[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Olaf in der Beek, Frank Sitta,
Grigorios Aggelidis, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
– Drucksache 19/28289 –
Plastikmüll in deutschen Meeresgewässern
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Die Belastung der Meere durch Müll und der Umgang damit gehören zu den
größten ökologischen Herausforderungen unserer Zeit. Vor allem
Plastikabfälle setzen den Meeren immer mehr zu, da diese Stoffe in der Regel nicht
abbaubar sind und somit für nachhaltigen Schaden sorgen. Der Fokus der
Öffentlichkeit liegt allerdings meist auf Regionen fernab von Deutschland. Vor
allem in Asien ist das Müllproblem seit langer Zeit bekannt. Doch auch in der
deutschen Nord- und Ostsee gibt es erhebliche Schwierigkeiten mit
zunehmendem Plastikabfall. Von Plastikmüll gehen zum Teil irreparable Schäden
für Umwelt, Mensch und Tier aus (
https://www.thuenen.de/de/fi/arbeitsbereic
he/meeresumwelt/meeresmuell/).
An den Küsten der Nordsee ist laut Umweltbundesamt kein signifikant
abnehmender Trend bezüglich des angespülten Mülls festzustellen, obwohl das
Problem seit langer Zeit bekannt ist. Es gibt zwar verschiedene deutsche und
europäische Projekte zur Eindämmung der Belastung durch Plastikmüll,
jedoch haben diese bislang nicht den notwendigen Erfolg erzielt. Nach wie vor
verenden viele Tiere aufgrund des versehentlichen Verzehrs von Plastik. So
wurde nach Untersuchungen des Umweltbundesamtes bei 94 Prozent der tot
an der Nordsee aufgefundenen Eissturmvögel Kunststoffe im Magen gefunden
(
https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/2546/dokument
e/uba_factsheet_meeresmuell.pdf).
In diesem Jahr soll EU-weit ein Verbot verschiedener Einweg-Plastikartikel in
Kraft treten. Dabei ist jedoch unklar, inwiefern sich dieses Verbot wirklich auf
den Eintrag von Müll in die Meere auswirkt, obwohl der Meeresschutz als
eines der ausschlaggebenden Argumente angeführt wird. Aus Sicht der
Fragesteller ist ein konkreter Sachzusammenhang hier kaum festzustellen, weshalb
es innovativer und zielgenauer Lösungen statt eines schlichten Verbots
gewisser Artikel bedarf (
https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/nachhalti
gkeitspolitik/einwegplastik-wird-verboten-1763390).
Im Jahr 2017 schätzte die Bundesregierung die Menge an Abfällen allein auf
dem Meeresgrund der Nordsee auf rund 600 000 Kubikmeter. Zur besseren
Koordinierung und Fokussierung der Thematik schaffte man im Jahr 2016 auf
Initiative des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare
Sicherheit, des Umweltbundesamtes und des Landes Niedersachsen den soge-
Deutscher Bundestag Drucksache 19/28746
19. Wahlperiode 20.04.2021
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und
nukleare Sicherheit vom 20. April 2021 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
nannten Runden Tisch Meeresmüll, dem neben politischen
Entscheidungsträgern auch Experten verschiedenster Fachrichtungen angehören (
https://www.b
undesregierung.de/breg-de/aktuelles/gemeinsam-gegen-muell-in-nord-und-ost
see-323816). Die Ergebnisse dieses Gremiums stellen sich allerdings
insgesamt aus Sicht der Fragesteller als dürftig dar, zudem mangelt es an klaren und
entschlossenen Vorgaben.
Für die Rettung der Weltmeere müssen wir uns auch der Verantwortung für
deutsche Meeresgewässer bewusst werden. In der öffentlichen Diskussion
spielt dies derzeit eine untergeordnete Rolle. Aus Sicht der Fragesteller muss
daher Licht ins Dunkel gebracht werden und sich endlich mit der Thematik
befasst werden. Neben besserem Monitoring und intensiverer Forschung ist
dabei vor allem zügiges und effizientes Handeln gefragt, um eine weitere
Vergrößerung des bestehenden Problems zu verhindern.
V o r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Ergänzend zu den nachfolgenden Ausführungen verweist die Bundesregierung
auf ihre Antwort auf die in weiten Teilen gleichlautende Kleine Anfrage der
Fraktion BÜNDNIS 90/GRÜNEN auf Bundestagsdrucksache 19/22590.
1. Wie schätzt die Bundesregierung die Belastung deutscher
Meeresgewässer mit Müll, insbesondere Plastikmüll, derzeit ein?
Laut dem letzten EU-Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL)-
Zustandsbericht für Nord- und Ostsee aus dem Jahr 2018 findet sich Müll nahezu ubiquitär
in der Meeresumwelt, d. h. am Strand, auf dem Meeresboden und in der
Wassersäule, so auch in den deutschen Nord- und Ostseegewässern. Ihre
quantitative Belastung mit Meeresmüll entspricht den regionalen Befunden. Demnach
sind die deutschen Gewässer der Nord- und Ostsee auch im zweiten MSRL-
Bewertungszeitraum zu stark durch Müll belastet und der „Gute
Umweltzustand“ ist deshalb nicht erreicht (
www.meeresschutz.info/berichte-art-8-1
0.html).
Ein großer Teil des Mülls in marinen Gewässern befindet sich am
Meeresboden. Kunststoffe stellen den größten Teil des Mülls am Meeresboden dar. In
der Ostsee bestehen etwa 68 Prozent der Müllteile am Meeresboden aus
Kunststoffen. In der Nordsee sind dies 85 Prozent. Häufig gefunden werden Folien,
einzelne Leinen oder Seile aus synthetischen Fasern. Das Johann Heinrich von
Thünen-Institut untersucht regelmäßig den Müll am Meeresboden als Teil
internationaler Surveys (BITS und IBTS). Die Daten liegen in internationalen
Datenbanken seit etwa dem Jahr 2011 vor. Zeitliche Trends sind aus diesen
kurzen Datenreihen schwer ableitbar.
Etwa 90 Prozent des gefundenen Mülls an Stränden der Nordsee und 75
Prozent der Strandmüllfunde an der Ostsee sind Kunststoffe. Den Rest machen
Materialien wie Gummi, Metalle, Stoffe und Textilien, Glas, Holz oder Papier
aus. Kunststoffteile werden durch den Wind und Meeresströmungen
grenzüberschreitend über lange Strecken transportiert. Neben größeren Müllteilen wie
Plastiktüten oder -flaschen, Fischkisten oder verlorenen oder verlassenen
Netzen (sogenannten Geisternetzen) bekommt Mikroplastik eine immer größere
Umweltbedeutung und wird regelmäßig in Meeresorganismen nachgewiesen.
So stellt in der Gesamtbetrachtung auch das OSPAR Intermediate Assessment
2017* für den Nordostatlantik, inklusive der Nordsee fest, dass Müll an der
Küste ubiquitär vorhanden und am Meeresboden weit verbreitet ist. Kunststoffe
in Mägen von Eissturmvögeln als Indikatorart liegen weit über dem ökologi-
*
https://oap.ospar.org/en/ospar-assessments/intermediate-assessment-2017/pressures-human-activities/marine-litter/
schen Schwellenwert für die Nordsee. Abnehmende Trends in der
Müllbelastung der Strände und von Kunststoffpartikeln in Eissturmvogelmägen sind im
Beobachtungszeitraum der Jahre 2009 bis 2014 nicht festzustellen.
Der HELCOM State of the Baltic Sea* Bericht aus dem Jahr 2017 konstatiert,
dass etwa 70 Prozent der Müllfunde an Stränden der Ostseeanrainer aus
Kunststoffen bestehen. Ein zeitlicher Trend lässt sich aufgrund des kurzen
Untersuchungszeitraums hier noch nicht ableiten.
Meeresmüll hat neben ökologischen, auch sozioökonomische Auswirkungen
auf maritime Sektoren und insbesondere auf die Fischerei (z. B. Schäden an
Fischereigerät und Kontamination von Fängen), die Seeschifffahrt
(insbesondere Navigationssicherheit im Fall von Fanggerätverlusten) und den Tourismus
sowie auf Küstengemeinden. Für Strandreinigungen können hohe Kosten
entstehen, in Deutschland bis zu 65 000 Euro/km Strand jährlich
2. Welche Kenntnisse liegen der Bundesregierung über die konkreten
Mengen Plastikmüll in deutschen Meeresgewässern vor (bitte unter Angabe
von Quellen, wenn möglich nach Region, mindestens aber nach Nord-
und Ostsee aufschlüsseln)?
Die Erfassung des Mülls an deutschen Stränden erfolgt nicht nach Gewicht,
sondern nach der Anzahl von Müllteilen, die als Mengenindikator dienen und
die Müllkategorien gemäß der OSPAR-Methode zugeordnet werden (
www.osp
ar.org/work-areas/eiha/marine-litter/assessment-of-marine-litter/beach-litter).
Der letzte Bewertungszeitraum für deutsche Strände der südlichen Nordsee
betrifft den Zeitraum der Jahre 2011 bis 2017.
Strandmüll-Spülsaummonitoring
Nordsee 2011–2017
Jahr AnzahlMonitoringstrände
Anzahl
Erfassungen
Anzahl
Plastikmüllteile
2011 4 15 2.145
2012 4 16 2.287
2013 4 14 3.183
2014 4 14 2.069
2015 4 17 1.743
2016 4 14 1.497
2017 7 21 4.150
111 17.074
An Stränden der Ostsee findet erst seit dem Jahr 2013 ein reguläres Monitoring
statt; der erste Untersuchungszeitraum umfasst daher die Jahre 2013 bis 2018.
*
http://stateofthebalticsea.helcom.fi/pressures-and-their-status/marine-litter/
Strandmüll-Spülsaummonitoring
Ostsee 2013–2018
Jahr AnzahlMonitoringstrände
Anzahl
Erfassungen
Anzahl
Plastikmüllteile
2013 18 66 3.392
2014 22 86 4.179
2015 21 80 3.756
2016 21 78 2.967
2017 22 88 4.620
2018 22 77 2.771
475 21.685
Die folgende Tabelle gibt einen generellen Überblick zum Vorkommen von
Müll in den verschiedenen Meereskompartimenten (Quelle sind nationale
Monitoringaktivitäten, aus
www.umweltbundesamt.de/publikationen/kunststoffe-i
n-der-umwelt):
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3. Wie haben sich die Menge und der Eintrag sowie die Entnahme von
Plastikmüll in deutschen Meeresgewässern seit dem Jahr 2000
verändert?
Im Falle eines Anstiegs, was sind nach Kenntnis der Bundesregierung
die Gründe hierfür?
Wie im letzten MSRL-Zustandsbericht von Nord- und Ostsee aus dem Jahr
2018 dargestellt, konnte seit Beginn der Monitoringaktivitäten weder in
Nordnoch in Ostsee ein signifikanter Trend detektiert werden (
www.meeresschutz.in
fo/berichte-art-8-10.html).
4. Was sind nach Kenntnis der Bundesregierung die Quellen der
Verschmutzungen durch Plastikmüll in deutschen Meeresgewässern?
Welche Erkenntnisse liegen über den Zusammenhang zwischen
Plastikmüll und folgenden Branchen bzw. Wirtschaftsbereichen vor:
a) Fischerei,
b) Tourismus,
c) weitere Freizeitaktivitäten,
d) Transport und Logistik,
e) Industrie,
f) Handel?
Als gesichert darf gelten, dass die Einträge aus Tourismus- und
Freizeitaktivitäten und aus dem kommunalen Raum (Müll, der durch Flüsse und Kläranlagen
in die Meere gelangt) sowie aus seebasierten Quellen (Fischerei, Schifffahrt,
Offshore-Installationen) stammen; eine unmittelbare verursachergerechte
Zuordnung ist dabei mit Unsicherheiten behaftet.
An den deutschen Stränden der Nordsee stammen ca. 40 bis 50 Prozent der
Müllfunde aus seebasierten Quellen (Veiga et al. 2016* & Schernewski et al.
2018**). Im Betrachtungsgebiet Nordost-Atlantik (inklusive Nordsee), werden
weitere ca. 40 Prozent des Mülls aus Freizeit- und Tourismusaktivitäten und
aus dem kommunalen Raum eingetragen. Dabei handelt es sich um Müll (v. a.
Kunststoffe), der durch Flüsse und Kläranlagen in die Meere gelangt.
An den deutschen Ostseestränden stammt der meiste Müll aus Tourismus- und
Freizeitaktivitäten. Weitere Quellen sind die Einleitung von Abwässern,
Einträge aus der Schifffahrt, Offshore-Installationen und der Fischerei (50 Prozent),
gefolgt von Einleitungen durch Abwässer (25 Prozent),
(
www.umweltbundesamt.de/publikationen/kunststoffe-in-der-umwelt).
5. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung derzeit der Anteil der
Produkte, die in diesem Jahr EU-weit verboten werden, an der
Gesamtmenge des Plastikmülls in deutschen Meeresgewässern?
Auswertungen dieser Art wurden noch nicht vorgenommen und sind im Sinne
der o. g. Fragestellung nicht zu beantworten, da keine Berechnung der
Gesamtmenge des Plastikmülls in deutschen Meeresgewässern möglich ist. Das liegt
u. a. an der fortlaufenden Degradation von Kunststoffmüll zu Mikroplastik,
dem Bewuchs mit Organismen, der Einsedimentierung von Kunststoffteilen
*
https://ec.europa.eu/environment/marine/good-environmental-status/descriptor-10/pdf/MSFD_identifying_sources_of_
marine_litter.pdf#page=12&zoom=100,92,96
**
https://link.springer.com/article/10.1007/s11852-016-0489-x
und der Aufnahme von signifikanten Mengen durch Lebewesen. Die Produkte,
die verboten werden, gehören zu den wesentlichen Müllfunden (Top 10) an
europäischen Stränden (siehe
https://ec.europa/jrc/en/publication/top-marine-be
ach-litter-items-europe) und gelten damit als Näherung für die
Gesamtmüllbelastung der europäischen Meeresumwelt und als Begründung der EU-
Kommission, Regelungen für diese Produkte zu treffen.
6. Welchen Effekt für die Vermeidung von Plastikmüll in deutschen
Meeresgewässern erwartet die Bundesregierung vom Verbot der
Einwegprodukte in diesem Jahr?
Entsprechend der Ausführungen zu Frage 5 ist eine Quantifizierung nicht
möglich. Der größte Effekt ist nach vollständigem Abverkauf der bereits in Verkehr
gebrachten Produkte zu erwarten.
7. Welche Umweltgefahren gehen nach Kenntnis der Bundesregierung von
Plastikmüll in den deutschen Meeresgewässern aus?
Vor allem Verpackungsmaterialien und Abfälle aus Fischerei sowie Schifffahrt,
wie Netzreste oder Taue, sind für den Tod von mehr als einer Million
Seevögeln und weiteren circa 100 000 Meereslebewesen weltweit ursächlich. Auch
in deutschen Gewässern ist bekannt, dass sich marine Arten regelmäßig in
Müllteilen verheddern und strangulieren oder den Müll fressen und
verschlucken.
Ein Anteil von Kunststoffmüll aus der Fischerei im Spülsaummonitoring der
Nordsee ist auf Dolly Ropes zurückzuführen, die als Scheuerschutz eingesetzt
und geplant freigesetzt werden. Dies ist wichtig zu differenzieren, weil durch
eine Regeländerung leicht ein großer Teil des durch die Fischerei freigesetzten
Meeresmülls vermieden werden könnte. Aus diesem Grund wird an
Alternativen für den Dolly Ropes z. B. im Projekt DRopS (s. a. Antwort zu Frage 16)
gearbeitet.
So zeigte eine Studie des Umweltbundesamts (UBA) in der Basstölpelkolonie
auf Helgoland in den vergangenen Jahren, dass 97 Prozent der Nester
Kunststoffe enthielten. Es handelte sich vor allem um Materialien aus der Fischerei
(z. B. Netzreste, Leinen, Schnüre und Scheuerschutz von Schleppnetzen), Taue
und Verpackungen. In diesem Zusammenhang wurde ermittelt, wie viele der
jungen, noch nicht geschlechtsreifen Basstölpel sich in Müll verstricken und
strangulieren, der durch die Elterntiere in die Nester eingetragen wird (
www.u
mweltbundesamt.de/publikationen/kunststoffe-in-der-umwelt).
8. Welche Gesundheitsgefahren für Menschen und für Tiere gehen nach
Kenntnis der Bundesregierung von Plastikmüll in deutschen
Meeresgewässern aus?
Zu den unmittelbaren Gefahren wird auf die Antwort zu Frage 7 verwiesen.
Mikroplastik kann in Organismen sowohl mechanische als auch andere Effekte
hervorrufen. Durch die Interaktion von Mikroplastik mit anderen
Umweltchemikalien ist eine zusätzliche Belastung möglich. Zudem enthält Mikroplastik
meist Additive, die ebenfalls schädliche Effekte auf Organismen haben können.
Für eine gesundheitliche Risikobewertung des Verzehrs von mit Mikro- oder
Nanoplastikpartikeln verunreinigter Nahrung fehlen bislang belastbare Daten
zur Toxizität und Exposition.
9. Welche Strategie verfolgt die Bundesregierung zum zukünftigen
Umgang mit Plastikmüll in deutschen Meeresgewässern?
Die Strategie der Bundesregierung ist weiterhin die Vermeidung des Eintrags
von Meeresmüll durch quellenbezogene Maßnahmen. Im Übrigen wird auf die
Antworten zu den Fragen 12 und 13 verwiesen.
10. Welche Projekte der Bundesregierung gibt es zur Forschung im
Zusammenhang mit Plastikmüllverschmutzung in deutschen Meeresgewässern?
Sollte es keine Projekte geben, weshalb nicht?
Seitens des Bundesministerium für Bildung und Forschung wurden oder
werden 36 Vorhaben mit einer Fördersumme in Höhe von insgesamt 12 Mio. Euro
durchgeführt (siehe anliegende Tabelle). Da die fraglichen Prozesse und
Kreisläufe globaler Natur sind und über Strömungen sowie atmosphärische Einträge
im Zusammenhang stehen, sind in der Anlage nicht nur die Projekte erfasst,
die Plastikverschmutzung ausschließlich in den deutschen Meeresgewässern
erfassen, sondern alle Projekte, die im Zusammenhang mit der
Plastikverschmutzung der deutschen Meeresgewässer stehen.
Am Thünen-Institut (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft,
BMEL) wurden und werden drei Forschungsvorhaben mit einer Fördersumme
von ca. 1 Mio. Euro durchgeführt. Im Übrigen wird auf die Antwort auf
Frage 16 verwiesen.
Alle aufgeführten Projekte liefern Erkenntnisse, die für die deutschen
Meeresgewässer genutzt und auf sie übertragen werden können. Viele der Projekte
dienen u. a. der Entwicklung von Überwachungsstrategien im Rahmen der MSRL.
11. Welche Projekte der Bundesregierung gibt es zur Vermeidung des
Eintrags von Plastikmüll in deutsche Meeresgewässer?
Sollte es keine Projekte geben, weshalb nicht?
Am Thünen-Institut (BMEL) wird das folgende Projekt durchgeführt:
„Verringerung des Kunststoffmülls aus Krabbenfischerei durch Netzmodifikationen“
(finanziert durch Bundesländer und EU mit 421 000 Euro, Laufzeit Januar
2018 bis Mai 2021).
Weitere Projekte werden in der Antwort zu Frage 16 aufgeführt.
12. Welche Projekte der Bundesregierung gibt es zur Entnahme von
Plastikmüll aus deutschen Meeresgewässern?
Sollte es keine Projekte geben, weshalb nicht?
Es wird auf die Antwort zu Frage 16 verwiesen. Das Bundesministerium für
Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) arbeitet zudem derzeit im
Rahmen der Umsetzung der Richtlinie (EU) 2019/904 (Richtlinie über die
Verringerung der Auswirkungen bestimmter Kunststoffprodukte auf die Umwelt)
an einer Beteiligung der Hersteller von Fischfanggeräten, die Kunststoff
enthalten, an den Kosten der Entsorgung. Hierbei arbeitet das BMU eng mit den
am Projekt „fishing for litter“ beteiligten Parteien zusammen.
13. Welche ökologischen Gefahren gibt es nach Kenntnis der
Bundesregierung bei der Entnahme von Plastikmüll aus dem Meer?
Je nach Entnahmemethode und avisierter Müllfraktion ist mit unterschiedlich
deutlichen möglichen Auswirkungen auf die Meeresumwelt zu rechnen. Die
dazu notwendige Forschung ist noch längst nicht abgeschlossen. Bei jeglicher
Entnahme von Müll aus dem Meer sollte darauf geachtet werden, dass dies in
nachhaltiger Form und auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse erfolgt.
Derzeit scheint eine Entnahme des Mülls daher nicht ohne Risiken für die
Meeresökosysteme, weil dies gleichzeitig die Entnahme von Meeresorganismen
bedeuten kann, die als „Beifang“ entweder direkt aus der Wassersäule oder als auf
den Müllteilen festsitzende Organismen entnommen werden. Mit sinkender
Größe und steigender Verteilung des Plastikmülls über die Wassersäule steigen
die möglichen Auswirkungen der Entnahme zusammen mit dem Aufwand. Im
Übrigen wird auch auf die Antwort zu Frage 9 verwiesen.
14. Welche internationalen Kooperationen gibt es zum Umgang mit bzw. zur
Vermeidung von Plastikmüll in der Nord- und Ostsee?
Sollte es keine Projekte geben, weshalb nicht?
Für Nord- und Ostsee finden die wichtigsten Kooperationen im Rahmen der
Regionalen Meeresschutzübereinkommen für den Nordostatlantik inklusive der
Nordsee (OSPAR) und die Ostsee (HELCOM) statt. Der OSPAR-Aktionsplan
gegen Meeresmüll für den Nordostatlantik wurde im Jahr 2014 angenommen,
der HELCOM-Aktionsplan gegen Meeresmüll für die Ostsee im Jahr 2015.
Beide Pläne wurden unter deutscher Federführung erarbeitet und befinden sich
aktuell in der Revision.
15. Welche Rolle spielen Gremien, wie z. B. die
Ostseeparlamentarierkonferenz, beim Umgang mit Plastikmüll in den Meeren?
Auf Grund der grenzüberschreitenden Natur des Problems der
Meeresvermüllung spielen, neben den nationalen Gremien, die regionalen und internationalen
Gremien zur Koordinierung und Abstimmung einer gemeinsamen
Herangehensweise eine herausragende Rolle. Die themenunabhängig bestehende
Beobachterfunktion der Ostseeparlamentarierkonferenz bei HELCOM stellt die
politische Flankierung der dort bearbeiteten Themen, d. h. auch des Themas
‚Meeresmüll‘, sicher.
16. Welche finanziellen Mittel wurden seit 2013 seitens des Bundes jeweils
jährlich für jeweils welche konkreten Projekte für den Umgang mit
Plastikmüll in deutschen Meeren zur Verfügung gestellt?
Am UBA liefen und laufen folgende Projekte:
F&E-Projekte (Zuwendungssummen zwischen 200 000 bis 1 200 000 Euro):
• Unterstützung Runder Tisch Meeresmüll (Laufzeit 2020 bis 2023)
• Entwicklung von Bewertungsmethoden und Vorbereitung einer
Langzeitüberwachung der Belastung verschiedener Meereskompartimente und Biota
durch marine Abfälle (Meeresmüll) (Laufzeit 2017 bis 2021)
• Kohärentes Monitoring der Belastungen deutscher Meeres- und
Küstengewässer mit menschlichen Abfällen und der ökologischen Konsequenzen
mit weiterem Fokus auf eingehende Identifizierung der Quellen (Laufzeit
2013 bis 2016)
• Bewertung und Quantifizierung von Auswirkungen mariner Abfälle auf
Meeresorganismen (Laufzeit 2013 bis 2014)
Verbändeförderung (Zuwendungssummen max. 150 000 Euro):
• WWF: Sonarabklärung von Unterwasserhindernissen zur Suche nach und
Bergung von verlorenem Fischereigerät mit Unterstützung von
ortsansässigen Tauchern in der Ost- und Nordsee (Laufzeit 2019 bis 2021)
• Bildungscent: Modellprojekt LehrerSchule: Plastikmeere (Laufzeit 2017 bis
2019)
• NABU: Entwicklung und Implementierung von kommunalen Maßnahmen
gegen Abfälle im Meer (Laufzeit 2016 bis 2018)
• Project Blue Sea: Entwicklung von Lernmodulen zu Meeresmüll für die
Grundschule (Laufzeit 2016 bis 2017)
• NAJU: Plastikfrei – Jugendprojekt gegen Plastikmüll in Gewässern
(Laufzeit 2015 bis 2017)
• BUND: Vision – Meere ohne Plastik (Laufzeit 2011 bis 2013)
• NABU: Aufbau der Fishing-for-Litter-Initiative (Laufzeit 2011 bis 2013)
Gutachten (Zuwendungssummen zwischen 20 000 bis 50 000 Euro):
• Untersuchung der Einsatzmengen von Mikroplastikpartikeln in
kosmetischen Mitteln und Einschätzung des Einsatzes dieser Mikropartikel in
anderen Anwendungsbereichen sowie Schätzung des Eintrags aus anderen
Quellen
• Analyse der Sanktionen und Geldstrafen durch Vertragsstaaten der
regionalen Meeresschutzübereinkommen OSPAR (Nordsee) und HELCOM
(Ostsee) für Verstöße gegen Einbringungsverbote von Müll ins Meer
• Identifizierung von Lücken in bestehender Abfallsammlungs- und
Abfallentsorgungspraxis, die zum unkontrollierten Eintrag von Müll in die
Meeresumwelt führen und Zusammenstellung von Beispielen guter
Umweltpraxis zur Vermeidung, Sammlung und Wiederverwertung von Abfällen
(mit Fokus auf Kunststoffe und Topbefunde in der Meeresumwelt)
Am Thünen-Institut (BMEL) liefen und laufen folgende Projekte
(Zuwendungssumme insgesamt ca. 1 Mio. Euro.)
• Verringerung des Kunststoffmülls aus Krabbenfischerei durch
Netzmodifikationen DRopS (finanziert durch Bundesländer und EU mit 421 000 Euro,
Laufzeit Januar 2018 bis Mai 2021)
• Bedeutung und Bewertung von Meeresmüll aus der marinen
Freizeitfischerei und Maßnahmen zur Vermeidung (finanziert durch Bundesländer mit
39 000 Euro, Laufzeit Juli 2018 bis Februar 2019)
• Plastikmüll und Meeresfische PlasM (finanziert durch BMEL mit
407 000 Euro, Laufzeit Juli 2017 bis Dezember 2021)
17. Wie gestalten sich Zuständigkeiten und Kooperationen verschiedener
Ressorts auf Bundesebene zum Umgang mit Plastikmüll in deutschen
Meeresgewässern?
Die Zuständigkeiten richten sich nach den jeweils gültigen Ressortaufträgen
und -zuschnitten, die Kooperation findet auf Basis der Gemeinsamen
Geschäftsordnung der Bundesministerien statt. Die beim Thema Meeresmüll
national prioritär betroffenen Ministerien für Umwelt, Naturschutz und
nukleare Sicherheit, Verkehr und digitale Infrastruktur, Ernährung und
Landwirtschaft, Wirtschaft und Technologie sowie Bildung und Forschung arbeiten
konstruktiv und lösungsorientiert zusammen.
18. Wie gestaltet sich die Kooperation der Bundesregierung mit den
Landesregierungen zum Umgang mit Plastikmüll in deutschen
Meeresgewässern?
Die unmittelbare Zusammenarbeit mit den Ländern findet vorrangig im
Rahmen der etablierten Strukturen der Bund-Länder-Zusammenarbeit statt. Für die
beim Thema Meeresmüll prioritär betroffenen Küstenbundesländer ist hier vor
allem die Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Nord- und Ostsee (BLANO) zu
nennen. Auf politischer Ebene sind die einschlägigen der Gremien der
Minister*innenkonferenzen zu nennen. Die Beteiligten arbeiten auch in dieser
Konstellation auf allen Ebenen konstruktiv und lösungsorientiert zusammen.
19. Welche Ergebnisse hat der sogenannte Runde Tisch Meeresmüll unter
Teilnahme des Landes Niedersachsen, des Bundesumweltministeriums
und des Umweltbundesamtes bislang erzielt?
Am Runden Tisch Meeresmüll werden die nationalen MSRL-
Maßnahmenvorschläge gegen Meeresmüll im Detail betrachtet, diskutiert und Konzepte für die
Umsetzung entwickelt. Zusätzlich werden weitere Handlungsschwerpunkte
identifiziert. Ausgewählte abgestimmte Ergebnisse werden als Produkte
veröffentlicht. Sie können unterschiedlicher Natur sein und reichen von
Sachständen über Empfehlungen bis hin zu Leitfäden, zu finden unter:
https://muell-im-
meer.de/ergebnisse/produkte.
Die Arbeiten beim Runden Tisch Meeresmüll werden unterstützt durch die
Vergabe von Studien, Bewertungen und Gutachten. So können zusätzliches
Expert*innenwissen eingeholt und komplexe Sachverhalte aufgearbeitet
werden. Ausgewählte Zuarbeiten werden hier veröffentlicht:
https://muell-im-mee
r.de/ergebnisse/zuarbeiten.
Ein wesentlicher Punkt darüber hinaus ist die enge Vernetzung, die unter den
Mitwirkenden stattfindet und z. B. in gemeinsame Workshops und
Zusammenarbeit in Projekten mündet, siehe auch den Anhang des Zwischenberichts
(
https://muell-im-meer.de/ergebnisse/ein-jahr-runder-tisch-meeresmüll) und die
bestehende Projektdatenbank (
https://muell-im-meer.de/aktivitaeten). Die
Vorlage des nächsten Zwischenberichts ist für das Jahr 2022 geplant.
20. Welche konkreten Teilnehmer partizipieren am „Runden Tisch
Meeresmüll“, und wie oft hat dieser seit seiner Einführung im Jahr 2016 getagt?
Der Runde Tisch Meeresmüll hat seit dem Jahr 2016 acht Mal inhaltlich getagt.
Dazu kamen eine Auftaktveranstaltung im Jahr 2016 und eine
Jahresversammlung im Jahr 2017. Am Runden Tisch Meeresmüll wirken circa. 150
Teilnehmende mit, die konkreten Teilnehmenden sind unter folgendem Link einsehbar:
https://muell-im-meer.de/ueberuns-mitglieder.
21. Weshalb ist beim „Runden Tisch Meeresmüll“ lediglich Niedersachsen
als deutsches Küstenland beteiligt?
Beim Runden Tisch Meeresmüll wirken Expert*innen aus allen
Küstenbundesländern im Rahmen zweier Arbeitsgruppen mit (AG Seebasierte und AG
Landbasierte Einträge). Niedersachsen stellt zusätzlich Ressourcen für die Leitung
und Geschäftsführung der AG Seebasierte Einträge zur Verfügung und hat
neben BMU und UBA die Schirmherrschaft inne. Die Leitung und
Geschäftsführung der AG Landbasierte Einträge liegen beim UBA.
22. In welchem finanziellen und personellen Umfang sind Mittel für den
„Runden Tisch Meeresmüll“ bislang zur Verfügung gestellt worden?
Niedersachsen (Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz und
Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und
Naturschutz) und UBA stellen sowohl die Leitungen als auch die
Geschäftsführungen der AGs Seebasierte und Landbasierte Einträge. Zwischen den Jahren 2020
bis 2023 läuft am UBA weiterhin ein Projekt zur Unterstützung des Runden
Tisches Meeresmüll bei der Operationalisierung der Maßnahmenvorschläge zu
Umweltziel 5 der EU-MSRL „Reduktion von Müll im Meer“. Des Weiteren
wurden und werden finanzielle Mittel beispielsweise zur Bereitstellung und
zum Betrieb der Internetseite und für die Erarbeitung und Fertigstellung von
Zuarbeiten und Produkten verwendet.
Deutscher Bundestag – 19. Wahlperiode – 13 – Drucksache 19/28746
Deutscher Bundestag – 19. Wahlperiode – 15 – Drucksache 19/28746
Deutscher Bundestag – 19. Wahlperiode – 17 – Drucksache 19/28746
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ISSN 0722-8333]