[Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums der Finanzen vom 3. August 2016
übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Deutscher Bundestag Drucksache 18/9354
18. Wahlperiode 08.08.2016
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Bärbel Höhn, Sven-Christian Kindler,
Peter Meiwald, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
– Drucksache 18/9137 –
Fluthilfefonds 2013 und genereller Umgang mit Unwetterschäden
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Im Juni 2013 kam es infolge andauernder Regenfälle zu extremen
Hochwasserereignissen an Donau, Elbe und anderen Flüssen in Deutschland. Zur
Bewältigung der Schäden wurde kurz darauf ein mit 8 Mrd. Euro ausgestatteter
Fluthilfefonds aufgelegt. Da nach Neukalkulation der Schadenssummen bereits klar
war, dass weniger Mittel benötigt würden, floss per Kabinettsbeschluss vom
28. Mai 2014 bereits 1 Mrd. Euro in den Haushalt zurück. Die Bewilligungsfrist
für Hilfen aus diesem Fonds wurde auf Wunsch der Länder auf den 30. Juni
2016 verschoben (vgl. Bundestagsdrucksache 18/5641). Da die
Bundesregierung während der laufenden Fristen noch keine Bilanzierung vornehmen
konnte, fragen die Fragesteller nun nach der Abschlussbilanz über die Mittel des
Sondervermögens „Aufbauhilfe“ (=Fluthilfefonds).
Gleichzeitig wurden im Zuge der aktuellen Unwetterereignisse in Braunsbach
(Baden-Württemberg) und Simbach am Inn (Bayern), aber auch in Nordrhein-
Westfalen und an anderen Orten in Deutschland Ende Mai/Anfang Juni 2016
Rufe nach einer Öffnung des Sondervermögens „Aufbauhilfe“ für
Antragsteller aus den jetzt betroffenen Unwetterregionen laut. Dies lehnte die
Bundesregierung jedoch ab – nur im Falle einer Notsituation und bei
Überforderung des jeweiligen Landes mit einer Katastrophensituation wäre der Bund in
der Pflicht (
www.wiwo.de/politik/deutschland/wegen-formeller-
bedenkenmilliardenschwerer-fluthilfefonds-darf-hochwasseropfern-nicht-helfen/1368
3160.html). Nach Informationen der Fragesteller gab es bislang kein Ersuchen
um Unterstützung durch den Bund von Seiten der Länder, sehr wohl jedoch
eigene Hilfsangebote an die Betroffenen (
www.stuttgarter-zeitung.de/
inhalt.baden-wuerttemberg-das-land-unterstuetzt-die-hochwasser-opfer.c089
baeb-e893-4aea-85d2-51bd1e3e6592.html).
Auch diskutiert wurde über die Möglichkeit oder Notwendigkeit einer
Versicherungspflicht gegen Elementarschäden. Argumente gegen eine solche
wurden nicht nur, aber auch von der Versicherungswirtschaft selbst angeführt
(
www.gdv.de/2016/06/7-gruende-warum-eine-pflichtversicherung-
gegennaturgefahren-falsch-waere/).
Deutscher Bundestag Drucksache 18/9354
18. Wahlperiode 08.08.2016
V o r b e me r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Hochwasserschutz ist nach der Kompetenzverteilung des Grundgesetzes
Ländersache. Nach der Flutkatastrophe des Jahres 2013 wurde jedoch durch die
Umweltministerkonferenz (UMK), die Ministerpräsidentenkonferenz und im
Koalitionsvertrag für die 18. Legislaturperiode eine Koordinierung durch den Bund
gefordert. In der Folge haben Fachleute des Bundes und der Länder in der
Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) unter Beteiligung der
Bund/Länderarbeitsgemeinschaft Naturschutz, Landschaftspflege und Erholung
(LANA) das Nationale Hochwasserschutzprogramm (NHWSP) erarbeitet, das im
Herbst 2014 von der UMK beschlossen wurde. Dabei war besonders wichtig, dass
mit diesem Programm des Bundes und der Länder die Regionalinteressen bei der
Auswahl von Hochwasserschutzmaßnahmen überwunden werden konnten. Das
Programm besteht aus einem erläuternden Bericht und einer Liste mit prioritären,
überregional bzw. Länder übergreifend wirksamen Maßnahmen, die ein
geschätztes Bauvolumen in den kommenden 20 Jahren von rund 5,5 Mrd. Euro haben. Sie
ermöglichen die Rückgewinnung einer Fläche von weit über 20 000 Hektar an
renaturierten Auen durch Deichrückverlegungen, ein zusätzliches
Rückhaltevolumen, z. B. durch steuerbare Polder, von rund 1 200 Millionen Kubikmetern und
verbesserten Hochwasser-schutz für rechnerisch mehr als 9,4 Millionen
Einwohner. Das Programm wird kontinuierlich durch die LAWA fortgeschrieben.
Flüsse müssen ihren Raum geplant zurückbekommen, sonst nehmen sie sich ihn
selbst – mit den bekannten katastrophalen Auswirkungen. Der fortschreitende
Klimawandel verschärft das Risiko. Der Bund beteiligt sich daher maßgeblich an
der Finanzierung vordringlicher und überregional bedeutsamer Maßnahmen des
NHWSP und setzt den Schwerpunkt bei Maßnahmen, die den Flüssen mehr Raum
geben. Dementsprechend werden über den im Jahr 2015 in Kraft getretenen
Sonderrahmenplan „Maßnahmen des präventiven Hochwasserschutzes“ der
Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK)
ausschließlich Rückhaltemaßnahmen wie Deichrückverlegungen und Polder
gefördert; nicht jedoch Deicherhöhungen bzw. -verstärkungen. Erstmalig können
mit diesen Fördermitteln auch Flächen angekauft werden, die für einen
raumgebenden Hochwasserschutz dringend benötigt werden. Die Förderung aus dem
Sonderrahmenplan geschieht zusätzlich zu der Gewährung von Zuwendungen für
wasserwirtschaftliche Maßnahmen im Rahmen des regulären Rahmenplans der
GAK. Über die Entwicklung der Maßnahmen des Sonderrahmenplans sowie der
Ausgaben wird dem Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages jährlich
berichtet.
Die Hochwasservorsorge darf sich aus Sicht der Bundesregierung nicht allein auf
staatliches Handeln beschränken. Es gilt vielmehr Eigenvorsorge zu treffen, nicht
in Überschwemmungsgebieten zu bauen und die von Bund, Ländern und
Kommunen angebotenen Informationsmöglichkeiten zu den Risiken des Wohnens am
Wasser und den Möglichkeiten des hochwasserangepassten Bauens zu nutzen.
1. Wie stellt sich die Schadensbilanz der Hochwasserereignisse 2013 und die
Mittelverwendung aus dem Sondervermögen Aufbauhilfe nach Ende der
Bewilligungsfrist dar?
Aus Angaben der Länder, zuständiger Stellen des Bundes und der
Versicherungswirtschaft ergibt sich eine Schätzung der Gesamtschadenssumme in Höhe von
insgesamt 8,2 Mrd. Euro.
In der Titelgruppe 01 des Sondervermögens „Aufbauhilfe“ (Infrastruktur des
Bundes) sind bis zum 1. Juli 2016 rund 90 Mio. Euro verausgabt worden.
r cksac e 18/9354 – 2 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode
In der Titelgruppe 02 des Sondervermögens „Aufbauhilfe“ (Beseitigung der
Hochwasserschäden in den Ländern) wurden den Ländern auf ihre
Bedarfsmeldungen hin in drei Tranchen, zuletzt im Frühjahr 2016, insgesamt 6,136 Mrd.
Euro zugeteilt. Bis zum 1. Juli 2016 wurden 2,211 Mrd. Euro verausgabt. Der
Bund kann nicht ausschließen, dass die zugeteilten Mittel letztlich nicht in voller
Höhe benötigt werden.
2. Welche Mittel in jeweils welcher Höhe sind in welche Bundesländer für
welche Maßnahmen abgeflossen (bitte nach Jahren aufschlüsseln)?
Die Angaben sind der Anlage 1 zu entnehmen.
Die Bewilligung für die einzelnen Hilfeleistungen obliegt den Ländern und
Kommunen bzw. deren Beauftragten, soweit nicht Einrichtungen des Bundes betroffen
sind. Den genannten Stellen liegen die detaillierten Angaben zu den einzelnen
Schadensfällen vor.
Die in Anlage 1 aufgeführten Zahlen sind aufgrund der Vielzahl der Anträge, des
Endes der Bewilligungsfrist erst Ende Juni 2016 und der Tatsache, dass in einigen
Ländern noch keine abschließende Schadensbilanz vorliegt, nur vorläufig. In
mehreren Ländern liegen darüber hinaus bei den Bewilligungsbehörden in
größerer Zahl Nachbewilligungsanträge vor, die nach allgemeinen
verwaltungsverfahrensrechtlichen Grundsätzen zu prüfen sind. Begründet werden diese Anträge
insbesondere mit fortgeschrittenen Ergebnissen der Planer, dem Bekanntwerden
weiterer Schadensbilder und durch die Vorlage neuer Gutachten.
Der tatsächliche Bedarf wird endgültig erst dann feststehen, wenn alle
Maßnahmen umgesetzt und abgerechnet sind. Bis zum finalen Abschluss der Maßnahmen
kann es bei der Durchführung der Projekte zu Mehr- oder Minderausgaben
kommen. Dies gilt insbesondere für Wiederaufbaumaßnahmen, die nicht im Rahmen
eines Zuwendungs-, sondern eines sog. Mittelbewirtschaftungsverfahrens
umgesetzt werden.
3. In welche zehn Projekte sind die höchsten Summen aus dem Fonds geflossen
(bitte einzeln mit Fördersumme auflisten)?
Projektbeschreibung Voraussichtliche Gesamt-fördersumme in Euro
Ersatzneubau Freizeitbad Badylon, Freilassing 44.603.750
Elbe - Hochwasserdeich Fischbeck (km 41,3 - 48,0) 38.958.000
Elbe - Umflutdeich Magdeburg (km 2,07 - 8,4) 21.358.000
Abriss und Ersatzneubau Eissporthalle Halle 20.162.535
Sanierung von Hochwasserschäden St. Gotthard Gymnasium, Niederaltaich 18.690.000
Sanierung Gisela-Schulen, Passau und Ersatzneubau Sporthalle 16.229.496
Instandsetzung Augustusbrücke, Dresden 15.817.085
Stadt Halle, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt 15.746.204
Mitteldeutsches Multimediazentrum Halle GmbH, 2. Bauabschnitt 15.390.566
Elbe - Beseitigung von Schäden an den Deichkronen zwischen Damnatz
und Strachauer Rad (km 508 - 517) 14.362.000
Deutscher Bundestag – 18. ahlperiode – 3 – Drucksache 18/9354
4. Wie viele der eingegangenen Anträge auf Zahlungen aus dem Fluthilfefonds
wurden abgelehnt und aus hauptsächlich welchen Gründen (bitte Angaben
in absoluten Anträgen und in Prozent auflisten)?
Die Zahl der Ablehnungen, der Beschwerden, der rechtlichen
Auseinandersetzungen sowie die Höhe der dadurch entstandenen Kosten sind, soweit bekannt, in
Anlage 1 dargestellt.
a) Wie viele Beschwerden aufgrund abgelehnter Anträge sind der
Bundesregierung bekannt, und in wie vielen Fällen wurden rechtliche
Auseinandersetzungen um die Zulässigkeit von Anträgen geführt?
Zum jetzigen Zeitpunkt können teilweise von den Ländern noch keine
abschließenden Aussagen über abgelehnte Anträge gemacht werden.
Im Bereich der Wiederherstellung der Infrastruktur der Länder gibt es
verfahrensbedingt keine Ablehnung von Anträgen.
Im Freistaat Sachsen ist eine Aufschlüsselung der Ablehnungen auf die
verschiedenen Programmbereiche des Aufbauhilfefonds nicht möglich, da die
Maßnahmen aus dem Aufbauhilfefonds im Freistaat Sachsen über eine Förderrichtlinie
abgewickelt werden und die Anträge erst dann einem Bundesprogramm
zugeordnet werden, wenn die Bewilligung erfolgt. Da es bei den abgelehnten Fällen keine
Bewilligung gibt, existiert hier auch keine Zuordnung zu den einzelnen
Programmen.
In allen übrigen Programmen des Aufbauhilfefonds, außer der Wiederherstellung
der Infrastruktur der Länder, wurden nach derzeitigem Kenntnisstand, insgesamt
1 195 Anträge abgelehnt oder zurückgenommen. Dies entspricht einem
prozentualen Anteil an den gestellten Anträgen von rund 9 Prozent. Beschwerden, die
aufgrund abgelehnter Anträge erhoben wurden, werden im Freistaat Sachsen
nicht statistisch erfasst. Das gleiche gilt für die Anzahl sowie die Kosten von
Rechtsstreitigkeiten.
Hauptsächliche Gründe für die Ablehnung von Anträgen in den Ländern waren:
– Förderfähigkeit im jeweiligen Programm nicht gegeben,
– Kausalität des Schadens durch das Hochwasser nicht gegeben oder nicht
nachweisbar,
– fehlende, unvollständige oder nicht fristgerechte Antragsunterlagen,
– Schaden durch Dritte getragen (z. B. Versicherungen, Spenden),
– Schaden unterhalb der Bagatellgrenze,
– Hausrat, Gebäude nicht zwingend zur Haushalts- bzw. Lebensführung
notwendig,
– keine außergewöhnliche Notlage des Antragstellers.
b) Welche Kosten sind dem Bund und den Ländern dabei entstanden?
Zum jetzigen Zeitpunkt konnten von den Ländern teilweise noch keine
abschließenden Angaben zu Beschwerden gemacht werden, was unter u. a. auf noch
laufende Rechtsmittelfristen zurückzuführen ist.
r cksac e 18/9354 – 4 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode
5. Wie groß ist das Volumen der nicht abgerufenen Mittel, und welche
Überlegungen gibt es zur Verwendung dieser Mittel?
a) Ist geplant, diese Mittel in den Bundeshaushalt zurückfließen zu lassen,
und wenn ja, wann?
b) Ist geplant, diese Mittel in einem Sondervermögen für mögliche künftige
Ereignisse zu belassen, und wenn ja, auf welcher Grundlage?
c) Ist geplant, einen Teil der Mittel für Hochwasserschutz, Prävention,
Kampagnen für private Vorsorge im Hinblick auf Elementarschäden
umzuwidmen, und wenn ja, welchen Anteil wofür und auf welcher Grundlage?
Der Bundeshaushalt 2016 sieht eine Einnahme aus dem Sondervermögen in Höhe
von 1,5 Mrd. Euro vor, primär aus Mitteln, die für die Beseitigung der Schäden
an der Bundesinfrastruktur vorgesehen waren und nicht benötigt werden. Es ist
nicht geplant, Mittel in einem Sondervermögen für mögliche künftige Ereignisse
zu belassen. Auch ist nicht geplant, Mittel für Hochwasserschutz/Prävention/
Kampagnen für private Vorsorge im Hinblick auf Elementarschäden
umzuwidmen.
6. Lässt sich die Bundesregierung zur Frage einer möglichen Zunahme von
Unwetterereignissen bzw. -schäden wissenschaftlich beraten, und wenn ja,
durch wen und mit welcher Zielsetzung und welchen (vorläufigen)
Erkenntnissen?
Wenn nein, warum nicht?
7. Welche Prognosen liegen der Bundesregierung für die kommenden 20 Jahre
über Häufigkeit, regionale Verteilung, Schadensmuster, mögliche
Schadenssummen, Ursachen von Unwetterereignissen vor, und mit welchen
konkreten Maßnahmen plant die Bundesregierung, um auf die prognostizierten
Unwetterlagen zu reagieren (falls mit Haushaltsansätzen hinterlegt, bitte
Volumen der jeweiligen Mittel angeben und kenntlich machen, ob es sich um
bereits bestehende oder neue Programme handelt)?
Die Fragen 6 und 7 werden gemeinsam beantwortet.
Die Bundesregierung lässt sich hinsichtlich möglicher Veränderung der
Häufigkeit und Intensität von Unwetterereignissen insbesondere von den
wissenschaftlichen Oberbehörden des Bundes beraten. Diese greifen bei ihren Analysen auf
Beobachtungs- bzw. Berechnungsergebnisse aus eigenen Messnetzen wie auch
auf Auswertungen wissenschaftlicher Untersuchungen zurück.
Im Anhang 1 des Fortschrittsberichts zur Deutschen Anpassungsstrategie an den
Klimawandel (Bundestagsdrucksache 18/7111) hat die Bundesregierung eine
Zusammenfassung neuer Ergebnisse aus der Klimaforschung mit Schwerpunkt auf
das Thema Extremereignisse vorgelegt. Die dort dargestellten Ergebnisse
beruhen auf Analysen des Ressortforschungsprogramms „Auswirkungen des
Klimawandels auf Wasserstraßen und Schifffahrt - Entwicklung von
Anpassungsoptionen“ (KLIWAS). Diese Analysen sind auch in die umfassende Analyse der
Vulnerabilität Deutschlands gegenüber dem Klimawandel eingeflossen, die von
einem Netzwerk von 16 Bundesoberbehörden und -institutionen aus den
Geschäftsbereichen von 9 Ressorts mit Unterstützung eines vom Bundesministerium für
Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) finanzierten und vom
Umweltbundesamt koordinierten wissenschaftlichen Konsortiums in den Jahren
2011 bis 2015 erarbeitet wurde.
Deutscher Bundestag – 18. ahlperiode – 5 – Drucksache 18/9354
Die Aussagen zu möglichen Auswirkungen des Klimawandels beruhen derzeit
auf Projektionen für die Zeiträume 2021 bis 2050 („nahe Zukunft“) bzw. 2071
bis 2100 („ferne Zukunft“), also noch nicht auf die in der Fragestellung
angesprochenen Prognosen für die nächsten 20 Jahre. Die Projektionen zeigen, dass in
naher und insbesondere in der fernen Zukunft mit einer Zunahme von Häufigkeit
und Intensität von Flusshochwässern auf Grund von langandauernden,
großflächigen Niederschlägen sowie von örtlichen Überflutungen durch Starkregen zu
rechnen sein wird. Besonders betroffen werden voraussichtlich die
Handlungsfelder Verkehr/Verkehrsinfrastruktur, Bauwesen, Industrie/Gewerbe sowie
Wasserwirtschaft sein. Prognosen von möglichen Schadenssummen liegen der
Bundesregierung nicht vor.
Der Deutsche Wetterdienst wird die Entwicklung von besonders kleinräumigen
und unwetterartigen Starkregen in Deutschland wie im Frühsommer 2016 im
Kontext des fortschreitenden Klimawandels weiter untersuchen und identifiziert
entsprechenden weiteren Forschungsbedarf, z. B. im Hinblick auf eine nach
Andauerstufen differenzierte Betrachtung.
Der von der Bundesregierung im Zusammenhang mit dem oben genannten
Fortschrittsbericht zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel
beschlossene Aktionsplan enthält eine Reihe von Maßnahmen für die verschiedenen
Handlungsfelder, um die Verletzlichkeit gegenüber dem Klimawandel und
insbesondere gegenüber Extremereignissen perspektivisch zu verringern und dazu die
Informationsbasis für die Entscheidungen aller Akteure weiter zu verbessern und
damit die Eigenverantwortung zur Anpassung an den Klimawandel zu stärken.
Der Bundesregierung liegen keine konkreten Prognosen über die Häufigkeit,
regionale Verteilung, Schadensmuster und mögliche Schadenssummen vor. In der
vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) initiierten
Studie „Agrarrelevante Extremwetterlagen und Möglichkeiten von
Risikomanagementsystemen kommen Gömann et al. (2015) zu der Aussage, dass die von
ihnen ausgewerteten Literaturstudien überwiegend eine steigende Tendenz von
Hochwasserereignissen in der Zukunft zeigen, wobei das Ausmaß des Anstiegs
regional und zwischen den Studien unterschiedlich ist.
8. Welche Mittel haben Bund und Länder seit dem Jahr 2013 nach Kenntnis
der Bundesregierung für Hochwasserschutzmaßnahmen verausgabt und in
welchen Bereichen (bitte nach Jahr, Bundesland und Art der Maßnahme
aufschlüsseln)?
a) Wurden die zur Verfügung stehenden Mittel in den letzten Jahren jeweils
vollständig abgerufen?
Wenn nein, warum nicht?
b) Ist der Übertrag von nicht abgerufenen Mitteln (z. B. aufgrund von
Planungsverzögerungen) in die Folgejahre geplant?
Wenn ja, in welcher Höhe werden Mittel übertragen?
Wenn nein, warum nicht?
Die Ausgaben für Hochwasserschutzmaßnahmen in den Jahren 2013 bis 2015
sind der Anlage 2 zu entnehmen.
Die Fragen 8a und 8b werden gemeinsam beantwortet.
Für den Sonderrahmenplan „Maßnahmen des präventiven Hochwasserschutzes“
in der GAK standen im Jahr 2015 Bundesmittel im Umfang von 20 Mio. Euro
bereit. Diese waren vollständig von den Ländern für entsprechende Maßnahmen
r cksac e 18/9354 – 6 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode
angemeldet worden. Aufgrund eines Buchungsfehlers eines Landes wurden am
Ende rund 1,2 Mio. Euro nicht abgerufen.
Die Möglichkeit, in Kapitel 1003 des Bundeshaushaltsplans (GAK) Ausgabereste
zu bilden, die für die jeweilige Zweckbestimmung über das Haushaltsjahr hinaus
zur Verfügung stehen, wird nur in einigen Bereichen genutzt. Dies sind die
Breitbandversorgung ländlicher Räume und der Sonderrahmenplan für „Maßnahmen
des Küstenschutzes in Folge des Klimawandels“. Auch eine darüber
hinausgehende Bildung und Inanspruchnahme von Ausgaberesten würde gemäß § 45
Absatz 3 der Bundeshaushaltsordnung eine entsprechende Einsparung im Einzelplan
10 erforderlich machen. Da einige Länder die ihnen zugewiesenen
Haushaltsmittel nicht ausschöpfen, wird derzeit auch kein Bedarf für die Bildung von
Ausgaberesten über die oben genannten Bereiche hinaus gesehen.
9. Welchen Investitionsbedarf sieht die Bundesregierung im präventiven
Hochwasserschutz, und welche Mittel veranschlagt sie für die kommenden Jahre
für welche Maßnahmen im Bereich des Nationalen
Hochwasserschutzprogramms?
Wie bereits in der Vorbemerkung der Bundesregierung ausgeführt, ist eine
Schätzung des zu erwartenden gesamten Investitionsbedarfs für den präventiven
Hochwasserschutz der Bundesregierung nicht möglich, da die Hochwasservorsorge
verfassungsgemäß in Länderzuständigkeit liegt. Dem Bund liegen lediglich
Schätzungen bezüglich des zu erwartenden Investitionsbedarfs des von Bund und
Ländern gemeinsam erarbeiteten Nationalen Hochwasserschutzprogramms vor.
Im Jahr 2016 stehen im Bundeshaushalt für den Sonderrahmenplan für
„Maßnahmen des präventiven Hochwasserschutzes“ 100 Mio. Euro zur Verfügung. Auch
für das Jahr 2017 sieht der Regierungsentwurf 100 Mio. Euro vor. Die
Bundesregierung beabsichtigt, die Ausgaben in den darauf folgenden Jahren auf diesem
Niveau zu verstetigen.
10. Wie ist die Aufteilung der Finanzierung des nationalen
Hochwasserschutzprogramms zwischen Bund und Ländern vereinbart?
Welchen Anteil der Kosten plant der Bund zu tragen?
Welche Anteile tragen nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils die
Länder (bitte nach Ländern aufschlüsseln)?
Falls noch keine Einigung über die Finanzierung zwischen Bund und
Ländern erfolgt ist, bis wann soll diese herbeigeführt werden?
Um vordringliche und überregional bedeutsame Investitionsmaßnahmen des
NHWSP verstärkt zu unterstützen, werden den Ländern mit dem
Sonderrahmenplan „Maßnahmen des präventiven Hochwasserschutzes“ der GAK zusätzliche
investive Mittel nach Maßgabe verfügbarer Haushaltsmittel zur Verfügung
gestellt. Wie in § 10 GAK-Gesetz vorgesehen, erstattet der Bund den Ländern
60 Prozent der in Durchführung des Sonderrahmenplans entstandenen Ausgaben.
11. Gibt es in der Bundesregierung Überlegungen zur Herauslösung des
Hochwasserschutzes aus der GAK (Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der
Agrarstruktur und des Küstenschutzes“)?
Wenn ja, welche?
Derartige Überlegungen gibt es nicht.
Deutscher Bundestag – 18. ahlperiode – 7 – Drucksache 18/9354
12. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über unterschiedliche
Wasseraufnahmekapazitäten von Böden (nach Art der Bewirtschaftung, z. B.
Grünland vs. Acker, öko, konventionell, nach Fruchtarten) bzw. welche
Forschungsprojekte verfolgt sie hierzu, und welche Maßnahmen plant sie, um
eine Steigerung der Wasseraufnahmekapazitäten im Sinne der Prävention
von Überschwemmungsereignissen zu fördern?
Landnutzung und -bewirtschaftung beeinflussen die Wasseraufnahme bzw. den
Wasserabfluss. Gegenüber Ackerland tragen Grünlandflächen durch ganzjährige
Bedeckung des Bodens in einem hohen Maße zum Hochwasser- und
Erosionsschutz bei. Das ausgeprägte Wurzelsystem unter Grünland führt zu einem gut
strukturierten Boden mit einer hohen Infiltrations- und
Wasseraufnahmekapazität. Der Boden kann Niederschläge länger aufnehmen. Das oberflächliche
Abfließen von Wasser wird verlangsamt und der Abfluss in Oberflächengewässer
insgesamt verringert, sodass vom Grünland ein großer Beitrag zum
Hochwasserschutz erbracht wird.
Bei Ackerland sind Kulturarten mit weiten Reihenabständen und spätem
Bestandsschluss nach vorausgegangener Pflugfurche und intensiver
Bodenbearbeitung nach der Saat anfällig gegen Wind- und Wassererosion. Verfahren der
reduzierten Bodenbearbeitung wirken sich allgemein und insbesondere in
Reihenkulturen positiv auf die Vermeidung von Erosionsereignissen aus; eine ganzjährige
Bodenbedeckung ist der wesentliche Faktor zur Verringerung der Erosion.
Konservierende Bodenbearbeitung und bodenschonende
Bewirtschaftungsformen erhalten und erhöhen das Wasseraufnahmevermögen von Böden. Gefördert
wird dies u. a. durch Untersaaten, den Anbau von Zwischenfrüchten, eine
schützende Mulchschicht oder zusätzliche Randstreifen. Durch die hohe
bodenbiologische Aktivität, ein in der Regel sehr stabiles Bodengefüge und einen hohen
Anteil an Makroporen wirkt sich der ökologische Landbau besonders günstig auf
den Hochwasserschutz aus. Darauf weist auch die Kommission Bodenschutz
beim Umweltbundesamt in einem aktuellen Positionspapier hin. Weiterhin kann
auch eine gemeinsame Anbauplanung der örtlichen Landwirte regional zu einer
Verbesserung der Situation in gefährdeten Gebieten beitragen.
Derzeit werden keine Forschungsprojekte im Hinblick auf
Wasseraufnahmekapazitäten von Böden bei unterschiedlicher Flächennutzung durchgeführt. Im
kommenden Jahr beginnt ein Forschungsvorhaben des Bundesministeriums für
Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorschutz (BMUB) zum Thema
„Veränderungen der Wasseraufnahme und -speicherung landwirtschaftlicher Böden und
Auswirkungen auf das Überflutungsrisiko durch zunehmende Stark- und
Dauerregenereignisse“.
Empfehlungen zur guten fachlichen Praxis bei der landwirtschaftlichen
Bodennutzung, insbesondere die reduzierte Bodenbearbeitung, möglichst ohne
Pflugeinsatz, zielen auf die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit ab, erhöhen das
Bodenleben, insbesondere die Regenwurmpopulation und damit die
Tiefendurchwurzelung, die eine Erhöhung der Wasserinfiltrationsleistung zur Folge hat. Die
Umsetzung der Empfehlungen erfolgt im Rahmen der Beratungstätigkeit der nach
Landesrecht zuständigen landwirtschaftlichen Beratungsstellen.
r cksac e 18/9354 – 8 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode
13. Wie viele Ausweisungen von Baugebieten in überschwemmungs-/
hochwassergefährdeten Gebieten gab es seit dem Jahr 2013 nach Kenntnis der
Bundesregierung, und welche Kooperation gibt es von Seiten des Bundes mit
den Ländern und Kommunen, um diese zu reduzieren bzw. zu minimieren?
Die Zahl der Ausweisungen von Baugebieten in Überschwemmungsgebieten seit
dem Jahr 2013 ist der Bundesregierung nicht bekannt. Für die Ausweisung
solcher Baugebiete gibt es spezielle und zwingende bundesrechtliche Regelungen in
§ 78 Absatz 1 Nummer 1 in Verbindung mit Absatz 2 des
Wasserhaushaltsgesetzes. Die Ausweisung von Überschwemmungsgebieten wie die Ausweisung von
Baugebieten liegt allerdings ausschließlich in der Zuständigkeit und der
Verantwortung der Länder und der kommunalen Gebietskörperschaften (kommunale
Selbstverwaltung).
14. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der privaten
bzw. gewerblichen Immobilien, die gegen Elementarschäden versichert ist,
seit dem Jahr 2013 entwickelt (bitte nach Bundesländern aufschlüsseln)?
Der Bundesregierung liegen hierzu keine aktuelleren belastbaren Zahlen vor als
die zuletzt im Jahr 2014 in den Antworten auf die Kleinen Anfragen in den
Bundestagsdrucksachen 18/852 und 18/2235 gemachten Angaben. Nach Kenntnis der
Bundesregierung führt der Gesamtverband der Deutschen
Versicherungswirtschaft derzeit eine neue Erhebung durch.
15. Erwägt die Bundesregierung die Einführung einer Versicherungspflicht
gegen Elementarschäden (bitte begründen)?
16. Plant die Bundesregierung andere Maßnahmen zur Erhöhung der
Versicherungsquote gegen Elementarschäden, auch zur Entlastung der öffentlichen
Haushalte im Falle von Schadensereignissen?
Wenn ja, welche?
Wenn nein, warum nicht?
Die Fragen 15 und 16 werden wegen des Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Die Einführung einer Elementarschadenpflichtversicherung ist bereits im Jahr
2003 von einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe geprüft und im Ergebnis – u. a.
wegen verfassungsrechtlicher Bedenken, aber auch wegen der Notwendigkeit einer
finanziellen Beteiligung des Staates im Rahmen einer Rückversicherung –
abgelehnt worden.
In Folge der Hochwasserereignisse des Jahres 2013 und zurückgehend auf einen
Beschluss der Justizministerkonferenz des selben Jahres wurden in einer
Arbeitsgruppe der Länder – unter Einbeziehung der Versicherungswirtschaft sowie von
Verbraucherverbänden und Wissenschaft - die Möglichkeiten einer größeren
Verbreitung der Elementarschadenversicherung durch eine Pflichtversicherung oder
alternative Ansätze untersucht. An der Arbeitsgruppe haben sich das
Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz und andere Ressorts beteiligt. Der
im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD vorgesehene Prüfauftrag wurde
mit dieser Beteiligung wahrgenommen.
Der aus den weitgehend gleichen Gründen wie der Bericht aus dem Jahr 2003
eine Pflichtversicherung ablehnende Abschlussbericht der Arbeitsgruppe
„Pflichtversicherung für Elementarschäden“ wurde von den beteiligten Ressorts
der Bundesregierung als Erledigung des Prüfauftrages aus dem Koalitionsvertrag
Deutscher Bundestag – 18. ahlperiode – 9 – Drucksache 18/9354
akzeptiert. Im Oktober 2015 wurde der Bericht auch von den
Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder zustimmend zur Kenntnis genommen,
zugleich allerdings die Justizministerkonferenz gebeten, auf der Basis des
vorgelegten Berichts zu prüfen, ob und wie die Einführung einer Pflichtversicherung
möglich gemacht werden kann. Nach Kenntnis der Bundesregierung hat die
Justizministerkonferenz noch nicht entschieden, wie dieser Bitte nachgekommen werden
soll.
Die Bundesregierung beabsichtigt keine parallele eigene Prüfung, würde sich
aber erneut an einer etwaigen Fortsetzung der Arbeitsgruppe der Länder
beteiligen.
17. Welcher Anteil der Bundesinfrastruktur (Straßen, Immobilien etc.) ist gegen
Elementarschäden versichert?
Aus welchen Erwägungen (nicht)?
Risiken für Schäden an der Bundesinfrastruktur sind aus
Wirtschaftlichkeitserwägungen grundsätzlich nicht versichert (Nr. 11 der Verwaltungsvorschriften zu
§ 34 Bundeshaushaltsordnung).
Für Dienstliegenschaften und Gewerbeliegenschaften des Bundes trägt die
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben die Kosten für die Beseitigung der
Elementarschäden entsprechend dem Grundsatz der Selbstdeckung der öffentlichen Hand.
Eine Ausnahme besteht lediglich bei Gewerbeliegenschaften, die zum Zwecke
der Unterbringung von Flüchtlingen und Asylsuchenden an die Bedarfsträger
überlassen worden sind. Hier ist der Bedarfsträger verpflichtet, entsprechende
Versicherungen abzuschließen oder eventuelle Schäden nach dem Grundsatz der
Selbstdeckung zu tragen. Für Wohnliegenschaften des Bundes, die sich im
Eigentum der Bundesanstalt befinden, gibt es eine Wohngebäudesach- und
Wohngebäudehaftpflichtversicherung, die auch naturbedingte Schäden (Sturm, Erdbeben,
Überschwemmung) abdeckt. Soweit darüber hinaus Elementarschäden (z. B.
Sturmflut, Schneedruck, Erdsenkung) an dem im Eigentum der Bundesanstalt
stehenden Gebäude eintreten, werden die Kosten der Beseitigung von der
Bundesanstalt getragen.
18. Welcher Anteil der öffentlichen Infrastruktur (von Ländern und Kommunen)
ist nach Kenntnis der Bundesregierung gegen Elementarschäden versichert?
Der Bundesregierung liegen hierzu keine Erkenntnisse vor.
19. Welche anderen europäischen Länder haben nach Kenntnis der
Bundesregierung welche Art der Versicherungspflicht gegen Elementarschäden
(eingeführt), und mit welchen Folgen?
Der Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Pflichtversicherung für
Elementarschäden“ enthält auch eine Darstellung der gesetzlichen Regelungen in Frankreich,
Spanien, Schweiz, Großbritannien und Belgien. Keine der untersuchten
Rechtsordnungen kennt eine Versicherungspflicht gegen Elementarschäden ohne
finanzielle Beteiligung des Staates. Eine Folge der untersuchten Regelungen sind
Ersatzleistungen bei Vorliegen der jeweiligen Voraussetzungen. Die durch Prüfung
der Situation in anderen Staaten gewonnenen Erkenntnisse sind jedoch vor dem
Hintergrund der unterschiedlichen verfassungsrechtlichen Ausgangslagen nur
sehr eingeschränkt auf Deutschland übertragbar.
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ISSN 0722-8333]