[Deutscher Bundestag Drucksache 17/2680
17. Wahlperiode 27. 07. 2010 Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Niema Movassat, Annette Groth,
Inge Höger, Harald Koch und der Fraktion DIE LINKE.
– Drucksache 17/2527 –
Mikrokredite in der Entwicklungspolitik und Alternativen für eine erfolgreiche
Armutsbekämpfung und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung
Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Ein Kleinkredit kann das Leben Einzelner erleichtern: Das Geld kann zum
Aufbau einer wirtschaftlichen Aktivität dienen und damit zur
Einkommenssteigerung und -diversifizierung beitragen. Es kann verwendet werden, um Zeiten der
Not – etwa nach Naturkatastrophen – zu überstehen, und es kann die
Verletzlichkeit gegenüber Missernten und Krankheiten verringern helfen. Bei
Mikrokrediten wird auf die sonst für Darlehen nötige Bonitätsprüfung und auf
dingliche Sicherheiten verzichtet. Das übliche Verfahren sieht so aus, dass eine
„Spargruppe“ (fünf bis sechs Kreditnehmerinnen/Kreditnehmer) sich
zusammenfindet, die abwechselnd einen Kredit erhalten und gegenseitig füreinander
bürgen. Hierdurch werden die Transaktionskosten (Infrastruktur- und
Prüfungskosten) für die Kredite auf die Beteiligten abgewälzt. So wird erreicht,
dass Personenkreise, die sonst keinen Zugang zu Krediten haben, also arme
oder doch zumindest relativ arme Bevölkerungsgruppen, Kapital erhalten.
„Mikrokredite haben sich als wirksames und kostengünstiges Mittel zur
Armutsbekämpfung bewährt“, so der Bundesminister für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung, Dirk Niebel, am 6. November 2009. Dennoch
wird gerade in den Entwicklungsländern, in Dörfern und Institutionen, die
Erfahrungen mit Mikrokrediten gemacht haben, Kritik an dem Prinzip laut. In der
Realität scheinen gerade die Ärmsten oft am wenigsten an
Mikrokreditprogrammen zu partizipieren und davon zu profitieren. Denn in die „Spargruppen“
werden sie – weil sie in der Gemeinschaft als unzuverlässig oder zu arm gelten
– gar nicht erst aufgenommen.
Mikrokredite werden meist gezielt an Frauen vergeben, da diese als
verlässlicher gelten. Gleichzeitig gelten sie als geeignetes Instrument der
Frauenförderung. Die Kredite würden Frauen ökonomisch stärken, um sie aus der
Abhängigkeit von Männern zu befreien. In der Praxis ist dies häufig nicht der Fall.
Zwar nehmen meist Frauen Kleinkredite auf, doch bestimmen sie längst nicht
immer über die Verwendung des Geldes. Eine Untersuchung über die
Grameen Bank hat gezeigt (Anne Marie Goetz & Rina Sen Gupta, 1996), dass
22 Prozent der Kreditnehmerinnen überhaupt nicht wussten, wofür ihre Männer
das Geld verwenden. Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung vom 21. Juli 2010 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Drucksache 17/2680 – 2 – Deutscher Bundestag – 17. WahlperiodeDie positive Wirkung von Mikrokrediten auf das Selbstwertgefühl und die
gesellschaftliche Stellung vieler Frauen ist nicht zu übersehen. Dennoch stellen
sie kein Empowerment im Sinne des von Südfrauennetzwerk DAWN
(Development Alternatives with Women for a New Era) entwickelten Konzeptes für eine
geschlechtergerechte Entwicklung dar. Dieses zielte nicht nur auf die
individuelle Unterstützung benachteiligter Frauen, sondern forderte auch
grundlegende strukturelle Änderungen ein. Mikrokredite dagegen fokussieren
ausschließlich auf die ökonomische Selbstständigkeit und fördern die
Entpolitisierung von Frauenstrukturen. Am Beispiel Indiens beschreibt Christa Wichterich
die Folgen: ,Früher stellten Frauen in den Selbsthilfegruppen die politischen
Überlebens- und Geschlechterfragen: Wem gehört das Land, das Wasser, das
Saatgut, der Körper der Frauen, ihre Arbeit, die Macht im Dorf? Jetzt dreht sich
alles ums Geld: Wer bekommt einen Kredit, für welche „einkommenschaffende
Tätigkeit“ wird er genutzt, wie wird er zurückgezahlt?‘ (taz, 10. Juli 2007).
Obwohl Mikrokredite Einzelnen oft eine Chance bieten, ihre Lebenssituation
zu verbessern, bedeuten sie noch längst keine Schaffung neuer Arbeitsplätze.
Im Gegenteil: Meist wird versucht, erweiterte Haushaltsaktivitäten
(Hühnerzucht, Reparatur und Herstellung von Kleidung u. Ä.) in Wert zu setzen. Dabei
übernehmen die Frauen – die die Hauptadressatinnen von Mikrokrediten sind –
das unternehmerische Risiko zu 100 Prozent. Für Kreditnehmerinnen/
Kreditnehmer bleibt also das Problem der fehlenden Absicherung, wenn das Kapital
zerstört wird, beispielsweise die durch Mikrokredite gekaufte Kuh stirbt oder es
zu einer Missernte kommt. Hier droht dann die Gefahr, den Kredit nicht mehr
zurückzahlen zu können.
Im Mittel bestätigen eine Vielzahl kleinräumiger Untersuchungen: „Ein Drittel
der Kreditnehmerinnen schafft den Aufstieg, ein Drittel kann die ein oder
andere Not lindern, aber krebst in einem ständigen Auf und Ab um die
Armutsgrenze herum, ein Drittel gerät in eine neue Verschuldungsspirale und bleibt
arm.“ (Christa Wichterich, taz, 10. Juli 2007). Mit letzterem Punkt ist auch das
Problem der Folgekredite beschrieben, nämlich dass Kreditnehmerinnen/
Kreditnehmer häufig den nächsten Mikrokredit aufnehmen, um den vorherigen
abbezahlen zu können.
Eine Insolvenz aber kann vernichtende persönliche Folgen für die
Kreditnehmerinnen/Kreditnehmer haben (vgl. etwa das „house breaking“ in
Bangladesch, bei welchem die Mitglieder der Spargruppe bei Nichtrückzahlung des
Kredits durch ein Mitglied in dessen Haus einbrechen und sich
Wertgegenstände mitnehmen).
„Zugang zu Krediten ist also hier wie dort die Voraussetzung für
wirtschaftliches Wachstum aus der Mitte der Gesellschaft heraus;“ meint dennoch Dirk
Niebel am 6. November 2009. Dies ist eine unbewiesene Aussage – zumindest
für den Mikrofinanzbereich. Die gesamtwirtschaftlichen Effekte von
Kleinkrediten sind durchaus zweifelhaft, und es existiert kaum belastbares
empirisches Material. Im Gegenteil gibt es Anzeichen dafür, dass
Mikrokreditprogramme eine nicht konkurrenzfähige marginalisierte Wirtschaftsstruktur
begünstigen, die sogar zum Hindernis für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung
werden kann (Milford Bateman & Ha-Joon Chang, 2009).
Dennoch ist der Markt wirtschaftlich lukrativ, und hierzu gibt es Zahlen: So
beträgt das Gesamtvolumen von Mikrokrediten mittlerweile 60 Mrd. US-
Dollar, und es gibt in diesem Bereich „schätzungsweise 90 Anlagefonds und -
papiere mit einem Gesamtvolumen von sechs Milliarden Euro (…). Die Weltbank
rechnet bis 2015 mit einem Zuwachs auf 15 Milliarden.“ (Gesine Wolfinger,
welt-sichten, Dezember 2009). Dass private Akteure auf diesen Markt drängen,
verwundert nicht: Die zu erzielenden Profite sind ansehnlich. Zinssätze von 40
(knowledge.allianz.at) oder gar 70 bis 100 Prozent (sueddeutsche.de 14. April
2010) sind durchaus üblich. Um ins Geschäft zu kommen, verschleiern private
Akteure die effektiven Kosten ihrer Kreditangebote immer wieder. Freiwillige
Verhaltenskodizes dürften daher für die Regulierung dieses Geschäftsfeldes
nicht ausreichen. Die hohen Zinsen sind ebenfalls ein wichtiger Grund für
Insolvenzen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 3 – Drucksache 17/2680Die Frage bleibt also, ob mittels Mikrofinanzinstitutionen globale und
volkswirtschaftliche Problemlagen nicht einfach in die Verantwortlichkeit von
Einzelnen abgewälzt werden.
Vo r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Mikrofinanzierung (MF) gibt vielen Armen die Möglichkeit ihre
Entwicklungschancen positiv zu nutzen. Verschiedene Studien belegen, dass
Mikrofinanzierung ein effektives Instrument zur Erreichung der UN-
Milleniumentwicklungsziele ist1. So führt der Zugang zu Mikrofinanzinstitutionen dazu, dass
Eltern ihre Kinder häufiger zur Schule schicken und versuchen, ihnen eine
bessere Ausbildung zu ermöglichen. Der Zugang zu Mikrokrediten und anderen
Finanzdienstleistungen wie Sparmöglichkeiten erhöht nachweislich die
Einkommen der Kundinnen und Kunden der Mikrofinanzinstitute. Höhere Einkommen
bedeuten häufig auch eine bessere Versorgung mit Nahrungsmitteln und damit
eine geringere Krankheitsanfälligkeit. Wer dennoch krank wird, kann es sich
dank der angesparten Beträge eher leisten, sofort zum Arzt zu gehen. Mehr als
die Hälfte aller Mikrokredite weltweit werden von Frauen aufgenommen, die als
sehr zuverlässige Kreditnehmerinnen die Chance auf ein eigenes Einkommen
und eine größere Unabhängigkeit haben. Mikrofinanzierung fördert daher die
Gleichberechtigung und stärkt die Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft.
Allerdings ist MF kein Allheilmittel. MF ist ein effektives und in vielen Fällen
nachhaltiges Mittel zur Armutsreduzierung. Um nachhaltig Wirkungen zu
zeigen, muss MF aber in das lokale und internationale Finanzsystem integriert
sein. So wird gewährleistet, dass lokale Finanzinstitutionen
Mikrofinanzdienstleistungen anbieten und dass sich die Finanzinstitutionen auch nachhaltig und
autonom refinanzieren können. Die deutsche Entwicklungspolitik fördert
Mikrofinanzierung als Teil eines finanzsystemischen Förderansatzes.
Mikrofinanzierung ist dabei kein Ersatz für soziale Sicherungssysteme. MF ist aber ein
wirkungsvolles Mittel, um untere Einkommensschichten in der Breite zu
durchdringen. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Selbsthilfegruppen in Indien, welche
durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (BMZ) unterstützt werden. Die absolute Armutsrate der Teilnehmer wurde
von 50 auf 30 Prozent reduziert. Der Zugang von Kleinunternehmern zu
Finanzdienstleistungen ermöglicht es, neue Mitarbeiter einzustellen. Auch so können
arme Menschen in Brot und Arbeit kommen und ein wichtiger Beitrag zur
Armutsreduzierung geleistet werden. Dies zeigen z. B. Mikrofinanzvorhaben in
Moldawien und Georgien.
Die hohen Zinsen im Mikrofinanzsektor sind u.a. durch die hohen Inflationsraten
in den Partnerländern sowie durch die hohen Transaktionskosten im Vergleich zu
der niedrigen Kredithöhe bedingt. Die Kommerzialisierung von MF spielt
hierbei nur eine untergeordnete Rolle. Wettbewerb trägt dazu bei, das Zinsniveau zu
senken.
1 A. Latortue et al.: Microfinance and the Millenium Development Goals, Focus Note, CGAP 2005;
zahlreiche Studien, z. B.: Sununtar Setboonsarng and Ziyodullo Parpiev: Microfinance and MDG in
Pakistan, EconPapers, ADB Institute Discussion Paper No. 104, 2008.
Drucksache 17/2680 – 4 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode1. Wie hoch sind die Mittel aus dem Einzelplan 23, die in die Förderung von
Mikrokreditprojekten fließen?
Aus welchen anderen Haushaltsposten anderer Bundesministerien werden
Gelder für Mikrokredit-Projekte bereitgestellt?
Deutschland hat zur Förderung des Bereichs „Finanzsystementwicklung und
Mikrofinanzierung“ zwischen 2003 und 2009 aus dem Einzelplan 23 jährlich
durchschnittlich 145 Mio. Euro an neuen Zusagen2 aus Haushaltsmitteln zur
Verfügung gestellt. Die Gesamtfördersumme aller jemals geförderten Projekte der
Mikrofinanzierung und Finanzsystementwicklung (laufende und
abgeschlossene Projekte) beträgt ca. 2,7 Mrd. Euro (Stand bis einschl. 2009). Im Rahmen
der Finanziellen Zusammenarbeit werden rund zwei Drittel der Zusagen für
Mikrofinanzierung aus Mitteln finanziert, welche die KfW Bankengruppe am
Kapitalmarkt aufnimmt, rund ein Drittel werden aus Haushaltmitteln finanziert.
Die Haushaltsmittel haben dabei eine wichtige Funktion, Marktmittel für
Mikrofinanzierung zu mobilisieren. Zusätzlich werden im Einzelplan 16 innerhalb der
Internationalen Klimaschutzinitiative vereinzelt Klimaschutzprojekte mit
geringer Mikrokreditkomponente gefördert.
2. Wie sind diese Mittel regional aufgeteilt (bitte eine Auflistung der Länder)?
3. Wie viele Projekte werden damit gefördert (bitte eine Auflistung der
Projekte und Länder)?
Insgesamt ist die aus Haushaltsmitteln finanzierte deutsche
Entwicklungszusammenarbeit im Finanzsektor aktuell in 63 Ländern (davon 40 Partnerländer) mit
147 Projekten und Programmen tätig. Finanzsystementwicklung/
Mikrofinanzierung ist Schwerpunkt der deutschen Entwicklungszusammenarbeit mit
afrikanischen Ländern. Deutsche Vorhaben laufen derzeit in 18 afrikanischen Ländern.
Bezogen auf das Gesamtvolumen aller laufenden und abgeschlossener
Vorhaben, die aus Haushaltsmitteln finanziert wurden, liegt der Schwerpunkt im
Bereich Finanzsystementwicklung/Mikrofinanzierung auf Asien (43,8 Prozent)
und Afrika (23,5 Prozent):
Regionale Aufteilung der Gesamtfördersumme aller jemals geförderten Projekte
der Mikrofinanzierung:
Summe Erdteil Europa: 296,4 Mio. Euro,
Summe Erdteil Afrika: 635,9 Mio. Euro,
Summe Erdteil Amerika: 392,6 Mio. Euro,
Summer Erdteil Asien: 1184,2 Mio. Euro,
Summe überregional: 192,2 Mio. Euro.
4. Welche unterschiedlichen Konzepte im Detail kommen zur Anwendung
(bitte Konzepte insbesondere auch in ihrer Unterschiedlichkeit darstellen)?
Entscheidend für den Erfolg einer Mikrofinanzinstitution (MFI) ist deren
Nachhaltigkeit. Ziel von Fördermaßnahmen der deutschen Entwicklungspolitik ist es,
Institutionen zu fördern bzw. zu schaffen, die nach Abschluss der EZ-Maßnahme
(EZ = Entwicklungszusammenarbeit) nachhaltig operieren können. Dafür ist
Voraussetzung, dass die MFI kostendeckend arbeiten, indem sie insbesondere ihre
Zinssätze für Kredite so bemessen, dass daraus sämtliche Kosten (vor allem Per-
2 Betrag bezogen auf an die OECD gemeldete ODA-Zusagen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 5 – Drucksache 17/2680sonalkosten, Risikokosten, administrative Kosten, Refinanzierung) beglichen
werden können. Mikrofinanzierung (Kredit, Sparen, Versicherung,
Zahlungsverkehr) ist wichtiger Baustein zur Verbesserung des Zugangs von
Kleinstunternehmen und Niedrigeinkommenshaushalten zu Finanzierung, gerade in ländlichen
Regionen. Mikrofinanzierung ist zudem nachhaltig, wenn sie Bestandteil eines
funktionierenden Finanzsystems ist (inkl. bedarfsgerechter Regulierung,
ausreichender Finanzinfrastruktur wie z. B. Kreditbüros etc.). Daher ist die
Mikrofinanzierung Teil einer integrierten Förderung der Finanzsystementwicklung (im
englischen „inclusive Financial Systems“).
Zentral für den Ansatz der deutschen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) ist das
„Institution Building“. Zur Erreichung von Nachhaltigkeit verfolgt die deutsche
EZ einen sogenannten simultanen Mehr-Ebenen-Ansatz:
Makroebene: Auf der Ebene der Exekutive, der Judikative oder der Zentralbank
unterstützt die deutsche EZ förderliche finanzsektorspezifische
Rahmenbedingungen in den Partnerländern, die der Entwicklung eines transparenten,
bedarfsgerechten und stabilen Finanzsystems dienen – etwa durch Politikberatung auf
Regierungsebene, der Stärkung von personellen Kapazitäten der Partner, Aufbau
von Einlagensicherungssystemen und die Erarbeitung von Sektorstrategien.
Mesoebene: Auf der Ebene der Institutionen zur Stärkung eines Finanzsektors
unterstützt die deutsche EZ vor allem die langfristige und nachhaltige
Refinanzierung von Mikrofinanzierungsinstituten, z. B. über Fonds und den Aufbau von
Humanvermögen etwa durch Förderung von Bankakademien.
Mikroebene: Die Stärkung von Finanzinstitutionen kann mit verschiedenen
Ansätzen erreicht werden: mittels eines Up-grading von
Nichtregierungsorganisationen oder genossenschaftlich organisierten Instituten werden diese Institute
in die Lage versetzt, mehr Kunden zu erreichen oder Einlagen
entgegenzunehmen. Beim downscaling werden bestehende kommerzielle Banken dabei
unterstützt, Mikrofinanzdienstleistungen anzubieten. Wo eine Zusammenarbeit mit
lokalen Banken nicht möglich oder nicht Erfolg versprechend ist, fördert die
deutsche EZ die Gründung spezialisierter Mikrobanken im Rahmen des
sogenannten Greenfielding-Ansatzes. Hierbei ist die deutsche EZ weltweit führend.
Beim sogenannten linkage Ansatz wird die Vernetzung von einzelnen Instituten
und Netzwerken (wie die Grameen Bank oder die Dorfsparkassen in Mali) durch
Beratung und Finanzierung gefördert. Ziel ist es, MFIs an den formellen
Finanzsektor heranzuführen, damit sie Dienstleistungen wie Sparen und
Zahlungstransfer sicher, kostengünstig und effektiv für Kleinstunternehmen und
Niedrigeinkommenshaushalte anbieten können.
5. Welche Rolle spielt das Empowerment von Frauen in den jeweiligen
Projekten?
Welche Projekte wurden ausdrücklich als Maßnahmen zur Förderung der
Geschlechtergerechtigkeit konzipiert?
Die Stärkung der Frauen ist ein wichtiges Ziel der deutschen
Entwicklungspolitik (EP) und Querschnittsaufgabe aller Vorhaben. Der entwicklungspolitische
Gender-Aktionsplan (2009 bis 2012) beinhaltet unter anderem den Schwerpunkt
der wirtschaftlichen Stärkung von Frauen. Maßnahmen zur Unterstützung
spezifischer Finanzdienstleistungsprogramme für Frauen, auch
Mikrokreditprogramme, werden durch den Aktionsplan vorgesehen. Frauen stellen häufig,
insbesondere in Asien, einen Großteil der Kunden von Mikrofinanzprogrammen
(z. B. Indien 90 Prozent, Thailand 60 Prozent) dar. Durch Aufnahme
unternehmerischer Aktivitäten tragen sie zur Einkommensdiversifizierung des Haushalts
bei und stärken ihre Mitsprache-, Kommunikations- und
Entscheidungskompetenzen in Familie und Gesellschaft.
Drucksache 17/2680 – 6 – Deutscher Bundestag – 17. WahlperiodeEs gibt eine Vielzahl von empirischen Studien, um die Stärkung von Frauen zu
evaluieren (siehe auch Antwort zu Frage 6). Nachhaltiger Zugang zu
Finanzdienstleistungen für Frauen ermöglicht ihnen Investitionen in produktive
Ressourcen und hat sich als besonders wirksam für die Stabilisierung und Steigerung
der Einkommen von Frauen erwiesen. Frauen werden durch
Mikrofinanzdienstleistungen in die Lage versetzt, sich und die Familie wirtschaftlich besser zu
stellen, wodurch auch ihre gesellschaftliche Stellung verbessert wird. Die Chancen
auf eine Beschäftigung im formellen Sektor können dadurch gesteigert werden.
Als wirksam erwies sich auch die Verbindung von Mikrofinanzprogrammen mit
Bildungsförderung und unternehmerischer Qualifizierung (siehe Antwort zu
Frage 8). Mikrofinanzen können also ein wichtiger Aspekt sein, um Frauen in
ihrem sozialen Umfeld zu stärken. Allerdings ist MF keine Garantie für die
Transformation des strukturellen Umfeldes der Frauen. Das BMZ fördert
deshalb die Stärkung der Rolle der Frau in vielfältigen Projekten auf allen Ebenen
des sozialen, politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Systems (rund die
Hälfte aller BMZ-Projekte haben einen Genderbezug). MF ist ein Baustein, der
zur Gleichberechtigung der Geschlechter beiträgt. Neben der Förderung des
Zugangs von Frauen zu Mikrofinanzprogrammen ist es für die wirtschaftliche
Stärkung der Frauen daher auch von Bedeutung, durch einen verbesserten
Zugang zu Land und Eigentum Voraussetzungen für den Zugang zu formalen
Finanzdienstleistungen zu schaffen.
Viele Projekte des BMZ zielen darauf ab, armen Frauen in ländlichen Gebieten
Zugang zu Finanzdienstleistungen zu ermöglichen. So unterstützt Deutschland
in Indien maßgeblich das größte Mikrofinanzprogramm der Welt, dessen
Kunden zu 90 Prozent Frauen sind. Das Programm bindet informelle Spar- und
Kreditgruppen an Banken an, was den Zugang zu Konten, Zinsen, Zahlungs- und
Kreditverkehr ermöglicht. Nach nur wenigen Jahren erreicht das Programm über
3 Millionen Selbsthilfegruppen (SHG) mit 40 Millionen Mitgliedern. Die
Strategie der Bildung von Selbsthilfegruppen führt mittlerweile zu außergewöhnlichen
Erfolgen. Durch das Projekt konnte bisher der Anteil der am Programm
teilnehmenden Haushalte, die unterhalb der Armutsschwelle liegen, von zirka 50
Prozent auf etwa 30 Prozent verringert werden. Die Mitgliedschaft der Frauen in
diesen Mikrofinanzselbsthilfegruppen leistete außerdem einen wesentlichen
Beitrag zu ihrem „Empowerment“. Zirka 92 Prozent der befragten Frauen in
einer Umfrage aus dem Jahre 2007 bestätigten, dass ihre Stellung sich dank der
Mitgliedschaft in den letzten Jahren verbessert hat.
6. Wie und mit welchem Ergebnis wurde die Wirkung dieser Projekte auf die
Gleichstellung von Frauen und Männern sowie örtliche
Frauenselbsthilfestrukturen evaluiert?
Mehrere Studien evaluieren die Wirkung von BMZ-Mikrofinanzvorhaben auf
die Stellung der Frauen:
Die Evaluierungsergebnisse einer Studie eines durch das BMZ in Nepal
unterstützten Projektes zu Mikrofinanzierung lassen auf eine verbesserte
Positionierung der Frau in der Familie schließen. So gaben 60 Prozent aller teilnehmenden
Kleinbauern und -bäuerinnen der Wirkungsstudie an, ihr Bewusstsein für die
Bedeutung einer gleichberechtigten Behandlung von Töchtern sei gestärkt worden.
Knapp die Hälfte berichtete über ein verbessertes Verhältnis zwischen Eheleuten.
Etwa 60 Prozent der befragten Frauen stellten eine Zunahme des Respekts von
Männern gegenüber Frauen fest.
Zirka 90 Prozent der Mitglieder des durch das BMZ unterstützen
Mikrofinanzprogramms in Indien sind Frauen. Wie die Evaluierung zeigte, stärkte ihre
Mitgliedschaft in den Selbsthilfegruppen die Frauen in ihrem Selbstvertrauen und
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 7 – Drucksache 17/2680ihrer Kompetenz wie auch in ihrer verbesserten Partizipation an
Entscheidungsprozessen in den Familien.
Evaluierungen der vom BMZ unterstützten Projekte im Niger und in Côte
d’Ivoire zeigten, dass mit der Aufnahme unternehmerischer Aktivitäten auch
eine Zunahme der finanziellen Autonomie der Frauen einhergeht, die sich in
einer stärkeren Stellung in der Familie wie auch in der lokalen Gemeinschaft
widerspiegelt.
7. Ist angedacht, die Haushaltsmittel für Mikrokreditprojekte im Jahr 2011 zu
erhöhen oder zu senken, und in welchem Umfang soll dies geschehen?
Die Bundesregierung arbeitet grundsätzlich nachfragebezogen. Anfragen aus
Partnerländern nach Unterstützung werden ergebnisoffen geprüft. Über die Höhe
der Zusagen in 2011 für Mikrokreditprojekte kann daher zum jetzigen Zeitpunkt
noch keine Angabe gemacht werden. Da Finanzsystementwicklung und
Mikrofinanzierung für viele unserer Partnerländer eine wichtige Rolle spielt, ist davon
auszugehen, dass Finanzsystementwicklung und Mikrofinanzierung auch
künftig eine große Bedeutung beigemessen wird.
8. In wie vielen und in welchen der geförderten Mikrokreditprogramme
existieren Komponenten, um die unternehmerische Qualifikation der
Kreditnehmerinnen/Kreditnehmer zu fördern und/oder Fehlinvestitionen vermeiden
zu helfen (bitte konkrete Projekte benennen)?
Die Mikrokreditprogramme selbst verfügen in der Regel über keine
Komponente, um unternehmerische Qualifikationen der Kreditnehmerinnen und
Kreditnehmer zu fördern. Die Bedeutung des Themas wird trotzdem erkannt.
Mikrofinanzkomponenten sind häufig Teil von Vorhaben mit unterschiedlichen
Komponenten oder arbeiten eng mit solchen Projekten zusammen. Viele Vorhaben der
Nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung fördern unternehmerische
Qualifikationen über verschiedene Produkte wie KMU-Förderung (KMU = Kleine und
mittlere Unternehmen), Wertschöpfungsketten, ländliche Wirtschaftsförderung oder
Business Development Services. Diese richten sich zwar nicht speziell an
Mikrokreditnehmer, sprechen aber unter anderem diese Zielgruppe an.
Ein Beispiel hierfür ist die Mikrofinanzkomponente in Mali. Neben der
Mikrofinanzförderung wird hier durch eine weitere Komponente über eine effiziente
Agrarberatung und die Förderung eines praxisorientierten
Dienstleistungsangebots Betrieb und Unterhalt der Bewässerungslandwirtschaft sichergestellt.
Außerdem finden Beratung und Fortbildung der Kleinbauern und ihrer
Organisationen in allen die Produktion sowie vor- und nachgelagerte Bereiche betreffenden
Themen statt.
Um Fehlinvestitionen zu vermeiden, helfen außerdem Maßnahmen zur
Verbesserung der finanziellen Grundbildung (financial literacy). Diese zielen darauf ab,
das notwendige Wissen, die Fähigkeiten und Verhalten zu schaffen, die
notwendig für gutes Geldmanagement sind – in den Bereichen Einnahmen, Ausgaben,
Ersparnisse, Verschuldung und Investitionen. Die Teilnehmer erhalten
Informationen und Werkzeuge, um bessere finanzielle Entscheidungen treffen zu können
und ihre finanziellen Ziele zu verwirklichen sowie ihr ökonomisches
Wohlergehen zu verbessern. Damit werden bestimmte unternehmerische Qualifikationen
gefördert. Financial-Literacy-Projekte gibt es z. B. in Ghana und Südafrika
(Details siehe Antwort zu Frage 9).
Drucksache 17/2680 – 8 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode9. In wie vielen und in welchen der geförderten Mikrokreditprogramme
existieren Komponenten, um sicherzustellen, dass die Kreditnehmerinnen/
Kreditnehmer bei Insolvenz nicht ihre Lebensgrundlage verlieren (bitte
konkrete Projekte benennen)?
a) Wie bewertet die Bundesregierung Vorfälle wie das „house breaking“?
b) Sind ihr weitere Vorfälle ähnlicher Natur bekannt?
Grundsätzlich integriert die deutsche Entwicklungspolitik in allen Projekten der
Mikrofinanzierung die Einhaltung von ethischen Standards und
verantwortungsvoller Finanzierungspraxis. Dies wird unter dem Begriff „Responsible Finance“
zusammengefasst und beinhaltet die Stärkung der finanziellen Grundbildung für
Mikrofinanzkunden (Financial Literacy/Capability), Gesetze zum
Kundenschutz inklusive der regulativen Rahmen der MFIs sowie die Förderung von
freiwilligen Verhaltenstandards für MFIs und Absicherungsmechanismen gegen
Überschuldung.
Financial Literacy/Capability ist ein notwendiger Ansatz, um Kunden über
Produkte, Zinsen etc. aufzuklären und z. B. Überschuldung vorzubeugen. In Ghana
unterstützt die deutsche Entwicklungspolitik beispielsweise den
Mikrofinanzverband und das Finanzministerium bei der Durchführung von Theaterstücken
zum sinnvollen Umgang mit Finanzprodukten (Road Shows), sowie einer
Financial Literacy Week. In Südafrika kooperiert das BMZ mit BMW, um Lösungen
für von Überschuldung betroffene Arbeiter zu finden und präventiv aufzuklären.
Die ProCredit Banken, z. B. in Serbien und in Moldawien, führen mit
Unterstützung der deutschen EZ seit Jahren sogenannte Responsible Finance Workshops
in Kooperation mit den lokalen Zentralbanken durch. Die Workshops dienen der
Durchsetzung von Responsible Finance im Umgang mit Kunden, etwa durch die
Veröffentlichung und die Erläuterung von Effektivzinsen, durch ein
bedarfsgerechtes Beschwerdewesen und durch Massnahmen zur Verhinderung der
Kundenüberschuldung. Mehr Transparenz schaffen auch Kreditinformationsbüros
(in Deutschland: die „Schufa“), welche Auskunft über die Kreditfähigkeit von
Kunden geben und hierdurch das Risiko der Überschuldung vermindern.
Vorfälle wie das House Breaking kommen in Einzelfällen überwiegend im
unregulierten, informellen Mikrofinanzbereich vor. Die deutsche
Entwicklungspolitik unterstützt deshalb Zentralbanken und Ministerien, um eine adäquate
Regulierung sowie ethische Standards für den Konsumentenschutz für MFI in den
Partnerländern zu implementieren. Das BMZ hilft so beispielsweise der
ugandischen Zentralbank bei der Regulierung von MFIs, sowie bei der Veröffentlichung
von Zinssätzen und anderen Gebühren aller von ihr regulierten
Finanzinstitutionen. Darüber hinaus wird die Zentralbank bei der Konzipierung und Regulierung
von Kreditinformationssystemen beraten. Die deutsche Entwicklungspolitik
trug zur Entwicklung der Client Protection Principles von CGAP (Consultative
Group to Assist the Poor) bei und setzt diese um. Die deutsche EZ achtet darauf,
dass die Client Protection Principles in allen MFI umgesetzt werden, an denen
die deutsche EZ beteiligt ist, z. B. die Access Banken in Madagaskar, Tansania,
Nigeria, Aserbaidschan und Tadschikistan oder die ProCredit Banken in
weltweit 22 Entwicklungs- und Transformationsländern.
Darüber hinaus verhindern Mikroversicherungen, dass z. B. nach dem Tod eines
Kreditnehmers die Familie überschuldet zurückbleibt. Die deutsche
Entwicklungspolitik fördert Mikroversicherungen, die im Todesfall die ausstehenden
Kreditraten begleichen und den Familien mit einem kleinen finanziellen Puffer
helfen eine solche Notsituation zu überstehen.
Die KfW Bankengruppe hat sich im Auftrag des BMZ zum weltweit größten,
öffentlichen Investor im Bereich Mikrofinanzen entwickelt. Voraussetzung für ein
Engagement der KfW Bankengruppe ist, dass die MFIs gute
Unternehmensführung praktizieren, über eine transparente Governance verfügen, die CGAP Client
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 9 – Drucksache 17/2680Protection Principles und weitere Responsible Finance Standards einhalten und
Niedrigeinkommenshaushalten und Kleinunternehmen bedarfsgerechte
Finanzdienstleistungen zur Verfügungen stellen, die nicht auf kurzfristige Rendite
angelegt sind. Neben der direkten Förderung von einzelnen MFI mit Eigenkapital,
langfristigen Darlehen und begleitenden Aus- und Fortbildungsmaßnahmen
fördert die KfW Bankengruppe im Auftrag des BMZ MFI indirekt über die
Errichtung von Mikrofinanzfonds, die strikt an förderpolitischen Leitlinien
ausgerichtet sind und dem Prinzip der Nachhaltigkeit verpflichtet sind.
10. In wie vielen und in welchen der geförderten Mikrokreditprogramme
existieren Komponenten, um sicherzustellen, dass auch die Ärmsten an
Mikrokreditprogrammen partizipieren können (bitte konkrete Projekte
benennen)?
Siehe Antwort zu Frage 12.
11. Wie hoch sind die Zinssätze bei Mikrofinanzprojekten, die die
Bundesrepublik Deutschland fördert?
a) Wie bewertet die Bundesregierung die häufig sehr hohen Zinslasten für
Kreditnehmerinnen/Kreditnehmer?
b) Ist es aus Sicht der Bundesregierung möglich, Mikrokreditsysteme zu
etablieren, die mit moderaten Zinsbelastungen operieren?
Transparente Zinsen und Gebühren sind ein wichtiger Baustein für
Kundenschutz in der Mikrofinanzierung. Die Erfahrung zeigt, dass arme Kreditkunden
in der Lage sind, real positive und marktgerechte Zinssätze zu zahlen. Im
Rahmen der von der deutschen Entwicklungspolitik geförderten
Finanzsystemansätze sollen die Kreditzinsen marktkonform sein. Hierbei sind
kundengruppenorientierte Teilmärkte mit vergleichsweise niedrigeren Zinsangeboten nicht
ausgeschlossen: Sie bedürfen zu ihrer Nachhaltigkeit jedoch entsprechend
niedrigerer ebenfalls auf diese Teilmärkte hin orientierter Einlagenzinsen (Nachfrage).
Eine von den Marktkonditionen abweichende Zinssubventionierung von
Endkreditnehmern wird nicht gefördert.3
Maßgeblich für diese Politik ist die Erkenntnis, dass rein subventionierte MFI
nicht überlebensfähig sind, da sie nicht langfristig nachhaltig wirtschaften
können. Um nachhaltige und eigenständig funktionierende Wirtschaftsstrukturen
aufzubauen, welche langfristig Unternehmen und Haushalten Finanzprodukte
anbieten, ist die Orientierung an Marktzinsen unerlässlich.
Zinsen und Gebühren von MFI sind kein Selbstzweck, sondern spiegeln die
Gegebenheiten der Märkte in Entwicklungsländern wieder, mit starken
Informationsasymmetrien, mangelnder Finanzinfrastruktur sowie fehlender
Besicherung der Kunden. All dies generiert hohe Transaktionskosten, vor allem im
Vergleich zu der geringen Kredithöhe. Die Zinsen der Mikrofinanzinstitutionen
liegen jedoch deutlich unter den Zinssätzen informeller Geldverleiher und
Zinswucherer.
Für die Ärmsten der Armen sind zunächst andere Lösungen sinnvoller, wie z. B.
Grundbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen, Maßnahmen der Basis
Gesundheitsversorgung, Zuschüsse zu Existenzgründungen bzw. Maßnahmen der
sozialen Grundsicherung und direkte Beratung. Längerfristig sind dann auch
diese ärmeren Bevölkerungsgruppen bankfähig und in der Lage, kostendeckende
Zinsen und Gebühren zu zahlen.
3 International abgestimmte Sonderregelungen wie beispielsweise für Umweltkredite im Rahmen der
Global Environment Facility (GEF) bleiben hiervon unberührt.
Drucksache 17/2680 – 10 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode12. Teilt die Bundesregierung die Einschätzung, dass Mikrokredite die
Ärmsten der Armen nicht erreichen?
a) Wenn ja, welche Ursachen sieht die Bundesregierung hierfür?
b) Wenn nein, aufgrund welcher konkreten Evaluierungsergebnisse
kommt sie zu dieser Schlussfolgerung?
Mikrofinanzprodukte richten sich an Kleinstunternehmen, die keinen Zugang zu
Finanzdienstleistungen haben und an Haushalte mit einem niedrigen, oft auch
unregelmäßigen Einkommen. Sie zielen nicht darauf ab, die ärmsten der Armen
zu erreichen, die über keinerlei Einkommen verfügen (siehe Frage 11).
13. Ist im Rahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit eine
umfassende empirische Untersuchung zur Frage vorgesehen, ob, und wenn ja, in
welchem Umfang und über welche Mechanismen, Mikrokreditprojekte
tatsächlich zur Armutsbekämpfung sowie zur gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung und Modernisierung beitragen?
a) Wenn ja, wann ist mit der Veröffentlichung einer solchen Studie zu
rechnen?
b) Wenn nein, wieso sieht die Bundesregierung keinen Bedarf für eine
solche Studie?
c) Wie schätzt die Bundesregierung die gesamtwirtschaftlichen Effekte
von Mikrokrediten ein, und woraus ergibt sich die Einschätzung?
Durch die Bundesregierung geförderte Mikrofinanzprojekte werden auf ihre
Wirkung zur Armutsreduzierung intern und extern evaluiert. Studien, welche die
Wirkung von Mikrofinanzen auf Armutsreduzierung anhand von neuesten
wissenschaftlichen Methoden evaluieren (controlled randomized trials), werden
derzeit erstellt.
Es gibt zudem eine Vielzahl von empirischen Studien, welche der Wirkung von
Mikrofinanzierung nachgehen. Am bekanntesten sind die Veröffentlichungen
der Financial Access Initiative, ein von der Bill and Melinda Gates Foundation
finanziertes Forschungsprojekt der Universitäten Harvard, New York und Yale.
Die Ergebnisse der Evaluierungen bestätigen die Annahme der
Bundesregierung, dass Mikrofinanzen kein Allheilmittel sind, jedoch armen Menschen
helfen Einkommenslücken zu überbrücken, Ernteausfälle zu kompensieren,
sowie Bildungs- und Gesundheitskosten zu bezahlen. Mikrofinanzprodukte sind
keine Garantie für wirtschaftlichen Erfolg, gute Bildung oder die Stärkung der
Frauenrechte. Sie sind zuvorderst ein Instrument, um das „Geldmanagement“
armer Haushalte (Sparen, Versicherungen, Kredite, Zahlungsverkehr) überhaupt
erst zu ermöglichen oder effizienter zu gestalten. Allerdings gibt der Zugang zu
Mikrofinanzdienstleistungen den Armen die Möglichkeit, ihre Chancen zu
nutzen und ihre Möglichkeiten besser zu entfalten, als sie es ohne den Zugang zu
Mikrofinanzen könnten.
14. Welche Möglichkeiten werden genutzt, um andere Formen (kommunale;
gemeinschaftliche; genossenschaftliche) der Eigentumssicherung und
- mehrung sowie gemeinschaftlich geleistete Arbeit zu fördern?
Was sind das für Projekte (bitte konkret benennen), und wie hoch sind die
dafür aufgewandten Mittel?
a) Sind hier weitere alternative Möglichkeiten in Planung, oder gibt es
Überlegungen hierzu?
b) Welche weiteren alternativen Möglichkeiten sind der Bundesregierung
bekannt, die weder angewendet werden noch in Planung sind?
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 11 – Drucksache 17/2680c) Welche Vor- und Nachteile sieht die Bundesregierung bei diesen
alternativen Möglichkeiten im Vergleich zum System der
Mikrofinanzkredite?
Die Bundesregierung verfolgt verschiedene Förderansätze und Formen der
„Eigentumssicherung und -mehrung“ in der Entwicklungspolitik, beispielsweise
kommunale Ansätze und den Aufbau genossenschaftlicher Strukturen. Dabei
arbeitet sie in enger Kooperation mit dem Deutschen Genossenschafts- und
Raiffeisenverband (DGRV), wie auch mit der Sparkassenstiftung für internationale
Kooperation.
Der DGRV fördert mit Unterstützung der Bundesregierung den Aufbau von
genossenschaftlichen Strukturen, auch im Finanzsektor, d. h. genossenschaftlich
organisierte Selbsthilfeorganisationen, Genossenschaften und
genossenschaftliche Verbundstrukturen im Finanz- und Realsektor, die Errichtung von zentralen
Einrichtungen, z. B. Zentralkassen, den Aufbau von Prüfungssystemen in
Zusammenarbeit mit den nationalen Bankenaufsichtsbehörden und Zentralbanken
sowie adäquate entwicklungsfördernde Rahmenbedingungen, z. B.
Bankenrecht, Aufsichtsrecht, Genossenschaftsrecht. Im Jahr 2009 wurden die
Aktivitäten des DGRV mit 3,4 Mio. Euro aus dem Einzelplan 23 gefördert.
Spar- und Kreditgenossenschaften (SKG) als genuine Mikrofinanzinstitutionen
basieren als Selbsthilfeinstitutionen vorrangig auf lokal mobilisierten Einlagen
und sind damit unabhängig von Wechselkursschwankungen. Dies ermöglicht
den weitgehend eigenständigen Aufbau nachhaltiger lokaler und regionaler
Wirtschaftskreisläufe mit partizipativen Strukturen. Genossenschaften werden
so zu unverzichtbaren Elementen nicht nur für Strukturveränderungen, sondern
z. B. auch für die Dezentralisierungsstrategien und die Regionalentwicklung der
Partnerländer.
Beispielsweise hat der DGRV in Ecuador mit Unterstützung der
Bundesregierung in einem umfassenden Förderansatz die genossenschaftlichen Strukturen
im Finanzsektor unterstützt. Es ist gelungen, die gesetzlichen
Rahmenbedingungen und die aufsichtsrechtlichen Normen so zu reformieren, dass die ländlichen
und städtischen SKG sich als moderne (Mikro-)Finanzinstitutionen entwickeln
konnten. Das Sparvolumen der 125 ecuadorianischen SKG betrug Ende 2009
2,1 Mrd. US-Dollar, ein erheblicher Teil dieser Spareinlagen wird im
Mikrokreditbereich ausgelegt. Hervorzuheben ist, dass sich aus einem Kreditfonds für
Investitionsförderung in Höhe von 125 000 US-Dollar eine Genossenschaft
zweiter Ebene mit einem Eigenkapital von 3,8 Mio US-Dollar gebildet hat, die
als Zentralinstitut für die Genossenschaften fungiert (vor allem im
Zahlungsverkehr).
Die Sparkassenstiftung für internationale Kooperation ist bisher in rund 130
Projekten in über 60 Ländern tätig gewesen, u. a. mit dem Ziel kommunale
Finanzinstitute in Entwicklungs- und Schwellenländern zu fördern. Die
Bundesregierung fördert zurzeit 13 Projekte der Sparkassenstiftung in 23 Ländern mit einem
Projektvolumen von 3,6 Mio. Euro (Haushalt 2009). Die Verwurzelung der
Sparkassen in der Region gilt als wesentlicher Beitrag zur lokalen wirtschaftlichen
Entwicklung und der Verbesserung des Zugangs zu Finanzdienstleistungen für
kleinste, kleine und mittlere Unternehmen (KKMU), Bezieher geringer und
mittlerer Einkommen sowie Armen.
Der Vorteil von Sparkassen in Entwicklungsländern besteht i. d. R. aus der engen
Anbindung an die lokale Bevölkerung und lokale Klein(st)unternehmen, die
Verbindung von Sparen und Kredit sowie die Vereinbarkeit von nachhaltigem
Wirtschaften und sozialem Auftrag.
Ein besonders erfolgreiches Projekt zum Aufbau kommunaler Sparkassen sind
die Cajas Municipales in Peru. Diese wurden von 1984 bis 1996 gemeinsam mit
Drucksache 17/2680 – 12 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodeder Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) gegründet
und aufgebaut. Heute gibt es 12 Cajas Municipales mit mehr als 300 Filialen und
über 750 000 Mikrofinanzkunden in ganz Peru. Daneben werden noch bis Ende
2010 die City Commercial Banks in der Volksrepublik China unterstützt, die in
ihrer Struktur Städtischen Sparkassen gleichen. Neben kommunalen Sparkassen
unterstützt die Sparkassenstiftung auch private, genossenschaftliche und
staatliche Finanzinstitute bei ihrer Entwicklung.
Die Bundesregierung unterstützt Partnerländer auch dabei, verschiedene Formen
und Elemente der sozialen Sicherung zu einem kohärenten nationalen System
der Sozialen Sicherung zusammenzuführen. Unterstützung für „Cash-for-Work“-
Programme können dabei ein Beispiel im Rahmen der sozialen Grundsicherung
darstellen. Darüber hinaus tragen auch gemeindebasierte, genossenschaftliche
oder privatwirtschaftlich organisierte Mikroversicherungen zur
Eigentumssicherung bei und leisten – je nach Ausgestaltung – beispielsweise Beiträge zur
Sicherung des öffentlichen Gutes Gesundheit.
15. In welchem Umfang fördert das Bundesministerium für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung konditionierte Sozialprogramme
(conditioned cash transfers, CCT) in Entwicklungsländern, in denen nicht
rückzahlbare Zuschüsse zum Lebensunterhalt gewährt werden?
Was sind das für Projekte (bitte konkret benennen)?
Die Bundesregierung fördert derzeit konditionalisierte Sozialtransferprogramme
in El Salvador (23,9 Mio. Euro) und Indonesien (Teilkomponente,
Gesamtvolumen 2 Mio. Euro).
16. Gedenkt die Bundesregierung die Zahl derartiger Projekte zu vergrößern
oder deren finanzielle Unterstützung auszubauen?
Die Bundesregierung arbeitet grundsätzlich nachfragebezogen. Anfragen aus
Partnerländern nach Unterstützung werden ergebnisoffen geprüft. Die
Bundesregierung ist dabei nicht auf eine Form der sozialen Grundsicherung festgelegt.
Im Rahmen eines systemischen Ansatzes unterstützt die Bundesregierung den
Auf- und Ausbau von Systemen der Sozialen Sicherung, die – je nach
Länderkontext – steuer- und beitragsfinanzierte Modelle ebenso wie gemeindebasierte
und genossenschaftliche, öffentliche und privatwirtschaftliche Ansätze
miteinander verbinden. Die konkrete Ausgestaltung der Systeme der sozialen
Sicherung, denen auch Ansätze der sozialen Grundsicherung inklusive
konditionalisierter Sozialtransfers zuzurechnen sind, reflektiert politische Priorisierungen
und gesellschaftliche Diskurse in den jeweiligen Partnerländern.
17. Berät die Bundesregierung in ihrer Entwicklungszusammenarbeit die
entsprechenden Stellen in Partnerländern dahingehend, dass sie die Märkte
für Mikrokredite regulieren, um zu verhindern, dass private Interessen und
Akteure die Bemühungen zur Armutsbekämpfung zur Mehrung privaten
Reichtums missbrauchen?
a) Wenn ja, in welchen Ländern geschieht das, und (bitte konkrete
Länderbeispiele nennen) haben diese eine entsprechende Bankgesetzgebung
verabschiedet?
b) Welche Beratungsmaßnahmen werden in diesem Zusammenhang
Kreditnehmerinnen/Kreditnehmern geboten?
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 13 – Drucksache 17/2680Der Aufbau stabiler und transparenter Finanzsysteme inklusive
Mikrofinanzsystemen ist Ziel der deutschen Entwicklungspolitik im Bereich
Finanzsystementwicklung.
Das BMZ berät Zentralbanken und Finanzministerien zur Regulierung und
Überwachung des gesamten Mikrofinanzbereiches in ca. 30 Ländern weltweit,
darunter China, Indien, Indonesien, Nigeria, zentralasiatische Staaten und Afrika
überregional. Die GTZ beherbergt im Auftrag des BMZ das Sekretariat der
globalen Access to Insurance Initiative, die zur Entwicklung Internationaler
Standards für die Aufsicht von Mikroversicherungsmärkten beiträgt. Darüber
hinaus ist Deutschland maßgeblich in die sogenannte G20 Financial Inclusion
Expert Group eingebunden, die in Kooperation mit internationalen
Regulierungsbehörden (IAIS, BCBS, FATF, CPSS etc.) Empfehlungen erarbeitet, um
den Zugang zu Finanzdienstleistungen für die Ärmsten sicherer und einfacher zu
gestalten.
Kreditnehmerinnen und Kreditnehmer werden im Rahmen von sogenannten
Financial Capability Maßnahmen (siehe auch Frage 9) hinsichtlich ihrer Rechte
und Pflichten als Kreditnehmer, Sparer und Versicherungsnehmer aufgeklärt und
beraten.
18. Wie bewertet die Bundesregierung die häufig sehr frühen
Rückzahlungspflichten für Kleinkredite?
a) Wirkt die Bundesregierung darauf hin, dass durch zu frühe
Rückzahlungspflichten im Rahmen geförderter Projekte nicht die Ziele des
Mikrofinanzkredits konterkariert werden?
b) Wie stellen sich die Rückzahlungsintervalle im Regelfall im Rahmen
geförderter Projekte dar?
Die nach der Kreditvergabe früh beginnenden Rückzahlungsverpflichtungen
sind in der Regel kein Problem für die Kreditnehmer. Für die
Mikrofinanzkreditnehmer sind häufige, aber dafür kleine Tilgungssummen wichtig, da diese den
Einnahmen und Ausgaben (Cash-Flow) der Kleinstunternehmen und Haushalten
in Entwicklungsländern besser entsprechen. Die Rückzahlungspläne der durch
die Bundesregierung geförderten Mikrofinanzprogramme berücksichtigen dies.
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ISSN 0722-8333]