[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Marc Jongen, Martin Erwin Renner,
Dr. Götz Frömming, Matthias Moosdorf und der Fraktion der AfD
– Drucksache 20/3254 –
Der geplante Bau des Edo Museum of West African Art in Benin City und die
Rolle des historischen Königreiches Benin im Sklavenhandel
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
In der Gemeinsamen Erklärung zur Rückgabe der Benin-Bronzen und zur
bilateralen Museumszusammenarbeit, die Deutschland und Nigeria am 1. Juli
2022 unterzeichneten, haben sich beide Seiten verpflichtet, den Aufbau von
Museumseinrichtungen in Benin City zu unterstützen (
https://www.bundesregi
erung.de/resource/blob/974430/2059172/6d587c95c56499eaa385ba6d35bb72
0b/2022-07-01-joint-declaration-benin-bronzes-data.pdf?download=1, S. 3,
Nummer 8; letzter Zugriff: 23. August 2022). Die Pläne für den Bau eines
Museumspavillons, des ersten Abschnitts des geplanten Edo Museum of West
African Art (EMOWAA), soll laut Medienberichten mittlerweile öffentlich
vorgestellt worden sein (
https://www.welt.de/kultur/kunst/article240694397/R
estitution-der-Benin-Bronzen-an-Nigeria-Gute-Gruende-gegen-diese-uebereilt
e-Restitution-zu-sein.html; letzter Zugriff: 29. August 2022).
Laut Medienberichten hat sich unterdessen eine Protestbewegung gegen den
Bau des EMOWAA formiert, die die Errichtung eines Königlichen Museums
in Benin City fordert (
https://www.vanguardngr.com/2022/07/benin-artefac
ts-youths-defy-rain-protest-against-obasekis-emowaa/; letzter Zugriff:
23. August 2022). Der Oba von Benin habe vorgeschlagen, vor dem Palast ein
Königliches Museum von Benin zu errichten, das Touristen das ganze Jahr
über besuchen könnten (
https://www.vanguardngr.com/2022/07/benin-artefact
s-row-over-new-home/; letzter Zugriff: 23. August 2022). Medienberichte
zitierten den Direktor der Nationalen Museums- und Denkmalskommission
Nigerias in diesem Zusammenhang mit den Worten, dass die Bundesregierung
Nigerias „den Bau eines königlichen Palastmuseums beschleunigen“ werde,
„in dem die aus Deutschland zurückgeführten Benin-Bronze-Artefakte
aufbewahrt werden sollen“ (
https://www.welt.de/kultur/kunst/plus237869519/Bedin
gungslose-Rueckgabe-der-Benin-Bronzen-an-wen-jetzt-An-die-Clans.html;
letzter Zugriff: 23. August 2022).
Augenscheinlich gibt es eine Kontroverse zwischen der Regierung des
Bundesstaates Edo, dass das EMOWAA – bei dem die Bundesregierung im Juli
2021 zugesagt hat, sich mit 4,5 Mio. Euro beteiligen zu wollen (
https://www.a
uswaertiges-amt.de/de/newsroom/-/2470342; letzter Zugriff: 23. August 2022)
– als Museum für die restituierten Artefakte nutzen will, und dem Oba von
Deutscher Bundestag Drucksache 20/3555
20. Wahlperiode 20.09.2022
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Auswärtigen Amts vom 20. September 2022 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Benin, der sich laut Medienberichten, offenbar unterstützt durch die
nigerianische Bundesregierung (
https://www.vanguardngr.com/2022/07/benin-artefact
s-row-over-new-home/; letzter Zugriff: 29. August 2022), den Zugriff auf die
aus Deutschland restituierten Artefakte aus dem historischen Königreich
Benin zu sichern sucht (
https://www.vanguardngr.com/2022/07/benin-artefact
s-row-over-new-home/; letzter Zugriff: 23. August 2022).
Medienberichte wiesen darauf hin, dass sich die Bundesregierung Nigerias
„über den Generaldirektor der Nationalen Kommission für Museen und
Denkmäler (NCMM), Prof. Abba Tijani, aktiv für die „Rückgabe (…)
nigerianischer Artefakte“ einsetzt. Prof. Abba Tijani sei derjenige gewesen, „der im
Namen der Bundesregierung [Nigerias] die beiden im Februar [2022 an
Nigeria] zurückgegebenen Artefakte [seitens britischer Universitäten]
entgegennahm und sie dem Oba von Benin übergab und versprach, dass die
Bundesregierung [Nigerias] entschlossen sei, alle im Ausland gelagerten
nigerianischen Kunstwerke zurückzuholen“ (
https://www.vanguardngr.com/2022/
07/benin-artefacts-row-over-new-home/;
https://www.welt.de/kultur/kunst/arti
cle240694397/Restitution-der-Benin-Bronzen-an-Nigeria-Gute-Gruende-gege
n-diese-uebereilte-Restitution-zu-sein.html; letzter Zugriff: 29. August 2022).
Die Gefahr, dass die restituierten Benin-Bronzen aus deutschen Museen damit
letztlich doch in private Hände – konkret in die Hände der Familie des Oba –
gelangen und somit der Öffentlichkeit entzogen werden könnten, steht deshalb
aus Sicht der Fragesteller stärker denn je im Raum (
https://www.welt.de/kultu
r/kunst/plus237869519/Bedingungslose-Rueckgabe-der-Benin-Bronzen-an-we
n-jetzt-An-die-Clans.html; letzter Zugriff: 25. August 2022; siehe auch die
Antwort der Bundesregierung zu Frage 6, S. 3 auf
Bundestagsdrucksache 20/1561). Sollte es dazu kommen, dürfte nach Auffassung der
Fragesteller mit einiger Sicherheit auch die Rolle des historischen Königreiches
Benin im innerafrikanischen und transatlantischen Sklavenhandel keine
Erwähnung finden.
Die Fragesteller halten die Erinnerung an den Sklavenhandel und die Rolle,
die Benin in diesem Handel spielte, für ein unabdingbares Desiderat, das im
kollektiven Gedächtnis verankert gehört. In diesem Zusammenhang sei auch
darauf verwiesen, dass das Kupfer der Benin-Bronzen aus Europa stammte.
Laut einer Studie des Ethnologen Jürgen Zwernemann ermöglichte „die
ständige Einfuhr von Gussmaterial durch europäische Kaufleute“ den
„Aufschwung und damit die Luxurierung der Beninkunst“. Zahlungsmittel der
Händler waren „Manillen“ (Arm- oder Fußringe), mit denen Sklaven von
afrikanischen Sklavenhändlern gekauft wurden. Aus dem Metall schufen die
Bronzegießer des historischen Königreiches Benin ihre Kunstwerke (
https://w
ww.zobodat.at/pdf/Matreier-Gespraeche_2002a_0169-0178.pdf; letzter
Zugriff: 24. August 2022).
Die düstere Rolle Benins im Sklavenhandel wird seit kurzem von der in New
York ansässigen Restitution Study Group (RSG) thematisiert. Diese Initiative,
im Jahre 2000 von Deadria Farmer-Paellmann gegründet, wendet sich strikt
gegen die auch von der Bundesregierung unterstützte und beförderte
Restitution von Artefakten aus dem historischen Königreich Benin, weil damit laut
Medienberichten nur diejenigen bereichert werden, „deren Vorfahren im
Königreich Benin am transatlantischen Handel mit versklavten Menschen
verdient hätten“ (
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/edition/benin-bronzen-str
eit-um-die-kunst-der-sklavenhaendler-18248578.html; letzter Zugriff: 23.
August 2022). Die RSG versteht sich als laut der Netzseite History reclaimed
(
https://historyreclaimed.co.uk/about-history-reclaimed/; letzter Zugriff:
23. August 2022) als eine Initiative, die „im Namen von Nachkommen
versklavter Menschen in den Vereinigten Staaten, der Karibik und Großbritannien
spricht“ (
https://historyreclaimed.co.uk/restitution-study-group/; letzter
Zugriff: 23. August 2022). Diese Nachkommen machen ein „Miteigentumsrecht“
an den Artefakten aus dem historischen Königreich Benin geltend und wenden
sich „ausdrücklich“ gegen deren Überführung nach Nigeria (
https://www.fa
z.net/aktuell/feuilleton/edition/benin-bronzen-streit-um-die-kunst-der-sklaven
haendler-18248578.html). Diese Artefakte seien ihrer Meinung nach der
„Reichtum und das Vermächtnis der Nachkommen der Sklaven, nicht der
Sklavenhändler“ (
https://historyreclaimed.co.uk/restitution-study-group/).
„Wir wollen“, so die RSG explizit, „dass unsere Kinder und die Welt diese
Schätze sehen und ihren Ursprung im Sklavenhandel kennenlernen“ (ebd.).
Die RSG fordert, dass die europäischen und US-amerikanischen Museen die
Bronzen „treuhänderisch verwalten“ und die Bronzen nicht nach Nigeria
überführt werden sollten (
https://historyreclaimed.co.uk/restitution-study-group/;
letzter Zugriff: 23. August 2022). Dieser Vorschlag wurde im Übrigen
sinngemäß bereits auch von dem Philosophen Kwame A. Appiah vorgebracht (vgl.
https://www.art-critique.com/en/2018/12/whose-culture-is-it/; letzter Zugriff:
24. August 2022).
Grundsätzliche Zweifel an der Herschenkung der Benin-Bronzen an Nigeria
meldete auch der renommierte britische Historiker Robert Tombs an, der
feststellte, dass die „Befürworter der Rückführung“ recht hätten, wenn sie sagten,
„dass es hier um eine Grundsatzfrage geht. Aber ich glaube, es ist das
Gegenteil von dem, was sie behaupten.“ Warum, sollten „auch nur symbolische
Reparationen an die Erben der Sklavenhändler“ geleistet werden? Diese Frage
sei „offenbar zu beunruhigend für die Dogmen der ,Entkolonialisierung‘, die
viele Mitglieder unseres heutigen intellektuellen Establishments als Vehikel
für ihre eigenen politischen und kulturellen Ressentiments übernommen
haben“ (
https://www.spiked-online.com/2022/08/09/the-bloody-truth-about-the-
benin-bronzes/; letzter Zugriff: 1. September 2022).
Vor diesem Hintergrund ist die Klärung der Frage, ob die Erhellung der Rolle
des historischen Königreiches Benin im Sklavenhandel Teil der Konzeption
des EMOWAA ist und inwieweit die Thematisierung dieser Rolle seitens der
Bundesregierung in den Verhandlungen mit Nigeria aktiv eingefordert wurde,
ein Ziel dieser Initiative der Fragesteller (
https://www.welt.de/kultur/kunst/plu
s237869519/Bedingungslose-Rueckgabe-der-Benin-Bronzen-an-wen-jetzt-A
n-die-Clans.html; letzter Zugriff: 23. August 2022).
Ungeachtet all dieser drängenden Fragen hat die Bundesregierung mit der
Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rückgabe der Benin-
Bronzen und zur bilateralen Museumszusammenarbeit bereits Fakten geschaffen
und damit die Eigentumsübertragung von deutschen Museen, die Artefakte
aus dem historischen Königreich Benin in ihrem Sammlungsbestand haben, an
Nigeria in die Wege geleitet. Kommt es zu einer Eigentumsübertragung aller
Artefakte aus dem historischen Königreich Benin in deutschen Museen
(
https://www.bundesregierung.de/resource/blob/974430/2059172/6d587c95c5
6499eaa385ba6d35bb720b/2022-07-01-joint-declaration-benin-bronzes-data.p
df?download=1, S. 3, Nummer 3; letzter Zugriff: 23. August 2022) – und
danach sieht es nach der Vertragsunterzeichnung zwischen der Stiftung
Preußischer Kulturbesitz (SPK) und der nigerianischen National Commission for
Museums and Monuments (NCMM) am 25. August 2022 aus, in dem die
Eigentumsübertragung aller Artefakte aus dem historischen Königreich Benin in
den Sammlungen der SPK fixiert wurde (
http://nachrichten.btg/index.php/new
s/index/show/tnews/update//fID/MQ%3D%3D/suchbegriffe/cGFyemluZ2Vy/
boost/NDAw/filter/TmljaHQgYWt0aXY%3D; letzter Zugriff: 26. August
2022) –, hat die deutsche Seite keinerlei Einfluss auf den Verbleib der und den
Umgang mit den Benin-Bronzen mehr. Dass dies genau so gewollt ist,
unterstrich die Staatsministerin für Kultur und Medien Claudia Roth mit ihrer
Aussage, diese „Rückgabe“ habe „Vorbildcharakter für alle Museen in
Deutschland“, „die Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten besitzen“ (ebd.). Die
Fragesteller halten fest, dass die faktische Herschenkung der Bronzen, deren Wert
mit Blick auf die deutschen Museumssammlungen als „unschätzbar“ zu
taxieren ist (
https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2021/04/benin-bronzen-berlin-hu
mboldt-forum-nigeria-stiftung-preussischer-kulturbesitz.html; letzter Zugriff:
24. August 2022), einmal an ein Junktim gebunden worden ist, das der
deutschen Seite ein Mindestmaß an Einflussmöglichkeiten im Hinblick auf deren
weiteren Verbleib sichert, wie zum Beispiel in der Frage der Sichtbarmachung
der Opfer des Sklavenhandels durch das historische Königreich Benin in
Westafrika.
(Alle Übersetzungen ins Deutsche, auch im Frageteil, erfolgten durch die
Fragesteller.)
1. Kann die Bundesregierung Medienberichte bestätigen, aus denen
hervorgeht, dass der erste Abschnitt des Baus des Edo Museum Of West
African Art (EMOWAA) in Benin City mittlerweile in Form der
Vorstellung der Pläne für den Bau eines Museumspavillons in Angriff
genommen worden ist (
https://www.welt.de/kultur/kunst/article240694397/
Restitution-der-Benin-Bronzen-an-Nigeria-Gute-Gruende-gegen-diese-u
ebereilte-Restitution-zu-sein.html; letzter Zugriff: 29. August 2022)?
a) Wenn ja, kann die Bundesregierung hierzu nähere Angaben machen
(bitte auch angeben, ob die Bundesregierung Informationen darüber
hat, wann genau der Beginn der Bauarbeiten des sogenannten
Museumspavillons „mit speziellen Schaudepots,
Ausstellungsbereichen, Studiensälen und Räumen für Begegnung und Austausch“
geplant ist, in dem Objekte zu sehen sein sollten, die sich derzeit „noch
in Berlin befinden“;
https://www.preussischer-kulturbesitz.de/presse
mitteilung.html?tx_news_pi1%5Bday%5D=08&tx_news_pi1%5Bm
onth%5D=07&tx_news_pi1%5Bnews%5D=11463&tx_news_pi1%5
Byear%5D=2021&cHash=0c3d7123360257fadc15c6060be5d7ff;
letzter Zugriff: 25. August 2022)?
Die Fragen 1 und 1a werden gemeinsam beantwortet.
Nach den der Bundesregierung vorliegenden Informationen soll der Baubeginn
des Pavillons spätestens Mitte November 2022 erfolgen. Nach Plänen der
nigerianischen Seite soll der Pavillon später Teil eines größeren
Museumskomplexes werden. Ein genauer Zeitplan für die Baumaßnahmen, die über den
Pavillon hinausgehen, liegt nach Kenntnissen der Bundesregierung noch nicht
vor.
b) Wenn nein, warum hat die Bundesregierung hierzu keine
Erkenntnisse?
Es wird auf die Antwort zu Frage 1a verwiesen.
2. Sind der Bundesregierung die Aktivitäten des Oba von Benin, ein
Königliches Museum in Benin City errichten zu wollen, das aus Deutschland
restituierte Artefakte aus dem historischen Königreich Benin
aufbewahren soll (
https://www.welt.de/kultur/kunst/plus237869519/Bedingun
gslose-Rueckgabe-der-Benin-Bronzen-an-wen-jetzt-An-die-Clans.html;
letzter Zugriff: 23. August 2022) bekannt, und hat sie sich dazu eine
Positionierung erarbeitet (wenn ja, bitte ausführen)?
Kann die Bundesregierung ggf. nähere Angaben zum Sachstand dieses
Projekts machen?
Der Bundesregierung hat keine Erkenntnisse im Sinne der Anfrage.
3. Sieht die Bundesregierung, wenn die Frage 2 bejaht wurde, das in der
Frage 2 angesprochene Königliche Museum als Konkurrenz für das
EMOWAA an, und zwar dergestalt, dass dieses Projekt den Bau des
EMOWAA überflüssig machen könnte?
a) Wenn ja, aufgrund welcher Erkenntnisse kommt die Bundesregierung
zu dieser Einschätzung (bitte auch ausführen, welche Konsequenzen
dies für die zugesagte Unterstützung der Bundesregierung beim Bau
des EMOWAA haben würde)?
b) Wenn nein, warum sieht die Bundesregierung den möglichen Bau
eines Königlichen Museums nicht als Konkurrenz für das EMOWAA
an?
Die Fragen 3 bis 3b werden gemeinsam beantwortet.
Entscheidungen über mögliche Museumsbauten in Benin City obliegen den
zuständigen nigerianischen Behörden und werden von der Bundesregierung nicht
kommentiert.
4. Hat die Bundesregierung Kenntnisse von den Aktivitäten einer Coalition
of Benin Socio-Cultural Organizations, die laut Medienberichten „auch
nicht vor Gewalt zurückschrecken würde“ und die Errichtung eines
Königlichen Museums fordert, das unter der Schirmherrschaft des Oba
steht (
https://www.welt.de/kultur/kunst/article240694397/Restitution-de
r-Benin-Bronzen-an-Nigeria-Gute-Gruende-gegen-diese-uebereilte-Resti
tution-zu-sein.html;
https://germany.detailzero.com/art/74879/Restitutio
n-of-the-Benin-Bronzes-to-Nigeria-Good-reasons-to-be-against-this-hast
y-restitution.html; letzter Zugriff: 29. August 2022)?
Wenn ja, welche Schlussfolgerungen hat die Bundesregierung im
Hinblick auf die Aktivitäten der Coalition of Benin Socio-Cultural
Organizations im Hinblick auf das weitere Prozedere der Restitution der Benin-
Bronzen an Nigeria gezogen?
Der Bundesregierung liegen keine über die Medienberichterstattung
hinausgehenden Erkenntnisse vor.
5. Teilt die Bundesregierung die Aussage des Präsidenten der Stiftung
Preußischer Kulturbesitz (SPK), Prof. Dr. Hermann Parzinger, gemäß der der
„Stand des EMOWAA (…) keine Bedingung für die Rückgabe“ sei
(
https://www.welt.de/kultur/kunst/article240694397/Restitution-der-Beni
n-Bronzen-an-Nigeria-Gute-Gruende-gegen-diese-uebereilte-Restitution-
zu-sein.html; letzter Zugriff: 29. August 2022)?
a) Wenn ja, muss daraus geschlossen werden, dass es für die
Bundesregierung nach einer Rückgabe der Artefakte nicht mehr von
Interesse ist, wohin in Nigeria die restituierten Artefakte aus dem
historischen Königreich Benin aus deutschen Museumssammlungen gehen?
b) Wenn nein, welche Maßnahmen hat die Bundesregierung ergriffen,
damit die restituierten Artefakte aus dem historischen Königreich
Benin aus deutschen Museumssammlungen im Museumspavillon des
EMOWAA beherbergt werden (wenn keine Maßnahmen ergriffen
wurden, bitte erläutern, warum nicht)?
Die Fragen 5 bis 5b werden gemeinsam beantwortet.
Die Bundesregierung nimmt keinen Einfluss auf die innernigerianischen
Entscheidungen zur Frage, wo Benin-Bronzen künftig aufbewahrt werden.
6. Wie stellt sich die Bundesregierung vor dem Hintergrund der Fragen 1
bis 5 zu der aufgrund der aktuellen Entwicklungen unabweisbaren
Gefahr, dass die restituierten Benin-Bronzen aus deutschen Museen in
Nigeria in private Hände gelangen und damit der Öffentlichkeit entzogen
werden könnten (siehe Vorbemerkung der Fragesteller)?
a) Wenn die Bundesregierung diese Gefahr sieht, in welcher Form hat
sie Aktivitäten entfaltet, um dieser Gefahr zu begegnen (bitte diese
Aktivitäten im Einzelnen erläutern)?
b) Wenn nein, kann die Bundesregierung Argumente angeben, warum
sie diese Gefahr nicht sieht?
Die Fragen 6 bis 6b werden gemeinsam beantwortet.
Die Benin-Bronzen werden an den nigerianischen Staat zurückgegeben. Nach
erfolgter Rückgabe liegen die Entscheidungen über die Verwendung und den
Schutz der Bronzen bei der nigerianischen Seite. In der Gemeinsamen
Erklärung vom 1. Juli 2022 haben beide Seiten ihre Absicht bekräftigt, zur
„universellen Rolle der Benin-Bronzen beizutragen“ und sie der „breiten Öffentlichkeit
und […] Forschung zugänglich“ zu machen.
7. Ist in den Gesprächen der Bundesregierung mit den Vertretern Nigerias
mit Blick auf eine Restitution der Artefakte aus dem historischen
Königreich Benin aus deutschen Museen dessen Rolle im transatlantischen und
innerafrikanischen Sklavenhandel angesprochen worden?
a) Wenn ja, mit welchem Ergebnis (bitte auch darlegen, ob und in
welcher Form es hier eine Einigung darüber gab, diesen wesentlichen
Aspekt in der Geschichte des historischen Königreiches Benins –
z. B. in der Konzeption des EMOWAA – sichtbar zu machen)?
b) Wenn nein, warum hat die Bundesregierung diesen Teil der
Geschichte des historischen Königreiches Benin gegenüber Vertretern
Nigerias nicht angesprochen?
Die Fragen 7 bis 7b werden gemeinsam beantwortet.
Die Bundesregierung äußert sich nicht zu Inhalten vertraulicher Gespräche mit
Vertreterinnen und Vertretern anderer Staaten.
8. Hat die Bundesregierung ihr Engagement für den Bau des EMOWAA
(
https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/-/2470342; letzter
Zugriff: 23. August 2022) dergestalt genutzt, ihr finanzielles Engagement
für den Aufbau dieses Museums davon abhängig zu machen, dass die
Rolle des historischen Königreiches Benin im transatlantischen und
innerafrikanischen Sklavenhandel in der kuratorischen Konzeption des
EMOWAA sichtbar gemacht wird?
a) Wenn ja, kann die Bundesregierung darlegen, in welcher Form sich
die Rolle des historischen Königreiches Benin im transatlantischen
und innerafrikanischen Sklavenhandel im kuratorischen Konzept des
EMOWAA niederschlagen wird?
b) Wenn nein, warum ist die Bundesregierung hier nicht initiativ
geworden?
Die Fragen 8 bis 8b werden zusammen beantwortet.
Die Bundesregierung nimmt keinen Einfluss auf die Planung und Konzeption
des Edo Museum of West African Art (EMOWAA). Die Kuratierung künftiger
Ausstellungen des in Planung befindlichen EMOWAA ist eine Angelegenheit
der nigerianischen Seite.
9. Hat die Bundesregierung von der Initiative Restitution Study Group
(RSG;
https://historyreclaimed.co.uk/restitution-study-group/; https://ww
w.telegraph.co.uk/news/2022/08/15/benin-bronzes-must-not-returned-nig
eria-profited-slavery/; letzter Zugriff: 29. August 2022) Kenntnis, die der
Auffassung ist, dass die Nachkommen der versklavten Nachbarethnien
des historischen Königreiches Benin ein „Miteigentumsrecht“ an dessen
Artefakten haben sollen, weil das Königreich Benin durch seine
Beteiligung am Sklavenhandel wohlhabend wurde und eine Rückgabe nur
diejenigen bereichere, deren Vorfahren am Handel mit Sklaven erhebliche
Summe verdient hätten?
Wenn ja, hat sich die Bundesregierung zu den Anliegen der RSG eine
Meinung gebildet (bitte diese Meinung im Einzelnen erläutern)?
Die Erforschung der genauen Umstände und Folgen des Sklavenhandels,
einschließlich der möglichen Rolle damaliger Akteure wie des historischen
Königreichs Benin, ist Aufgabe von Historikerinnen und Historikern, Ethnologinnen
und Ethnologen und anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Es
obliegt dem politischen und zivilgesellschaftlichen Diskurs in den
Nachfolgestaaten und -gesellschaften, daraus entsprechende Schlussfolgerungen und
Handlungsansätze zu ziehen.
10. Ist der Bundesregierung vor dem Hintergrund der Frage 9 bekannt, dass
die Benin-Bronzen vor allem aus den im Sklavenhandel als
Tauschwährung genutzten „Manillen“ bestehen, deren Metall eingeschmolzen
wurde (
https://historyreclaimed.co.uk/restitution-study-group/; letzter
Zugriff: 23. August 2022)?
Wenn ja, kann die Bundesregierung angeben, ob, und wenn ja, in
welcher Form, sie gegenüber ihren nigerianischen Gesprächspartnern darauf
gedrungen hat, dass sich dieser Aspekt des Sklavenhandels im
kuratorischen Konzept des EMOWAA widerspiegelt (wenn die Bundesregierung
hier keine Initiativen ergriffen hat, bitte erläutern, warum nicht)?
Die Bundesregierung greift in kuratorische Entscheidungen Nigerias nicht ein.
11. Hat die Bundesregierung, wenn ihr diese Tatsache bekannt war, ihre
nigerianischen Gesprächspartner darauf aufmerksam gemacht, dass sich
laut Medienberichten Nachfahren der westafrikanischen Sklaven gegen
eine Restitution der Benin-Bronzen an Nigeria ausgesprochen haben, und
zwar mit dem Argument, dass diese Kunstwerke mit dem Leben der
Versklavten bezahlt wurden (
https://historyreclaimed.co.uk/restitution-study-
group/; letzter Zugriff: 23. August 2022)?
a) Wenn ja, mit welchem Ergebnis (bitte auch darlegen, ob dieser
Aspekt bei den nigerianischen Gesprächspartnern zu einer Änderung
ihrer Deutung der Ereignisse geführt hat, die letztlich zum Ende des
historischen Königreiches Benin geführt haben)?
b) Wenn nein, hat die Bundesregierung die Absicht, das ihren
nigerianischen Gesprächspartnern gegenüber nachzuholen (wenn nein, bitte
erläutern, warum nicht)?
Die Fragen 11 bis 11b werden gemeinsam beantwortet.
Es wird auf die Antwort zu Frage 9 verwiesen.
12. Hat sich die Bundesregierung vor dem Hintergrund der Gemeinsamen
Erklärung zur Rückgabe der Benin-Bronzen und zur bilateralen
Museumszusammenarbeit, in der die Eigentumsübertragung aller Benin-
Bronzen in deutschen Museen an Nigeria in die Wege geleitet wurde
(
https://www.bundesregierung.de/resource/blob/974430/2059172/6d587c
95c56499eaa385ba6d35bb720b/2022-07-01-joint-declaration-benin-bron
zes-data.pdf?download=1, S. 3, Nummer 3; letzter Zugriff: 23 August
2022), zu der von der RSG erhobenen Anregung, gemäß der die
europäischen und US-amerikanischen Museen die Bronzen treuhänderisch
verwalten sollten, weil diese Artefakte „das Vermächtnis der Nachkommen
der Sklaven, nicht der Sklavenhändler“ seien (
https://historyreclaimed.c
o.uk/restitution-study-group/; letzter Zugriff: 23. August 2022), eine
Auffassung gebildet, und wenn ja, wie lautet diese?
Die gewaltsame Plünderung der Benin-Bronzen 1897 aus dem Palast des
früheren Königreichs von Benin ist unstreitig. Dieser historische Umstand bildet die
Grundlage für die bilateralen Vereinbarungen mit Nigeria über die Rückgabe
der Artefakte an den nigerianischen Staat. Die Rückgabe an Nigeria steht auf
der Grundlage der Gemeinsamen Erklärung vom 1. Juli 2022.
13. Umfasst die Absicht der Bundesregierung, die „Rückgabe der Benin-
Bronzen“ zum „Ausgangspunkt für eine Debatte über
Kolonialverbrechen“ im Sinne eines „Es geht um ein Erinnern in die Zukunft“ nutzen zu
wollen (
https://www.deutschlandfunkkultur.de/claudia-roth-benin-bronze
n-100.html; letzter Zugriff: 24. August 2022), auch die
Versklavungsverbrechen des historischen Königreiches Benin, auf die jüngst wieder, wie
bereits dargelegt, die RSG aufmerksam gemacht hat?
a) Wenn ja, welche konkreten Maßnahmen hat die Bundesregierung
beispielsweise ihren nigerianischen Gesprächspartnern
vorgeschlagen, um dieser Intention Nachdruck zu verleihen (bitte auch
darlegen, welche Initiativen die Bundesregierung im Einzelnen selbst zu
ergreifen gedenkt, um im Zuge der Aufarbeitung der Kolonialzeit an
die Versklavungsverbrechen des historischen Königreiches Benin zu
erinnern)?
b) Wenn nein, muss daraus geschlossen werden, dass die
Bundesregierung die Versklavungsverbrechen des historischen Königreiches
Benin für nicht erinnerungswürdig hält?
Die Fragen 13 bis 13b werden zusammen beantwortet.
Grundlage für die Rückgabe der Benin-Bronzen an Nigeria bleibt das
gemeinsame Verständnis der Bundesregierung und der beteiligten Länder und Museen
der Unrechtmäßigkeit des Erwerbs der geplünderten Artefakte. Mit den
Rückgaben aus Deutschland soll dies einem gerechten Ausgleich zugeführt werden.
14. Wie ist vor dem Hintergrund der Versklavungsverbrechen des
historischen Königreiches Benin das von der Bundesregierung auf dem Festakt
anlässlich der Unterzeichnung der politischen Erklärung zur Rückgabe
der Benin-Bronzen an Nigeria ausgesprochene Diktum zu verstehen,
dass „wir uns auf eine Zukunft“ zubewegten, „in der die Gerechtigkeit
die Wunden der Vergangenheit heilen kann“ (
https://www.bundesregieru
ng.de/breg-de/bundesregierung/bundeskanzleramt/staatsministerin-fuer-k
ultur-und-medien/aktuelles/benin-bronzen-koennen-zurueckkehren-205
8816; letzter Zugriff: 24. August 2022; bitte darlegen, was hier genau mit
„Gerechtigkeit“ gemeint ist und ob und mit welchen Maßnahmen die
Bundesregierung dafür Sorge trägt, dass die hier angesprochene
„Gerechtigkeit“ auch die von dem historischen Königreich Benin verübten
Versklavungsverbrechen erfasst und in welcher Form das geschieht)?
Die Bundesregierung sieht in der Debatte über die Aufklärung und
Auseinandersetzung mit der Kolonialvergangenheit eine gesamtgesellschaftliche
Aufgabe. Der historische Kontext und der des Sklavenhandels spielen hierbei eine
Rolle. Sie werden durch die Wissenschaft aufgearbeitet. Die Kuratorinnen und
Kuratoren der Museen können diese Zusammenhänge durch entsprechende
Ausstellungskonzeptionen berücksichtigen.
15. Teilt die Bundesregierung vor dem Hintergrund der Frage 14 und ihrer
Absicht, die „Wunden der Vergangenheit“ heilen zu wollen, die
Einstufung des historischen Königreiches Benin als Opfer westlicher
Kolonialgewalt, die durch eine britische Strafexpedition im Jahre 1897 zum
Ausdruck kam?
Wenn ja, wie stellt sich die Bundesregierung in diesem Fall zur
Feststellung der RSG, dass die angesprochene Strafexpedition den „Verkauf und
die Opferung der versklavten Menschen“ beendete, die „300 Jahre unter
den Sklavenjagden des historischen Königreiches Benin zu leiden“
hatten (
https://historyreclaimed.co.uk/about-history-reclaimed/; letzter
Zugriff: 24. August 2022)?
16. Hat die Bundesregierung Kenntnis von dem Vorstoß der RSG, dass
angesichts der Versklavungsgeschichte des historischen Königreiches Benin
seitens Nigerias und des Königreiches Benin eine Entschuldigung
gegenüber den Nachfahren der versklavten Ethnien notwendig sei (
https://histo
ryreclaimed.co.uk/about-history-reclaimed/; letzter Zugriff: 23. August
2022)?
Wenn ja, hat sich die Bundesregierung zu diesem Vorstoß eine
Positionierung erarbeitet, und wie lautet diese ggf. (bitte auch erläutern, ob die
Bundesregierung die weitere Restitution der Benin-Bronzen aus
deutschen Museumssammlungen gegenüber ihren nigerianischen
Gesprächspartnern von dieser Entschuldigung abhängig zu machen gedenkt)?
17. Kann die Bundesregierung Medienberichte bestätigen, nach denen die
Gründerin der RSG, Deadria Farmer-Paellmann, einen Brief an die
Bundesministerin des Auswärtigen Annalena Baerbock, die
Kulturstaatsministerin Claudia Roth „und die Träger der sieben deutsche[n] Museen
mit den umfangreichsten Benin-Sammlungen“ geschickt haben soll, in
dem sie darum bittet, „keine neuen Transferverträge mit Nigeria zu
unterzeichnen und alle bestehenden Verträge aufzuheben“ und stattdessen
„Miteigentumsverträge mit den Nachkommen der versklavten Menschen
und die treuhänderische Aufbewahrung der Metallgüsse in den Museen“
angeregt werden (
https://www.welt.de/kultur/kunst/article240694397/Re
stitution-der-Benin-Bronzen-an-Nigeria-Gute-Gruende-gegen-diese-uebe
reilte-Restitution-zu-sein.html;
https://germany.detailzero.com/art/7487
9/Restitution-of-the-Benin-Bronzes-to-Nigeria-Good-reasons-to-be-agai
nst-this-hasty-restitution.html; letzter Zugriff: 29. August 2022)?
Wenn ja, welche Schlussfolgerungen hat die Bundesregierung aus
diesem Brief gezogen (bitte auch erläutern, ob die Bundesregierung in
diesem Zusammenhang bereits Maßnahmen eingeleitet hat)?
Die Fragen 15 bis 17 werden zusammen beantwortet.
Im Auswärtigen Amt und bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur
und Medien ist ein entsprechendes Schreiben der Restitution Study Group
(RSG) am 1. September 2022 eingegangen.
Im Übrigen wird auf die Antwort zu Frage 12 verwiesen.
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ISSN 0722-8333]