Volltext (unformatiert)
[Drucksache 10/1730
09.07.84
Sachgebiet 2129
Deutscher Bundestag
10. Wahlperiode
Anwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage des Abgeordneten Dr. Ehmke (Ettlingen) und
der Fraktion DIE GRÜNEN
— Drucksache 10/1630 —
Atomkraftwerke und Waldsterben
Der Bundesminister .des Innern — RS II 4 — 510 211/8 - hat mit
Schreiben vom 2. Juli 1984 die Kleine Anfrage namens der
Bundesregierung wie folgt beantwortet:
1. Welche Konsequenzen beabsichtigt die Bundesregierung aus
verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten zu ziehen, so z. B.
Veröffentlichungen der Internationalen Atomenergiebehörde Wien
(IAEA-SM-197/3, 197/28, 197/29) sowie von Prof. Reichelt in Natur
3/84, S. 10, wonach Atomkraftwerke u. a. starke
Kondensationskernbildung mit entsprechenden Klimafolgen verursachen, zu erhöhten
Schadwirkungen und sauren Depositionen durch den
Auswascheffekt von Kühltürmen beitragen und wonach eine Häufung von
Waldschäden in der Nähe von AKWs (Obrigheim, Frankreich)
beobachtet wurde?
Äußerungen über einen Zusammenhang zwischen radioaktiven
Emissionen aus kerntechnischen Anlagen und Waldschäden
entbehren nach heutigem Kenntnisstand jeder wissenschaftlichen
Grundlage. Sowohl direkte Strahlenwirkungen als auch
chemische Auswirkungen der radioaktiven Stoffe auf die Bäume sind
bei den gegebenen Konzentrationen ausgeschlossen. Die von
Professor Reichelt für Obrigheim angegebenen
„Schadensfahnen" haben einer Nachprüfung durch die zuständige
Forstbehörde nicht standgehalten. Die in den genannten
Veröffentlichungen der IAEA beschriebenen Effekte beziehen sich auf
höhere Schadstoffkonzentration und sind daher für die Situa tion
bei Kernkraftwerken nicht relevant. Die Möglichkeit der
Umwandlung konventioneller Schadstoffe in der Luft infolge der
Luftionisation durch kerntechnische Emissionen fällt im Vergleich
zu der aus natürlichen radioaktiven Stoffen nicht ins Gewicht.
Kernkraftwerke besitzen in der Regel Naturzug-Naßkühltürme.
Zu den möglichen klimatischen Auswirkungen einzelner
Naturzug-Naßkühltürme hat die Abwärmekommission in ihrem
zusammenfassenden Bericht 1983 Stellung genommen, der von der
Bundesregierung vorgestellt wurde. Danach ist die Abschattung
der Sonnenstrahlung durch den Kühlturmschwaden der
auffälligste Einfluß eines Kühlturms auf seine Umgebung. Die
Auswirkungen auf den Niederschlag am Standort sind dagegen als
unerheblich anzusehen. Abgesehen von seltenen Einzelfällen ist
nicht mit weiteren meteorologischen Kühlturmauswirkungen zu
rechnen, auch nicht mit erhöhtem Niederschlag. Die sich durch
im Kühlwasser enthaltene chemische Inhaltsstoffe ergebenden
Immissionskonzentrate verändern die ohnehin vorhandene
Immissionsbelastung nicht oder nur so unwesentlich, daß auch bei
Langzeitimmissionen auf kleiner Fläche keine Gefahren
erkennbar sind.
Der hohe Feuchtigkeitsgehalt der Kühlturmschwaden hat zur
Folge, daß Wasserdampf sich an den in der unteren Troposphäre
ohnehin vorhandenen Kondensationskernen anlagern und
verstärkte Deposition von Tröpfchen erfolgen kann. Daß hierbei auch
in erhöhtem Umfang saure Bestandteile der Atmosphäre mit
abgelagert werden, die ansonsten an anderer Stelle abgeschieden
würden, ist zwar denkbar, der Effekt wird aber in quantitativer
Hinsicht als wenig bedeutend eingeschätzt. Dabei ist zu
bedenken, daß das zur Kühlung verwendete Flußwasser in der Regel
nicht sauer, sondern schwach basisch ist und insbesondere bei
Kernkraftwerken nicht gleichzeitig saure Komponenten emittiert
werden.
2. Trifft es zu, daß in den 50er Jahren bei Beginn der Atomtechnologie
im Liter Wasser zwischen 1 und 10 pC Tritium festzustellen waren,
heute aber in der Nähe atomtechnischer Anlagen 600 pC und mehr
gefunden werden?
Trifft es zu, daß Untersuchungen des Kernforschungszentrums
Karlsruhe oder anderer Stellen überhöhte Tritiumwerte bei
landwirtschaftlichen Produkten aus der Umgebung von Atomkraftwerken
belegt haben, z. B. in Weinproben „Gemmrigheimer Felsengarten"
bei Neckarwestheim bis zu 790 pC; in Rotkohl bis zu 1680 pC
Tritium/kg?
Trifft es zu, daß Untersuchungen der Internationalen
Atomenergiebehörde in Wien folgende Plutoniumgehalte ergaben: in
Fichtennadeln des Schwarzwaldes 2,5 pC/kg, in Flechten und
Moosen bis zu 144 pC/kg, in Kiefernnadeln des Schwarzwaldes
2,3 pC/kg, in Kiefernnadeln aus der Umgebung des
Kernforschungszentrums Karlsruhe 61 pC/kg?
Wie bewertet die Bundesregierung diese Untersuchungsergebnisse?
Als Folge der in den 50er und 60er Jahren durchgeführten
oberirdischen Kernwaffenversuche ist weltweit der Tritiumgehalt im
Niederschlag — abgeschwächt auch in den Flüssen — auf mehrere
1 000 pCi/l — gegenüber der natürlichen
Gleichgewichtskonzentration von ca. 10 bis 20 pCi/l, wie sie bis etwa 1950 gemessen
wurde — angestiegen. So wurden im Rheineinzugsgebiet 1963 im
Niederschlag an Monatsproben Gehalte bis zu 15 000 pCi/l
gemessen, die in der gleichen Zeit an Wasserproben aus dem
Rhein auftretenden Gehalte lagen bei ca. 3 000 pCi/l.
Anfang der 70er Jahre lag die Tritiumkonzentration in deutschen
Flüssen bei max. 1 000 pCi/l. Sie ist seither aufgrund des
radioaktiven Zerfalls und der einsetzenden Verdünnung mit
Grundwasseranteilen ständig zurückgegangen und betrug 1983 in
deutschen Flüssen zwischen 100 und 430 pCi/l.
Gegenüber diesem durch Kernwaffenversuche verursachten
Anstieg des Tritiumgehaltes ist der insgesamt durch
kerntechnische Anlagen bedingte Anteil geringfügig.
Kerntechnische Anlagen geben zudem ihre radioaktiven
Abwässer intermittierend, d. h. innerhalb eines vergleichsweise kurzen
Zeitraumes (1 bis 2 Stunden/Ableitung) an den Vorfluter ab. Die
von Ihnen genannten Konzentrationswerte von 600 pCi/l und
mehr können als Folge von Ableitungsvorgängen bei
kerntechnischen Anlagen im Vorfluter nur kurzzeitig auftreten. Aufgrund
der entlang der Fließstrecke sich vollziehenden
Längsvermischung mit unbelasteten Flußabschnitten kommt es jedoch
schnell zu einer Konzentrationsabnahme.
Für den Jahrgang 1977 des „Gemmrigheimer Felsengarten"
wurden bei zwei Messungen Werte von 370 pCi/l und 790 pCi/l
festgestellt. Dieser Wertebereich ist für den 1977er Jahrgang
normal und auch bei anderen Weinen zu finden, die nicht aus der
Umgebung von Kernkraftwerken stammen.
Der von Ihnen genannte Wert für die Tritiumkonzentration des
Rotkohls im Jahre 1978 in Höhe von 1 680 pCi bezieht sich nur auf
Gewebewasser, das zu etwa 85 % zur Masse des Rotkohls
beiträgt. Der Wert ist leicht erhöht.
Die von Ihnen genannten Werte für den Plutoniumgehalt von
Fichtennadeln, Rechten, Moosen und Kiefernnadeln sind
zutreffend, stammen jedoch aus Berichten des Kernforschungszentrums
Karlsruhe. Die Plutoniumgehalte sind in allem biologischen
Material zu finden und auf Kernwaffenversuche zurückzuführen. Die
Anreicherung in Moosen und Rechten findet sich daher auch in
kernkraftwerksfernen Gebieten des Schwarzwaldes.
Der Wert von 61 pCi/kg Trockensubstanz für Kiefernnadeln aus
der Umgebung des Kernforschungszentrums Karlsruhe ist ein
Einzelwert aus Messungen von über neun Jahren (1969 bis 1978)
und im Vergleich zum Mittelwert von 6 pCi/kg nicht
überzubewerten.
Angesichts der Tatsache, daß die genannten
Untersuchungsergebnisse ganz überwiegend auf Kernwaffenfallout
zurückzuführen sind und nur zu geringen Strahlenbelastungen des
Menschen führen, sieht sich die Bundesregierung in ihrer
konsequenten Politik der Reduzierung radioaktiver Emissionen bestätigt.
3. Welche anderen Untersuchungs- und Forschungsergebnisse liegen
der Bundesregierung sowie den obersten Strahlenschutzbehörden
und obersten Forstbehörden der L ander vor, die die hier ge troffenen
Annahmen bestätigen oder widerlegen?
Um die These eines Zusammenhangs zwischen dem derzeitigen
Waldsterben und den radioaktiven Ableitungen aus
Kernkraftwerken zu prüfen, wurde im Auftrag des Bundesministers des
Innern eine gezielte Literaturrecherche durchgeführt. Diese hat
ergeben, daß die Behauptung, radioaktive Ableitungen aus Ke rn
-kraftwerken trügen zum Waldsterben bei, nicht haltbar ist. Die
von Professor Reichelt, Dr. Seelig und Jäckel vertretene These
eines Zusammenhangs zwischen Kernenergie und Waldsterben
wird durch Untersuchungen des Kernforschungszentrums
Karlsruhe und der Eidgenössischen Kommission zur Überwachung der
Radioaktivität widerlegt. Nach Mitteilung der obersten
Landesbehörden sind lediglich in Baden-Württemberg
Untersuchungsaufträge zur Prüfung eines eventuellen Zusammenhangs
zwischen Kernenergie und Waldsterben erteilt worden. Ergebnisse
liegen bisher noch nicht vor.
4. In welcher Form wird die Bundesregierung den erkennbaren
Forschungsbedarf zur Aufklärung eines möglichen Zusammenhangs
zwischen den Emissionen von atomtechnischen Anlagen und der
Schädigung der Waldbäume abdecken?
Im Hinblick auf einen Zusammenhang zwischen Waldsterben und
Kernenergie ist für die Bundesregierung kein weiterer
Forschungsbedarf erkennbar. Unabhängig davon werden
Untersuchungen über allgemeine ökologische Zusammenhänge im
Sinne der Grundlagenforschung für sinnvoll gehalten und
fortgeführt.]