können:
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Projekt
e_RKI/Wirksamkeit_NPIs.html.
Darüber hinaus wird auf den Bericht der Sachverständigenkommission zur
Evaluation des Infektionsschutzgesetzes verwiesen, der vorhandene Evidenz
zur Wirksamkeit von Maßnahmen zusammenträgt und beurteilt. Der Bericht
der Sachverständigenkommission ist unter dem nachfolgenden Link abrufbar:
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Download
s/S/Sachverstaendigenausschuss/220630_Evaluationsbericht_IFSG.pdf.
11. Aufgrund welcher medizinischen Studien ist nach Kenntnis der
Bundesregierung belegbar, dass medizinische Masken (schützen Patienten vor
Auswürfen des Behandelnden) oder FFP2-Masken (Staubschutzmasken)
die Träger vor Viren schützen beziehungsweise Dritte schützen?
Wie hoch wären die Inzidenzen ohne eine Maskenpflicht gewesen (bitte
nach Monaten aufschlüsseln)?
12. Warum wurde nach Kenntnis der Bundesregierung das Tragen von
Masken nicht bereits während der Grippesaisons vergangener Jahre
empfohlen, wenn diese vor Atemwegsvirusinfektionen wirksam schützen?
Die Fragen 11 und 12 werden wegen des Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Die prinzipielle Fähigkeit von Masken, ausgestoßene Tröpfchen der
Maskentragenden Person zurückzuhalten, wurde in experimentellen
Laboruntersuchungen hinreichend gezeigt. Ebenfalls konnte ein Eigenschutz der
Maskentragenden Person gezeigt werden (siehe dazu Sterr CM, Nickel IL, Stranzinger
C et al.: Medical face masks offer self-protection against aerosols: An
evaluation using a practical in vitro approach on a dummy head. PLoS One
2021;16(3):e0248099
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/33657178 sowie
Lindsley WG, Blachere FM, Law BF et al.: Efficacy of face masks, neck
gaiters and face shields for reducing the expulsion of simulated cough-generated
aerosols. Aerosol Science and Technology 2020:1-12 und Bagheri G, Thiede B,
Hejazi B et al.: An upper bound on one-to-one exposure to infectious human
respiratory particles. Proceedings of the National Academy of Sciences
2021;118(49):e2110117118
https://www.pnas.org/content/pnas/118/49/e211011
7118.full .pdf). Die Empfehlung zum Tragen von Masken im Kontext der
SARS-CoV-2-Pandemie beruht auf Untersuchungen, die belegen, dass ein
relevanter Anteil von Übertragungen von SARS-CoV-2 unbemerkt erfolgt, das
heißt zu einem Zeitpunkt vor dem Auftreten der ersten Krankheitszeichen
beziehungsweise durch Personen mit asymptomatischer Infektion. Dies wird
ebenso im epidemiologischen Steckbrief erläutert und die entsprechende
Literatur zitiert (
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/St
eckbrief.html). Halten sich in einem Raum unerkannt infektiöse Personen auf,
die Masken tragen, so verringert sich dadurch der Ausstoß infektiöser Partikel
und damit auch das Expositionsrisiko für alle anderen Anwesenden,
einschließlich solcher Personen, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf
haben.
Im medizinischen Kontext wurde die Reduktion der Transmission von
respiratorischen Erregern und SARS-CoV-2 durch das Tragen medizinischer Masken
in systematischen Evidenzsynthesen belegt (siehe hierzu: Tran TQ, Mostafa
EM, Tawfik GM et al.: Efficacy of face masks against respiratory infectious
diseases: a systematic review and network analysis of randomized-controlled
trials. J Breath Res 2021;15(4)
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/34407516
sowie Chu DK, Akl EA, Duda S et al.: Physical distancing, face masks, and eye
protection to prevent person-to-person transmission of SARS-CoV-2 and CO-
VID-19: a systematic review and meta-analysis. The Lancet 2020; Li Y, Liang
M, Gao L et al.: Face masks to prevent transmission of COVID-19: A
systematic review and meta-analysis. Am J Infect Control 2021;49(7):900-6
https://ww
w.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7748970/pdf/main.pdf). In der
Allgemeinbevölkerung wurde ebenso ein infektionsreduzierender Effekt der
Einführung einer Maskenpflicht als Teil unterschiedlicher Maßnahmenbündel auf das
Infektionsgeschehen in systematischen Analysen untersucht (zu finden unter
Mendez-Brito A, El Bcheraoui C, Pozo-Martin F: Systematic review of
empirical studies comparing the effectiveness of non-pharmaceutical interventions
against COVID-19. J Infect 2021;83(3):281-93
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/p
ubmed/34161818 und Pozo-Martin F, Weishaar H, Cristea F et al.: The impact
of non-pharmaceutical interventions on COVID-19 epidemic growth in the 37
OECD member states. Eur J Epidemiol 2021;36(6):629-40
https://www.ncbi.nl
m.nih.gov/pubmed/34114189), dabei kann der Effekt einzelner Maßnahmen
aufgrund der Kombination mit anderen Schutzmaßnahmen in diesen Analysen
nicht beziffert werden. Hinweise auf den protektiven Effekt des Maskentragens
auf die Transmission von SARS-CoV-2 in der Allgemeinbevölkerung liegen
weiterhin in Modellierungsstudien vor (siehe dazu Eikenberry SE, Mancuso M,
Iboi E et al.: To mask or not to mask: Modeling the potential for face mask use
by the general public to curtail the COVID-19 pandemic. Infectious Disease
Modelling 2020;5:293-308
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2
468042720300117 und
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC71865
08/pdf/main.pdf und unter Mitze T, Kosfeld R, Rode J et al.: Face Masks
Considerably Reduce COVID-19 Cases in Germany: A Synthetic Control Method
Approach. 2020). Ein positiver Effekt von nichtpharmakologischen
Maßnahmen, einschließlich des Maskentragens, ließ sich auch in der Transmission
verschiedener respiratorischer Viren einschließlich SARS-CoV-2 in der
Allgemeinbevölkerung beobachten (siehe hierzu Oh DY, Buda S, Biere B et al.:
Trends in respiratory virus circulation following COVID-19-targeted
nonpharmaceutical interventions in Germany, January - September 2020: Analysis of
national surveillance data. Lancet Reg Health Eur 2021;6:100112
https://www.
ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/34124707).
13. Wie viele Menschen wären nach Einschätzung der Bundesregierung
ohne die sogenannte 3G-Regel, 2G-Regel oder 2G-Plus-Regel zusätzlich an
den Folgen einer Corona-Infektion verstorben (bitte nach Monaten
aufschlüsseln)?
14. Wie viele Menschen wären nach Einschätzung der Bundesregierung
ohne eine Testpflicht in Bildungseinrichtungen wie Schulen zusätzlich an
den Folgen einer Corona-Infektion verstorben (bitte nach Monaten
aufschlüsseln)?
Die Fragen 13 und 14 werden wegen des Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Es wird auf die Antwort zu Frage 10 verwiesen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
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ISSN 0722-8333]