Deutsch-Französisches Innovationsprojekt einer europäischen Suchmaschine Quaero
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Grietje Bettin, Volker Beck (Köln), Ekin Deligöz, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Drucksache 16/3383 –
Vorbemerkung der Fragesteller
Die Informationssuche im Internet findet hauptsächlich über Suchmaschinen statt, weil diese Zugriff und Auswahl aus einer Masse von Informationen erleichtern. Suchmaschinen entscheiden aber auch, wo und ob Informationen gelistet werden: Suchmaschinen sind „Gatekeeper“, die den Zugang zu Wissensbeständen kanalisieren.
Die meistgenutzte Suchmaschine in Deutschland ist Google. Google beantwortet hierzulande rund 80 Prozent aller Suchanfragen und hat weltweit einen Marktanteil von über 60 Prozent.
Als Alternative oder Ergänzung zu den vorhandenen Suchmaschinen soll jetzt eine europäische Suchmaschine namens Quaero etabliert werden. Das Projekt wurde anlässlich des 5. Deutsch-Französischen Ministerrats am 20. April 2005 zwischen dem französischen Staatspräsidenten und dem damaligen deutschen Bundeskanzler als deutsch-französisches Projekt im Bereich der Technologiepolitik vereinbart. Das Quaero-Projekt besteht aus dem Verbund einzelner Projekte in Deutschland und Frankreich und hat zum Ziel, den Zugang, die Verteilung und Nutzung des online verfügbaren Wissens zu verbessern und nutzerfreundlich zu gestalten. Es sollen neue Produkte und Dienste für die wirtschaftliche Nutzung des Internets entwickelt werden, die sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen anwenden können.
Quaero soll eine multimediale Suchmaschine werden. Die Software soll Texte, Bilder, Audiodateien und digitalisierte Bücher aus Bibliotheken auffinden. Im Unterschied zu anderen Suchmaschinen ist der Aufbau so genannter semantischer Wissensinfrastrukturen geplant. Das bedeutet, Quaero soll nicht nur nach Wörtern oder Stichworten suchen, sondern auch Seiten zu bestimmten Themen auffinden, indem Begriffe verknüpft und durch zusätzliche Kennzeichnungen der Nutzer ergänzt werden.
Als Projektlaufzeit sind fünf Jahre angesetzt. Auf deutscher Seite sind rund 90 bis 100 Mio. Euro im Haushalt des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie für das Projekt vorgesehen. Deutsche Partner des Projektes Quaero auf Seiten der Privatwirtschaft sind Thomson und verbundene Unternehmen, Bertelsmann und verbundenen Unternehmen, SAP, Siemens, Lycos, Morsophy, m2any, Ontoprise. Beteiligte Forschungseinrichtungen in Deutschland sind die Fraunhofer Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e. V., das Institut für Rundfunktechnik, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH, das Forschungszentrum Informatik und deutsche universitäre Partner (Karlsruhe, Aachen, München, Darmstadt, Konstanz). Verbundene öffentliche Einrichtungen und Verbände sind die Deutsche Nationalbibliothek und der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e. V.
Fragen und Antworten6
Aus welchen Gründen gab es keine öffentliche Ausschreibung, auf die sich Unternehmen zur Beteiligung am Projekt Quaero bewerben konnten?
Quaero wurde beim 5. Deutsch-Französischen Ministerrat am 20. April 2005 als eines von drei gemeinsamen Leuchtturmprojekten, die von einer hochrangigen bilateralen deutsch-französischen Industriegarbeitsgruppe (Leitung Cromme/ Beffa) vorgeschlagen wurden, ausgewählt. Bei der Aufsetzung von strategischen Großprojekten mit grundlegender Bedeutung sind Ausschreibungen nicht üblich, da hier – auf der Grundlage von vorgegebenen Zielen – die Projektpartner durch eine stringente Projektführung ausgewählt werden und das notwendige Projektmanagement durch den Konsortialführer vorgenommen wird. Im Fall von Quaero hat Empolis/Bertelsmann als Konsortialführer eine umfassende und zeitaufwändige Abstimmung in der Industrie vorgenommen, um die inhaltliche Ausrichtung, die Profilierung des deutschen Projektanteils und die adäquate Beteiligung der relevanten Know-how-Träger auf deutscher Seite festlegen zu können. Dabei konnten viele Interessensbekundungen aus Industrie und Wissenschaft berücksichtigt werden. In Frankreich ist die Fa. Thomson in ähnlicher Weise vorgegangen. Es ist geplant, den deutschen Quaero-Teil in einer zweiten Förderphase in voraussichtlich zwei Jahren mit einer Ausschreibung über das jetzt etablierte Konsortium hinaus zu öffnen, so dass erste Ergebnisse insbesondere für weiterführende Entwicklungen in der mittelständischen Wirtschaft genutzt werden können.
Welche Kriterien hat die Bundesregierung bei der Auswahl der Unternehmen, die am Quaero-Projekt beteiligt sind, angesetzt? Welche Institutionen und Personen sind in der Jury vertreten, die die Projektanträge für das deutsche Konsortium evaluieren?
Das Interesse an einer Mitwirkung im deutschen Quaero-Projekt war so groß, dass nicht nur die Anzahl der Beteiligten die Erwartungen übertraf, sondern auch die Höhe der beantragten Mittel rd. 100 Prozent über den Haushaltsansätzen lag. Im Evaluationsprozess mit Hilfe einer unabhängigen Jury wurde daher eine Priorisierung der Projektteile erarbeitet.
Die Kriterien waren wissenschaftliche Qualität, Verwertungs- und Nachhaltigkeitspotenzial sowie Kompetenz der einbezogenen Konsortialpartner und Qualität des Arbeitsplanes einschließlich Ressourcenallokation. Von insgesamt 11 eingereichten Vorschlägen für Teilvorhaben („Uses Cases“) in Deutschland wurden nach Berücksichtigung der Gutachterempfehlungen 7 zur FuE-Förderung vorgeschlagen.
Die Jury setzte sich aus 8 unabhängigen Experten, davon 7 aus der Wissenschaft, zusammen. Die Gutachter zeichnen sich durch exzellente fachliche Expertise aus. Sie sind namentlich bekannt gegeben worden (http://www.pt-multimedia.de/).
Aus welchen Gründen liegt die Federführung des Konsortiums bei der Bertelsmann-Tochter Empolis GmbH, einem Unternehmen das bisher nicht mit Suchmaschinen gearbeitet hat? Aus welchen Gründen wurde die Federführung nicht in die Hand eines Unternehmens, das bereits Erfahrungen mit Suchmaschinen vorweist, gelegt? Aus welchen Gründen sind kleinere Unternehmen, wie beispielsweise die Allesklar.com AG, die auf Erfahrungen mit Suchmaschinen zurückgreifen können, nicht an dem Projekt Quaero beteiligt?
Die Empolis GmbH ist in Deutschland eines der maßgeblichen Unternehmen im Bereich der Suchtechnologien. Empolis liefert Suchtechnologie nicht nur an Unternehmen, sondern auch an Teile der deutschen Verwaltung. Hinzu kommt, dass Empolis auch bereits Erfahrungen im Umgang mit Informationsaufbereitungsprozessen (z. B. Content Management) aufweist, die bei Quaero ebenfalls von Bedeutung sind. Zum Konsortium gehört darüber hinaus mit Lycos ein führender Portalbetreiber Europas, so dass (auch im Zusammenspiel mit der Siemens AG und der SAP) das Suchtechnologie- und Portal-Know-how insgesamt umfassend einbezogen ist.
Im Prozess der Konsortialbildung haben Empolis, aber auch das BMWi u. a. über den Branchenverband BITKOM und die führende unabhängige Suchmaschineninitiative SuMa e. V. Vorschläge zur Beteiligung von KMU erhalten. Entsprechend den Anforderungen des Quaero-Projektes wurden die geplanten Aktivitäten der KMU geprüft. Wichtige Kriterien waren dabei FuE-Potenzial und möglicher FuE-Beitrag zu Quaero sowie Bonität. Soweit möglich wurden kleine und mittlere Unternehmen einbezogen. Als Beispiele für kleine Unternehmen seien angeführt die m2any GmbH, die sich auf Grundlagen und erste Projekte im Bereich Audiosuche spezialisiert hat, und die moresophy GmbH, deren Schwerpunkt auf dem dynamischen semantischen Modelling liegt. In einer zweiten Phase bestehen zudem weitere Chancen für eine Beteiligung (vgl. Antwort zu Frage 1).
Unter welchen Gesichtspunkten fand die Auswahl der beteiligten Hochschulen statt?
Wichtiges Kriterium zur Auswahl der beteiligten Hochschulen war ihr Beitrag zur Erweiterung der technologischen Grundlagen für die Erschließung multimedialer Inhalte im Internet und deren Zugriff, Verarbeitung, Navigation und Suche. Dabei steht die Entwicklung von solchen Basistechnologien im Vordergrund, die zu innovativen Produkten, Dienstleistungen und Geschäftsmodellen („Use Cases“) führen.
a) Ist die IuK-Initiative Digitale Bibliotheken, die beim Aufbau elektronischer Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen in ihren wissenschaftlichen Fachgesellschaften gemeinsam vorgeht, in das Projekt Quaero eingebunden? b) Ist das vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels initiierte Projekt „Volltextsuche online“, an dem viele deutsche Verlage beteiligt sind, in die Planung des Projektes Quaero eingebunden? c) Im Falle, dass das Projekt Quaero nicht mit den genannten Initiativen abgestimmt sein sollte, worin liegen die Gründe für dieses Vorgehen?
Die Bundesregierung beabsichtigt, auf Basis der Studie „Bestandsaufnahme zur Digitalisierung von Kulturgut mit Handlungsempfehlungen“ zusammen mit den Ländern ein nationales Konzept zur Digitalisierung von Kulturgut und zum deutschen Beitrag für die Europäische Digitale Bibliothek zu erarbeiten. Um das Potenzial von digitalen Bibliotheken optimal zu nutzen, sollen im Rahmen von Quaero unter anderem auch spezielle Such- und Navigationswerkzeuge für multimediale Inhalte – hier beispielhaft anhand der Anforderungen der Deutschen Nationalbibliothek – entwickelt werden. Sowohl mit der Koordination über den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien als auch die Know-how-Träger Deutsche Nationalbibliothek und Fraunhofer-Institute, die in Quaero beteiligt sind, findet ein enger Abstimmungsprozess seitens BMWi bzw. Empolis statt.
Im Rahmen der Arbeitsgruppe „Volltext Online“ gab es über die Verlagsgruppe G. v. Holtzbrinck eine enge Verknüpfung mit Quaero. Der Informationsaustausch wird auch in die Zukunft fortgeführt. Die Ausrichtung von Quaero vor allem auf semantische Suchtechnologien kann als konsequente wissenschaftliche und technologische Fortsetzung des Schwerpunktes „Volltextsuche“ im Projekt des Börsenvereins angesehen werden. Die Verlagsgruppe G. v. Holtzbrinck erwägt, in einer zweiten Phase die Zusammenarbeit mit dem Quaero-Projekt zu vertiefen.
Entfällt.
Besteht ein konkreter Zeitplan, der Auskunft darüber erteilt, wie und wann das Projekt Quaero in die Praxis umgesetzt wird? Zu welchem Zeitpunkt soll das Projekt für Bürgerinnen und Bürger nutzbar sein?
Bei Quaero handelt es sich um ein FuE-Vorhaben, für das ein konkreter Zeitplan für die nächsten 3 bis 5 Jahre aufgestellt ist. Dabei werden kurzfristig orientierte Teilvorhaben rascher FuE-Ergebnisse bringen, die dann in die Praxis umgesetzt werden können. Wichtige Konsortialvereinbarungen der Industrie befinden sich dabei noch im Verhandlungsstadium. Für bestimmte Teilvorhaben wird man bereits Anfang 2008 mit FuE-Ergebnissen rechnen können, die im Erfolgsfall dann seitens der Industrie in die Praxis umgesetzt werden. So werden im Rahmen des Teilvorhabens („Use Cases“) Alexandria dem Internetnutzer auf einer Plattform Möglichkeiten zur Informationsveröffentlichung und -veredelung geboten, die weit über die heute gängigen Methoden hinausgehen.