[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Wieland Schinnenburg, Michael
Theurer, Grigorios Aggelidis, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
– Drucksache 19/17071 –
Zukunft der Therapieberufe
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Am 28. November 2019 veröffentlichte ein „Bündnis für Therapieberufe“ ein
Positionspapier, das eine Akademisierung der Therapieberufe wie
Physiotherapie, Logopädie oder Ergotherapie fordert. Diesem Positionspapier haben
sich viele namhafte Berufsverbände aus den betroffenen Therapieberufen
angeschlossen (
www.hv-gesundheitsfachberufe.de/wp-content/uploads/Positions
papier_Therapieberufe_Versand_f.pdf).
Begründet wird die Forderung einer Akademisierung mit den stetig steigenden
Anforderungen an die Therapieberufe und die mangelnde Attraktivität der
aktuellen Ausbildung. Die Initiatoren erhoffen sich, dass die Berufe durch eine
wissenschaftlichere Ausbildung deutlich profitieren, ebenso erhoffen sie sich,
dass sich mehr Menschen für Therapieberufe interessieren werden. Allerdings
sehen sie auch das Problem, dass nicht alle Schulabgänger eine akademische
Ausbildung aufnehmen können, verweisen hier jedoch auf
Studienmöglichkeiten ohne Hochschulzugangsberechtigung.
Auf Bundestagsdrucksache 18/9400 hat die Bundesregierung den Bundestag
über die Ergebnisse der im Jahr 2009 initiierten Modellstudiengänge
informiert. Der Bundesminister für Gesundheit Jens Spahn hat sich danach gegen
eine Vollakademisierung der Therapieberufe positioniert (
www.aerztezeitun
g.de/Politik/Spahn-Nicht-alle-muessen-studieren-375615.html).
V o r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Das Bundesministerium für Gesundheit wird entsprechend dem
Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD die Ausbildungen in den
Gesundheitsfachberufen neu ordnen und stärken und hat dafür ein Gesamtkonzept zusammen
mit den Ländern erarbeitet. Neben Themen wie Schulgeldabschaffung und
Akademisierung der Ausbildungen wurde auch die Modernisierung der
Berufsgesetze und damit einhergehende Finanzierungsfragen erörtert.
Der weitere Zeitplan sieht vor, dass im März die politische Konsentierung im
Rahmen eines Ministertreffens erfolgen soll. Nach Abschluss der
Konsentierung ist die Veröffentlichung der Eckpunkte des Gesamtkonzeptes Gesundheits-
Deutscher Bundestag Drucksache 19/17411
19. Wahlperiode 27.02.2020
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Gesundheit vom 25. Februar
2020 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
fachberufe geplant. Sie werden die Basis für die notwendigen gesetzlichen
Änderungen sein.
1. Welche Anzahl an Absolventen gab es nach Kenntnis der
Bundesregierung jeweils jährlich insgesamt und in den einzelnen Bundesländern seit
2011 in den Bereichen Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und
Podologie?
Die Ausbildungen in den Berufen der Physiotherapie, der Ergotherapie, der
Logopädie sowie der Podologie werden auf der Grundlage bundesrechtlich
geregelter Berufsgesetze an Schulen des Gesundheitswesens sowie – aufgrund der
unterschiedlichen Strukturen im föderalen Schulsystem – an Berufsfachschulen
durchgeführt. Die Anzahl der Absolventinnen und Absolventen der
Ausbildungen der genannten Berufe auf Bundesebene ist den Publikationen des
Statistischen Bundesamtes: „Berufliche Schulen – Fachserie 11 Reihe 2 – Schuljahre
2011/2012 bis 2018/2019“ entnommen und in nachfolgender Tabelle
dargestellt:
Beruf Jahr
2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018
Physiotherapie 6450 6390 6186 6068 5650 5305 5562 5325
Ergotherapie 2870 2790 2620 2677 2627 2716 2565 2535
Logopädie 1169 1194 1057 1119 1087 1000 974 999
Podologie 433 582 462 471 461 469 477 390
Eine Aufschlüsslung nach Ländern kann den Publikationen des Statistischen
Bundesamtes „Berufliche Schulen – Fachserie 11 Reihe 2 – Schuljahre
2011/2012 bis 2018/2019“ entnommen werden.
2. Welche Anzahl an Personen hat nach Kenntnis der Bundesregierung
jeweils jährlich seit 2011 die Ausbildung in den Bereichen Physiotherapie,
Ergotherapie, Logopädie und Podologie begonnen, und über welchen
höchsten Schulabschluss verfügten diese Personen jeweils in den
einzelnen Therapieausbildungen?
Die Anzahl der Schülerinnen und Schüler im ersten Ausbildungsjahr
bundesweit in den Berufen der Physiotherapie, der Ergotherapie, der Logopädie sowie
der Podologie ist der nachfolgenden Tabelle zu entnehmen. Die Zahlen sind
den Publikationen des Statistischen Bundesamtes: „Berufliche Schulen –
Fachserie 11 Reihe 2 – Schuljahre 2011/2012 bis 2018/2019“ entnommen.
Statistische Daten über den jeweils höchsten Schulabschluss dieses Personenkreises
liegen der Bundesregierung nicht vor.
Beruf Schuljahr
2011/
2012
2012/
2013
2013/
2014
2014/
2015
2015/
2016
2016/
2017
2017/
2018
2018/
2019
Physiotherapie 8223 7924 7931 8265 8346 8176 7970 7836
Ergotherapie 3590 3563 3744 3670 3610 3720 3645 3537
Logopädie 1326 1420 1307 1278 1214 1264 1249 1173
Podologie 516 633 560 610 588 608 468 486
3. Welche Anzahl an Personen hat nach Kenntnis der Bundesregierung an
einem der seit 2009 geschaffenen Modellstudiengängen teilgenommen, ohne
eine allgemeine Hochschulreife zu besitzen?
a) Mit welchem höchsten Schulabschluss haben diese Personen die
Hochschulausbildung begonnen?
b) Welche Zugangsvoraussetzungen mussten sie erfüllen?
c) Welche Anzahl dieser Personen hat auch einen Abschluss erreicht, und
wie hoch ist die Absolventenquote im Vergleich zu Absolventen mit
einer Hochschulzugangsberechtigung?
Die Fragen 3 bis 3c werden gemeinsam beantwortet.
Hierzu liegen der Bundesregierung keine Erkenntnisse vor.
4. Wie bewertet die Bundesregierung die Ergebnisse der Modellstudiengänge
für Therapieberufe, und welche Schlüsse zieht sie aus den Ergebnissen?
Der erste Bericht über die Ergebnisse der Modellvorhaben zur Einführung einer
Modellklausel in die Berufsgesetze der Hebammen, Logopäden,
Physiotherapeuten und Ergotherapeuten wurde vom Bundesministerium für Gesundheit
erstellt und dem Deutschen Bundestag am 17. August 2016
(Bundestagsdrucksache 18/9400) zugeleitet. Die Frist zur Erprobung der Modellvorhaben endet
am 31. Dezember 2021. Ein weiterer Bericht über die Ergebnisse der
Modellvorhaben wird durch das Bundesministerium für Gesundheit erfolgen.
5. Welche Anzahl an Personen war bzw. ist nach Kenntnis der
Bundesregierung jährlich seit 2011 in den Bereichen Physiotherapie, Ergotherapie,
Logopädie und Podologie beruflich tätig?
Angaben liegen der Bundesregierung durch die Beschäftigungsstatistik der
Bundesagentur für Arbeit (BA) zur Anzahl der sozialversicherungspflichtig
und der ausschließlich geringfügig Beschäftigten in den Berufsuntergruppen
8112 „Podologen/Podologinnen“, 8171 „Berufe in der Physiotherapie“, 8172
„Berufe in der Ergotherapie“ und 8173 „Berufe in der Sprachtherapie“ der
Klassifikation der Berufe 2010 (KldB 2010) vor und können der nachfolgenden
Tabelle entnommen werden. Die Klassifikation der Berufe weist einen
Abstraktionsgrad auf, der dazu führt, dass neben den bundesrechtlich reglementierten
Berufen Ergotherapeutin und Ergotherapeut, Logopädin und Logopäde,
Physiotherapeutin und Physiotherapeut auch weitere Berufe, wie beispielsweise
Masseurinnen und Masseure und medizinische Bademeisterinnen bzw.
medizinische Bademeister unter Nummer „81712 Physiotherapie-Fachkraft“ statistisch
miterfasst werden. Weitergehende Ausführungen zur Differenzierung innerhalb
der Klassifikation der Berufe können der Veröffentlichung der BA zur
Klassifikation der Berufe entnommen werden.
Daten nach der KldB 2010 liegen ab Dezember 2012 vor. Als Jahreswerte
wurden die jeweiligen Juniwerte angegeben.
6. Welche Anzahl an Personen war bzw. ist jährlich seit 2011 in den
Bereichen Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Podologie als
arbeitsuchend gemeldet?
Angaben der Arbeitsmarktstatistik der BA zum jahresdurchschnittlichen
Bestand an Arbeitsuchenden, die einen Zielberuf der Berufsuntergruppen 8112
„Podologen/Podologinnen“, 8171 „Berufe in der Physiotherapie“, 8172
„Berufe in der Ergotherapie“ und 8173 „Berufe in der Sprachtherapie“ der KldB
2010 suchen, können der nachfolgenden Tabelle entnommen werden. Wie in
der Antwort zu Frage 5 beschrieben, erfasst die Klassifikation der Berufe
weitere Berufe neben den bundesrechtlich reglementierten Berufen
Ergotherapeutin und Ergotherapeut, Logopädin und Logopäde, Physiotherapeutin und
Physiotherapeut.
7. Welche Anzahl an Stellen ist aktuell in den Bereichen Physiotherapie,
Ergotherapie, Logopädie und Podologie als offen gemeldet?
a) In welchen Bundesländern gibt es überdurchschnittlich viele offene
Stellen?
b) In welchen Bundesländern gibt es unterdurchschnittlich viele offene
Stellen?
Die Fragen 7 bis 7b werden gemeinsam beantwortet.
Angaben der Arbeitsmarktstatistik der BA zum aktuellen Bestand an
gemeldeten Arbeitsstellen in den Berufsuntergruppen 8112 „Podologen/Podologinnen“,
8171 „Berufe in der Physiotherapie“, 8172 „Berufe in der Ergotherapie“ und
8173 „Berufe in der Sprachtherapie“ der KldB 2010 können der nachfolgenden
Tabelle entnommen werden. Darüber hinaus ist in der nachfolgenden Tabelle
der Anteil der Arbeitsstellen für die genannten „Therapieberufe“ insgesamt an
allen der BA gemeldeten Arbeitsstellen dargestellt. Auch hier gilt der Hinweis,
dass die Klassifikation der Berufe weitere Berufe neben den bundesrechtlich
reglementierten Berufen Ergotherapeutin und Ergotherapeut, Logopädin und
Logopäde, Physiotherapeutin und Physiotherapeut erfasst.
8. Welche Anzahl an Fachkräften wurde nach Kenntnis der Bundesregierung
in den Bereichen Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Podologie
jeweils jährlich seit dem Jahr 2011 aus dem Ausland gewonnen?
a) Aus welchen Ländern stammen diese Fachkräfte?
b) Welche Anzahl an ausländischen Ausbildungen bzw.
Berufsabschlüssen wurde seit 2011 anerkannt?
Die Fragen 8 bis 8b werden gemeinsam beantwortet.
Zur Anzahl an Fachkräften in den Berufen Physiotherapeutin und
Physiotherapeut, Logopädin und Logopäde, Ergotherapeutin und Ergotherapeut sowie
Podologin und Podologe, die jährlich aus dem Ausland gewonnen werden, liegen
der Bundesregierung keine Erkenntnisse vor. Der Bundesregierung liegen
Zahlen zur Anerkennung der Gleichwertigkeit der deutschen Referenzberufe
Physiotherapeutin und Physiotherapeut, Logopädin und Logopäde, Ergotherapeutin
und Ergotherapeut sowie Podologin und Podologe vor.
In der amtlichen Statistik zur Berufsanerkennung nach § 17
Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz (BQFG) bzw. den berufsrechtlichen Fachgesetzen mit
Verweis auf § 17 BQFG werden weder der Erwerbsstatus noch der Zuzug nach
Deutschland oder seine Gründe erfasst. Im Übrigen wird auf die Antwort der
Bundesregierung zu Frage 5 der Kleinen Anfrage der Fraktion der FDP auf
Bundestagsdrucksache 19/7709 verwiesen.
Die amtliche Statistik nach § 17 BQFG bzw. den berufsrechtlichen
Fachgesetzen mit Verweis auf § 17 BQFG wird seit Inkrafttreten des
Anerkennungsgesetzes des Bundes am 1. April 2012 geführt. Derzeit sind Daten für den Zeitraum
2012 bis 2018 verfügbar. Bei den im Folgenden dargestellten Berufen handelt
es sich um die deutschen Referenzberufe, die ausländische
Ursprungsqualifikation wird in der amtlichen Statistik nicht erfasst. Bei der Beantwortung der
Fragen wurde „aus dem Ausland gewonnen“ so interpretiert, dass damit im
Ausland erworbene Abschlüsse gemeint sind, nicht, dass die Personen zum
Zeitpunkt der Antragstellung auch noch im Ausland lebten.
Insgesamt wurde im Zeitraum 2012 bis 2018 zu den deutschen Referenzberufen
Physiotherapeutin und Physiotherapeut, Logopädin und Logopäde,
Ergotherapeutin und Ergotherapeut sowie, Podologin und Podologe in 3.402 Fällen die
volle Gleichwertigkeit der ausländischen Berufsqualifikation beschieden
(gegebenenfalls nachdem eine zuvor auferlegte Ausgleichsmaßnahme erfolgreich
abgeschlossen worden war). Die folgende Tabelle weist neben der Gesamtzahl
auch die Verteilung für die erfragten Berufe und einzelnen Berichtsjahre aus.
Den meisten Verfahren, die mit voller Gleichwertigkeit beschieden wurden,
lagen berufliche Abschlüsse aus den Niederlanden zugrunde (1.569 Verfahren),
an zweiter und dritter Stelle folgten Polen (651 Verfahren) und Österreich (135
Verfahren). Die folgende Tabelle bildet die mit voller Gleichwertigkeit
beschiedenen Verfahren differenziert nach der Herkunft der ausländischen Abschlüsse
(Ausbildungsstaaten) ab. Diese Angaben beziehen sich auf die erfragten Berufe
insgesamt und die verfügbaren Berichtsjahre. Zugleich ist zu berücksichtigen,
dass bei 1.407 der im Zeitraum von 2012 bis 2018 mit voller Gleichwertigkeit
beschiedenen Verfahren zu den erfragten Berufen die Antragstellenden die
deutsche Staatsangehörigkeit innehatten.
c) Plant die Bundesregierung weitere Initiativen, um mehr Fachkräfte in
den genannten Therapieberufen für Deutschland zu gewinnen, wenn
ja, welche, und wann?
Derzeit liegt der Fokus bei der Gewinnung von Fachkräften aus dem Ausland
im Bereich Pflege.
9. Welchen Bedarf an Arbeitskräften in den Bereichen Physiotherapie,
Ergotherapie, Logopädie und Podologie benötigt Deutschland nach Auffassung
der Bundesregierung bis zum Jahr 2030?
a) Welche zusätzlichen Arbeitskräfte werden benötigt?
b) Welche Anzahl an Arbeitskräften wird in diesem Zeitraum in Rente
gehen?
c) Welche Anzahl an Arbeitskräften wird aus anderen Gründen dem
Arbeitsmarkt in diesem Zeitraum nicht mehr zur Verfügung stehen?
Die Fragen 9 bis 9c werden gemeinsam beantwortet.
Eine Bedarfsplanung erfolgt für die genannten Gesundheitsfachberufe auf
Bundesebene nicht. Das Fachkräftemonitoring des Bundesministeriums für Arbeit
und Soziales ermöglicht eine Einschätzung der zukünftigen
Arbeitskräftesituation bis auf Dreisteller-Ebene der KldB 2010. Für einzelne Berufe der
Berufsgruppe 817 „Nicht ärztliche Therapie und Heilkunde“ kann (aus technischen
Gründen) deshalb keine valide Aussage getroffen werden. Für die
Berufsgruppe 817 wird in Zukunft erwartet, dass aufgrund einer wachsenden
Demografiegetriebenen Nachfrage, die bereits heute angespannte Arbeitskräftesituation,
wie beispielsweise für Spezialistinnen und Spezialisten der Berufe der
Physiotherapie und der Sprachtherapie (vgl. BA Engpassanalyse Dezember 2019),
sich zukünftig nicht entspannen wird.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
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ISSN 0722-8333]