Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
10. Wahlperiode
Drucksache 10/836
22.12.83
Sachgebiet 221
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Lenzer, Gerstein, Dr. Bugl, Boroffka,
Carstensen (Nordstrand), Engelsberger, Keller, Maaß, Frau Dr. Neumeister,
Schneider (Idar-Oberstein), Seesing, Dr. Warrikoff, Dr. Blank, Feliner, Haungs,
Dr.-Ing. Kansy, Landré, Dr. Laufs, Dr. Lippold, Dr. Freiherr Spies von Büllesheim,
Dr. Stavenhagen, Dr.-Ing. Laermann, Kohn, Hoffie, Eimer (Fürth), Dr. Haussmann,
Dr. Weng und der Fraktionen der CDU/CSU und FDP
— Drucksache 10/692 —
Aktueller Stand der Großprojekte der Grundlagenforschung
Der Bundesminister für Forschung und Technologie hat mit
Schreiben vom 21. Dezember 1983 namens der Bundesregierung
die Kleine Anfrage wie folgt beantwortet:
1. Welchen Stand hat in der Grundlagenforschung die Verwirklichung
der Empfehlungen des Gutachterausschusses „Großprojekte in der
Grundlagenforschung" vom Februar 1981 erreicht?
Die bisherigen und künftigen Entscheidungen zum Bau der vom
BMFT-Gutachterausschuß „Großprojekte in der
Grundlagenforschung" positiv bewerteten Forschungsanlagen orientieren sich
an den Projektvorarbeiten und an den in der Finanzplanung
verfügbaren Mitteln. Im einzelnen haben die Projekte folgenden
Stand erreicht:
a) Der Speicherring LEP des Europäischen
Kernforschungszentrums CERN (Genf) ist 1981 genehmigt worden. Der
Grundstein wurde am 13. September 1983 gelegt.
b) Für das Forschungsschiff (Nachfolge METEOR) läuft die
Ausschreibung. Ende der Ausschreibungsfrist ist der 15. Ap ril 1984.
c) Für den Ausbau des Forschungsreaktors BER II beim Hahn
-Meitner-Institut Berlin (HMI) läuft das atomrechtliche Geneh
migungsverfahren. Mit dem Abschluß wird für Ende 1984
gerechnet. Anfang Dezember 1983 haben die
Zuwendungsgeber (BMFT und Wiss. Senator) der Projektdurchführung
zugestimmt.
d) Für den Speicherring HERA des Deutschen Elektronen-
Synchrotrons (DESY) in Hamburg sind die erforderlichen Mittel in
den Haushalt 1984 und den Finanzplan eingestellt, um den
Baubeginn 1984 zu ermöglichen. Vor der endgültigen
Entscheidung des BMFT müssen insbesondere die Verhandlungen
mit der Freien und Hansestadt Hamburg über die gemeinsame
Finanzierung abgeschlossen und die Beteiligung ausländischer
Gruppen geklärt sein.
e) Für das Schwerionensynchrotron SIS der Gesellschaft für
Schwerionenforschung (GSI) in Darmstadt muß gemeinsam mit
dem neuen wissenschaftlich-technischen Geschäftsführer
(Amtsübernahme voraussichtlich zum 1. Januar 1984) das
endgültige Konzept festgelegt werden, das die Grundlagen für
eine Entscheidung durch das BMFT darstellen wird.
f) Bei der Spallationsneutronenquelle (SNQ) der
Kernforschungsanlage Jülich (KFA) laufen die Vorarbeiten für eine
Projektentscheidung. Bis Ende 1984 wird die KFA einen
entscheidungsreifen Vorschlag für die Verwirklichung der Anlage vorlegen.
g) Zu den kontinentalen Tiefbohrungen laufen wissenschaftliche
Voruntersuchungen, die im Rahmen eines Programms der
Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) durchgeführt
werden. Die technische Realisierbarkeit der Tiefbohrung wird von
Industrieunternehmen geprüft. Es wird erwartet, daß die DFG
bis Anfang 1984 einen detaillierten Projektvorschlag zur
Entscheidung vorlegt.
h) Die Europäische Synchrotronstrahlungsquelle (ESRF) wurde
vom genannten Gutachterausschuß als aus deutscher Sicht
nicht vordringlich bezeichnet. Das Baukonzept wird in euro
-
päischer Kooperation weiter verfolgt.
i) Für das supraleitende Zyklotron SuSe der Universitäten in .
München ist als Hochschulprojekt eine Förderung durch das
BMFT nicht vorgesehen.
2. Wie bewertet die Bundesregierung heute die einschlägigen
Empfehlungen des Gutachterausschusses, und auf welche
wissenschaftlichtechnischen Erkenntnisse stützt sie ihre Bewertung, und beabsichtigt
sie ggf. ein aktualisiertes Votum bis Ende 1983 vorzulegen?
Die Empfehlungen des Gutachterausschusses besitzen für die
Bundesregierung auch heute noch grundsätzlich Gültigkeit. Bei
den Projekten HERA, SNQ und ESRF hat es sich als notwendig
herausgestellt, einzelne Annahmen und Voraussetzungen im
Gutachten noch einmal zu erörtern. Diese Überprüfung ist eingeleitet
und wird in Kürze abgeschlossen sein.
3. Wie hoch beziffert die Bundesregierung die Kosten für Bau und
Betrieb der in den Empfehlungen genannten Projekte, und wie hoch .
ist der Personal- und Zeitaufwand für Bau und Betrieb zu
veranschlagen, und wie beurteilt sie die Möglichkeit, von ausländischen
Institutionen Sach-, Finanz- oder Personalbeiträge einzuwerben?
Die nachfolgend aufgeführten Kostenschätzungen haben je nach
dem Vorbereitungsstand der Projekte unterschiedlichen Verbind
-
lichkeitsgrad. Ferner ist zu beachten, daß zwischen den Projekt
kosten und dem entsprechenden Finanzierungsanteil des Bundes
unterschieden werden muß, da je nach Projekt in
unterschiedlicher Weise Bund, Länder und internationale Partner beteiligt
sein werden.
Die betroffenen Forschungseinrichtungen tragen mit
Eigenleistungen zur Durchführung der Projekte bei.
Für die einzelnen Projekte werden folgende Kosten angegeben:
a) LEP: Die Baukosten für LEP belaufen sich auf ca. 2 130 Mio. DM
(Preisstand 1983; Wechselkurs 100 Sfr/120 DM). Dieser Betrag
setzt sich zusammen aus Investitionskosten in Höhe von 1 220
Mio. DM sowie Kosten für ca. 6000 Mannjahre (ca. 510 Mio.
DM), für technische und administrative Hilfsdienste und
Vorbereitung und anteilige Finanzierung der Expe rimente in Höhe
von ca. 400 Mio. DM. Die Bauzeit beträgt sechs Jahre. Die
Betriebskosten 1 ) werden sich auf jährlich ca. 240 Mio. DM
belaufen; darin sind Mittel für 1 000 Personalstellen enthalten.
Bau- und Betriebskosten werden aus dem laufenden CERN
Budget finanziert, so daß vom BMFT über die vorhandene
Finanzplanung hinaus keine zusätzlichen Mittel in den
Haushalt eingestellt werden müssen. .
b) Forschungsschiff: Für das Schiff sind 99 Mio. DM veranschlagt
und im Haushalt des BMFT ab 1984 eingeplant. Das Schiff soll
als Forschungsprojekt von einer deutschen Werft gebaut und
erprobt abgeliefert werden. Die Bauzeit wird zwei Jahre
betragen. Die Betriebskosten 1 ) werden sich jährlich auf ca. 9 Mio.
DM belaufen, darin sind Mittel für 32 Mann Personal enthalten.
c) Ausbau BER II: Die Gesamtkosten sollen 112 Mio. DM
betragen. Der Bundesanteil in Höhe von 90 v. H. ist im Haushalt des
BMFT bis 1987 eingestellt. Zusätzlich werden vom HMI
150 Mannjahre geleistet. Die Bauzeit wird vier Jahre betragen.
Die Betriebskosten 1) werden sich jährlich auf ca. 7 Mio. DM
belaufen; darin sind Mittel für 35 Personalstellen enthalten.
d) HERA: Die Baukosten werden auf 987. Mio. DM geschätzt;
darin sind ca. 2000 Mannjahre enthalten, die vom DESY-
Personal geleistet werden. In den Kosten sind auch
Sachleistungen enthalten, die von ausländischen Instituten erbracht
werden. Deutsche Hochschulen und ausländische Institute
werden mit weiteren 1 000 Mannjahren zum Projekt beitragen.
Die Bauzeit soll sieben Jahre betragen. Die Betriebskosten 1)
werden sich auf jährlich ca. 50 Mio. DM belaufen, in denen
Mittel für 200 Personalstellen enthalten sind.
1) Die Betriebskosten enthalten Personalmittel, Energiekosten und Ersatzbeschaf
fungen.
e) SIS: Die Bau- und Betriebskosten können erst angegeben
werden, wenn die Konzeptauswahl getroffen worden ist.
f) SNQ: Vor Abschluß der Projektvorbereitungen können keine
belastbaren Bau- und Bet riebskosten angegeben werden.
g) Tiefbohrungen: Die Kosten für eine Bohrung belaufen sich
nach vorläufigen Schätzungen auf ca. 300 Mio. DM. Dies sind
die Kosten für das gesamte Bohrprogramm (Bohrung sowie
wissenschaftliche Nutzung, die z. T. zeitlich parallel erfolgt),
das sich über ca. zehn Jahre erstrecken wird.
h) ESRF: Die Baukosten belaufen sich nach grober Schätzung auf
340 Mio. DM (Preisstand 1983), falls nicht auf die vorhandene
Infrastruktur einer bestehenden Einrichtung zurückgegriffen
werden kann. Hierin sind ca. 1200 Mannjahre enthalten. Die
Bauzeit würde fünf Jahre betragen. Die Betriebskosten 1 ) nach
Fertigstellung würden sich nach grober Schätzung auf jährlich
40 Mio. DM belaufen, in denen Mittel für 300 Personalstellen
(Gesamtpersonal für eine neue Einrichtung) enthalten sind. Die
genauen Kosten werden abhängig vom Standort sein.
4. Wie beurteilt die Bundesregierung die Möglichkeit, die Großprojekte
der Grundlagenforschung im Rahmen einer europäischen
Zusammenarbeit bzw. in einem europäischen Forschungszentrum zu
realisieren?
In der Grundlagenforschung hat die internationale
Zusammenarbeit eine lange Tradition. Diese Zusammenarbeit umfaßt
verschiedenartige Aktivitäten, angefangen vom Austausch von
Gastwissenschaftlern bis hin zu international getragenen
Organisationen. Vor der Entscheidung über die Realisierung neuer
Großprojekte in der Grundlagenforschung wird sorgfältig geprüft, in
welcher Weise eine internationale Zusammenarbeit möglich ist. Von
den genannten Projekten wird LEP im internationalen
Forschungszentrum CERN bereits durchgeführt. Bei HERA wird mit
erheblichen Sach- und Personalleistungen aus mehreren Ländern
gerechnet. Bei der SNQ wird eine internationale Beteiligung an
der zweiten Stufe angestrebt.
Die ESRF ist von der Europäischen Science Foundation (ESF) als
internationales Projekt vorgeschlagen worden.
Die übrigen Projekte sind als national finanzierte Projekte
geplant, die jedoch auch der internationalen Nutzung offen
stehen. Die Bundesregierung ist bestrebt, eine möglichst
umfassende internationale Zusammenarbeit zu erreichen.
5. Welche Möglichkeiten sieht die Bundesregierung, die Privat
-
wirtschaft an Großprojekten der Grundlagenforschung zu
beteiligen?
Die Bundesregierung setzt sich dafür ein, ein hohes Maß an
Technologietransfer, z. B. zwischen Großforschungseinrichtungen
1 ) Die Betriebskosten enthalten Personalmittel, Energiekosten und
Ersatzbeschaffungen.
und der Wirtschaft, zu erreichen. Bei dem Bau von Großprojekten
spielen die Forschungseinrichtungen eine wichtige Rolle als
Auftraggeber technologischer Spitzenprodukte. Dabei kann den
beteiligten Unternehmen ein wichtiger technologischer
Vorsprung verschafft werden.
Bei allen hier diskutierten Großprojekten werden
Industrieunternehmen im erheblichen Umfang, z. T. als Generalunternehmer,
beteiligt werden.]