Lage der christlichen Gemeinden im Libanon im Kontext von Staatskrise, bewaffneten Konflikten und demografischen Veränderungen
der Abgeordneten Nicole Höchst, Dr. Rainer Rothfuß, Stefan Keuter, Udo Theodor Hemmelgarn, Dr. Alexander Wolf und der Fraktion der AfD
Vorbemerkung
Der Libanon befindet sich seit Jahren in einer tiefgreifenden politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Krise. Der Zusammenbruch staatlicher Strukturen, die Folgen der Explosion im Hafen von Beirut 2020, die anhaltende Wirtschaftskrise sowie regionale Konflikte haben zu einer erheblichen Verschlechterung der Lebensbedingungen geführt (www.securitycouncilreport.org/monthly-forecast/2026-05/lebanon-38.php).
Nach Einschätzung von Human Rights Watch ist der Libanon in der jüngeren Vergangenheit und weiterhin von institutionellem Versagen, wirtschaftlichem Niedergang und zunehmender Unsicherheit geprägt (www.hrw.org/world-report/2025/country-chapters/lebanon).
Zugleich verschärfen militärische Auseinandersetzungen zwischen Israel und der im Libanon operierenden Hisbollah die Lage insbesondere im Süden des Landes. Medienberichte dokumentieren dabei auch Schäden an religiösen Einrichtungen, darunter christliche Gebäude wie Klöster und Kirchen (https://apnews.com/article/f1eee1a81a4b1eb846efa1f400537c30).
Der Libanon ist historisch ein konfessionell strukturierter Staat, in dem christliche Gemeinschaften – insbesondere Maroniten, griechisch-orthodoxe und andere Kirchen – eine zentrale Rolle im politischen System spielen. Gleichzeitig ist ihr Bevölkerungsanteil seit Jahrzehnten rückläufig, unter anderem durch Auswanderung und demografische Entwicklungen.
Analysen weisen darauf hin, dass sich die Lage christlicher Gemeinden zunehmend durch wirtschaftlichen Druck, politische Marginalisierung, Sicherheitsrisiken sowie die wachsende Bedeutung nichtstaatlicher bewaffneter Akteure verändert (www.opendoors.org/research-reports/country-dossiers/WWL-2025-Lebanon-Persecution-Dynamics).
Zudem verschärft die humanitäre Lage den Druck auf die Gesamtbevölkerung. Laut internationalen Berichten sind über eine Million Menschen im Libanon von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen (www.reuters.com/world/middleeast/more-than-1-million-lebanon-expected-face-acute-food-insecurity-hungermonitor-2026-04-29/).
Vor diesem Hintergrund stellt sich den Fragestellern die Frage, wie die Bundesregierung die Lage der christlichen Gemeinden im Libanon bewertet und welche politischen Schlussfolgerungen sie daraus zieht.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen19
Verfügt die Bundesregierung über Informationen zur aktuellen Lage der christlichen Gemeinden im Libanon vor, insbesondere seit 2023, und wenn ja, welche?
Hat sich die Bundesregierung eine eigene Auffassung gebildet zu den Auswirkungen der wirtschaftlichen und staatlichen Krise im Libanon auf christliche Gemeinden, kirchliche Einrichtungen und soziale Infrastruktur, und wenn ja, wie lautet diese?
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung gegebenenfalls über die Abwanderung christlicher Bevölkerungsteile aus dem Libanon vor, und wenn ja, welche (bitte dabei auch auf deren Umfang und Ursachen eingehen)?
Welche belastbaren Daten oder Berichte liegen der Bundesregierung gegebenenfalls zu Schäden an christlichen Kirchen, Klöstern oder anderen religiösen Einrichtungen infolge militärischer Auseinandersetzungen im Libanon vor (bitte gegebenenfalls auch angeben, durch welche Konfliktpartei nach Kenntnis der Bundesregierung die Schäden verursacht wurden, falls hierzu Erkenntnisse vorliegen)?
Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung gegebenenfalls über die Auswirkungen der militärischen Aktivitäten der Hisbollah auf die Sicherheitslage christlicher Gemeinden, insbesondere im Süden des Libanon?
Inwieweit liegen der Bundesregierung gegebenenfalls Hinweise vor, dass christliche Gemeinden im Libanon womöglich politisch oder gesellschaftlich an Einfluss verlieren (vgl. Vorbemerkung der Fragesteller)?
Welche internationalen Berichte (z. B. Human Rights Watch, Open Doors, Vereinte Nationen oder andere Organisationen) zieht die Bundesregierung gegebenenfalls zur Bewertung der Lage der Christen im Libanon heran?
Hat sich die Bundesregierung eine eigene Positionierung erarbeitet zur langfristigen Entwicklung des konfessionellen Gleichgewichts im Libanon im Hinblick auf die Stellung der christlichen Bevölkerung, und wenn ja, wie lautet diese?
Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung gegebenenfalls über regionale Unterschiede innerhalb des Libanon hinsichtlich der Sicherheits- und Lebenslage christlicher Gemeinden?
Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung im Rahmen ihrer bilateralen Beziehungen zum Libanon gegebenenfalls, um den Schutz religiöser Gemeinschaften zu unterstützen?
In welcher Form engagiert sich die Bundesregierung im Rahmen internationaler Organisationen (z. B. Vereinte Nationen, Europäische Union) gegebenenfalls für Stabilität und den Schutz religiöser Vielfalt im Libanon?
Welche humanitären Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung kommen derzeit auch christlichen Gemeinden oder kirchlichen Organisationen im Libanon zugute?
Inwieweit berücksichtigt die Bundesregierung gegebenenfalls die besondere Rolle christlicher Einrichtungen (z. B. Schulen, Krankenhäuser) bei der Stabilisierung des Landes?
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung gegebenenfalls über die Auswirkungen der Flüchtlingssituation (insbesondere syrische Flüchtlinge) auf das konfessionelle Gleichgewicht im Libanon vor?
Welche Möglichkeiten sieht die Bundesregierung gegebenenfalls, den Fortbestand religiöser Vielfalt und insbesondere christlicher Gemeinden im Libanon langfristig zu unterstützen?
Gibt es Projekte oder Vorhaben, welche von der Bundesregierung finanziert werden und im Sinne der Fragestellung aus der vorherigen Frage wirken und wenn ja, welche (wenn ja, bitte die Haushaltstitel, Projekttitel, Zielgruppen, Fördersummen und Zeitraum sowie die Durchführungs- und Trägerorganisationen angeben)?
Hat sich die Bundesregierung eine Auffassung zum politischen Willen staatlicher Institutionen im Libanon, konfessionellen Gleichgewicht und den Schutz religiöser Gemeinschaften gebildet, und wenn ja, wie lautet diese?
Inwieweit macht die Bundesregierung ihre Unterstützung für den Libanon gegebenenfalls von Fortschritten bei staatlicher Stabilisierung, Gewährleistung innerer Sicherheit und Schutz religiöser Vielfalt abhängig?
Verfügt die Bundesregierung über Erkenntnisse (und wenn ja, welche) zur a) Anzahl der Asylbewerber aus dem Libanon seit 2017 (aufgeschlüsselt nach Jahren), b) Religionszugehörigkeit der Asylbewerber aus dem Libanon seit 2017, c) Geschlechts- und Altersstruktur der Asylbewerber aus dem Libanon seit 2017 (bitte jeweils gemäß der Fragestellung aufschlüsseln), d) Rückführungsquote der Asylbewerber aus dem Libanon seit 2017, aufgeschlüsselt nach Religionszugehörigkeit und Jahren?