[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Matthias Seestern-Pauly, Katja Suding,
Grigorios Aggelidis, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
– Drucksache 19/28898 –
Demokratieakzeptanz von Kindern und Jugendlichen
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Die junge Generation ist die Zukunft unseres Landes. Werte wie Freiheit,
Pluralität und Demokratie sind zentrale Bestandteile unserer Gesellschaft und
politischen Ordnung. Daher ist es aus Sicht der Fragesteller geboten, die
Demokratieakzeptanz von Kindern und Jugendlichen näher zu beleuchten.
Eine repräsentative Umfrage des Deutschen Kinderhilfswerks (DKHW) zum
Weltkindertag 2019 hat ergeben, dass das Zutrauen der Elterngeneration in die
Demokratiekompetenz von Kindern und Jugendlichen geteilt ist: Während
69 Prozent der Befragten den Kindern und Jugendlichen die Übernahme von
Verantwortung für den Erhalt der Demokratie im Erwachsenenalter zutrauen,
verneinen dies 28 Prozent (
https://www.dkhw.de/aktionen/weltkindertag/umfr
age-zum-weltkindertag-2019/). Doch auch wenn 28 Prozent der
Elterngeneration die Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen zur Demokratie
skeptisch sehen, so ist die Akzeptanz der Demokratie als Staatsform bei Kindern
und Jugendlichen sehr hoch.
So kommt die 18. Shell Jugendstudie aus dem Jahr 2019 zu dem Ergebnis:
„Für die große Mehrheit der Jugendlichen in Deutschland ist die Demokratie
als Staatsform selbstverständlich.“ (
https://www.shell.de/ueber-uns/shell-juge
ndstudie/_jcr_content/par/toptasks.stream/1570708341213/4a002dff58a7a954
0cb9e83ee0a37a0ed8a0fd55/shell-youth-study-summary-2019-de.pdf).
Gleichzeitig glauben laut der Studie jedoch auch 71 Prozent der Jugendlichen,
nicht, dass sich „Politiker darum kümmern, was Leute wie ich denken“
(
https://www.shell.de/ueber-uns/shell-jugendstudie/_jcr_content/par/toptasks.s
tream/1570810209742/9ff5b72cc4a915b9a6e7a7a7b6fdc653cebd4576/shell-y
outh-study-2019-flyer-de.pdf).
Aus Sicht der Fragesteller muss Demokratie immer wieder aufs Neue gelebt
und gelernt werden. Vor diesem Hintergrund ist es aus Sicht der Fragesteller
von Interesse, die Bundesregierung zu ihren Aktivitäten und Erkenntnissen in
Bezug auf die Demokratieakzeptanz und das Vertrauen in die Politik von
Kindern und Jugendlichen zu befragen.
Deutscher Bundestag Drucksache 19/30281
19. Wahlperiode 03.06.2021
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend vom 3. Juni 2021 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
1. Welche Studien und repräsentativen Erhebungen zur
Demokratieakzeptanz von Kindern und Jugendlichen liegen der Bundesregierung vor
(bitte für die letzten fünf Jahre aufschlüsseln)?
Der Bundesregierung liegen die entsprechenden Daten aus den einschlägig
bekannten und öffentlich zugänglichen Studien und Erhebungen vor, wie sie etwa
für den 16. Kinder- und Jugendbericht zum Thema „Förderung demokratischer
Bildung im Kindes- und Jugendalter“ (Bundestagsdrucksache 19/24200) und
für den 15. Kinder- und Jugendbericht zum Thema „Zwischen Freiräumen,
Familie, Ganztagsschule und virtuellen Welten – Persönlichkeitsentwicklung und
Bildungsanspruch im Jugendalter“ (Bundestagsdrucksache 18/11050) analysiert
wurden.
So untersucht die Shell Jugendstudie seit den 1950er Jahren die Einstellungen,
Werte und Gewohnheiten von jungen Menschen in Deutschland. Dabei liegt ein
Fokus auch auf den politischen Einstellungen und dem Demokratieverständnis
der Befragten. Die letzte Shell Jugendstudie ist aus dem Jahr 2019, eine
Zusammenfassung ist verfügbar über:
https://www.shell.de/about-us/shell-youth-s
tudy/_jcr_content/par/toptasks.stream/1570708341213/4a002dff58a7a9540cb9
e83ee0a37a0ed8a0fd55/shell-youth-study-summary-2019-de.pdf).
Weiterhin zu nennen ist die SINUS-Jugendstudie, die auch die Assoziationen
und Gedanken von Jugendlichen zu Demokratie und Politik abfragt. Sie wird
seit 2008 im Abstand von vier Jahren durchgeführt (verfügbar über:
https://ww
w.bpb.de/system/files/dokument_pdf/SINUS-Jugendstudie_ba.pdf).
Beispielhaft sind außerdem die Leipziger Autoritarismus-Studie (verfügbar
über:
https://www.boell.de/sites/default/files/leipziger_autoritarismus-studie_2
018_-_flucht_ins_autoritaere_.pdf?dimension1=ds_leipziger_studie), der
Datenreport 2018 (verfügbar über:
https://www.destatis.de/DE/Service/Statistik-C
ampus/Datenreport/Downloads/datenreport-2018.pdf;jsessionid=37E0D7D97A
C920AF1852C66A6EC83EC0.live721?__blob=publicationFile), die
Veröffentlichung der Stiftung Neue Verantwortung e. V. (verfügbar über:
www.stiftung-n
v.de/de/publikation/quelle-internet-digitale-nachrichten-und-informationskomp
etenzen-der-deutschen) sowie die JIM-Studien (verfügbar über:
www.mpfs.de/s
tudien/jim-studie/2019/) zu nennen.
2. Welche Studien und repräsentativen Erhebungen zur
Demokratieakzeptanz von Kindern und Jugendlichen hat die Bundesregierung strukturell
oder finanziell gefördert (bitte unter Angabe der Höhe der Förderung, der
Fördernehmer sowie des zuständigen Bundesministeriums jährlich für
die letzten fünf Jahre aufschlüsseln)?
Die Bundeszentrale für politische Bildung hat 2019/2020 im Rahmen der
qualitativen SINUS-Jugendstudie „Wie ticken Jugendliche?“ Studienteile zu den
Themen Politik/Politikverständnis, politische Rollenbilder/Glaubwürdigkeit,
politische Themen und Prioritäten und Ästhetik von Politik beim SINUS-
Institut beauftragt. Der Auftragswert lag bei ca. 110 000 Euro inklusive
Mehrwertsteuer. Im Jahr 2020 wurde als Ergänzung zu den beauftragten Themen
eine Nachbefragung zum Thema „Jugend und Corona“ im finanziellen Umfang
von ca. 41 000 Euro inklusive Mehrwertsteuer beauftragt.
Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) hat von 2019
bis 2021 die Untersuchung „‘Quelle: Internet‘? Digitale Nachrichten- und
Informationskompetenz der deutschen Bevölkerung im Test.“ gefördert. Mittels
4 194 Online-Interviews wurde die Nachrichten- und Informationskompetenz
von Internetnutzerinnen und -Internetnutzern ab einem Alter von 18 Jahren
untersucht. Zuwendungsempfängerin ist die Stiftung Neue Verantwortung e. V.
(SNV). Die Höhe der Förderung beläuft sich auf insgesamt 129 571,56 Euro
(2019: 13 282,50 Euro, 2020: 73 532 Euro, 2021: 44 757,06 Euro).
Ergänzend wird darauf hingewiesen, dass das Bundesministerium für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) das Deutsche Jugendinstitut für
die Durchführung des Projekts „Arbeits- und Forschungsstelle
Demokratieförderung und Extremismusprävention“ mit 655 024,13 Euro in 2020 und
660 530,99 Euro in 2021 fördert.
3. Welche zentralen Schlüsse und Erkenntnisse hat die Bundesregierung aus
diesen Studien und repräsentativen Erhebungen gezogen (bitte für die
letzten fünf Jahre aufschlüsseln)?
Insgesamt liegt in Deutschland die Zustimmung zur „Demokratie als Idee“ in
den letzten Jahren durchgängig bei über 90 Prozent (vgl. Leipziger
Autoritarismus-Studie 2018). Bei den 15- bis 25-Jährigen besteht der Eindruck, es
handle sich bei der Demokratie um eine „gute Staatsform“ bei 86 Prozent im
Westen und 80 Prozent im Osten (vgl. Shell Jugendstudie 2019).
Die „Demokratie, wie sie in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert“,
befürworten demgegenüber aktuell nur 53,3 Prozent der Gesamtbevölkerung (vgl.
Leipziger Autoritarismus-Studie 2018). Auch bei den 15- bis 25-Jährigen
bleiben die Zustimmungs-werte für die „Demokratie, wie sie in Deutschland
besteht“ – mit aktuell 77 Prozent Zufriedenen – unterhalb der Werte, die die
Akzeptanz von Demokratie als Staatsform erreicht. Bei AfD-Anhängerinnen und
AfD-Anhängern äußern nur 15 Prozent (im Westen Deutschlands) bzw. 16
Prozent (in Ostdeutschland) „Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie
in Deutschland“ (vgl. Datenreport 2018). Bei den Jüngeren im Alter zwischen
15 und 25 Jahren zeigen sich „nationalpopulistisch“ Orientierte zu 65 Prozent
unzufrieden mit der Demokratie in Deutschland und es steht nahezu ein Viertel
(23 Prozent) der Demokratie als Staatsform tendenziell ablehnend gegenüber
(vgl. Shell Jugendstudie 2019).
Als ein Hintergrund für die teilweise erhebliche Differenz zwischen der
Bewertung von Verfassungsnorm und Verfassungsrealität kann laut 16. Kinder- und
Jugendbericht das Gefühl eigener politischer Benachteiligung und
Machtlosigkeit ausgemacht werden. Politische Vertrauensverluste und Empfindungen der
Entkoppelung von politisch relevanten Entscheidungen, d. h. der Eindruck,
politische Lebensgestaltungsoptionen verwehrt oder beschränkt zu bekommen,
sowie eine Skepsis hinsichtlich der Funktionalität der repräsentativen
Demokratie in Deutschland begünstigen die Abwertung gesellschaftlicher
Gruppierungen, die als „Andere“ betrachtet werden. So finden Statements wie „Leute
wie ich haben sowieso keinen Einfluss darauf, was die Regierung tut“ (mit
70 Prozent) und „Ich halte es für sinnlos, mich politisch zu engagieren“ (mit
58,2 Prozent) in der Gesamtbevölkerung hohe Zustimmungswerte (vgl.
Leipziger Autoritarismus-Studie 2018). Bei jungen Menschen sind 71 Prozent zurzeit
der Ansicht, dass Politikerinnen und Politiker sich nicht „darum kümmern, was
Leute wie ich denken“. Überproportional ist solche Politik(er)verdrossenheit
vorhanden bei Befragten mit Demokratieunzufriedenheit und geringer
Einflusserwartung (vgl. Shell Jugendstudie 2019).
Mit dem Konzept der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ (GMF)
wird in breit angelegten Studien seit 2002 das Ausmaß von Vorurteilen
gegenüber gesellschaftlich schwachen Gruppen in der sogenannten Mitte der
Gesellschaft untersucht. Damit ist eine Einstellung und feindlich aufgeladene
Aktivitätsbereitschaft gemeint, die eine Person oder Personengruppe allein schon
deshalb ablehnt, weil sie als einem gesellschaftlichen Kollektiv zugehörig erachtet
wird, das als „anders“ als die Eigengruppierung und damit als „fremd“
erscheint. Aktuell richtet sich der Blick der GMF-Forschung auf 13 Elemente:
Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit,
Abwertung von Sinti und Roma, Abwertung von asylsuchenden Menschen,
Sexismus, Abwertung homosexueller Menschen, Abwertung von Trans*Menschen,
Abwertung wohnungsloser Menschen, Abwertung langzeitarbeitsloser
Menschen, Abwertung von Menschen mit Behinderung, Etabliertenvorrechte. Laut
16. Kinder- und Jugendbericht zeigen die aktuellen Befunde zum Verhältnis
von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Demokratieeinstellungen
grundsätzlich, dass pluralistische Demokratiebefürwortung und
Demokratievertrauen bis auf wenige Ausnahmen negativ mit Vorurteilen korreliert. Hingegen
hängen ein illiberales Demokratieverständnis und das Gefühl politischer
Machtlosigkeit deutlich positiv mit Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit
zusammen.
4. Wie bewertet die Bundesregierung die Entwicklung der
Demokratieakzeptanz von Kindern und Jugendlichen in den letzten fünf Jahren?
Demokratie und demokratisches Verhalten müssen von jeder neuen Generation
neu gelernt und eingeübt werden. Junge Menschen wachsen heute in einer Zeit
auf, die geprägt ist von tiefgreifenden gesellschaftlichen Entwicklungen, z. B.
von Globalisierung, Klimawandel, Migration, Digitalisierung und
demografischem Wandel. Diese sogenannten Megatrends und Krisenphänomene fordern
die Demokratie heraus und stellen gleichzeitig das „gesellschaftliche
Aufgabenportfolio für die heutige junge Generation“ (16. Kinder- und Jugendbericht)
dar. Zudem wird die Demokratie mit Einstellungen und Aktivitäten
konfrontiert, die ihr mit Skepsis begegnen, sie unterhöhlen oder sie sogar offen
angreifen. Dazu gehören z. B. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sowie
Rechtsextremismus und -populismus.
Die Bundesregierung ist davon überzeugt, dass politische Bildung den
fortwährenden Auftrag hat, Demokratie und ihre Prinzipien zu vermitteln. Daneben
muss es in der politischen Bildung stets um die Art und Weise der
gesellschaftlichen Verständigung über allgemein verbindliche Regeln gehen. Die politische
Bildung angesichts dieser Bedeutung und Verantwortung angemessen zu
würdigen und zu fördern, gehört zu den ständigen Verpflichtungen der
Bundesregierung. Um ihre Aufgaben in Anbetracht der genannten Herausforderungen
leisten zu können, braucht die politische Bildung im Kindes- und Jugendalter
zweifellos mehr Gewicht.
5. Welche Initiativen hat die Bundesregierung auf Grundlage der ihr
vorliegenden Erkenntnisse in den letzten fünf Jahren initiiert, mit dem Ziel, die
Demokratieakzeptanz von Kindern und Jugendlichen zu stärken?
Mit ihrer am 3. Dezember 2019 beschlossenen ressortübergreifenden
Jugendstrategie verfolgt die Bundesregierung u. a. das Ziel, die Teilhabe junger
Menschen an politischen Prozessen zu stärken. Gerade in einer älter werdenden
Gesellschaft, in der die jüngere Bevölkerungsgruppe einen immer kleineren Anteil
einnimmt, gilt es sicherzustellen, dass die Perspektiven und Bedarfe der jungen
Generation angemessen berücksichtigt werden. Die Jugendstrategie der
Bundesregierung (
https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/in-gemeinsa
mer-verantwortung--politik-fuer--mit-und-von-jugend/146332) bildet mit ihren
Maßnahmen, Handlungsbedarfen und Beteiligungsformaten einen Rahmen, um
den Anliegen von Jugendlichen mehr Gehör zu schenken und Jugendliche
sowie ihre Interessenvertretungen an politischen Entscheidungsprozessen zu
beteiligen. Für eine nachhaltige Beteiligungslandschaft vor Ort fördert das
BMFSFJ im Rahmen der Jugendstrategie z. B. die Initiative „Starke Kinder-
und Jugendparlamente“ und eine dazugehörige Akademie. Wenn Kinder und
Jugendliche früh die Erfahrung machen, dass ihre Meinung zählt und ihr
Engagement etwas bewirkt, werden sie auch später unsere Demokratie zu schätzen
und wenn nötig auch zu verteidigen wissen.
Hierbei sind der Bundesregierung die Empfehlungen des 16. Kinder- und
Jugendberichts eine wichtige Richtschnur. Die Sachverständigenkommission des
16. Kinder- und Jugendberichts empfiehlt, politische Bildung für alle
Menschen und zwar vom Kindesalter an zugänglich zu machen. Politische Bildung
und politische Beteiligung sollten dabei Hand in Hand gehen. Eigene
demokratische Erfahrungen und konkrete Mitwirkung sind unverzichtbar, um Wissen
auch umsetzen zu können und sich für unsere Demokratie einzusetzen.
Über das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ fördert das BMFSFJ
zahlreiche Projekte, die sich der Demokratiebildung junger Menschen widmen und
Kinder und Jugendliche dazu ermuntern und befähigen, sich demokratisch zu
beteiligen.
Darüber hinaus hat die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in den
letzten fünf Jahren eine Reihe von Produkten und Maßnahmen zum Thema
Mitwirkung/Mitbestimmung/Demokratie entworfen, die sich speziell an Kinder und
Jugendliche richten, wie z. B. diverse Unterrichtsmaterialien in Form von
Themenheften und Hörbüchern, Webvideo- und Social-Web-Projekten
(Ideenwettbewerb „Partizipation fördern – vor und nach der Bundestagswahl 2021“:
www.bpb.de/webvideo, Space Cabin:
www.bpb.de/311004) und YouTube-
Formaten (#erstewahl2017:
www.bpb.de/310934).
Viele weitere Projekte der Bundeszentrale für politische Bildung im Bereich
Bewegtbild stützen sich auf Erkenntnisse diverser (Mediennutzungs-)Studien
und zielen auf die (digitale) Bereitstellung von Informationsangeboten sowie
Beteiligung von jungen Menschen an Meinungsbildungsprozessen. Einen
Überblick über die Aktivitäten der letzten Jahre findet sich hier:
https://www.bp
b.de/309743.
Darüber hinaus ist es ein Anliegen des „Netzwerks Verstärker“ (
https://www.bp
b.de/veranstaltungen/netzwerke/verstaerker/), gezielt Jugendliche und junge
Erwachsene, die von herkömmlichen Formaten der politischen Bildung nicht
angesprochen werden, mit politischen Bildungsformaten anzusprechen.
Dadurch sollen politische Artikulations- und Beteiligungsprozesse auch bei
Jugendlichen initiiert werden, deren Meinung sonst kaum gehört wird.
6. Welche Studien und repräsentativen Erhebungen liegen der
Bundesregierung über das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen in Parlamente
und politische Parteien vor (bitte für die letzten fünf Jahre
aufschlüsseln)?
Auf die Antwort zu Frage 1 wird verwiesen.
7. Welche Studien und repräsentativen Erhebungen zum Vertrauen von
Kindern und Jugendlichen in Parlamente und politische Parteien hat die
Bundesregierung strukturell oder finanziell gefördert (bitte unter Angabe
der Höhe der Förderung, der Fördernehmer sowie des zuständigen
Bundesministeriums jährlich für die letzten fünf Jahre aufschlüsseln)?
Ressort Studie/
Erhebung
Fördernehmer/-
in
2021
in Euro
2020
in Euro
2019
in Euro
BMI
(bpb)
SINUS-
Jugendstudie
2020 – Wie
ticken
Jugendliche?
SINUS-Institut 41.055,00 110.160,40
BMI
(bpb)
Quelle
Internet?
Stiftung Neue
Verantwortung
e. V.
44.757,06 71.532,00 13.282,50
Zu den Inhalten der angegebenen Studien wird im Übrigen auf die Antwort zu
Frage 2 verwiesen.
8. Welche zentralen Schlüsse und Erkenntnisse hat die Bundesregierung aus
diesen Studien und repräsentativen Erhebungen gezogen (bitte für die
letzten fünf Jahre aufschlüsseln)?
Die Shell Jugendstudie 2019 konstatiert, dass Jugendliche Parteien nur ein
geringes Vertrauen entgegenbringen. So wird Parteien beispielsweise ein
geringeres Vertrauen entgegengebracht als anderen gesellschaftlichen Institutionen,
wie etwa der Polizei, dem Bundesverfassungsgericht, Umweltschutzgruppen,
der Bundeswehr oder Gewerkschaften. Auch die Zustimmung zu der Aussage
„Ich glaube nicht, dass sich Politiker darum kümmern, was Leute wie ich
denken“ ist mit über 70 Prozent hoch.
Parteien, ihre Jugendorganisationen und die parteinahen Stiftungen sind laut
16. Kinder- und Jugendbericht „natürliche Räume, in denen Politik thematisiert
und gestaltet wird“. Der Bericht stellt fest, dass die politische Bildung von
Kindern und Jugendlichen innerhalb der Parteiarbeit eine untergeordnete und bei
den Parteijugendorganisationen größtenteils eine instrumentelle Rolle
(Stichwort Nachwuchsgewinnung) spielt. Den parteinahen Stiftungen wird attestiert,
dass sie einen wichtigen Beitrag für die politische Bildung von Jugendlichen
und Erwachsenen leisten, jedoch zu wenig miteinander und dem gesamten Feld
der politischen Jugendbildung kooperieren.
Auch der 15. Kinder- und Jugendbericht bestätigt ein anhaltend niedriges
Vertrauen der Jugendlichen in Parlamente und Parteien. Der Bericht wirft die Frage
auf, inwiefern die Interessen von Jugendlichen durch Parteien, Gewerkschaften
und ihre Jugendorganisationen vertreten werden und wie lebensweltbezogen sie
für junge Menschen sind. Die Bundesregierung hält diese Frage für berechtigt
und sieht hier gemeinsamen Handlungsbedarf für die Politik und alle
demokratischen Institutionen.
9. Wie bewertet die Bundesregierung die Entwicklung des Vertrauens von
Kindern und Jugendlichen in demokratische Strukturen wie Parlamente
und politische Parteien in den letzten fünf Jahren?
Auf die Antwort zu den Fragen 11 und 12 wird verwiesen.
10. Welche Initiativen hat die Bundesregierung auf Grundlage der ihr
vorliegenden Erkenntnisse in den letzten fünf Jahren initiiert, mit dem Ziel, das
Vertrauen von Kindern und Jugendlichen in demokratische Strukturen
wie Parlamente und politische Parteien zu stärken?
Auf die Antwort zu Frage 5 wird verwiesen.
11. Wie bewertet die Bundesregierung Unterschiede zwischen der generellen
Demokratieakzeptanz von Kindern und Jugendlichen einerseits und dem
Vertrauen in demokratische Strukturen wie Parlamente und politische
Parteien andererseits?
12. Welche Handlungsbedarfe leitet die Bundesregierung aus der Bewertung
dieser Unterschiede ab?
Die Fragen 11 und 12 werden aufgrund des Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Die Bundesregierung betrachtet mit Sorge, dass sich junge Menschen zu wenig
an demokratischen Entscheidungsstrukturen (Wahlen und Parteien) unserer
Gesellschaft beteiligen. Hierdurch droht ein Bedeutungsverlust für die junge
Generation und ein Legitimationsverlust für die parlamentarische Demokratie.
Das bemerkenswerte Engagement junger Menschen etwa bei der Hilfe für
Geflüchtete, im Rahmen von Umweltaktionen und anderen, meist
projektorientierten Aktionen, erfährt grundsätzlich die Wertschätzung der Bundesregierung. Es
muss jedoch auch gelingen, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu
vermitteln, dass Wahlen und Parteien konstitutiv für eine freie und offene Gesellschaft
und damit für jede Bürgerin und jeden Bürger sind und dass es daher lohnt, sich
auch in dieser Form für diese Gesellschaft einzusetzen.
Nach Überzeugung der Bundesregierung leisten Jugendorganisationen
politischer Parteien wichtige und kompetente Arbeit für die politische Bildung
junger Menschen. Ebenso wie parteinahe Stiftungen verfügen sie über
weitreichende Ressourcen für die politische Jugendbildung. Um ihre gegenüber den
Mutterparteien eigenständige Jugendarbeit zu unterstützen, werden die
Parteijugendorganisationen mit einer eigenen Richtlinie des BMFSFJ gefördert. Die
Zusammenarbeit der Parteijugendorganisationen mit anderen Trägern der
Kinder- und Jugendarbeit sollte allerdings gestärkt werden.
13. Welche Maßnahmen und Programme zur Förderung der
Demokratiekompetenz von Kindern und Jugendlichen unterstützt die
Bundesregierung (bitte für die letzten fünf Jahre nach Bundesministerium und
struktureller bzw. finanzieller Unterstützung sowie ggf. Höhe und Laufzeit der
finanziellen Unterstützung aufschlüsseln)?
Auf die anliegende Tabelle zu Frage 13 wird verwiesen.
Ergänzend wird darauf hingewiesen, dass im Rahmen der so genannten
Richtlinienförderung mehrere Organisationen als anerkannte Bildungsträger der
politischen Bildung tätig sind und mit finanzieller Unterstützung der Bundeszentrale
für politische Bildung entsprechende Maßnahmen für ein junges Publikum ab
16 Jahren umsetzen.
Zudem erhalten die Bundeszentralen Träger der politischen Jugendbildung
Mittel für Maßnahmen und Strukturen in ihrem Mitgliedsbereich aus dem Kinder-
und Jugendplan. Die Förderung erfolgt über Rahmenvereinbarungen und wird
über Jahresplanungsgespräche konkretisiert.
Zur Förderung der U18-Wahlen und der Juniorwahl wird im Übrigen auf die
Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion der FDP
zum Thema „Kinder- und Jugendwahlen“ auf Bundestagsdrucksache 19/23532
verwiesen.
14. Wie bewertet die Bundesregierung den Anteil von 28 Prozent der
Elterngeneration, welche laut Deutschem Kinderhilfswerk Kindern und
Jugendlichen die Übernahme von Verantwortung für den Erhalt der
Demokratie im Erwachsenenalter nicht zutrauen?
Die in der zitierten Untersuchung zum Ausdruck kommende Skepsis teilt die
Bundesregierung nicht. Junge Menschen übernehmen heute in sehr
unterschiedlichen sozialen Lebenslagen Verantwortung für die Gestaltung des
sozialen Zusammenlebens. Sie zeichnet zudem eine besonders hohe Bereitschaft zu
ehrenamtlichem Engagement aus. Damit sind junge Menschen schon jetzt ein
wesentlicher Bestandteil unserer politischen Kultur und des demokratischen
Miteinanders. Zudem zeigt sich eine zunehmende Bedeutung von politischem
Engagement bei jungen Menschen. 34 Prozent der Jugendlichen halten es laut
der Studie für wichtig, sich selbst politisch zu engagieren und sie tun dies auch
in vielfacher Hinsicht. Dafür nutzen sie ein breites Spektrum analoger und
digitaler Formen zur öffentlichen Meinungsäußerung und politischen Beteiligung.
Dazu gehören etwa die Mitarbeit in sozialen Bewegungen oder an
Partizipationsprojekten, die Teilnahme an Demonstrationen, Unterschriftensammlungen
und Petitionen oder mediale Protestformen. Viele junge Menschen sind
ehrenamtlich engagiert und aktiv. Die Orte und Formen für jugendliches Engagement
sind dabei ebenso vielfältig: in Organisationen oder Gruppen, in der Schule
oder Hochschule, im Verband oder Verein, in der Kommune, etwa in Kinder-
und Jugendparlamenten, oder auch über eigenständige Aktivitäten.
Jugendarbeit, Sportvereine und der Sektor Schule/Hochschule sind die wichtigsten Orte,
in denen sich junge Menschen freiwillig gesellschaftspolitisch engagieren.
Ganz oben steht dabei der Einsatz für die Interessen und die Freizeitgestaltung
von Jugendlichen, die unmittelbar an ihre lebensweltbezogenen Erfahrungen
anknüpfen. Exemplarisch sind etwa auch das Interesse für Umweltschutz oder
die Hilfe für Geflüchtete als ein Bereich mit bemerkenswertem Engagement
junger Menschen hervorzuheben.
15. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die
Demokratieakzeptanz und das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen in
demokratische Strukturen wie Parlamente und politische Parteien in anderen
EU-Mitgliedstaaten vor?
16. Wie bewertet die Bundesregierung vor diesem Hintergrund die
Demokratieakzeptanz und das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen in
Deutschland in demokratische Strukturen wie Parlamente und politische
Parteien im europäischen Vergleich?
Die Fragen 15 und 16 werden aufgrund des Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Der Bundesregierung sind einige Erhebungen zur Demokratieakzeptanz von
Kindern und Jugendlichen in anderen EU-Mitgliedstaaten bekannt, wie z. B.
die aktuelle Veröffentlichung der OECD aus dem Jahr 2020 „Governance for
Youth, Trust and Intergenerational Justice: Fit for All Generations?“ (OECD
Public Governance Reviews, OECD Publishing, Paris,
https://doi.org/10.1787/c
3e5cb8a-en), die ganz allgemein gesprochen vor allem ein sinkendes Vertrauen
in öffentliche Institutionen sowie eine geringere Demokratieakzeptanz unter
jungen Menschen im Gegensatz zu älteren Menschen feststellt. Bereits 2017
wurde für die europaweite Studie über die junge Generation in Deutschland
und Europa „Generation What?“, an der auch das SINUS-Institut mitgewirkt
hat, das Institutionenvertrauen von etwa einer Million junger Menschen (18 bis
35 Jahre) in Deutschland und Europa abgefragt. Die deutschen Institutionen
kommen danach im Vergleich zu europäischen Institutionen zwar besser weg,
junge Menschen identifizieren sich mit ihnen dennoch kaum. Nur 1 Prozent der
Befragten in den europäischen Ländern vertraut der Politik uneingeschränkt,
45 Prozent haben überhaupt kein Vertrauen bzw. 38 Prozent eher kein
Vertrauen. In Deutschland haben immerhin „nur“ 23 Prozent der Befragten überhaupt
kein Vertrauen in die Politik (
https://www.sinus-institut.de/fileadmin/user_data/
sinus-institut/Dokumente/downloadcenter/Generation_What_/GenerationWha
t_Europabericht.pdf). Aus diesen Ergebnissen kann zumindest ganz allgemein
geschlossen werden, dass die Demokratieakzeptanz von Kindern und
Jugendlichen in Deutschland höher bzw. nicht schlechter ist als im europäischen
Vergleich.
Drucksache 19/30281 – 10 – Deutscher Bundestag – 19. Wahlperiode
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