[Deutscher Bundestag Drucksache 17/14635
17. Wahlperiode 27. 08. 2013
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums des Innern vom 23. August 2013
übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Willi Brase, Petra Ernstberger,
Iris Gleicke, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD
– Drucksache 17/14524 –
Rechtsextremismus im ländlichen Raum
Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Ländliche Räume können als Kristallisationspunkte für rechtsextreme
Strukturen dienen. Wenn Rechtsextreme dort weniger Gegenwehr erfahren als in
Städten, wo es vielfach bereits gut etablierte zivilgesellschaftliche Strukturen gibt,
dann kann schnell die Bildung jugendkultureller Formationen wie
Kameradschaften und lose Cliquen, die Etablierung einer rechten Musikszene, die
Schaffung logistischer Zentralpunkte sowie – im schlimmsten Fall – eine Vernetzung
zwischen Jugendkultur und dem organisierten Rechtsextremismus erfolgen.
Darüber hinaus ist eine zunehmende Durchdringung und Infiltrierung von
Sportvereinen und freiwilligen Feuerwehren durch Rechtsextreme im
ländlichen Raum zu beobachten. Dadurch geschaffene Netzwerke und deren
Aktivitäten haben zu einer verstärkten Präsenz der extremen Rechten im Alltag
geführt, die sich vor allem um die Rekrutierung von Kindern und Jugendlichen
bemüht.
Ziel staatlichen Handelns und der Zivilgesellschaft muss die Stärkung einer
demokratischen Kultur und des zivilgesellschaftlichen Engagements sowie die
Förderung von Toleranz und Empathie vor allem bei jungen Menschen in
strukturschwachen Regionen sein.
Vo r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Der gesellschaftliche Zusammenhalt unseres Landes benötigt die
selbstbestimmte Mitwirkung möglichst vieler Menschen, die den uns verbindenden
Werten von Demokratie, Toleranz und Respekt verpflichtet sind. Es ist daher
von besonderer Bedeutung, Bürger für eine Beteiligung am demokratischen
Prozess und zur Mitgestaltung der Lebenswirklichkeit zu gewinnen sowie die
Aktiven in ihrem Engagement zu stärken. Gerade im ländlichen Raum, in dem die
Bereitschaft zum gesellschaftlichen Engagement generell noch ausgeprägter ist
als im städtischen Umfeld, liegt dafür eine besondere Chance. Daher kommen
etablierten, am Gemeinwohl orientierten, zivilgesellschaftlichen Strukturen, wie
sie die Sportvereine, Freiwilligen Feuerwehren und weiteren Organisationen
bieten, eine Schlüsselrolle zu. Diese leben vom Engagement vieler Akteure. Die
Menschen, die sich dort füreinander und für ein gemeinsames Ziel einsetzen,
ermöglichen damit einen gesellschaftlichen Zusammenhalt, der Grundlage einer
toleranten und demokratischen Gesellschaft ist.
Die Bundesregierung hat dabei im Blick, dass die Aktiven in den Vereinen und
Verbänden vor vielfältigen Herausforderungen stehen. Daher bedeutet ein
Beitrag für eine aktive, tolerante und verantwortungsbewusste Arbeit auch immer
ein Engagement gegen Extremismus. Wer verantwortlich und sozial engagiert
sein Lebensumfeld gestaltet, kann die eigene Wirkung auf gesellschaftliche
Prozesse erfahren und ist weniger empfänglich für extremistische Ideologien.
Ein attraktives Gemeinwesen, das Demokratie und Toleranz stärkt, entsteht
nicht durch staatliches Verordnen, sondern vor allem durch bürgerschaftliches
Engagement. Die Bundesregierung unterstützt und fördert dieses Engagement
mit einem Bündel von Maßnahmen.
1. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die Nutzung des
ländlichen Raums als Aktivitätsgebiet von Rechtsextremisten und Neonazis?
Rechtsextremismus ist nach den Erkenntnissen der Verfassungsschutzbehörden
eher ein Phänomen in den ländlichen Regionen als in Großstädten und
Ballungsgebieten, auch wenn in einigen Großstädten (exemplarisch, nicht jedoch
abschließend: Berlin, Dresden, Leipzig, Dortmund) starke rechtsextremistische
Szenen bzw. Strukturen – vor allem solche von Neonazis – existieren.
Schwerpunkte von Rechtsextremisten in ländlichen Gebieten liegen vor allem in
Ostdeutschland, aber auch in einigen wenigen Regionen der westlichen
Bundesländer mit ähnlichen gesellschaftlichen, strukturellen und wirtschaftlichen
Herausforderungen.
Insbesondere die NPD, die in Großstädten weniger präsent ist, engagiert sich
verstärkt im ländlichen Raum. In ihren Programmen und Wahlkampfauftritten
versucht die Partei, ihren Wählern das Bild einer Partei zu vermitteln, die sich
um Probleme vor Ort kümmert und den Menschen als regionaler
Ansprechpartner dient. Verbunden mit einem intensiven Materialeinsatz gelingt es ihr so,
insbesondere in Gebieten mit geringer Einwohnerdichte regelmäßig
überdurchschnittliche Wahlergebnisse zu erzielen, während sie in urban geprägten
Wahlkreisen vergleichsweise wenig Zuspruch erhält. Besonders deutlich wurde
der Erfolg der NPD-Bemühungen, den ländlichen Raum in den Vordergrund
ihrer Wahlkampfaktivitäten zu stellen, bei den Landtagswahlen in Sachsen
(2009: landesweit 5,6 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (2011:
landesweit 6 Prozent). Dabei stützte sie sich zuweilen auch auf besonders ausgeprägte
Neonazi-Strukturen vor Ort. In beiden Ländern konnte die NPD
Spitzenergebnisse im deutlich zweistelligen Bereich erzielen, allerdings jeweils nur in
Kleinstgemeinden, bei denen aufgrund einer relativ geringen Einwohnerzahl
sowie einer schwachen Wahlbeteiligung solche Ergebnisse schon bei einem
absoluten Zweitstimmenanteil von unter 100 Stimmen möglich waren.
2. Wie viele polizeilich bekannte Mitglieder und Anhänger der
rechtsextremistischen Szene haben nach Erkenntnis der Bundesregierung in den letzten
fünf Jahren ihren Wohnsitz von der Stadt in den ländlichen Raum verlegt
(bitte nach Jahren und Bundesländern aufschlüsseln)?
Der Bundesregierung liegen hierzu keine systematischen Erkenntnisse vor.
Insbesondere besteht kein Meldedienst, in dessen Rahmen das Bundeskriminalamt
(BKA) oder das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) über
Wohnsitzverlagerungen von Mitgliedern oder Anhängern der rechtsextremistischen Szene
informiert werden.
Zudem ist der unbestimmte Begriff „ländlicher Raum“ in dieser Form kein
Erfassungskriterium in den beim BKA und beim BfV geführten Dateien.
Im Übrigen obliegt die Erstellung von Analysen und Auswertungen bezogen auf
das Straftatenaufkommen in regionalen, kommunalen oder lokalen Strukturen
den jeweiligen Landespolizeien, die diese in unterschiedlicher Tiefe und mit
unterschiedlichem Fokus (Prävention und Kriminalitätsschwerpunkte) erstellen.
3. Wie haben sich nach Informationen der Bundesregierung die Zahlen von
politisch motivierten Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund im
ländlichen Raum in den vergangenen fünf Jahren entwickelt (bitte nach
Bundesländern aufschlüsseln)?
Hierzu liegen der Bundesregierung keine Erkenntnisse vor. Auf die
Ausführungen zum Begriff „ländlicher Raum“ in der Antwort zu Frage 2 wird verwiesen.
4. In welchen Städten und Gemeinden sind nach Erkenntnissen der
Bundesregierung in den vergangenen fünf Jahren die meisten politisch motivierten
Straftaten je 1 000 Einwohnerinnen/Einwohner mit rechtsextremem
Hintergrund verübt worden (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
Die Bundesregierung äußert sich grundsätzlich nicht ohne Abstimmung mit den
Ländern zur regionalen Aufschlüsselung des Straftatenaufkommens in den
Ländern.
5. Inwieweit sind der Bundesregierung spezifische Gemeinden im ländlichen
Raum bekannt, die als Ansiedlungsschwerpunkte für Neonazis und andere
Rechtsextremisten zu charakterisieren sind, und welche sind dies?
Nach Erkenntnissen der Bundesregierung gibt es sowohl im ländlichen als auch
städtischen Raum Orte, in denen ein zahlenmäßig erhöhtes
rechtsextremistisches Personenpotenzial lebt. Allerdings handelt es sich hierbei überwiegend
nicht um Ansiedlungsschwerpunkte, das heißt ein gezielter Zuzug von
Rechtsextremisten ist nicht erkennbar.
Dem BfV sind lokal konzentrierte Ansiedlungen von Personen, die dem
rechtsextremistischen Spektrum zugerechnet werden können, lediglich aus
Mecklenburg-Vorpommern bekannt. Beispielhaft hierfür kann die Ortschaft Jamel in der
Gemeinde Gägelow (Landkreis Nordwestmecklenburg) benannt werden.
Die in Presseveröffentlichungen beschriebenen völkischen
Siedlungsbestrebungen in Mecklenburg-Vorpommern sind der Bundesregierung bekannt, jedoch
werden nicht alle sogenannten völkischen Siedler als rechtsextremistisch
eingestuft. Im Landkreis Güstrow sind neben anderen völkischen Siedlern auch
Anhänger der rechtsextremistischen „Artgemeinschaft“ und der „Gesellschaft für
biologische Anthropologie, Eugenetik und Verhaltensforschung“ ansässig
geworden. Einige dieser Siedler gehörten teilweise auch verbotenen
Organisationen wie der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ oder der „Hilfsorganisation für
nationale politische Gefangene und deren Angehörige“ an. Diese Personen sind
vernetzt und teils auch verwandt mit Siedlern in ähnlichen Strukturen im
Landkreis Ludwigslust, im Landkreis Nordwestmecklenburg sowie im Landkreis
Bad Doberan. Auch hierunter befinden sich Personen, die teilweise dem
rechtsextremistischem Spektrum zugerechnet werden können.
6. Welche Informationen hat die Bundesregierung über rechtsextreme
Strukturen und entsprechende Aktivitäten in Jamel, Hoppenrade und Koblentz (alle
Mecklenburg-Vorpommern), und wie bewertet die Bundesregierung diese
Informationen?
Bei den Gemeinden Jamel, Hoppenrade und Koblentz handelt es sich um
Kleinbzw. Kleinstgemeinden.
Das Dorf Jamel hat ca. 35 Einwohner, von denen sieben Personen der
rechtsextremistischen Szene zugeordnet werden können. In Jamel ist ein enges und
dauerhaftes Zusammenwirken von NPD, Neonazis und der subkulturellen
rechtsextremistischen Szene zu beobachten. Dies hat medial den Eindruck
erweckt, die Region sei von Rechtsextremisten geprägt. Bundesweit bekannt ist
insbesondere der ehemalige NPD-Funktionär Sven Krüger, der mehrere
Grundstücke in der Gemeinde Gägelow besitzt und bis zu seiner Inhaftierung im
Januar 2011 den Ankauf weiterer Liegenschaften betrieben hat. Aufgrund der
relativ hohen Dichte an Rechtsextremisten in Jamel werden dort auch
entsprechende rechtsextremistische Veranstaltungen durchgeführt.
Erkenntnisse über bereits bestehende nennenswerte NPD-Strukturen in der
Gemeinde Hoppenrade (673 Einwohner) im Landkreis Rostock liegen nicht vor.
In Hoppenrade hat sich aber nach Kenntnis des BfV ein Rechtsextremist
angesiedelt, der im Verdacht steht, Siedlungsstrukturen aufzubauen.
In der Gemeinde Koblentz (224 Einwohner) im Landkreis Vorpommern-
Greifswald konnte die NPD bei der Landtagswahl im September 2011 mit 33 Prozent
der Stimmen ihr bestes Ergebnis in ganz Mecklenburg-Vorpommern erzielen.
Mit Tino Müller und Michael Andrejewski gehören zwei Landtagsabgeordnete
der vierköpfigen NPD-Fraktion im Kreistag Vorpommern-Greifswald an.
Trotz derartiger punktueller lokaler Schwerpunkte gibt es jedoch keine Gebiete,
die gänzlich von Rechtsextremisten „beherrscht“ werden.
7. Welche Informationen hat die Bundesregierung über die Organisation und
Durchführung von Dorf-, Familien- und Kinderfesten durch die
Rechtsextremen- und Neonaziszene?
a) Welche regionalen Schwerpunkte sind der Bundesregierung in diesem
Zusammenhang bekannt?
b) Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus diesen
Informationen?
Die Ausrichtung von rechtsextremistischen Dorf-, Familienfesten wird in der
Regel durch die NPD mit partieller Unterstützung von Neonazis aus der
jeweiligen Region organisiert. Gerade in einigen Regionen Ostdeutschlands (z. B.
Mecklenburg-Vorpommern) – aber nicht ausschließlich dort – ist eine starke
Vermischung der neonazistischen und parteigebundenen rechtsextremistischen
Szene festzustellen.
Neonazis sind häufig auch Mitglied in der NPD. Eine eigenständige
Organisation von Veranstaltungen, die sich an Familien oder an die ortsansässige
Bevölkerung richten, durch Neonazis ist in nennenswertem Maße nicht vorhanden.
Anders bei der NPD: Insbesondere in Stralsund, Bad Doberan, Grevesmühlen,
Neustrelitz und Ueckermünde (alle Mecklenburg-Vorpommern) veranstaltete
sie in den vergangenen Jahren regelmäßig Kinderfeste, um gezielt Familien
anzusprechen. Auch hochrangige Parteifunktionäre wie Udo Pastörs, Michael
Andrejewski, Tino Müller und Stefan Köster beteiligten sich hieran und suchten
das Gespräch mit den anwesenden Eltern. Die NPD versucht bereits seit
mehreren Jahren über die Verfolgung einer sogenannten Graswurzelstrategie ihre
Verankerung in der „Mitte der Gesellschaft“ voranzutreiben. Insbesondere in den
strukturschwachen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsens – aber
nicht ausschließlich dort – kann anlässlich der Wahrnehmung der NPD von einer
vergleichsweise geringeren Stigmatisierung und einem gewissen
Normalisierungsprozess gesprochen werden.
8. Welche Informationen hat die Bundesregierung über Immobilien, die zu
Veranstaltungszwecken der Rechtsextremen- und Neonaziszene genutzt
werden, und welche Immobilien betrifft dies im Detail (bitte nach
Bundesländern auflisten)?
Rechtsextremisten nutzen bundesweit rund 260 Immobilien (Stand: Mai 2013)
mit einer solchen Zielrichtung. Keine Berücksichtigung finden in dieser
Zahlenangabe Objekte, die Rechtsextremisten ausschließlich für eigene Wohn- oder
sonstige, eindeutig nicht extremistische Zwecke nutzen. Nur rund ein Drittel der
von Rechtsextremisten genutzten Immobilien sind deren Eigentum. Ansonsten
handelt es sich um gemietete, gepachtete oder regelmäßig für Versammlungen
zur Verfügung stehende Objekte. Bei den von Rechtsextremisten genutzten
Immobilien ist im Wesentlichen zwischen folgenden Nutzergruppen zu
unterscheiden: 98 Objekte (37 Prozent) sind der NPD oder ihren Teilorganisationen,
38 Objekte (15 Prozent) den „Freien Kameradschaften“ bzw. dem
neonazistischen Spektrum sowie 25 Objekte (10 Prozent) einer gemeinsamen Nutzung
durch NPD und parteiunabhängigen Neonazis zuzuordnen. Bei 24 Objekten
(9 Prozent) gehören die Nutzer rechtsextremistischen Kleingruppen an. Auf
75 Objekte (29 Prozent) schließlich greift die rechtsextremistische Szene
strömungsübergreifend zurück, ohne dass bestimmte Gruppierungen
schwerpunktmäßig in Erscheinung treten.
Auch angesichts der Nutzungsformen von Immobilien durch die
rechtsextremistische Szene ist zu differenzieren, wobei vielfach eine multifunktionale
Inanspruchnahme vorliegt. Knapp zwei Drittel der Objekte dienen als allgemeine
Treff- und Versammlungsorte, unter anderem werden 67 Objekte (26 Prozent)
primär für Musik- sowie 70 Objekte (27 Prozent) für Schulungs- und
Vortragsveranstaltungen genutzt. Hervorzuheben sind schließlich 23 Immobilien (9
Prozent), die für die Ausübung eines Gewerbes im Kontext rechtsextremistischer
Aktivitäten (Szeneladen, Versandhandel, Verlag, Musikvertrieb) Verwendung
finden.
Aufgeschlüsselt nach einzelnen alten und neuen Bundesländern ergibt sich
bezüglich der Zahl der von Rechtsextremisten genutzten Objekte folgendes,
quantitativ absteigendes Bild:
Sachsen (48), Thüringen (27), Bayern (26), Rheinland-Pfalz (24), Mecklenburg-
Vorpommern (22), Brandenburg (20) Sachsen-Anhalt (16), Baden-Württemberg
(14), Berlin (13), Hessen (12), Schleswig-Holstein (11), Nordrhein-Westfalen
(9), Niedersachsen (8), Bremen (6), Saarland (3) und Hamburg (3).
Im Zusammenhang mit der NPD ist auf deren Parteizentrale in Berlin-Köpenick
sowie auf die Räumlichkeiten der parteieigenen „Deutsche Stimme
Verlagsgesellschaft mbH“ in Riesa (Sachsen) zu verweisen. Dort befinden sich neben dem
Verlagshaus und einem Ladengeschäft mit angeschlossenem Versandhandel
auch die „Bürgerbüros“ zweier NPD-Landtagsabgeordneter, die
Geschäftsstellen der Landespartei und des NPD-Kreisverbandes Meißen sowie die
Bundesgeschäftsstelle der „Jungen Nationaldemokraten“ (JN). Das Objekt wird zudem
für Musik- und Vortragsveranstaltungen genutzt. Im Übrigen verfügen nahezu
alle Landesabgeordneten der NPD in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen
in ihrem jeweiligen Wahlkreis über ein sogenanntes Bürgerbüro. Als besonders
bedeutsam für die gemeinsame, multifunktionale Nutzung durch NPD und
„Freie Nationalisten“ sind bzw. waren das „Nationale Begegnungszentrum“ in
Anklam und das „Thing-Haus“ in Grevesmühlen (beide Mecklenburg-
Vorpommern) oder das „Braune Haus“ in Jena-Alt-Lobeda (Thüringen) anzuführen.
Das Anwesen des Neonazis und NPD-Funktionärs Thorsten Heise in Fretterode
(Thüringen) ist ebenfalls ein für Partei- und Kameradschaftszwecke genutztes
Objekt.
9. Über welche Daten verfügt die Bundesregierung im Zusammenhang mit
hochfrequentierten Veranstaltungsorten der rechten Musikszene (bitte die
Veranstaltungsorte nach Bundesländern auflisten)?
Das BfV sammelt im Rahmen seines Beobachtungsauftrags Informationen über
rechtsextremistische Musikveranstaltungen. Die Informationen stammen aus
öffentlichen Quellen (Medien, Internet), Polizeimeldungen, (Quellen-)
Meldungen der Landesämter für Verfassungsschutz sowie Meldungen eigener Quellen.
Dem BfV liegen Erkenntnisse zu insgesamt 67 Objekten vor, die von der
rechtsextremistischen Szene primär für Musikveranstaltungen genutzt werden. Diese
gliedern sich nach Bundesländern wie folgt auf:
Eine detaillierte Auflistung mit Angabe der konkreten Veranstaltungsorte kann
nicht veröffentlicht werden, da die bei der Planung und Durchführung von
Konzerten häufig konspirativ vorgehende rechtsextremistische Szene hieraus den
Kenntnisstand der Verfassungsschutzbehörden ableiten könnte.
10. Welche dieser Orte wurden nach Informationen der Bundesregierung in
den vergangenen fünf Jahren am häufigsten für rechtsextreme
Musikveranstaltungen genutzt (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
Grundsätzlich ist festzustellen, dass rechtsextremistische Musikveranstaltungen
besonders häufig – aber nicht ausschließlich – in den ostdeutschen
Bundesländern im ländlichen Raum (Ausnahme: Leipzig) stattfinden. In der Regel
werden dabei Grundstücke bzw. Lokalitäten genutzt, die sich im Besitz von
Rechtsextremisten befinden. Hinzu kommen vereinzelt Veranstaltungslokale, deren
Besitzer bzw. Eigentümer diese aus kommerziellen Gründen auch an
Rechtsextremisten vermieten, ohne selbst Szeneangehörige zu sein.
Die nachfolgende Tabelle zeigt die Veranstaltungsorte/-lokalitäten, an denen in
den letzten fünf Jahren gehäuft (insgesamt mehr als zehn) rechtsextremistische
Musikveranstaltungen stattfanden:
Sachsen 20
Thüringen 11
Sachsen-Anhalt 10
Bayern 8
Rheinland-Pfalz 5
Brandenburg 5
Mecklenburg-Vorpommern 4
Schleswig-Holstein 2
Berlin 1
Hessen 1
11. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die Durchdringung und
Unterwanderung von Sportvereinen im ländlichen Raum durch
Rechtsextreme, und wie bewertet die Bundesregierung die aktuelle Situation in
diesem Zusammenhang?
Eine generelle Instrumentalisierung von Sportvereinen zur Ideologieverbreitung
durch Rechtsextremisten bzw. eine systematische und gezielte Einflussnahme
oder sogar Unterwanderung kann für das Bundesgebiet nicht festgestellt
werden. Dennoch werden innerhalb der rechtsextremistischen Szene in
einschlägigen Publikationen und Internetforen durchaus strategische Überlegungen für
eine Unterwanderung von Sportvereinen angestellt. Es gibt Hinweise darauf,
dass sich einzelne Rechtsextremisten in Vereinen des Breitensports – oder auch
unterhalb der Vereinsebene – engagieren.
Rechtsextremisten engagieren sich vereinzelt in Fußballfanclubs oder haben
eigene Fanclubs gegründet. Daneben liegen den Verfassungsschutzbehörden
Erkenntnisse dahingehend vor, dass in Brandenburg Kampfsportvereine
existieren, in denen auch Rechtsextremisten aktiv sind. Insbesondere die
Kampfsportarten Kickboxen und Freefight erfreuen sich bei Rechtsextremisten sehr großer
Beliebtheit. Das Engagement in Sportvereinen kann dabei für die Verbreitung
der rechtsextremistischen Ideologie genutzt werden, etwa aufgrund einer
Trainertätigkeit und der ihr innewohnenden Vorbildfunktion, als herausragender
Sportler oder durch die Werbung von Sympathisanten. In einzelnen Fällen, in
denen eine Beeinflussung für möglich erachtet wurde, reagierten die Vereine mit
Ausschluss der entsprechenden Mitglieder.
Die Bundesregierung nimmt jeden dieser Fälle ernst und wirkt daher
maßgeblich an der im Januar 2011 gestarteten Kampagne „Sport und Politik verein(t)
gegen Rechtsextremismus“ mit. Ziel der Kampagne ist es, in einer breiten
Allianz von organisiertem Sport und Politik Rechtsextremismus, Rassismus und
Diskriminierung im Sport, aber auch mit den Mitteln des Sports zu bekämpfen.
Hierzu hat das Bundesministerium des Innern unter anderem eine Praxisstudie
zur Prävention und Bekämpfung von Rechtsextremismus im Sport beauftragt,
deren Ergebnisse im Juni 2013 vorgestellt wurden. Eine Kurzfassung der Studie
Ort 2009 2010 2011 2012 2013 gesamt
Finowfurt/BB
(Szene-Objekt)
3 2 5 4 3 17
Rheinmünster-Söllingen/BW
(vermietetes Lokal)
1 10 6 17
Grevesmühlen/MV
(Szene-Objekt)
4 12 5 1 22
Staupitz-Torgau/SN
(Szene-Objekt)
3 10 9 5 27
Rotheburg-Geheege/SN
(Szene-Objekt)
10 15 9 5 39
Leipzig/SN
(diverse Lokalitäten)
8 6 9 7 30
Sotterhausen/ST
(Szene-Objekt)
2 9 6 1 17
Kirchheim/TH
(vermietetes Lokal)
6 10 16
sowie ein auf ihren Ergebnissen beruhender Praxis-Wegweiser für Sportvereine
können auf der Internetseite der Kampagne (
www.vereint-gegen-rechtsextre-
mismus.de) abgerufen werden.
Zudem fördert die Bundesregierung mit dem Programm „Zusammenhalt durch
Teilhabe“ in ländlichen und strukturschwachen Regionen Projekte für
demokratische Teilhabe und gegen Extremismus (im Einzelnen und zur regionalen
Ausrichtung siehe Antwort zu Frage 20). Wesentliche Zielgruppen sind
regionale Verbände und Vereine. Die Förderung erfolgt unter anderem in
Zusammenarbeit mit den jeweiligen Landessportbünden, in denen sogenannte Demokratie-
und Konflikttrainer ausgebildet werden.
12. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die Durchdringung und
Unterwanderung von freiwilligen Feuerwehren im ländlichen Raum durch
Rechtsextreme, und wie bewertet die Bundesregierung die aktuelle
Situation in diesem Zusammenhang?
Der Bundesregierung ist bekannt, dass insbesondere im ländlichen Raum dort
wohnhafte Rechtsextremisten vereinzelt auch in den örtlichen freiwilligen
Feuerwehren (oder auch in anderer Weise ehrenamtlich) tätig sind.
Nach Einschätzung des BfV wird dabei in der Regel jedoch nicht ein
strategisches Ziel im Sinne einer Propagierung rechtsextremistischer Ideologie verfolgt.
Rechtsextremisten möchten sich, ohne ihre politische Einstellung auszublenden,
in vielfältiger Weise in gesellschaftliche Strukturen einbringen.
13. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über Rechtsextremisten, die
sich im ländlichen Raum zu agrarisch orientierten Siedlungsstrukturen
zusammenschließen?
a) Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über regionale
Ballungen dieser Siedlungsstrukturen vor (bitte nach Bundesland und
Landkreis aufschlüsseln)?
b) Wie bewertet die Bundesregierung diese Siedlungsstrukturen?
Der Bundesregierung sind bislang nur wenige Hinweise auf gezielte
Ansiedlungen von Rechtsextremisten in einzelnen ländlichen Räumen bekannt. Vereinzelt
finden sich Siedlungsbestrebungen in Mecklenburg-Vorpommern, die von den
Verfassungsschutzbehörden beobachtet werden. Nicht alle dieser
rechtsextremistischen Siedler sind jedoch nicht notwendigerweise agrarisch orientiert, das
heißt landwirtschaftlich tätig. Auf die Antwort zu Frage 5 wird verwiesen.
Aus Sicht der Bundesregierung besteht die Gefahr, dass die sogenannten
völkischen Siedler (von denen aber nicht alle als rechtsextremistisch eingestuft
werden können) versuchen, durch aktive Mitwirkung in regionalen
Ökologieprojekten sowie in Vereinen, Erziehungseinrichtungen, Kirchenstrukturen und andere
Gruppen ihre Akzeptanz zu erhöhen und gleichzeitig ihre teils rassistische
Ideologie zu verbreiten. Hierdurch könnte es zu einer negativen Einflussnahme
auf örtliche zivilgesellschaftliche und politische Strukturen bis hin zur
Erringung von Mandaten bei künftigen Kommunalwahlen kommen.
14. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über Rechtsextremisten in
Gemeindevertretungen und Stadtparlamenten (bitte nach Bundesländern,
Anzahl der Gemeinden und Mandaten aufschlüsseln)?
Die NPD hält derzeit 329 Kommunalmandate, die von 272 Mandatsträgern
ausgeübt werden.
Verteilt auf die einzelnen Bundesländer ergibt sich folgende Mandatsverteilung:
„Pro NRW“ verfügt in Nordrhein-Westfalen über insgesamt 42
Kommunalmandate.
Die Partei „DIE RECHTE“ hat durch Übertritt von zwei Abgeordneten von der
NPD in Niedersachsen zwei kommunale Mandate erlangt.
Eine aktuelle Aufschlüsselung nach Landkreisen, Kommunal- und
Bezirksvertretungen liegt nicht vor.
15. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse vor, wonach Rechtsextremisten
verstärkt versuchen, in Gemeindevertretungen einzuziehen, und wenn ja,
wo?
Die NPD ist die einzige bundesweit vertretene rechtsextremistische
Organisation, die aufgrund ihrer Struktur und Mitgliederzahl in der Lage ist, in den alten
und neuen Bundesländern flächendeckend strategisch zu agieren. Insofern ist für
die Partei der Einzug in Stadt- und Gemeindevertretungen als Teil des „Kampfes
um die Parlamente“ eine wichtige Komponente der sogenannten Vier-Säulen-
Strategie zur Überwindung des politischen Systems.
Über die Etablierung eines kommunalen Unterbaus beabsichtigt die Partei neue
Agitationsplattformen zu erschließen, ihre lokale Verankerung voranzutreiben
und somit letztlich den Weg für Wahlerfolge auf Landes- und Bundesebene zu
ebnen. Die vergleichsweise starken kommunalpolitischen Aktivitäten der NPD
in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen haben insofern Modellcharakter.
Baden-Württemberg 1
Bayern 3
Berlin 6
Brandenburg 27
Bremen 3
Hamburg 0
Hessen 11
Mecklenburg-Vorpommern 62
Niedersachsen 12
Nordrhein-Westfalen 21
Rheinland-Pfalz 7
Saarland 4
Sachsen 113
Sachsen-Anhalt 30
Schleswig-Holstein 2
Thüringen 23
16. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der
Entwicklung der Anzahl rechtsextremer Mandatsträger im ländlichen Raum?
Die NPD versucht bereits seit mehreren Jahren, über die Verfolgung einer
sogenannten Graswurzelstrategie ihre Verankerung in der „Mitte der Gesellschaft“
voranzutreiben und eine schleichende Normalisierung zu erreichen.
Insbesondere in strukturschwachen Gebieten Ostdeutschlands – aber nicht ausschließlich
dort – bietet sie vordergründig unpolitische Hilfestellungen und
Freizeitaktivitäten an, um Bürger an sich zu binden. Dazu gehört auch das Engagement im
sozialen und gesellschaftspolitischen Bereich auf örtlicher Ebene.
Die Bundesregierung begegnet den rechtsextremistischen Entwicklungen im
ländlichen Raum durch die Auflage verschiedener Bundesprogramme. Dazu
gehören insbesondere die Programme „Zusammenhalt durch teilhabe“ und
„Toleranz fördern – Kompetenz stärken“ (vergleiche im Einzelnen die Antwort
zu den Fragen 20 bis 22).
17. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse vor, wonach Rechtsextremisten
verstärkt versuchen, Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit
strategisch zu nutzen, und wenn ja, wo?
18. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse vor, dass organisierte
Rechtsextreme verstärkt im pädagogischen Bereich, zum Beispiel als
Erzieherinnen/Erzieher, tätig sind?
Verfolgt die rechtsextreme Szene nach Erkenntnissen der Bundesregierung
ein strategisches Ziel?
19. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse vor, dass organisierte
Rechtsextreme in ihrer Funktion als Eltern verstärkt in Elternvertretungen von
Kindertagesstätten und Schulen aktiv sind?
Wenn ja, verbirgt sich dahinter nach Auffassung der Bundesregierung eine
politische Strategie?
Die Fragen 17 bis 19 werden wegen des Sachzusammenhangs zusammen
beantwortet.
Rechtsextremisten sind generell bestrebt, sich ehrenamtlich in örtliche
gesellschaftlicher Strukturen sowie im vorpolitischen Raum einzubringen. Dazu
gehören beispielsweise auch Elternvertretungen von Kindertagesstätten und
Schulen.
Die NPD versucht bereits seit mehreren Jahren, über die Verfolgung einer
sogenannten Graswurzelstrategie ihre Verankerung in der „Mitte der
Gesellschaft“ voranzutreiben und eine schleichende Normalisierung zu erreichen.
Insbesondere in strukturschwachen Gebieten Ostdeutschlands bietet sie
vordergründig unpolitische Hilfestellungen und Freizeitaktivitäten an, um Bürger
an sich zu binden. Auch die strategische Nutzung sozialen und
gesellschaftspolitischen Engagements wird in diesem Zusammenhang thematisiert:
– Auf dem NPD-Landesparteitag am 25. Oktober 2009 forderte etwa Holger
Apfel, dass „jeder Einzelne […] noch stärker als bisher am gesellschaftlichen
Leben“ teilnehmen solle, beispielsweise „in Sozialverbänden oder
Sportvereinen“.
– Der „Ring Nationaler Frauen“ stellte im Jahr 2010 in einer Internetmeldung
fest, dass „Frauen in der nationalen Bewegung […] zunehmende
gesellschaftliche Anerkennung durch ihr politisches Engagement und ihren
beruflichen oder ehrenamtlichen Einsatz in Elternvertretungen, als Schöffinnen
und Laienrichterinnen, in Vereinen, als Tagesmütter oder Erzieherinnen“
bekämen.
– Im Juni 2011 wurde auf der Internetseite der JN außerdem ein Text
veröffentlicht, in dem der Autor die „überzeugende Weitergabe der
nationaloppositionellen Ideen in Schulen, Ausbildungsbetrieben, Jugendclubs und
Sportvereinen“ forderte.
– Auf der Internetseite der JN wurde Anfang 2013 ein Kurzporträt des JN-
Bundesvorstandsmitglieds Sebastian Richter eingestellt, in dem dieser äußerte:
„Unser Kampf muss dort geführt werden, wo das System der selbsternannten
Demokraten längst keine Interessen mehr pflegt: an der Familienfront und in
der Jugendarbeit/pflege.“
Die erfolgreiche Umsetzung der genannten Bemühungen bleibt bislang
allerdings deutlich hinter den eigenen Ansprüchen der NPD zurück. Bislang kann die
Partei diesbezüglich lediglich in Einzelfällen temporäre Erfolge aufweisen.
Auch Angehörige der neonazistischen Szene beteiligen sich in ihren jeweiligen
Wohnorten in ehrenamtlicher Weise am gesellschaftlichen Leben, darunter auch
vereinzelt durch Übernahme von Funktionen als Elternsprecher. Nach
Einschätzung des BfV wird dabei in der Regel jedoch nicht ein strategisches Ziel im
Sinne einer Propagierung rechtsextremistischer Ideologie verfolgt.
20. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus den
Zwischenergebnissen des Bundesprogramms „Zusammenhalt durch Teilhabe“?
Das Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ wurde 2010 vom
Bundesministerium des Innern mit dem Ziel initiiert, eine lebendige und
demokratische Gemeinwesenkultur zu unterstützen, in der extremistische und
verfassungsfeindliche Strömungen keinen Platz finden. In der ersten Förderphase
(2010 bis 2013) wurden rund 100 Projekte in drei Förderschwerpunkten
unterstützt. Zielregion war der ländliche, strukturschwache Raum in den neuen
Bundesländern.
Im Abschlussbericht zur ersten Förderphase ziehen die Evaluatoren eine
positive Bilanz: „Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass es dem Programm über die
Förderung vielfältiger Projekte gelingt, positive Entwicklungen im Sinne der
Stärkung und Weiterentwicklung einer demokratischen Kultur anzustoßen und
zu stabilisieren.“ Als besonders erfolgreich identifizierte die wissenschaftliche
Begleitung das Förderengagement im Bereich der Vereine und Verbände im
Förderschwerpunkt 1A. Zentrales Ziel war hier die Stärkung der Fähigkeit,
Konflikte und undemokratische Verhaltensweisen im Verein und Verband zu
erkennen und zu bearbeiten. Zu diesem Zweck bildeten die geförderten Träger
im Rahmen einer modularen Weiterbildungsreihe sogenannte Demokratie- bzw.
Konfliktberater aus, die bei Vorfällen mit extremistischem Hintergrund
innerhalb der Vereine und Verbände als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. In der
ersten Förderphase wurden rund 100 solcher Berater ausgebildet. Insgesamt
konnte so der respektvolle, demokratische Umgang im Verein und Verband
gestärkt und die Gefahr einer rechtsextremen Einflussnahme vermindert werden.
Zu dieser gewählten Strategie, mit Konfliktbearbeitern aus dem eigenen Verein
oder Verband zu arbeiten, sieht die wissenschaftliche Begleitung „vor dem
Hintergrund der Vertrauensproblematik […] keine Alternative“. Darüber hinaus
gaben die Evaluatoren die Empfehlung, „die im Bereich der Vereine und Verbände
zentrale Fortbildung zum Thema Konfliktbearbeitung durch die Festlegung
eines Kerncurriculums weiter zu optimieren.“
Als Schlussfolgerung aus diesen Zwischenergebnissen wurden die
Förderschwerpunkte für die neue Programmphase (2013 bis 2016) überarbeitet und der
Schwerpunkt auf die Ausbildung von Demokratie- und Konfliktberater gelegt.
Insgesamt sollen 500 weitere Berater ausgebildet werden. Den 36 ausgewählten
Projekten im Programmbereich 1A wurde ein Kerncurriculum zur Verfügung
gestellt, das folgende Ausbildungsinhalte vorsieht: Persönliche Ebene,
Fachkompetenz sowie projektspezifische Inhalte.
Schwerpunktmäßig findet die Förderung auch in der neuen Programmphase in
den neuen Bundesländern statt. Da auch ländliche, strukturschwache Regionen
in den alten Bundesländern vor ähnlichen Herausforderungen stehen, sollen im
Programmbereich 1B erprobte Konzepte der verbandsinternen
Beraterausbildung im organisierten Sport und bei den Freiwilligen Feuerwehren auf die
entsprechenden westdeutschen Strukturen übertragen werden. Die Deutsche
Sportjugend bzw. die Deutsche Jugendfeuerwehr im Deutschen Feuerwehrverband
übernehmen die Koordinierung der Ausbildung sowie die Vernetzung der
Akteure. Für die Fortführung des Programms setzt die Bundesregierung von
2013 bis 2016 weitere 24 Mio. Euro ein.
21. Welchen Stellenwert hat nach Auffassung der Bundesregierung die Rolle
der politischen Bildung im ländlichen Raum?
22. Welche Konzepte hat die Bundesregierung für die politische Bildung und
eine Stärkung demokratischer Strukturen auch und gerade im ländlichen
Raum?
Die Fragen 21 und 22 werden wegen des Sachzusammenhangs zusammen
beantwortet.
Für die Bundesregierung spielt die politische Bildung prinzipiell eine
bedeutende Rolle innerhalb der Gesellschaft – im ländlichen wie auch im städtischen
Raum. Die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) hat den Auftrag, das
Verständnis für politische Sachverhalte zu fördern, das demokratische
Bewusstsein zu festigen und die Bereitschaft zur politischen Mitarbeit zu stärken.
Auf dieser Grundlage bieten die BpB und die von ihr geförderten anerkannten
Träger der politischen Bildung ein umfassendes Spektrum an Bildungsformaten,
unter anderem zu Extremismus, insbesondere Rechtsextremismus,
Menschenrechte, Rassismus, Antisemitismus sowie zu Fragen der Migration und
Integration an. Diese Bildungsformate umfassen einschlägige Informationen in
Printprodukten, aber auch in den unterschiedlichsten Onlineformaten. So werden
unter anderem in jeweils eigenen Onlinedossiers wesentliche
Hintergrundinformationen und die jeweiligen unterschiedlichen politischen und
wissenschaftlichen Meinungen und Diskussionen dargestellt.
Weitere Angebote der politischen Bildung sind Veranstaltungen und Förderung
von Maßnahmen anerkannter Träger der politischen Bildung in diesen
Themenfeldern.
Darüber hinaus stellt die BpB zielgruppenspezifische Programme und Formate
zu den oben genannten Themenschwerpunkten zur Verfügung, unter anderem
aufbereitete Materialien der politischen Bildung für Schulen und
Schülerwettbewerbe zu diesen Themen, Lokaljournalistenprogramme sowie Studienreisen
nach Israel. Bewährt haben sich auch die von der BpB initiierten und betreuten
Netzwerke für Jugendliche, um deren politisches Interesse zu wecken und zu
aktivieren. Die BpB engagiert sich in Projekten, die sich mit der Stärkung
demokratischer Strukturen im ländlichen Raum befassen. Um diese Arbeit noch
stärker zu unterstützen, sind auf Initiative der Bundesregierung der BpB von 2013
bis 2016 zusätzliche Mittel von jährlich 2 Mio. Euro bereitgestellt worden. Diese
Mittel sollen der BpB ermöglichen, ihre Schwerpunkte im Bereich der
präventiven Bildungsarbeit gegen Rechtsextremismus weiter zu entwickeln sowie die
Arbeit der freien Träger in diesem Themenfeld zu stärken.
Durch den Kinder- und Jugendplan des Bundes fördert das Bundesministerium
für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Träger der politischen Jugendbildung
und ihre vielfältigen Maßnahmen, aus denen bürgerschaftliches Engagement
zahlreicher Jugendlicher erwächst. Dies gilt auch für die politische
Jugendbildung im ländlichen Raum, wo träger- und ortsspezifische Angebote der
politischen Jugendbildung vorgehalten werden.
Im Bereich der Extremismusprävention zielt das Bundesprogramm TOLERANZ
FÖRDERN – KOMPETENZ STÄRKEN darauf ab, ziviles Engagement,
demokratisches Verhalten und den Einsatz für Vielfalt und Toleranz zu fördern. Mit
Schwerpunkt des örtlichen Bezugs und damit auch als spezielles Instrument für
den ländlichen Raum werden derzeit 172 Lokale Aktionspläne gefördert. Ein
Lokaler Aktionsplan ist ein geeignetes Instrument zur Steuerung von
Entwicklungsprozessen zur Demokratieentwicklung und für die nachhaltige
Entwicklung lokaler Bündnisse gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und
Antisemitismus. Er beruht auf einer spezifischen Analyse der Problemlagen des
Fördergebietes, verfolgt mit konkreten Maßnahmen eine langfristige integrierte
Strategie zur Demokratieentwicklung und fördert lokale Vernetzungen und
Kommunikationsstrukturen. Die Entwicklung integrierter lokaler Strategien hat
sich in der Förderperiode von 2007 bis 2010 – Bundesprogramm VIELFALT
TUT GUT – als ein Erfolg versprechender Ansatz zur Stärkung der
Zivilgesellschaft vor Ort erwiesen, weshalb das derzeitige Programm TOLERANZ
FÖRDERN – KOMPETENZ STÄRKEN für seine nächste Förderperiode nach
2014 weiterentwickelt werden soll.
23. Wie bewertet die Bundesregierung die Korrelation von wirtschaftlicher
Leistungsfähigkeit und der Ausprägung rechtsextremistischer Strukturen
im ländlichen Raum?
Rechtsextremismus ist nach Einschätzung der Bundesregierung eher ein
Phänomen der ländlichen Regionen als von Großstädten und Ballungsgebieten.
Schwerpunkte der Rechtsextremisten liegen vor allem in Ostdeutschland, aber
auch in einigen wenigen Regionen der westlichen Bundesländer. Die mangelnde
Finanzkraft einzelner Kommunen mitsamt der daraus resultierenden negativen
Folgen für Infrastruktur, Vereinsleben und jugendkulturelle Angebote können
Auswirkungen auf das Erscheinungsbild des Rechtsextremismus in ländlichen
Bereichen haben. Angesichts des Ost-West-Gegensatzes der Schwerpunkte des
Rechtsextremismus, dem kein entsprechendes Nord-Süd-Gefälle
gegenübersteht, ist jedoch zu vermuten, dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der
Kommunen nur einer von vielen Faktoren für die Ausprägung des
Rechtsextremismus im ländlichen Raum ist.
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