In seiner Entschließung vom 9. Juni 1980 (Drucksache 8/4154) zum „Bericht der Bundesregierung über die Lage der freien Berufe" (Drucksache 8/3139) bejaht der Deutsche Bundestag „die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der freien Berufe im demokratischen und sozialen Rechtsstaat. Die freien Berufe erbringen unentbehrliche Dienstleistungen für den einzelnen Bürger und die Volkswirtschaft. Sie tragen so wesentlich zur Erhaltung und Sicherung des Freiheitraumes und damit auch zur Lebensqualität des einzelnen bei. Eine Vielzahl unabhängig freiberuflich Tätiger ist ein wesentlicher Faktor im Wirtschafts- und Arbeitsleben unseres Landes. Die Sicherung bestehender sowie die Förderung neuer selbständiger freiberuflicher Existenzen liegt daher im gesamtwirtschaftlichen Interesse."
Für die Bundesregierung ist diese Feststellung unverändert aktuell. So sind die freien Berufe unverzichtbar in der arbeitsteiligen Wirtschaft und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Berufliche Selbständigkeit, Leistungsbereitschaft sowie ein hohes Maß an Eigenverantwortung, Risikobereitschaft und Kreativität zeichnen die freiberufliche Tätigkeit aus. In einer Zeit großer wirtschaftlicher Probleme kommen den Angehörigen der freien Berufe als wichtigem Teil des selbständigen Mittelstandes aufgrund ihrer besonderen Fähigkeit, sich gewandelten technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen und Herausforderungen anzupassen, entscheidende Aufgaben zu.
Für die Wiedergewinnung von wirtschaftlichem Wachstum und für die Sicherung und Schaffung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen spielen mittelständische Wirtschaft und freie Berufe eine wichtige Rolle. Eine konsequent marktwirtschaftlich orientierte Wirtschaftspolitik, die für günstige und verläßliche wirtschafts- und gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen sorgt, die Vertrauen begründet und die Eigenverantwortung stärkt, schafft gleichzeitig die besten Voraussetzungen für einen leistungsfähigen gewerblichen und freiberuflichen Mittelstand. Die Bundesregierung hat in diesem Sinne bereits für 1983 wirksame Maßnahmen zur Wiederbelebung der Wirtschaft und Beschäftigung ergriffen.
Neben der Verbesserung der allgemeinen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen sieht die Bundesregierung in der gezielten Ermutigung von Existenzgründungen sowie in einer Steigerung der Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstandes weitere Schwerpunkte ihrer Politik. Für freiberufliche Existenzgründer stellt der Bund das bewährte Instrument „Bürgschaften für Kredite von Kreditinstituten an Angehörige freier Berufe" sowie ergänzend das mehrfach verbesserte „Eigenkapitalhilfe-Programm" zur Verfügung. Daneben werden Informations- und Schulungsveranstaltungen für die Existenzgründung und den Existenzaufbau freiberuflich Tätiger durch Bundeszuschüsse gefördert. Dabei sollen Berufsorganisationen von freien Berufen in die mittelstandspolitische Aufgabe, leistungsfähige selbständige Existenzen im freiberuflichen Mittelstand zu schaffen und zu sichern, einbezogen werden.
Bürokratische Belastungen und administrative Hemmnisse treffen den Mittelstand besonders. Sie führen zu zusätzlichen Kosten, engen den unternehmerischen und freiberuflichen Handlungsspielraum ein und beeinträchtigen wirtschaftliche Initiativen und Dynamik. Die Bundesregierung wird sich dafür einsetzen, solche Belastungen und Hemmnisse vermeiden und — soweit wie möglich — abbauen zu helfen, beispielsweise im Baurecht.
Von der Bundesregierung werden weiterhin alle Bemühungen unterstützt, Wettbewerbsnachteile der Selbständigen im freiberuflichen und gewerblichen Mittelstand gegenüber staatlichen und privaten Großorganisationen abzubauen. Dazu gehört vor allem auch die Klärung der Frage, welchen Beitrag die Verlagerung bisher öffentlich erstellter oder angebotener Leistungen auf den privaten Sektor für eine effizientere Aufgabenerfüllung, für mehr wirtschaftliche Dynamik und auch für eine Entlastung der öffentlichen Haushalte leisten kann.
Die Bundesregierung ist bemüht, die weitere wirtschaftliche und politische Integration in der Europäischen Gemeinschaft auch für die freien Berufe schrittweise voranzubringen. Dabei wird sie den Problemen der betroffenen freien Berufe angemessen Rechnung tragen. Sie wird dafür Sorge tragen, daß die Freizügigkeit bei der beruflichen Niederlassung und bei grenzüberschreitenden Dienstleistungen nicht zu einem Strukturwandel beim Berufsaus- übungsrecht oder zu einer Beeinträchtigung bzw. Beseitigung gewachsener oder gesetzlich geregelter Berufsbilder führt.
Im Hinblick auf den internationalen Dienstleistungsverkehr, in dem verstärkt auch freiberufliche Berater tätig werden, ist die Bundesregierung bemüht, deren Position im internationalen Wettbewerb zu stärken und unterstützen. So kann z. B. eine Verbesserung der Wettbewerbssituation deutscher Consultants im Ausland auch positive Auswirkungen auf die Absatzchancen der deutschen Wirtschaft haben.
Trotz einer zurückgehenden Zahl der Selbständigen in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt hat sich deren Gesamtzahl in den freien Berufen kontinuierlich erhöht. Dies betrifft sämtliche Gruppen von Erwerbstätigen in freien Berufen: die selbständigen Freiberufler ebenso wie die dort beschäftigten Arbeitnehmer und Auszubildenden.
Stärker als im Sektor „sonstige Wirtschaftsbereiche" (Dienstleistungen), in dem die Zahl der Selbständigen insgesamt in den letzten Jahren angestiegen ist (von 606 000 1970 auf 670 000 1971), haben die selbständigen Freiberufler von ca. 220 000 1970 auf/ca. 330 000 1981 zugenommen. Die unselbständigen Beschäftigten in freien Berufen hatten (mit schätzungsweise über 600 000 1970 und über 1 Mio. 1981) ebenfalls einen starken Zuwachs zu verzeichnen. Beachtlich ist auch die starke Zunahme der Auszubildenden in freien Berufen: von 56 400 1970 auf 123 600 1981.
Aufgrund der begrenzten Möglichkeiten im Bereich der öffentlichen Hand und der gewerblichen Wirtschaft wird gerade in den nächsten Jahren die Zahl der Erwerbstätigen in freien Berufen weiter zunehmen. 1981 war jeder zweite Selbständige im Sektor „sonstige Wirtschaftsbereiche" (Dienstleistungen) Angehöriger eines freien Berufs. Dies bedeutet für einen wichtigen Bereich des tertiären Sektors, dessen Anteil am Bruttosozialprodukt weiter zunehmen wird, neben verstärktem Wettbewerb zugleich auch Wachstumschancen.