[Deutscher Bundestag Drucksache 17/761
17. Wahlperiode 17. 02. 2010 Kleine Anfrage
der Abgeordneten Sahra Wagenknecht, Dr. Barbara Höll, Roland Claus,
Harald Koch, Ralph Lenkert, Richard Pitterle, Michael Schlecht, Dr. Herbert Schui
und der Fraktion DIE LINKE.
Maßnahmen der Bundesregierung zur Bekämpfung der Kreditklemme
Während an den Börsen munter spekuliert wird und die Deutsche Bank wieder
Milliardengewinne im Investmentbanking einstreicht, nimmt die Zahl der
Firmenpleiten rasant zu. Im Jahr 2009 erklärten 33 762 Firmen ihre
Zahlungsunfähigkeit, das sind 11 Prozent mehr als im Vorjahr (vgl.
Wirtschaftsauskunftei Bürgel: Firmeninsolvenzen 2009). Für das laufende Jahr ist mit einem
weiteren Anstieg der Unternehmensinsolvenzen auf 37 000 bis 40 000 Fälle zu
rechnen; damit droht 2010 ein neuer Nachkriegsrekord bei den Firmenpleiten.
Verantwortlich für diese Pleitewelle sind nicht zuletzt die deutschen Banken,
insbesondere die privaten Großbanken, die ihre Kreditvergabe an Unternehmen
seit Jahren reduziert haben.
Wie aus einer Umfrage des Kreditversicherers Euler Hermes hervorgeht, war für
rund 40 Prozent der Insolvenzen im ersten Halbjahr 2009 der erschwerte Zugang
zu Krediten eine „zentrale Ursache“. Laut der Kreditanstalt für Wiederaufbau
Bankengruppe (KfW) haben die Banken im 3. Quartal des Jahres 2009 8,5
Prozent weniger Kreditmittel an Unternehmen ausgeliehen – Tendenz weiter fallend.
Inzwischen sagen 63 Prozent der Finanzexperten der Unternehmensverbände,
dass es immer schwieriger werde, Zugang zu Investitionskrediten zu bekommen;
im April 2009 waren es erst 42 Prozent (vgl. Das Parlament vom 7. Dezember
2009, S. 8). Nach einer Umfrage des ifo-Instituts vom Dezember 2009 hatten
43,3 Prozent der Unternehmen Probleme, Darlehen zu bekommen, 3,5 Prozent
mehr als noch im Januar 2009.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Ist der Bundesregierung bekannt, dass die Kreditvergabe der privaten
Großbanken an Unternehmen im Zuge der Krise deutlich stärker zurückgegangen
ist als die Kreditvergabe der Sparkassen und Genossenschaftsbanken?
2. Worauf führt die Bundesregierung diese Differenz zurück?
3. Teilt die Bundesregierung die Ansicht, dass dieses Verhalten der privaten
Banken prozyklisch und damit krisenverschärfend wirkt?
4. Denkt die Bundesregierung, dass eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent,
wie sie von der Deutschen Bank unverändert angestrebt wird, durch solide
(Kredit-)Geschäfte mit mittelständischen Unternehmen und privaten
Haushalten erzielt werden kann?
Drucksache 17/761 – 2 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode5. Teilt die Bundesregierung die Auffassung, nach der es „für manche Bank
risikoärmer und damit lukrativer ist, Geld sicher anzulegen als in der Krise
Kredite zu vergeben. Die Institute saugen sich mit Liquidität voll, geben
diese aber nicht an die Unternehmen weiter, sondern nutzen sie für den
Eigenhandel.“ (vgl. Süddeutsche Zeitung vom 1. Februar 2010).
Falls ja, was gedenkt die Bundesregierung diesbezüglich zu unternehmen?
6. Ist es zutreffend, dass der Bestand der Kredite privater Großbanken an
inländische Unternehmen (nominal) während des gesamten
Wirtschaftsaufschwungs 2005 bis 2007 um 10 bis 20 Prozent unterhalb des
Kreditbestands der Jahre 1999 bis 2001 lag und sich die Großbanken somit schon
während des Aufschwungs zunehmend aus der Finanzierung
realwirtschaftlicher Investitionen zurückgezogen haben, während die Sparkassen
ihr Kreditvolumen an inländische Unternehmen im selben Zeitraum um
etwa 20 Prozent (nominal) ausgeweitet haben?
Falls ja, wie wird diese Kreditvergabepraxis der privaten Großbanken von
der Bundesregierung bewertet, und wie begründet sie ihre Position?
7. Sieht die Bundesregierung einen Zusammenhang zwischen steigenden
Renditezielen privater Großbanken und dem Umstand, dass diese Banken
ihre Wertpapierbestände (Aktien, Anleihen) seit 1991 mehr als
versechzehnfacht haben, während die Sparkassen heute Wertpapiere in Höhe von
weniger als dem Doppelten des Wertes von 1991 halten, und wie begründet
die Bundesregierung ihre Position?
8. Welchen Zusammenhang sieht die Bundesregierung zwischen hohen
Renditezielen privater Großbanken und dem Umstand, dass bei privaten
Großbanken Kredite an andere Banken inzwischen 50 Prozent des gesamten
Kreditbestandes ausmachen, während bei den Sparkassen Kredite an andere
Banken nur 26 Prozent des Kreditbestands ausmachen, und wie begründet
die Bundesregierung ihre Position?
9. Wie bewertet die Bundesregierung den volkswirtschaftlichen Nutzen des
Geschäftsmodells privater Großbanken, wie es sich in den in den Fragen
6 bis 8 angeführten Zahlen ausdrückt?
10. Hält die Bundesregierung das Angebot der Deutschen Bank, 300 Mio. Euro
für einen „Mittelstandsfonds“ bereitzustellen, aus dem sich
mittelständische Unternehmen zu marktüblichen Konditionen Eigenkapital in Form
von Genussrechten beschaffen können, für ausreichend, um einer
befürchteten Kreditklemme und Eigenkapitalknappheit deutscher Unternehmen
entgegenzuwirken?
11. Hat die Commerzbank ihr Versprechen eingelöst, ab Januar 2010
zusätzlich 5 Mrd. Euro für Unternehmenskredite zur Verfügung zu stellen (vgl.
Süddeutsche Zeitung vom 2. Dezember 2009)?
12. Ist die Bundesregierung im Nachhinein der Ansicht, dass man die Rettung
der Commerzbank, für die der Steuerzahler bislang rund 18 Mrd. Euro
aufgewandt hat, an striktere Auflagen hätte knüpfen sollen?
13. Über welche Kompetenzen soll der Kreditmediator verfügen, der zum
1. März 2010 seine Arbeit aufnehmen soll?
Mit welchen Instrumenten soll der Kreditmediator auf die Geschäftspolitik
der Banken Einfluss nehmen dürfen?
Wird der Kreditmediator Sanktionen gegen einzelne Banken verhängen
dürfen, falls diese sich weigern, zu fairen Bedingungen Kredite an
Unternehmen zu vergeben?
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 3 – Drucksache 17/76114. Ist der Bericht der „Frankfurter Rundschau“ vom 1. Februar 2010 zutreffend,
nach dem
a) der für das Amt des Kreditmediators vorgesehene Hans-Joachim
Metternich ein Jahresgehalt von gut 200 000 Euro erhalten soll,
b) die acht Mitarbeiter des Kreditmediators mit Monatsgehältern von
deutlich über 15 000 Euro mehr verdienen werden als ein Staatssekretär, der
ein Grundgehalt von rund 11 000 Euro bezieht?
Falls ja, wie verträgt sich dies mit der Ankündigung vom Bundesminister
der Finanzen, Dr. Wolfgang Schäuble, mit dem Sparen in der Verwaltung
anzufangen?
15. Trifft es zu, dass Banken mitunter Sicherheiten für Kredite verlangen, die
deutlich über dem Wert des Kredites liegen?
Falls ja, was wird die Bundesregierung tun, um zu verhindern, dass Banken
künftig Kreditabsicherungen verlangen, die über den Wert des
gewünschten Kredites hinausgehen?
16. Welche maximale Differenz zwischen Guthabenzinsen und Kreditzinsen
bei Liquiditätskonten hält die Bundesregierung für angemessen, bzw. ab
welcher Differenz hält sie den Unterschied für unangemessen oder
sittenwidrig, und wie begründet sie ihre Position?
17. Wie hat sich die Differenz zwischen Kreditzinsen und Guthabenzinsen seit
Beginn der Finanzkrise bei den verschiedenen Bankengruppen (private
Großbanken, Landesbanken, Sparkassen, Genossenschaftsbanken) jeweils
durchschnittlich entwickelt?
18. Wie stellt die Bundesregierung sicher, dass die Differenz zwischen Kredit-
und Guthabenzinsen auf ein vernünftiges Maß zurückgeführt wird und
Geschäftsbanken die günstigen Konditionen, zu denen sie Gelder von der
Zentralbank erhalten, an ihre Kunden weitergeben?
19. Teilt die Bundesregierung die von zahlreichen Bankern geäußerte
Befürchtung, dass vor allem die zu dünne Eigenkapitaldecke vieler Kreditinstitute in
diesem Jahr zu einer Kreditklemme führen könnte (vgl. die Umfrage des
Center for Financial Studies der Universität Frankfurt, nach der 61 Prozent
der befragten Banker für 2010 eine Verringerung der Kreditvergabe erwarten
und als Hauptgrund dafür eine zu geringe Kapitalausstattung der Institute
angeben)?
20. Teilt die Bundesregierung die Ansicht des Deutschen Instituts für
Wirtschaftsforschung (DIW Wochenbericht 13/2009), dass viele deutsche Banken
eine teilweise oder vollständige Abschreibung sog. toxischer Wertpapiere
vornehmen sollten und eine anschließende Rekapitalisierung der Banken
notwendig ist, bevor die Banken wieder ausreichend Kredite vergeben können?
21. Wird die Bundesregierung das sog. Bad-Bank-Gesetz vom Juli 2009
überarbeiten, und falls ja, in welchen Punkten sieht sie Änderungsbedarf?
22. Ist die Bundesregierung immer noch der Ansicht, dass strukturierte
Kreditverbriefungen wie CDOs und Kreditderivate wie Credit Default Swaps
(CDS) die Stabilität des Finanzsektors erhöhen?
Was hält die Bundesregierung von dem Vorhaben der KfW, den Markt für
Kreditverbriefungen mit öffentlicher Hilfe wieder in Gang zu bringen, z. B.
indem die KfW Mezzanine-Tranchen garantiert oder dort als Investor
einsteigt (vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1. Dezember 2009)?
Drucksache 17/761 – 4 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode23. Teilt die Bundesregierung die Befürchtungen der Deutschen Bundesbank
und des Bundesverbands der Deutschen Industrie, dass sich die Lage an
den Kreditmärkten empfindlich verschärfen könnte, wenn die
Landesbanken, die derzeit ein Viertel der Unternehmenskredite vergeben, von der
EU-Kommission zu einer drastischen Reduzierung ihrer Bilanzsumme
genötigt werden (vgl. Handelsblatt vom 10. Dezember 2009)?
Falls ja, was gedenkt die Bundesregierung in diesem Fall zu tun, um die
Auflagen der EU-Kommission zu ändern oder für ein zusätzliches
Kreditangebot zu sorgen?
24. Wie stellt sich die Bundesregierung die vom Bundesminister für Wirtschaft
und Technologie, Rainer Brüderle, eingeforderte „Flurbereinigung“ bei den
Landesbanken (vgl. DIE WELT vom 26. Januar 2010) vor?
Wie viele Landesbanken soll es künftig geben, und welche Rechtsform
sollen sie haben?
Wie steht die Bundesregierung
a) zu einer Privatisierung der Landesbanken,
b) zu einer Präzisierung des öffentlichen Auftrags der Landesbanken?
25. Teilt die Bundesregierung die Auffassung, dass die Entscheidung der
Europäischen Kommission vom Juli 2001 zum Wegfall von Anstaltslast und
Gewährträgerhaftung dazu beigetragen hat, den Landesbanken eine
Ausrichtung an kommerziellen Renditezielen aufzuzwingen, und wie
begründet die Bundesregierung ihre Position?
Berlin, den 17. Februar 2010
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