[Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Marc Jongen, Nicole Höchst,
Dr. Götz Frömming, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD
– Drucksache 20/385 –
Abwanderung hochqualifizierter Wissenschaftler aus Deutschland
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
In der Ausgabe 3/2021 des Infoletters „Demografische Forschung. Aus Erster
Hand“, einer gemeinsamen Publikation verschiedener deutscher und
österreichischer Institute (S. 3,
https://www.demografische-forschung.org/archiv/defo
2103.pdf), wird mit Blick auf die Ab- und Zuwanderung von
hochqualifizierten Forschern für Deutschland eine „negative Bilanz“ gezogen.
Der Beitrag fasst die wesentlichen Ergebnisse der 2021 publizierten Studie
„International Migration in Academia and Citation Performance: An Analysis
of German-Affiliated Researchers by Gender and Discipline Using Scopus
Publications 1996–2020“ von Xinyi Zhao, Samin Aref, Emilio Zagheni und
Guy Stecklov zusammen (
https://arxiv.org/ftp/arxiv/papers/2104/2104.1238
0.pdf).
Eine Auswertung der Datenbank Scopus seitens der Autoren dieser Studie –
die Datenbank gibt einen umfassenden Überblick über den weltweiten
Forschungsausstoß in den Bereichen Naturwissenschaft, Technologie, Medizin,
Sozialwissenschaften, Kunst und Geisteswissenschaften – hat ergeben, dass
deutsche Top-Wissenschaftler immer öfter den Weg in das Ausland wählen,
sodass Deutschland hier einen negativen Wanderungssaldo zu verzeichnen
hat. Allein an die USA, an Großbritannien und die Schweiz habe Deutschland
im Zeitraum von 1996 bis 2020 „rund 9.000 Forscherinnen und Forscher“
verloren (S. 3,
https://www.demografische-forschung.org/archiv/defo2103.pdf).
Unter dem Strich verliere die Bundesrepublik Deutschland im „Austausch mit
wissenschaftlichen Kräften“ „mehr wissenschaftliche Köpfe als sie gewinnen
kann“ (
https://www.mpg.de/17639327/0930-defo-drehscheibe-der-wissenscha
ft-154642-x).
Dieses Ergebnis ist auch deshalb bemerkenswert, weil Deutschland, so die
Autoren der o. g. Studie, einen „höheren Anteil seines BIP für Forschung und
Entwicklung“ investiere als die meisten Länder mit entwickelten
Volkswirtschaften. Deshalb bestehe die Erwartung, „dass Deutschland in der Lage sein
sollte, internationale Wissenschaftler anzuziehen und zu halten, die eine hohe
Zitationsleistung“ aufwiesen (
https://www.demogr.mpg.de/en/publications_da
tabases_6118/publications_1904/book_chapters/international_migration_in_a
cademia_and_citation_performance_an_analysis_of_german_affiliated_resear
chers_6999/; Übersetzung durch die Fragesteller).
Deutscher Bundestag Drucksache 20/481
20. Wahlperiode 25.01.2022
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vom
25. Januar 2022 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Dieser Befund korrespondiert mit einer Erhebung des Bundesinstituts für
Bevölkerungsforschung (BiB) und des Instituts für Soziologie der Universität
Duisburg-Essen aus dem Dezember 2019, die zu dem Ergebnis kam, dass
statistisch „pro Jahr ein Minus von rund 51.000 [gut ausgebildeten] Menschen
[die ausgewandert sind]“ bleibe, „die nicht nach Deutschland zurückkehren“
(
https://www.bib.bund.de/DE/Service/Presse/2019/2019-11-Policy-Brief-Gew
inner-der-Globalisierung-Konsequenzen-von-Auslandsaufenthalten-und-intern
ationaler-Mobilitaet.html).
Prof. Dr. Gabriel Felbermayr, damals Präsident des Kieler Instituts für
Weltwirtschaft (IfW), kommentierte die Ergebnisse dieser Erhebung mit den
Worten: „Deutschland ist ein Auswanderungsland. Im Durchschnitt gehen 180.000
gut ausgebildete Menschen, 130.000 kehren wieder heim. Die [o. g.] Studie
beschwichtigt, aber hier liegt ganz klar Brain Drain vor, in zehn Jahren eine
halbe Million Leistungsträger“. Das sei, so Prof. Dr. Gabriel Felbermayr, „für
eine Volkswirtschaft wie die deutsche, die stark auf gut ausgebildete
Menschen angewiesen ist, keine gute Nachricht“ (
https://www.dw.com/de/einmal-
auswandern-und-zur%C3%BCck-manchmal/a-51564332). Diese Erkenntnisse
müssen nach Auffassung der Fragesteller vor dem Hintergrund eines
zunehmenden, alarmierenden Fachkräftemangels in Deutschland, und zwar auch bei
Hochqualifizierten, alarmieren (
https://www.iwkoeln.de/studien/alexander-
burstedde-paula-risius-dirk-werner-fachkraeftemangel-bei-hochqualifizierten-
wieder-ueber-vor-corona-niveau-513248.html).
Aus Sicht der Fragesteller liegt damit ein hinreichender Anlass dafür vor, die
Bundesregierung dahin gehend zu befragen, ob und ggf. mit welchen
Maßnahmen sie diesem „Brain Drain“ (s. o.) mit Blick auf die Abwanderung von
hochqualifizierten Wissenschaftlern, wie er u. a. in der Studie „International
Migration in Academia and Citation Performance“ mit Blick auf Deutschland
konstatiert wird, entgegenzusteuern beabsichtigt (
https://arxiv.org/ftp/arxiv/pa
pers/2104/2104.12380.pdf).
V o r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Die in der Kleinen Anfrage zitierte Publikation „International Migration in
Academia and Citation Performance: An Analysis of German-Affiliated
Researchers by Gender and Discipline Using Scopus Publications 1996–2020“
(April 2021) wurde vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD)
mit einer Zuwendung aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und
Forschung (BMBF) finanziert und ist Teil des am Max-Planck-Institut für
demografische Forschung (MPIDR) angesiedelten, einjährigen
Forschungsprojekts „Analyzing the migration of researchers to and from Germany during
1996-2020 and evaluating its interplay with fields of scholarship, level of
experience, gender, and research performance”. Im Rahmen des Projekts wurde ein
Paper veröffentlicht, das zweite ist als Preprint verfügbar. Neben der in der
Anfrage zitierten Publikation handelt es sich dabei um die Analyse „Return
migration of German-affiliated researchers: Analyzing departure and return by
gender, cohort, and discipline using Scopus bibliometric data 1996-2020“ (Oktober
2021).
Bei der Interpretation der Befunde ist zu beachten, dass die Daten lediglich
einen Teil der Forschenden in Deutschland erfassen, nämlich diejenigen, die ihre
Forschungsbefunde in den Fachzeitschriften veröffentlichen, die für die
Analyse bibliometrisch erfasst wurden. Nicht berücksichtigt wird dadurch
beispielsweise der allergrößte Teil der umfangreichen Unternehmensforschung, da diese
üblicherweise nicht in Fachzeitschriften veröffentlicht wird.
Auf der Grundlage der beiden bisherigen Analysen des MPIDR lässt sich für
die erfassten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum jetzigen Zeitpunkt
bereits schlussfolgern, dass es zwischen den verschiedenen Fachbereichen
teilweise deutliche Unterschiede bezüglich des Wanderungssaldos und der
Rückkehrtendenz gibt. Die zweite Analyse des MPIDR belegt zudem einen
Zusammenhang zwischen der Intensität der wissenschaftlichen Kooperation deutscher
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Ausland mit
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Deutschland und deren Rückkehrtendenz. Das
MPIDR kommt in seiner zweiten Analyse zu der Schlussfolgerung, dass
beispielsweise ein weiterer Ausbau von Initiativen und Förderprogrammen zur
Unterstützung der Rückkehr deutscher Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler und der Anwerbung qualifizierter Forschender sinnvoll wäre, insbesondere
im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik
(MINT): "Germany as the home to a large number of initiatives for
international researchers like GAIN and GSO, is likely to benefit from additional
programs focused on STEM fields to further the mission of attracting and retaining
STEM researchers".
1. Sind der Bundesregierung die Ergebnisse der 2021 veröffentlichten
Studie „International Migration in Academia and Citation Performance: An
Analysis of German-Affiliated Researchers by Gender and Discipline
Using Scopus Publications 1996–2020“ (2021;
https://arxiv.org/ftp/arxi
v/papers/2104/2104.12380.pdf) zum „Brain Drain“ (vgl. Vorbemerkung
der Fragesteller) deutscher Top-Wissenschaftler bekannt?
Wenn ja, welche Schlussfolgerungen hat die Bundesregierung bisher ggf.
aus dieser Studie gezogen?
Die Ergebnisse der Studie sind der Bundesregierung bekannt; auf die
Vorbemerkung der Bundesregierung wird verwiesen. Vorbehaltlich weiterer
Auswertungen der erst im letzten Jahr veröffentlichten Studien des vom BMBF
geförderten Projektes am MPIDR, sieht sich die Bundesregierung darin bestärkt
weiterhin strukturierte Programme zu fördern, die Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler bei ihrer Rückkehr unterstützen bzw. im Wissenschaftssystem
halten. Dazu gehört unter anderem das Programm „Postdoctoral Researchers
International Mobility Experience (P.R.I.M.E.)“ des DAAD. Es fördert die
Auslandsmobilität und Rückkehr von Postdoktoranden aller Nationalitäten und
Fachrichtungen, wobei hier statt eines Stipendiums eine Stelle an einer
deutschen Universität finanziert wird. Im Rahmen der Initiative German Academic
International Network (GAIN) unterstützt das BMBF über den DAAD deutsche
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in Nordamerika tätig sind, bei
der Kontaktpflege zu deutschen Wissenschaftseinrichtungen und fördert so die
Rückkehr an den Forschungsstandort Deutschland.
Über die Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH) fördert die Bundesregierung
zudem weiterhin die Wissenschaftskooperationen zwischen exzellenten
ausländischen und deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und
treibt somit die Internationalisierung des deutschen Wissenschaftssystems
voran. Neben den größtenteils für einen befristeten Forschungsaufenthalt an
Forschungseinrichtungen und Hochschulen in Deutschland vergebenen Stipendien
vergibt die AvH auch die Alexander von Humboldt-Professur, deren Ziel eine
dauerhafte Gewinnung von ausgewiesenen Spitzenwissenschaftlerinnen und
Spitzenwissenschaftler aus dem Ausland für zukunftsweisende Forschung in
Deutschland ist. Dieses schließt die Rückgewinnung von Spitzenforschern, die
ihren akademischen Lebenslauf in Deutschland begonnen haben und jetzt an
den Top-Forschungsorten im Ausland als Wegbereiter tätig sind, ein. Auch im
Rahmen der Förderprogramme der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG),
etwa des Emmy Noether-Programms, werden regelmäßig exzellente
Forschende, die zuvor im Ausland tätig waren, dafür gewonnen ihre wissenschaftliche
Karriere in Deutschland fortzusetzen.
Zur weiteren beispielhaften Darstellung von Maßnahmen der Bundesregierung
um hochqualifizierte Fachkräfte für die Erforschung, Entwicklung und
Anwendung von Künstlicher Intelligenz (KI) zu gewinnen wird auf die Antwort der
Bundesregierung zu Frage 12 der Kleinen Anfrage der Fraktion der FDP auf
Bundestagsdrucksache 19/32468 verwiesen.
2. Wie erklärt sich die Bundesregierung, dass trotz vergleichsweise hoher
Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland mehr
hochqualifizierte Wissenschaftler in das Ausland abwandern als nach
Deutschland zurückkehren (vgl. Vorbemerkung der Fragesteller)?
Kann die Bundesregierung angeben, welche Forschungsbereiche von
dieser Entwicklung am meisten betroffen sind (bitte ggf. ausführen)?
Bei den im Beitrag „Drehscheibe der Wissenschaft“ dargestellten Daten handelt
es sich nicht um Kopfzahlen, sondern um die Zahl der im
Untersuchungszeitraum ermittelten Wanderungsbewegungen. Das bedeutet, einzelne Forschende
sind, sofern sie in diesem Zeitraum mehrfach zwischen Arbeitgebern innerhalb
und außerhalb Deutschlands wechselten, auch mehrfach erfasst. Hierdurch
erklären sich auch die höheren Zahlen in diesem Beitrag im Vergleich zum
Originalbeitrag „International Migration in Academia and Citation Performance: An
Analysis of German-Affiliated Researchers by Gender and Discipline Using
Scopus Publications 1996-2020“. Aussagekräftiger für eine Brain Drain/Gain/
Circulation-Fragestellung sind daher die Zahlen in Tabelle 1 des
Originalbeitrags, da hier keine Mehrfachzählungen einzelner Personen enthalten sind.
Bei einer Betrachtung des Wanderungssaldos nur auf Basis von Kopfzahlen
beträgt der negative Saldo 1,2 Prozent aller hier erfassten Forschenden, die im
Beobachtungszeitraum zumindest vorübergehend in Deutschland forschten
bzw. publizierten. Der Wanderungssaldo ist ein Mittelwert. Die Werte für die
einzelnen Disziplinen können also höher oder niedriger sein. Der vorliegende
Originalbeitrag des MPIDR liefert nach Ansicht der Bundesregierung eine gute
Grundlage für die Identifikation derjenigen Disziplinen bzw.
Forschungsbereiche, in denen zumindest in qualitativer Hinsicht ein negativer Wanderungssaldo
vorliegt (siehe Abbildung 1 des Originalbeitrags).
3. Hält die Bundesregierung trotz der in Frage 1 angesprochenen
Entwicklung an ihrer Auffassung fest, nach der „zeitweilige Aufenthalte“ von
Wissenschaftlern im Ausland „Teil der wissenschaftsimmanenten ,Brain
Circulation‘“ seien, die „zum Wesen der Wissenschaft“ gehörten
(Bundestagsdrucksache 19/5763, S. 2)?
a) Wenn ja, kann die Bundesregierung vor dem Hintergrund der in
Frage 1 angeführten Studie Erhebungen dafür anführen, dass diese
„zeitweiligen Aufenthalte“ tatsächlich nur „zeitweilig“ sind?
b) Wenn nein, welche Entwicklungen haben dazu geführt, dass die
Bundesregierung in dieser Frage ihre Meinung geändert hat?
Die Fragen 3 bis 3b werden gemeinsam beantwortet.
Der internationale wissenschaftliche Austausch ist eine entscheidende
Voraussetzung dafür, dass die in anderen Ländern verfügbaren Erkenntnisse auch für
den Wissenschaftsstandort Deutschland verfügbar gemacht werden können. Er
spielt außerdem eine wichtige Rolle für die grenzübergreifende Forschung zur
Lösung globaler Herausforderungen. Die zweite im Oktober 2021 erschienene
Analyse des MPIDR zeigt deutlich, dass ein großer Teil der
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Deutschland verlassen nach einiger Zeit wieder
nach Deutschland zurückkehren. In der EU-finanzierten Studie „Support for
continued data collection and analysis concerning mobility patterns and career
paths of researchers“ (MORE2) zeigte sich zudem, dass promovierte
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Bildungsabschluss aus Deutschland
nach mindestens dreimonatigen Auslandsaufenthalten im internationalen
Vergleich überdurchschnittlich häufig wieder ins deutsche Wissenschaftssystem
zurückkehren.
4. Hat die Bundesregierung Erkenntnisse darüber, wo die Gründe dafür zu
suchen sind, dass die USA, Großbritannien und die Schweiz die
wichtigsten Zielländer der deutschen „wissenschaftlichen Migration“ sind
(s. o. International Migration in Academia and Citation Performance,
S. 9 f.)?
a) Wenn ja, welche Erkenntnisse sind das (bitte im Einzelnen
erläutern)?
b) Wenn nein, warum hat die Bundesregierung hierzu keine
Erkenntnisse?
Die Fragen 4 bis 4b werden gemeinsam beantwortet.
Die USA, Großbritannien und die Schweiz sind Länder mit besonders
hochentwickelten Wissenschaftssystemen. So befinden sich beispielsweise die meisten
Hochschulen, die bei den gängigsten internationalen Hochschulrankings die
vordersten Plätze belegen, in den USA und Großbritannien. Die Schweiz
verfügt zudem über ein sehr gut finanziertes Forschungssystem. Der Anteil der
öffentlichen Forschungsausgaben liegt in der Schweiz oberhalb des
entsprechenden Anteils in Deutschland. Die hohe Qualität dieser Hochschulen macht die
dort tätigen deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu besonders
wichtigen Kooperationspartnern für das deutsche Wissenschaftssystem.
Gleichzeitig zeigt sich in der aktuellen Analyse des MPIDR, dass die Rückkehrraten
für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland nach einem
Aufenthalt in den USA und/oder Großbritannien vergleichsweise hoch
ausfallen. Gerade von der Auswärtsmobilität in diese beiden wichtigen
Wissenschaftsnationen profitiert Deutschland auch durch eine besonders ausgeprägte
Rückkehrmobilität im Sinne einer Brain Circulation.
5. Hat die Bundesregierung zu den Gründen der Abwanderung
hochqualifizierter deutscher Wissenschaftler ins Ausland eine Studie in Auftrag
gegeben, um deren Motive zu erfassen?
a) Wenn ja, welche Ergebnisse hat diese Studie erbracht?
b) Wenn nein, warum hat die Bundesregierung hierzu keine Studie in
Auftrag gegeben?
Die Fragen 5 bis 5b werden gemeinsam beantwortet.
In der vom BMBF in Auftrag gegebenen Begleitstudie zum Bundesbericht
Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN2017) geht das Kapitel 4.5 auf
mögliche Motive der Abwanderung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
ein. Dort wird unterschieden zwischen wissenschaftsbezogenen Gründen und
nicht primär wissenschaftsbezogenen Gründen. Zu den
wissenschaftsbezogenen Gründen zählen vor allem die Ausstattung mit Infrastrukturen sowie das
Renommee von Einrichtungen und/oder Personen. Daneben wird auch die
Offenheit gegenüber neuen oder interdisziplinären Ansätzen und die damit
verbundene Flexibilität der Forschung genannt. Bei den nicht primär
wissenschaftsbezogenen Gründen sind es vor allem positive Effekte für die Laufbahn,
Aufstiegsmöglichkeiten, eine bessere Planbarkeit der Karriere und die damit
verbundene Sicherheit sowie das höhere Einkommen und der bessere Umgang
mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auf höheren Ebenen der
Hierarchie. Hinzu kommen persönliche Gründe wie ein höherer Lebensstandard im
Ausland und familiäre Gründe.
6. Sieht die Bundesregierung, wenn ihr die in Frage 1 genannte Studie
bekannt ist, gemäß der Deutschland im „Austausch mit wissenschaftlichen
Kräften mehr wissenschaftliche Köpfe“ verliere, „als sie gewinnen“
könne, im Hinblick auf ihre Auskunft auf Bundestagsdrucksache 19/5763,
nach der „internationale Wissenschaftlermobilität“ nicht „zu einer
Reduktion der Forschungsqualität in Deutschland“ beitrage (Antwort zu
Frage 1 auf Bundestagsdrucksache 19/5763), einen Widerspruch?
a) Wenn ja, hat sich die Bundesregierung hierzu eine Positionierung
erarbeitet (bitte in der Antwort auch angeben, wie diese ggf. lautet)?
b) Wenn nein, warum sieht die Bundesregierung hier keinen
Widerspruch?
Die Fragen 6 bis 6b werden gemeinsam beantwortet.
Das MPIDR zeigt in seinen Analysen, dass gerade die international mobilen
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu jener Gruppe gehören, deren
Publikationen sehr häufig zitiert werden. In besonderem Maße gilt das für
Forschende, die nach einem Auslandsaufenthalt nach Deutschland zurückkehren
oder die nur vorübergehend in Deutschland tätig waren. Dies zeigt, dass gerade
die internationale Wissenschaftlermobilität zu einer Verbesserung der
Zirkulation von Wissen und Forschungsergebnissen und damit auch zu einer
verbesserten Qualität der Forschungsleistungen führt. Das deutsche Wissenschaftssystem
wird in relevante Wissensnetzwerke eingebunden und profitiert langfristig von
diesem Zugang, auch nachdem die Wissensträgerinnen und Wissensträger die
Bundesrepublik Deutschland wieder verlassen haben. Zu diesen Erkenntnissen
kommt auch die Studie „Funding Programmes and Initiatives for
Internationally Mobile Postdocs: Perceived Impacts on Individuals, Institutions and
Society“ von Hans-Dieter Daniel, Jana Bobokova und Rüdiger Mutz.
7. Plant die Bundesregierung eine Initiative, um die Abwanderung
hochqualifizierter deutscher Wissenschaftler zum Gegenstand der amtlichen
Statistik zu machen?
a) Wenn ja, kann die Bundesregierung bereits angeben, wann hierzu
zum ersten Mal Daten erhoben werden?
b) Wenn nein, warum plant die Bundesregierung keine derartige
Initiative?
Die Fragen 7 bis 7b werden gemeinsam beantwortet.
Die amtliche Statistik über Forschung und Entwicklung erhebt Daten zu
Aufwendungen und Beschäftigten an Forschungseinrichtungen in Deutschland, das
heißt erfasst werden die dort zum Zeitpunkt der Erhebung beschäftigten
Personen. Gegebenenfalls abgewanderte Hochqualifizierte ins Ausland sind deshalb
in dieser Statistik, nicht zu finden beziehungsweise zu identifizieren. Daten zu
Abwanderungsabsichten werden nicht erhoben.
8. Hat die Bundesregierung, wenn ihr die in Frage 1 genannte Studie
bekannt ist, zu dem dortigen Befund, nach dem diejenigen Forscher aus
Deutschland hohe Zitationsraten ihrer Publikationen aufwiesen, die nach
Dänemark, Schweden oder Österreich abgewandert seien, eine
Positionierung erarbeitet, und wenn ja, wie lautet diese (International Migration
in Academia and Citation Performance, S. 10)?
Bei Dänemark, Schweden und Österreich handelt es sich um direkt benachbarte
Länder mit sehr guten Wissenschaftssystemen. Sie sind deshalb für besonders
leistungsfähige Forschende auch aus Deutschland attraktiv. Im Übrigen weisen
Studien wie zum Beispiel „Wissenschaft weltoffen 2021“ (s. Kapitel E 1.1)
darauf hin, dass es von vielen Faktoren abhängig ist, ob in einem Land viele oder
wenige internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten.
Neben Größe, Attraktivität und Struktur des Wissenschafts- und
Hochschulsystems, Zugangs- und Arbeitsmöglichkeiten spielen auch kulturelle und
sprachliche Aspekte eine Rolle. Es ist anzunehmen, dass direkt benachbarte Länder als
Zielländer für Auslandsaufenthalte auch deshalb besonders attraktiv sind, da
bei einem Aufenthalt in diesen Ländern die persönlichen Netzwerke in
Deutschland eher aufrechterhalten werden können. Die geographische Nähe
und der Fortbestand der Netzwerke mit deutschen Forschenden erleichtern
jedoch auch die Rückgewinnung der in diesen Ländern tätigen Deutschen.
9. Hat die Bundesregierung, wenn ihr die in Frage 1 genannte Studie
bekannt ist, aus dem Befund, nach dem aus Deutschland abgewanderte
Forscher in den genannten Ländern Dänemark, Schweden oder Österreich
ein besseres Forschungsumfeld vorfinden, Schlussfolgerungen für ihr
eigenes Handeln gezogen (bitte in der Antwort auch angeben, ob die
Bundesregierung hier ggf. gezielte Initiativen eingeleitet hat, und wenn
ja, welche)?
10. Ist der Bundesregierung die Auffassung von Prof. Dr. Jan Pieter
Krahnen, Vorstandsmitglied des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung
SAFE, bekannt, nach der wir uns im „Wissenschaftsbereich auf einem
internationalen Markt“ befänden, was dazu führe, dass die „besten
Talente dorthin“ gingen, „wo sie die besten Bedingungen“ vorfänden (https://
www.tagesschau.de/wirtschaft/technologie/vwl-braindrain-abwanderun
g-wirtschaftswissenschaft-101.html)?
Wenn ja, wie beurteilt die Bundesregierung vor dem Hintergrund des
Kampfes „um die besten Talente“ die „Bedingungen“ – z. B. im Hinblick
auf Einkommen, Forschungsinfrastruktur, Karrieremöglichkeiten,
Publikationsmöglichkeiten, Betreuungsmöglichkeiten für Kinder etc. – der
deutschen Forschungs- und Wissenschaftslandschaft (bitte in der
Antwort auch darlegen, ob und ggf. wo die Bundesregierung
Verbesserungsbedarf sieht)?
Die Fragen 9 und 10 werden im Zusammenhang beantwortet.
Die Bundesregierung verfolgt auf vielfältige Weise das Ziel, die herausragende
Stellung Deutschlands als international attraktiven Standort für Wissenschaft,
Forschung und Innovation weiter zu festigen. Ein zentraler Bestandteil ist eine
verlässliche und kontinuierliche Finanzierung auf hohem Niveau. Die
Bundesregierung hat sich gemeinsam mit den Ländern und der Wirtschaft das Ziel
gesetzt bis 2025 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und
Entwicklung zu investieren. Gemeinsam mit den Ländern hat die Bundesregierung
seit 2005 durch erhebliche zusätzliche Finanzmittel im Rahmen der großen
Wissenschaftspakte – Hochschulpakt und „Zukunftsvertrag Studium und
Lehre“, Exzellenzinitiative und Exzellenzstrategie sowie Pakt für Forschung und
Innovation – die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Wissenschaft in
Deutschland erheblich gestärkt. Der jährliche Mittelaufwuchs im Rahmen des
Pakts für Forschung und Innovation unterstützt die
Wissenschaftsorganisationen darin, dass zur Erfüllung ihrer jeweiligen Mission auf höchster
Leistungsstufe erforderliche Personal zu gewinnen und zu halten. Die
Wissenschaftsorganisationen entwickeln hierzu international wettbewerbsfähige
Arbeitsbedingungen. Im Rahmen des Wissenschaftsfreiheitsgesetzes haben die
Wissenschaftsorganisationen mehr Freiheit und Eigenverantwortung um im Wettbewerb um
herausragende Spitzenkräfte auch wegweisende Forschungsprojekte und
innovative Infrastrukturen zu fördern.
Die Bundesregierung fördert zudem eine Vielzahl strukturierter Programme um
die besten Nachwuchskräfte auch aus dem Ausland für das deutsche
Wissenschaftssystem zu gewinnen bzw. im Wissenschaftssystem zu halten.
Hinsichtlich einer Darstellung dieser gezielten Initiativen der Bundesregierung wird auf
die Antwort der Bundesregierung zu den Fragen 4 und 12 der Kleinen Anfrage
der Fraktion der FDP auf Bundestagsdrucksache 19/32468 verwiesen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
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ISSN 0722-8333]