Volltext (unformatiert)
[Drucksache 12/7319
19. 04. 94
Deutscher Bundestag
12. Wahlperiode
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Siegfried Vergin, Anke Fuchs (Köln),
Evelin Fischer (Gräfenhainichen), weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD
— Drucksache 12/7059 —
Rechtsextremistische Organisationen, Parteien und Einzelpersonen
und deren Zusammenarbeit mit entsprechenden Organisationen in Osteuropa
Die politischen Verhältnisse in den osteuropäischen Ländern zeigen
einmal mehr, daß der Rechtsextremismus eine universelle Erscheinung
ist, wobei zunehmend eine internationale Vernetzung zu beobachten ist.
Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa
ist dort nahezu überall ein Anwachsen von Nationalismus und
Rechtsextremismus zu beobachten. Gleichzeitig suchen und finden deutsche
rechtsextremistische Parteien und sonstige Organisationen Kontakte
und die Zusammenarbeit mit den entsprechenden Organisationen in
den einzelnen Staaten Osteuropas.
1. Welche deutschen rechtsextremistischen Parteien, Gruppen,
Organisationen, Verlage oder sonstigen Einrichtungen haben nach
Erkenntnissen der Bundesregierung Kontakte zu welchen
rechtsextremistischen Organisationen und Institutionen in Osteuropa?
Über Verbindungen zwischen rechtsextremistischen
Organisationen aus Deutschland und Osteuropa wurde der Bundesregierung
folgendes bekannt:
Die „Deutsche Volksunion" (DVU) steht in ständigem Kontakt mit
der „Liberaldemokratischen Partei Rußlands" (LDPR). Dieser
Kontakt wird im wesentlichen durch die Parteivorsitzenden Dr.
Gerhard Frey und Wladimir Schirinowskij persönlich
wahrgenommen.
Kontakte bzw. Kontaktversuche gibt es ebenfalls zwischen der
LDPR und der „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands"
(NPD), der tatsächliche Anhaltspunkte für rechtsextremistische
Bestrebungen aufweisenden Partei „Die Republikaner" (REP) und
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums des Innern vom
18. April 1994 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich — in kleinerer Schrifttype — den Fragetext.
der „Deutschen Liga für Volk und Heimat" (DLVH). Ehemalige
Mitglieder verbotener deutscher Neonazigruppen haben
Kontakte zur „Russischen Nationalen Einheit".
2. Wie stellt die Bundesregierung sicher, daß sowohl Institutionen der
Bundesrepublik Deutschland als auch finanzielle Mittel, die für den
demokratischen, wirtschaftlichen und kulturellen Auf- und Umbau
in Osteuropa bestimmt sind, nicht für rechtsextreme Zwecke
mißbraucht werden?
3. Welche Beanstandungen wurden bisher im einzelnen gegenüber
der Bundesregierung geltend gemacht, und welche Konsequenzen
hat die Bundesregierung jeweils gezogen?
Die Bundesregierung leistet Unterstützung für deutsche
Minderheiten in Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa einschließlich
nichteuropäischer Nachfolgestaaten der UdSSR. Den Deutschen in
ihren Siedlungsgebieten soll durch gemeinschaftsfördernde,
soziale, wirtschafts- und landwirtschaftsbezogene und humanitäre
Hilfen, für die das Bundesministerium des Innern zuständig ist,
sowie durch kulturelle Hilfsmaßnahmen, die das Auswärtige Amt
durchführt, eine Alternative zur Aussiedlung in die
Bundesrepublik Deutschland aufgezeigt werden. Grundsätzlich werden auch
immer die nichtdeutschen Nachbarn einbezogen, um Neidgefühle
nicht aufkommen zu lassen.
Soweit die Hilfen projektbezogen geleistet werden, bedient sich
die Bundesregierung hierfür bewährter Mittlerorganisationen.
Die einzelnen Maßnahmen werden mit den Vertretern der
Deutschen und in Absprache mit den jeweiligen Regierungen und
örtlichen Administrationen zweckgebunden geleistet, so daß es
ausgeschlossen ist, daß rechtsextremistische Organisationen in den
Genuß dieser Mittel gelangen. Soweit Institutionen institutionell
gefördert werden (wie z. B. der BdV), wird schon bei der Auswahl
des Zuwendungsempfängers ausgeschlossen, daß Bundesmittel in
die Verfügungsgewalt extremistischer Organisationen gelangen.
Aus Mitteln der Bundesregierung werden auch Programme zur
Rückführung und Reintegration von rumänischen und
bulgarischen Asylbewerbern sowie zur Fluchtursachenbekämpfung in
den Herkunftsländern durchgeführt. Ein entsprechendes
Programm für polnische Staatsangehörige ist Ende 1993
abgeschlossen worden. Die Mittel werden dazu verwendet, Rückkehrern und
Einheimischen eine qualifizierte Ausbildung zu vermitteln sowie
Existenzgründer zu unterstützen. Die Mittel fließen unmittelbar
den Sachzwecken zu.
Beanstandungen sind bislang nicht bekanntgeworden.
4. Welche Kontakte bestehen zwischen deutschen Rechtsextremisten
und russischen Pamjat-Vertretern, und wie schätzt die
Bundesregierung den heutigen Einfluß der „Pamjat" auf die politische
Landschaft Rußlands ein?
5. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über das Treffen von
Ewald Althans mit Pamjat-Vertretern in Moskau?
Über Kontakte zwischen deutschen Rechtsextremisten und der
russischen „Nationalpatriotischen Front Pamjat" — wie sie in den
Medien beschrieben werden — liegen den Sicherheitsbehörden
keine Erkenntnisse vor.
Der Umfang der politischen Tätigkeit von „Pamjat" oder seinen
Mitgliedern in Rußland ist nicht bekannt.
6. Haben nach Erkenntnis der Bundesregierung schon vor 1992
Kontakte zwischen der DVU bzw. anderen deutschen Parteien und der
sogenannten „Liberaldemokratischen Partei" stattgefunden, und
wenn ja, um welche handelt es sich hierbei?
Dazu liegen keine Erkenntnisse vor.
7. Gibt es nach Erkenntnis der Bundesregierung Anzeichen für eine
weitere, z. B. finanzielle und/oder technische Unterstützung der
„Liberaldemokratischen Partei" durch die DVU oder andere
deutsche Parteien, abgesehen von der gegenseitigen Teilnahme an
Veranstaltungen in Moskau, Passau und im ostdeutschen Mühlhausen?
Den Sicherheitsbehörden liegen keine Erkenntnisse für solche
Unterstützungszahlungen vor. Nach im einzelnen nicht
verifizierbaren vagen Hinweisen soll Schirinowskij im russischen
Wahlkampf mit größeren Geldbeträgen aus Kreisen der DVU
unterstützt worden sein.
8. Welche deutschen Organisationen und Parteien haben sich nach
Erkenntnis der Bundesregierung seit 1990 um Kontakte zur
„Liberaldemokratischen Partei Rußlands" mit welchem Ergebnis
bemüht?
Kontakte zwischen dem Bundesvorsitzenden der DVU, Dr.
Gerhard Frey, und Schirinowskij bestehen seit Frühjahr 1992. Nach
Angaben Dr. Freys nahm sein Sohn Gerhard Frey jun. auf
Einladung der LDPR an deren Parteitag im Ap ril 1992 in Moskau teil.
In der Folgezeit wurden die Kontakte zwischen Frey und
Schirinowskij immer enger. Es gab mehrere Treffen in Deutschland und
in Rußland. Zuletzt hielt sich Dr. Frey aus Anlaß des Parteitages
der LDPR am 3. April 1994 in Moskau auf.
Auch die NPD hatte (im Ap ril 1992) eine Einladung zum Parteitag
der LDPR nach Moskau erhalten, dieser aber nicht Folge geleistet.
Inzwischen hat sich bei der NPD in ihrer Haltung zu Schirinowskij
offenbar ein Sinneswandel vollzogen. So lud der Parteivorsitzende
Deckert einer Presseerklärung der Partei vom 4. Januar 1994
zufolge Schirinowskij zum NPD-Bundesparteitag am 15. Januar
1994 ein. Schirinowskij nahm jedoch nicht teil.
Die REP lehnen Schirinowskij ab. Im Parteiorgan „Der
Republikaner" — Ausgabe Januar 1994 — erklärte der Parteivorsitzende
Schönhuber, Schirinowskij habe auch Kontakt zu den REP
gesucht und ihn (Schönhuber) zu seinem Kongreß nach Moskau
eingeladen. Die REP könnten aber wegen Schirinowskijs
großrussischer Pläne sowie seiner nicht eindeutigen Haltung zum
Antisemitismus nicht mit ihm zusammenarbeiten.
Die DLVH artikuliert „verhaltendes Wohlwollen" bezüglich des
Wahlerfolges Schirinowskijs im Dezember 1993. Sie versuchte,
die Bekanntheit Schirinowskijs für sich medienwirksam zu nutzen
und lud Schirinowskij zu einer Veranstaltung am 5. Februar 1994
nach Köln ein.
Hierzu äußerte sich Schirinowskij in einem Interview in der
„Deutschen Nationalen-Zeitung" des Dr. Frey, Ausgabe vom
4. Februar 1994, „selbst im Fiebertraum" denke er nicht daran,
bei solchen Leuten mitzumachen und nach Köln zu kommen.
9. Welche Erkenntnisse besitzt die Bundesregierung über die „Libe
-
raldemokratische Partei Rußlands" und ihre Führungspersonen?
Nach Kenntnis der Bundesregierung wurde die „Liberal-
demokratische Partei Rußlands" (LDPR) am 31. März 1991 in Moskau
gegründet. Auf diesem Gründungsparteitag wurde Wladimikr
Schirinowskij zum Parteivorsitzenden gewählt. Der fünfte und
bislang letzte Parteitag fand am 3. April 1994 in Moskau statt. An
ihm nahmen 343 Delegierte aus 69 Regionalorganisationen sowie
Delegationen der Serbischen Nationalen Wiedergeburt, der
Serbischen Radikalen Partei, der polnischen Nationalisten, der
französischen Front National und des irakischen Präsidenten Saddam
Hussein teil. Eine Vielzahl von Parteien, darunter die DVU,
vertreten durch ihren Vorsitzenden Frey, und die im Irak herrschende
Bath-Partei, richteten Grußbotschaften an den Parteitag. Frey
beschwor den Gleichklang von „russischer Seele" und
„deutschem Gemüt". Die beiden „größten Völker" des Abendlandes
dürften nie wieder Krieg gegeneinander führen. Seine Zeitung
und sein Verlag täten alles, um in Deutschland den wahren
Schirinowskij bekannt zu machen und ihn gegen
Verunglimpfungen des „Schweinejournalismus" in Schutz zu nehmen.
Entsprechend der Bitte Saddam Husseins beauftragte der Parteitag die
Fraktion, in der Staatsduma die Aufhebung des Embargos der
Vereinten Nationen gegen den Irak zu fordern und in diesem
Sinne Einfluß auf die russische Diplomatie zu nehmen. Den
Vertretern Serbiens versprach der Parteitag, allen Völkern des
früheren Jugoslawien und „allen voran dem serbischen Volk"
Unterstützung zu gewähren.
Der Parteitag bestätigte einstimmig und ohne vorherige
Aussprache Schirinowskij für weitere zehn Jahre bis zum 2. Ap ril 2004
als Parteichef. Zugleich erhielt er das Recht, persönlich die
Mitglieder der höchsten Führungsgremien der Partei zu ernennen
und abzulösen.
Die LDPR hat laut ihrem Statut vom 19. Ap ril 1992 das Ziel,
„ ... mit parlamentarischer Arbeit einen Rechtsstaat mit einer
vielschichtigen Wirtschaft aufzubauen. Dies sollte durch die
Propagierung der Ideen des Liberalismus und der liberalen Demokratie,
der Anerkennung des Mehrparteiensystems, Pluralismus,
Garantie ziviler Rechte und Freiheiten, Ablehnung von Gewalt erreicht
werden".
Auf dem Parteitag am 3. April 1994 erklärte Schirinowskij in
seiner einstündigen Rede nach Kenntnis der Bundesregierung,
daß die LDPR nicht nur das höchste Staatsamt, sondern auch eine
„Ein-Parteien-Regierung" anstrebe. In seinem Buch „Der letzte
Sprung nach Süden", das 1993 in Moskau erschien, träumt
Schirinowskij nach eigener Aussage davon, daß „ ... die russischen
Soldaten ihre Stiefel im warmen Wasser des Indischen Ozeans
waschen ..." (S. 63, 66).
In Publikationen der DVU, wie der „Deutschen Nationalzeitung"
(DNZ), wird Schirinowskij gelegentlich mit Äußerungen zitiert,
die auf eine ähnliche politische Zielsetzung hindeuten, wie sie in
diesen Publikationen vertreten wird.
Die Ausgabe der DNZ vom 14. Januar 1994 (Seiten 3 und 4)
enthält den Artikel: „Was sind die deutschen Interessen?", als dessen
Verfasser Schirinowskij erscheint. Darin äußert er, als Russe habe
er „ ... nicht die Gehirnwäsche der Umerziehung ... "
durchlaufen. Er begreife nicht, „ ... warum nach 1945 geborene und selbst
heute noch ungeborene Deutsche Kollektivverantwortung auf
sich nehmen sollen, um in Kollektivhaftung genommen zu
werden. "
An anderer Stelle heißt es, „ ... daß Hunderttausende von
deutschen Gerichten und Behörden festgestellte Scheinasylanten
nicht abgeschoben werden. Jüdische Staatsangehörige Rußlands
und der GUS-Staaten erhalten auf Antrag unverzüglich Visa für
die Bundesrepublik, um sich hier auf Dauer, unter
Inanspruchnahme des exzellenten deutschen Sozialnetzes, aufzuhalten."
In einem Interview mit der DNZ, Ausgabe vom 4. Februar 1994
(Seiten 3, 4 und 5) wird Schirinowskij ähnlich zitiert:
„ ... Ich mache mir nicht de Gaulles Wort zu eigen ,Die Deutschen
sind arme Schweine, denn man hat ihnen das Rückgrat
gebrochen'. Aber ich gewinne doch den Eindruck, daß die
Gehirnwäsche der Umerziehung, die ja nun immerhin bald 50 Jahre
andauert, in vielen Deutschen psychologische, ja bei manchen sogar
psychopathische Veränderungen hervorgerufen hat."
Zur „Vergangenheitsbewältigung" in Deutschland befragt, wird
Schirinowskij dann unter anderem folgendermaßen zitiert:
„ .. Daß sich das große deutsche Volk so etwas gefallen läßt, kann
ich nicht begreifen. Ist denn Nationalmasochismus so etwas
Schönes ...".
Hinsichtlich der Führungsstrukturen der LDPR ist folgendes
bekannt:
Die höchste Instanz der Partei ist der Parteitag, der im
Jahresrhythmus abgehalten wird. Er wählt den Parteivorsitzenden, den
Obersten Rat, das Zentralkomitee (ZK), die Kandidaten für das ZK
und die Zentrale Revisionskommission. Der Vorsitzende, seine
zwei Stellvertreter und die fünf Mitglieder des Obersten Rates
sind gleichzeitig Mitglieder des ZK. Im ZK sitzen vorwiegend die
Regionalvertreter der Partei. Der Parteitag bestätigt ferner den
Chefredakteur der Parteizeitung. Das ZK nimmt den
Rechenschaftsbericht des Parteivorsitzenden und den Bericht über die
Finanzmittel entgegen. Die Regionalkomitees organisieren und
koordinieren die Tätigkeit der Grundorganisationen und
ernennen die temporären Sekretäre (bis zur Durchführung einer
Versammlung). Grundorganisationen von mindestens drei Personen
bilden den Kern der Partei.
Der Parteiapparat der LDPR steht unter der Führung eines
Sekretariats, dem die Kontrollkommission, die Organisationsabteilung
und der Pressesekretär als Funktionsträger und Gremien
zuzuordnen sind.
Die LDPR gibt mit einer Auflage von je 50 000 Exemplaren die
Zeitungen „Liberal" und „Sokol Schirinowskogo" ( „Der Falke
Schirinowskijs") heraus sowie mit der hohen Stückzahl von
500 000 Exemplaren die „Juriditscheskaja gaseta" ( „Juristische
Zeitung"). Der V. Parteitag beschloß die Gründung einer eigenen
Rundfunk- und Fernsehgesellschaft jeweils mit dem Namen
„Sokol Schirinowskogo". Seit Ende 1992 führt die LDPR am
letzten Sonnabend jeden Monats in Moskau im Sokolniki-Park
Versammlungen durch. Die Partei hat auch eine Jugendorganisation
namens „Falken Schirinowskijs", in der eine Ausbildung zur
Selbstverteidigung erfolgt.
Bei der Wahl zur Staatsduma erreichte die LDPR mit 22,9 % das
beste Listenergebnis. Sie entsendet in die Staatsduma 59 auf der
Parteiliste gewählte Abgeordnete und vier Deputierte, die ein
Direktmandat erringen konnten. Sie stellt mit 63 Abgeordneten
die zweitstärkste Fraktion.
10. In welchen Abständen und in welcher Form berichtet nach
Erkenntnis der Bundesregierung die Zeitschrift „Nation und
Europa" über rechtsextreme Gruppierungen in Rußland?
Der Autor Wolfgang Strauss schreibt häufig in „Nation und
Europa" über die Entwicklung in Rußland. Dabei geht er mitunter
auch auf rechtsextremistische Gruppierungen in diesem Lande
ein.
„Nation und Europa" berichtet gleichfalls in der regelmäßigen
Spalte „Eurorechte im Blickpunkt" zuweilen über
rechtsextremistische Organisationen in Rußland.
11. Ist die Bundesregierung darüber informiert, daß die „Russische
Nationale Einheit" des Alexander Barkaschjow, der im August 1990
die „Pamjat"-Vereinigung verlassen hat, von Firmen Gelder
erpreßt, indem damit gedroht wird, die Firmen würden bei
Zahlungsverweigerung auf eine „Schwarze Liste" gesetzt, und sind der
Bundesregierung Fälle bekannt, wonach deutsche Firmen von
solchen Erpressungen betroffen gewesen sind?
Dazu liegen keine Erkenntnisse vor.
12. Verfügen nach Erkenntnis der Bundesregierung neben Mitgliedern
der verbotenen „Nationalen Offensive" noch andere deutsche
Rechtsextremisten über Kontakte zu Angehörigen der „Russischen
Nationalen Einheit"?
Ja. Auch ehemalige Mitglieder anderer verbotener
rechtsextremistischer Gruppen halten Kontakt zur „Russischen Nationalen
Einheit".
13. Wie beurteilt die Bundesregierung die Zusammenarbeit deutscher
Rechtsextremisten bzw. die Vernetzung mit Gruppen wie die der
„Russischen nationalen Legion" als Unterabteilung der „National
-
Republikanischen Partei Rußlands", der „National-patriotischen
Front", der „Russischen Garde"?
Hierzu wird sinngemäß auf die Antworten zu den Fragen 4 und 5
verwiesen. Von einer Zusammenarbeit bzw. Vernetzung zu
sprechen, erscheint voreilig, zumal von einem Einsatz informationeller
Technik (Vernetzung) keine Rede sein kann.
14. Besitzt die Bundesregierung Informationen über internationale
Kontakte der seit Anfang 1993 aktiven „Front der
nationalrevolutionären Aktion", und wenn ja, um welche handelt es sich hierbei?
Nein.
15. Welche Gruppen besuchte nach Erkenntnis der Bundesregierung
Frank Hübner, Chef der verbotenen „Deutschen Alternative", Ende
1992 in Rußland, und welche Formen der Zusammenarbeit sind
hieraus entstanden?
Ein solcher Besuch kann von den Sicherheitsbehörden nicht
bestätigt werden.
16. Besitzt die Bundesregierung Angaben über die Höhe und Herkunft
der beim „Förderverein VR" der „Deutschen Liga für Volk und
Heimat" 1993 eingegangenen Geldbeträge, die unter dem
Stichwort „Nordostpreußen" als Spenden für die Umsiedlung von
volksdeutschen Familien aus Kasachstan ins Umland von Königsberg/
Kaliningrad gedacht sind?
Nein.
17. In welchem Umfang und in welchem Herkunftskreis konnte nach
Erkenntnis der Bundesregierung der Kieler Buchhändler Dietmar
Munier Sach- und Geldspenden mittels seiner Initiative „Aktion
deutsches Königsberg" und der „Gesellschaft für
Siedlungsförderung in Trakehnen m.b.H." bislang erzielen?
Herkunft und Umfang der Spenden sind nicht bekannt.
18. Welche Rolle spielt die russische Enklave Kaliningrad in der
Agitation bundesdeutscher Rechtsextremisten?
19. Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse darüber vor, ob und in
welcher Form die Forderung deutscher Rechtsextremisten nach
einer Trennung Kaliningrads von Rußland insbesondere von
osteuropäischen Rechtsextremisten unterstützt bzw. geteilt wird?
20. Ist der Bundesregierung bekannt, ob und gegebenenfalls welche
russischen Staatsbürger oder Organisationen seit 1989 mit der
Forderung nach einer Loslösung Kaliningrads aus dem russischen
Staatsgebiet und Anschluß an die Bundesrepublik Deutschland
aufgetreten sind, und welche diesbezüglichen Erkenntnisse liegen der
Bundesregierung vor?
Deutsche Rechtsextremisten fordern die Rückgabe aller
ehemaligen deutschen Ostgebiete, die heute zu Litauen, Rußland, Polen
und der Tschechischen Republik gehören.
Die Forderung nach Rückgabe des nördlichen Ostpreußen wird
besonders intensiv erhoben.
Unter deutschen Rechtsextremisten ist die Ansicht verbreitet, man
könne dieses Gebiet von Rußland käuflich erwerben.
Es gibt nach Erkenntnissen der Bundesregierung zahlreiche
Äußerungen Schirinowskijs, die als Unterstützung für die
Forderung nach Rückgabe Königsbergs und seiner Umgebung an
Deutschland verstanden werden können. Die Presse berichtete
aber auch über anderslautende Äußerungen Schirinowskijs.
21. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die Auftritte
und Aussagen von Professor Wladimir Gilmanov (Universität
Kaliningrad) in Deutschland vor, und welche Bedeutung mißt die
Bundesregierung diesen bei?
Dazu liegen keine Erkenntnisse vor.
22. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über den
„Förderverein zur Wiedervereinigung Deutschlands Unitas Germania"
vor, der mit der Forderung „Freiheit für Königsberg" auftritt?
Ein „Förderverein zur Wiedervereinigung Deutschlands Unitas
Germania e. V. " firmierte bis Mai 1992 als Herausgeber im
Impressum der Zeitschrift „Junge Freiheit". Der Verein
veröffentlichte in der „Jungen Freiheit" ganzseitige Anzeigen mit den
Überschriften „Freiheit für Königsberg" oder „Ohne
Königsberg?", in denen zu Spenden und Unterschriften aufgerufen
wurde. Unterschrieben werden sollte ein Aufruf, in dem die
Bundesregierung aufgefordert wurde, mit den Regierungen Rußlands
und Litauens über die ungehinderte Ansiedlung von Deutschen
und eine deutsche Verwaltung Nordostpreußens zu verhandeln.
23. Kann die Bundesregierung die Angaben des polnischen Regisseurs
Jerzy Bogucki bestätigen, daß polnische Rechtsextremisten als
osteuropäische Verteiler von Propagandamaterial, das aus der
Bundesrepublik Deutschland bzw. aus dem westlichen Ausland
stammt, fungieren?
Nein.
24. Werden nach Erkenntnis der Bundesregierung Musikkassetten
polnischer Skinbands wie „Auschwitz" oder „Cyklon B" deutschen
Interessenten über Postfachadressen angeboten, und sind deutsche
Übersetzungen der Pamphlete „Judeopolonia" u. ä. erhältlich?
Schriften aus der Skinhead-Musikszene, sogenannte Fanzines,
enthielten in der Vergangenheit vereinzelt Berichte über
polnische Skinheads bzw. Interviews mit diesen. In diesem
Zusammenhang wurden auch polnische Kontaktadressen veröffentlicht.
Deutsche Übersetzungen der in der Frage angesprochenen
Pamphlete sind den Sicherheitsbehörden bislang nicht
bekanntgeworden.
25. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über Verbindungen
zwischen deutschen und polnischen Skinheads, die auch in
polnischen Fanzines dokumentiert sind?
Den Sicherheitsbehörden liegen darüber keine Erkenntnisse vor.
26. Gibt es nach Erkenntnis der Bundesregierung Kontakte deutscher
Rechtsextremisten zu der „Partei der Freiheit", der „Polnischen
Nationalgemeinschaft" des Boleslaw Tejkowski, der sich in einem
Verfahren wegen Aufhetzung zum Rassenhaß einer psychiatrischen
Untersuchung unterziehen mußte, und Kontakte zur „Polnischen
Nationalfront"?
Nein.
27. Welche rechtsextremen Personen oder Organisationen haben
neben Günter Boschütz als Vertreter der „Nationalen Offensive"
nach Erkenntnis der Bundesregierung auf die deutsche Minderheit
in Polen, wie dieser auf die „Deutschen Freundschaftskreise",
Einfluß zu nehmen versucht?
Der DVU-Vorsitzende Frey verleiht seinen mit 20 000 DM
dotierten „Andreas-Hofer-Preis" nicht mehr Südtirolern, sondern
Angehörigen der deutschsprachigen Minderheit in Oberschlesien. Die
NPD gründete nach einigen Angaben einen Kreisverband im
ehemals westpreußischen Thorn.
28. Welche Informationen liegen der Bundesregierung im Hinblick auf
das „Memorandum über die völker- und menschenrechtliche Lage
Ostdeutschlands" vor, das am 10. Dezember 1993 im Europäischen
Parlament verteilt worden ist?
Der Bundesregierung wurde ein „Memorandum über die völker-
und menschenrechtliche Lage Ostdeutschlands" des
„Ostdeutschen Länderrats" bekannt. Hinter der zweiten Bezeichnung
verbirgt sich die rechtsextremistische Kleingruppe „Vereinigte
Länder des Deutschen Ostens" (VLDO) — Gruppe Stolle — mit Sitz in
Nienburg/Weser. Die Schrift wurde am 15. Dezember 1993 in
Briefkästen von Abgeordneten des Europaparlaments in
Straßburg aufgefunden.
Die VLDO-Gruppe Stolle ist eine 1981 gegründete Organisation,
die sich selbst als „Deutscher Nachkriegsteilstaat" betrachtet und
aus diesem Grund eine „Nationalversammlung des Deutschen
Ostens" (NDO), einen „Ostdeutschen Länderrat" und eine
„Staatsvertretung des Deutschen Ostens" gegründet hat.
Führender Funktionär der Nienburger VLDO ist Uwe Stolle (60). Der
„Präsident" der NDO, Adolf Bachmann (78), hatte sich, nach
eigenen Angaben im April 1990 und im Juni 1993, mit
sogenannten „Rechtsverwahrungen" an nationale und internationale
Institutionen (u. a. Bundespräsident, Deutscher Bundestag, Europarat
sowie die Botschaften Rußlands, der USA, Polens und die
Vereinten Nationen) gewandt, in denen er die Verträge der
Bundesrepublik Deutschland mit Polen vom November 1990, mit der
(damaligen) CSSR vom Februar 1992 sowie den „Zwei-plus-Vier-
Vertrag" vom September 1990 wegen angeblicher Verstöße
gegen „zwingende Normen des Völkerrechts" für „nichtig"
erklärte.
29. Welche Beziehungen bestehen nach Erkenntnis der
Bundesregierung zwischen der lettischen „LNNK Bewegung der nationalen
Unabhängigkeit" und bundesdeutschen Rechtsgruppen?
Bei der Wahl zum lettischen Parlament im Jahre 1993 wurde nach
Pressemeldungen der Deutsche Joachim Siegerist als Kandidat
der LNNK gewählt. Siegerist ist Vorsitzender der deutschen
Organisation „Die Deutschen Konservativen" (hinsichtlich deren sich
bisher keine Anhaltspunkte im Sinne des
Bundesverfassungsschutzgesetzes ergeben haben).
30. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über den
Konstanzer „Verein zur Förderung deutschsprachiger Medien in
Osteuropa" vor, der als Tarnung dienen soll für das Auftreten der
„Nationalen Offensive" in Litauen?
Der von dem deutschen Rechtsextremisten Torsten Paproth
gegründete „Verein zur Förderung der deutschsprachigen
Medien in Osteuropa" mit Sitz in Konstanz versuchte 1991/92 in
Oberschlesien einen deutschsprachigen Rundfunksender mit dem
Namen „Schlesien Radio" zu errichten. Er unterstützte auch die
Herausgabe einer deutschsprachigen Zeitschrift namens
„Schlesien Report".
Über Aktivitäten des Vereins in Litauen liegen den
Sicherheitsbehörden keine Erkenntnisse vor.
31. Wie beurteilt die Bundesregierung den Sachverhalt, daß die NPD
-
Parteizeitung „Deutsche Stimme" in Litauen gedruckt wird?
Nach Erkenntnis der Sicherheitsbehörden wird diese Schrift nicht
mehr in Litauen, sondern in Deutschland gedruckt.
32. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung darüber, ob die
Zeitschrift „Europa vorn" in Kiew im Verlag der „Pamjat" gedruckt
wird?
Keine.
33. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung darüber, ob in Kiew
ein Treffen zwischen Franz Schönhuber und Petro Rosumny, dem
Vizechef der rechtsextremen „Ukrainischen Republikanischen
Partei", stattgefunden hat?
Die Sicherheitsbehörden können entsprechende
Pressemeldungen nicht bestätigen.
34. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die seit
Mitte 1991 aktive „Ukrainische Nationalistische Union" vor, die
nach den Worten eines ihrer Repräsentanten, V. Melnik, sich
Organisationen wie den Ku-Klux-Klan zum Vorbild nimmt, und welche
Kontakte zu deutschen Rechtsextremisten sind bekannt?
Die „Ukrainische Nationalistische Union" (UNS) ist eine von
mehreren rechtsextremistischen Bewegungen in der Ukraine.
Erkenntnisse über Kontakte der UNS zu deutschen
Rechtsextremisten liegen nicht vor.
35. Welche genauen Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die
Verbindungen ungarischer Skinheads mit deutschen Skinheads,
die Dr. Wolfgang Steinke, Abteilungsleiter im BKA Wiesbaden, in
seinem Artikel in „Kriminalistik" 8-9/93 bereits andeutet, und sind
diese Beziehungen von der Intensität her vergleichbar mit denen
zwischen österreichischen und ungarischen Skinhead-Gruppen?
Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden gibt es
Anhaltspunkte für Verbindungen zwischen deutschen und ungarischen
Skinheads. Die Bundesregierung kennt allerdings nicht die
Intensität der Verbindungen zwischen österreichischen und
ungarischen Skinhead-Gruppen.
36. Welche Informationen liegen der Bundesregierung über die
Gruppe um Istvan Csurka nach deren Ausschluß aus der
Regierungspartei „Ungarisches Demokratisches Forum" mit ihrer
Stiftung „Ungarischer Weg" und der Parteineugründung „Ungarische
Wahrheit" vor, und welche Kontakte bestehen zu deutschen
Rechtsextremisten?
Die Sicherheitsbehörden haben keine Erkenntnisse über
Kontakte deutscher Rechtsextremisten zu den in der Frage genannten
Organisationen oder zu Istvan Csurka selbst.
Csurka wurde nach Kenntnis der Bundesregierung am 22. Juni
1993 wegen nationalistischer Ansichten aus dem „Ungarischen
Demokratischen Forum" (UDF) ausgeschlossen. Mit 29 anderen
Parlamentariern gründete er daraufhin die Partei „Ungarische
Wahrheit". Seit dem Nationalkongreß der Partei am 6. November
1993 ist er neben Lajos Horvath Parteivorsitzender
(siebenköpfiges Präsidium). Die „Ungarische Wahrheit" versteht sich als
„gemäßigt rechte und christliche Volkspartei".
37. Welche Kontakte bestehen nach Erkenntnis der Bundesregierung
zwischen deutschen Rechtsextremisten und der Budapester „Welt
-
Nationalpartei für die Herrschaft des Volkes"?
Über solche Kontakte liegen den Sicherheitsbehörden
tatsächliche Anhaltspunkte vor, die sich im einzelnen nicht für eine
öffentliche Darlegung eignen.
38. Hat nach Erkenntnis der Bundesregierung die rumänische „Partei
der Nationalen Rechten", deren Satzung sich ausführlich auf das
„Zigeunerproblem" bezieht, neben Kontakten zur französischen
„Front National" und dem italienischen MSI auch Verbindung nach
Deutschland?
39. Bestehen nach Erkenntnis der Bundesregierung Verbindungen von
deutschen Rechtsextremisten zu Iosif Constantin Dragan, dem
Ehrenvorsitzenden der Massenorganisation „Vatra Romaneasca"
(Rumänische Heimstätte), der u. a. die Zeitschrift „Natiunea" (Die
Nation), die Temeswarer Tageszeitung „Renasterea Banateana"
(Banater Wiedergeburt) finanziert und 1991 das Buch „Antonescu,
der Marschall Rumäniens und die Vereinigungskriege"
herausgegeben hat und der vom Bukarester Oberrabbiner als
„Drahtzieher des neuen Antisemitismus" bezeichnet wird, und welche
Informationen besitzt die Bundesregierung darüber, ob losif
Constantin Dragan auch an dem Medienkonzern „Europa-Nova"
beteiligt ist?
Dazu liegen der Bundesregierung keine Erkenntnisse vor.
40. Welche Informationen hat die Bundesregierung darüber, welche
Unterstützung die „Bewegung für Rumänien" des ehemaligen
Studentenführers Ma rian Munteanu von deutschen Rechtsextremisten
erhält, die an die zu Ende der 20er Jahre gegründete „Legion
Erzengel Michael" erinnern soll?
41. Wird nach Erkenntnis der Bundesregierung die Zeitung „Baricada"
(Barrikade), in der u. a. der Altlegionär C. Dumitrescu-Zapada zu
Wort kommt, von deutschen Geldgebern unterstützt?
42. Sind nach Erkenntnis der Bundesregierung rumänische Schriften,
die den Diktator Antonescu verherrlichen, in deutscher
Übersetzung in der Bundesrepublik Deutschland erhältlich?
Den Sicherheitsbehörden liegen darüber keine Erkenntnisse vor.
43. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über Aktivitäten
deutscher Rechtsextremisten in den verschiedenen Regionen des
ehemaligen Jugoslawien vor?
44. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die
Anwerbung von Söldnern in deutschen rechtsextremistischen Kreisen für
den Krieg in Bosnien und anderen Regionen des ehemaligen
Jugoslawien vor?
Nach Erkenntnis der Sicherheitsbehörden haben seit Beginn des
Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien einzelne deutsche
Rechtsextremisten zeitweilig als Freiwillige auf kroatischer und
bosnischer Seite gegen die Serben gekämpft. Dabei hat es sich vor
allem um Neonazis gehandelt.
Den zuständigen Sicherheitsbehörden liegen tatsächliche
Anhaltspunkte für das Anwerben von deutschen Rechtsextremisten
für einen fremden Wehrdienst (vgl. § 109h StGB) im ehemaligen
Jugoslawien vor.
Gegen drei ehemalige aktive Mitglieder der 1992 von der
Bundesregierung verbotenen neonazistischen „Nationalen Offensive"
(NO) führte dies am 30. Juni 1993 zu einer Anklageerhebung
beim Landgericht Dortmund.
Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.]