Atomkraftwerke und Waldsterben
des Abgeordneten Dr. Ehmke (Ettlingen) und der Fraktion DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
In der Öffentlichkeit sind Vermutungen laut geworden, wonach der Betrieb atomtechnischer Anlagen das gegenwärtige Waldsterben mitverursacht. Dabei wird u. a. angenommen, daß die von Atomkraftwerken emittierten Schadstoffe und Isotope (Tritium, radioaktiver Kohlenstoff C 14, Krypton 85, Plutonium u. a.) lebende Organismen (besonders Waldbäume) entweder direkt schädigen oder durch vielfältige Wirkungsmechanismen (Kondensationskernbildung, erhöhte Ozonbildung, Erhöhung der Schadwirkung von Schwefel- und Stickoxiden) zu einer indirekten, aber wesentlichen Beeinträchtigung führen. Sollten sich diese Annahmen bestätigen, wären drastische Maßnahmen gegen bisherige und zukünftige Emissionen aus atomtechnischen Anlagen geboten. Der Forschungsstand auf diesem Gebiet muß als unzureichend betrachtet werden.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen4
Welche Konsequenzen beabsichtigt die Bundesregierung aus verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten zu ziehen, so z. B. Veröffentlichungen der Internationalen Atomenergiebehörde Wien (IAEA-SM-197/3, 197/28, 197/29) sowie von Prof. Reichelt in Natur 3/84, S. 10, wonach Atomkraftwerke u. a. starke Kondensationskernbildung mit entsprechenden Klimafolgen verursachen, zu erhöhten Schadwirkungen und sauren Depositionen durch den Auswascheffekt von Kühltürmen beitragen und wonach eine Häufung von Waldschäden in der Nähe von AKWs (Obrigheim, Frankreich) beobachtet wurde?
Trifft es zu, daß in den 50er Jahren bei Beginn der Atomtechnologie im Liter Wasser zwischen 1 und 10 pC Tritium festzustellen waren, heute aber in der Nähe atomtechnischer Anlagen 600 pC und mehr gefunden werden?
Trifft es zu, daß Untersuchungen des Kernforschungszentrums Karlsruhe oder anderer Stellen überhöhte Tritiumwerte bei landwirtschaftlichen Produkten aus der Umgebung von Atomkraftwerken belegt haben, z. B. in Weinproben „Gemmrigheimer Felsengarten" bei Neckarwestheim bis zu 790 pC; in Rotkohl bis zu 1680 pC Tritium/kg?
Trifft es zu, daß Untersuchungen der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien folgende Plutoniumgehalte ergaben: in Fichtennadeln des Schwarzwaldes 2,5 pC/kg, in Rechten und Moosen bis zu 144 pC/kg, in Kiefernnadeln des Schwarzwaldes 2,3 pC/kg, in Kiefernnadeln aus der Umgebung des Kernforschungszentrums Karlsruhe 61 pC/kg?
Wie bewertet die Bundesregierung diese Untersuchungsergebnisse?
Welche anderen Untersuchungs- und Forschungsergebnisse liegen der Bundesregierung sowie den obersten Strahlenschutzbehörden und obersten Forstbehörden der Länder vor, die die hier getroffenen Annahmen bestätigen oder widerlegen?
In welcher Form wird die Bundesregierung den erkennbaren Forschungsbedarf zur Aufklärung eines möglichen Zusammenhangs zwischen den Emissionen von atomtechnischen Anlagen und der Schädigung der Waldbäume abdecken?