Die Schilf-Glasflügelzikade in Deutschland – Fragen zu Ausbreitung, wirtschaftlichen Schäden und Bekämpfung
der Abgeordneten Christian Reck, Stephan Protschka, Peter Felser, Danny Meiners, Bernd Schattner, Julian Schmidt, Bernd Schuhmann, Dr. Michael Blos, Steffen Janich, Enrico Komning, Lars Schieske, Stefan Schröder, Dario Seifert und der Fraktion der AfD
Vorbemerkung
„Die Schilf-Glasflügelzikade (Pentastiridius leporinus) ist eine polyphage Zikadenart aus der Familie der Glasflügelzikaden (Cixiidae)“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Schilf-Glasfl%C3%BCgelzikade) und ist ein Vektor (Überträger) der bakteriellen Erreger Candidatus Arsenophonus phytopathogenicus (ARSEPH) und Candidatus Phytoplasma solani (PHYPSO oder Stolbur) auf Pflanzen wie beispielsweise Zuckerrüben, Kartoffeln, Karotten und Rote Bete, aber auch Kohl, Zwiebel, Paprika, Tomate, Spargel, Rhabarber und Erdbeeren.
Die Bakterien lösen das Syndrome Basses Richesses – SBR (Syndrom der niedrigen Zuckergehalte) aus, welches zu Vergilbungssymptomen und Zuckergehaltsverlusten in der Zuckerrübe und anderen Feldfrüchten führt. Die Schilf-Glasflügelzikaden (SGFZ) sind somit Schädlinge, welche – was angesichts der rasanten Verbreitung in den letzten Jahren als paradox angesehen werden muss – interessanterweise auf der „Roten Liste“ als gefährdete Tierart geführt werden (www.rote-liste-zentrum.de/de/Artensuchmaschine.html?q=Schilf-Glasfl%C3%BCgelzikade).
„Die Zikadenart, deren Lebensraum einst im Schilf beschrieben war, war in der Vergangenheit eher selten zu finden. Nun konnte sie sich jedoch an neue Wirtspflanzen, insbesondere Zuckerrüben und Kartoffeln, anpassen und ihren kompletten Lebenszyklus an ihnen vollenden“ (https://jlupub.ub.uni-giessen.de/items/8ffbed1a-1edc-47f7-a738-1dbc7d631b18).
„Die bakteriellen Erreger lösen Krankheiten in den Pflanzen aus, so dass Qualität und Quantität der geernteten Pflanzen signifikant verringert werden“ (Drucksache 21/2131 vom 11. April 2025, Hessischer Landtag).
„Der Schadkomplex an Zuckerrüben wurde erstmalig 1991 in Frankreich und 2008 in Deutschland beobachtet. Eine starke Ausbreitung in Deutschland lässt sich seit dem Jahr 2017 feststellen“ (Vorlage 18/3571 vom 10. Februar 2025, Landtag Nordrhein-Westfalen).
Laut der „Ergänzende(n) Unterrichtung durch die Landesregierung im 73. Ausschuss AfELuV vom 4. Februar 2026 zu Drucksache 19/7644 vom 1. Juli 2025, Niedersächsischer Landtag“ wurde die Befallsfläche durch die SGFZ in Deutschland für 2023 mit ca. 60 000 ha/Zuckerrübe und 15 000 ha/Kartoffel, für 2024 mit ca. 84 000 ha/Zuckerrübe und 22 000 ha/Kartoffel, sowie für 2025 mit ca. 119 000 ha/Zuckerrübe und 39 000 ha/Kartoffel angegeben.
Bei dieser raschen Ausbreitung der SGFZ und der zunehmenden Anpassung an neue Wirtspflanzen ist von heftigen ökonomischen Verlusten auszugehen, die nicht nur die Landwirtschaft bedrohen - vor allem, da ganze Regionen wirtschaftlich vom Anbau dieser Feldfrüchte abhängig sind -, sondern ganze Lieferketten und die Ernährungssicherheit gefährden.
„Die Auswirkungen einer starken Ausbreitung der durch die SGFZ übertragenen Krankheiten wären massiv und der wirtschaftliche Schaden sehr groß. Es wäre mit Ertragsausfällen, nicht verarbeiteter Ware und schließlich mit einem massiven Rückgang der Anbaufläche zu rechnen, was sich folglich auch auf die nachgelagerten Unternehmen auswirken würde“ (Drucksache 19/6267 vom 16. Januar 2025, Niedersächsischer Landtag).
Die Forschung zu effektiven Methoden, z. B. natürliche Prädatoren wie Laufkäfer, Spinnen oder Nematoden; Mikroorganismen und Pilze; Störung der Fortpflanzung durch Pheromone; landwirtschaftliche Managementmaßnahmen wie Schwarzbrache, Transfermulch, Beizung, Aussetzen der Winterung oder Änderung der Fruchtfolge; Einsatz von Pflanzenstärkungsmitteln zur nachhaltigen Bekämpfung der SGFZ steckt noch in den Kinderschuhen.
„Die Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade erfordert einen langfristig angelegten, kulturübergreifenden Ansatz. Das wurde auch beim Fachgespräch des Julius-Kühn-Instituts (JKI) im März 2025 deutlich, an dem über 300 Fachleute aus Bundes- und Landesbehörden, Forschung, Beratung und Praxis teilnahmen. Die Botschaft: Einzelmaßnahmen reichen nicht aus – es braucht abgestimmte Strategien über gesamte Fruchtfolgen in Raum und Zeit hinweg“ (www.julius-kuehn.de/infothek/kuehn-konkret/schilf-glasfluegelzikade).
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen34
Wie ist nach Kenntnis der Bundesregierung die aktuelle Ausbreitung der Schilf-Glasflügelzikade in Deutschland (Bitte um Auflistung der einzelnen Bundesländer nach betroffener Fläche, jeweils in Hektar und Prozentanteil der Landesfläche, sowie dem Prozentanteil an der betroffenen landwirtschaftlichen Anbaufläche)?
Wie schnell wird nach Einschätzung der Bundesregierung die Ausbreitung der Schilf-Glasflügelzikade voranschreiten, wird mit einer flächendeckenden Verbreitung in Deutschland gerechnet und wann wird dies der Fall sein?
In welchem Ausmaß sind aktuell je Bundesland a) konventionelle landwirtschaftliche Betriebe, b) Betriebe mit ökologischem Landbau und c) Betriebe mit biologischem Landbau durch die Schilf-Glasflügelzikade als Vektor bakterieller Erreger betroffen (Bitte jeweils um Angabe des Prozentanteils an der betroffenen Anbaufläche und Anzahl der betroffenen Betriebe)?
Welche Feld- und Gartenbaufrüchte sind nach Kenntnis der Bundesregierung bisher durch die Ausbreitung der Schilf-Glasflügelzikade als Vektor bakterieller Erreger betroffen (um Auflistung aller betroffenen Feld- und Gartenbaufrüchte, die jeweilige ha/Prozentangabe an der Anbaufläche je Bundesland und Gesamt-Deutschlands wird gebeten)?
Wie würde sich nach Einschätzung der Bundesregierung die flächendeckende Ausbreitung der Schilf-Glasflügelzikade auf den Anbau von Zuckerrüben, Kartoffeln, sowie aller weiteren Kulturpflanzen nach Frage 4 auf die landwirtschaftlichen Betriebe auswirken und welchen wirtschaftlichen Schaden hätte das zur Folge (bitte um Auflistung je Bundesland nach betroffenen Pflanzen, wirtschaftlichem Schaden in Euro)?
Welchen wirtschaftlichen Schaden würde nach Einschätzung der Bundesregierung die flächendeckende Ausbreitung der Schilf-Glasflügelzikade auf die der Landwirtschaft nachgelagerte Ernährungsindustrie (z. B. Zuckerindustrie, kartoffelverarbeitende Betriebe) und den Lebensmittelhandel haben (um Auflistung der betroffenen Branchen und den jeweils geschätzten Schaden in Euro wird gebeten)?
In welchem Umfang stünden nach Einschätzung der Bundesregierung Einkommen und Arbeitsplätze in den einzelnen Bundesländern sowohl in der Landwirtschaft als auch in der nachgelagerten Ernährungsindustrie und im Lebensmittelhandel bei flächendeckender Ausbreitung der Schilf-Glasflügelzikade auf dem Spiel (Bitte um Auflistung nach Bundesländern, jeweilige Branche, Einkommen und Anzahl Arbeitsplätze)?
Welche Möglichkeiten gibt es nach Ansicht der Bundesregierung zur Eindämmung der weiteren Ausbreitung, bzw. zur effektiven und nachhaltigen Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade (um Auflistung aller relevanten Möglichkeiten wird ersucht)?
Welche der in Frage 8 erfragten Maßnahmen wurden ggf. bereits umgesetzt, sind gerade in Umsetzung oder werden demnächst umgesetzt (um Auflistung der konkreten Maßnahmen je Bundesland, mit jeweiliger Zeitachse, konkreten Ergebnissen und Kooperationspartnern wird gebeten)?
Wie ist der aktuelle Kenntnisstand der Bundesregierung zur Möglichkeit der Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade mittels natürlicher Prädatoren wie Spinnen (z. B.: Lycosidae, Gnaphosidae), Laufkäfern (Carabidae) und sonstigen Tieren (Bitte um Auflistung ggf. nach Prädator, Methode, Versuchsaufbau, Versuchsdauer/-zeitraum, Forschungs-/Kooperationspartner, Versuchsverortungen je Bundesland inklusive jeweiligem Flächenausmaß und jeweiligem Ergebnis)?
Wie ist der aktuelle Kenntnisstand der Bundesregierung zur Möglichkeit der Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade mittels Nematoden (Bitte um Auflistung ggf. nach Nematodenart, Methode, Versuchsaufbau, Versuchsdauer/-zeitraum, Forschungs-/Kooperationspartner, Versuchsverortungen je Bundesland inklusive jeweiligem Flächenausmaß und jeweiligem Ergebnis)?
Wie ist der aktuelle Kenntnisstand der Bundesregierung zur Möglichkeit der Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade mittels Mikroorganismen und Pilzen, z. B.: Metarhizium brunneum (Bitte um Auflistung ggf. nach Mikroorganismus/Pilz, Methode, Versuchsaufbau, Versuchsdauer/-zeitraum, Forschungs-/Kooperationspartner, Versuchsverortungen je Bundesland inklusive jeweiligem Flächenausmaß und jeweiligem Ergebnis)?
Wie ist der aktuelle Kenntnisstand der Bundesregierung zur Möglichkeit der Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade mittels Störung der Fortpflanzung durch Pheromone (Bitte um Auflistung ggf. nach Pheromon, Methode, Versuchsaufbau, Versuchsdauer/-zeitraum, Forschungs-/Kooperationspartner, Versuchsverortungen je Bundesland inklusive jeweiligem Flächenausmaß und jeweiligem Ergebnis)?
Wie ist der aktuelle Kenntnisstand der Bundesregierung zur Möglichkeit der Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade mittels Aussetzung der Winterkultur, der sogenannten Schwarzbrache (Bitte um Auflistung ggf. nach Versuchsaufbau, Versuchsdauer/-zeitraum, Forschungs-/Kooperationspartner, Versuchsverortungen je Bundesland inklusive jeweiligem Flächenausmaß und jeweiligem Ergebnis)?
Plant die Bundesregierung im Rahmen ihrer Zuständigkeiten, auf die Sanktionierung von Verstößen gegen GLÖZ 6, bzw. § 17 GAPKondV zu verzichten, wenn eine Schwarzbrache über 20 Prozent zur Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade ackerbaulich geboten scheint?
Wenn Frage 15 mit Nein beantwortet wird, warum nicht (Bitte um Auflistung der einzelnen Gründe und jeweilige Begründung)?
Plant die Bundesregierung, auf alle nachgeschalteten Verwaltungseinheiten (Länder, Landkreise) und Institutionen einzuwirken, dass diese auf die Sanktionierung von Verstößen gegen GLÖZ 6, bzw. § 17 GAPKondV verzichten, wenn eine Schwarzbrache über 20 Prozent zur Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade ackerbaulich geboten scheint?
Wenn Frage 17 mit Nein beantwortet wird, warum nicht (Bitte um Auflistung der einzelnen Gründe und jeweilige Begründung)?
Wann können nach Einschätzung der Bundesregierung landwirtschaftliche Betriebe mit einer Rechtssicherheit hinsichtlich des Einsatzes von Schwarzbrachen über 20 Prozent zur Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade rechnen?
Wie ist der aktuelle Kenntnisstand der Bundesregierung zur Möglichkeit der Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade mittels Transfermulch (Bitte um Auflistung ggf. nach Versuchsaufbau, Versuchsdauer/-zeitraum, Forschungs-/Kooperationspartner, Versuchsverortungen je Bundesland inklusive jeweiligem Flächenausmaß und jeweiligem Ergebnis)?
Wie ist der aktuelle Kenntnisstand der Bundesregierung zur Möglichkeit der Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade mittels Beizung (Bitte um Auflistung ggf. nach Versuchsaufbau, Versuchsdauer/-zeitraum, Forschungs-/Kooperationspartner, Versuchsverortungen je Bundesland inklusive jeweiligem Flächenausmaß und jeweiligem Ergebnis)?
Zieht die Bundesregierung die Zulassung entsprechender Beizmittel (vgl. Vorfrage) in Betracht, obwohl hier in einer Kultur (z. B. Weizen) ein Schädling bekämpft werden soll, der nicht diese, sondern eine andere Kultur (z. B. Zuckerrübe) schädigt?
Wenn Frage 22 mit Nein beantwortet wird, warum nicht (Bitte um Auflistung der einzelnen Gründe und jeweilige Begründung)?
Wie ist der aktuelle Kenntnisstand der Bundesregierung zur Möglichkeit der Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade mittels Änderung der Fruchtfolge (Bitte um Auflistung ggf. nach Versuchsaufbau, Versuchsdauer/-zeitraum, Forschungs-/Kooperationspartner, Versuchsverortungen je Bundesland inklusive jeweiligem Flächenausmaß und jeweiligem Ergebnis)?
Wie ist der aktuelle Kenntnisstand der Bundesregierung zur Möglichkeit der Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade mittels Saatgutbehandlung (Bitte um Auflistung ggf. nach Versuchsaufbau, Versuchsdauer/-zeitraum, Forschungs-/Kooperationspartner, Versuchsverortungen je Bundesland inklusive jeweiligem Flächenausmaß und jeweiligem Ergebnis)?
Wie ist der aktuelle Kenntnisstand der Bundesregierung zur Möglichkeit der Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade mittels Resistenzzüchtungen (Bitte um Auflistung ggf. nach Versuchsaufbau, Versuchsdauer/-zeitraum, Forschungs-/Kooperationspartner, Versuchsverortungen je Bundesland inklusive jeweiligem Flächenausmaß und jeweiligem Ergebnis)?
Wie ist der aktuelle Kenntnisstand der Bundesregierung zur Möglichkeit der Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade mittels Pflanzenstärkungsmitteln, beispielsweise bio-algeen S 90 Plus 2 (Bitte um Auflistung ggf. nach Versuchsaufbau, Versuchsdauer/-zeitraum, Forschungs-/Kooperationspartner, Versuchsverortungen je Bundesland inklusive jeweiligem Flächenausmaß und jeweiligem Ergebnis)?
Welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten für den Einsatz von Pflanzenstärkungsmitteln generell und unter welchen Voraussetzungen ist der Einsatz zur Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade erlaubt?
Welche chemischen Pflanzenschutzmittel, welche Wirkstoffe bieten nach aktuellem Kenntnisstand der Bundesregierung die Möglichkeit, gegen die Schilf-Glasflügelzikade vorzugehen (um Auflistung der geeigneten Pflanzenschutzmittel und der jeweiligen Wirkstoffe wird gebeten)?
Welche Insektizide sind derzeit regulär, oder per bereits erfolgter Notfallzulassung, zur Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade zugelassen (Bitte um Auflistung aller zulässigen Mittel)?
Wenn es geeignete Mittel zur Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade gibt, diese aber nicht regulär eingesetzt werden können, zieht die Bundesregierung dann eine entsprechende Notfallzulassung in Betracht und wann kann mit dieser gerechnet werden (um Auflistung der entsprechenden Mittel, die Begründung, warum diese bisher nicht eingesetzt werden dürfen und den Zeitrahmen für die Erteilung einer allfälligen Notfallzulassung wird erbeten)?
Wenn keine Notfallzulassung nach Frage 31 in Betracht gezogen wird, warum nicht (Bitte um Auflistung aller Gründe und jeweilige Begründung)?
In welcher Form unterstützt die Bundesregierung ggf. Forschungsprojekte und Versuchsvorhaben zur Bekämpfung der Schilf-Glasflügelzikade (Bitte um Auflistung aller unterstützten Projekte unter Angabe der jeweils zur Verfügung gestellten Mittel und der Forschungs-/Kooperationspartner)?
In welcher Form unterstützt die Bundesregierung ggf. die durch die Schilf-Glasflügelzikade in Mitleidenschaft gezogenen landwirtschaftlichen Betriebe (um Auflistung der Unterstützungsmaßnahmen und jeweils bereitgestellte Mittel je Bundesland wird gebeten)?