Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
Drucksache
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14. Wahlperiode
10. 11. 2000
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Gesundheit vom 8. November
2000 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Hubert Hüppe, Eva-Maria Kors,
Wolfgang Lohmann (Lüdenscheid), weiterer Abgeordneter und der Fraktion
der CDU/CSU
– Drucksache 14/4427 –
Drogenproblematik unter Aussiedlern aus den GUS-Staaten
Fachleute und Verbände der Suchtkrankenhilfe weisen auf die Problematik
des Drogenkonsums unter Aussiedlern hin. Berichten zufolge steigt seit
einiger Zeit die Zahl der Abhängigen unter den Aussiedlern. Dies ist mit größter
Besorgnis zu beobachten und wirft Fragen, insbesondere zu spezifischen
Hilfsangeboten, auf.
1. Wie viele Drogenkonsumenten gibt es in der Bundesrepublik Deutschland
nach Kenntnis der Bundesregierung unter den Aussiedlern aus den GUS-
Staaten?
Die Zahl der Drogenkonsumenten unter den Aussiedlern aus den GUS-Staaten
ist der Bundesregierung nicht bekannt, weil in den Bevölkerungsstatistiken eine
gesonderte Erfassung von Aussiedlern nicht vorgesehen ist. Auch die
polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) sieht eine gesonderte Erfassung von Aussiedlern
nicht vor. Daher gestaltet sich in den Informationssystemen der Polizei auch
eine Analyse in Bezug auf die Drogenkriminalität als schwierig. Als
Hilfskriterium kann der Zusammenhang zwischen deutscher Staatsangehörigkeit und
einem Geburtsland in den GUS-Staaten herangezogen werden. Eine Bund-
Länder-Arbeitsgruppe der Polizei erarbeitete folgende Definition, die seit 1. Januar
2000 für die Erfassung in den polizeilichen Informationssystemen bindend ist:
„Aussiedler sind deutsche Staatsangehörige mit Geburtsort in den Staaten
Rumänien, Polen und der ehemaligen UdSSR und Wohnsitz in Deutschland.“
Da die bundesweite Erfassung im laufenden Jahr erstmals erfolgte, liegen nur
vorläufige Zahlen vor. Demnach wurden in 2,6 % aller im Jahr 2000 erfassten
Fälle Aussiedler als Tatverdächtige ermittelt, überwiegend im Zusammenhang
mit Cannabis und Heroin.
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– 2 – Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode
Um zu einer besseren Einschätzung des Suchtverhaltens von Migranten in der
Bundesrepublik zu kommen, hat die Bundesregierung eine Expertise in Auftrag
gegeben, mit der u. a. eine quantitative Bestandsaufnahme und Aufarbeitung
vorhandener Daten geleistet werden soll. Aussagen zu Aussiedlern werden
vermutlich aber aufgrund der Besonderheiten der statistischen Erfassung (s. o.) mit
Vorsicht zu bewerten sein.
2. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über Alter, gesundheitlichen
Zustand und soziale Integration drogenabhängiger Aussiedler?
Siehe Antwort auf Frage 1.
3. Welche Informationen hat die Bundesregierung über die Art der Drogen
und die Intensität des Drogenkonsums bei Aussiedlern?
Belastbare Daten über Art der Drogen und die Intensität des Drogenkonsums
bei Aussiedlern liegen der Bundesregierung nicht vor. Aus mehreren Ländern
wird über einen übermäßigen Alkoholkonsum insbesondere unter jüngeren
männlichen Spätaussiedlern berichtet. Folgende Informationen über die
Drogenkriminalität von Aussiedlern sind vorhanden:
Anlässlich verschiedener Sonderauswertungen einzelner Bundesländer und des
Bundeskriminalamts zu einem früheren Zeitpunkt ergaben sich Erkenntnisse,
die in den Abschlussbericht der o. a. Bund-Länder-Arbeitsgruppe eingeflossen
sind: Die Beteiligung von Aussiedlern an der Drogenkriminalität steigt an,
wobei ein Schwerpunkt in den Ländern Bayern, Baden-Württemberg und
Rheinland-Pfalz zu erkennen ist. Die Mehrzahl der Tatverdächtigen bilden
Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahre. Bei der Mehrheit der Tatverdächtigen
handelt es sich um Kleindealer oder Drogenkonsumenten. Dabei wird zum Teil
ein extremes Konsumverhalten, insbesondere von Heroin in Verbindung mit
Alkoholmissbrauch festgestellt.
Die Drogenszene der Aussiedler ist von der übrigen deutschen Drogenszene
getrennt, wobei selbst zwischen einzelnen Landsmannschaften eine
Abschottung erfolgt.
4. Welche Projekte und Hilfsangebote gibt es nach Kenntnis der
Bundesregierung für drogenabhängige Aussiedler in der Bundesrepublik
Deutschland?
Da für den Bereich der Gesundheitsversorgung insbesondere die Länder,
Kommunen, freie Träger und die Leistungsträger verantwortlich sind, wurde bei den
Ländern und der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS)
kurzfristig eine Umfrage zu den Fragen 4, 5 und 7 durchgeführt. Aufgrund der
Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit sind die Antworten nicht erschöpfend,
sondern geben teilweise nur exemplarische Beispiele wieder.
Vom Bund geförderte Projekte werden in der Antwort auf Frage 6 genannt.
Die Länder halten eine Reihe von Projekten und Hilfsangeboten vor:
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Baden-Württemberg
Es liegen Erfahrungen der Arbeitsgemeinschaft für Gefährdetenhilfe und
Jugendschutz in der Erzdiözese Freiburg e. V. mit o. g. Problematik vor. Sie
beziehen sich hauptsächlich auf den legalen Bereich, da ca. 85 % der Klienten
Alkoholprobleme und nur ca. 15 % Drogenprobleme haben.
Bereits seit ca. 4 Jahren wird durch Honorarmitarbeit eines russischsprachigen
Arztes ein spezielles Beratungs- und Gruppenangebot für Aussiedler
angeboten. Auslöser für die Kontaktaufnahme ist meist ein alkoholbedingter
Führerscheinentzug, der die zugrunde liegende Suchtproblematik deutlich macht. Das
Angebot ist durch Mund-zu-Mund-Propaganda weit über den regionalen
Einzugsbereich hinaus bekannt. Bis September d. J. bestand auch eine
russischsprachige Selbsthilfegruppe.
Bayern
Die Drogenproblematik unter Aussiedlern aus den GUS-Staaten wird seit
einiger Zeit im Suchthilfesystem Bayerns diskutiert. Schwerpunkte scheinen in den
Großräumen München und Nürnberg zu liegen. Die Suchthilfeeinrichtung
MUDRA hat entsprechende Hilfeangebote diskutiert und versucht mit
regionalen Stellen deren Konkretisierung.
Berlin
In mehreren Drogenberatungsstellen Berlins bieten Mitarbeiter
drogenabhängigen Aussiedlern spezielle Hilfe und Unterstützung an. Die Zahl der
Hilfesuchenden bewegt sich zwischen 50 pro Jahr in einer Drogenberatungsstelle, die
in der Versorgung dieser Klientengruppe einen Schwerpunkt hat, und je ca.
10 Personen pro Jahr in den übrigen Beratungsstellen. Eine Weitervermittlung
in Entzugs- und Rehabilitationsmaßnahmen hängt weitgehend von den
Deutschkenntnissen dieser Gruppe ab.
Das Jüdische Krankenhaus berichtet von 6 bis 7 Entzugspatienten jährlich. In
den Methadonambulanzen werden jährlich jeweils ca. 20 drogenabhängige
Aussiedler substituiert. Sind ausreichende Sprachkenntnisse vorhanden, finden
die Aussiedler auch in den stationären und ambulanten Therapieeinrichtungen
Berlins Aufnahme.
Brandenburg
Das gesamte Versorgungsnetz für Abhängigkeitskranke im Land Brandenburg
steht auch den drogenabhängigen Aussiedlern zur Verfügung. Dieses
Versorgungsnetz ist so ausgelegt, dass allen Betroffenen Hilfe in der näheren
Umgebung geboten werden kann.
Spezielle Angebote für Aussiedler aus GUS-Staaten gibt es an den
Zugangsstellen. In der Ankunftseinrichtung in Peitz wird für alle Aussiedler ein
Suchtpräventionsvortrag in Deutsch und in Russisch angeboten, weil bereits dort
häufig ein gesteigerter Alkoholkonsum erkannt wird.
Innerhalb von Deutsch-Sprachkursen in den Kommunen stellen Mitarbeiter
von ambulanten Suchtberatungsstellen ihre Angebote vor. Die
Brandenburgische Landesstelle gegen die Suchtgefahren bietet einen Teil der
Informationsbroschüren zur Suchtproblematik in verschiedenen Sprachen an. Viele
stationäre Kliniken sind in der Lage, entsprechendes Dolmetscherpersonal zur
Verfügung zu stellen.
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– 4 – Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode
Bremen
Im Lande Bremen gibt es keine speziellen Angebote oder Projekte für
suchtkranke Aussiedler aus den GUS-Staaten. Beratungsstellen und
Therapieeinrichtungen beraten bzw. behandeln die Klientel mit. Die Suchtberatung des
Sozialpsychiatrischen Dienstes und die Drogenberatungsstellen berichten über
große sprachliche und kulturelle Hindernisse. Gegenüber diesen Institutionen
herrscht großes Misstrauen. Unter Behandlung wird oft medikamentöse
Behandlung verstanden.
Hamburg
Aus den szenenahen Einrichtungen der Drogenhilfe liegen bisher keine
Mitteilungen vor, die über eine besondere Auffälligkeit oder eine ungewöhnliche
Zunahme bzw. Häufung von jungen Drogenabhängigen aus
Spätaussiedlerfamilien berichten. Ob sich dies ändert, bleibt abzuwarten.
Bisher besteht kein Anlass, spezielle Projekte für drogenabhängige Aussiedler
in Erwägung zu ziehen.
Anders stellt sich die Situation hinsichtlich des Alkoholkonsums dar. Es besteht
der Eindruck, dass insbesondere jüngere männliche Spätaussiedler zu einem
übermäßigen Alkoholkonsum neigen. Aus Stadtteilen, wo neben anderen
Migrantengruppen auch Spätaussiedlerfamilien leben, wird über massive
Rivalitäten und Auseinandersetzungen zwischen jungen Leuten unterschiedlicher
ethnischer Herkunft berichtet, an denen besonders auch alkoholisierte
Spätaussiedlerjugendliche beteiligt sind.
In der Klientel von Suchtberatungsstellen stellen Aussiedler bisher keine
merkliche Größe dar. Es wird angenommen, dass bei dieser Bevölkerungsgruppe
eine größere Hemmschwelle nicht nur gegenüber staatlichen Institutionen
besteht, sondern auch gegenüber Sozialarbeit.
Mecklenburg-Vorpommern
In Mecklenburg-Vorpommern gibt es keine eigenen Projekte und Hilfsangebote
für drogenabhängige Aussiedler. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass
Aussiedlereinrichtungen nur begrenzt mit Suchthilfeeinrichtungen zusammenarbeiten.
Niedersachsen
Eine Umfrage bei den in Niedersachsen zuständigen
Rentenversicherungsträgern ergab, dass spezielle Projekte und Hilfsangebote seitens der
Landesversicherungsanstalten nicht vorgehalten werden. Junge Aussiedlerinnen und
Aussiedler werden in den bestehenden Einrichtungen für Drogenabhängige
behandelt.
Auf kommunaler Ebene gibt es in Niedersachsen mehrere Projekte und
Hilfeangebote für drogenabhängige Aussiedlerinnen und Aussiedler. So verfügt
z. B. die Drogenberatungsstelle (DROBS) Hannover seit ca. einem Jahr für den
Bereich migrantenspezifische Drogenarbeit über einen Sozialarbeiter mit
Russischkenntnissen. Auch in der Unterkunft für obdachlose
Drogengebraucherinnen und -gebraucher in Hannover ist ein sprachkundiger Sozialarbeiter
angestellt.
Im Bereich der Stadt und des Landkreises Osnabrück halten die dortigen
Suchtberatungsstellen seit längerem Beratungsangebote für junge Aussiedlerinnen
und Aussiedler vor. Auch hier sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit
entsprechenden Sprachkenntnissen beschäftigt. Im Landkreis Osnabrück wird seit
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eineinhalb Jahren eine Substitutionsambulanz für Aussiedlerinnen und
Aussiedler betrieben. Z. Z. werden 25 Patientinnen und Patienten substituiert.
Das Jugendgemeinschaftswerk unterhält in Niedersachsen zwölf Fachstellen
für junge Aussiedlerinnen und Aussiedler. Ein Schwerpunkt der Arbeit dieser
Fachstellen ist die Drogenprävention. Der überwiegende Teil dieser Fachstellen
erhält Zuwendungen für Projekte zur Förderung der Integration von
Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedlern vom Bundesverwaltungsamt.
Nach einem in Hannover vorliegenden Schreiben des Bundesverwaltungsamtes
vom 24. Juli 2000 werden bzw. wurden in 18 Landkreisen und kreisfreien
Städten Projekte durchgeführt.
Nordrhein-Westfalen
Die Landesregierung NRW hat bereits 1998 ein landesweit von allen im
Suchtbereich Verantwortung tragenden Institutionen und Verbänden getragenes
„Landesprogramm gegen Sucht NRW (LPS)“ verabschiedet. Dabei wird im
LPS die Gruppe der suchtkranken Migranten und Aussiedler bereits als eine
besondere Zielgruppe berücksichtigt.
Die Hilfeangebote in NRW berücksichtigen verstärkt die Zunahme des
Hilfebedarfs für die Zielgruppe der suchtkranken Migrantinnen und Migranten sowie
der Aussiedlerinnen und Aussiedler. Im Rahmen der Umsetzung des LPS
werden insbesondere die bestehenden Beratungs- und Hilfeangebote des
Suchthilfesystems in NRW entsprechend weiterentwickelt und qualifiziert.
So ist z. B. die Erreichbarkeit der Hilfen gezielt durch einen strukturellen
Ausbau der Suchtberatungsstellen verbessert worden. Insgesamt fördert das Land
NRW inzwischen 12 Beratungsstellen, die besondere migrantenspezifische
Angebote im Sinne einer Leistungserweiterung vorhalten.
Darüber hinaus fördert das Land ein mehrjähriges Modellprojekt zur
Suchtprävention und -beratung für junge Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler.
Rheinland-Pfalz
Seit 1997 besteht im nördlichen Rheinland-Pfalz ein Arbeitskreis „Migranten
und Sucht“, in dem Fachkräfte aus den Bereichen Migration und
Suchtkrankenhilfe kooperieren. Schwerpunkte dieses Arbeitskreises sind die Verbesserung
der Erreichbarkeit und der Haltekraft der Zielgruppe in den Hilfeangeboten
sowie die gemeinsame Umsetzung von Maßnahmen vor Ort. Die Landesstelle
Suchtkrankenhilfe plant, ab 2001 auch für den südlichen Bereich von
Rheinland-Pfalz eine derartige Kooperation aufzubauen. Einzelne
Suchtberatungsstellen bieten inzwischen muttersprachliche Hilfeangebote an.
Zwei der neun stationären Therapieeinrichtungen für Drogenabhängige (Klinik
am Waldsee in Rieden und Fachklinik Landau) haben ein spezifisches Konzept
für die Behandlung von drogenabhängigen Aussiedlern entwickelt.
Saarland
Im Saarland gibt es kein spezielles Angebot oder Projekt für drogenabhängige
Aussiedler. Derzeit bietet das Drogenhilfezentrum einmal wöchentlich eine
zweistündige Sprechstunde in russischer Sprache an. Diese wird von einer aus
den GUS-Staaten stammenden Diplompsychologin durchgeführt. Darüber
hinaus steht diese Psychologin im Rahmen eines BSHG-Vertrags auch in anderen
Projekten für die Aussiedler zur Verfügung.
Des Weiteren führt das Drogenhilfezentrum eine halbjährige Untersuchung
durch, um genauere Daten über die Drogenabhängigen aus den GUS-Staaten zu
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erhalten. Darüber hinaus ist ein Ziel dieses Projektes, für diese Personengruppe
spezifische Präventionsansätze herauszufinden. Ab Januar gibt es die
Möglichkeit, dass Substituierte aus den GUS-Staaten von einer Russisch sprechenden
Person psychosozial betreut werden.
Sachsen
In der Stadt Chemnitz existiert an der Suchtberatungsstelle des Advent-
Wohlfahrtswerkes (AWW) ein Projekt „Psychosoziale Betreuung und Suchtberatung
deutschstämmiger Spätaussiedler“, das anfangs ausschließlich von
erwachsenen alkoholabhängigen Klienten aufgesucht wurde, seit zwei Jahren
zunehmend auch von jugendlichen Drogenkonsumenten (Laufzeit: 3 Jahre, Beginn
1. Mai 1998).
Im Landkreis Sächsische Schweiz wurde das Sucht- und Familienprojekt
„Brücke“ initiiert. Träger ist das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands e. V.
(CJD). Das Projekt beinhaltet gezielte Maßnahmen zur Suchtprävention und
Suchtberatung; Ziel ist es, Suchtkranke besser in das soziale Umfeld
einzubinden (Laufzeit: 4 Jahre, Beginn 1998).
In der Stadt Leipzig arbeiten folgende freie Träger im Bereich der
Aussiedlerberatung und Betreuung kooperativ und vernetzt zusammen:
Blaues Kreuz und Jugendgemeinschaftswerk/Aussiedlerberatung der Inneren
Mission, Projekt Drahtseil des Zentrums für Integration e. V., Psychosoziale
Beratung und Begleitung der Augsburger Lehmbaugesellschaft e. V. mit
Angeboten von Deutschsprachkursen und Beratung.
Das Blaue Kreuz, das Jugendgemeinschaftswerk und das Zentrum für
Integration arbeiten seit 1999 überregional in Leipzig Land, Kreis Delitzsch und im
Muldentalkreis zusammen.
Angeboten werden psychosoziale Beratung und Begleitung für drogensüchtige
Jugendliche und deren Eltern und soziale Begleitung zu Ämtern, z. B. in der
Vorbereitung von Entgiftungsbehandlungen sowie Begleitung während der
Therapie und Nachsorgebetreuung.
Niedrigschwellige Angebote, wie anonyme Beratung, freier Zugang,
Ruhezonen für Drogensüchtige, alternative Freizeitangebote werden besonders gut
angenommen. Grundsätzliche Zielstellung sind Motivation zum Ausstieg,
psychologische Begleitung und Motivation zur Therapie.
Hilfe und Unterstützung erfolgen z. B. auch bei der Begleitung von
Delinquenten bei durch das Gericht auferlegten Arbeitsstunden.
Besonders wichtig ist der intensive Kontakt zu den Eltern junger
Spätaussiedler. Aufgrund kultureller Besonderheiten sind die Jugendlichen sehr stark mit
ihren Familien verbunden. Elternarbeit erfolgt in Gesprächskreisen für Eltern
drogensüchtiger Jugendlicher. Diese arbeiten seit ca. 1,5 Jahren.
Hauptdrogenproblem in den Familien ist Alkohol. Es erfolgt teilweise ein sehr
früher Einstieg (11 bis 12 Jahre) und wird von den Familien verharmlost,
ebenso die daraus resultierende Gewalterfahrung.
Der Heroinmissbrauch bei Aussiedlern wurde teilweise aus den GUS-Staaten
mitgebracht. (Erfahrungen über mehrere Jahre mit Opiaten sind auch bei
älteren Aussiedlern zu beobachten.)
Das interdisziplinäre Projekt „Die Fähre“ ist ein Gemeinschaftsprojekt des
Blauen Kreuzes, der Inneren Mission, des Jugendgemeinschaftswerkes und des
Zentrums für Integration.
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Drahtseil und Jugendgemeinschaftswerk arbeiten primär- und
sekundärpräventiv seit 2 Jahren in 3 Schulen und in einem Berufsschulzentrum.
Besondere Zielsetzung ist die Integration junger Spätaussiedler und hier
geborener junger Deutscher durch gemeinsame Projekte. Besondere Bedeutung hat
die Förderung und Einbeziehung von Multiplikatoren, wie Eltern und Lehrern
von Aussiedlern.
Sachsen-Anhalt
In die Zuständigkeit des Landesministeriums des Innern fällt neben der
Aufnahme, Unterbringung und Betreuung der Spätaussiedlerinnen und
Spätaussiedler nach dem Aufnahmegesetz des Landes Sachsen-Anhalt auch die
Integration dieses Personenkreises. Dies ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe,
die unter Einbeziehung der Wohlfahrtsverbände und von vielen an der
Integration beteiligten gesellschaftlichen Kräften erfolgt.
Auf Grund der zunehmenden Drogenproblematik unter Spätaussiedlerinnen
und Spätaussiedlern bieten die Projekte und Netzwerke zur
Spätaussiedlerbetreuung im Land Sachsen-Anhalt zunehmend auch Maßnahmen der
Drogenprävention an. Die Strukturen der genannten Projekte und Netzwerke lassen eine
gezielte Arbeit mit Drogenabhängigen nicht zu. Nach Bedarf werden jedoch
Kontakte zu Therapiezentren hergestellt.
Neben den allgemeinen Projekten gibt es seit dem 1. Juni 2000 in Stendal ein
Modellprojekt, das durch den Bundesbeauftragen für Aussiedlerfragen, den
Ausländerbeauftragten der Landesregierung und die Stadt Stendal finanziert
wird. Es soll kommunale Strategien gegen Segregation und Delinquenz
entwickeln und implementieren.
Dieses kommunale Netzwerk dient der Verbesserung der Integration von
Migrantinnen und Migranten. Einige Maßnahmen des Netzwerkes thematisieren
Suchtverhalten und Drogenmissbrauch vor allem bei jungen Aussiedlerinnen
und Aussiedlern. (Anmerkung: Aussiedlerinnen und Aussiedler sind in
Sachsen-Anhalt vorwiegend im Raum Stendal angesiedelt.)
Schleswig-Holstein
Generell können alle Hilfeangebote der Suchtkrankenhilfe von
drogenabhängigen Aussiedlern in Anspruch genommen werden.
Die Kontaktaufnahme zu diesem Personenkreis erfolgt in der Regel über den
niedergelassenen Arzt, der diese Personen zu einer Entgiftungsbehandlung
überweist. In der Praxis hat sich gezeigt, wie problematisch es ist,
suchtmittelabhängige Migranten nach Abschluss einer stationären Entgiftungsbehandlung
an eine Beratungsstelle anzubinden und für weitergehende therapeutische
Maßnahmen zu motivieren. Die Kontaktaufnahme mit der Beratungsstelle scheint
für viele dieser Personen mit Ängsten verbunden zu sein; eine
Schwellenreduzierung erscheint daher notwendig.
Aus diesem Grund wird in Schleswig-Holstein im Kreis Segeberg ein Angebot
für drogenabhängige Migranten aufgebaut. Hierbei leistet eine
muttersprachliche Diplom-Sozialpädagogin aufsuchende Arbeit im Psychiatrischen
Krankenhaus Rickling. Sprechstunden im Krankenhaus und die Einrichtung einer
Informationsgruppe soll die in der Klinik behandelten Patienten über die ambulanten
Angebote der Beratungsstelle informieren und über eine persönliche
Kontaktaufnahme die Schwellenangst reduzieren. Die Kontaktaufnahme vor Ort im
Krankenhaus soll die Überleitung in ein ambulantes Setting unterstützen und so
dazu beitragen, dass suchtmittelabhängige Migranten frühzeitiger qualifizierte
professionelle Hilfe annehmen.
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– 8 – Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode
5. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung hinsichtlich der
Annahme von Therapieangeboten und stationären Behandlungsangeboten
durch drogenabhängige Aussiedler vor?
Aus den Beratungsstellen der in der DHS organisierten Verbände wird
berichtet, dass die Suchtkarriere auf Grund des geringeren Einstiegsalters schneller
verläuft, dass dann aber auch um Hilfe nachgesucht wird. Es scheint keine
wesentlichen Unterschiede in der Annahme von Therapieangeboten zu geben.
Aus den Ländern werden z. T. unterschiedliche Beobachtungen berichtet:
Baden-Württemberg
Der Anteil der Aussiedler, die bei der Arbeitsgemeinschaft für Gefährdetenhilfe
und Jugendschutz in der Erzdiözese Freiburg e. V. eine stationäre Therapie
anstreben, entspricht in etwa dem prozentualen Anteil am Gesamtklientel. Bei
erwachsenen Aussiedlern bestehen manchmal nur unzureichende deutsche
Sprachkenntnisse, die aber durch die erweiterten Möglichkeiten
russischsprachiger stationärer Therapieangebote in den letzten Jahren gelöst werden
können. Jugendliche Aussiedler mit Drogenproblemen haben meist ausreichend
gute Sprachkenntnisse, so dass von daher keine Hindernisse bestehen.
Bisher noch weniger angenommen werden spezielle Angebote für Angehörige,
also in der Regel für Ehefrauen und Mütter.
Berlin
Siehe Antwort zu Frage 4.
Brandenburg
Vorhandene Angebote werden vorwiegend bei Krisenintervention in Anspruch
genommen. Dabei gibt es bei diesem Klientel Bestrebungen, möglichst schnell
aus der Versorgung wieder auszusteigen und in das gewohnte Umfeld
zurückzukehren. Es gibt Erkenntnisse, dass dies zum Teil auf schlechte Erfahrungen
mit Entgiftungen/Entzug in Russland zurückgeht.
Bislang ist diese Zielgruppe, wenn überhaupt, dann nur über Geh-Strukturen zu
erreichen. Der Einstieg in das Versorgungssystem ist sehr aufwendig und wird
von den Betroffenen nicht gewollt. Das aktive Aufsuchen der Angebote stellt
für die Betroffenen meistens eine zu hohe Hürde dar und findet eher selten statt.
Bremen
Eine Umfrage bei den Bremer Therapieeinrichtungen ergab:
Im Durchschnitt ist die o. g. Klientel viel jünger als andere,
– es sind vorwiegend männliche Jugendliche und junge Männer; weibliche
Personen spielen bisher keine Rolle,
– die Suchtkarriere hat schon in den GUS-Staaten angefangen mit Alkohol
und Cannabis,
– der Einstieg in den Heroinkonsum fand in der Peergroup statt,
– die deutschen Sprachkenntnisse sind in der Mehrheit schlecht, d. h. auch
Schul- oder Berufsabschlüsse sind kaum vorhanden,
– in Therapiegruppen und -einrichtungen bilden sich schnell Untergruppen
von Aussiedlern,
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– nur gezielte Informationen, die die Kultur, Familie und auch Peergroup mit
einbezieht, erhöhen die Heilungschancen,
– Alkohol in der Familie und Peergroup spielen eine andere Rolle als in
Deutschland,
– Psychotherapie wird oft nicht verstanden, so dass in den Einrichtungen eine
besondere Eingangsphase nötig ist.
Mecklenburg-Vorpommern
In den Rehabilitationskliniken des Landes werden suchtkranke Aussiedler aus
Osteuropa in Einzelfällen betreut, wobei Sprachschwierigkeiten nicht auftreten;
die Therapeuten sprechen zum Teil Russisch und Polnisch. Andererseits
sprechen die Migranten recht gut Deutsch.
In einer Drogenfachklinik sind etwa 6 bis 7 % der Patienten Migranten aus dem
russischsprachigen Raum. Sprachschwierigkeiten gibt es auch hier nicht.
Niedersachsen
Die befragten Beratungsstellen in Niedersachsen melden eine durchweg starke
Nachfrage nach Therapieangeboten durch drogenabhängige Aussiedlerinnen
und Aussiedler. Es wird aber auch auf die mangelnde Motivation der
Hilfesuchenden hingewiesen, so das durchweg von bis zu 90%igen Abbrüchen
berichtet wird.
Durch das Vorhalten der Substitutionsambulanz im Landkreis Osnabrück wird
die Durchführung der Substitution dort sehr positiv gesehen. Ein großer Teil
der dort substituierten Aussiedlerinnen und Aussiedler ist sozial integriert und
geht einer Beschäftigung nach.
In anderen Bereichen Niedersachsens werden gegenteilige Erfahrungen
berichtet. Dort wird eine Substitution wegen des erheblichen Beikonsums von den
Arztinnen und Ärzten häufig abgelehnt.
Generell wird berichtet, dass die drogenabhängigen Aussiedlerinnen und
Aussiedler die Hilfeangebote nur annehmen wollen, wenn sie hierzu durch
richterliche Auflagen usw. gezwungen werden. Sie erwarten dann schnelle
medikamentöse Hilfe.
Nordrhein-Westfalen
Repräsentative Erkenntnisse liegen für Nordrhein-Westfalen nicht vor. Soweit
Informationen – auf Grund einer kurzfristigen telefonischen Umfrage bei
einigen Einrichtungen – eingeholt wurden, stellt sich die quantitative Entwicklung
unterschiedlich dar. Während eine Einrichtung über einen Rückgang der
Entzugsbehandlung für GUS-stämmige Aussiedler berichtet, weisen andere
Einrichtungen auf eine grenzwertige Belegung hin.
In der Gruppe der Aussiedler kommt es zu verstärkt schwankenden
Motivationslagen und im Folgenden zu mehr Abbrüchen und Wiederaufnahmen,
dadurch im Ergebnis zu durchschnittlich kürzeren Entzugsbehandlungen (8 bis 10
Tage) gegenüber der übrigen Klientel.
Rheinland-Pfalz
Landesweite Erhebungen zum Anteil der Migrantinnen und Migranten an der
Klientel des ambulanten und stationären Hilfeangebots liegen nicht vor. Die
beiden befragten stationären Drogentherapieeinrichtungen und die Landesstelle
Suchtkrankenhilfe melden einen Anteil von rd. 10 % an der Gesamtklientel.
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– 10 – Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode
Saarland
Eine telefonische Umfrage bei den saarländischen Einrichtungen ergab, dass es
keine signifikanten Abweichungen bei der Akzeptanz von Therapieangeboten
und stationären Einrichtungen zwischen den drogenabhängigen Deutschen und
den Aussiedlern gibt.
Sachsen
In der Suchtberatungsstelle des AWW Chemnitz wurden im Jahr 2000 32
Drogenkonsumenten im Spätaussiedlerbereich betreut (Alter
18 bis 25 Jahre). Es
wurden ferner 19 Drogentherapien beantragt, davon 9 Therapien angetreten
und abgeschlossen sowie 10 Therapien nicht angetreten bzw. abgebrochen.
Seit 1999 wurden in den Suchtberatungsstellen der Stadt Leipzig ca. 60
Aussiedler beraten, 6 Abhängige in eine stationäre Einrichtung vermittelt.
Allgemein gestalten sich die Kontakte aufgrund der Sprachbarrieren meist
problematisch. Die Motivation drogenabhängiger Aussiedler zur Therapie ist
besonders schwierig zu erreichen. Entgiftungen werden genauso häufig
abgebrochen wie bei anderen und sind erfolgreicher, wenn der Betroffene sich
russisch verständigen kann. Voraussetzung für erfolgreiche Behandlungen und
Weitervermittlung zur Therapie sind Russisch sprechende Ärzte oder anderes
Personal mit Russischkenntnissen. Abhängige Jugendliche sind kaum in der
Lage, Deutsch zu lernen.
Sachsen-Anhalt
Nach Aussage der Landesstelle gegen die Suchtgefahren ist vorrangig unter
den männlichen Aussiedlern ein hoher Alkoholkonsum zu verzeichnen.
Allerdings ist kein Problembewusstsein vorhanden. Um Hilfe wird in den
Beratungsstellen sehr wenig oder nicht nachgefragt.
6. Welche Hilfsangebote und Projekte, die speziell auf die Bedürfnisse
drogenabhängiger Aussiedler aus den GUS-Staaten abgestimmt sind, fördert
die Bundesregierung, und mit welchen Finanzmitteln und in welcher Höhe
wird diese Förderung durchgeführt?
Die Bundesregierung misst der gezielten Integration und Förderung junger
Aussiedlerinnen und Aussiedler eine hohe Bedeutung zu. Auf dem Wege der
Modellförderung unterstützt sie Projekte im Bereich der Prävention und Hilfe;
ansonsten sind insbesondere für die Gesundheitsversorgung die Länder
zuständig.
Das Eingliederungsprogramm des Bundesministeriums für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend zielt darauf ab, jungen Menschen aus den
Aussiedlungsgebieten bei ihrer gesellschaftlichen und sozialen Eingliederung zu helfen. Dabei
werden vorrangig Jugendgemeinschaftswerke in der Verantwortung der
bundesweit tätigen freien Träger der Jugendsozialarbeit gefördert. Die
pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesen Einrichtungen kümmern sich
vor Ort umfassend um die Eingliederung der Aussiedlerjugendlichen.
Im Rahmen dieser pädagogischen Begleitung wird auch versucht, der
Problematik von Alkohol- und Drogenmissbrauch entgegenzuwirken. Dabei führen
die Jugendgemeinschaftswerke keine eigenen Maßnahmen durch, sondern
konzentrieren sich auf die Vermittlung geeigneter Hilfsangebote sowie
unterstützende und vorbeugende Beratung.
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Seit dem 1. September 1999 wird ein Modellprojekt „Vernetzung und
Suchtprävention“ in Biberach in Höhe von rd. 113 000 DM aus Mitteln des BMI
gefördert. Zielgruppe des Projekts sind auch drogenabhängige Aussiedler, um sie zu
motivieren, bestehende Beratungsangebote aufzusuchen und anzunehmen.
Ziel der Durchführung der bereits erwähnten Expertise des BMG ist es auch,
eine Bestandsaufnahme und ggf. Evaluation bestehender präventiver Angebote
der Suchtkrankenhilfe mit Aussagen darüber zu erhalten, wie der Zugang zu
diesen Angeboten verbessert werden kann. Die Ergebnisse werden Ende
dieses Jahres vorliegen.
7. Wie berücksichtigt die Bundesregierung Sprachkenntnisse und
Sozialstrukturen der Aussiedler aus den GUS-Staaten bei der Förderung von
Projekten der Drogenprävention?
Die mit Integrationsmitteln des Bundesministeriums des Innern geförderten
gemeinwesenorientierten Projekte haben präventiven Charakter. Soweit sie
speziell Drogenprävention zum Inhalt haben, werden sie überwiegend von den
Wohlfahrtsverbänden durchgeführt. Diese verfügen über langjährige
Erfahrungen in der Aussiedlerarbeit und sind mit der Sozialstruktur der Aussiedler
vertraut. In einer nicht unerheblichen Zahl von Projekten sind die Mitarbeiter
selbst Aussiedler.
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, eine nachgeordnete
Fachbehörde des BMG, setzt in der Aufklärungsarbeit und Prävention von Sucht
ihren Schwerpunkt in der Ansprache breiter Bevölkerungskreise und
Multiplikatoren. Die hierzu entwickelten Medien werden als Basismedien daher
grundsätzlich in deutscher Sprache verfasst und bei entsprechender Eignung
des Themas bzw. einer relevanten Nachfrage in andere Sprachen übersetzt.
Eine Übersetzung sämtlicher Basismedien bzw. Entwicklung spezifischer
Medien für kleinere Teilzielgruppen ist u. a. auch aus finanziellen Gründen nicht
realisierbar. Um dennoch ein möglichst großes Angebot an
Aufklärungsmaterialien in Übersetzung anderer europäischer Sprachen anbieten zu können, hat
die Bundeszentrale mit der DHS und ihren Mitgliedsorganisationen einzelne
Medien (z. B. DHS-Broschüre „Ein Angebot an alle“) in bis zu 7 Sprachen
übersetzen lassen. Für russischsprachige Migranten stehen derzeit zwei
Materialien zur Verfügung. Neben der erwähnten Broschüre für Angehörige beteiligt
sich die Bundeszentrale an der Finanzierung und bundesweiten Streuung einer
Broschüre unter dem Titel „Leben ohne Drogen“, die erstmalig 1996 in Hessen
(AOK) unter Beteiligung einer Gruppe von Aussiedlern entwickelt wurde.
Diese Materialien unterstützen die Beratungsarbeit der
Suchthilfeeinrichtungen.
Besonders geeignet erscheinen für die Suchtprävention in dieser Zielgruppe
Maßnahmen, die im Sinne der Verhältnisprävention auf die Lebenswirklichkeit
der Migranten einwirken können. Solche Maßnahmen sind als lokale, soziale
Unterstützungsangebote zu entwickeln, deren Umsetzung in der Zuständigkeit
der Kommunen bzw. Länder liegt.
Die Länder teilen im Hinblick auf die Berücksichtigung von Sprachkenntnissen
und Sozialstrukturen der Aussiedler mit:
Berlin
Die Förderung der Berliner Drogenhilfeprojekte erfolgt unter der Maßgabe, das
ausreichend Hilfeangebote auch für die unterschiedlichen Migrantengruppen
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– 12 – Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode
einschließlich der Aussiedler unter Berücksichtigung der Sprachkenntnisse und
Sozialstrukturen zur Verfügung stehen.
Hervorgehoben wird, dass der Erfolg jeglicher Intervention wie auch eine
gelingende Rehabilitation und Integration dieses Personenkreises entscheidend
vom Erwerb der deutschen Sprache abhängt.
Brandenburg
Fehlende Sprachkenntnisse und die fehlende Bereitschaft, die deutsche Sprache
zu erlernen, behindern den Zugang zur Zielgruppe erheblich.
Häufig leben Aussiedler auch weiter traditionell in Großfamilien, in denen
bestimmte soziale Strukturen und Hierarchien bestehen. Hilfe für einen
Betroffenen aus dieser Gruppe ist sehr schwierig, wenn nicht die gesamte Gruppe mit
einbezogen wird.
Bremen
In der Drogen- oder besser Suchtprävention sind im Lande Bremen bisher
keine speziellen Programme entwickelt worden. Einige Projektvorschläge für
den ambulanten und den Selbsthilfebereich werden z. Z. entwickelt.
Mecklenburg-Vorpommern
Eine schnelle Umfrage in den Einrichtungen des Landes hat ergeben, dass die
Sprachkenntnisse der Therapeuten ausreichend sind.
Niedersachsen
Überall dort, wo vermehrt drogenabhängige Aussiedlerinnen und Aussiedler
aus den GUS-Staaten in Niedersachsen anzutreffen sind, bemühen sich die
Träger der Drogenhilfe und die Kommunen darum, Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter mit Sprachkenntnissen der Aussiedlerinnen und Aussiedler in Projekten
der Drogenprävention zu beschäftigen (s. auch Ausführungen zu Frage 4).
Nordrhein-Westfalen
Mangelnde Kenntnisse der deutschen Sprache und die Besonderheiten der
Sozialstrukturen der Aussiedlerinnen und Aussiedler aus den GUS-Staaten
erschweren die Erreichbarkeit der Zielgruppe. Daher werden bereits bei der
Konzeption von Drogenpräventionsmaßnahmen in NRW entsprechende Kriterien
zur Verbesserung des Zugangs und der Erreichbarkeit wie der Einsatz von
muttersprachlichem Personal berücksichtigt.
Saarland
Im Rahmen der gemeindenahen Suchtprävention werden in mehreren
saarländischen Landkreisen, die einen relativ hohen Aussiedleranteil unter der
Bevölkerung verzeichnen, Projekte zur Suchtprävention bei Aussiedlerkindern und
Jugendlichen z. B. im Sportbereich durchgeführt.
Sachsen
Die Suchtberatungsstelle des AWW-Chemnitz hat eine ehemalige Ärztin (ohne
deutsche Approbation) aus den GUS-Staaten dafür eingestellt. Das Projekt
wurde bislang vom Arbeitsamt und vom Freistaat Sachsen finanziert, ab 2001
von der Stadt Chemnitz und dem Freistaat Sachsen.
Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 13 –
Drucksache
14/
4582
Bei der Förderung von Projekten zur Drogenprävention bei Aussiedlern sind
Sprachkenntnisse und Kenntnisse von Traditionen sowie Kenntnisse der
Mentalitäten der Aussiedler durch das Personal zu berücksichtigen. Im Projekt „Die
Fähre“ der Stadt Leipzig werden alle 3 Fachstellen durch hoch qualifizierte
Russisch und Deutsch sprechende Mitarbeiter besetzt.
Eine Tendenz der Isolierung durch die Umgebung aber auch durch die
Aussiedler selbst ist besonders dort deutlich, wo starker Alkoholmissbrauch und daraus
resultierende Probleme in den Familien vorherrschen.
Wichtigstes Ziel ist die Integration der hier aufgewachsenen Jugendlichen und
der Spätaussiedler in gemeinsamen Projekten, insbesondere in
erlebnispädagogischen und lebenskompetenzfördernden (primärpräventiven) Projekten.
8. Hält die Bundesregierung die bestehenden Hilfsangebote für ausreichend
und wenn nein, wie gedenkt die Bundesregierung für eine Verbesserung
des Hilfsangebotes zu sorgen?
Die Bundesregierung ist – soweit die Datenlage eine Beurteilung bereits
zulässt – der Auffassung, dass der Abbau bestehender Schwellenängste und die
Motivierung von Aussiedlern, die Regeleinrichtungen zur Suchtprävention
aufzusuchen, vorrangiges Ziel ist. Deshalb sollte in den Sucht- und
Beratungsstellen, für deren Förderung die Länder zuständig sind, verstärkt
Fachpersonal eingesetzt werden, das die Sprache der Russlanddeutschen spricht
und deren Mentalität kennt.
Zwar gibt es in den Ländern und Kommunen bereits vielfältige Aktivitäten zur
Hilfe und Beratung für Aussiedler. Die Bundesregierung wird aber Gelegenheit
nehmen, die Problematik in den zuständigen Arbeitsgremien zu thematisieren.
Um weitere Erkenntnisse für eine Verbesserung der Hilfsangebote für
drogenabhängige Aussiedler zu gewinnen, ist für 2001 geplant, aus den
Integrationsmitteln des Bundesministeriums des Innern bis zu fünf weitere
Modellmaßnahmen in Anlehnung an das Projekt in Biberach zu fördern.
Es ist zudem davon auszugehen, dass sich aufgrund der Ergebnisse der bereits
erwähnten, durch das BMG in Auftrag gegebenen Expertise Hinweise für
weitere Modelle ergeben können.
Auf die Antwort zu Frage 6 wird verwiesen.
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ISSN 0722-8333]