Zurück zur Übersicht
Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet
Arbeitsplätze in der Windenergiebranche
(insgesamt 36 Einzelfragen)
Fraktion
DIE LINKE
Ressort
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
Datum
02.08.2019
Aktualisiert
26.07.2022
BT19/1161915.07.2019
Arbeitsplätze in der Windenergiebranche
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag Drucksache 19/11619
19. Wahlperiode 15.07.2019
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Lorenz Gösta Beutin, Dr. Gesine Lötzsch,
Heidrun Bluhm-Förster, Jörg Cezanne, Kerstin Kassner, Caren Lay,
Sabine Leidig, Ralph Lenkert, Michael Leutert, Amira Mohamed Ali, Victor Perli,
Ingrid Remmers, Dr. Kirsten Tackmann, Andreas Wagner, Hubertus Zdebel und
der Fraktion DIE LINKE.
Arbeitsplätze in der Windenergiebranche
Die Große Koalition hat das Ziel, den Ausbau der erneuerbaren Energien auf
mindestens 65 Prozent bis 2030 anzuheben. Im Jahr 2018 lag der Ausbau mit knapp
2,5 GW brutto unterhalb des Ausbaukorridors von 2,8 GW brutto und entspricht
einem Rückgang von 55 Prozent gegenüber dem Jahr 2017. Im ersten Quartal
dieses Jahres ist der Aufbau neuer Windräder zur Stromerzeugung um fast
90 Prozent im Vergleich zu den ersten drei Monaten der drei Vorjahre
eingebrochen, berichtet die Fachagentur Windenergie an Land („Ausbausituation der
Windenergie an Land im Frühjahr 2019“ auf www.fachagentur-windenergie.de).
Demnach seien zwischen Januar und März 2019 lediglich 41 neue
Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von 134 Megawatt in Betrieb genommen
worden.
Die Branche ist daher von Kurzarbeit betroffen. Um das 65-Prozent-Ziel zu
erreichen, sieht das sogenannte Energiesammelgesetz Sonderausschreibungen für
Windenergie an Land in Höhe von 1 000 MW (2019), 1 400 MW (2020) und
1 600 MW (2021) vor. Notwendig wären aber jährliche Neuinstallationen von
mindestens vier Gigawatt Windkraft an Land und fünf Gigawatt Photovoltaik
(siehe Publikation Agora Energiewende „Wie man 65 Prozent Erneuerbare
Energien bis 2030 in die Stromnetze kriegt“ auf www.agora-energiewende.de).
Von einem solchen Ausbaupfad ist Deutschland nach Auffassung der
Fragestellerinnen und Fragesteller weit entfernt. Stattdessen ist die Windenergiebranche
auf Kurzarbeit angewiesen, die auch noch ausgeweitet werden müsse, wenn sich
am Ausbaupfad nichts ändere (siehe Artikel „Windindustrie: IG Metall fordert
Sicherung der Arbeitsplätze“ vom 9. Mai 2019 auf www.abendblatt.de). Der
Windanlagenhersteller Senvion S. A. hat Anfang April 2019 Insolvenz in
Eigenverwaltung beantragt. Betriebsräte sehen die Entwicklung in der
Windenergiebranche insgesamt kritisch: Der Kostendruck habe konkrete Auswirkungen,
nämlich den Abbau von Arbeitsplätzen und eine verschlechterte Auftragslage in
Deutschland. Auch bei Zuliefererinnen und Zulieferern sind unmittelbar
Arbeitsplätze gefährdet oder bereits verlorengegangen. In der Branche werden bereits
Parallelen zur Situation bei den erneuerbaren Energien in den Jahren 2012 bis
2014 gezogen, als ein Beschäftigungsabbau um circa ein Drittel stattfand (siehe
Publikation der IG Metall „Situation in den Betrieben der Windindustrie spitzt
sich zu“ auf www.cms.igmetall-kueste.de).
Dass der Zubau bei Windenergie an Land ins Stocken geraten ist, ist nach Ansicht
der Fragestellerinnen und Fragestellern auch Fehlentwicklungen beim
Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) geschuldet, die die Bundesregierung zu
verantworten hat. So gingen im Ausschreibungsjahr 2017 rund 90 Prozent der
Förderzusagen an immissionsschutzrechtlich noch nicht genehmigte Windprojekte. Zwar hat
die Koalition zwischenzeitlich o. g. Sonderausschreibungen beschlossen. Mit
ihnen ist es aber nicht möglich, jener Ausbaudelle bei Windkraft an Land
entgegenzuwirken, die in den Jahren 2019/2020 infolge des nach Meinung der
Fragestellerinnen und Fragesteller missratenen Ausschreibungsdesigns des EEG 2017
erwartet wird. Dazu hätte es bereits 2018 Sonderausschreibungen mit verkürzter
Realisierungsfrist geben müssen.
Aus Sicht der Fragestellerinnen und Fragesteller ist die dargestellte Situation in
einer Zukunftsbranche nicht hinnehmbar.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie hoch ist die Wertschöpfung durch die Stromerzeugung aus
Erneuerbaren-Anlagen zu beziffern (bitte jährlich nach Erzeugungsarten für die letzten
zehn Jahre aufschlüsseln, insbesondere Photovoltaik – PV –, Windenergie,
Bioenergie)?
2. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bunderegierung die innerdeutsche
Wertschöpfung bei der Produktion von Windkraftanlagen?
3. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die jährliche
Wertschöpfung bei der Projektierung und Installation (Aufstellung) von
Windkraftanlagen an Land und auf See (bitte für die letzten zehn Jahre aufschlüsseln)?
4. Wie viele Unternehmen in Deutschland zählen nach Kenntnis der
Bundesregierung zur Windindustrie, und wie hat sich die Zahl dieser Unternehmen in
den letzten zehn Jahren entwickelt (bitte nach Jahr aufschlüsseln)?
5. Wie viele Neugründungen, Schließungen und Fusionen von Unternehmen
der Windindustrie in Deutschland sind der Bundesregierung in den letzten
zehn Jahren bekannt (bitte nach Jahren und Unternehmen aufschlüsseln)?
6. Wie viele Unternehmen sind nach Kenntnis der Bundesregierung
Zulieferfirmen zum Bau von Windenergieanlagen?
7. Sind der Bundesregierung Unternehmen der Windenergieindustrie oder der
Zulieferindustrie bekannt, die aufgrund mangelnder Auftragslage ihre
Werksstandorte ins Ausland verlegt haben?
8. Wie haben sich Im- und Export von Windenergieanlagen oder
Windenergieanlagenteilen aus dem Ausland bzw. in das Ausland in den letzten zehn
Jahren entwickelt?
9. Welcher prozentuale Anteil von Anlagenteilen zum Bau von Windanlagen
wird derzeit aus dem Ausland importiert, und welchen Wert haben diese (in
Euro)?
10. Welcher prozentuale Anteil an der Gesamtproduktion von
Windanlagenteilen in Deutschland wird derzeit in das Ausland exportiert?
11. Wie viele Beschäftigte sind nach Kenntnis der Bundesregierung in den
letzten zehn Jahren in Deutschland in der Windindustrie tätig gewesen (bitte
jährlich darstellen und nach sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung,
Minijob, Leiharbeit, jeweils in Vollzeit bzw. Teilzeit, Geschlecht, Alter, Ost
bzw. West und Bundesland und Onshore bzw. Offshore differenzieren)?
12. Wie viele Vollzeitstellen sind nach Kenntnis der Bundesregierung abhängig
von Zulieferungen an die Windindustrie in Deutschland (bitte nach
Bundesland differenzieren)?
13. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Teilzeitquote in der
Windindustrie, und wie hoch ist diese im Vergleich dazu in der
Gesamtwirtschaft (bitte sowohl die Gesamtquote als auch nach Geschlecht, Ost bzw.
West und Bundesland und Onshore bzw. Offshore differenziert ausweisen)?
14. Wie viele Auszubildende sind nach Kenntnis der Bundesregierung in den
letzten zehn Jahren in Deutschland in der Windindustrie beschäftigt gewesen
(bitte jährlich darstellen und nach Geschlecht und Ost bzw. West und
Bundesland und Onshore bzw. Offshore differenzieren)?
15. Welche Kenntnis hat die Bundesregierung über Anzahl und Anteil von
Beschäftigten in der Windindustrie, die ergänzend zu ihrem Lohn
Aufstockungsleistungen nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II)
beziehen (bitte die relativen Werte gemessen an allen Beschäftigten der
Windindustrie ausweisen und die jüngsten verfügbaren Daten und die letzten
zehn Jahre darstellen sowie nach Geschlecht Alter, Ost bzw. West und
Bundesland differenzieren)?
16. Wie hoch sind nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl und der Anteil
der befristet und unbefristet Beschäftigten mit und ohne Sachgrund in der
Windindustrie (bitte die relativen Werte gemessen an allen Beschäftigten der
Windindustrie ausweisen und die jüngst verfügbaren Daten angeben sowie
jeweils die vergangenen zehn Jahre darstellen; bitte nach Geschlecht, Ost
bzw. West, Alter und Bundesland sowie Onshore bzw. Offshore
differenzieren)?
17. Wie hoch sind nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils die Anzahl und
der Anteil der befristeten Arbeitsverträge bei den Neueinstellungen in der
Windindustrie, und wie hoch war im gleichen Zeitraum die Übernahmequote
in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis (bitte die Anzahl und den Anteil der
befristeten Arbeitsverträge sowohl insgesamt als auch nach mit und ohne
Sachgrund differenziert darstellen, bitte die jüngsten verfügbaren Daten
angeben sowie jeweils die vergangenen zehn Jahren darstellen, bitte nach
Geschlecht, Alter, Bundesland sowie Onshore bzw. Offshore differenzieren)?
18. Kann die Bundesregierung Zahlen der Branche bestätigen, nach denen ab
Ende 2020 rund 4 GW Windenergieleistung aus der EEG-Förderung fallen,
danach jährlich im Durchschnitt 2,4 GW, bzw. wie hoch sind die
Windenergieleistungen, die jährlich zwischen 2020 und 2030 aus der Förderung
fallen?
19. Kann die Bundesregierung Branchenangaben bestätigen, wonach die jährlich
neuinstallierte Leistung an Windenergie – setzt sich der niedrige Brutto-
Zubau von 2018 fort – unter dem Rückbau an Leistung ab 2020 liegen könnte?
20. Nach welcher Art von Arbeitsverhältnissen lässt sich nach Kenntnis der
Bundesregierung die Beschäftigung in der Windindustrie aufschlüsseln (bitte
nach Vollzeit, Teilzeit, Leiharbeit, Minijob, befristet und unbefristet und
nach Geschlecht auflisten)?
21. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Beschäftigungssituation
in der Windindustrie in den letzten zehn Jahren entwickelt (bitte nach Jahren
und Onshore bzw. Offshore aufschlüsseln)?
22. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Tarifbindung in
Unternehmen der Windindustrie in den letzten zehn Jahren entwickelt?
23. Wie viele Arbeitsplätze in der Windenergiebranche und bei Zulieferern sind
seit 2017 bundesweit abgebaut worden (bitte nach direkt Beschäftigten in der
Windindustrie sowie Zulieferern und nach Bundesland sowie Vollzeit- und
Teilzeitbeschäftigten differenzieren)?
24. Wie viele Arbeitsplätze in der Windenergiebranche und bei Zulieferern sind
derzeit gefährdet (bitte nach direkt Beschäftigten in der Windindustrie sowie
Zulieferern differenzieren)?
25. Welches sind aus Sicht der Bundesregierung die Ursachen für die
Gefährdung von Arbeitsplätzen in der Windenergiebranche?
26. Wie haben sich die Fördersätze im Bereich der Windenergie in den letzten
fünf Jahren entwickelt (bitte nach Jahr und nach Onshore und Offshore
getrennt auflisten)?
27. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der aktuell kritischen
Beschäftigungssituation und der Einführung von Ausschreibungen bei erneuerbaren
Energien bzw. dem Preisgefälle, das seither stattgefunden hat?
28. Welchen Anteil am Einbruch bei der Installation von Windenergieanlagen
haben nach Ansicht der Bundesregierung fehlende Flächen und/oder
fehlende Genehmigungen?
29. Wann wird die Bundesregierung dem Deutschen Bundestag entsprechend
des Koalitionsvertrags zwischen CDU, CSU und SPD „eine
bundeseinheitliche Regelung beim weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien (EE)“
vorlegen, um „die Standortgemeinden stärker an der Wertschöpfung von EE-
Anlagen [zu] beteiligen und die Möglichkeiten einer Projektbeteiligung von
Bürgerinnen und Bürgern [zu] verbessern“?
30. Welchen Anteil am Einbruch bei der Installation von Windenergieanlagen
hat nach Ansicht der Bundesregierung die in den einleitenden Bemerkungen
angeführte erwartete Delle bei Projektrealisierungen infolge des fehlerhaften
Ausschreibungsdesigns im Jahr 2017?
31. Warum hat die Bundesregierung Zeitpunkt und Realisierungsfristen der
Sonderausschreibungen nicht so gewählt, dass die in Frage 30 genannte Delle
weitgehend ausgeglichen werden könnte?
32. Mit welchen Maßnahmen und wann gedenkt die Bundesregierung der
negativen Arbeitsplatzentwicklung in der Windenergiebranche
entgegenzuwirken?
33. Von welcher Beschäftigungsentwicklung bei erneuerbaren Energien
insgesamt geht die Bundesregierung angesichts einer aufgrund des Erneuerbare-
Energien-Ziels von 65 Prozent Anteil an der Stromproduktion bis 2030
vermutlich wachsenden Branche in den Jahren 2019 bis 2030 aus (bitte wenn
möglich pro Jahr einzeln auflisten und nach Herstellung von Anlagen zur
Nutzung erneuerbarer Energien, Betrieb und Wartung sowie Forschung und
Entwicklung differenzieren)?
34. In welchem Gesetz und wann wird die Bundesregierung das Ziel des
Koalitionsvertrages zwischen CDU, CSU und SPD, bis zum Jahr 2030 einen
Ökostromanteil von 65 Prozent zu erreichen, festschreiben?
35. Ist die Erneuerbaren-Industrie und insbesondere die Windindustrie Teil der
Industriestrategie der Bundesregierung, und wenn ja, inwiefern, und wenn
nein, weshalb nicht?
36. Besitzt die Bundesregierung eine Transformationsstrategie auf dem Weg zu
einer klimafreundlichen Industrie, wie sie die notwendige Dekarbonisierung
Deutschlands gemäß Pariser Klimaabkommen erforderlich macht, und falls
ja, welche Rolle spielt die Windindustrie in dieser Transformationsstrategie?
Berlin, den 26. Juni 2019
Dr. Sahra Wagenknecht, Dr. Dietmar Bartsch und Fraktion
Satz: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH, Mainzer Straße 116, 66121 Saarbrücken, www.satzweiss.com
Druck: Printsystem GmbH, Schafwäsche 1-3, 71296 Heimsheim, www.printsystem.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]
Ähnliche Kleine Anfragen
Behebung und Aufarbeitung von Zahlungsverzögerungen bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH - Unterstützung der Partnerinnen und Partner im Globalen Süden
DIE LINKE24.04.2026
Antisemitische Straftaten im ersten Quartal 2026
DIE LINKE24.04.2026
Umsetzung des Wehrdienst-Modernisierungsgesetzes im 1. Quartal 2026
DIE LINKE24.04.2026
Folgen des Konversionsstopps für Kommunen und Dritte zum Zwecke der Zuführungen in die strategische Liegenschaftsreserve
DIE LINKE24.04.2026