Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag Drucksache 14/5635
14. Wahlperiode 22. 03. 2001
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums des Innern vom 21. März 2001
übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke und
der Fraktion der PDS
– Drucksache 14/5420 –
Rechtsextremistische Aktivitäten in Gebieten mit deutschen Minderheiten
in Europa – Verbindungen deutscher Rechtsextremisten zu ausländischen
Organisationen
Mitte 1998 hatte die damalige Bundesregierung in einem ausführlichen
Bericht, in Fortschreibung früherer Berichte vom Juni 1993 und vom April 1994,
über rechtsextremistische Aktivitäten in Gebieten mit deutschen Minderheiten
in Europa sowie über Verbindungen deutscher Rechtsextremisten zu
ausländischen Organisationen bzw. Einzelpersonen berichtet.
Darin waren u. a. umfangreiche Aktivitäten von deutschen rechtsextremen
Einzelaktivisten, Verbindungen zwischen der deutschen und der
osteuropäischen Skinheadszene sowie über Verbindungen zwischen der DVU, der NPD,
den „Republikanern“ zu Rechtsextremisten und Antisemiten in Osteuropa
berichtet worden, u. a. im Gebiet von Kaliningrad, in den baltischen Ländern
und in anderen Staaten.
Im Fazit des letzten Berichts hieß es: „Jede rechtsextremistische Aktivität in
Gebieten mit deutschen Minderheiten ist verhängnisvoll im Verhältnis zum
Mehrheitsvolk. … Die Bundesregierung nimmt daher die in diesem Bericht
geschilderten Kontakte und Einflussnahmeversuche deutscher
Rechtsextremisten in Gebieten mit deutschen Minderheiten sehr ernst. Sie wird weiterhin
alle ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzen, um
rechtsextremistischen Bestrebungen in diesem Bereich entgegenzuwirken.“
1. Welche Aktivitäten von in Deutschland lebenden rechtsextremistischen
Organisationen oder Einzelaktivisten in Gebieten mit deutschen
Minderheiten in Europa, insbesondere in Osteuropa, hat die Bundesregierung im
Zeitraum 1. Januar 1998 bis 31. Dezember 2000 festgestellt (bitte nach den
jeweiligen Gebieten bzw. Staaten sowie nach Aktivitäten der
rechtsextremistischen Einzelaktivisten und Parteien sowie anderer Kreise
aufgeschlüsselt darstellen)?
4. Welche Verbindungen zwischen deutschen Rechtsextremisten und
ausländischen Rechtsextremisten in Gebieten mit deutschen Minderheiten und in
anderen europäischen Staaten sind der Bundesregierung bekannt, und wie
haben sich diese Verbindungen in den letzten Jahren nach Kenntnis der
Bundesregierung entwickelt?
Zu beiden Fragen ist ein einheitliches Bild schon aus methodischen Gründen
nur schwer zu gewinnen, weil zum einen die Lebenssituationen der deutschen
Minderheiten in Mittel- und Osteuropa höchst unterschiedlich sind und zum
anderen die Erkenntnisse letztlich nur auf Stichproben bzw. besonders auffälligen
Vorfällen beruhen.
Insgesamt ist jedoch festzustellen, dass es rechtsextremistischen Gruppen
bislang nicht gelungen ist, in den Kreisen der deutschen Minderheit in Mittel- und
Osteuropa bestimmenden Einfluss zu gewinnen.
So haben sich die Aktivitäten deutscher Rechtsextremisten in Gebieten mit
deutschen Minderheiten in Osteuropa weiter reduziert. Das gilt für
Einzelaktivisten, wie z. B. Roeder, ebenso wie für rechtsextremistische Parteien und
Neonazi-Gruppierungen. Soweit deutsche Minoritäten in westeuropäischen
Ländern vertreten sind, spielen sie in den Planungen deutscher
Rechtsextremisten keine Rolle.
Die zunehmende Integration der deutschen Minderheit in ihren Titularnationen
trägt dazu bei, rechtsextremistischem Gedankengut zunehmend die Grundlage
zu entziehen. Die Bundesregierung macht in allen Kontakten mit
Minderheitenvertretern deutlich, dass derartige Verbindungen deutliche Konsequenzen für
die weitere Zusammenarbeit zwischen der Bundesregierung und diesen
Gruppen der deutschen Minderheit haben würden.
1. Aktivitäten von in Deutschland lebenden Einzelaktivisten und
rechtsextremistischen Organisationen
1.1 „Deutsch-Russischer-Gemeinschaftswerk-Förderverein
Nordostpreußen“ –Manfred Roeder
Roeder ist Gründungsmitglied und 2. Vorsitzender des „Deutsch-Russischen
Gemeinschaftswerk-Förderverein Nordostpreußen“ (DRG/FNO), der im April
1993 ins Vereinsregister eingetragen wurde. Gemäß Satzung will das DRG/
FNO „humanitäre Hilfe für die Bevölkerung Nordostpreußens, das
harmonische Zusammenleben von Deutschen und Russen sowie den Gedanken der
Völkerverständigung und des Umweltschutzes fördern“.
Roeder rief in diesem Zusammenhang regelmäßig zu Geld- und Sachspenden
auf und organisierte Transporte von Landmaschinen und Geräten. Ziel der
Maßnahmen war es vor allem, deutsche Dörfer in Ostpreußen neu entstehen zu
lassen. Seitdem die russischen Behörden 1996 gegen ihn ein Einreiseverbot
verhängten, sind Roeders Aktivitäten weitgehend zum Stillstand
gekommen. Publizistische Aktivitäten des DRG/FNO sind seit Ende 1995 nicht mehr
bekannt geworden. Auch in seinem Blatt „Deutsche Bürgerinitiative –
weltweit“ wird – seit Verhängung des Einreiseverbots – nicht mehr zu Hilfsaktionen
für Nordostpreußen aufgerufen.
1.2 „Aktion Deutsches Königsberg“
Die „Aktion Deutsches Königsberg“ wird seit dem Frühjahr 1992 von dem
Kieler Verleger Dietmar M. gefördert, um nach eigenen Angaben aktiv die
Ansiedlung von Russlanddeutschen in Nordostpreußen zu unterstützen.
In diesem Zusammenhang gründete der Verleger zu Beginn des Jahres 1993 die
„Gesellschaft für Siedlungsförderung in Trakehnen m. b. H.“ (GfS), die mit
Hilfe einer Tochtergesellschaft russischen Rechts Häuser und Grundstücke in
Ostpreußen erwarb.
Der von ihm im Frühjahr 1992 ins Leben gerufene „Russlanddeutsche
Kulturverein Trakehnen“ trat außerdem als Träger des deutschen Schulunterrichts auf.
Abgelöst wurde die Tätigkeit dieses Vereins von dem Mitte 1992 gegründeten
„Schulverein zur Förderung der Russlanddeutschen in Ostpreußen e. V.“.
Dieser betreibt inzwischen die „Deutsche Schule Trakehnen“.
Mitte 1996 wurde von russischer Seite ein Einreiseverbot gegen Dietmar M.
verhängt, woraufhin dessen Aktivitäten abrupt nachließen.
Er unterstützt jedoch weiterhin die vorgenannten Institutionen durch
Spendenaufrufe in entsprechenden Rundschreiben.
1.3 „Aktion Ostpreußenhilfe“
Der bis 1993 geschäftsführende Leiter der „Aktion Ostpreußenhilfe“, Siegfried
G., trennte sich von dieser im Streit. Danach war er Mitbegründer des Vereins
„Ostpreußenhilfe e. V. – Kassel“, ohne jedoch eine maßgebliche Funktion zu
bekleiden. Über dessen konkrete Aktivitäten in Bezug auf
Unterstützungsleistungen für deutschstämmige Siedler in Ostpreußen ist schon seit längerem
nichts mehr bekannt geworden.
1.4 „Deutsche Konservative e. V.“ – Joachim Siegerist
Der Vorsitzende der „Deutschen Konservativen e. V.“, Joachim Siegerist, der
seit 1992 auch die lettische Staatsbürgerschaft besitzt, verfolgt die Strategie,
deutsche Unternehmen in Lettland anzusiedeln. Im Oktober 1995 gelang es der
von ihm geführten „Unabhängigkeitspartei“ (LATVIJAI) mit 16 Abgeordneten
ins lettische Parlament einzuziehen. Bei den Parlamentswahlen im Oktober
1998 erhielt die Partei jedoch nur noch 1,7 % der Stimmen und scheiterte damit
an der dortigen 5 %-Klausel.
Im November 1997 wurde er vom Landgericht Hamburg wegen
Volksverhetzung zu einer Bewährungsstrafe von 21 Monaten verurteilt. Seither ist er im
Wesentlichen als Spendensammler und Veranstalter von Rundreisen
aufgetreten. In einem vom 15. Dezember 1999 datierten Rundbrief kündigte Siegerist
an, in Lettland neben der „Soldatenkapelle“ ein „Soldaten-Friedens-Museum“
auf einem von ihm zur Verfügung gestellten Grundstück errichten zu wollen
und bat um Spenden.
1.5 „Zentralrat der vertriebenen Deutschen e. V.“ (ZvD)
Diese rechtsextremistische Gruppierung wird von einer Person angeführt, die
ihren Wohnsitz von Stuttgart nach Breslau verlegt hat. Über Aktivitäten des
ZvD und ihres Anführers in Polen ist nichts bekannt.
1.6 „Die Vertretung der Freien Stadt Danzig – Exilvertretung des
Danziger Staatsvolkes“, Lübeck
„Exilregierung des Freistaates Danzig“, Frankfurt/Main
„Free State of Danzig in Exile; Danzig-Committee“, Cloppenburg
Allen drei Organisationen ist gemeinsam, dass sie das „Recht auf Danzig und
Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts von Polen“ verlangen. Aktivitäten
der Gruppierungen in Polen sind nicht bekannt.
2. Aktivitäten deutscher rechtsextremistischer Parteien
2.1 „Die Republikaner“
Die Partei „Die Republikaner“ (REP) unterstützten nach eigenen Angaben in
der Vergangenheit mehrfach deutsche Minderheiten in Kaliningrad, Litauen
und Memel durch Sach- und Geldspenden. In den letzten Jahren wurden
insbesondere die humanitären Kontakte nach Ungarn ausgebaut:
Laut REP-Parteiorgan „Der Republikaner“, Ausgabe 10–11/1998, organisierte
der stellvertretende Landesvorsitzende und Hanauer Fraktionsvorsitzende der
Republikaner ein „REPi-Mobil“ für Waisenkinder einer Behindertenschule in
Ungarn und brachte es dorthin.
Dem REP-Parteiorgan, Ausgabe 9/1999, zufolge hatte der ehrenamtliche
Kreisbeigeordnete und Hanauer Republikaner-Stadtverordnete eine Delegation
ungarischer Lehrerinnen der „Iskola és Diákotthona“ aus Tata auf seine
Rechnung eingeladen.
2.2 „Nationaldemokratische Partei Deutschlands“
Das der „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ (NPD) nahe stehende
„Freundschafts- und Hilfswerk Ost“ (FHWO) hat auch in neuerer Zeit
Hilfsaktionen für den osteuropäischen Raum organisiert.
Der Verein führt – mitunter bewusst öffentlichkeitswirksam –
Hilfsgütersammlungen und -transporte an bedürftige deutsche Familien sowie Reisen in die
ehemaligen deutschen Ostgebiete durch.
Eigenen Angaben zufolge seien im vergangenen Jahr 50 Tonnen Hilfsgüter
nach Schlesien, Hinterpommern, Westpreußen und in das südliche Ostpreußen
geliefert worden. Darüber hinaus leistet der Verein angeblich finanzielle
Unterstützung für „Kleinstrentner, Familien und auch ehemalige
Wehrmachtssoldaten“.
Der Vorsitzende des FHWO hat in der in Deutschland erscheinenden Zeitung
„Der Schlesier“ in der Ausgabe vom 9. Oktober 1998 dazu aufgerufen, bei der
Renovierung einer Begegnungsstätte der „Deutschen Sozial-Kulturellen
Gesellschaft“ (DSKG) in Breslau zu helfen. Ein Betrag von 1 500,– DM sei schon
gesammelt und nach Breslau überwiesen.
Ein weiterer Kontakt mit humanitärem Anstrich besteht zur ukrainischen Partei
„Ukrainische Nationalversammlung“ (UNA), mit der die NPD 1996 einen
„Partnerschafts- und Freundschaftsvertrag“ geschlossen hat. In einem
Kooperationsabkommen verpflichtete sich die NPD zu Sachleistungen und sicherte zu,
UNA-Mitglieder als Gäste zu Parteiveranstaltungen nach Deutschland
einzuladen. Im Gegenzug ist an die Teilnahme von NPD/JN-Mitgliedern an
Jugendausbildungslagern in den Karpaten gedacht.
Die „Jungen Nationaldemokraten“ (JN), Jugendorganisation der NPD, haben
eigene vielfältige Kontakte zu ausländischen Organisationen, auch aus dem
ehemaligen Ostblock geknüpft. So nehmen an den alljährlichen „Jugendkongressen“
der JN seit 1994 auch Gesinnungsgenossen aus Kroatien und Rumänien teil.
2.3 „Deutsche Volksunion“
Die „Deutsche Volksunion“ (DVU) unterhält nach wie vor Beziehungen zu
deutschen Volksgruppen in Polen, die auch zu den alljährlichen
Großveranstaltungen der DVU nach Passau eingeladen werden.
Unter der Überschrift „7000 bekennen: ,Ja zu Deutschland!‘“ berichtete die
„Deutsche Nationalzeitung“ in ihrer Ausgabe Nr. 41 vom 2. Oktober 1998,
dass, wie schon in den vergangenen Jahren, zahlreiche schlesische Brüder und
Schwestern den Weg in die Nibelungenhalle gefunden hätten und der
„Andreas-Hofer-Preis“ der Deutschen Wochen-Zeitung, gestiftet von Dr. Frey,
an Emil Hampel, einen hervorragenden Aktivisten der deutschen Schlesier,
gegangen sei. Hampel habe seinen mit 10 000,– DM dotierten Preis spontan
jeweils der weiteren Volkstumsarbeit und der Deutschen Volksunion gestiftet.
Unter der Überschrift „Dr. Frey: ,Wir lieben Deutschland‘“ berichtete die
„Deutsche Nationalzeitung“ in ihrer Ausgabe Nr. 40 vom 1. Oktober 1999, dass
der „Andreas-Hofer-Preis“ in diesem Jahr an Ernst Franke gegangen sei.
Franke habe in seiner Dankesrede zugesichert, jede Mark des Preises sofort in
die Kulturarbeit in Schlesien zu stecken.
In ihrer Ausgabe Nr. 40 vom 29. September 2000 berichtete die „Deutsche
Nationalzeitung“ wiederum über die DVU-Großveranstaltung in Passau. Im
Beitrag wird auf eine große Abordnung (250 Brüder und Schwestern) aus
Schlesien hingewiesen. Der „Andreas-Hofer-Preis“ ging diesmal an „führende
Vertreter der deutschen Volksgruppe in Schlesien“.
Anfang März 2001 wurde bekannt, dass Organisationen bzw. Vertretern der im
Bezirk Breslau lebenden deutschen Minderheit von Mitgliedern der DVU
mehrfach Spenden von bis zu 100 000,– DM in Aussicht gestellt worden sein
sollen. Mit der Annahme des Geldes sei allerdings die Auflage verbunden
worden, den Spender im Zusammenhang mit dem geförderten Projekt namentlich
zu erwähnen (Anbringung einer Tafel o. Ä.).
Ob es sich hierbei um ein ernst zu nehmendes Angebot handelte, ist bislang
noch nicht bekannt.
2.4 Sonstige Verbindungen
DVU, REP und NPD unterhalten daneben auch Verbindungen ins
westeuropäische Ausland. Während sich die Kontakte der REP und der DVU weitgehend
auf die Länder Belgien, Frankreich und Österreich beschränken, sucht die NPD
derzeit weltweit nach Verbündeten, die sie im Rahmen des anhängigen
Verbotsverfahrens mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen unterstützen (Einzelheiten
siehe Pkt. 5).
3. Neonaziszene
Nicht sehr ausgeprägt sind die Beziehungen zwischen osteuropäischen und
deutschen Neonazis. Berührungspunkte ergaben sich meist im Dunstkreis der
„Blood & Honour“-Szene, die auch in Osteuropa weitgehend von Neonazis
dominiert wird. Eine der wenigen Großveranstaltungen mit internationalem
Charakter wurde im Februar 1999 von der ungarischen neonazistischen Partei
„Ungarische Nationale Front“ im Zusammenwirken mit den „Hungaria-Skins“
organisiert. Zum Gedenken an die gefallenen Soldaten der „Waffen-SS“ fanden
sich auf dem Gelände der Budaer Burg ca. 500 ungarische und ausländische
Rechtsextremisten zu einer Kranzniederlegung zusammen. Neben Rednern aus
Ungarn, Tschechien, der Slowakischen Republik, Serbien und Großbritannien
betraten auch zwei deutsche Rechtsextremisten das Podium und hielten eine
kurze Ansprache, in der sie des „Heldenmuts“ der Waffen-SS gedachten und
zum gemeinsamen Kampf gegen den Bolschewismus aufriefen. Die
Veranstaltung war von starken Polizeikräften abgesichert. Mit etwa 120 Personen stellten
die deutschen Teilnehmer das stärkste ausländische Kontingent. In den beiden
folgenden Jahren wurde diese Veranstaltung durch Bürgerinitiativen und
behördliche Maßnahmen verhindert.
Obwohl es der Neonaziszene gelegentlich gelingt, derartige Veranstaltungen zu
inszenieren, ist es zu dauerhaften länderübergreifenden Aktionsbündnissen
bisher nicht gekommen.
Im Bereich des westlichen Auslands bestehen seit vielen Jahren gute Kontakte
von deutschen (insbesondere nordrhein-westfälischen) Neonazis zu
Gesinnungsgenossen in Belgien und den Niederlanden. Die im nördlichen Teil der
Bundesrepublik ansässigen Neonazis orientieren sich mehr in den dänischen
und punktuell auch in den schwedischen Raum. Es gibt immer wieder Hinweise
darauf, dass Vertreter der deutschen Szene an „Rudolf-Heß-Märschen“ oder
Sonnenwendfeiern in diesen beiden Ländern teilnehmen. Auch spezielle
Anlässe – wie die Gedenkfeiern zum Tode General Francos in Madrid oder die seit
1927 jährlich am letzten Augustwochenende im belgischen Diksmuide zum
Gedenken an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Flamen durchgeführte Ijzer-
Wallfahrt („Ijzerbedevaart“) flämischer Nationalisten – werden von deutschen
Neonazis genutzt, um dort Präsenz zu zeigen.
4. Skinheadszene
Die rechtsextremistische Skinheadszene in Osteuropa ist ähnlich militant aber
zugleich strukturarm wie die deutsche Szene. Kontakte zu deutschen
Gesinnungsgenossen ergeben sich primär auf Konzerten. So reisen z. B. deutsche
Skins zu Veranstaltungen nach Polen, Ungarn und Tschechien und Angehörige
der Szene aus den genannten Ländern besuchen Konzerte in Deutschland.
Etwas intensivere Kontakte bestanden zeitweise zur tschechischen
Skinheadszene, wo sich in den Jahren 1997/98 mehrere aktive „Blood & Honour“-
Sektionen etabliert hatten. Nachdem die tschechischen Sicherheitsbehörden jedoch
in den letzten beiden Jahren massiv gegen diese Organisationen vorgegangen
sind, wurden diese Verbindungen wieder unterbrochen und beschränken sich
nur noch auf Einzelkontakte.
Skinheads lassen sich im Allgemeinen politisch nicht inkorporieren und haben
auch keine klare ideologische Basis. Dennoch sind sie gelegentlich für
politische Veranstaltungen zu mobilisieren. Im Ausland nahmen deutsche Skinheads
zuletzt in größerer Zahl an einer Veranstaltung zum Gedenken an die
Gefallenen der Waffen-SS am 13. Februar 1999 in Budapest teil. Das hohe
Aufkommen an Besuchern resultierte jedoch daraus, dass im Anschluss an die
Gedenkfeier ein Skin-Konzert stattfand.
5. Sonstige Verbindungen deutscher Rechtsextremisten zu ausländischen
Organisationen bzw. Einzelpersonen in Europa
Estland
Nach Erkenntnissen schwedischer Sicherheitsbehörden hatten zumindest
zeitweise schwedische Rechtsextremisten, die wiederum in Kontakt mit deutschen
Angehörigen der rechtsextremistischen Szene standen, Propagandamaterial in
Estland drucken lassen.
Belgien
Die Kontakte deutscher Rechtsextremisten beschränken sich ausschließlich auf
Kontakte zu Vertretern der belgischen Volksgruppe der Flamen.
a) „Viking Jeugd Vlaanderen“
Die Zielsetzung der „Viking Jeugd Vlaanderen“ (VJV), die sich insbesondere
für die „Reinhaltung“ der nordischen Rasse einsetzt, entspricht im
Wesentlichen der 1994 vom Bundesministerium des Innern verbotenen deutschen
„Wiking Jugend e. V.“
Bei den jährlichen Feierlichkeiten zur Ijzer-Wallfahrt („Ijzerbedevaart“) in
Diksmuide/Belgien ist die VJV regelmäßig mit einem eigenen Info-Stand
vertreten und tritt mit Flugschriften engagiert für ein selbstständiges Flandern ein.
Dabei kommt es auch zu Treffen mit deutschen Gesinnungsgenossen.
b) „VlaamsBlok“
Der „Vlaams Blok“ (VB) ist eine nationalistische flämische Partei, deren
vorrangiges Ziel es ist, der angeblichen Überfremdung durch Einwanderer
entgegenzuwirken.
Anfang der 80er Jahre konnte der VB mit fremdenfeindlichen Parolen im
Wahlkampf neue Wählerschichten erschließen. Seit 1991 erhält die Partei bei
Wahlen in Flandern regelmäßig einen zweistelligen Stimmenanteil. Der „Vlaams
Blok“ ist derzeit mit elf Abgeordneten im Bundesparlament, mit fünfzehn
Mandatsträgern im Flämischen Parlament, mit zwei Mitgliedern im Senat und mit
fünf Abgeordneten im Brüsseler Regionalparlament vertreten. In Antwerpen
stellt der VB mit 33 % die stärkste Partei.
Verbindungen des VB nach Deutschland bestehen in erster Linie zu dem
Vorsitzenden der „Deutschen Volksunion“, Dr. Gerhard Frey, und zu der Partei „Die
Republikaner“. Abordnungen des VB nehmen regelmäßig an der jährlichen
Kundgebung der DVU in Passau teil. Die Verbindung zu den „Republikanern“
wird durch den Vortrag eines VB-Funktionärs vor der Fraktion der
„Republikaner“ am 30. Juni 1999 im Landtag in Baden-Württemberg belegt. Vereinzelt
bestehen auch Kontakte zur NPD und ihrer Jugendorganisation JN.
c) „Voorpost“
Die „Voorpost“ gilt heute als Satellitenorganisation des „Vlaams Blok“. Sie
selbst sieht sich jedoch als unabhängige nationalistische Organisation mit
Untergruppierungen in Flandern, den Niederlanden und Südafrika. Ihr Ziel ist
die Errichtung eines unabhängigen Flandern, das langfristig Teil einer größeren
Föderation mit Holland werden soll. „Voorpost“ wendet sich auch gegen
Einwanderung, Abtreibung und die Amerikanisierung der flämischen Gemeinde.
Im Rahmen ihrer Aktivitäten beteiligt sie sich an internationalen
Veranstaltungen wie der jährlichen „Ijzerbedevaart“ und dem „Europäischen
Jugendkongress der „Jungen Nationaldemokraten“ (JN) in Deutschland.
d) „Stahlhelm Flandern“
Im November 1997 schloss sich die schon bestehende Organisation „Stahlhelm
Flandern“ dem deutschen Verein „Der Stahlhelm e. V. – Bund der
Frontsoldaten – Kampfbund für Europa“ als Landesverband an. Die bisherigen
Aktivitäten beschränken sich auf gegenseitige Besuche und Exkursionen zu
historischen Stätten, bei denen „Hitler- und Wehrmachtsverehrung“ im Mittelpunkt
stehen. Nachdem die Bundesführung des „Stahlhelm“ ihre Tätigkeit
niedergelegt hat, gibt es Überlegungen, die Organisation aufzulösen und den „Stahlhelm
Flandern“ als unabhängigen Verband bestehen zu lassen
e) „Vrij Historisch Onderzoek“ (VHO)
Die Brüder Herbert und Siegfried V. betreiben seit Anfang 1996 den Verlag
VHO in Berchem und versenden von dort in großem Umfang revisionistische
Literatur auch nach Deutschland. Für die Schriften wird Herbert V. als
Verantwortlicher genannt. Leiter der VHO ist Siegfried V. Die VHO ist außerdem mit
zahlreichen revisionistischen Werken im Internet vertreten. Eine enge
Zusammenarbeit besteht mit dem in Großbritannien untergetauchten deutschen
Rechtsextremisten Germar Rudolf.
Dänemark
Dänische Rechtsextremisten führen ähnlich wie deutsche Angehörige der
rechtsextremistischen Szene anlässlich des Todes von Rudolf Heß jährliche
Gedenkveranstaltungen, teilweise auch unter Beteiligung deutscher
Staatsangehöriger durch. Die „Dänische National Sozialistische Bewegung“ ist Initiator
dieser Veranstaltungen und pflegt Kontakte zu deutschen Rechtsextremisten.
Im Juni 1999 kam es auf der Insel Langeland zu Auseinandersetzungen
zwischen dänischen Rechtsextremisten und Angehörigen linksextremistischer
Gruppen. Im Rahmen der polizeilichen Ermittlungen hierzu wurden auch
mehrere deutsche Rechtsextremisten vorläufig festgenommen.
Die im Jahr 2000 in Deutschland verbreitete CD der Band „Landser“ mit dem
Titel „Landser“, die gewaltverherrlichende Texte enthält, wurde nach
bisherigem Ermittlungsstand in Dänemark gepresst. Die Verbreitung dieser CD in
Deutschland führte bisher zu umfangreichen Exekutivmaßnahmen gegen
Verbreiter. Die Ermittlungen dauern gegenwärtig an.
„Danmarks Nationalsocialistike Bevaegelse“
Die „Danmarks Nationalsocialistike Bevaegelse“ (DNSB) ist eine
neonazistische Partei mit ca. 100 Mitgliedern. Sie propagiert den „revolutionären Kampf
der nationalistischen Bewegung“ und das „Führerprinzip“. Die Partei ist
Veranstalter von Demonstrationen mit internationaler Beteiligung, z. B. im Rahmen
von „Heß-Gedenkwochen“. Seit Februar 1996 betreibt die DNSB in
Kopenhagen ihren lokalen Rundfunksender „Radio Oasen“. In Deutschland sind die
Sendungen jedoch nicht zu empfangen. Der Leiter der DNSB, Jonni Hansen,
verbüßt seit November 2000 eine 18-monatige Freiheitsstrafe, weil er im
Dezember 1999 mit seinem Auto in eine Gruppe von „linken Randalierern“
gefahren war und mehrere Personen verletzt hatte. Verbindungen zu deutschen
Rechtsextremisten werden weitgehend auf individueller Basis gepflegt und
bestehen u. a. zu lokalen Gruppen in Norddeutschland.
Frankreich
Es bestehen in Frankreich über Gebiete mit deutschen Minderheiten hinaus
zahlreiche Kontakte zwischen der „Front National“ und Anhängern der
deutschen NPD.
Aktivitäten von Skinheads im Gebiet Elsass/Lothringen:
– Am 6./7. Februar 1999 fand in Metz ein Skinheadkonzert statt, das von der
französischen Vereinigung „Blut und Ehre Frankreich“ organisiert wurde.
Als Teilnehmer wurden unter anderem deutsche Skinheads und eine
deutsche Skinheadband gemeldet.
– Zu einem Anfang Januar 2000 beabsichtigten Skinheadkonzert des
Veranstalters „Elsass Korps“ im Elsass versuchten etwa einhundert Skinheads
deutscher Staatsangehörigkeit, anzureisen. Sie wurden beim Grenzübertritt
nach Frankreich zurückgewiesen.
– Insgesamt fanden im ersten Quartal 2000 drei Skinheadkonzerte im Raum
Straßburg statt, an denen circa achthundert deutsche Staatsangehörige
teilnahmen. Diese Anzahl unterstreicht das enge Zusammengehörigkeitsgefühl
französischer und deutscher Skinheads.
Straftaten anlässlich der aufgeführten Veranstaltungen wurden nicht bekannt.
a) „Front National“
Infolge anhaltender interner Streitigkeiten um den richtigen Kurs der Partei
spaltete sich Anfang 1999 eine Gruppe um Bruno Megret vom „Front
National“ (FN) ab. Megret, der bis dahin Le Pens Stellvertreter war und als sein
Nachfolger galt, gründete die „Mouvement Nationale Republicain“ (MNR) und
konnte ca. ein Drittel der FN-Mitglieder hinter sich vereinigen. Dies hatte
letztendlich zur Folge, dass beide Parteien an Einfluss verloren. Bei den ersten
Wahlen nach der Spaltung, den Europawahlen 1999, erhielt der FN nur noch
5,7 % (1994: 15 %) der Stimmen.
Die ehemals enge Verbindung zur Parteispitze der REP scheint derzeit zu
ruhen. Demgegenüber nahmen Vertreter des FN und der DVU wechselseitig an
Großveranstaltungen der jeweils anderen Partei teil.
b) „Mouvement National Républicain“
Auf einem Sonderparteitag des „Front National“ (FN) in Marignane gründete
Bruno Megret im Januar 1999 den „Front National/Mouvement National“, aus
dem schließlich die „Mouvement National Républicain“ (MNR) wurde. Die
MNR ist nationalistisch ausgerichtet, weist rassistische und ausländerfeindliche
Tendenzen auf und bekämpft amerikanische und islamische Einflüsse. Bei den
Wahlen zum Europaparlament verfehlte die MNR jedoch mit nur 3,6 % der
Stimmen ihr Wahlziel.
MNR-Mitglieder nahmen an Großveranstaltungen der JN teil. Die NPD-
Publikation „Deutsche Stimme“ veröffentlichte in der Juni-Ausgabe 2000 einen
Artikel, in dem ein Vorstandsmitglied der MNR zu einer Politik der europäischen
Besinnung aufruft und darauf hinweist, dass die Bewahrung der europäischen
Identität und besonders die der Franzosen für seine Bewegung wichtig sei.
c) Prof. Dr. Robert Faurisson
Der bekannte französische Revisionist ist in Deutschland nach einem
Einreiseverbot nicht mehr in Erscheinung getreten.
Er verbreitet seit einiger Zeit seine revisionistischen Thesen über das Internet.
Großbritannien
a) „British National Party“
Die „British National Party“ (BNP) ist mit ihren ca. 1 000 Mitgliedern die
größte rechtsextremistische Organisation Großbritanniens. Nach der
Europawahl 1999 kam es zu einem Machtkampf zwischen dem langjährigen
Vorsitzenden John Tyndall und dem Parteisprecher Nick Griffin, bei dem sich der
„Modernisierer“ Griffin als neuer Vorsitzender der Partei durchsetzte.
Unter Griffin versucht die BNP nun, sich von ihrem negativen Image zu
distanzieren und ihre rassistische Politik zu mäßigen. Die BNP verfügt über gute
Kontakte nach Deutschland. Mitglieder der Partei besuchen Kongresse der
NPD und ihrer Jugendorganisation JN. Einige Vertreter der BNP nahmen an der
NPD-Demonstration am 25. November 2000 in Berlin teil.
b) „Combat 18“ (C 18)
Die „Combat 18“ ist eine kleine militante Neonazigruppe unter Führung von
William Browning, die ihre politischen Gegner auch unter Einsatz von Gewalt
bekämpft. Ihr Versuch, die britische Musikszene unter ihre Kontrolle zu
bringen, ist offensichtlich gescheitert, auch ihr Einfluss auf britische und deutsche
Skinhead-Kreise ist rückläufig.
Kontakte zu einzelnen Vertretern der deutschen Skinmusik-Szene bestehen
jedoch fort.
c) David Irving
Der britische Historiker und Revisionist Irving verlor im April 2000 eine von
ihm angestrengte Verleumdungsklage gegen die amerikanische Autorin
Deborah Lipstadt und den „Penguin-Books“-Verlag. Er hatte Beschwerde
geführt, dass Lipstadts Buch „Denying the Holocaust“ u. a. den Vorwurf
enthalte, er habe vorsätzlich Geschichtsfälschung begangen, um den Tatbestand
des Holocaust zu bestreiten. Nach Deutschland reist Irving nicht mehr ein. Die
Ausweisungsverfügung der Ausländerbehörde München besteht weiterhin; am
21. März 1996 hatte das Verwaltungsgericht München die dagegen erhobene
Klage abgewiesen. Unterstützung erfährt er von der DVU, die z. B. auf ihrer
Großkundgebung in Passau im September 2000 eine Grußbotschaft Irvings per
Video einspielte.
Italien
„Forza Nuova“
Die rechtsextreme „Forza Nuova“ (FN) wurde 1997 von Roberto Fiore und
Massimo Morsello, zwei ehemaligen Mitgliedern der italienischen
Terrororganisation „Terza Posizione“, in London gegründet. Beide hatten Italien
verlassen, nachdem sie infolge eines Bombenanschlags von den italienischen
Strafverfolgungsbehörden mit Haftbefehl gesucht wurden. Erst im März 1999
konnten sie nach Italien zurückkehren. In ihrem Exil bauten sie gemeinsam
durch die Eröffnung von Sprachschulen und Pensionen ein finanzkräftiges
Unternehmen auf, dessen Gewinne für die politische Arbeit genutzt werden.
Die Kontakte nach Deutschland fokussieren sich insbesondere auf die NPD.
Die „Forza Nuova“ ist eine der aktivsten ausländischen Organisationen, die die
NPD massiv in ihrem Kampf gegen das Parteiverbot unterstützt. Seit Anfang
2001 ist die „Forza Nuova“ selbst Objekt einer Verbotsdiskussion in der
italienischen Öffentlichkeit. Auslöser hierfür war ein Bombenanschlag am 22.
Dezember 2000 auf die Redaktionsräume der Tageszeitung „Il Manifesto“. Der
Attentäter Andrea Insabato soll nach Presseberichten Mitglied der FN und
zeitweise eine Art Schatzmeister der Partei gewesen sein.
Außerdem wurden in diesem Zusammenhang folgende Aktivitäten von in
Deutschland ansässigen Parteien sowie in Deutschland lebender
rechtsextremistischer Einzelaktivisten bekannt:
– An einem Treffen „Junger Europäischer Nationalisten“ am 20. Juni 1998 in
Italien nahm auf Einladung der „Forza Nuova“ auch ein Delegierter der
NPD aus Deutschland teil.
– An dem traditionellen „Marsch auf Rom“ italienischer Faschisten im
Oktober 1999 beteiligte sich auch ein deutscher Staatsangehöriger.
– An einem Treffen in Norditalien, das die italienische Gruppe „Veneto Fronte
Skinheads“ organisierte, befanden sich annähernd dreihundert Teilnehmer,
darunter auch deutsche Staatsangehörige. Ein weiteres Skinheadkonzert
dieser Veranstalter bei Vincento am 30. September 2000 wurde ebenso wie ein
Konzert der Gruppe „Skinhouse“ in Mailand am 7. Oktober 2000 von
einigen deutschen Staatsangehörigen besucht.
– Der deutsche Staatsangehörige Horst Mahler nahm als Gastredner an einem
Treffen der „Forza Nuova“ im Juli 2000 teil und referierte über seine Zeit als
Angehöriger der RAF.
Straftaten anlässlich dieser Veranstaltungen wurden von der italienischen
Polizei nicht mitgeteilt.
Lettland
Der aus Deutschland stammende Joachim Siegerist, der vornehmlich durch
ultranationale und rechtsradikale Äußerungen in Erscheinung getreten ist, hat
1993 als lettischer Staatsbürger für die Lettische Unabhängigkeitspartei
(LNNK) an den Parlamentswahlen teilgenommen, wurde aber im November
1993 von der LNNK wegen „wiederholten parteischädigenden Verhaltens“ aus
der Partei ausgeschlossen. Er ist weiter aktiv, hat aber merklich an
Anziehungskraft verloren.
Siegerist, der seit Dezember 1992 einen lettischen Pass auf den Namen
„Joahims Zigerists“ besitzt, wurde im April 1994 vom Amtsgericht in Hamburg
zusammen mit einem weiteren Angeklagten wegen Aufstachelung zum
Rassenhass und Beleidigung in zwei Fällen, davon in einem Fall in Tateinheit mit
Volksverhetzung, zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von 1 Jahr und 6 Monaten
verurteilt.
Bei der Berufungsverhandlung im Oktober/November 1997 wurde der
Angeklagte Siegerist zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von 1 Jahr und 9 Monaten unter
Strafaussetzung zur Bewährung verurteilt.
Litauen
„Buchclub PHI-Pressedienst“
Dieser in Kaunas/Litauen ansässige, von einem deutschen Rechtsextremisten
geleitete „Pressedienst“ bringt in regelmäßigen Abständen die Blätter „PHI-
Deutschlanddienst“ und „PHI-Auslandsdienst“ heraus. Er versteht sich als ein
Informationsdienst, der vermeintlich in den konventionellen Medien
verschwiegene oder falsch dargestellte Informationen veröffentlicht. Eines seiner
Hauptthemen ist nach wie vor die angebliche Verschwörung der
„Internationalisten“ unter jüdischer Führung, die nach der Weltherrschaft strebten.
Der „Buchclub PHI-Pressedienst“ verfügt auch über eine Homepage, deren
Seiten teilweise nur mit einem monatlich wechselnden Zugangscode geöffnet
werden können, der in den oben genannten Blättern veröffentlicht wird.
Niederlande
Rechtsextremisten aus Deutschland und den Niederlanden stehen in engen
persönlichen und informationellen Beziehungen. Mitte der 90er Jahre gründeten
niederländische Rechtsextremisten unter Teilnahme deutscher
Gesinnungsgenossen die „Fundamentalistische Arbeiders Partij“. Die Wahl des Namens
steht im Zusammenhang mit der 1995 vom deutschen Bundesminister des
Innern verbotenen „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ (FAP), was
ebenfalls die engen Verbindungen zwischen den Rechtsextremisten in Deutschland
und den Niederlanden unterstreicht.
Die beiden niederländischen Rechtsextremisten Homan und Freling üben
maßgeblichen Einfluss auf von deutschen Rechtsextremisten geplante und
durchgeführte Aktionen (unter anderem „Heß-Aktionstage“) aus und nahmen auch
daran teil. Die Zusammenarbeit beschränkt sich jedoch im Wesentlichen auf die
Herstellung und Verbreitung von Propagandamaterial.
a) „Centrumdemocraten“
Die „Centrumdemocraten“ (CD) waren bis 1998 die erfolgreichste
rechtsextremistische Partei der Niederlande. Durch das schlechte Wahlergebnis von 1998,
bei der die Partei 77 von 78 Sitzen in den Gemeinderäten verlor, brach die
Parteiorganisation völlig zusammen. Der Parteivorsitzende Hans Janmaat hat in
der rechtsextremistischen Szene erheblich an Bedeutung verloren.
Kontakte zu deutschen Rechtsextremisten wurden zuletzt nicht mehr
festgestellt.
b) „Centrumpartij’86“ (CP’86)
Die Partei wurde am 18. November 1998 verboten.
c) „Nederlandse Volksunie“
Die „Nederlandse Volksunie“ (NVU) wurde Anfang der 70er Jahre gegründet.
Sie engagierte sich unter der Führung von Joop Glimmerveen hauptsächlich
gegen die damalige Einwanderungspolitik in den Niederlanden und nahm
erfolglos an Wahlen teil. In den 80er Jahren war die NVU inaktiv. 1996 gelang es
dem ehemaligen Führer der „Aktiefront Nationalen Socialistren“ (ANS/NL),
Eite Homan, und Constantijn Kusters, dem früheren Leiter der „FAP-
Arbeiterpartij“, die NVU zu reaktivieren. Kusters, der im Jahr 2000 den Vorsitz der
NVU übernahm, versucht der Partei ein neonationalsozialistisches Profil zu
geben. Unterstützt wird er dabei von Eite Homan. Beide haben gute Kontakte zu
Neonazis in Belgien, Dänemark und der Bundesrepublik Deutschland,
besonders in Nordrhein-Westfalen. Diese Verbindungen werden genutzt, um
gemeinsame Veranstaltungen z. B. zur Erinnerung an das „Dritte Reich“ abzuhalten.
Die Kandidatur des deutschen Neonazis Christian Malcoci für die NVU zur
Kommunalwahl im grenznahen Kerkrade/NL belegt die enge Kooperation in
besonderer Weise.
Österreich
Im Berichtszeitraum war in Österreich nach Bewertung des Wiener
Bundesministeriums für Inneres ein Ansteigen rechtsextremistischer und
fremdenfeindlicher Aktivitäten feststellbar. Eine Steuerung der Szene aus dem Ausland wurde
hingegen nicht festgestellt.
Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen deutschen und
österreichischen Rechtsextremisten wird einerseits durch fehlende Sprachbarrieren
erleichtert und darüber hinaus durch die Tatsache, dass zahlreiche
Rechtsextremisten Österreich als „Ostmark des Deutschen Reiches“ bezeichnen.
– Im Skinheadbereich sind grenzüberschreitende Aktivitäten bei Konzerten,
der Verbreitung fremdenfeindlicher, rechtsextremistischer, antisemitischer
und gewaltverherrlichender Texte mittels Schriften und Tonträgern
festzustellen.
– Seit Jahrzehnten ist Österreich Ziel von Kameradschaftstreffen ehemaliger
Angehöriger der SS (zum Beispiel jährliche Treffen in Kärnten). An diesen
Treffen nahmen Staatsangehörige unterschiedlichster Nationalitäten teil.
– Eine geringe Anzahl österreichischer Staatsangehöriger ist Mitglied der
deutschen NPD. Sie werden von einem bayerischen NPD-Kreisverband
betreut.
– Die Versendung von Briefbombenattrappen aus Österreich an prominente
jüdische Repräsentanten in den Jahren 1999 und 2000 sind Beispiele für
militanten Rechtsextremismus. Die Staatsanwaltschaft München hat diese
Fälle in einem Sammelverfahren zusammengezogen und das
Bundeskriminalamt mit den Ermittlungen beauftragt.
a) „Deutsche Kulturgemeinschaft“
Die „Deutsche Kulturgemeinschaft“ (DKG) führte auch in den Jahren 1998 bis
2000 ihre alljährlichen „Gästewochen“ durch.
Die 17. bis 23. „Gästewochen“ (1993 bis 1999) fanden jeweils in Deutschland
in Altenberg/Erzgebirge statt, die 24. „Gästewoche“ (2000) in Rosenheim/
Bayern. Es versammelten sich jeweils ca. 120 Teilnehmer, die meisten davon
aus Deutschland, um über politische Themen zu diskutieren.
Ab der 20. „Gästewoche“ wurde dieses Treffen auch unter der Bezeichnung
„Freundeskreis Ulrich von Hutten“ und „Deutsche Kulturgemeinschaft
Österreich“ angemeldet.
b) Walter Ochsenberger
Ochsenberger ist einer der bekanntesten Produzenten revisionistischer und
antisemitischer Schriften in Österreich.
Nach Verbüßung einer zweijährigen Haftstrafe kam er Mitte 1995 mit den
Publikationen „Phoenix“ und „Top Secret“ auf den Markt, die auch in
Deutschland ihre Leserschaft finden.
c) Robert Dürr
Der burgenländische Rechtsextremist Robert Dürr ist Vorsitzender der „Partei
Neue Ordnung“ (PNO). Als Parteiorgan der PNO erscheinen die „PNO-
Nachrichten“. In Österreich gehörte Dürr in den letzten Jahren zu den aktivsten
Rechtsextremisten. Dürr ist hier als Teilnehmer bzw. Redner bei verschiedenen
Veranstaltungen der NPD/JN bekannt geworden.
Am 12. März 2000, dem Jahrestag des Hitler-Einmarsches in Österreich,
nahmen in Berlin rund 500 Personen an einer Demonstration unter dem Motto
„Wir sind ein Volk – Nationale Solidarität mit Wien“ teil. Die
Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor wurde von NPD-Bundesorganisationsleiter
Holger Apfel eröffnet. Danach bedankte Robert Dürr sich für die Solidarität
und sprach von einem „Krieg der EU gegen Österreich“.
d) Herbert Schweiger
Schweiger zählt zu den aktivsten Rechtsextremisten und verfügt über
umfangreiche nationale und internationale Kontakte. 1967 war er Mitbegründer der
1988 wieder verbotenen österreichischen „Nationaldemokratischen Partei“. In
Österreich kam es zu mehreren Verurteilungen und Ermittlungsverfahren,
zuletzt 1996 wegen der Veröffentlichung seines Buches „Evolution des
Wissens – Neuordnung der Politik“, das eine ideologische Nähe zum
Nationalsozialismus erkennen lässt. Auf Veranstaltungen der NPD/JN tritt Schweiger als
gern gesehener Redner auf. Sein Buch wird als „Pflichtlektüre“ für NPD-
Mandatsträger empfohlen.
e) Andreas Thierry
Thierry, geb. 1970 in Friesach/Österreich, wird als überzeugter Nationalist und
„Ziehsohn“ von Herbert Schweiger bezeichnet. Er steht seit 1989 mit
verschiedenen rechtsextremistischen Organisationen in Deutschland und Österreich in
Verbindung. Seit 1998 tritt er vermehrt bei Veranstaltungen der NPD/JN als
Redner in Erscheinung. Im Mai 1999 wurde ihm vom Parteivorstand das „Amt
für weltanschauliche Schulungen“ übertragen.
Polen
Ein Zusammenwirken zwischen deutschen und polnischen Rechtsextremisten
hat es bisher kaum gegeben, weil viele polnische nationalistische
Organisationen deutschfeindlich eingestellt sind. Ausnahmen bestehen im Bereich der
Skinhead-Musikszene.
So sind Aktivitäten polnischer Rechtsextremisten ausschließlich im Rahmen
der Planung und Durchführung von Skinheadkonzerten sowie im Bereich von
propagandistischen Aktivitäten bekannt geworden. Bei einem Konzert der
„Blood & Honour-Bewegung“ mit etwa fünfhundert Teilnehmern am 5.
Februar 2000 waren neben polnischen Staatsangehörigen auch zahlreiche Besucher
anderer Nationalitäten, darunter auch Deutsche, festgestellt worden.
Vereinzelten Versuchen von rechtsextremistischen Gruppen (z. B. der DVU), in
Kreisen mit deutschen Minderheiten Gehör zu finden, scheint bislang kein
nennenswerter Erfolg beschieden zu sein. Wo notwendig, hat sich die Minderheit
in Einzelfällen konkret distanziert und von rechtsextremistischer Seite
angebotene Kontakte und Unterstützung ausdrücklich zurückgewiesen.
Rumänien
Es sind keine rechtsextremistischen Aktivitäten in den Gebieten der deutschen
Minderheit in Rumänien bekannt. Verbindungen der deutschen Minderheit zu
der in traditionellen Siedlungsgebieten der Minderheit bei den letzten Wahlen
besonders erfolgreichen nationalistischen und extremistischen
„Großrumänienpartei“ (PRM) sind nicht bekannt geworden.
Russland
Die von der DVU zur „Liberaldemokratischen Partei Russlands“ (LDPR)
geknüpften Verbindungen haben sich nicht als tragfähig erwiesen. Die
Ausführungen des LDPR-Vorsitzenden Schirinowskij zum Thema „Beutekunst“ haben
den DVU-Vorsitzenden veranlasst, die Beziehungen einzufrieren.
Laut „Römer-Report“, dem Mitteilungsblatt der REP-Fraktion im Frankfurter
Stadtparlament, Ausgabe November 1999, konnte ein republikanischer
Stadtverordneter am 11. Oktober 1999 vor Abgeordneten der russischen Staatsduma
in Moskau einen Vortrag über die deutsch-russischen Beziehungen halten. Die
Einladung hierzu erfolgte durch den Vorsitzenden der geopolitischen Sektion
des russischen Parlaments.
Eine Splittergruppe der Russlanddeutschen in St. Petersburg ist vor kurzem mit
einem Pamphlet zur Leugnung des Holocaust auffällig geworden. Das deutsche
Generalkonsulat und die dortige evangelische Gemeinde versuchen, auf die
Urheber Einfluss zu nehmen.
Schweden
In Schweden hat sich in den letzten Jahren eine äußerst gewalttätige
rechtsextremistische Szene herausgebildet, die in ihren Randbereichen Verbindungen zu
Rockerbanden und in das Rotlichtmilieu erkennen lässt. Bei Gewalttaten
schwedischer Rechtsextremisten wurden 1999 drei Menschen getötet (zwei
Polizeibeamte und ein Gewerkschaftsfunktionär). Ein Journalist wurde bei
einem Sprengstoffanschlag schwer verletzt. Die in Schweden geführten
Ermittlungen zu diesen Gewaltdelikten ergaben keine Hinweise auf Verbindungen
der Tatverdächtigen nach Deutschland. Die rechtsextremistische schwedische
Szene versteht sich jedoch als Teil der weltweiten „White-Power-Bewegung“
und setzt sich aus einer Reihe selbstverwalteter lokaler Gruppierungen,
Netzwerke und Einzelpersonen mit gemeinsamer Ideologie zusammen.
Der Anfang 2001 verstorbene deutsche Staatsangehörige Marcel Schilf hatte
mit seinen in Dänemark und Schweden ansässigen Verlagen jahrelang den
europäischen Markt für rechtsextremistisches Propagandamaterial (Schriften,
Tonträger, Videofilme) dominiert. Aus diesem Grunde waren sowohl in
Schweden als auch in Deutschland Ermittlungsverfahren gegen ihn geführt worden.
Schilf spielte eine bedeutende Rolle in der Vermarktung der Skinheadmusik,
einschließlich der Vorbereitung und Durchführung von Skinheadkonzerten
unter der Bezeichnung „Blood & Honour – Scandinavia“.
a) „Nationalsozialistische Front“
Die „Nationalsozialistische Front“ (NSF) ist eine an britische Vorbilder
angelehnte, hierarchisch strukturierte Organisation mit Ortsgruppen, Divisionen und
lokalen Kontaktpersonen, überwiegend in Süd- und Westschweden. Sie geriet
1999 mehrfach in die Schlagzeilen, weil einige ihrer Anhänger für
Gewaltverbrechen verantwortlich gemacht wurden.
Bei den „Hitlerfeierlichkeiten“, die am 17. April 1999 von der NSF
ausgerichtet wurden, waren ca. 100 bis 120 Personen anwesend, darunter
Rechtsextremisten aus Deutschland, Dänemark und Norwegen.
b) „Schwedische Widerstandsbewegung“
Die „Schwedische Widerstandsbewegung“ (SMR) vertritt rassistische und
fremdenfeindliche Prinzipien. Wegen ihrer Militanz genießt sie in
rechtsextremistischen Kreisen großes Ansehen. Kürzlich erfolgte ein Zusammenschluss
mit „Nordland“, einem der führenden Produzenten und Verteiler von „White-
Power-Musik“ in Schweden. Der SMR angeschlossen ist ihre
Jugendorganisation „Nationell Ungdom“ (NU). Die NU steht Personen bis 18 Jahren offen und
ist in den vergangenen Jahren durch militante Aktionen in Erscheinung
getreten. Kontakte bestehen zur NPD und in die deutsche Skinheadszene.
Schweiz
Nach Erkenntnissen der Schweizer Bundespolizei hat sich die Zahl von
Skinheads als Hauptträger rechtsextremistischer und fremdenfeindlicher Straftaten
in den letzten Jahren ständig erhöht. Besonders betroffen sind dabei die
deutschsprachigen, aber auch die französischsprachigen Kantone.
Die schweizerische Skinheadszene wiederum steht in engem Kontakt mit
entsprechenden Szenen in Deutschland und Österreich. Grenzüberschreitende
Aktivitäten wie gemeinsame Konzerte sind Ausdruck dieser Gemeinsamkeit.
Beispielhaft wird hier auf ein Konzert vom 19. August 2000 in Malters
hingewiesen, das von den schweizerischen „Hammerskins“ ausgerichtet wurde
und an dem ca. 200 Besucher aus der Schweiz, Deutschland, den Niederlanden,
Frankreich, Spanien, Italien und Liechtenstein teilnahmen.
a) „Europäische Neuordnung“
Die „Europäische Neuordnung“ (ENO) ist seit Jahren inaktiv. Lediglich ihr
ehemaliger Leiter, Gaston Amandruz, gibt noch regelmäßig seine
Monatsschrift „Courrier du Continent“ in französischer Sprache heraus.
b) „Nationale Initiative Schweiz“
Die seit 1996 bestehende „Nationale Initiative Schweiz“ (NIS) wurde im
Kanton Zürich gegründet. Unter den rund 50 Mitgliedern gibt es zahlreiche
Skinheads. Das NPD-Mitglied Stefan G. war Ende der 90er Jahre Repräsentant der
NIS für Deutschland und vertrieb über eine Postfachanschrift in Neuburg an
der Donau ihr Polit-Magazin „Morgenstern“. Da er seine zahlreichen Kontakte
in die Schweiz zugunsten der NPD nutzte, wurde von den Behörden gegen ihn
eine zehnjährige Einreisesperre verhängt.
c) „Nationale Partei Schweiz“
Die Mitte April 2000 von einem Lokaljournalisten gegründete und kurz darauf
bereits wieder aufgelöste „Nationale Partei Schweiz“ (NPS) wollte in
Abgrenzung zur gewaltbereiten Skinheadszene ihren „Nationalsozialismus anders
ausleben, legal und ohne Gewalt“. Die Partei sollte als Schwesterorganisation der
NPD konzipiert werden.
Slowakei
Ermittlungsverfahren ergaben, dass in Deutschland festgestellte Tonträger mit
strafrechtlich relevanten Inhalten in der Slowakei hergestellt wurden. Die
Ermittlungen dauern an.
Spanien
a) „Circulo Espanol de Amigos de Europa“
Diese Neonazigruppe wurde Ende 1993 aufgelöst. Ihr früherer Leiter wird
einem Unterstützerkreis zugerechnet, der sich für nach Spanien geflüchtete
Rechtsextremisten einsetzt. Er musste sich wegen der von ihm über die
Buchhandlung „Libreria Europa“ vertriebenen revisionistischen Schriften 1998 vor
der spanischen Justiz verantworten und wurde im Juli 2000 zu einer
fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig
b) „Alianza por la Unidad Nacional“
Die nationalistische „Alianza por la Unidad Nacional“ (AUN) ist 1994 aus vier
kleinen spanischen Neonazigruppen entstanden. Die Organisation ist sehr
jugendorientiert und versucht, rechtsextremistische Kräfte nicht nur auf
nationaler sondern auch auf internationaler Ebene zusammenzuführen. Sie ist
erstmalig bei den Feierlichkeiten zum Todestag Francos im Jahr 1995 als
koordinierende Organisation in Erscheinung getreten. Im Rahmen dieser
Veranstaltung fand auf Einladung der AUN in Madrid das erste „Europäische
Treffen Nationaler Vereinigungen“ statt. Dieses Treffen führte letztlich dazu,
dass die Gedenkfeiern für Franco im Raum Madrid seither regelmäßig von
ausländischen Rechtsextremisten, von deutscher Seite insbesondere durch
Vertreter der NPD/JN, besucht werden.
Seit der vorübergehenden Festnahme des AUN-Leiters Ricardo Saenz de
Ynestrillas wegen versuchten Mordes an einem Drogenhändler 1997 hat die AUN
jedoch stark an Bedeutung verloren.
c) „Democracia Nacional“
Nach der Auflösung der neonazistischen Organisation „Circulo Espanol de
Amigos de Europa“ nimmt die „Democracia Nacional“ (DN) die führende
Rolle innerhalb der nationalsozialistischen Organisationen ein.
Im laufenden Verbotsverfahren der NPD ist die DN die einzige Partei in
Spanien, die öffentlich dagegen protestiert hat. So veranstaltete sie Mitte
November 2000 eine Konferenz zum Thema „Warum will man die NPD verbieten?
Ein Prozess gegen die Meinungsfreiheit“. Im Internet wurde darüber hinaus
aufgerufen, Demonstrationen und Unterschriftenaktionen durchzuführen.
Tschechische Republik
Die tschechischen rechtsextremistischen Parteien sind im Allgemeinen sehr
deutschfeindlich eingestellt und lehnen jede Kontaktaufnahme ab.
Verbindungen gibt es jedoch im Bereich der Skinheadszene. Deutschen und tschechischen
Medienberichten zufolge soll es Fälle von „grenzüberschreitender
Zusammenarbeit“ zwischen deutschen und tschechischen Neonazis bzw. Skinheads geben,
z. B. in Form gemeinsamer paramilitärischer Übungen auf tschechischem
Gebiet oder durch Verkauf von in Deutschland verbotenem neonazistischen
Propagandamaterial auf tschechischer Seite des deutsch-tschechischen
Grenzgebiets. Keiner dieser Fälle hat allerdings nach bisherigen Erkenntnissen der
Bundesregierung einen Bezug zur deutschen Minderheit.
In der Tschechischen Republik gibt es kaum noch ein geschlossenes
Siedlungsgebiet der deutschen Minderheit. Rechtsextremistische Aktivitäten gerade in
Bezug auf ein solches Gebiet spielen daher keine Rolle. Die Verbandsvertreter
in den von der Bundesregierung geförderten Begegnungszentren stehen
glaubwürdig auf Distanz zu Skinheads und Neonazis.
Die polizeilichen Erkenntnisse bezüglich der Tschechischen Republik
beschränken sich auf Meldungen über Sicherstellungen von
rechtsextremistischem Propagandamaterial anlässlich von Grenzkontrollen.
Ungarn
Soweit Berührungspunkte vorhanden sind, bestehen diese hauptsächlich im
Bereich der Skinheadszene.
Acht Deutsche wurden 1999 im Anschluss an Veranstaltungen in Erinnerung an
den 12./13. Februar 1945 (Einnahme von Budapest durch die Rote Armee, die
damals eine insgesamt 102 Tage dauernde Belagerung beendete) wegen
Schlägereien auf dem Burgberg verhaftet. Drei von ihnen sind später verurteilt
worden. Im Jahre 2000 und 2001 haben sich derartige Vorfälle wegen
konsequenten Durchgreifens der Sicherheitsbehörden nicht mehr wiederholt
2. Welche Reaktionen aus den Kreisen der deutschen Minderheiten und ihrer
jeweiligen Organisationen in den jeweiligen Gebieten auf diese Aktivitäten
sind der Bundesregierung bekannt (bitte ebenfalls nach den jeweiligen
Gebieten und nach den dortigen Organisationen der deutschen Minderheiten
aufschlüsseln)?
Auf Anregung der Bundesregierung hat das Präsidium des Verbandes der
„Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaften in Polen“ (VdG) ein
Rundschreiben an alle VdG-Mitglieder versandt, um sie vor einer Zusammenarbeit
mit extremistischen deutschen Organisationen und deren Folgen zu warnen.
Außerdem hat das VdG-Präsidium alle Mitglieder verpflichtet, direkten
Kontakt mit dem Geschäftsführer oder dem Präsidenten des VdG aufzunehmen,
wenn unbekannte deutsche Organisationen versuchen sollten, eine organisierte
Zusammenarbeit anzubahnen.
Der größte Bezirksverband der deutschen Minderheit (Sozial-Kulturelle
Gesellschaft der Deutschen im oberschlesischen Oppeln) hat daraufhin in seinem
Bereich eine Reihe von Informationsveranstaltungen durchgeführt, in denen
das Thema „Kontakte mit rechtsextremistischen Organisationen“ behandelt
wurde.
Der Vorsitzende der „Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft“ (DSKG) in
Breslau hat für seine Regionalorganisationen veranlasst:
– Rücküberweisung eines vom „Freundschafts- und Hilfswerks Ost“ (FHWO)
im Jahre 1998 gesammelten und zur Renovierung einer Begegnungsstätte
der „Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft“ (DSKG) in Breslau
bestimmten Betrages von 1 500,– DM.
– Austritt des Vorsitzenden des FHWO aus dem Deutschen Freundeskreis
Breslau.
– Änderung der Satzung des DSKG Breslau dahingehend, dass nur Personen
deutscher Abstammung mit ständigem Wohnsitz in Niederschlesien bzw. im
polnischen Staatsgebiet Mitglied werden können.
Außerdem wurde im DSKG Breslau ein Beschluss zur Abgrenzung von
rechtsextremen Organisationen gefasst.
3. Welche örtlichen oder regionalen rechtsextremistischen und
antisemitischen Organisationen unter den dort lebenden deutschen Minderheiten
sind der Bundesregierung bekannt und welche Verbindungen bestehen
zwischen diesen Organisationen und den deutschen rechtsextremen
Einzelaktivisten bzw. Parteien?
Auf die Antworten zu den Fragen 1 und 2 wird verwiesen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co., Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 13 20, 53003 Bonn, Telefon (02 28) 3 82 08 40, Telefax (02 28) 3 82 08 44
ISSN 0722-8333]