[Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vom
22. Juli 2016 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Deutscher Bundestag Drucksache 18/9293
18. Wahlperiode 26.07.2016
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Kai Gehring, Kerstin Andreae,
Bärbel Höhn, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
– Drucksache 18/9144 –
Forschungsbedarfe infolge des Schlussberichts der Enquete-Kommission
„Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ beendete
im Sommer 2013 ihre Arbeit. Im Schlussbericht der Kommission
(Bundestagsdrucksache 17/13300) sowie im Sondervotum der damaligen
Oppositionsfraktionen und von mehreren Sachverständigen wurden Bedarfe weitergehender
Forschung und offene Forschungsfragen festgestellt sowie Hinweise dazu
formuliert. Beispielsweise wurde auf eine fehlende oder unzureichende Datenlage
bei einzelnen Aspekten von Indikatoren verwiesen. Dies ist auch deshalb
problematisch, weil ohne eine entsprechende Datenlage bei der Betrachtung
gesellschaftlicher Megatrends eine umfassende wissenschaftliche Politikberatung
erschwert wird.
Angesichts der Relevanz des Kommissionsberichts für die nachhaltige
Weiterentwicklung unseres Gemeinwesens wollen die Fragesteller erfahren, inwiefern
die Bearbeitung der festgestellten Forschungsbedarfe politisch gefördert wurde
und wird. Die Eingrenzung auf die im Schlussbericht explizit aufgeworfenen
Fragen wurde bewusst vorgenommen, um ein systematisches Anknüpfen an die
verdienstvolle Arbeit der Kommission und eine Bezugnahme auf deren Bericht
sowie die Identifizierung weiterhin bestehender Forschungsbedarfe zu
ermöglichen.
Viele der von der Kommission bearbeiteten Fragestellungen waren nach
damaligem Stand relativ neu. Dies betraf etwa das Forschungsfeld sozialer
Innovationen und die Rollen von Staat und Zivilgesellschaft bei der Begünstigung oder
Initiierung sozialer Innovationen. Solche Perspektiven werden mittlerweile
verstärkt debattiert (vgl. Antrag der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
„Innovationspolitik neu ausrichten – Forschen für den Wandel befördern“,
Bundestagsdrucksache 18/8711). Anders als bei einer Innovationspolitik, die einzig auf
technische Neuerungen abhebt, wird hier Wert auf die soziale Einbettung von
Innovationen in den sozialen Kontext und die Ausbildung neuer sozialer
Praktiken fokussiert.
Im Sondervotum zum Berichtsteil der Kommissionsprojektgruppe „Wachstum,
Ressourcenverbrauch und technischer Fortschritt – Möglichkeiten und Grenzen
der Entkopplung“ wurden weiter- und tiefergehende Forschungsbedarfe
benannt. Das betrifft insbesondere die Bereiche Quantifizierung von
Umweltgrenzen, Erforschung komplexer Systemzusammenhänge sowie Handlungsoptionen
und -empfehlungen. Diese wurden der öffentlichen und privaten
Wissenschaftsförderung als prioritäre Förderschwerpunkte empfohlen.
Die folgenden Fragen beziehen sich auf die Aktivitäten der Bundesregierung
seit Erscheinen des Schlussberichts der Kommission am 3. Mai 2013.
1. Wie versucht bzw. versuchte die Bundesregierung die Auswirkungen der
globalen Megatrends auf Deutschland besser zu erfassen und zukünftige
Handlungsspielräume nationaler Politik zu ermitteln?
Die Neuauflage der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, deren Entwurf die
Bundesregierung am 31. Mai 2016 veröffentlicht hat, ist entlang der 17
Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung strukturiert. Da diese
Ziele alle wesentlichen globalen Veränderungen und Herausforderungen
abbilden dürften, gewährleistet die Nachhaltigkeitsstrategie, dass globale Megatrends
in ihren Auswirkungen auf Deutschland breit erfasst werden.
Den Auswirkungen globaler Megatrends auf Deutschland widmen sich darüber
hinaus u. a. der Nachhaltigkeitsbericht des Bundesministeriums für Bildung und
Forschung (BMBF) sowie – insbesondere im Hinblick auf die Lebensqualität –
die Regierungsstrategie „Gut leben in Deutschland – was uns wichtig ist“.
Grundlage für politische Entscheidungen können Ergebnisse der
Nachhaltigkeitsforschung, aber z. B. auch die Innovations- und Technikanalyse (ITA) des BMBF
sein. Damit werden die vielfältigen Dimensionen technologischer und
gesellschaftlicher Entwicklungen identifiziert, analysiert und bewertet.
Auch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit (BMUB) befasst sich im Rahmen der Ressortforschung damit, die
Auswirkungen der globalen Megatrends wie Klimawandel und Ressourcenknappheit zu
erfassen und Schlussfolgerungen für die Handlungsspielräume von Politik zu
ziehen.
So hat beispielsweise das Umweltbundesamt (UBA) im Auftrag des BMUB in
den letzten zehn Jahren strategische Vorausschau für den Umweltbereich
aufgebaut und zuletzt 2015 eine Konzeptstudie zu „Horizon Scanning“ und
Trendmonitoring als Instrument in der Umweltpolitik zur strategischen Früherkennung
und effizienten Politikberatung erarbeiten lassen.
Darauf aufbauend wird derzeit in einem Folgevorhaben ein Horizon Scanning-
System für das Umweltressort etabliert und ein ressortweiter Horizon Scanning-
Prozess durchgeführt (Laufzeit bis 2018).
Im Vorhaben „Trendanalyse Umweltpolitik“ lässt das UBA darüber hinaus die
Wirkungen von gesellschafts- und umweltpolitischen Themen auf die
Umweltpolitik mit Hilfe der Methode der Trendanalyse analysieren und bewerten.
2. Welche Maßnahmen wurden zur Umsetzung der Forderung der Kommission
ergriffen, die Messung der Einkommens- und Vermögensverteilung und die
Etablierung von Indikatoren zur Einkommensverteilung sowie schichten-
und regionalspezifische Preisniveau-Indizes zu verbessern?
Im Rahmen der laufenden Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie prüft
die Bundesregierung derzeit die Einführung von zusätzlichen Indikatoren zum
Themenbereich Einkommens- und Vermögensverteilung. Der Entwurf der neuen
Strategie wurde am 31. Mai 2016 veröffentlicht; er wird im Anschluss an die
laufende Dialogphase überarbeitet.
Die Bundesregierung hat ferner im Jahr 2015 den Bürgerdialog „Gut leben in
Deutschland – was uns wichtig ist“ durchgeführt. Im Rahmen des Dialogs haben
Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch über Fragen der Einkommens- und
Vermögensverteilung diskutiert.
Eine Änderung der Preisniveau-Indizes beabsichtigt die Bundesregierung derzeit
nicht. Bereits seit 2007 unterstützte das BMUB über Forschungsprojekte die
Entwicklung des Nationalen Wohlfahrtsindex (NWI). Dieser wurde mehrfach
aktualisiert und wird in vielen Bundesländern als Regionaler Wohlfahrtsindex (RWI)
berichtet. Die Einkommensverteilung geht in die Berechnung des
Wohlfahrtsindex.
3. Inwieweit hat die Bundesregierung auf die gewünschte Erweiterung der
Bildungsberichterstattung im Bereich der Bildungskompetenzen für eine
bessere Evaluation des Bildungssystems hingewirkt?
Die Länder haben sich bereits in Folge der ersten PISA-Erhebung (PISA 2000)
auf gemeinsame Bildungsstandards geeinigt, die seit dem Schuljahr 2005/2006
bundesweit gültig sind.
Diese orientieren sich an Kompetenzen und werden regelmäßig überprüft, etwa
durch die Vergleichsarbeiten des Instituts für Qualitätsentwicklung im
Bildungswesen (IQB), die im Grundschulbereich alle fünf Jahre und im
Sekundarschulbereich alle drei Jahre stattfinden.
Ein weiterer Bestandteil des Bildungsmonitorings ist der nationale
Bildungsbericht, der von einer unabhängigen wissenschaftlichen Autorengruppe
verantwortet wird, im Abstand von zwei Jahren der Bundesregierung und der
Kultusministerkonferenz vorgelegt wird und über Entwicklungen im Bildungswesen
informiert.
Um im Bildungsbereich neben der Vermittlung von Fachwissen verstärkt auch
die Kompetenzen einer sozialen, ökologischen und ökonomischen Nachhaltigkeit
zu vermitteln, hat die Bundesregierung im Zuge des UNESCO-
Weltaktionsprogramms Bildung für nachhaltige Entwicklung 2015 eine Nationale Plattform
gegründet, die bis zum Frühjahr 2017 einen Nationalen Aktionsplan verabschiedet.
4. Welche Maßnahmen sind nach Kenntnis der Bundesregierung mit welchem
Ergebnis getroffen worden, um die Einführung eines konzeptionell
umfassenden Indikators für Biodiversität voranzutreiben?
Das Bundeskabinett hat bereits am 7. November 2007 die unter Federführung des
Bundesumweltministeriums (BMUB) erarbeitete Nationale Strategie zur
biologischen Vielfalt verabschiedet. Die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt
enthält ein Indikatorenset, das im Laufe der Jahre ergänzt und weiterentwickelt
wurde. Über den Zustand und die Entwicklung der biologischen Vielfalt in
Deutschland geben nunmehr 19 Indikatoren Auskunft.
Der letzte Indikatorenbericht wurde im Februar 2015 vom Kabinett verabschiedet
und ist zu erhalten unter:
www.bmub.bund.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/
Broschueren/indikatorenbericht_biologische_vielfalt_2014_bf.pdf.
5. Inwiefern hat sich die Bundesregierung um eine bessere Verfügbarkeit der
globalen Stickstoffbilanzen bemüht?
Das BMUB und das UBA sind intensiv in internationale Aktivitäten zur
Weiterentwicklung und Bewertung von globalen Stickstoffbilanzen sowie zum
Stickstoffmanagement involviert. Hier ist insbesondere das International Nitrogen
Management System zu nennen, das vom United Nations Environment Programme
(UNEP) administriert und von der Global Environment Facility gefördert wird
(siehe
www.inms.international/).
6. Wie versucht bzw. versuchte die Bundesregierung den Forschungsbedarf zu
Mechanismen der Übertragung ressourcenintensiver Konsum- und
Produktionsmuster auf Schwellen- und Entwicklungsländer im Zusammenhang mit
verschiedenen Umweltauswirkungen zu decken?
Die Erforschung nachhaltiger Konsum- und Produktionsmuster, die an die
kontextspezifischen Ausgangs- und Bedürfnislagen von Schwellen- und
Entwicklungsländer angepasst sind, ist ein dauerhafter Forschungsschwerpunkt des
Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE), der vom Bundesministerium für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) institutionell und
projektgebunden gefördert wird.
Hierbei geht es dem BMZ und dem DIE ausdrücklich nicht darum, westliche
Produktions- und Konsummuster auf Schwellen- und Entwicklungsländer zu
übertragen, sondern gemeinsam selbsttragende Lösungsansätze mit Forscherinnen
und Forschern des globalen Südens zu erarbeiten.
Diesem Ziel dient auch das vom BMZ geförderte wissenschaftliche Netzwerk
Managing Global Governance, in dem das DIE – neben anderen Themen –
schwerpunktmäßig Fragen lokal angepasster Nachhaltigkeitsmuster gemeinsam
mit seinen Partner-Instituten aus Schwellen- und Entwicklungsländern erforscht
und diskutiert sowie mit Praktikerinnen und Praktikern aus der
Entwicklungszusammenarbeit auf ihre konkrete Umsetzungstauglichkeit hin ausleuchtet.
Das BMBF beteiligt sich an der internationalen Fördermaßnahme
Transformations to Sustainability (T2S) des weltweiten Forums von
Forschungsfördereinrichtungen zur Unterstützung der Erforschung globaler Umweltveränderungen
(Belmont Forum). Die Fördermaßnahme soll mit Fokus auf die
Gesellschaftswissenschaften Lösungen für weltweite Prozesse zur Nachhaltigkeit fördern
(Governance gesellschaftlicher Transformationsprozesse, Rolle der Wirtschaft bei
gesellschaftlichen Transformationen, Verbesserung der Lebensqualität).
Sie wird von der Europäischen Kommission kofinanziert und wird neben den
Forschungsfördereinrichtungen aus 14 europäischen und vier außereuropäischen
Ländern auch explizit Schwellen- und Entwicklungsländer einbeziehen.
7. Inwiefern hat sich die Bundesregierung dafür eingesetzt, den
Forschungsbedarf bei der Analyse der Bedingungen einer möglichen Übertragung
westlicher Umwelt- und Sozialstandards auf Schwellen- und Entwicklungsländer
zu verringern?
Eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Schwellen- und
Entwicklungsländern in der Forschung ist im neuen BMBF-Rahmenprogramm
Forschung für Nachhaltige Entwicklung (FONA3) verankert. In einzelnen
Forschungsprojekten werden Umwelt- und Sozialstandards in Schwellen- und
Entwicklungsländern thematisiert.
Die BMBF-Fördermaßnahme Internationale Partnerschaften für nachhaltige
Innovationen (CLIENT) zielt darauf ab, gemeinsam mit internationalen Partnern
anwendungsnahe und nachhaltige Lösungen zu erforschen und zu entwickeln und
die wirtschaftlichen Chancen der Umwelttechnologien „Made in Germany“ in
den aufstrebenden Schwellen- und Entwicklungsländern zu nutzen.
Die Erforschung von Umwelt- und Sozialstandards, die allen Dimensionen von
Nachhaltigkeit genügen (ökologisch, sozial und ökonomisch) und zugleich
anschlussfähig im Sinne demokratisch legitimierter Wachstums- und
Armutsminderungsstrategien in den Partnerländern der Entwicklungszusammenarbeit sind,
gehört zu den vom BMZ geförderten langjährigen Forschungsschwerpunkten des
DIE. Auch hierbei geht es nicht um die mechanistische Übertragung westlicher
Standards, sondern um die Entwicklung eigenverantworteter
Anforderungssysteme, die jeweils passgenau auf die soziale, ökologische und makroökonomische
Ausgangslage in den Kooperationsländern zugeschnitten sind, ohne zugleich ihre
regionale und internationale Integrationsfähigkeit zu beeinträchtigen.
8. Inwiefern wurde die Erforschung und inter-/transdisziplinäre
Weiterentwicklung von nachhaltigen Formen urbanen Lebens gefördert, um
angesichts der fortschreitenden Urbanisierung eine Entkopplung vom
Wirtschaftswachstum zu ermöglichen?
9. Wie wurden Forschungen über dynamische Veränderungen in Politik und
Governance auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen gefördert?
Die Fragen 8 und 9 werden im Zusammenhang beantwortet.
Innerhalb des Rahmenprogramms FONA3 ist die nachhaltige Stadtentwicklung
einer von drei Schwerpunkten (Leitinitiative Zukunftsstadt) mit mehreren
Fördermaßnahmen:
In der Fördermaßnahme Nachhaltige Transformation urbaner Räume
(Sozialökologische Forschung) werden 23 Projekte gefördert, die u. a. Vorschläge für
nachhaltigere Produktions-, Versorgungs-, Logistik- und Konsumsysteme sowie
insgesamt eine nachhaltigere urbane Wirtschaftsentwicklung erarbeiten.
Teilweise fokussieren sie auf neue Formen der kommunalen Klima-Governance,
die nachhaltige und resiliente Infrastrukturentwicklung sowie sozial-ökologische
Aspekte von Wohnen und Quartiersentwicklung.
Neben Forschungseinrichtungen beteiligen sich Kommunalverwaltungen und
kommunale Einrichtungen (z. B. Stadtwerke) an den Projekten; oftmals sind
weitere relevante Akteure aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft eingebunden. Durch
diese Ausrichtung sollen soziale Innovationen – im Zusammenspiel mit
technischen Innovationen – gefördert werden und praktisch anschlussfähige Impulse
für die nachhaltige Stadtentwicklung entstehen.
Eine weitere Fördermaßnahme fokussiert auf die drei Themenbereiche
Klimaresilienz durch Handeln in Stadt und Region, Urbane Gemeinschaft und Integration:
Sozio-kulturelle Qualität in der Stadt stärken, sozial-ökologische Ungleichheit
abbauen und Urbane Mobilität.
Ab 2017 sollen Projekte gefördert werden, die wissenschaftlich fundierte und
praktisch relevante Beiträge zu den genannten Themen der nachhaltigen
Stadtentwicklung erarbeiten. Darüber hinaus wurde bereits in den Jahren 2008 bis
2013 mit der BMBF-Fördermaßnahme Forschung für die nachhaltige
Entwicklung der Megastädte von morgen das Thema der nachhaltigen Gestaltung der
fortschreitenden Urbanisierung aufgegriffen.
10. Inwiefern wurde die Bedeutung der Finanzmärkte für Ressourcenpreise und
Umweltverbrauch stärker erforscht?
Das Thema Finanzdienstleistungen für Nachhaltigkeit wurde in das
Rahmenprogramm FONA3 unter der Leitinitiative Green Economy aufgenommen. Im
Rahmen der BMBF-Förderung wurden bisher schwerpunktmäßig die Bedarfe von
Klimainformationen durch die Finanzwirtschaft und deren Nutzung analysiert
sowie Untersuchungen vorgenommen, um die Erfordernisse, Barrieren und
Handlungsspielräume der Finanzierung von Innovationen im Klimaschutz aufzeigen.
Zudem hat das Fachforum Nachhaltiges Wirtschaften des BMBF und des BMUB
im Kontext des Hightech-Strategieprozesses ein Thementeam zu nachhaltigen
Finanzen gegründet, indem derzeit Handlungsempfehlungen erarbeitet werden.
11. Welche Schritte wurden unternommen, um die weitere Erforschung der
ökologischen Zusammenhänge und Feedbacks zwischen einzelnen
Erdsystemprozessen und der Tragfähigkeit der Senken unter Einbeziehung der
Regenerationsfähigkeit von Ökosystemen voranzutreiben?
Die BMBF-Fördermaßnahme zum Thema Kipppunkte, Dynamik und
Wechselwirkungen von sozialen und ökologischen Systemen (BioTip) mit Laufzeit von
2016 bis 2019 hat unter anderem das Ziel, ökologische Kipppunkte rechtzeitig zu
erkennen und durch ein besseres Verständnis der ökologischen und sozialen
Dynamik sowie deren Wechselwirkung untereinander und mit anderen
Komponenten des Erdsystems ein Überschreiten von ökologischen Kipppunkten zu
vermeiden.
12. Welche Maßnahmen wurden ergriffen, um die Prognosefähigkeit bezüglich
der Verfügbarkeit von Ressourcen unter besonderer Berücksichtigung von
Rückkopplungseffekten weiterzuentwickeln?
Das BMBF hat im November 2015 die Förderbekanntmachung Globale
Ressource Wasser – GROW im Rahmen des Programms FONA3 veröffentlicht.
Die Bekanntmachung adressiert Forschungs- und Entwicklungsarbeiten
einschließlich begleitender Bildungsmaßnahmen zu einer verbesserten und
vorausschauenden Bewirtschaftung der globalen Wasserressourcen.
Rückkopplungseffekte gehen hier beispielsweise über Klimawandelmodelle ein. Der Start der
Projekte ist für 2017 geplant.
13. Inwiefern hat sich die Bundesregierung dafür eingesetzt, Forschungsbedarfe
der Entwicklung von Methoden zur Erfassung der Wirkung von politischen
Maßnahmen, die auf die Senkung des Primärenergie- und
Rohstoffverbrauchs abzielen, unter Berücksichtigung von Rückkopplungs- und
Substitutionseffekten abzudecken?
Das BMBF bearbeitet im Bereich der Energieforschung seit dem Jahr 2016 mit
den Kopernikus-Projekten vier zentrale Themen der Energiewende. Es geht
hierbei um die Speicherung überschüssiger erneuerbarer Energie durch Umwandlung
in andere Energieträger wie beispielsweise Wasserstoff, die Entwicklung von
Stromnetzen, die an einen hohen Anteil erneuerbarer Energien angepasst sind, die
Neuausrichtung von Industrieprozessen auf eine fluktuierende
Energieversorgung sowie das Zusammenspiel von erneuerbarer und konventioneller Energie,
um die lückenlose Versorgung mit Energie sicherzustellen. Mit der
Fördermaßnahme r3 unterstützt das BMBF Forschungsarbeiten zur Ressourceneffizienz. Die
r³-Projekte haben das Ziel, innovative Technologien und Prozesse für die
Erhöhung der Versorgungssicherheit wirtschaftsstrategischer metallischer Rohstoffe
in Deutschland zu entwickeln. Darunter befinden sich Metalle wie Indium,
Germanium, Gallium und seltene Erden, aber auch Industrieminerale wie Flussspat.
Diese Stoffe sollen zukünftig effizienter gewonnen, recycelt oder in der
Produktion sparsamer verwendet werden.
Die Programme der Bundesregierung zur Senkung des Energieverbrauchs werden
laufend evaluiert; dabei werden auch die Evaluierungsmethoden
weiterentwickelt. So hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) z. B.
einen wissenschaftlichen Begleitprozess zur Evaluierung des
Energieeffizienfonds eingeleitet, mit dem auch das Ziel der Erarbeitung einheitlicher Ziel- und
Indikatorbestimmungen und einer Angleichung bzw. Vereinheitlichung von
Methoden verfolgt wird.
Rückkopplungs- und Substitutionseffekte stehen dabei allerdings nicht im
Mittelpunkt.
Zudem hat das BMWi mit der Gründung des Forschungsnetzwerks
Energiesystemanalyse einen Prozess zur Weiterentwicklung und Validierung
interdisziplinärer Methoden und Modelle für Szenarienuntersuchungen im Energiebereich
angestoßen.
14. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung hinsichtlich einer verbesserten
Prognosefähigkeit in Bezug auf die Anpassungsgeschwindigkeit von
Gesellschaften und Wirtschaften an Knappheiten von Ressourcen unter besonderer
Berücksichtigung der Möglichkeiten von Governance und potenzieller
politischer und sozialer Konflikte?
Das BMBF hat mit der Fördermaßnahme zum Thema Nachhaltiges Wirtschaften
im Förderschwerpunkt Sozial-ökologische Forschung die Notwendigkeit der
Anpassung von Wirtschaft und Gesellschaft aufgrund von
Nachhaltigkeitsproblemen wie z. B. Ressourcenknappheiten oder sozialen Konflikten aufgegriffen.
Neben Projekten, die sich Fragestellungen auf der Mikroebene von Unternehmen
und Konsumenten widmen, nehmen einige Projekte auch die
Transformationspfade zur nachhaltigen Wirtschaftsweise ganzer Volkswirtschaften – unter
besondere Berücksichtigung der Möglichkeiten von Governance – in den Blick.
Es kann erwartet werden, dass Ergebnisse dieser Projekte auch neue Erkenntnisse
über die Geschwindigkeiten des Transformationsprozesses und deren
Prognosemöglichkeiten ergeben werden.
15. Inwieweit hat die Bundesregierung das Forschungsfeld soziale Innovationen
mit der Frage nach der Rolle des Staates bei der Begünstigung oder
Initiierung sozialer Innovationen in den Blick genommen, und inwiefern wurde
das Verständnis der Rolle von sozialen Innovationen in
Wandlungsprozessen genauer erforscht?
Das Anliegen der neuen Hightech-Strategie der Bundesregierung ist es,
technologische und gesellschaftliche Innovationspotenziale gemeinsam zu betrachten
und entlang gesellschaftlicher Bedarfe zu einer umfassenden Forschungs- und
Innovationspolitik zu kommen. Vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung
sozialer Innovationen im Kontext eines umfassenden Innovationskonzeptes
unterstützt das BMBF den Nationalen Kongress zum Thema soziale Innovationen
am 20./21. September 2016.
Darüber hinaus legt das BMBF einen Schwerpunkt auch auf die
Forschungsförderung im Bereich soziale Innovationen, zum Beispiel durch den
Förderschwerpunkt Sozial- ökologische Forschung im Rahmen von FONA3, die ITA sowie die
Programmlinie Zukunft der Arbeit. Die Rolle sozialer Innovationen als Treiber
neben technologischen Innovationen ist gerade auch mit Blick auf die
Wachstumsperspektiven von Schwellen- und Entwicklungsländern ein zunehmend
relevantes Forschungsfeld, dem die entwicklungspolitische Ressortforschung in den
vergangenen Jahren verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet hat.
So hat das BMZ die Erforschung alternativer Wachtsums- und Wohlstandsmaße
durch die Universität Göttingen ebenso gefördert wie die Arbeiten des DIE zur
Rolle von sozialen Innovationen bei der weltweiten Transformation zu
kohlenstoffarmen Gesellschaften und die entwicklungspolitische Nutzbarmachung des
Begriffs Sozialkapital.
16. Welche Schritte hat die Bundesregierung unternommen, um die nationalen
und internationalen Voraussetzungen und Folgen (sozial, politisch, kulturell)
spezifischer und allgemeiner Politik der Entkopplung vom
Wirtschaftswachstum zu erforschen?
Im Rahmen eines partizipativen Agendaprozesses hat das BMBF gemeinsam mit
dem BMUB unter Einbindung von Fachleuten aus Wirtschaft, Wissenschaft und
Zivilgesellschaft die Forschungsagenda Green Economy erarbeitet und im
November 2014 veröffentlicht.
Ziel der Agenda ist es, den Wandel zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise durch
anwendungsnahe Forschung zu unterstützen. Es geht darum, durch
technologische und gesellschaftliche Innovationen und insbesondere durch systemische
Forschungsansätze Wohlstand von Ressourcenverbrauch und Umweltbelastungen zu
entkoppeln.
Die Erforschung der Voraussetzungen für die Entkopplung von
Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum in Schwellen- und Entwicklungsländern, aber
auch darüber hinaus im Zuge globaler Transformationsprozesse, gehört seit
vielen Jahren zu den wissenschaftlichen Profilstärken des DIE.
17. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über systematische
Herausforderungen der Entkopplung, insbesondere durch differenzierte Analysen
von indirekten, strukturellen und psychologischen Reboundeffekten?
Das BMBF wird im Kontext von FONA3 Projekte fördern, die sich mit
indirekten, strukturellen und psychologischen Rebounds befassen werden (Projektstart
2017).
18. Inwiefern versucht die Bundesregierung, das Verständnis
wirtschaftswissenschaftlicher Systemzusammenhänge in den Dimensionen ökologischer
Grenzen für die Klimapolitik und den Schutz der Biodiversität zu
verbessern?
Mit der BMBF-Fördermaßnahme zur Ökonomie des Klimawandels verfolgt das
BMBF das Ziel, das Verständnis für Kosten von Klimawandel, Klimaschutz und
Anpassung an den Klimawandel, für die Gestaltung und Wirkungen
klimapolitischer Maßnahmen, Instrumente und des internationalen Klimaregimes sowie die
Nutzung von Energieressourcen und ökonomischen Bedingungen für
klimafreundliche Energieversorgung zu vertiefen. Die Entwicklung von
sozioökonomischen Instrumenten zur Berücksichtigung von Ökosystemfunktionen und -
leistungen sowie Klimaschutzzielen im Landmanagement ist Teil der BMBF-
Fördermaßnahme Nachhaltiges Landmanagement.
19. Inwiefern hat sich die Bundesregierung dafür eingesetzt, um eine
Aufwertung und Ausweitung der sozial- und humanwissenschaftlichen Umwelt-
und Ressourcenforschung voranzutreiben?
Im neuen FONA3-Rahmenprogramm des BMBF ist die gesellschaftliche
Perspektive im Vergleich zu den Vorgängerprogrammen noch stärker in den
Mittelpunkt gerückt. Dies lässt sich u. a. daran erkennen, dass mit den Leitinitiativen
Energiewende, Zukunftsstadt und Green Economy drängenden gesellschaftlichen
Herausforderungen ein besonders hoher Stellenwert eingeräumt wurde. Damit
verbunden ist eine Aufwertung und Ausweitung von sozial- und
humanwissenschaftlichen Ansätzen wie Verhaltensforschung, Partizipation oder soziale
Innovationen.
Darüber hinaus hat das BMBF im Rahmen der Sozial-ökologischen Forschung
einen umfangreichen Agenda-Prozess mit Akteuren aus Wissenschaft,
Unternehmen und Zivilgesellschaft durchgeführt, um neue Impulse für die
gesellschaftsbezogene Nachhaltigkeitsforschung zu gewinnen.
Am Ende dieses Prozesses stand ein von der Fachöffentlichkeit breit getragenes
Memorandum zur gesellschaftsbezogenen Nachhaltigkeitsforschung sowie ein
neues Förderkonzept zur Sozial-ökologischen Forschung (2015).
Das übergreifende Ziel der Sozial-ökologischen Forschung ist es, grundlegende
gesellschaftliche Transformationsprozesse zu verstehen. Hierbei kommt der
sozial- und humanwissenschaftlichen Umwelt- und Ressourcenforschung eine
tragende Rolle zu.
20. Welche Maßnahmen wurden ergriffen, um die von der Kommission
thematisierte Vorreiterrolle Deutschlands und der EU in Bezug auf die
Energiewende auf ihre Vorbildfunktion trans- und interdisziplinär zu erforschen?
Forschung und Innovation spielen eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der
Energiewende. Dabei werden auch trans- und interdisziplinäre
Forschungsansätze berücksichtigt. Die Bundesregierung hat die Ausgaben für die
Energieforschung innerhalb der letzten zehn Jahre verdoppelt.
Mit der Initiative Energiesysteme der Zukunft geben acatech – Deutsche
Akademie der Technikwissenschaften, die Nationale Akademie der Wissenschaften
Leopoldina und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften Impulse
für eine faktenbasierte Debatte über Herausforderungen und Chancen der
Energiewende in Deutschland. Mehr als 100 Wissenschaftler aller Disziplinen
arbeiten daran, welche wissenschaftlichen Schwerpunkte in der Energieforschung zu
setzen sind.
21. Inwiefern ist die Bundesregierung der Handlungsempfehlung
nachgekommen, die sozialwissenschaftliche Erforschung von Lebensstilen und Milieus
national und international zu fördern, internationale Vergleiche aufzustellen
und Best Practices für soziale, ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit
herauszuarbeiten?
Die sozialwissenschaftliche Erforschung von Lebensstilen und Milieus ist als
Querschnittsthema seit jeher wichtiger Bestandteil der Sozial-ökologischen
Forschung des BMBF.
Dies spiegelt sich in sämtlichen eher national ausgerichteten Fördermaßnahmen
von der „umwelt- und gesellschaftsverträglichen Transformation des
Energiesystems“ über „Nachhaltiges Wirtschaften“ bis hin zur „nachhaltigen
Transformation urbaner Räume“ wider. International wird die Erforschung von Lebensstilen
und Milieus seit 2014 in mehreren Forschungsprojekten zu sozialen
Transformationen vor dem Hintergrund des Klimawandels vom BMBF im Rahmen der
Initiative zur Gemeinsamen Programmplanung Climate gefördert.
22. Inwieweit hat die Bundesregierung Projekte gefördert, welche milieu- und
lebensstilspezifische Muster des nachhaltigen Konsums
wirtschaftswissenschaftlich und soziologisch untersuchen?
Das BMBF fördert im Förderschwerpunkt Sozial-ökologische Forschung 30
Projekte zum Thema Nachhaltiges Wirtschaften. Diese Projekte zeichnen sich durch
eine inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit aus, wobei die
Wirtschaftswissenschaften und die Soziologie häufig im Zentrum der Forschung stehen. Diverse
Projekte befassen sich mit milieu- und lebensstilspezifischen Mustern
nachhaltigen Konsums.
Ein Teil der Projekte hat zum Ziel, Verbraucherverhalten noch besser zu
verstehen, um Konsumentinnen und Konsumenten gezielter über nachhaltige Produkte
und Dienstleistungen informieren zu können sowie diese zu einem nachhaltigen
Konsum anzuregen. Zudem wird untersucht, welche politischen Instrumente
effiziente und effektive Anreize für Unternehmen sowie Verbraucherinnen und
Verbraucher setzen können, um ihr Verhalten in Richtung eines nachhaltigen
Wirtschaftens zu verändern.
23. Inwiefern wurden Forschungen unterstützt, die sich mit der Schließung der
diesbezüglichen „Bewusstseins-Verhaltens-Lücke“ beschäftigen,
insbesondere zu der Frage, welche Rahmensetzungen erforderlich sind?
Neben der in der Antwort zu Frage 22 genannten aktuellen Fördermaßnahme
Nachhaltiges Wirtschaften adressierte die BMBF-Fördermaßnahme „Vom
Wissen zum Handeln – Neue Wege zum nachhaltigen Konsum“ im Rahmen der
Sozial-ökologischen Forschung explizit die Blockaden, die einer Umsetzung vom
Wissen zum Handeln entgegenstehen. Ziel war, Orientierungs- und
Handlungswissen zu generieren, das für unterschiedliche Akteursgruppen nutzbar ist und
zur Stärkung der Verbraucherkompetenz beiträgt.
Ergebnisse der Forschungsprojekte wurden in einem Begleitvorhaben in Form
von acht sogenannten Konsum-Botschaften zusammengefasst, die konkrete
Empfehlungen für einen nachhaltigen Konsum geben.
24. Welche neueren Erkenntnisse hat die Bundesregierung zu fachdidaktischer
Forschung zur Integration des Themas Nachhaltigkeit in die Lehrpläne der
Fächer Geografie, Wirtschaft, Recht, Religion/Ethik und der
Naturwissenschaften?
Die Integration des Themas Nachhaltigkeit in Lehrpläne fällt aufgrund der
verfassungsmäßigen Kultushoheit der Länder in deren Zuständigkeit.
Das BMBF hat zur Umsetzung des Weltaktionsprogramms BNE ein Monitoring
beauftragt, das sich bis Mitte 2018 u. a. mit der aktuellen Trendentwicklung dieser
Frage beschäftigt. Die flächendeckende Implementierung von BNE und die
stärkere strukturelle Verankerung werden eine von mehreren Zielsetzungen des
Nationalen Aktionsplans BNE sein, der im Frühjahr 2017 von der Nationalen
Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung verabschiedet werden soll.
25. Inwiefern unterstützt die Bundesregierung Forschungsvorhaben, die sich mit
der Rolle von Zeitbudgets und Arbeitszeiten in Verbindung mit
nachhaltigem Konsum beschäftigen?
Im Auftrag des BMUB hat das UBA eingebettet in die übergeordneten
Fragestellungen des Projekts „Transformationsstrategien und Models of Change für
nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel“ die Rolle temporaler Elemente für eine
Transformation zu einer Kultur der Nachhaltigkeit, insbesondere der Rolle von
Zeit bei Veränderungsprozessen in Richtung nachhaltigerer Lebensstile
untersuchen lassen. Dabei wurden u. a. auch Ansätze für eine „temporale
Konsumkompetenz“ diskutiert.
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