Der organisierte Rechtsextremismus stellt wegen scharfer Ablehnung durch die ganz überwiegende Mehrheit der Bürger, bisher niedrigster Mitgliederstandes, Gruppenstreitigkeiten und Aufspaltung keine Gefahr für die Sicherheit in der Bundesrepublik Deutschland dar. Andererseits geben die im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelte Anzahl rechtsextremistischer Ausschreitungen und die zunehmende Bereitschaft zu bewaffneter Gewaltanwendung Anlaß zur Besorgnis. Das gilt insbesondere für erste Ansätze terroristischer Gewalt, die Anfang 1978 festgestellt wurden, auch wenn sie in Art und Ausmaß hinter dem Terrorismus linksextremistischer Prägung deutlich zurückbleiben. Im ganzen gesehen hat die Bedrohung unserer inneren Sicherheit durch den Rechtsextremismus quantitativ und qualitativ nicht das gleiche Gewicht wie die durch den Linksextremismus. Die gegenseitige Bedingtheit extremistischer Haltungen und Handlungen muß jedoch stets im Auge behalten werden.
Die Mitgliederzahl aller rechtsextremistischen Organisationen insgesamt war im Jahr 1977 mit etwa 17 000 gegenüber dem Vorjahr (18 200) leicht rückläufig. Der geringe Zuwachs bei einzelnen rechtsextremistischen Organisationen, insbesondere Jugendorganisationen und neonazistischen Gruppen, konnte die Mitgliederverluste bei der NPD und anderen Organisationen nicht ausgleichen.
Für den Rechtsextremismus ist eine Zersplitterung in Klein- und Kleinstorganisationen kennzeichnend. Im Jahre 1977 hatten von insgesamt 83 Organisationen 71 lediglich 100 oder weniger Mitglieder, davon 26 sogar weniger als 20. Nur zwölf Organisationen hatten mehr als 250 Mitglieder. Lediglich die NPD und die unter der Bezeichnung „nationalfreiheitliche Rechte" auftretenden Gruppierungen um den Münchener Zeitungsverleger Dr. Gerhard Frey verfügten über eine größere Anhängerschaft.
Während der Mitgliederbestand der NPD sich in den letzten acht Jahren um zwei Drittel verringert hat und nunmehr etwa 9000 Mitglieder umfaßt, konnte die Nationalfreiheitliche Rechte im letzten Jahr ihre Mitgliederzahl um 600 auf 5400 erhöhen. Auch neonazistische Gruppen konnten einen Zuwachs verzeichnen. Waren es 1976 noch 17 Organisationen mit 900 Mitgliedern, so gibt es zur Zeit etwa 20 Organisationen mit rund 1000 Mitgliedern, von denen 150 bis 200 zum „Harten neonazistischen Kern" zählen.
Eine einheitliche Strategie verfolgen die rechtsextremistischen Gruppierungen nicht. Sie haben keine geschlossene Ideologie und keine Führungspersönlichkeiten, die zu politischen Aussagen und zur Überwindung der Gruppenstreitigkeiten fähig wären. Gemeinsam ist ihnen nur die Bekämpfung oder Diffamierung der bestehenden Staatsform in unterschiedlicher Intensität. Ihre politische Agitation ist vielfach durch eine Überbewertung des „Volksganzen" und der „Volksgemeinschaft" auf Kosten der Interessen des Einzelnen und die Verherrlichung des NS-Regimes bei gleichzeitiger Verharmlosung nationalsozialistischen Unrechts gekennzeichnet.
Die „Strategiekommission" der NPD forderte eine „Umschichtung der Partei von einer Partei der Wähler, einer auf den Erlöser wartenden Partei zur Kaderpartei, einer Kampfgemeinschaft". Die NPD konzentrierte ihre Anstrengungen jedoch auf die Überwindung der durch erheblichen Mitgliederschwund, Verknappung der finanziellen Mittel und die Resignation der Mitgliederschaft gekennzeichneten Krise der Partei, die zu einer Erlahmung der Parteiarbeit führte. Die jungen Nationaldemokraten (JN), die Jugendorganisation der NPD, waren der eigentliche Träger der in den letzten Monaten unter dem Namen der NPD veranstalteten Aktionen. Sie strebten einen kämpferischen Kurs an und suchten zunehmend die Konfrontation mit dem politischen Gegner.
Die „Nationalfreiheitliche Rechte" steht weitgehend in Konkurrenz zur NPD. Ihr Führer, Dr. Gerhard Frey, verfügt mit der „Deutschen Volksunion" über eine organisatorische Basis für eine breite publizistische Tätigkeit. Anders als bei der NPD hat die Agitation der „Nationalfreiheitlichen Rechten" mehr tagespolitischen Bezug und beinhaltet offen antisemitische Parolen; diese Organisation führt eine anhaltende Verleumdungskampagne gegen die Repräsentanten des demokratischen Lebens.
Alle neonazistischen Gruppen wollen die freiheitlich demokratische Grundordnung durch ein der NS-Diktatur vergleichbares System ersetzen. Sie haben in letzter Zeit durch spektakuläre, z. T. gewalttätige Aktionen erhebliches Aufsehen erregt.
Die Finanzierung rechtsextremistischer Gruppen erfolgt im wesentlichen durch Spenden ihrer Mitglieder und Anhänger. Die „Deutsche Volksunion" hat ein relativ großes Spendenaufkommen, das vor allem durch ständige Aufrufe ihres Leiters Dr. Gerhard Frey in den von ihm herausgegebenen Zeitungen gefördert wird.
In Einzelfällen wurde auch eine finanzielle Unterstützung durch entsprechende Gruppen und Anhänger im Ausland bekannt; nach Erkenntnissen der Bundesregierung liegt aber eine Fremdfinanzierung durch Dritte in nennenswertem Umfang nicht vor.
Über die Anhängerschaft des Rechtsextremismus geben die Wahlergebnisse Auskunft, da hier wie bei anderen extremistischen Organisationen die Wählerschaft in etwa der Anhänger- schaft entspricht. Die Wahlergebnisse der NPD zeigen, daß der Rechtsextremismus über die organisierten Mitglieder der rechtsextremistischen Organisationen hinaus über Anhänger verfügt, auch wenn das Stimmenergebnis nicht ins Gewicht fällt und ständig abnimmt. Bei der Bundestagswahl 1976 konnte die NPD 136 000 Erststimmen (122 661 = 0,3 v. H. der Zweitstimmen) verbuchen, während die Zahl der organisierten Mitglieder Ende 1977 bei ca. 17 800 lag. Auch die Verbreitung der Publikationen des Dr. Frey, „Deutsche Nationalzeitung" und „Deutscher Anzeiger", die zusammen eine wöchentliche Auflage von annähernd 100 000 Exemplaren erreichen, deutet auf eine die organisierte Mitgliederschaft übersteigende Zahl von Personen, die durch derartige Publikationen ansprechbar sind. Bei Kundgebungen, Aufmärschen und anderen aktuellen Anlässen sind die organisierten Mitglieder jedoch fast ausschließlich unter sich.