Aktueller Stand der Versorgungssicherheit mit Blutplasma und Plasmaderivaten in Deutschland
der Abgeordneten Dr. Janosch Dahmen, Simone Fischer, Dr. Armin Grau, Linda Heitmann, Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Johannes Wagner und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
Blutplasma ist ein unverzichtbarer Ausgangsstoff für die Herstellung zahlreicher lebenswichtiger Arzneimittel. Aus Blutplasma gewonnene Plasmaderivate werden unter anderem zur Behandlung von Menschen mit angeborenen oder erworbenen Immundefekten, Gerinnungsstörungen, neurologischen Erkrankungen sowie verschiedenen entzündlichen Erkrankungen eingesetzt. Da Blutplasma nicht synthetisch hergestellt werden kann, sind Patientinnen und Patienten auf ein ausreichendes Spendenaufkommen sowie auf stabile Produktions- und Lieferketten angewiesen. Die Europäische Union ist bei der Versorgung mit Plasma und daraus hergestellten Arzneimitteln in erheblichem Umfang auf Importe angewiesen, insbesondere aus den Vereinigten Staaten von Amerika.
Internationale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie europäische Institutionen stufen Blutplasma und daraus gewonnene Arzneimittel als versorgungsrelevant ein (vgl. https://iris.who.int/server/api/core/bitstreams/17642505-ecd3-4940-a691-4f1dfa0d835a/content und www.ema.europa.eu/en/documents/other/union-list-critical-medicines-en.xlsx). Gleichzeitig steigt der Bedarf an bestimmten Plasmaderivaten seit Jahren kontinuierlich an. Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts hat sich insbesondere der Verbrauch von Immunglobulinen in den vergangenen Jahren deutlich erhöht (vgl. www.pei.de/DE/newsroom/hp-meldungen/2025/251208-paul-ehrlich-institut-veroeffentlicht-bericht-blutprodukteversorgung-2024.html).
Die Sicherstellung der Versorgung mit Blutplasma und daraus hergestellten Arzneimitteln ist daher nicht nur eine Frage der regulären Gesundheitsversorgung, sondern gewinnt auch mit Blick auf die gesundheitliche Resilienz Deutschlands zunehmend an Bedeutung. Die Erfahrungen der COVID‑19-Pandemie, wiederkehrende Lieferengpässe bei Arzneimitteln, zunehmende geopolitische Spannungen sowie die Diskussion über die Krisen- und Verteidigungsfähigkeit kritischer Infrastrukturen haben die Bedeutung robuster und möglichst widerstandsfähiger Versorgungsstrukturen verdeutlicht.
Bereits in der 20. Wahlperiode hat die CDU/CSU-Fraktion die Situation der medizinischen Versorgung mit Blutplasmapräparaten sowie die Risiken einer rückläufigen Spendenbereitschaft und einer zunehmenden Abhängigkeit von Importen aus dem Ausland zum Gegenstand einer Kleinen Anfrage gemacht (Bundestagsdrucksache 20/4072). Darin wurden unter anderem mögliche Versorgungsengpässe, die Bedeutung von Blutplasma für die Versorgung von Patientinnen und Patienten sowie die Frage nach geeigneten Maßnahmen zur Sicherung der Versorgung thematisiert.
Seit Mai 2025 ist die CDU/CSU-Fraktion Teil der Regierungskoalition und im thematisch betroffenen Bundesgesundheitsministerium in Regierungsverantwortung. Vor diesem Hintergrund besteht ein besonderes parlamentarisches Interesse daran, wie die Bundesregierung die damals beschriebenen Herausforderungen heute bewertet, welche Entwicklungen seitdem eingetreten sind und welche konkreten Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgungssicherheit ergriffen wurden. Von besonderem Interesse ist dabei die Frage, wie die Bundesregierung die Versorgung mit Blutplasma und Plasmaderivaten im Spannungsfeld von Gesundheitsversorgung, Arzneimittelresilienz, Krisenvorsorge und strategischer Abhängigkeit von Importen bewertet und welche Schlussfolgerungen sie daraus für die zukünftige Ausgestaltung der gesundheitlichen Versorgung zieht.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen12
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die Entwicklung der Blut- und Plasmaspendebereitschaft in Deutschland vor?
Welche Ursachen sieht sie für die Entwicklung der Spendenzahlen und welche Maßnahmen wurden seit dem Jahr 2025 ergriffen, um die Spendenbereitschaft zu stärken?
Über welche Daten verfügt die Bundesregierung zur Herstellung plasmabasierter Arzneimittel, des Verbrauchs von Plasmaderivaten sowie der Importabhängigkeit Deutschlands in den vergangenen zehn Jahren (bitte nach Jahren sowie, soweit verfügbar, nach Produktgruppen aufschlüsseln), und welche Defizite sieht die Bundesregierung bei der Datenverfügbarkeit?
Welche konkreten Maßnahmen hat die Bundesregierung in Bezug auf die in der Kleinen Anfrage der CDU/CSU-Fraktion auf Bundestagsdrucksache 20/4072 aufgeführten Themen ergriffen, um die damals beschriebenen Risiken für die Versorgung mit Blutplasma und Plasmaderivaten zu adressieren, und wie bewertet sie die Wirksamkeit dieser Maßnahmen?
Wie bewertet die Bundesregierung die gegenwärtige Abhängigkeit Deutschlands und der Europäischen Union von Importen von Blutplasma und Plasmaderivaten aus Drittstaaten, insbesondere aus den Vereinigten Staaten von Amerika, und welche Risiken ergeben sich daraus für die Versorgungssicherheit in Krisen-, Konflikt- oder Handelskonfliktsituationen?
Welche quantitativen oder qualitativen Ziele verfolgt die Bundesregierung zur Stärkung der Versorgungssicherheit mit Blutplasma und Plasmaderivaten in Deutschland und der Europäischen Union?
Anhand welcher Indikatoren misst sie deren Erreichung und wie ist der aktuelle Umsetzungsstand?
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über Lieferengpässe bei plasmabasierten Arzneimitteln in den vergangenen fünf Jahren vor?
Welche Patientengruppen waren von Lieferengpässen bei plasmabasierten Arzneimitteln in der Vergangenheit besonders betroffen und welche Maßnahmen wurden zur Vermeidung oder Abmilderung solcher Engpässe ergriffen?
Welche Bedeutung misst die Bundesregierung der Versorgung mit Blutplasma und Plasmaderivaten im Rahmen des geplanten Gesundheitssicherstellungsgesetzes, der gesundheitlichen Resilienz sowie der zivilen Gesundheitsvorsorge bei, und welche konkreten Vorsorge- und Sicherungsmaßnahmen sind vorgesehen?
Welche Maßnahmen ergreift oder plant die Bundesregierung, um die europäische Eigenversorgung mit Blutplasma und daraus hergestellten Arzneimitteln zu stärken und die strategische Abhängigkeit von Importen aus Drittstaaten zu reduzieren?
Welche Forschungs-, Innovations- oder Fördervorhaben unterstützt die Bundesregierung zur langfristigen Sicherung der Versorgung mit Blutplasma und Plasmaderivaten sowie zur Verbesserung der Resilienz entsprechender Liefer- und Versorgungsketten?