Berufsorientierung im Corona-Lockdown
der Abgeordneten Dr. Jens Brandenburg (Rhein-Neckar), Katja Suding, Mario Brandenburg (Südpfalz), Britta Katharina Dassler, Peter Heidt, Dr. Thomas Sattelberger, Grigorios Aggelidis, Renata Alt, Nicole Bauer, Jens Beeck, Sandra Bubendorfer-Licht, Dr. Marco Buschmann, Hartmut Ebbing, Dr. Marcus Faber, Daniel Föst, Otto Fricke, Reginald Hanke, Torsten Herbst, Dr. Gero Clemens Hocker, Reinhard Houben, Ulla Ihnen, Olaf in der Beek, Gyde Jensen, Daniela Kluckert, Pascal Kober, Carina Konrad, Konstantin Kuhle, Ulrich Lechte, Dr. Wieland Schinnenburg, Matthias Seestern-Pauly, Frank Sitta, Judith Skudelny, Dr. Hermann Otto Solms, Bettina Stark-Watzinger, Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Benjamin Strasser, Linda Teuteberg, Stephan Thomae, Gerald Ullrich, Sandra Weeser, Nicole Westig und der Fraktion der FDP
Vorbemerkung
Im Jahr 2020 verzeichnete der Ausbildungsmarkt neben einem Rückgang der angebotenen Ausbildungsstellen auch einen spürbaren Rückgang an Bewerberinnen und Bewerbern um jeweils über 7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zum 30. September 2020 standen rund 473 000 bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Bewerberinnen und Bewerbern rund 530 000 gemeldete Ausbildungsstellen gegenüber. Im Januar 2021 waren 20 Prozent mehr Bewerberinnen und Bewerber als unversorgt gemeldet als ein Jahr zuvor. Als Grund für den Rückgang und die Verzögerung bei der Vermittlung von Ausbildungsplätzen wird unter anderem die Corona-Pandemie angesehen (Bundesagentur für Arbeit, Bilanz der Nachvermittlung am Ausbildungsmarkt, https://statistik.arbeitsagentur.de/DE/Statischer-Content/Statistiken/Fachstatistiken/Ausbildungsmarkt/Generische-Publikationen/AM-kompakt-Bilanz-Nachvermittlung.pdf?__blob=publicationFile).
Angebote zur Berufsorientierung leisten einen wichtigen Beitrag zur Entscheidungsfindung junger Menschen über ihre weitere Lebens- und Berufsplanung. Die Corona-Pandemie führt neben massiven Beeinträchtigungen in Bildung und Wirtschaft jedoch auch zu erheblichen Einschränkungen bei der Berufsorientierung. Präsenzformate sind aufgrund der ergriffenen Maßnahmen zur Minderung des Infektionsrisikos am stärksten betroffen. Bei Kontaktreduzierungen oder gar Schließungen ist die herkömmliche Berufsorientierung in Schulen, bei Berufsmessen oder in Betrieben kaum durchführbar. Die Bundesagentur für Arbeit hat Berufsberater vorübergehend im Bereich Kurzarbeitergeld eingesetzt (Bundesagentur für Arbeit, Presseinfo Nummer 50, https://www.arbeitsagentur.de/presse/2020-50-ba-haushalt-2021-ermoeglicht-stabilisierung-von-ausbildung-und-beschaeftigung-in-schwierigen-zeiten). Ob der Wegfall dieser Angebote durch den Aufbau oder die verstärkte Nutzung kontaktfreier Alternativen über digitale Kommunikationswege ausgeglichen werden kann, ist fraglich.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen15
Welchen pandemiebedingten Einschränkungen unterlag die Berufsorientierung an Schulen seit März 2020 nach Kenntnis der Bundesregierung? Welche Folgen haben diese Einschränkungen, und wie bewertet die Bundesregierung dies? Welchen Handlungsbedarf leitet die Bundesregierung aus diesen Erkenntnissen ab?
Wie viele Praktika zur Berufsorientierung haben nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils in den letzten fünf Jahren stattgefunden?
a) Wie viele Praktika zur Berufsorientierung wurden nach Kenntnis der Bundesregierung seit März 2020 aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt (bitte absolut und als Anteil aller Praktika seit März 2020 angeben)?
b) Welche Alternativen zu ausgefallenen Praktika wurden Schülerinnen und Schülern nach Kenntnis der Bundesregierung angeboten?
Wie viele Berufsorientierungsmessen wurden nach Kenntnis der Bundesregierung seit März 2020 aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt (bitte absolut und als Anteil der geplanten Messen angeben)?
a) Wie viele Berufsorientierungsmessen wurden nach Kenntnis der Bundesregierung stattdessen digital durchgeführt, und wie hoch war deren Teilnehmerzahl?
b) Wie viele Berufsorientierungsmessen sind nach Kenntnis der Bundesregierung ersatzlos ausgefallen?
c) Wie viele Schülerinnen und Schüler oder Schulabgängerinnen und Schulabgänger im Jahr werden nach Einschätzung der Bundesregierung typischerweise von Berufsorientierungsmessen erreicht?
d) Wie viele Schülerinnen und Schüler oder Schulabgängerinnen und Schulabgänger wurden im Jahr 2020 nach Einschätzung der Bundesregierung von Berufsorientierungsmessen erreicht?
e) Wie viele Schülerinnen und Schüler oder Schulabgängerinnen und Schulabgänger haben nach Einschätzung der Bundesregierung pandemiebedingt weniger an Berufsorientierungsmessen teilgenommen?
Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung im Frühjahr und Sommer 2020 ergriffen, um Schülerinnen und Schüler trotz ausfallender Praktika und Messen bei der Berufsorientierung zu unterstützen? Wie viele Schülerinnen und Schüler wurden damit erreicht? Wie bewertet die Bundesregierung den Erfolg dieser Maßnahmen? Falls keine Maßnahmen ergriffen wurden, warum nicht?
Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung seit Sommer 2020 ergriffen, um Schülerinnen und Schüler trotz ausfallender Praktika und Messen bei der Berufsorientierung zu unterstützen? Wie viele Schülerinnen und Schüler wurden damit erreicht? Wie bewertet die Bundesregierung den Erfolg dieser Maßnahmen? Falls keine Maßnahmen ergriffen wurden, warum nicht?
Welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie auf die Umsetzung des Berufsorientierungsprogramms (BOP) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF)?
a) Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung darüber, wie sich die Corona-Pandemie auf die Durchführung von Potenzialanalysen im Rahmen des BOPs in den Schulen ausgewirkt hat? Wenn keine, warum nicht?
b) Wie viele Werkstatttage im Rahmen des BOPs haben in den letzten fünf Jahren stattgefunden (bitte nach Jahren und Ländern angeben)?
c) Welche Alternativen zu Werkstatttagen im Rahmen des BOPs wurden Schülerinnen und Schülern nach Kenntnis der Bundesregierung angeboten?
d) Wie viele Schülerinnen und Schüler haben in den letzten fünf Jahren jeweils an den Angeboten des BOPs teilgenommen (bitte nach Angeboten aufschlüsseln)?
e) Wie viele Schülerinnen und Schüler haben nach Einschätzung der Bundesregierung pandemiebedingt weniger an den Angeboten des BOPs teilgenommen (bitte nach Angeboten aufschlüsseln)?
Wie viele Beratungsgespräche zur Berufsorientierung über die Bundesagentur für Arbeit haben nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils in den letzten fünf Jahren stattgefunden?
a) Wie viel Personal (Stellen, Vollzeitäquivalente oder Arbeitsstunden) standen nach den Plänen der Bundesagentur für Arbeit für die Berufsberatung jeweils in den letzten fünf Jahren zur Verfügung? Wie viele davon wurden tatsächlich für die Berufsberatung eingesetzt?
b) Wie viele Schülerinnen und Schüler und Schulabgängerinnen und Schulabgänger sollten in den letzten fünf Jahren erreicht werden? Wie viele wurden tatsächlich erreicht (bitte nach Jahren angeben)?
c) Wie viele Beratungsgespräche zur Berufsorientierung über die Bundesagentur für Arbeit fanden nach Kenntnis der Bundesregierung seit März 2020 aufgrund der Corona-Pandemie nicht statt (bitte absolut und als Anteil aller Beratungsgespräche zur Berufsorientierung seit März 2020 angeben)?
d) Welche Alternativen zu Beratungsgesprächen zur Berufsorientierung über die Bundesagentur für Arbeit wurden Schülerinnen und Schülern nach Kenntnis der Bundesregierung angeboten?
Wie wird die Bundesregierung sicherstellen, dass in allen Bezirken der Bundesagentur für Arbeit trotz begrenzter Ressourcen und hoher Anforderungen beispielsweise in der Bearbeitung von Kurzarbeitsanträgen ein vollständiges Berufsberatungsangebot – insbesondere für die aktuellen Abschlussklassen – angeboten wird?
Welche digitalen Angebote zur Berufsorientierung wurden seit Beginn der Pandemie neu geschaffen und/oder ausgebaut? Wie ist der Umsetzungszeitplan dieser Angebote, und welche Teilnehmerzahlen haben sie seitens der Schülerinnen und Schüler und seitens der Betriebe bisher erreicht (bitte jeweils erläutern und begründen)?
Wie wird die Bundesregierung sicherstellen, dass jenseits von Modell- und Pilotprojekten trotz pandemiebedingter Einschränkungen eine flächendeckende Berufsorientierung gewährleistet wird?
War die Ermöglichung von Berufsorientierung ein Gegenstand der Gespräche der Bundesregierung mit der Ministerpräsidentenkonferenz? Wenn ja, mit welchem Ergebnis? Wenn nein, warum nicht?
Kooperiert die Bundesregierung auch mit gemeinnützigen oder privatwirtschaftlichen Anbietern oder informiert sie über deren Angebote? Wenn ja, welche? Wenn nein, warum nicht?
Wie viele Lehrstellen blieben in den letzten fünf Jahren unbesetzt (bitte zu den Stichtagen 30. September und 31. Dezember und nach Ländern angeben)?
Wie viele Schulabgängerinnen und Schulabgänger haben in den vergangenen fünf Jahren nach dem Verlassen der allgemeinbildenden Schule keinen Ausbildungs- oder Studienplatz angenommen (bitte nach Jahren und Ländern angeben)?