Um Beantwortung der Frage sind alle Innenressorts der Länder gebeten worden. Die Antworten werden nachstehend mitgeteilt.
Voranzustellen ist die Bemerkung, daß der Aussagewert der mitgeteilten Zahlen erheblich dadurch beeinträchtigt wird, daß — sie weitgehend auf Schätzungen beruhen, — Personen in einem nicht feststellbaren Umfange mehrfach erfaßt worden sind, insbesondere bei Anschlußdemonstrationen, — die Teilnehmer an Hausbesetzungen verschiedenster Art zusammengefaßt worden sind (Dauer der Besetzung; Zweck der Besetzungen, z. B. zur Nutzung als Wohnraum oder zu Demonstrationszwecken; Verlauf der Besetzungen; Strafantrag des Hausbesitzers; Legalisierung durch Abschluß von Mietverträgen), — eine Subsumierung unter den Begriff Anschlußdemonstration schwierig ist, weil nicht immer klar erkennbar, in welchem Umfange die Demonstrationen allgemeine Sympathiekundgebungen für Hausbesetzer, Demonstration gegen Wohnungsnot, Unterstützung einer bestimmten Hausbesetzung, Demonstration gegen Reaktionsformen z. B. der Gemeinden, der Hauseigentümer, der Justiz oder der Sicherheitsbehörden sind.
Baden-Württemberg (30. März 1981)
Im Jahre 1980 wurden in Baden-Württemberg insgesamt — 27 Objektbesetzungen und — 13 Kirchenbesetzungen gemeldet. Darüber hinaus wurde bekannt, daß für fünf Objekte (Gebäude und Kirchen) Besetzungen geplant bzw. versucht wurden. Im Jahre 1981 wurden bis einschließlich 25. März 1981 bisher 21 Objektbesetzungen und eine Kirchenbesetzung gemeldet, von denen drei Hausbesetzungen derzeit noch andauern.
Die Zahl der Besetzungen hat sich in Baden-Württemberg 1980 gegenüber dem Jahr 1979 verzehnfacht.
Die Themenbereiche zu diesen Besetzungen waren „Wohnungsnot", „Erhaltung billigen Wohnraums", „Alternative Wohnformen" und „Jugendzentren in Selbstverwaltung".
Die im Jahre 1980 durchgeführten Kirchenbesetzungen standen im Zusammenhang mit der Räumung der Bohrstelle GO 1004 in Gorleben am 4. Juni 1980. Im Jahre 1981 wurden bisher keine Kirchenbesetzungen durchgeführt. Zu den Besetzungen ist anzumerken, daß diese von unterschiedlicher Dauer waren und somit die „Qualität" der Besetzungen differenziert betrachtet werden muß. Die Besetzungen dauerten von wenigen Stunden bis zu mehreren Monaten (Stuttgart, Freiburg). Zu einem geringen Teil dauern Besetzungen aus 1980 derzeit noch an. Ein weiterer – ebenfalls geringer – Teil wurde nach der Besetzung legalisiert.
Die Begleit- und Anschlußaktionen zu Besetzungen umfassen den gesamten Bereich der Aktions- und Agitationsmöglichkeiten, die in derartigen Bezügen bekannt geworden sind z. B. Plakat- und Flugblattaktionen, Sachbeschädigungen (Farbschmierereien, Einwerfen von Fensterscheiben), Betreiben sogenannter illegaler Sender bis hin zu Brandanschlägen. Sympathie- und Anschlußdemonstrationen, die häufig unangemeldet waren, stellen dabei eine besonders wirksame Aktionsmöglichkeit dar.
1980 wurden in fünf Städten Baden-Württembergs derartige Demonstrationen durchgeführt. Ihre Zahl betrug 19, wovon auf Freiburg allein 14 Demonstrationen entfallen. Die Freiburger Demonstrationen standen ausschließlich im Zusammenhang mit der Räumung des „Dreisamecks" und dem „Schwarzwaldhof".
An Hausbesetzungen haben sich 1980 in Baden-Württemberg insgesamt 377 Personen beteiligt.
Bei Demonstationen beträgt die – geschätzte – Zahl der Teilnehmer im Jahre 1980 ca. 31 000 Personen.
Die größten Demonstrationen mit Teilnehmerzahlen zwischen 3 000 und 10 000 Personen (fünf Demonstrationen) wurden in Freiburg festgestellt. In Baden-Württemberg wurden 1981 bis 25. März 1981 insgesamt 41 Demonstrationen (einschließlich Kundgebungen) durchgeführt. Davon fanden am 13. März 1981 (bundesweiter Aktionstag der „Hausbesetzer" unter dem Motto „Freitag, der 13. beschäftigt die Polizei") allein 15 Demonstrationen statt.
An den Hausbesetzungen haben sich ca. 635 Personen, die Zahlen konnten z. T. nur geschätzt werden, an den Demonstrationen ca. 54 000 Personen beteiligt.'
Bayern (3. April 1981)
Im Jahre 1980 wurden in Bayern 13 Objekte, überwiegend leerstehende Wohnhäuser besetzt. Dabei waren ausschließlich die großstädtischen Verdichtungsräume — München (acht Besetzungen), — Nürnberg (drei Besetzungen), — Augsburg (eine Besetzung) und — Bayreuth (eine Besetzung) betroffen.
Die Besetzungsaktionen wurden von ca. 800 Personen getragen.
In unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang wurden sieben Anschlußdemonstrationen in München, Augsburg und Nürnberg durchgeführt, an denen ca. 900 Personen (überwiegend Sympathisanten aus dem lokalen/regionalen Bereich) teilnahmen.
Vom 1. Januar bis 25. März 1981 wurden in Bayern 16 (überwiegend Wohnobjekte) von ca. 550 Personen besetzt. Auch hier zeigt sich ein Brennpunkt in München sowie im Großraum Nürnberg-Fürth-Erlangen. Im Zusammenhang mit diesen Besetzungen läßt sich eine quantitative (23) – mit ca. 4 500 Demonstrationsteilnehmern – wie qualitative Steigerung (militante Aktionen gegen Personen und Sachen, Schmierereien, Einwerfen von Fensterscheiben u. ä.) der sog. Anschlußdemonstrationen feststellen."
Berlin (31. März 1981)
Der Senat von Berlin hat es bisher vermieden, öffentlich seinen Erkenntnisstand über Hausbesetzer und sie unterstützende Gruppierungen detailliert darzulegen. Diesbezügliche Angaben erfolgten nur im zuständigen Auschuß für Sicherheit und Ordnung des Abgeordnetenhauses von Berlin. Auch zwei Anfragen von Fraktionen des Abgeordnetenhauses sind abschlägig beantwortet worden. Es ist nicht beabsichsichtigt, von dieser Linie abzuweichen, da vermieden werden soll, Hausbesetzern und den sie unterstützenden Gruppen den Erkenntnisstand der Sicherheitsbehörden bekanntzumachen. Der Beg riff der Anschlußdemonstrationen ist vieldeutig und bedarf genauerer Bestimmung. Wenn durch ihn das gesamte Sympathisantenpotential der Hausbesetzer bestimmt werden soll, sind andere Maßstäbe anzulegen als bei bloßen Anschlußaktionen von Hausbesetzern und ihren Unterstutzern gegenüber polizeilichen Maßnahmen.
In Berlin (West) haben am 20. Dezember 1980 und am 7. Februar 1981 Großdemonstrationen zur Unterstützung von Forderungen von Hausbesetzern stattgefunden, an denen sich jeweils ca. 10 000 Personen beteiligten.
Im Anschluß an polizeiliche Maßnahmen (z. B. Verhinderung von Besetzungen, Räumung von besetzten Häusern) beteiligten sich in der Regel ca. 150 bis 400 Personen."
Bremen (30. März 1981)
An Hausbesetzungen nahmen in den Jahren 1980 und 1981 ca. 140 Personen teil, hierin sind auch Hausbesetzungen enthalten, die schon vor dem 1. Januar 1980 begannen, jedoch bis in den Berichtszeitraum hinein andauerten bzw. andauern. An Anschlußdemonstrationen in den Jahren 1980 und 1981 haben ca. 250 Personen teilgenommen."
Hamburg (27. März 1981)
In Hamburg haben in den Jahren 1980 und 1981 an Hausbesetzungen und Anschlußdemonstrationen insgesamt 582 Personen teilgenommen, davon 32 Personen, die polizeilich als Hausbesetzer festgestellt worden sind."
Hessen (8. April 1981)
Hausbesetzer 1980 rund 710, Hausbesetzer 1981 rund 400, Anschlußdemonstranten 1980 rund 3 250, Anschlußdemonstranten 1981 rund 14 000."
Niedersachsen (30. März 1981)
Seit Januar 1980 haben insgesamt ca. 1 340 Personen an Hausbesetzungen teilgenommen. Diese Zahl ist jedoch mit Vorbehalt zu sehen, da sich die Zahl der Personen, die mehrfach an Hausbesetzungen beteiligt waren, nicht feststellen läßt.
An Demonstrationen (neun) aus Anlaß von Hausbesetzungen haben seit Februar 1981 ca. 2 800 Personen teilgenommen."
Nordrhein-Westfalen (30. März 1981)
Ca. 3 600 Personen beteiligten sich an Hausbesetzungen und ca. 13 250 Personen an Anschlußdemonstrationen. Aufgeschlüsselt auf die Jahre 1980 und 1981 ergeben sich folgende Zahlen: 1980: Hausbesetzungen: 65 Anzahl der Hausbesetzer: ca. 2 000 Anschlußdemonstrationen: 29 Anzahl der Demonstranten: ca. 6 650 1981: Hausbesetzungen: 28 Anzahl der Hausbesetzer: 1 600 Anschlußdemonstrationen: 26 Anzahl der Demonstranten: ca. 6 600."
Rheinland-Pfalz (2. April 1981)
In Rheinland-Pfalz waren im Berichtszeitraum drei Hausbesetzungen bzw. Anschlußdemonstrationen zu verzeichnen, an denen insgesamt rund 400 Personen teilgenommen haben."
Saarland (1. April 1981)
Im Saarland sind Hausbesetzungen mit wohnungspolitischem Hintergrund bisher nicht erfolgt. Am 13. März 1981 haben in Saarbrücken (ca. 200 Teilnehmer) und Saarlouis (ca. 50 bis 60 Teilnehmer) Demonstrationen als Solidaritätsbekundungen mit Hausbesetzern außerhalb des Saarlandes stattgefunden."
Schleswig-Holstein (27. März 1981)
In Schleswig-Holstein wurden seit Dezember 1980 Gebäudebesetzungen festgestellt, von denen vier noch andauern. In keinem dieser Fälle wurde ein Strafantrag wegen Hausfriedensbruch gestellt. Nur in einem Fall wurden polizeiliche Ermittlungen in Zusammenhang mit Einbruchs-und Pkw-Diebstählen durchgeführt und dabei die Personalien von 22 Personen festgestellt. 215 Personen haben seit Dezember 1980 an Gebäudebesetzungen teilgenommen. Ca. 1 180 Personen haben an Demonstrationen im Zusammenhang mit Gebäudebesetzungen teilgenommen."