Von einer Zersplitterung könnte man nur dann sprechen, wenn die beiden Funktionen Forschungsförderung und „Verbreitung des Friedensgedankens" zusammengehörten. Dies ist nach Auffassung sowohl des Wissenschaftsrates als auch der Bundesregierung nicht der Fall. In der Antwort auf die Kleine Anfrage betr. Friedens- und Konfliktforschung (Drucksache 9/2301) hat die Bundesregierung hierzu bereits ausgeführt:
„Die Bundesregierung ist der Auffassung, daß Forschungseinrichtungen in erster Linie durch hervorragende Forschung und durch entsprechende Veröffentlichung der Ergebnisse dazu beitragen sollen, daß den in den Bildungseinrichtungen tätigen Lehrern und Dozenten Informationen und Materialien für ihre Arbeit zur Verfügung stehen. Dies ist der entscheidende Beitrag, den die Friedens- und Konfliktforschung zu der unverzichtbaren Vermittlung des Friedensgedankens leisten kann und leisten soll. Die Bundesregierung hält es jedoch nicht für ratsam, Forschungseinrichtungen – losgelöst von ihrer wissenschaftlichen Aufgabe und Kompetenz – den Auftrag einer allgemeinen Verbreitung des Friedensgedankens unmittelbar zuzuweisen."
Die Bundesregierung sieht daher keine Beeinträchtigung der friedenspolitischen Bildungsarbeit durch einen Übergang der Forschungsförderung auf die DFG.
Im übrigen erinnert die Bundesregierung daran, daß friedenspolitische Bildungsarbeit im weitesten Sinne, also die Erziehung und Bildung zu der individuellen Fähigkeit und Neigung, Frieden zu wahren und zu fördern und Konflikte gewaltfrei auszutragen, zwar universelle Aufgabe aller erzieherisch Tätigen ist; im engeren Sinne aber, also als bildungspolitisches Ziel staatlicher Erziehung und Bildung, fällt sie in die Kompetenz der Träger der staatlichen Bildungseinrichtungen.
Von einem „rapiden Anschwellen der Friedensbewegung" im Zusammenhang mit einer „eklatanten Vernachlässigung friedenspolitischer Bildungsarbeit" kann nach Auffassung der Bundesregierung nicht gesprochen werden. Die Bundesregierung hält allerdings eine Intensivierung der friedenspolitischen Bildungsarbeit, insbesondere im Hinblick auf die Vermittlung von Tatsachenwissen über die Grundlagen der Außen-, Sicherheits- und Friedenspolitik der Bundesrepublik Deutschland für dringend erforderlich. Sie ist daher der Meinung, daß auch in den Schulen über — die historischen, politischen, strategischen und nicht zuletzt wertbezogenen Bedingungen, Voraussetzungen und Ziele der Friedens- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland sowie über — den Verfassungsauftrag der Bundeswehr angemessen informiert werden muß.
Auf diese Weise soll auch der Legendenbildung und den Mißverständnissen über die sicherheitspolitische und moralische Fundierung unserer Verteidigungsbereitschaft entgegengewirkt werden: „Wir wollen keine Wehrerziehung, aber wir brauchen eine realistische Darstellung der Notwendigkeit unserer Sicherheitspolitik und unserer Verteidigungsbereitschaft auch in unseren Schulen."*) Die Bundesregierung bedauert es daher, daß sich die Kultusminister der Länder auf eine entsprechende Behandlung dieser Thematik in den Schulen bisher nicht haben einigen können.
Der sicherheitspolitische Dialog ist im Hinblick auf unsere Lage an der Nahtstelle zwischen Ost und West notwendig. Angesichts der anstehenden sicherheitspolitischen Entscheidungen ist er derzeit von besonderer Aktualität. Er braucht in einer lebendigen Demokratie, in der eine Vielzahl von Institutionen von den Kirchen über die Gewerkschaften, die Träger der politischen Erwachsenenbildung bis hin zu den politischen Parteien Diskussionsmöglichkeiten und -foren hierzu anbieten, keine Institutionalisierung nach dem Muster des Bürgerdialogs Kernenergie.
Was dieser Dialog allerdings braucht, ist unzweideutiges staatliches Engagement dort, wo es darum geht, unbewältigter Furcht wieder mit Realitätssinn zu begegnen und Mißverständnissen, Mißdeutungen und irreführenden Argumenten mit fundierter Argumentation entgegenzutreten. Nicht zuletzt geht es auch darum, jeder Intoleranz in der öffentlichen Argumentation entgegenzuwirken: durch die eigene Bereitschaft zuzuhören und durch geduldige Darlegung des eigenen Standpunkts. Die Bundesregierung ist bereit und entschlossen, hierzu auch weiterhin ihren Beitrag zu leisten.
s) Bundeskanzler Dr. Kohl in der Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag am 4. Mai 1983.