Biologische Schädlingsbekämpfung
der Abgeordneten Dr. Christel-Happach Kasan, Hans-Michael Goldmann, Daniel Bahr (Münster), Rainer Brüderle, Angelika Brunkhorst, Ernst Burgbacher, Helga Daub, Jörg van Essen, Ulrike Flach, Otto Fricke, Horst Friedrich (Bayreuth), Christoph Hartmann (Homburg), Klaus Haupt, Ulrich Heinrich, Birgit Homburger, Jürgen Koppelin, Sibylle Laurischk, Ina Lenke, Dirk Niebel, Günther Friedrich Nolting, Eberhard Otto (Godern), Detlef Parr, Cornelia Pieper, Gisela Piltz, Dr. Hermann Otto Solms, Dr. Max Stadler, Carl-Ludwig Thiele, Jürgen Türk, Dr. Claudia Winterstein, Dr. Wolfgang Gerhardt und der Fraktion der FDP
Vorbemerkung
Schadorganismen wie die Raupen verschiedener Schmetterlingsarten, Maden von Apfel- und Pflaumenwicklern, Blattläuse, Kartoffelkäfer, Gespinstmotten, Minierfliegen, Fransenflügler, Zikaden, Schnecken, Milben und viele andere Arten gefährden Ernten in der Landwirtschaft und im Gartenbau. Da in der Regel die Förderung der in der Natur lebenden Antagonisten wie Maikäfer, Florfliegen, Schlupfwespen nicht ausreicht, um die Schadinsekten wirksam zu bekämpfen und die Erträge zu sichern, sind verschiedene Verfahren des Pflanzenschutzes entwickelt worden. In den letzten Jahrzehnten wurden chemische Pflanzenschutzmittel entwickelt, die bei fachgerechtem Einsatz eine effiziente und weitgehend umweltschonende Bekämpfung der Schadinsekten und eine hohe Qualität der Produkte ermöglichen. Durch den Anbau resistenter Sorten kann der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln weiter vermindert werden. Die Bundesregierung räumt in ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage der Fraktion der FDP „Möglichkeiten der Grünen Gentechnik zur Verbesserung der Welternährung“ in diesem Zusammenhang ein, dass eine Verringerung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln durch den Anbau von transgenen Pflanzen aus Sicht der Bundesregierung umweltpolitisch zu begrüßen ist (Bundestagsdrucksache 15/958). Eine weitere Möglichkeit zur Bekämpfung der Schadinsekten bietet der gezielte Einsatz von Raubinsekten und Raubmilben, die von den Schadinsekten leben, sowie auch der Einsatz von parasitischen Nematoden und Krankheitserregern wie Bakterien, Pilzen und Viren.
Bei den in Deutschland eingesetzten „Nützlingen“ handelt es sich zumeist um nicht heimische Arten. Sie werden in der Regel in großen Mengen künstlich gezüchtet und dann gezielt durch den Landwirt im Freiland oder im Gewächshaus freigelassen. Die Ausbringung nicht heimischer Nützlingsarten in großen Mengen kann zu einer unerwünschten Verfälschung der Artenzusammensetzung von Habitaten sowie zur Bastardisierung heimischer Arten führen, deren Folgen nur schwer abzuschätzen sind. Die Rückverfolgbarkeit von frei fliegenden Insektenarten, den im Boden lebenden Nematoden sowie Bakterien, Viren und Pilzen ist praktisch unmöglich. Daher ist bei der Zulassung von Nützlingsarten zur biologischen Schädlingsbekämpfung eine besondere Sorgfalt erforderlich.
In großem Umfang wird im Biolandbau die aus Moldawien (nördliche Schwarzmeerregion) stammende Schlupfwespenart Trichogramma brassicae gegen den gefährlichen Mais-Schädling, den Maiszünsler (Ostrinia nubilalis), eingesetzt. Die Trichogramma-Eier werden in hoher Stückzahl (ca. 150 000 Stück pro Hektar) in speziellen Hängevorrichtungen direkt im Maisfeld ausgebracht. Die schlüpfenden Schlupfwespen legen ihre Eier wiederum in die Eier des Maiszünslers. Die nächste Schlupfwespengeneration entwickelt sich in den Zünslereiern bis zum erwachsenen Insekt und tötet hierdurch den Schädling. Trichogramma brassicae ist nicht heimisch. Es wird davon ausgegangen, dass die Trichogramma-Individuen den Winter aus klimatischen oder standortspezifischen Gründen in Zentral- und Westeuropa nicht überstehen können und es somit zu keiner dauerhaften Ansiedlung mit möglichen Folgeschäden für die heimische Fauna kommt.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen20
In welchem Umfang werden in Deutschland die Methoden der biologischen Schädlingsbekämpfung zum Schutz der Kulturen vor Schadorganismen angewandt und wie hat sich deren Anwendung (Anzahl Hektar pro Kulturpflanzenart) in den letzten 10 Jahren entwickelt?
Bei welchen Schadorganismen werden insbesondere Verfahren der biologischen Schädlingsbekämpfung angewandt?
Welchen Anteil bei der biologischen Schädlingsbekämpfung haben jeweils als Nützlinge verwendete Insektenarten, Nematodenarten sowie Krankheitserreger wie Bakterien, Viren, Pilze?
In welchem Umfang werden in der biologischen Schädlingsbekämpfung heimische Insekten- und Nematodenarten als Nützlinge eingesetzt, in welchem nicht heimische Arten und aus welchen Ursprungsländern stammen diese?
Welchen Zulassungsvorschriften unterliegt in Deutschland der landwirtschaftliche Einsatz von „Nützlingen“, und welche Behörden genehmigen die Zulassung von Nützlingsarten?
In welcher Weise ist sichergestellt, dass durch das Ausbringen nicht heimischer Nützlinge keine Habitatverfälschung erfolgt und Bastardisierungen heimischer Arten vermieden werden?
Welche konkreten Erfahrungen mit dem Einsatz von „Nützlingen“ liegen der Bundesregierung vor?
Welche Begleituntersuchungen zum Einfluss der eingesetzten Nützlinge auf die Flora und Fauna in der Umgebung des Einsatzortes sind der Bundesregierung bekannt, wer hat die Untersuchungen in Auftrag gegeben und wer hat sie durchgeführt?
In welcher Weise ist beim Einsatz der verschiedenen Nützlingsarten die Rückholbarkeit der eingesetzten Nützlinge gewährleistet und wie wird deren unkontrollierte Ausbreitung in der Natur vermieden?
Gibt es Untersuchungen über die Dauer des Verbleibs von Nützlingsarten in der Natur nach ihrem Einsatz und über die Weite ihrer Ausbreitung, und wenn ja, mit welchem Ergebnis?
Gibt es in Deutschland „Nützlingsarten“, die nur mit naturschutzrechtlicher Einzelgenehmigung der zuständigen Länderbehörden eingesetzt werden dürfen, und wenn ja, welche und warum ist für diese Arten eine entsprechende Einzelgenehmigung erforderlich?
In welchen Bundesländern sind solche naturschutzrechtlichen Einzelgenehmigungen und in welcher Zahl gegeben worden?
Gibt es in der Bundesrepublik Deutschland Auflagen für die Anwendung von „Nützlingen“ in unmittelbarer Nähe von Naturschutzgebieten, und wenn ja, welche?
Worin liegen nach Auffassung der Bundesregierung die Chancen der biologischen Schädlingsbekämpfung und wie beurteilt die Bundesregierung deren Risiken insbesondere für die Natur?
Liegen der Bundesregierung Untersuchungsergebnisse darüber vor, ob und wenn ja, in welchen Gebieten Zentral- und Westeuropas Trichogramma brassicae, die ursprünglich aus Moldawien stammt, ebenfalls natürlich vertreten ist?
Liegen der Bundesregierung Angaben darüber vor, ob Schlupfwespen der Art Trichogramma brassicae nach ihrem Ausschlüpfen ausschließlich im Maisfeld verbleiben?
Wenn nein, bis zu welcher Distanz um das Maisfeld herum können auch feldnahe Habitate von dem „Nützling“ besiedelt werden?
Ist es sicher, dass es bei Freisetzungen von Trichogramma brassicae im Biolandbau in Zentral- und Westeuropa nicht zum Überwintern und somit zur unbeabsichtigten, langfristigen Ansiedlung der Art kommt?
Wenn nein, für welche Gebiete lässt sich feststellen, dass Trichogramma brassicae sich bereits (vermutlich dauerhaft) angesiedelt hat?
Liegen der Bundesregierung Untersuchungsergebnisse aus Laborversuchen vor, ob Trichogramma-Individuen auf Nicht-Zielorganismen, wie z. B. Schmetterlingsraupen, parasitieren, und wenn ja, welche Arten zusätzlich zum Maiszünsler, zu dessen Bekämpfung die Schlupfwespen ausgesetzt wurden, werden außerdem parasitiert?
Ist völlig ausgeschlossen, dass durch den Einsatz von Trichogramma brassicae heimische Nützlinge, wie z. B. die Eier des blattlausvertilgenden Zweipunktmarienkäfers (Adalia bipunctata) oder der Schwebfliege (Episyrphus balteatus), parasitiert und abgetötet werden?
Liegen hierzu Vergleichsstudien aus Laborversuchen vor?
Welche Mehrkosten entstehen dem Landwirt durch den Einsatz von Trichogramma brassicae im biologischen Maisanbau im Vergleich zum herkömmlichen Anbau (auf einen Hektar bezogen)?
Wie hoch wären die Kosten beim Anbau von gegen den Maiszünsler resistentem Bt-Mais (Bt: bacillus thuringiensis) pro Hektar?