Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag Drucksache 13/2169
13. Wahlperiode
22. 08. 95
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Simone Probst und der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
— Drucksache 13/2082 —
US-Angebot zur Abreicherung des geplanten FRM-II-Reaktors
In einem Schreiben an das Nuclear Control Institute in Washington
erklärt die amerikanische Energieministerin Hazel O'Leary, sie habe
Staatssekretär Gebhard Ziller die Unterstützung des Argonne National
Laboratory (ANL) zur Überarbeitung der Konzeption des geplanten
Forschungsreaktors FRM II angeboten. Die momentane Konzeption des
FRM II sieht einen Einsatz von bombenfähigem hochangereichertem
Uran als Kernbrennstoff vor. Eine Zusammenarbeit des ANL mit der
Technischen Universität (TU) München würde es nach Meinung der
Energieministerin Hazel O'Leary ermöglichen, die gewünschte hohe
Neutronenflußdichte des FRM II auch mit niedrig angereichertem Uran
zu erreichen.
Die USA bemühen sich seit über 15 Jahren, hochangereichertes Uran
(highly enriched uranium — HEU) aus dem Forschungsreaktorbereich
zurückzudrängen, um die Proliferationsgefahr zu reduzieren. Laut der
Energieministerin Hazel O'Leary haben die USA gegenüber der
Bundesregierung die Hoffnung ausgedrückt, daß im FRM II kein HEU zum
Einsatz kommt.
1. Was war der genaue Inhalt des US-Angebotes zur Abreicherung
des FRM II?
2. Hat die Bundesregierung die TU München über dieses Angebot
informiert?
Wenn ja, wie hat die TU München nach Kenntnis der
Bundesregierung reagiert?
3. Befürwortet die Bundesregierung die Annahme des
amerikanischen Angebotes, und hat sie dies auch gegenüber der TU
München zum Ausdruck gebracht?
4. Welche Schritte wird die Bundesregierung unternehmen, um die
TU München zu einer Kooperation mit dem ANL zur Abreicherung
des FRM II zu bewegen?
Am Rande der letzten IAEO-Generalkonferenz in Wien (Septem
-
ber 1994) hat ein Gespräch zwischen der deutschen und der
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Bildung,
Wissenschaft, Forschung und Technologie im Einvernehmen mit dem Auswärtigen Amt vom 17. August 1995 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich — in kleinerer Schrifttype — den Fragetext.
amerikanischen Delegation stattgefunden, das dem
Meinungsaustausch über verschiedene aktuelle Probleme diente. In diesem
Gespräch wurde auch der Stand des Neubaus des Münchener
Forschungsreaktors (FRM-II) dargestellt und die Notwendigkeit
der Nutzung von hochangereichertem Uran (HEU) diskutiert. Es
wurde vereinbart, daß sich Experten beider Seiten treffen sollten,
um gemeinsam das Problem der Nutzung von HEU anhand des
FRM-II und des US-Projektes Advanced Neutron Source (ANS) zu
dikutieren. Dieses Treffen hat Anfang November 1994 unter
Beteiligung von Wissenschaftlern der Technischen Universität
München in Knoxville stattgefunden.
Ein weitergehendes Hilfsangebot ist der Bundesregierung
entgegen anderslautenden Presseberichten nicht bekannt. Auch die TU
München hat kein derartiges Angebot erhalten.
Es ist richtig, daß eine Weiterentwicklung hochdichter
Uransilizid-Brennstoffe theoretisch eine Absenkung des
Anreicherungsgrades des Brennstoffs (bei sonst unveränderten Leistungsdaten)
ermöglicht. Ein solcher Brennstoff steht nach Kenntnis der
Bundesregierung zum Einsatz im FRM II derzeit nicht zur Verfügung.
Dies wurde auch in dem Expertentreffen in Knoxville bestätigt.
Arbeiten zur Entwicklung eines derartigen alternativen
Brennstoffs wären nach Angaben der US-Experten risikoreich, d. h. vom
Ergebnis her offen, zeitaufwendig und kostspielig. Hinzu käme
eine langwierige (mehrjährige) Test- und Erprobungsphase,
bevor ein solcher Brennstoff eingesetzt werden könnte.
Leider sind entsprechende Entwicklungsarbeiten im Argonne
National Laboratory (ANL) 1989 zunächst weitgehend eingestellt
worden, offenbar weil die damalige US-Administration die
Bedeutung und Erfolgsaussichten dieser Entwicklung nicht sehr hoch
einschätzte. Es ist derzeit offen, ob diese Entwicklungsarbeiten
wieder aufgegriffen werden.
5. Ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Machbarkeit eines
Reaktorkonzeptes mit niedrig angereichertem Uran in einer Studie
geprüft worden?
Wenn nein, warum nicht?
Die TU München hat Mitte der 80er Jahre Untersuchungen über
den Einsatz von Uran unterschiedlicher Anreicherungsstufen für
den FRM-II durchgeführt. Das Ergebnis dieser Untersuchungen
war, daß die gewünschten Leistungsdaten nur mit einem
Kompaktkern mit HEU erzielt werden können.
6. Würden nach Einschätzung der Bundesregierung durch ein
Reaktorkonzept mit niedrig angereichertem Uran höhere Kosten
entstehen?
Wenn ja, wie hoch wären die Mehrkosten
a) beim Bau,
b) beim Betrieb,
c) bei der Entsorgung?
Ein Reaktorkern mit niedrig angereichertem Brennstoff müßte
neu entwickelt werden. Um den gleichen thermischen
Neutronenfluß zu erzielen, müßte dieser Kern ungefähr zwei- bis dreimal
größer sein als der jetzt vorgesehene Kern; er müßte mit etwa
doppelter thermischer Leistung betrieben werden. Das hätte
folgende finanzielle Konsequenzen:
Zu a)
Baukosten:
Eine Anlage mit doppelter Leistung (40 MW) ist naturgemäß
wesentlich teurer. Die Anlagenplanung und anschließend daran
das Genehmigungsverfahren müßten wiederholt werden. Auch
die daraus resultierende Zeitverschiebung würde zu einer
erheblichen Kosteneskalation führen. Die TU München rechnet für den
Fall einer solchen Umplanung mit Mehrkosten von mindestens
200 Mio. DM.
Zu b) und c)
Betriebskosten inklusive Entsorgung:
Das wesentlich größere Brennelement müßte aus zwei Ringen
(statt derzeit einem) aufgebaut werden. Die Zahl der
Brennelementplatten würde sich dadurch verdreifachen. Die Kosten für
Brennstoff und die Fertigung der Brennelemente würden sich
wesentlich erhöhen; ebenso die Kosten der Entsorgung. Die TU
München geht von ca. 10 Mio. DM Mehrkosten jährlich aus.
Unterstellt man eine 30jährige Bet riebszeit des FRM II, so ergäben
sich für den Betrieb (inkl. Entsorgung) Mehrkosten von 300 Mio.
DM (ohne Eskalation).
Insgesamt würde eine Umstellung des Reaktorkonzeptes auf
niedrig angereichertes Uran, wie es heute verfügbar ist, bei einer
30jährigen Betriebszeit zu Mehrkosten von insgesamt rd. 500 Mio.
DM führen.
7. Teilt die Bundesregierung die Einschätzung der Energieministerin
Hazel O'Leary, daß der gewünschte Neutronenfluß des FRM II auch
mit niedrig angereichertem Uran erreichbar ist?
8. Wenn ja, gibt es schwerwiegende Gründe, die die Bundesregierung
dazu zwingen, den geplanten Einsatz von hochangereichertem
Uran im FRM II trotzdem zu tole rieren?
Es ist bereits dargelegt worden, daß ein LEU-Brennstoff mit der
für die Leistungsdaten des FRM II notwendigen Brennstoffdichte
zum Einsatz im FRM II derzeit nicht zur Verfügung steht. Somit
gibt es zum Einsatz von HEU keine Alternative. Der FRM II hat
wesentliche Stufen des Genehmigungsverfahrens durchlaufen.
Mit der Entscheidung der Genehmigungsbehörden ist in wenigen
Monaten zu rechnen. Schon aus Gründen des weit
fortgeschrittenen Verfahrens ist die Einführung eines neuen Brennstoffs, der
erst langjährig entwickelt und erprobt werden müßte, nicht
möglich, ohne das Projekt insgesamt zu gefährden und deutsche
Forscher für eine längere Zeit von der Forschung an einem derartigen
modernen Großgerät auszuschließen.
9. Teilt die Bundesregierung die Befürchtung, daß andere Länder sich
durch das deutsche Beispiel (d. h. den Einsatz von HEU im FRM II)
legitimiert sehen könnten, ebenfalls aus dem RERTR-Programm
(Reduced Enrichment for Research and Test Reactors) auszusteigen,
geplante Abreicherungsprogramme abzubrechen und neue
Reaktoren mit HEU statt mit LEU zu betreiben?
Wenn nein, warum nicht?
10. Teilt die Bundesregierung die Befürchtung, daß durch ein Scheitern
des RERTR-Programms der Welthandel mit HEU wieder das
mengenmäßige Niveau der siebziger Jahre erreicht und damit die
Proliferationsgefahr wieder steigt?
Wenn nein, warum nicht?
11. Welche Gründe haben die Bundesregierung bewogen, sich in den
vergangenen Jahren am RERTR-Programm zu beteiligen?
Warum wird das Programm jetzt durch ein Ausscheren
Deutschlands in Frage gestellt?
Die Bundesrepublik Deutschland ist weder aus dem RERTR-
Programm ausgestiegen, noch hat sie geplante
Abreicherungsprogramme abgebrochen, noch beabsichtigt sie, neue
Forschungsreaktoren generell mit HEU statt LEU zu betreiben. Sie hat sich
seit der INFCE-Konferenz (1978) aktiv an dem RERTR-Programm
zur Umstellung des Anreicherungsgrades von Brennstoff für
Forschungsreaktoren beteiligt. Das hat das US-State Department im
übrigen in einer kürzlichen Erklärung unterstrichen. In den 80er
Jahren wurde in Deutschland ein nationales Programm zur
Entwicklung eines dichten Brennstoffs erfolgreich durchgeführt, mit
dem die vorhandenen Forschungsreaktoren auf LEU umgestellt
werden können. Unsere Forschungsreaktoren nehmen an dem
Umstellungsprogramm teil; deren Betreiber sind Mitglied in der
RERTR-Forschungsgemeinschaft, in der ein Erfahrungsaustausch
ihrer (Forschungs-)Ergebnisse stattfindet.
Der Hauptausschuß II der New Yorker Konferenz zur
Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrages hat — wie auch schon die
INFCE-Konferenz — die Nutzungsmöglichkeit von HEU
ausdrücklich bestätigt, wenn dies unter Berücksichtigung technischer,
wissenschaftlicher und ökonomischer Faktoren erforderlich ist.
Die Bundesregierung vermag nicht zu erkennen, daß durch den
Bau des Münchener Forschungsreaktors der Erfolg des RERTR-
Programms gefährdet wird. Sie weist mit Entschiedenheit die
Behauptung zurück, durch den FRM II stiege die
Proliferationsgefahr. Sie erinnert daran, daß alle nuklearen Mate rialien in
Deutschland sowohl den Sicherungsmaßnahmen von EURATOM
als auch der IAEO unterliegen.]