Risse von Oberleitungen der Deutschen Bahn AG im Jahr 2026, Gefährdungen von Fahrgästen und Krisenmanagement
der Abgeordneten René Bochmann, Wolfgang Wiehle, Alexis L. Giersch, Lars Haise, Maximilian Kneller, Ulrich von Zons, Stefan Henze, Leif-Erik Holm, Dr. Rainer Kraft, Hans-Jürgen Goßner, Volker Scheurell, Otto Strauß, Andreas Mayer, Carsten Becker und der Fraktion der AfD
Vorbemerkung
Für das Jahr 2024 wurden 78 Fälle von Rissen an Tragseilen und Fahrdrähten von Oberleitungen im Schienennetz der Deutschen Bahn registriert. Im Jahr 2025 kam es zu 127 Vorfällen. Im 1. Quartal des Jahres 2026 lagen 26 Fälle vor (vgl. Bundestagsderucksache 21/5661, Antwort der Bundesregierung auf Frage 109).
Neben kleineren Auswirkungen hatten einige Vorfälle extreme Auswirkungen auf die Reisenden:
- Am 6. Januar 2026 wurde durch einen Güterzug die Oberleitung bei Riesa beschädigt (Strecke 6363). Eine der wichtigsten Bahnstrecken Sachsens war unterbrochen; Züge verkehrten nicht zwischen Leipzig und Dresden, auch der Fernverkehr zwischen Chemnitz und Berlin war unterbrochen (www.t-online.de/nachrichten/panorama/gesellschaft/id_101069564/deutsche-bahn-chaos-wichtige-strecke-unterbrochen.html).
- Am 1. März 2026 sorgte eine defekte Oberleitung im Hamburger Hauptbahnhof für Probleme. Für Fahrgäste hatte die längere Wartezeit wegen verspäteter oder ausgefallener Züge zur Folge (www.spiegel.de/panorama/hamburg-hauptbahnhof-gesperrt-oberleitung-auf-ice-gefallen-a-2afeb0f7-da8e-48f9-99bb-d70c81648fa3).
- Am 31. März 2026 führte ein Oberleitungsausfall auf der Strecke Hamburg–Hannover führte zur vollständigen Sperrung der Strecke 1720. Da diese Strecke zeitgleich Umleitungsstrecke für die gesperrte Hamburg-Berlin-Verbindung ist, waren auch Zugverbindungen in europäische Nachbarländer betroffen (www.railfreight.com/railfreight/2026/04/01/no-trains-to-or-from-germany-as-key-overhead-line-fails/?gdpr=accept).
- Am 11. April 2026 kam es auf der Bahnverbindung zwischen Berlin und Halle/Leipzig bei Zahna (Sachsen-Anhalt) zu einer Havarie auf der Strecke 6132. Eine Oberleitung beschädigte einen mit rund 600 Fahrgästen besetzten ICE (www.bild.de/news/oberleitung-in-sachsen-anhalt-gerissen-600-menschen-sitzen-in-ice-fest-69da4b7a0695c741e3c29cab). Ein Ersatzoder Evakuierungszug konnte nicht kurzfristig eingesetzt werden. Die betroffenen Reisenden mussten über Stunden unter schwierigen Bedingungen im Zug ausharren (www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/zwei-menschen-bei-vorfall-verletzt-oberleitung-sturzt-in-sachsen-anhalt-auf-ice--reparatur-dauert-an-15461263.html).
- Am 12. April 2026 fuhr eine S-Bahn im Bahnhof Haan-Gruiten in ein herabhängendes Kabel. Die Fahrgäste mussten auf freier Strecke evakuiert und zu einem Ersatzbus geführt werden (www.express.de/nrw/oberleitung-abgerissen-65-fahrgaeste-aus-s-bahn-in-gruiten-evakuiert-1262282).
- Am 1. Mai 2026 prallte ein ICE auf dem Weg von Hamburg nach München bei Bardowick (Strecke 1720) gegen eine gerissene Oberleitung. Rund 460 Passagiere saßen im Zug fest. Erst in den Abendstunden konnte die Evakuierung abgeschlossen werden, eine Person wurde verletzt in ein Krankenhaus gebracht (www.spiegel.de/panorama/deutsche-bahn-gerissene-oberleitung-bei-lueneburg-hunderte-im-ice-gestrandet-a-7240dc81-a213-41e2-9175-7a317ebc7acd).
Diese Vorfälle werfen bei den Fragestellern erhebliche Fragen zu Infrastrukturqualität, Wartung, Krisenreaktion und Sicherheit bei der DB AG auf.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen10
Wie viele Abrisse von Oberleitungen im Schienennetz der DB InfraGO AG hat es von Januar 2026 bis einschließlich Mai 2026 nach Kenntnis der Bundesregierung gegeben?
Gibt es Erkenntnisse der Bundespolizei, dass auch Straftaten ursächlich für die Vorfälle waren (vgl. Vorfrage)?
Hat die Bundesregierung Kenntnis darüber, ob in den in der Vorbemerkung genannten Fällen Ersatzzüge bereitgestellt werden konnten (und wenn ja, bitte den Zeitraum zwischen Havarie und Bereitstellung des Ersatzzugs auflisten)?
Hat die Bundesregierung Kenntnis darüber, ob alle Notfallmaßnahmen entsprechend der DB-Publikation „Hilfeleistungseinsätze im Gleisbereich der DB AG Ausgabe 2026 – Version 1.0“ eingehalten wurden (und wenn ja bitte alle konkreten Maßnahmen aufschlüsseln, vgl. Vorfrage)?
Wo werden auf den betroffenen Strecken 1720, 6132 und 6363 Diesellokomotiven und Personal für Notfallmaßnahmen bereitgehalten (vgl. Vorbemerkung)?
Ist es zutreffend, dass für die wichtige Strecke 6132 im Bahnbetriebswerk der Lutherstadt Wittenberg keine Diesellokomotive für Notfälle vorgehalten wird und wenn ja, weshalb wird darauf verzichtet (die Information wurde den Fragestellern zugetragen)?
Wie wird grundsätzlich sichergestellt, dass Fahrgäste bei einem Riss der Oberleitung vor elektrischen Stromschlägen oder anderen Gefährdungen geschützt sind?
In welchen Bereichen der Strecken 1720, 6132 und 6363 wurden von 2020 bis 2025 Instandhaltungsmaßnahmen durchgeführt und in welchem Umfang?
Welche Maßnahmen werden durch die Eisenbahninfrastrukturunternehmen und die Eisenbahnverkehrsunternehmen der DB sowie dem Eisenbahnbundesamt (EBA) nach Kenntnis der Bundesregierung ggf. ergriffen, um die Zuverlässigkeit des Bahnbetriebs in Deutschland zu verbessern, ähnliche Schäden an elektrischen Oberleitungen zu verhindern und eine schnellstmögliche Evakuierung der Reisenden zu gewährleisten?
Was waren in den in der Vorbemerkung genannten Fällen die Ursachen der Oberleitungsrisse?