[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Stephan Protschka, Peter Felser, Frank
Rinck, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD
– Drucksache 20/4688 –
Klimaschutzmaßnahmen der Bundesregierung im Bereich Landwirtschaft
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Das Klimaschutzgesetz gibt als Zielvorgabe für das Jahr 2030 eine
Reduzierung der jährlichen Treibhausgasemissionen um mindestens 65 Prozent
gegenüber 1990 vor (
https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/klimaschutz/
klimaschutzgesetz-2021-1913672#:~:text=Mit%20der%20%C3%84nderung%
20des%20Klimaschutzgesetzes,65%20Prozent%20gegen%C3%BCber%2019
90%20sinken). In der Landwirtschaft sollen die jährlichen
Treibhausgasemissionen bis 2030 auf 56 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente reduziert werden.
Um dieses Ziel zu erreichen, hat das Bundesministerium für Ernährung und
Landwirtschaft (BMEL) zehn Maßnahmen entwickelt, die Teil des
Klimaschutz-Sofortprogramms 2022 sind (
https://www.bmel.de/DE/themen/landwirt
schaft/klimaschutz/landwirtschaft-und-klimaschutz.html;
https://www.bme
l.de/DE/themen/landwirtschaft/klimaschutz/klimamassnahmen-klimaschutzpr
ogramm2030.html).
Eine der zentralen Herausforderungen in der Landwirtschaft ist das anhaltende
Wachstum der weltweiten Lebensmittelfrage. Bis 2050 wird die
Weltbevölkerung um knapp 2 Milliarden Menschen anwachsen (
https://de.statista.com/stati
stik/daten/studie/1717/umfrage/prognose-zur-entwicklung-der-weltbevoelker
ung/). Gleichzeitig werden auch die Einkommen und die Lebensstandards vor
allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern steigen, wodurch unter
anderem der weltweite Fleischkonsum um 73 Prozent zunehmen und sich der
weltweite Milchkonsum verdoppeln wird (
https://dgvn.de/meldung/eine-zuku
nftssichere-ernaehrung-ist-pflanzenbasiert#:~:text=W%C3%A4hrend%20dam
it%20gerechnet%20wird%2C%20dass,der%20Milchkonsum%20sich%20verd
oppeln%20wird). Die Leiterin der OECD (Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung)-Direktion Handel und Landwirtschaft
betont deshalb, dass die Agrarproduktion mittel- und langfristig global
nachhaltig gesteigert werden müsse, um eine wachsende Weltbevölkerung ernähren zu
können (
https://www.topagrar.com/markt/news/nick-getreidedeal-hat-seine-wi
rkung-nicht-verfehlt-13234293.html).
Vor diesem Hintergrund kann eine Reduzierung der deutschen
Lebensmittelproduktion zwar die nationalen Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft
verringern, die steigende weltweite Lebensmittelnachfrage würde nach
Auffassung der Fragesteller die Produktion aber einfach verstärkt in andere Län-
Deutscher Bundestag Drucksache 20/4960
20. Wahlperiode 14.12.2022
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft
vom 14. Dezember 2022 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
der und Regionen verlagern, in denen weniger effizient produziert wird und
die Treibhausgasemissionen tendenziell höher sind. Aus Sicht der Fragesteller
wird es deshalb in den kommenden Jahren auch darum gehen, die Effizienz
der Landnutzung zu steigern, um mindestens den gegenwärtigen Anteil
Deutschlands an der weltweiten Lebensmittelproduktion zu halten. Eine
nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft eröffnet in den Augen der
Fragesteller gleichzeitig auch die Möglichkeit, auf frei werdenden Flächen genügend
Wälder wiederherzustellen, um Kohlenstoff aus der Luft zu entfernen.
Insbesondere auch, weil gemäß prozessbasierten Modellierungen in Deutschland
keine Ertragsrückgänge und für die meisten Kulturen sogar Ertragszuwächse
bis zur Mitte des Jahrhunderts projiziert werden (
https://literatur.thuenen.de/di
gbib_extern/dn065147.pdf). Außerdem wird durch eine Vergrößerung der
Habitate für Wildtiere die Artenvielfalt geschützt (
https://files.wri.org/d8/s3fs-pu
blic/2021-05/carbon-neutral-agriculture-denmark.pdf?VersionId=LRoNzLYZ
UZW1qHDMm3yMdgtefm5O2PRj; Balmford, A., 2021, Concentrating vs.
spreading our footprint: how to meet humanity's needs at least cost to nature.
Journal of Zoology 315 (2), 79 – 109; Tscharntke, T. & Grass, I. & Wanger, T.
& Westphal, C. & Batáry, P., 2021, Beyond organic farming – harnessing
biodiversity-friendly landscapes. Trends in Ecology & Evolution 36 (10),
919–930).
1. Um wie viele Tonnen CO2-Äquivalente werden die jährlichen
Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft nach Kenntnis der Bundesregierung
durch den von der Bundesregierung beabsichtigten Ausbau des
ökologischen Landbaus auf 30 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche
bis 2030 reduziert (
https://www.bmel.de/DE/themen/landwirtschaft/klim
aschutz/landwirtschaft-und-klimaschutz.html;
https://www.bmel.de/DE/t
hemen/landwirtschaft/klimaschutz/klimamassnahmen-klimaschutzprogra
mm2030.html)?
Im Projektionsbericht 2021 der Bundesregierung wird für einen verstärkten
Ausbau des ökologischen Landbaus auf 20 Prozent der Landwirtschaftsfläche
(LF) bis 2030 im Vergleich zu einem Anwachsen auf 14 Prozent eine
Emissionsminderung von ca. 0,6 Mio. t CO2-Äquivalente p. a. ausgewiesen. Die
zeitlich begrenzte Wirkung auf den Humusaufbau in ökologisch
bewirtschafteten Ackerböden ist dabei noch nicht berücksichtigt. Bei einer zusätzlichen
Ausweitung um 6 Prozentpunkte der LF (von 14 Prozent auf 20 Prozent) würde die
Wirkung auf das umgestellte Ackerland über etwa 20 Jahre bei gut 0,6 Mio. t
CO2-Äquivalente p. a. liegen (vgl. dazu Thünen-Working Paper 137). Im
genannten Working Paper wird auch auf mögliche Verlagerungseffekte aufgrund
verringerter Produktion und die Verringerung der Emissionen aus der
Produktion von chemisch-synthetischem Stickstoff-Düngemitteln verwiesen.
2. Um wie viele Tonnen CO2-Äquivalente haben sich die jährlichen
Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft durch die erfolgten rechtlichen
Änderungen in der Düngegesetzgebung insbesondere in der
Düngeverordnung nach Kenntnis der Bundesregierung bereits reduziert (ebd.)?
Gemäß der aktuellsten Trendtabelle des Umweltbundesamtes (UBA) zur
Entwicklung der Treibhausgasemissionen nach Sektoren des Klimaschutzgesetzes
wurden in der Kategorie CRF 3.D – Landwirtschaft – Landwirtschaftliche
Böden im Mittel der Jahre 2020 bis 2022 ca. 2,5 Mio. t CO2-Äquivalente weniger
p. a. emittiert als im Mittel der Jahre 2014 bis 2016. In dieser Quellkategorie
wird über Lachgasemissionen aus landwirtschaftlichen Böden berichtet. Dieser
Rückgang wird aber nicht ausschließlich auf die Änderungen in der
Düngegesetzgebung zurückgeführt.
3. Mit welcher weiteren Reduzierung der jährlichen
Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft rechnet die Bundesregierung durch die
erfolgten rechtlichen Änderungen in der Düngegesetzgebung, insbesondere in
der Düngeverordnung bis 2030, wenn sie nach vollständiger Umsetzung
in den Ländern mit einer weiteren Senkung der Stickstoffüberschüsse
rechnet (bitte in Tonnen CO2-Äquivaltente angeben) (ebd.)?
Weitere Senkungen der Stickstoffüberschüsse und der Ammoniakemissionen
werden nicht nur von der Umsetzung der Düngeverordnung, sondern auch von
der Stoffstrombilanzverordnung und der Umsetzung des Nationalen
Luftreinhalteprogramms erwartet. Im Projektionsbericht werden diesbezüglich weitere
Emissionsminderungen im Jahr 2030 in Höhe von über 1 Mio. t CO2-
Äquivalente p. a. ausgewiesen.
4. Um wie viele Tonnen CO2-Äquivalente werden die jährlichen
Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft durch die von der Bundesregierung
beabsichtigte Stärkung der Vergärung von Wirtschaftsdüngern tierischer
Herkunft und landwirtschaftlichen Reststoffen bis 2030 reduziert, und
mit welchen konkreten Maßnahmen soll dies erreicht werden (bitte auch
nach einzelnen Maßnahmen angeben) (ebd.)?
Im Projektionsbericht 2021 wird eine Minderungswirkung durch verstärkte
Nutzung von Gülle in gasdichten Biogasanlagen im Jahr 2030 in Höhe von
3 Mio. t CO2-Äquivalente p. a. ausgewiesen. Die Umsetzung soll durch
Förderangebote erfolgen für die Umrüstung von Biogasbestandsanlagen hin zu
höherem Gülleeinsatz und für die gasdichte Lagerung von Gärresten bei
Bestandsanlagen. Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe hat ein entsprechendes
Förderprogramm aufgelegt.
5. Um wie viele Tonnen CO2-Äquivalente werden nach Kenntnis der
Bundesregierung die jährlichen Treibhausgasemissionen in der
Landwirtschaft durch die von der Bundesregierung beabsichtigte Aktivierung von
Einsparpotenzialen in der Tierhaltung und Tierernährung bis 2030
reduziert, und mit welchen konkreten Maßnahmen, insbesondere im Bereich
Forschung und Züchtung sowie Entwicklung der Tierbestände, soll dies
erreicht werden (bitte auch nach einzelnen Maßnahmen angeben) (ebd.)?
Eine genaue Quantifizierung von Wirkungen, die über diejenigen der
Maßnahme zur Vergärung und gasdichten Lagerung von Gülle hinausgehen, ist derzeit
nicht möglich.
6. Um wie viele Tonnen CO2-Äquivalente werden nach Kenntnis der
Bundesregierung die jährlichen Treibhausgasemissionen in der
Landwirtschaft und im Gartenbau durch die von der Bundesregierung
beabsichtigte Verbesserung der Energieeffizienz, insbesondere auch durch das
Bundesprogramm zur Steigerung der Energieeffizienz und CO2-Einsparung
in Landwirtschaft und Gartenbau, bis 2030 reduziert, und mit welchen
konkreten Maßnahmen soll dies erreicht werden (bitte auch nach
einzelnen Maßnahmen angeben) (ebd.)?
Im Projektionsbericht 2021 werden für das Jahr 2030 Emissionsminderungen
von 0,8 Mio. t CO2-Äquivalente p. a. ausgewiesen. Die Umsetzung wird durch
die Richtlinie zur Förderung der Energieeffizienz und CO2-Einsparungen in der
Landwirtschaft und Gartenbau unterstützt.
7. Um wie viele Tonnen CO2-Äquivalente werden nach Kenntnis der
Bundesregierung die jährlichen Treibhausgasemissionen in der
Landwirtschaft durch den von der Bundesregierung beabsichtigten Humuserhalt
und Humusaufbau im Ackerland bis 2030 reduziert, und mit welchen
konkreten Maßnahmen zur Kohlenstoffanreicherung soll dies erreicht
werden (bitte auch nach einzelnen Maßnahmen angeben) (ebd.)?
Neben der in der Antwort zu Frage 1 genannten Wirkung des Ausbaus des
ökologischen Landbaus auf die Humusgehalte von Ackerböden gibt es derzeit
keine konkreten Abschätzungen zu den Wirkungen weiterer Maßnahmen.
Humuserhalt und Humusaufbau sollen neben der Förderung des ökologischen
Landbaus u. a. durch die Förderung der Agroforstwirtschaft im Rahmen der
Gemeinsamen Agrarpolitik der EU und Fördermaßnahmen im Rahmen des
geplanten Aktionsprogramms natürlicher Klimaschutz unterstützt werden.
Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) fördert
bereits ein Modell- und Demonstrationsvorhaben zum Humuserhalt und -aufbau
in Ackerbaubetrieben.
8. Um wie viele Tonnen CO2-Äquivalente werden nach Kenntnis der
Bundesregierung die jährlichen Treibhausgasemissionen in der
Landwirtschaft durch den von der Bundesregierung beabsichtigten Erhalt von
Dauergrünland bis 2030 reduziert, und mit welchen konkreten
Maßnahmen zur Kohlenstoffanreicherung soll dies erreicht werden (bitte auch
nach einzelnen Maßnahmen angeben) (ebd.)?
Im Projektionsbericht 2021 wird für die Erhaltung des Dauergrünlandes im
Vergleich zur Fortschreibung von Grünlandumwandlungen in Ackerland
durchschnittlich eine Emissionsminderung von knapp 1,3 Mio. t CO2-Äquivalente
p. a. ausgewiesen. Betrachtet wurde die Zeit zwischen 2000 und 2010. Die
entscheidende Maßnahme für die Erhaltung ist die sogenannte Greening-
Maßnahme zur Erhaltung des Dauergrünlands auf Basis einer flächengenauen
Betrachtung und die Genehmigungspflicht für Grünlandumwandlungen.
9. Welche Zielkonflikte wie beispielsweise zunehmende Wolfsrisse bei
Weidetieren oder ein starker Rückgang der Tierhaltung gibt es nach
Kenntnis der Bundesregierung bei dem beabsichtigten Erhalt von
Dauergrünland, und mit welchen konkreten Maßnahmen sollen diese gelöst
werden (
https://www.bmel.de/DE/themen/landwirtschaft/artenvielfalt/wo
lf.html;
https://www.bauernverband.de/fileadmin/user_upload/dbv/positi
onen/2021/Gruenlandagenda/2021-04-27_DBV_Gruenlandagenda_3K
B.pdf, S. 18)?
Die Erhaltung von Grünland ist für den Klimaschutz und für die Biodiversität
von hoher Bedeutung. Unter genutztem Grünland wird mehr Kohlenstoff im
Boden gespeichert als beispielsweise in Ackerböden. Die Nutzung von
Grünland ist aber v. a. verbunden mit der Haltung von Wiederkäuern, die mit
Treibhausgasemissionen verbunden ist. Allerdings ist eine Nutzung des Aufwuchses
des Grünlandes zur Erzeugung von Lebensmitteln und damit zur
Ernährungssicherheit auch nur mit Wiederkäuern möglich. Grünlandnutzung ist aus Sicht
des Klima- und Umweltschutzes also immer als Gesamtsystem einschließlich
der Tierhaltung zu bewerten. Es laufen derzeit vielfältige Forschungsvorhaben,
die bspw. die Emissionsminderung durch ressourcenschonende und effiziente
Fütterungsstrategien in der Tierernährung oder durch angepasste
Züchtungsstrategien zum Ziel haben. Gleichzeitig soll die Weidetierhaltung auf
Grünlandflächen gestärkt werden, u. a. als Maßnahme zur Verbesserung des Tierwohls,
und als Möglichkeit der Erhöhung des Grundfutteranteils an der Gesamtration
und damit zur Einsparung von importierten Eiweißfuttermitteln. Damit wird
auch den veränderten gesellschaftlichen Ansprüchen Rechnung getragen.
Regionale Zielkonflikte zum Wolf müssen gelöst und gute vorsorgende
Maßnahmen zum Schutz vor Übergriffen getroffen werden. Der Schlüssel in
Wolfsgebieten liegt hierbei in wirksamen Herdenschutzmaßnahmen. Bund und
Länder stellen ein umfassendes Paket zur Unterstützung der Weidetierhalter bei der
Verhinderung von Wolfsübergriffen bereit, mit bspw. einer hundertprozentigen
Förderung von Präventionsmaßnahmen und von laufenden Betriebsausgaben
sowie – im Falle von Wolfsübergriffen – Kompensationszahlungen. Weitere
Maßnahmen werden im Bundeszentrum Weidetiere und Wolf (BZWW) des
BMEL entwickelt. Einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem
Grünlanderhalt und zunehmenden Wolfrissen sieht die Bundesregierung nicht.
Für den Grünlanderhalt ist eine Inwertsetzung von Grünland für die
Landwirtschaft wünschenswert. Eine extensive Bewirtschaftung von besonders
artenreichen Flächen steht jedoch häufig einer ökonomisch nachhaltigen Nutzung
entgegen, so dass diese Flächen oft von einer potentiellen Nutzungsaufgabe oder
Nutzungsintensivierung bedroht sind. So kann die Förderung der Biodiversität,
bspw. die Verschiebung des optimalen Schnittzeitpunktes nach hinten für den
Wiesenbrüterschutz, zu einem Verlust der Produktivität des Grünlandes und der
Futterqualität führen. Dem kann mit einer gezielten finanziellen Förderung
entgegengewirkt werden, wie sie beispielsweise im Förderbereich 4 der
Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK) verankert ist
(Maßnahmenbereich D. „Förderung besonders nachhaltiger Verfahren auf dem
Dauergrünland“).
10. Mit welchen konkreten Maßnahmen möchte die Bundesregierung ihr
Ziel der Reduzierung der jährlichen Treibhausgasemissionen um 5
Millionen Tonnen CO2-Äquivalente durch den Schutz von Moorböden,
einschließlich Reduzierung der Torfverwendung in Kultursubstraten, bis
2030 erreichen (ebd.)?
Die Bundesregierung will ihr Ziel der Reduzierung der jährlichen
Treibhausgasemissionen um 5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente durch den Schutz von
Moorböden im Rahmen der Umsetzung der Maßnahmen der Nationalen
Moorschutzstrategie, der Bund-Länderzielvereinbarung zum Klimaschutz durch
Moorbodenschutz und der Torfminderungsstrategie des BMEL sowie der
Umsetzung des Aktionsprogramms natürlicher Klimaschutz erreichen. Dabei
stehen auf die unterschiedlichen Verhältnisse angepasste
Wiedervernässungsmaßnahmen im Mittelpunkt.
Auf der Grundlage der am 9. November 2022 vom Bundeskabinett
beschlossenen Moorschutzstrategie ist vorgesehen, dass Landwirtinnen und Landwirte,
die ihre Flächen wiedervernässen, flächenwirksame Anreize erhalten. Neue
Bewirtschaftungsformen und Wertschöpfungen auf wiedervernässten und weiter
genutzten Moorböden werden durch eine verstärkte Förderung von Forschung
und Entwicklung konsequent weiterentwickelt. Auch die Entwicklung
innovativer, ökologisch vorteilhafter Produkte und Dienstleistungen sowie die
Schaffung von Vermarktungsketten sollen vorangetrieben und entsprechend
unterstützt werden. Dazu zählen z. B. die nachhaltige naturverträgliche
Energiegewinnung, wie tiefgegründete Photovoltaik auf wiedervernässten, ehemals
intensiv genutzten Moorböden.
Nutzungsalternativen wurden und werden durch das BMEL in
Förderprogrammen Projekte wie z. B. Modell- und Demonstrationsvorhaben zu Paludikulturen
mit ca. 10 Mio. Euro p. a. (Dauer von zehn Jahren) gefördert. Dabei geht es
neben pflanzenbaulichen und erntetechnischen Aspekten auch um die
Markteinführung von Produkten aus Paludikulturen.
Das BMEL fördert über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe die
Weitergabe von Erntegut von Paludikulturen an interessierte Unternehmen aus der
Erdenindustrie, die Torf in Kultursubstraten ersetzen wollen. Die
Torfminderungsstrategie des BMEL wurde am 29. Juni 2022 beschlossen. Nach dem
Nationalen Inventarbericht zum Deutschen Treibhausgasinventar 1990 bis 2020
schwanken die jährlichen Emissionen aus dem Torfabbau um einen Wert von
2,0 bis 2,2 Mio. t CO2-Äquivalente. Mit Hilfe der Torfminderungsstrategie soll
dieser Wert bis zum Jahr 2030 auf nahe Null zurückgeführt werden. Den
einzelnen Förderbereichen der Torfminderungsstrategie sind hierbei keine
spezifischen Einsparziele zugeordnet.
11. Um wie viele Tonnen CO2-Äquivalente werden nach Kenntnis der
Bundesregierung die jährlichen Treibhausgasemissionen in der
Landwirtschaft durch den von der Bundesregierung beabsichtigten Erhalt und die
nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder und Holzverwendung bis 2030
reduziert, und mit welchen konkreten Maßnahmen zur
Kohlenstoffanreicherung soll dies erreicht werden (bitte auch nach einzelnen Maßnahmen
angeben) (ebd.)?
Maßnahmen zum Erhalt und zur nachhaltigen Bewirtschaftung der Wälder und
zur Holzverwendung haben keinen direkten Einfluss auf die jährlichen
Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft. Die Emissionen aus der
Landwirtschaft und der nachhaltigen Waldbewirtschaftung und Holzverwendung werden
getrennt bilanziert. Im Rahmen des Treibhausgasmonitorings werden (Netto-)
Emissionen in Quellgruppen erfasst, die dann den Sektoren zugerechnet
werden. Waldbewirtschaftung und Holzverwendung werden im Sektor LULUCF
(„Land Use, Land Use Change, and Forestry“ – Landnutzung,
Landnutzungsänderung und Waldbewirtschaftung) abgebildet, die Emissionen der
Landwirtschaft dagegen in einem eigenen Sektor. Die Effekte der Holz-Nutzung werden
in den mit der Nutzung verbundenen Quellgruppen z. B. unter Energie indirekt
verbucht, eine Zuordnung zu LULUCF ist nicht möglich. Im
Klimaschutzprogramm 2030 wurde die langfristige Erhaltung und Sicherung von Wäldern und
deren nachhaltiger Bewirtschaftung als zentrale Aufgabe vereinbart. Zur
Sicherung dieser CO2-Senken wurden geeignete Maßnahmen zur Wiederbewaldung
der Schadflächen sowie Maßnahmen zur verstärkten Anpassung der Wälder
insgesamt an die Klimakrise im Rahmen eines klimarobusten Waldumbaus
initiiert. Da sich die Rahmendaten für die Bewertung der Maßnahmen im
Klimaschutzprogramm 2030 inzwischen geändert haben, müssen die Effekte der
Maßnahmen neu geschätzt werden. Dies geschieht derzeit für den
Projektionsbericht 2023.
Das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz und die darin vorgesehenen
Maßnahmen zur Kohlenstoffanreicherung werden derzeit abgestimmt. Ferner
wird auf die Antwort zu Frage 7 verwiesen.
12. Mit welchen konkreten Maßnahmen sollen jeweils wie viele Tonnen
CO2-Äquivalente des durch eine Halbierung der Menge der
Lebensmittelabfälle auf Verbraucher- und Einzelhandelsebene prognostizierten
Einsparpotenzials von 6 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente der
jährlichen Treibhausgasemissionen in Deutschland reduziert werden (ebd.)?
Die Nationale Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung wird
weiterentwickelt. In fünf Dialogforen pro Sektor werden entlang der
Lebensmittelversorgungskette bis zu den privaten Haushalten Zielmarken definiert und
geeignete Reduktionsmaßnahmen sowie Formate zur Umsetzungs- und
Erfolgskontrolle vereinbart. Seit dem Berichtsjahr 2020 werden
Lebensmittelabfälle (LMA) obligatorisch jährlich in Tonnen Frischmasse gemessen und an
die EU-Kommission berichtet. Mindestens alle vier Jahre muss die Menge an
LMA detailliert gemessen werden. In Deutschland basiert die Berichterstattung
auf den jährlich erhobenen Abfallstatistiken und u. a. ergänzenden
Sortieranalysen.
Die Maßnahme ist keinem einzelnen Sektor zuzuordnen, sondern betrifft das
gesamte Lebensmittelsystem. Die Maßnahme ist Teil der Förderung einer
nachhaltigen Ernährung, die im Rahmen der Verringerung der
Treibhausgasemissionen in der Tierhaltung als flankierende Maßnahmen vorgesehen ist. Je später in
der Kette LMA anfallen und je höher diese verarbeitet sind bzw. es sich um
LMA tierischen Ursprungs handelt, desto mehr Emissionen sind mit diesem
Abfall verbunden.
13. Um wie viele Tonnen CO2-Äquivalente werden die jährlichen
Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft durch das von der Bundesregierung
beabsichtigte „klimafreundliche und gesunde Speiseangebot“ in den
Kantinen der Bundesverwaltung bis 2030 reduziert (bitte auch nach
einzelnen Maßnahmen angeben) (ebd.)?
Die Kantinenrichtlinien des Bundes schreiben die Umsetzung des
Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) für die
Verpflegung in Betrieben vor. Dementsprechend sollen vor allem
ressourcenschonend produzierte und saisonale Lebensmittel verwendet und das Angebot
pflanzenbetonter Gerichte ausgeweitet werden. Bei der letzten Überarbeitung der
DGE-Qualitätsstandards im Jahr 2020 lag der Schwerpunkt auf
Nachhaltigkeitsaspekten.
Die Bundesregierung empfiehlt den Ländern, die DGE-Qualitätsstandards
verpflichtend zu übernehmen. Das im Maßnahmenprogramm Nachhaltigkeit
formulierte 20-Prozent-Mindestziel für den Bio-Anteil in den Kantinen der
Bundesverwaltung soll so schnell wie möglich, spätestens bis 2025, erreicht
werden.
Ihre Klimawirkung entfaltet die nachhaltige Ernährung durch
Treibhaugasminderungen in der Erzeugung. Eine Reduzierung der Tierzahlen in Deutschland
muss mit Verhaltensänderungen beim Fleisch- und Milchproduktkonsum
einhergehen. Der erhöhte Bio-Anteil begünstigt den weiteren Ausbau des
Ökolandbaus. In der Klimaberichterstattung fließt das beabsichtigte
klimafreundliche Speisenangebot gemäß dem international gültigen Quellprinzip dem
Sektor Landwirtschaft zu. Auf die Antworten zu den Fragen 1 bis 9 wird
verwiesen.
14. Spielt die Steigerung der Landnutzungseffizienz, d. h. die Steigerung des
Nahrungsmittelertrags pro Hektar, bei den Zielen und Maßnahmen der
Bundesregierung zur Reduzierung der jährlichen
Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft eine Rolle, um dadurch den gegenwärtigen
Anteil Deutschlands an der globalen Nahrungsmittelproduktion zu halten
und gleichzeitig genügend Wälder und Moore zur Entfernung von
Kohlenstoff aus der Luft wiederherzustellen?
a) Wenn ja, wie, und mit welchen konkreten Maßnahmen soll die
Effizienz der Landnutzung gesteigert werden?
b) Wenn nein, inwiefern werden die Ziele und Maßnahmen der
Bundesregierung zur Reduzierung der jährlichen Treibhausgasemissionen in
der Landwirtschaft dazu führen, dass der gegenwärtigen Anteil
Deutschlands an der globalen Nahrungsmittelproduktion sinkt?
Die Fragen 14 bis 14b werden gemeinsam beantwortet.
Eine Steigerung der Landnutzungs- und Ressourceneffizienz durch
gesamtbetriebliche Optimierung der Pflanzen- und Milchproduktion unter Einbindung
von Tierwohl- und Klimaschutzaspekten konnte nach langjährigen
Untersuchungen des Thünen-Instituts in einem Netzwerk von Pilotbetreiben
nachgewiesen werden; abrufbar unter
https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn064
678.pdf.
15. Hat die Bundesregierung Kenntnis, ob eine Reduzierung der deutschen
Agrarproduktion durch eine Verlagerung der Produktion an weniger
emissionseffiziente Standorte zu einer Erhöhung der globalen
landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen führen könnte, insbesondere auch
vor dem Hintergrund, dass die weltweite Lebensmittelnachfrage
aufgrund des Bevölkerungswachstums und steigender Einkommen zunimmt
(vgl. Vorbemerkung der Fragesteller)?
Eine Reduktion der Agrarproduktion ist nicht das Ziel der Bundesregierung. Im
Gegenteil, durch eine durch den Rückgang der Tierzahl ermöglichte
Freisetzung von Futterflächen können z. B. mehr pflanzliche Proteine für den
unmittelbaren menschlichen Konsum erzeugt werden. Aufgrund des zu
beobachtenden statisch signifikanten Rückgangs des Fleisch- und Milchkonsums in
Deutschland und der parallel dazu verlaufenden Rückgänge der Tierzahlen
erwartet die Bundesregierung keine Verlagerung der Emissionen in das Ausland.
16. Wie hoch sind nach Kenntnis der Bundesregierung die
Treibhausgasemissionen pro in Deutschland produzierter Lebensmitteleinheit, welche
Auswirkungen hätte eine Reduzierung der Nahrungsmittelproduktion in
Deutschland auf die globalen und nationalen Treibhausgasemissionen
nach Einschätzung der Bundesregierung, vor allem weil dadurch die
Produktion an weniger effiziente Standorte verlagert werden würde, und
inwiefern wird dies bei den Zielen und Maßnahmen der Bundesregierung
zur Reduzierung der jährlichen Treibhausgasemissionen berücksichtigt
(bitte auch die Treibhausgasemissionen pro einzelner
Lebensmitteleinheit, insbesondere aber für Milch pro Kilogramm, Rindfleisch pro
Kilogramm, Schweinefleisch pro Kilogramm, Geflügelfleisch pro
Kilogramm, Weizen pro Tonne und Mais pro Tonne, angeben)?
Die Treibhausgasemissionen pro produzierter Lebensmitteleinheit
unterscheiden sich erheblich. Sie hängen nicht nur vom jeweiligen Produkt ab, sondern
auch von der Erzeugungsart, dem Transport, der Verarbeitung und der
Lagerung. Für ausgewählte 200 Lebensmittel gibt das im Rahmen eines vom
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und
Verbraucherschutz (BMUV) geförderten Projektes des Instituts für Energie- und
Umweltforschung Heidelberg gGmbH (ifeu-Institut) Richtwerte an:
https://www.if
eu.de/fileadmin/uploads/Reinhardt-Gaertner-Wagner-2020-Oekologische-Fu%
C3%9Fabdruecke-von-Lebensmitteln-und-Gerichten-in-Deutschland-ifeu-202
0.pdf.
Für die Agrarprodukte hat das Julius Kühn-Institut Werte ermittelt, abrufbar
unter
https://ojs.openagrar.de/index.php/Kulturpflanzenjournal/article/downloa
d/15326/15071. Auch das Kuratorium für Technik und Bauwesen in der
Landwirtschaft e. V. (KTBL) hat hierzu Daten veröffentlicht, abrufbar unter https://
www.ktbl.de/fileadmin/user_upload/Allgemeines/Download/BEK/Handbuc
h.pdf.
Milch pro kg 1,4 kg CO2-Äquivalent
Rindfleisch pro kg 13,6 kg CO2-Äquivalent
Schweinefleisch pro kg 4,6 kg CO2-Äquivalent
Geflügelfleisch 5,5 kg CO2-Äquivalent
Weizen pro t 530 kg CO2-Äquivalnt
Mais pro t 390 kg CO2-Äquivalent
17. Wie viele Fördermittel sind nach Kenntnis der Bundesregierung in den
vergangenen 20 Jahren insgesamt in die Reduzierung der jährlichen
Treibhausgasemissionen in die Landwirtschaft in Deutschland geflossen,
wie viele Tonnen CO2-Äquivalente wurden im gleichen Zeitraum in dem
Sektor eingespart, und wie bewertet die Bundesregierung die bisherige
Kosteneffizienz der Maßnahmen?
Im Sektor Landwirtschaft wurden die Treibhausgasemissionen in den letzten
20 Jahren um 11,2 Prozent (von 61,7 auf 54,8 Mio. t CO2-Äquivalente) bei
gleichzeitigem Produktivitätswachstum gemindert. Gezielte Klimafördermittel
wurden erst 2019 mit dem Klimaschutzprogramm 2030 eingeführt. Das BMEL
stellt insgesamt fast 1,3 Mrd. Euro von 2020 bis 2023 für den Klimaschutz im
Landwirtschafts- und LULUCF-Sektor zur Verfügung. Zusätzlich wurden
483,5 Mio. Euro für die Sektoren Landwirtschaft und LULUCF aus dem
Klimaschutz-Sofortprogramm 2022 bereitgestellt. Die bisherige
Kosteneffizienz im Sektor Landwirtschaft beurteilt die Bundesregierung positiv, da die
jährlichen Sektorziele stets erreicht werden konnten.
18. Hat sich die Bundesregierung zu der Forderung der Leiterin der OECD-
Direktion Handel und Landwirtschaft, dass die Agrarproduktion mittel-
und langfristig global nachhaltig gesteigert werden müsse, um eine
wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können, eine eigene
Auffassung gebildet, und wenn ja, welche, und inwiefern findet dies ggf.
Eingang in die weiteren Tätigkeiten der Bundesregierung im Bereich
Klimaschutz- und Agrarpolitik (
https://www.topagrar.com/markt/news/ni
ck-getreidedeal-hat-seine-wirkung-nicht-verfehlt-13234293.html)?
Die globalen Ernährungssysteme sind in erster Linie durch Klimakrise,
Artensterben, Bodenverschlechterung und -verluste, Verlust der genetischen Vielfalt
und Zerstörung von Ökosystemen bedroht. Die Art, wie Lebensmittel
produziert und konsumiert werden, trägt erheblich zur Verschärfung vieler Krisen
bei. Die zentrale Herausforderung besteht darin, die (globale) Versorgung mit
Nahrungsmitteln sicherzustellen und so den Zugang der Weltbevölkerung zu
angemessener, ausreichender und gesunder Nahrung zu gewährleisten. Dabei
gilt es, parallel Lösungswege für die ökologischen Krisen aktiv
voranzubringen – ohne gleichzeitig andere Krisen zu verschärfen. Es ist erforderlich, den
Landbewirtschaftenden das Wissen, die Informationen, technische
Innovationen und geeignete politische Weichenstellungen zur Verfügung zu stellen,
damit die Produktivität und Rentabilität nachhaltig gesteigert werden können,
ohne sich nachteilig auf den Ressourcenschutz (Klima-, Arten- und Bodenschutz)
auszuwirken.
Dafür braucht es notwendigerweise eine Neuausrichtung der Agrar- und
Ernährungspolitik. Die Umstellung auf eine resiliente, möglichst regionale
Lebensmittelversorgung aus nachhaltiger Produktion ist nötiger denn je. Dabei ist es
wichtig, dass politische Maßnahmen – auch kurzfristige Krisenmaßnahmen –
die langfristigen Ziele nicht konterkarieren. Im besten Fall sollten jegliche
Maßnahmen Synergieeffekte mit den langfristigen Zielen entfalten. Das Ziel
der Bundesregierung ist es daher, die politischen Voraussetzungen für
nachhaltige und zukunftsfeste Agrar- und Ernährungssysteme zu schaffen, die
dauerhaft Grundlage für eine gesunde und angemessene Ernährung sein können.
Wichtig ist für die Bundesregierung, dass ein System ausgestaltet wird, das
besser im Einklang mit Mensch, Tier, Umwelt und Klima steht.
19. Bewegen sich die Dürresommer 2013, 2015, 2018 und 2019 nach
Kenntnis der Bundesregierung noch vollständig innerhalb der Grenzen der
natürlichen Klimavariabilität?
Dürren entstehen aus einem Niederschlagsdefizit, das durch erhöhte
Temperaturen und damit eine größere Verdunstung in seinen Auswirkungen intensiviert
wird. Die Auswertungen des Deutschen Wetterdienstes dokumentieren eine
Zunahme der Sommertemperaturen in Deutschland um +1,7°C für den Zeitraum
1881 bis 2022. Dieser Temperaturanstieg verläuft konsistent zur weltweit
beobachteten Erwärmung, die sich wissenschaftlich plausibel nicht durch
natürliche Ursachen erklären lässt. Bezüglich des Niederschlagsdefizits bewegen
sich die Sommer 2003, 2015, 2018 und 2019 als Einzelereignisse innerhalb der
natürlichen Klimavariabilität, sind jedoch in ihrer Häufung außergewöhnlich.
Hitzeextreme wie im Sommer 2018 sind ohne die menschengemachte
Klimakrise sehr unwahrscheinlich und damit außerhalb der natürlichen
Klimavariabilität.
20. Hat die Bundesregierung Kenntnis, ob es in Deutschland einen statistisch
gesicherten Trend in der Häufigkeitsentwicklung von Trockenperioden
gibt, und wenn ja, auf welcher wissenschaftlichen Grundlage?
Je nach verwendetem Trockenheitsindex und gewähltem
Untersuchungszeitraum werden von international tätigen Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern unterschiedliche Ergebnisse mit unterschiedlichen Signifikanzen berichtet.
Insbesondere Indizes, welche die Verdunstung berücksichtigen, zeigen für das
Frühjahr und den Sommer einen (je nach Station bzw. betrachteter Teilregion)
signifikanten Anstiegstrend von Trockenheit.1
Ein Niederschlagsdefizit in Kombination mit hohen Temperaturen verschärft
die Situation während einer Trockenperiode. Seit den 1970er Jahren war in
Deutschland jedes Jahrzehnt wärmer als das jeweils vorangegangene Jahrzehnt
(siehe Abb.). Neun der zehn wärmsten Jahre seit 1881 sind ab dem Jahr 2000
aufgetreten. Es ist davon auszugehen, dass mit weiter steigenden CO2-
Konzentrationen in der Atmosphäre zusammen mit den anderen Treibhausgasen
(Methan, Lachgas u. a.) die Lufttemperaturen und etwaige Anomalien zunehmen
werden.
1 Hänsel, Stephanie, et al. (2019) „Assessing seasonal drought variations and trends over Central Europe“. Advances in
Water Resources 127 (2019): 53 – 75.
https://doi.org/10.1016/j.advwatres.2019.03.005
Abb.: Abweichungen der 10-Jahresperioden 1881 – 1890 bis 2011 – 2020 von dem vieljährigen
Temperaturmittel 1881 – 19102
Die Intensität und Dauer von Hitzewellen hat seit 1950 zugenommen und wird
in Zukunft weiter zunehmen, selbst wenn die globale Erwärmung bei 1,5°C
stabilisiert wird.3 Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen für den
Zeitraum von 2021 bis 2050 je nach Szenario einen Anstieg der Anzahl an
Hitzewellen von +52 Prozent bis +57 Prozent im Vergleich zum betrachteten
Referenzeitraum 1981 bis 2010.4
21. Hat die Bundesregierung Kenntnis, ob in Deutschland und Mitteleuropa
während der letzten 1 000 Jahre eine ungewöhnliche Zunahme von
Trockenheit und Dürre erkennbar ist (wenn ja, bitte ausführen)?
Für Mitteleuropa zeigt die auf Baumringdaten basierende Studie von Büntgen
et al. (2021)5 einen Anstieg der Dürrebedingungen im Sommer. Die Abfolge
rezenter Sommerdürre seit 2015 ist nach dieser Studie beispiellos in der
rekonstruierten Datenreihe von mehr als 2000 Jahren. Rakovec et al. (2022)6 zeigen,
dass die mehrjährige Dürre von 2018 bis 2020 (repräsentiert durch einen
Bodenfeuchteindikator der Niederschlags- und Temperaturbedingungen
kombiniert) einen neuen Rekord in Europa für die letzten 250 Jahre setzt. Bedingt
wurde diese Dürre auch durch die Temperaturanomalie in diesen Jahren von
+2,8 K. Damit wird deutlich, dass die anhaltende globale Erwärmung aktuelle
Dürreereignisse verschlimmert. Zukünftig ist in Europa mit Dürren
vergleichbarer Intensität wie die der Dürre 2018 bis 2020 zu rechnen. Diese Dürren
werden jedoch voraussichtlich wesentlich länger andauern als alle in den letzten
250 Jahren beobachteten Ereignisse.
2
https://www.dwd.de/DE/leistungen/besondereereignisse/temperatur/20210106_rueckblick_jahr_2020.pdf?__blob=publ
icationFile&v=7
3 IPCC (2021): Climate Change 2021: The Physical Science Basis. Contribution of Working Group I to the Sixth
Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. Hg. v. Masson-Delmotte, V., P. Zhai, A. Pirani, S. L.
Connors, C. Péan, S. Berger, N. Caud, Y. Chen, L. Goldfarb, M. I. Gomis, M. Huang, K. Leitzell, E. Lonnoy, J. B. R.
Matthews, T. K. Maycock, T. Waterfield, O. Yelekçi, R. Yu, and B. Zhou. Cambridge University Press. In Press.
4 Schlegel, I.; Muthers, S.; Matzarakis, A. (2021): Einfluss des Klimawandels auf die Morbidität und Mortalität von
Atemwegserkrankungen. UBA (Umwelt und Gesundheit). Online verfügbar unter
https://www.umweltbundesamt.de/pu
blikationen/einfluss-des-klimawandels-auf-die-morbiditaet.
5 Büntgen, U., Urban, O., Krusic, P. J., Rybníček, M., Kolář, T., Kyncl, T., Ač, A., Koňasová, E., Čáslavský, J., Esper, J.,
Wagner, S., Saurer, M., Tegel, W., Dobrovolný, P., Cherubini, P., Reinig, F. and Trnka, M. (2021) Recent European
drought extremes beyond common era background variability. Nature Geoscience, 14, 190 – 196.
https://doi.org/10.103
8/s41561-021-00698-0
6 Rakovec, Oldrich, et al. (2022) The 2018 – 2020 Multi-Year Drought Sets a New Benchmark in Europe. Earth’s Future
10.3: e2021EF002394.
https://doi.org/10.1029/2021EF002394
22. Gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung in den kommenden Jahren
und Jahrzehnten eine klimawandelbedingte Ertragsveränderungen in der
Landwirtschaft und/oder eine Zunahme der Ertragsverluste durch
extreme Trockenheit und Staunässe?
a) Wenn ja, auf welchen wissenschaftlichen Grundlagen basieren diese
Annahmen?
Die Fragen 22 und 22a werden gemeinsam beantwortet.
Die Trockenheit in diesem Jahr unterstreicht abermals die Notwendigkeit, die
landwirtschaftliche Produktion an die Folgen der Klimakrise anzupassen. Die
Ernteberichte machen deutlich, dass die Auswirkungen je nach Region und
Kultur unterschiedlich stark sind. Beispielsweise kamen die Winterungen
tendenziell besser mit der diesjährigen Sommertrockenheit und Hitze zurecht als
die Sommerungen. Je nach Niederschlagsverteilung fielen Erträge regional sehr
unterschiedlich aus. Den aktuellen Forschungsstand zu den bereits jetzt zu
beobachtenden und möglichen weiteren Folgen der Klimakrise für die Erträge im
deutschen Pflanzenbau hat ein Projektverbund aus dem Deutschen
Wetterdienst, dem Julius Kühn-Institut (JKI), dem Leibniz-Zentrum für
Agrarlandschaftsforschung e. V. und dem Thünen-Institut in einem Projektbericht
veröffentlicht.7 Die Ergebnisse zeigen keine wesentlichen Ertragsrückgänge bis zur
Mitte dieses Jahrhunderts.
Der Landwirtschaft bekannte, für den Anbau von Lebensmitteln prägende und
verlässliche Rahmenbedingungen, ändern sich durch die Klimakrise: Sie
wirken auf den ersten Blick womöglich regional als Vorteil, stehen aber global
erwachsenden Nachteilen und steigenden Risiken gegenüber. Der projizierte
weiter steigende CO2-Gehalt der Atmosphäre beispielsweise wirkt einerseits
wachstumsfördernd und ertragssteigernd, besonders bei C3-Pflanzen wie
Weizen, Gerste, Raps und weniger bei C4-Pflanzen wie Mais. Die globale
Erwärmung führt in mittleren Breiten zu einem früheren Vegetationsbeginn und zu
einer Verlängerung der Wachstumssaison, was regional beschränkt
Ertragssteigerungspotentiale mit sich bringen kann. Auf der anderen Seite nimmt die
Belastung durch Hitze für Menschen, Tiere und Pflanzen zukünftig weiter zu,
mit zu erwartenden negativen Auswirkungen auf die landwirtschaftlichen
Erträge und steigenden Anpassungskosten in der gesamten Wertschöpfungskette.
Die verwendeten Klimaprojektionen und Modellansätze (die beide dem
aktuellen Stand des Wissens entsprechen) geben keine eindeutigen Hinweise
aufzunehmende Ertragsverluste oder -schwankungen durch die beiden Faktoren
Trockenheit oder Staunässe im berücksichtigten Prognosezeitraum. Die
Ergebnisse der Studie decken sich mit denen anderer veröffentlichter Studien, wie die
im Projektbericht enthalten Meta-Analyse des JKI zeigt.
Es wird in den Studien allerdings darauf hingewiesen, dass in den Projektionen
gewisse Unsicherheiten bestehen. Das betrifft zum Beispiel die jahreszeitliche
Verteilung der Niederschläge, die Veränderung bestimmter Extremwetterlagen
(wie Hagel und Starkregen, zu denen exakte Langzeitdaten fehlen) oder den
Einfluss von Schaderregern. So wurde die in den vergangenen Jahren (insb.
2018, 2019 und 2022) beobachtete Frühjahrestrockenheit in den
Klimaprojektionsdaten nicht in dieser Form abgebildet. Es ist daher nicht auszuschließen,
dass in den Studien die langfristigen Ertragserwartungen in manchen Regionen
Deutschlands überschätzt werden, Ernten künftig also schlechter ausfallen
können.
7 Söder M., Berg-Mohnicke M., Bittner M., Ernst S., Feike T., Frühauf C., Golla B., Jänicke C., Jorzig C., Leppelt T.,
Liedtke M., Möller M., Nendel C., Offermann F., Riedesel L., Romanova V., Schmitt J., Schulz S., Seserman D-M.,
Shawon A. R. (2022) Klimawandelbedingte Ertragsveränderungen und Flächennutzung (KlimErtrag). Braunschweig:
Johann Heinrich von Thünen-Institut, 234 p, Thünen Working Paper 198, DOI:10.3220/WP1659347916000
Link:
https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/dn065147.pdf
b) Wenn ja, mit welchen konkreten Maßnahmen möchte die
Bundesregierung die Land- und Forstwirtschaft bei der Anpassung an diese
Veränderungen ggf. unterstützen?
Im Lichte der beobachteten, zunehmenden Trockenheit in den vergangenen
Jahren hält die Bundesregierung eine fortwährende und bestmögliche
Anpassung der Land- und Forstwirtschaft an die klimatischen Veränderungen
dringend geboten. Betriebe sollten zum Beispiel die Möglichkeit steigender
Extremwetterlagen in ihr betriebliches Risikomanagement integrieren und
generell eine stärkere Risikostreuung anstreben. Gerade auch im Kontext einer
steigenden Nachfrage nach Agrarrohstoffen und den globalen Folgen der
Klimakrise ist die Sicherung einer wettbewerbsfähigen und nachhaltigen Produktion
in Deutschland essentiell.
Zu den Maßnahmen und Prozessen zählen vielfältige Forschungsprogramme,
Maßnahmenprogramme und Strategien zum Klimaschutz und zur Anpassung
an die Klimakrise, die zum Teil auch gemeinsam von Bund und Ländern
vorangetrieben werden.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
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ISSN 0722-8333]