Fischereitechnische Forschung und Entwicklung für eine selektive, ökosystemschonende und energieeffiziente Fischerei
Kleine Anfrage der Abgeordneten Cornelia Behm, Dr. Valerie Wilms, Harald Ebner, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorbemerkung der Fragesteller
Fragen der Fischereitechnik kommt bei der Entwicklung einer nachhaltigen Fischerei eine wichtige Aufgabe zu. Das betrifft die Entwicklung selektiver, beifangarmer und ökosystemschonender Fangtechnik. Es betrifft aber auch die Entwicklung von Fangtechniken, die zur Senkung des Treibstoffverbrauchs beitragen. Aus diesem Grund muss der anwendungsorientierten Forschung und Entwicklung im Bereich der Fischereitechnik eine gesteigerte Aufmerksamkeit gewidmet werden, um so einen Beitrag für eine umweltgerechte und zukunftsfähige europäische und deutsche Fischerei leisten zu können.
Der Handlungsbedarf ist unübersehbar. Denn Beifänge – u. a. auch an Meeressäugern und Seevögeln – und die Schäden am Ökosystem Meer – insbesondere an den Meeresböden – durch verschiedene Fischereitechniken gehören zu den Ursachen für die Überfischung vieler Bestände kommerziell genutzter Fischarten und für die Zerstörung und Gefährdung vieler mariner Arten und Ökosysteme. Der Handlungsbedarf zeigt sich aktuell auch bei der Elektrofischerei, deren Umweltauswirkungen aufzuklären sind und bei der gleichzeitig ermittelt werden muss, unter welchen Voraussetzungen sie einen Beitrag für eine umweltgerechte Fischerei leisten kann.
Anders als in der Agrarforschung und der Forstwissenschaft gibt es in der Fischereiforschung keine anwendungsorientierte Forschungseinrichtung, die sich speziell den technischen Fragen dieses Forschungsfeldes widmet. Fragen der Fischereitechnik werden stattdessen auf verschiedene Fischereiforschungsinstitute verteilt bearbeitet.
Angesichts der hohen Bedeutung, die die fischereitechnische Forschung und Entwicklung für eine selektive, ökosystemschonende und energieeffiziente Fischerei hat, sollten Überlegungen zur Stärkung der anwendungsorientierten Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Fischereitechnik angestellt und schnell zu Ergebnissen geführt werden.
Fragen und Antworten14
Welche Bedeutung misst die Bundesregierung der anwendungsorientierten Forschung und Entwicklung im Bereich der Fischereitechnik im Rahmen der Entwicklung einer nachhaltigen, selektiven, ökosystemschonenenden und energieeffizienten Fischerei bei?
Dieser Forschung kommt insbesondere vor dem Hintergrund der derzeit laufenden Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) eine große Bedeutung zu. Einen wichtigen Bestandteil der GFP-Reform stellt u. a. die Beifangvermeidung durch den Einsatz spezieller wissenschaftlich erprobter Technik dar.
Wie viele Mittel hat die Bundesregierung für die fischereitechnische Forschung in Deutschland in den letzten Jahren aufgebracht, und wie sind die diesbezüglichen Planungen für die nächsten Jahre?
Im Johann Heinrich von Thünen-Institut (vTI), Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei wurden in den Jahren 2008 bis 2012 für die fischereitechnische Forschung insgesamt rund 13 Mio. Euro aufgebracht. Über die Entwicklung in den nächsten Jahren kann tendenziell fortlaufend mit den bereits angegebenen Ausgaben gerechnet werden. Diese sind jedoch abhängig von der Anzahl der Projekte. Derzeit laufen beim für Fangtechnik zuständigem Institut für Ostseefischerei insgesamt sechs Projekte im Bereich der Fangtechnik. Das Bundesamt für Naturschutz hat in den Jahren 2008 bis 2011 Forschungsvorhaben zu alternativen Fangtechniken mit ca. 150 000 Euro gefördert.
a) In welchen Forschungseinrichtungen findet in Deutschland Forschung und Entwicklung im Bereich der Fischereitechnik statt? b) Wie viel Forschungspersonal steht jeweils für den Bereich der Fischereitechnik zur Verfügung? c) Welches Budget steht jeweils für den Bereich der Fischereitechnik zur Verfügung?
Fischereitechnische Forschung und Entwicklung findet in Deutschland im Wesentlichen im vTI statt, hier im Institut für Ostseefischerei in Rostock. Die Fachhochschule Kiel (Fachbereich Maschinenwesen) arbeitet zurzeit an einem Projekt zur Energieeffizienz in der Fischerei. Der Fachbereich Maschinenbau der Universität Rostock umfasst dieses Thema noch im weiteren Umfeld des Lehrangebots.
Es stehen in diesem Bereich zwei Fischereiwissenschaftler und ein Fischerei- Ingenieur zur Verfügung. Diese werden unterstützt von drei technischen Angestellten.
Es steht diesem Bereich kein spezifisch ausgewiesenes Budget zur Verfügung. Der Bedarf der Fischereitechnik wird vielmehr aus dem Gesamtbudget des Instituts und einem gesondertem Titel der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung bedient.
Welche deutschen Forschungseinrichtungen haben in den vergangenen Jahren europäische Mittel in welcher Höhe im Bereich der Fischereitechnik eingeworben?
Das vTI hat in den letzten drei Jahren europäische Mittel in Höhe von 380 000 Euro für fischereitechnische Arbeiten eingeworben. Die Fachhochschule Kiel hat europäische Mittel in Höhe von 288 068 Euro im Rahmen des Projektes zur Energieeffizienz eingeworben.
Welche Schwerpunkte setzen diese Forschungseinrichtungen bei ihrer Arbeit im Bereich der Fischereitechnik?
Die Schwerpunkte der Forschung sind Energieersparnis in der Schleppnetzfischerei, Beifangreduzierung durch spezifisches Netzdesign, Pulsbaumkurren in der Krabbenfischerei, Entwicklung und Erprobung von alternativen Fanggeräten in der passiven Fischerei.
Reicht das Maß an Forschung im Bereich der Fischereitechnik aus Sicht der Bundesregierung aus, oder wäre es aus Sicht der Bundesregierung angebracht, die Forschung zur Fischereitechnik auszuweiten, um die Entwicklung einer nachhaltigen Fischerei zu beschleunigen?
Aus Sicht der Bundesregierung reicht das Maß an Forschung im Bereich der Fischereitechnik aus. Künftig soll diese Forschung aber verstärkt auf die Entwicklung nachhaltiger Fischereitechniken ausgerichtet werden.
Sieht die Bundesregierung die Gefahr, dass das Forschungsfeld Fischereitechnik vernachlässigt wird, weil es keine wissenschaftliche Institution gibt, die einen Fokus auf dieses Wissenschaftsgebiet legt? Wenn nein, warum nicht?
Bindet die Aufteilung der fischereitechnischen Forschungstätigkeiten auf verschiedene Forschungseinrichtungen in relevantem Maße zusätzliche Kapazitäten für die Koordinierung der Forschungs- und Entwicklungsarbeiten, und in welchem Maße besteht dabei die Gefahr von Doppelarbeit? Welche Probleme sieht die Bundesregierung darin?
Hält die Bundesregierung die Einrichtung eines eigenständigen Instituts für Fischereitechnik für sinnvoll? Wie begründet sie diese Bewertung?
Wenn ja, hält a) es die Bundesregierung für sinnvoll, fischereitechnische Fragen in einer neuen bzw. eigenständigen Ressortforschungseinrichtung (konkret am Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei) zu bearbeiten, und wie begründet sie diese Schlussfolgerung; b) die Bundesregierung eine neue fischereitechnische Forschungseinrichtung im Rahmen der Bund-Länder-Forschungsförderung für erstrebenswert, und welche der vier großen Forschungsorganisationen käme dafür aus Sicht der Bundesregierung in Frage, und wie begründet sie diese Schlussfolgerung?
Hält die Bundesregierung eine stärkere Koordinierung für fischereitechnische Forschung für sinnvoll, und wenn ja, welche Maßnahmen will die Bundesregierung ergreifen, um die Koordinierung zu stärken?
Welche weiteren Maßnahmen zur strukturellen und finanziellen Stärkung der fischereitechnischen Forschung in Deutschland hält die Bundesregierung für möglich und für sinnvoll?
Welche Maßnahmen zur strukturellen und finanziellen Stärkung der fischereitechnischen Forschung und Entwicklung in Deutschland plant die Bundesregierung?
Die Fragen 7 bis 13 hängen inhaltlich eng zusammen und werden daher gemeinsam beantwortet.
Wie bereits in der Antwort zu Frage 3a ausgeführt ist das Aufgabenfeld „Fangtechnik“ federführend im Institut für Ostseefischerei des vTI angesiedelt. Das Aufgabenfeld wurde dem Institut eigens durch das „Konzept für eine zukunftsfähige Ressortforschung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV)“ (2007) zugewiesen und stellt dort einen wichtigen Schwerpunkt dar. Das Institut führt unter anderem Untersuchungen, Entwicklungen und Bewertungen von technischen Maßnahmen, Methoden und Modellen zur nachhaltigen Bewirtschaftung von Fischbeständen, Untersuchungen zur Verbesserung der Selektionseigenschaften von Netzen zur Verringerung von Fängen von Nicht-Zielarten sowie Untersuchungen zu alternativen Fanggeräten durch.
Wie in der heutigen Forschungslandschaft üblich und unumgänglich ist das Institut eng mit thematisch verwandten und methodisch relevanten Forschungseinrichtungen national und international vernetzt. Systematische Forschung zu breiten Themenbereichen kann heute wissenschaftlich und wirtschaftlich nur arbeitsteilig durchgeführt werden. Innerhalb der Ressortforschung ist die Zusammenarbeit mit den vTI-Instituten für Seefischerei und für Fischereiökologie am engsten. Kooperationspartner sind ferner z. B. die Forschungsinstitute DTU-Aqua und SINTEF in Dänemark, MIR in Polen, IMAREs in den Niederlanden sowie ILVO in Belgien.
Aus den Ausführungen ergibt sich, dass die Bundesregierung die Einrichtung eines eigenständigen Instituts für Fischereitechnik nicht für erforderlich hält, da sie nicht die Gefahr sieht, dass das Forschungsfeld Fischereitechnik vernachlässigt wird. Dies wird durch die Ausführungen zu Frage 2 gestützt.
Die Koordinierung von Forschungsaktivitäten in fachlichen Netzwerken gehört zum wissenschaftlichen Alltag. Die Vermeidung von Doppelarbeit liegt im ureigenen Interesse der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die nur dann eine hohe Reputation gewinnen können, wenn sie an einem bisher unbearbeiteten Thema forschen. Es gehört zur guten wissenschaftlichen Praxis, vor Projektbeginn den Stand des Wissens zu recherchieren.
Die Bundesregierung hält es nicht für erforderlich, die Koordinierung der fischereitechnischen Forschung durch neue Instrumente zu verstärken. Neben der oben beschriebenen Koordinierung auf wissenschaftlicher Ebene ist noch die von Bund und Ländern gemeinsam getragene Datenbank FISA (Fachinformationssystem Agrar- und Ernährungsforschung, www.fisaonline.de) als Koordinierungshilfsmittel zu erwähnen. FISA gibt einen Überblick über Forschungsvorhaben und -einrichtungen der Agrar- und Ernährungswissenschaften (inkl. Fischerei), die in Deutschland mit öffentlichen Mitteln finanziert werden. Angesichts der bereits existierenden Forschungseinrichtungen, Finanzierungen Fördermaßnahmen und Koordinierungsinstrumente plant die Bundesregierung derzeit grundsätzlich keine neuen Maßnahmen zur Stärkung der fischereitechnischen Forschung in Deutschland.
Welche Maßnahmen zur strukturellen und finanziellen Stärkung der fischereitechnischen Forschung und Entwicklung in Deutschland planen die Bundesländer nach Kenntnis der Bundesregierung?
Maßnahmen zur strukturellen Stärkung der fischereitechnischen Forschung planen die Länder derzeit nicht. Allerdings können im Rahmen der zur Verfügung stehenden Mittel aus dem Europäischen Fischereifonds und entsprechenden Kofinanzierungsmitteln des Landes konkrete Forschungsvorhaben im Bereich der Fischereitechnik gefördert werden. Auch in Zukunft wird auf derartigen Projekten eine besondere Priorität liegen.