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Kleine AnfrageWahlperiode 15Beantwortet

Entwicklung der Aquakultur des Störs für die wirtschaftliche Nutzung und zur Wiedereinbürgerung von heimischen Stören in Deutschland (G-SIG: 15011333)

Sachstand zu den Störbeständen in Deutschland, Initiative zur Wiedereinbürgerung des Störs, auch im Rahmen von wirtschaftlich genutzten Aquakulturanlagen, Unterstützungsmaßnahmen der Bundesregierung

Fraktion

FDP

Ressort

Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft

Datum

17.01.2005

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 15/444301. 12. 2004

Entwicklung der Aquakultur des Störs für die wirtschaftliche Nutzung und zur Wiedereinbürgerung von heimischen Stören in Deutschland

der Abgeordneten Dr. Christel Happach-Kasan, Hans-Michael Goldmann, Dr. Karl Addicks, Daniel Bahr (Münster), Rainer Brüderle, Ulrike Flach, Horst Friedrich (Bayreuth), Klaus Haupt, Ulrich Heinrich, Birgit Homburger, Dr. Heinrich L. Kolb, Jürgen Koppelin, Sibylle Laurischk, Harald Leibrecht, Markus Löning, Dirk Niebel, Hans-Joachim Otto (Frankfurt), Eberhard Otto (Godern), Dr. Hermann Otto Solms, Dr. Max Stadler, Carl-Ludwig Thiele, Jürgen Türk, Dr. Wolfgang Gerhardt und der Fraktion der FDP

Vorbemerkung

Der Stör (Gattung Acipenseridae) ist ein lebendes Fossil. Seine prähistorischen Spuren reichen 200 Mio. Jahre zurück bis in die Zeit der Dinosaurier. Der Stör ist ein anadromer Wanderfisch, der zum Laichen bis weit in die Flüsse aufsteigt, wo er in stark strömendem Wasser auf kiesig-steinigem Grund seine Eier ablegt. Jedes Weibchen legt zwischen 1 000 000 und 2 500 000 kleine, dunkelgraue, klebrige Eier, die im unbefruchteten Stadium als „Kaviar“ Berühmtheit erlangt haben. Aus den befruchteten Eiern schlüpfen nach etwa 10 Tagen die Jungstöre, die in die Meere wandern. Nach ca. 10 bis 20 Jahren kommen die geschlechtsreifen Tiere in die Flüsse zurück, um zu laichen. Der europäische Stör erreicht ein Alter von über 60 Jahren und eine Größe von über 4 m. Von den weltweit 27 Arten sind heute alle gefährdet oder vom Aussterben bedroht.

Der Stör war bis Ende des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Bestandteil der Lebensgemeinschaft der Flüsse Norddeutschlands und ein wichtiger Wirtschaftsfisch, von dem jährlich zwischen 4 000 und 6 000 erwachsene Tiere angelandet wurden. Durch die umfassende Umweltverschmutzung und Gewässerverbauung infolge der industriellen Revolution wurden die Lebensgrundlagen des Störs weitgehend zerstört. Drastische Überfischung besiegelte das Schicksal der Art bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In Deutschland wurde der letzte Störbestand bis 1969 in der Eider (Schleswig-Holstein) beobachtet. Seitdem gilt die Art als verschollen oder ausgestorben.

Der Stör ist infolge dieser Entwicklung für ca. 50 Jahre aus dem Bewusstsein der Menschen und von ihrer Speisekarte verschwunden. Vereinzelte Importe aus den Erzeugerländern des Kaviars haben bis in die 1990er Jahre daran nichts geändert. Erste Bemühungen einer zunehmenden Verbreitung von Störfleisch, das grätenfrei und von feiner Struktur ideal für die Nutzung in der Küche und für die Räucherei ist, gehen auf die Intensivierung der Fischzucht mit verschiedenen Störarten in jüngster Zeit zurück.

Die Entwicklung der Aquakultur mit dem Stör ist in Deutschland in den letzten Jahren vor allem durch die geplante Kaviarproduktion in die öffentliche Diskussion geraten (z. B. Caviar Creator, Demmin). Es hat die Akzeptanz dieser Fischereitechnik behindert, dass für diese Produktion bislang vor allem nicht heimische Störarten genutzt wurden. Insbesondere vor dem Hintergrund der derzeit laufenden Bemühungen zur Wiedereinbürgerung des Störs in Deutschland stellt sich hier die Frage nach einer nachhaltigen Entwicklung der Aquakultur und möglicher Synergismen zwischen Bemühungen zur Wiedereinbürgerung und der wirtschaftlichen Nutzung des Störs.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen14

1

Wie beurteilt die Bundesregierung die Situation der Störbestände weltweit und die Chancen für ihre Erhaltung, die Wiederansiedlung von Stören in Flüssen, in denen der Stör im letzten Jahrhundert ausgestorben ist?

2

In welchen deutschen Flüssen wurden in den letzten 10 Jahren Störe gefangen und welchen Arten gehörten sie an?

3

Wie bewertet die Bundesregierung die Aufnahme von international koordinierten Aktivitäten zur Sicherung der Ressourcen und der Förderung der natürlichen Bestände der Störe?

4

Inwieweit kann das in Deutschland begonnene Vorhaben zur Arterhaltung und Wiedereinbürgerung des Störs in Nord- und Ostseezuflüssen (Projekttitel: „Exemplarische Maßnahmen zur Arterhaltung und Bestandsstützung des nahezu ausgestorbenen Gemeinen Störs (Acipenser sturio L.) in Deutschland“) die weltweite Entwicklung in diesem Bereich beeinflussen?

5

Wie wird die weitere Perspektive für das oben genannte Vorhaben von der Bundesregierung eingeschätzt und welchen Handlungsbedarf sieht die Bundesregierung für das Vorhaben?

6

In welchen Bundesländern gibt es Initiativen zur Entwicklung der Aquakultur des Störs und wieweit sind die Vorhaben gediehen?

7

Welche Förderung wird von der Bundesregierung oder der Europäischen Union für die als notwendig eingeschätzten Arbeiten für dieses Vorhaben (z. B. Laichfischhaltung, Aufzucht von Besatzmaterial, Verfolgung nach dem Besatz, Beifanguntersuchung) bereitgestellt?

8

Trifft es zu, dass bei der Aquakultur des Störs weitgehend auf Medikamenteneinsatz verzichtet werden kann?

9

Trifft es zu, dass in modernen Aquakulturanlagen die Abwasserproblematik gelöst ist?

10

Inwieweit bestehen nach Einschätzung der Bundesregierung Möglichkeiten einer Verbindung zwischen den Bemühungen zur Wiedereinbürgerung des Störs in Deutschland und der kommerziellen Aquakultur des Störs?

11

Inwieweit bestehen seitens der Bundesregierung Pläne für eine strukturelle Förderung der Forschung zur Verbindung von Aquakultur und Artenschutz?

12

Welche Maßnahmen hält die Bundesregierung für notwendig, um die Nachhaltigkeit der kommerziellen Aquakultur sicherzustellen und eine mögliche Faunenverfälschung zu unterbinden?

13

Wie werden die Chancen und Perspektiven für eine Nutzung der ehemals heimischen Störarten in der Aquakultur von der Bundesregierung eingeschätzt, und wann wird eine wirtschaftliche Nutzung für möglich gehalten?

14

Sieht die Bundesregierung infolge der geplanten Wiedereinbürgerung ein Potential für die Entwicklung der deutschen Küsten- und Binnenfischerei?

Berlin, den 1. Dezember 2004

Dr. Wolfgang Gerhardt und Fraktion

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