[Deutscher Bundestag Drucksache 17/8561
17. Wahlperiode 08. 02. 2012 Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Viola von Cramon-Taubadel,
Agnes Brugger, Dr. Thomas Gambke, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
– Drucksache 17/8402 –
Zur sicherheitspolitischen Lage in Ost- und Südostasien
Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Ost- und Südostasien bleiben trotz ihrer wirtschaftlichen Dynamik eine Region
fortdauernder Spannungen. Wenngleich China als der größte Spieler der
Region mit seinem Konzept der „friedlichen Entwicklung“ darum bemüht ist,
Ängste vor seinem Aufstieg zu zerstreuen, unterstreicht das Land jedoch seine
gestiegene Bedeutung im internationalen System immer stärker durch den
Ausbau seiner militärischen Kapazitäten. Abgesehen von der Dauerkrise mit
Taiwan bergen maritime Grenzstreitigkeiten, insbesondere im südchinesischen
Meer, das China bis kurz vor die Küsten der Anrainer beansprucht, ein
Eskalationspotential. In den vergangenen Jahren kam es vermehrt zu Zwischenfällen,
in welchen Peking seine Territorialansprüche rigoros durchzusetzen versuchte.
Als Folge des offensiven Auftretens Chinas in Bezug auf seine
Territorialansprüche forderten Nachbarländer in der Region eine stärkere Rolle der USA
ein.
In den vergangenen Wochen machten die USA mehrfach deutlich, dass sie sich
nach wie vor als pazifische Macht sehen und diese Stellung behaupten werden.
Auf dem Ostasiengipfel Ende November 2010 in Bali, an dem die USA mit
Präsident Barack Obama erstmals teilnahmen, spielten die Spannungen im
südchinesischen Meer eine bedeutende Rolle. Untermauert wurde die Festlegung
seitens der USA durch die wenige Tage zuvor getroffene Vereinbarung, bis zu
2 500 amerikanische Soldatinnen und Soldaten im nordaustralischen Darwin zu
stationieren. Die sicherheits- und militärpolitische Kooperation der USA mit
Japan und Indien wurde ebenso in den vergangenen Jahren weiter ausgebaut.
Auch der Abschluss eines transpazifischen Freihandelsabkommens mit neun
weiteren Staaten, an dem China nicht beteiligt ist, wies bereits auf dem Gipfel
der asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit (APEC) in der ersten
Novemberhälfte 2011 in dieselbe Richtung. Gleiches gilt für die
Wiederaufnahme hochrangiger diplomtischer Gespräche mit der Militärjunta in Birma/
Myanmar durch die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton Anfang
Dezember 2011 in Rangun. Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Auswärtigen Amts vom 3. Februar 2012 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Drucksache 17/8561 – 2 – Deutscher Bundestag – 17. WahlperiodeDeutschland und die EU haben ein elementares Interesse an regionaler
Stabilität und Demokratisierung in Ost- und Südostasien, spielen dort selbst jedoch
nur eine Nebenrolle. Solange die EU als außenpolitischer Akteur kein eigenes
Gewicht besitzt, wird sich dies nicht ändern.
Ein hochrangiger Austausch mit China als wichtigem Partner zur Lösung
globaler Fragestellungen ist ein notwendiger und richtiger Schritt. Insbesondere
der EU-Ebene muss hierbei eine zentrale Rolle zukommen. Neben gestärkten
bilateralen Beziehungen muss die Bundesregierung ihr gesamtes
außenpolitisches Gewicht dafür einsetzen, eine kohärente EU-Position gegenüber China
zu erarbeiten. Darüber hinaus wäre es die Aufgabe der EU, China zu einer
stärkeren und nachhaltigeren Mitarbeit in multilateralen Sicherheitsarchitekturen
zu ermuntern, beispielsweise im Rahmen des ASEAN Regional Forum (ARF).
1. Wie bewertet die Bundesregierung die Absicht Chinas, seinen globalen
Einfluss militärisch zu untermauern?
Die Absicherung von nationalem Wirtschaftswachstum und politischer
Stabilität ist bestimmendes Element der Politik der Volksrepublik China. Der friedliche
und stabilitätsorientierte Charakter der chinesischen Außen- und
Sicherheitspolitik wird hierbei durch die dortige Regierung stets betont.
Chinas Militärmacht wird im Zuge seines wachsenden wirtschaftlichen und
politischen Gewichts derzeit erheblich ausgebaut. Das chinesische Militär ist
nicht nur Instrument, sondern auch ein wichtiger Akteur der Außen- und
Sicherheitspolitik Chinas. Die Volksrepublik verfügt im globalen Vergleich über den
zweithöchsten Rüstungsetat, das größte Wachstum der Rüstungsausgaben sowie
ein zunehmendes militärisches Offensivpotential (u. a. Flugzeugträger,
Weltraumprojekte, Stealth-Kampfflugzeuge, Raketen, Marschflugkörper). Das
Militär hat den klar formulierten Auftrag, territoriale Ansprüche des Landes auch
gegen die Ansprüche Dritter zu schützen und die Versorgungslinien der
chinesischen Wirtschaft zu sichern. China ist zudem Nuklearmacht, hat einen
nuklearen Ersteinsatz jedoch ausgeschlossen.
Vor dem Hintergrund historischer Erfahrungen, ungeklärter regionaler
Territorialfragen, nationalistischer Tendenzen in China sowie der oben ausgeführten
militärischen Entwicklungen kommt der friedlichen regionalen und überregionalen
Kooperation eine große Bedeutung zu. Dies schließt insbesondere die ost- und
südostasiatischen Nachbarn, aber auch die Vereinigten Staaten von Amerika ein.
Aufgrund der engen wirtschaftlichen Verflechtung Chinas mit den Staaten der
Region sowie den USA besteht ein signifikantes Interesse an stabilen
Beziehungen mit diesen Staaten.
2. Wie bewertet die Bundesregierung die maritimen Gebietsansprüche Chinas,
insbesondere im südchinesischen Meer, sowie die der jeweils
konkurrierenden Staaten?
Neben China erheben Malaysia, Vietnam, Brunei, die Philippinen und Taiwan
konkurrierende Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer. Aus Sicht der
Bundesregierung müssen die maritimen Gebietsansprüche aller Anrainer friedlich
und im gegenseitigen Einvernehmen geklärt werden – beispielsweise durch eine
völkerrechtliche Klärung vor dem Internationalen Seegerichtshof. Die
Bundesregierung betont in ihren Gesprächen mit allen asiatischen Staaten die
Notwendigkeit der friedlichen Konfliktlösung. Der Volksrepublik China kommt hierbei
eine besondere Verantwortung für die Stabilität in der Region zu.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 3 – Drucksache 17/85613. Stehen diese Gebietsansprüche und die Art und Weise, in der China sie
verfolgt, nach Auffassung der Bundesregierung im Einklang mit dem Treaty of
Amity and Cooperation in Southeast Asia?
Auf die Antwort zu Frage 2 wird verwiesen. Darüber hinaus steht den
Vertragsparteien des Vertrags über Freundschaft und Zusammenarbeit in Südostasien
(Treaty of Amity and Cooperation, TAC) ein Streitschlichtungsmechanismus
(High Council) gemäß Artikel 14 ff. zur Verfügung. Dieser wurde jedoch bislang
von keinem Unterzeichnerstaat in Anspruch genommen.
Die Bundesregierung begrüßt zudem Bemühungen, im Rahmen des Verbands
Südostasiatischer Nationen (ASEAN) nach Wegen zur Streitbeilegung auch in
diesem Konflikt zu suchen. Entsprechende Ansätze hat insbesondere der
indonesische ASEAN-Vorsitz 2011 mit der Erarbeitung der „Guidelines for the
Implementation of the DOC“ (Declaration on the Conduct of the Parties in the
South China Sea – DOC) verfolgt. Diese Richtlinien wurden im Rahmen einer
gemeinsamen Erklärung der Strategischen Partnerschaft zwischen ASEAN und
China (ASEAN-China Strategic Partnership for Peace and Prosperity) 2011
verabschiedet.
4. Welche Interessen verfolgen Deutschland und die EU in Bezug auf die
sicherheitspolitische Lage in Ost- und Südostasien?
Die Bundesregierung hat gemeinsam mit der Europäischen Union und ihren
Mitgliedstaaten ein Interesse an Stabilität in der Region. Auf die Antworten zu
den Fragen 2 und 3 wird in diesem Zusammenhang verwiesen. Wichtige
Elemente sind hierbei eine Deeskalation der Lage auf der Koreanischen Halbinsel,
die Denuklearisierung der Demokratischen Volksrepublik Koreas, ein
pragmatischer, friedlicher Umgang mit den verbliebenen Territorialfragen im Ost- und
Südchinesischen Meer und mit der Taiwanfrage, Transparenz der
Sicherheitspolitik sowie eine verstärkte regionale Kooperation. Die Bundesregierung
befürwortet daher eine Stärkung von ASEAN als Motor regionaler
Zusammenarbeit, politischer Stabilität und wirtschaftlicher Entwicklung in Ost- und
Südostasien. Zudem wird auf die Antwort zu Frage 13 verwiesen.
Bezüglich des Südchinesischen Meeres hat die Bundesregierung zudem ein
besonderes Interesse an der Freiheit und der Sicherheit der Schifffahrt, des
Überflugs sowie des Handels. Auf die Antwort zu Frage 3 wird verwiesen.
5. Welchen Einfluss besitzen die Bundesregierung und die EU auf die
sicherheitspolitische Lage in Ost- und Südostasien, und wie beabsichtigt sie diesen
Einfluss geltend zu machen?
Die Bundesregierung und die EU thematisieren in ihren Gesprächen mit
Ländern der Region und in ihren Kontakten zu Regionalorganisationen wie ASEAN
und in Foren wie ASEM und dem ASEAN-Regionalforum (ARF) regelmäßig
die Notwendigkeit des friedlichen Ausgleichs, des Dialogs und der
Vertrauensbildung. Ergänzend wird auf die Antwort zu Frage 18 verwiesen.
6. Wann und auf welche Weise wurden im Strategischen Dialog des
Bundesministeriums der Verteidigung mit China die Spannungen in Ost- und
Südostasien thematisiert, welche Position vertritt die Bundesregierung hierbei,
und wie reagierte die chinesische Seite?
Der Strategische Dialog des Bundesministeriums der Verteidigung mit China
findet seit 2007 statt, zuletzt im September 2011. Im Rahmen der Gespräche
Drucksache 17/8561 – 4 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodewird die sicherheitspolitische Lage in Ost- und Südostasien regelmäßig
thematisiert. Zu den Positionen wird auf die Antwort zu Frage 4 verwiesen. Die
chinesische Seite hat auch in diesem Rahmen ihre Absicht zur friedlichen Lösung
strittiger Fragen im bilateralen Dialog mit dem jeweiligen Konfliktpartner in der
Region bekräftigt.
7. Wie bewertet die Bundesregierung die Feststellung in der Rede des US-
Präsidenten Barack Obama in Canberra vom 17. November 2011, die USA
seien weiterhin eine pazifische Macht, die in Asien präsent bleiben werde?
Die Rede von US-Präsident Barack Obama vor dem australischen Parlament am
17. November 2011 reflektiert die Tatsache, dass die USA sowohl eine
atlantische wie eine pazifische Macht sind. Zudem ist sie Ausdruck des
amerikanischen Wunsches, die Beziehungen zu den Ländern Asiens zu intensivieren
und die Präsenz der USA in diesem Raum zu stärken. Die Bundesregierung
begrüßt die amerikanische Präsenz in Asien, da sie die politische Stabilität und die
wirtschaftliche Entwicklung in diesem Raum stärkt.
8. Wie bewertet die Bundesregierung den neuen Dialog der USA mit Birma/
Myanmar, und welche Politik verfolgt sie selbst gegenüber dem Land?
Die Bundesregierung begrüßt den Dialog der USA mit Myanmar ausdrücklich.
Der Besuch der US-Außenministerin Hillary Clinton Anfang Dezember 2011,
regelmäßige Besuche des US-Sondergesandten Derek Mitchell und von
Kongressabgeordneten in Myanmar unterstreichen die neue Qualität der
Beziehungen. Der Dialog der USA mit Regierung und Opposition ist geeignet, den
Wandel in Myanmar weiter voranzubringen.
Dieses Ziel verfolgt auch die Bundesregierung – im Einklang mit der EU – in
ihrer Politik gegenüber Myanmar. Die Bundesregierung hat sich bereits
frühzeitig durch Besuche des Beauftragten der Bundesregierung für Menschenrechte
und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt, Markus Löning, im Juni 2011 und
des Staatsministers im Auswärtigen Amt, Dr. Werner Hoyer, im November 2011
ein Bild von den sich anbahnenden Veränderungen in Myanmar gemacht. Sie
steht bereit, den demokratischen Wandel nach Kräften zu unterstützen und so
den Reformkräften den Rücken zu stärken.
Die Bundesregierung setzt sich innerhalb der EU – in Abhängigkeit weiterer
Reformen – für die Überprüfung der EU-Sanktionen gegenüber Myanmar sowie
für eine aktive Unterstützung des Reformprozesses ein. Entsprechend hat der auf
Initiative der Bundesregierung am 23. Januar 2012 mit Myanmar befasste Rat
für Auswärtige Beziehungen das bestehende EU-Einreiseverbot für Mitglieder
der Regierung einschließlich des Staatspräsidenten suspendiert und die
Lockerung bzw. Aufhebung weiterer Sanktionen in Aussicht gestellt, wenn der
Reformkurs fortgesetzt wird. Besondere Bedeutung kommt dabei der freien und
fairen Durchführung der Nachwahlen zum myanmarischen Parlament am
1. April 2012, der Freilassung weiterer politischer Gefangener und der
nationalen Aussöhnung mit den ethnischen Minderheiten zu.
Aufgrund der mit großer Geschwindigkeit und Dynamik voranschreitenden
Reformprozesse prüft das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung, wie das deutsche entwicklungspolitische Engagement bereits
jetzt sowie im Lichte der zu erwartenden gelockerten EU-Sanktionen
intensiviert und ausgebaut werden kann. Der Bundesminister für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung, Dirk Niebel, wird zu diesem Zweck vom 12. bis
15. Februar 2012 nach Myanmar reisen.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 5 – Drucksache 17/85619. In welcher Weise war Deutschland, beispielsweise über die NATO, im
Vorfeld der Neupositionierung der USA eingebunden?
Die USA informierten ihre Verbündeten vorab, sowohl bilateral als auch im
NATO-Rat, über die Grundzüge ihrer neuen Verteidigungsstrategie. Der
Aufstieg Asiens, insbesondere Chinas, spielt im Gedankenaustausch der
Bundesregierung mit den USA eine zunehmend größere Rolle.
10. Welche Auswirkungen auf den Stellenwert der transatlantischen
Beziehungen in der amerikanischen Außenpolitik erwartet die Bundesregierung von
dieser Neupositionierung?
Die Bundesregierung ist sich mit der US-Regierung über die große strategische
und wirtschaftliche Bedeutung der aufstrebenden Schwellenländer,
insbesondere Asiens, einig. Wie die US-Regierung ist die Bundesregierung bemüht, die
Beziehungen zu diesen Ländern auszubauen. Auch deshalb hat die
Bundesregierung 2011 eine strategische Partnerschaft mit Vietnam vereinbart und erstmals
Regierungskonsultationen mit Indien und mit China geführt.
Die transatlantischen Beziehungen sind über einen Zeitraum von über 60 Jahren
gewachsen. Europa und Nordamerika sind politisch und wirtschaftlich in
einzigartiger Weise verflochten – und verstehen sich als eine Wertegemeinschaft.
Angesichts der überragenden Bedeutung der transatlantischen Beziehungen für
Sicherheit und Wohlstand in Europa und Nordamerika erwartet die
Bundesregierung auch vor dem Hintergrund des steigenden Stellenwerts der
Schwellenländer keine Schwächung der transatlantischen Beziehungen.
11. Wie bewertet die Bundesregierung die Forderung der USA,
sicherheitspolitische Fragen in Ost- und Südostasien multilateral zu bearbeiten und die
sicherheitspolitische Transparenz zu steigern?
Auf die Antwort zu Frage 2 wird verwiesen. Die Bundesregierung teilt das
Interesse der USA an einer Steigerung der sicherheitspolitischen Transparenz in der
Region und spricht diese Frage regelmäßig in verschiedenen Dialogformaten an.
12. Wie bewertet die Bundesregierung die chinesische Position, dass
sicherheitspolitische Fragen in Ost- und Südostasien bilateral zu lösen seien,
sowie die chinesische Bereitschaft zu sicherheitspolitischer Transparenz?
Auf die Antworten zu den Fragen 2 und 18 wird verwiesen.
13. Wie bewertet die Bundesregierung die gegenwärtige Aufrüstungsdynamik
in Ost- und Südostasien und die Gefahr eines Rüstungswettlaufs zwischen
den USA und China?
Nicht nur China, sondern auch andere Ost- und Südostasiatische Staaten haben
in letzter Zeit ihre Rüstungsanstrengungen deutlich gesteigert. Weder China,
noch die USA, noch die EU können Interesse an einem Rüstungswettlauf im
Pazifik haben, da ein solcher kontraproduktiv für die Stabilität sowie die weitere
wirtschaftliche Entwicklung der Region wäre.
Drucksache 17/8561 – 6 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode14. Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung bereits ergriffen und wird sie
ergreifen, um der Aufrüstungsdynamik in Ost- und Südostasien
entgegenzuwirken?
Die Bundesregierung wirkt in ihren Gesprächen mit den Regierungen Ost- und
Südostasiens auf eine Steigerung der sicherheitspolitischen Transparenz hin. Sie
bietet u. a. an, Erfahrungen aus dem Prozess der Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (OSZE) einzubringen. Es ist ein Ziel der
Rüstungskontrollpolitik der Bundesregierung, der Aufrüstungsdynamik entgegen zu
wirken. Auf die Antwort zu Frage 18 wird verwiesen.
15. In welcher Form setzt sich die Bundesregierung dafür ein, China generell
stärker in die Fortentwicklung multilateraler regelbasierter Strukturen in
den internationalen Beziehungen, insbesondere im sicherheitspolitischen
Bereich, einzubinden?
Die Volksrepublik China ist zunehmend bereit, international Verantwortung zu
übernehmen und an der Gestaltung internationaler Systeme mitzuwirken.
Hiervon zeugt auch der Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO). China verfolgt
dabei eine Politik der selektiven Einbindung in multilaterale Regelwerke bei
weitestgehender Wahrung staatlicher Souveränität und Achtung des Prinzips der
Nichteinmischung.
Die Bundesregierung sucht aktiv und in enger Abstimmung mit seinen Partnern
die Zusammenarbeit mit China in internationalen Organisationen, vor allem in
den Vereinten Nationen. Auf die Antwort zu Frage 20 wird verwiesen.
16. Wie beurteilt die Bundesregierung die Möglichkeiten für die Einbindung
Chinas in Rüstungskontrollregime?
China ist Mitglied wichtiger globaler Rüstungskontrollregime wie des
Nuklearen Nichtverbreitungsvertrags und des Chemie- und des
Biowaffenübereinkommens. Es hat mit der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) ein
Zusatzprotokoll abgeschlossen, welches der IAEO weitgehende
Kontrollbefugnisse einräumt.
Den umfassenden Teststoppvertrag (CTBT) hat China gezeichnet, macht seine
Ratifizierung jedoch von der noch ausstehenden Ratifizierung der USA
abhängig. China hat wiederholt deutlich gemacht, dass es einem baldigen
Verhandlungsbeginn zu einem Produktionsstopp von Spaltmaterial für Waffenzwecke
(FMCT) in der Genfer Abrüstungskonferenz nicht im Wege stehen werde.
China lehnt bisher die Zeichnung des Haager Verhaltenskodex gegen die
Proliferation ballistischer Raketen (HCoC) ab und verweist dabei auf
Schwierigkeiten mit einigen der im HCoC verankerten vertrauensbildenden Maßnahmen.
Eine baldige Zeichnung ist daher nicht wahrscheinlich.
China ist als großes Hersteller- und Nutzerland von Streumunition bisher nicht
Mitglied des Übereinkommens über Streumunition („Oslo-Abkommen“). Es ist
auch nicht Mitglied des „Ottawa-Übereinkommens“ zur Ächtung von
Antipersonenminen. Ein Beitritt Chinas zu beiden Abkommen ist nicht absehbar.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 7 – Drucksache 17/856117. Welche Schritte ergreift die Bundesregierung, um die Beteiligung Chinas
an Vereinbarungen zur Nichtverbreitung von Waffen und
Rüstungsbeschränkungsabkommen zu befördern?
Die Bundesregierung wirbt in bilateralen Gesprächen, in den entsprechenden
internationalen Organisationen sowie im Rahmen der EU kontinuierlich für eine
konstruktive chinesische Haltung in globalen Rüstungskontroll-,
Nichtverbreitungs- und Abrüstungsregimen, für die effektive Umsetzung relevanter
Sanktionen des VN-Sicherheitsrats sowie für den Beitritt Chinas zu weiteren
Abkommen und Vereinbarungen. In regelmäßigen Abständen führt die Bundesregierung
thematisch umfassende bilaterale rüstungskontrollpolitische Konsultationen auf
Ebene des Beauftragten der Bundesregierung für Fragen der Abrüstung und
Rüstungskontrolle.
18. Mit welchen Initiativen und Maßnahmen unterstützt die Bundesregierung
die Schaffung von mehr sicherheits- und rüstungspolitischer Transparenz
in der Region (vertrauensbildende Maßnahmen)?
Unter Einbeziehung welcher Akteure?
Die Bundesregierung unterstützt insbesondere Maßnahmen im Rahmen des
ASEAN-Regionalforums (ARF). Mit maßgeblichen Impulsen von Deutschland
nutzt die EU ihre Teilnahme an dem Forum, um für kooperative
sicherheitspolitische Konzepte zu werben, Vertrauensbildung, Transparenz und präventive
Diplomatie auszubauen und das ARF beim Erfahrungsaustausch mit der OSZE
zu unterstützen. In diesen Rahmen gliedern sich auch die Maßnahmen der
Bundesregierung zur Förderung von Vertrauensbildung und Transparenz, sowie
Abrüstung und Rüstungskontrolle ein. Hierzu zählen u. a.:
– 28./29. November 2011, Berlin: „High-Level Workshop on Confidence-
Building Measures and Preventive Diplomacy in Asia and Europe“.
Schwerpunkt: Neue Bedrohungen (u. a. „Cyber Security“, MANPADS1; VSBM für
maritime Sicherheit). Veranstalter: Auswärtiges Amt mit Indonesien als
Co-Vorsitz und unter Beteiligung des Europäischen Auswärtigen Dienstes
und der OSZE. Zweck: U. a. Nutzbarmachung von OSZE-Erfahrungen für
ARF;
– 08. bis 10. April 2008, Penang: Seminar zu Anti-Personenminen.
Veranstalter: Malaysia mit Auswärtigem Amt als Co-Vorsitz;
– 12. bis 14. März 2008, Berlin: Seminar „Traditionelle
Transparenzmaßnahmen/Vertrauensbildung & Präventive Diplomatie“. Veranstalter:
Auswärtiges Amt mit Indonesien als Co-Vorsitz;
– 13./14. Dezember 2007 und 02. bis 04. November 2005, Phnom Penh: Zwei
Seminare zu Kleinwaffen. Veranstalter: Kambodscha mit Auswärtigem Amt
als Co-Vorsitz;
Die Bundesregierung hat darüber hinaus im Rahmen von ASEAN folgende
Fachseminare mit organisiert:
– 23./24. November 2009, Phnom Penh: „Lagerverwaltung von Munition und
Zerstörung von Überschussbeständen“. Veranstalter: Kambodscha mit
Auswärtigem Amt als Co-Vorsitz;
– 16./17. November 2009, Bali: „Streumunition“. Veranstalter: Indonesien als
Vorsitz mit Auswärtigem Amt als Sponsor.
1 MANPADS: Manportable Air Defence Systems.
Drucksache 17/8561 – 8 – Deutscher Bundestag – 17. WahlperiodeFür 2012 ist ein Seminar zu „Explosive Remnants of War“ zusammen mit
asiatischen Partnern in der Planung. Die Bundesregierung beteiligt sich zudem am
„Shangri-La Dialogue“, einem asiatisch-pazifischen informellen verteidigungs-
und sicherheitspolitischen Dialogforum (28 Verteidigungsminister und/oder
Stabschefs).
19. Wie bewertet die Bundesregierung die Bestrebungen des NATO-
Generalsekretärs Anders Fogh Rasmussen, die Beziehungen zwischen China und
der NATO zu vertiefen, vergleichbar mit dem NATO-Russland-Rat?
In dem von den Staats- und Regierungschefs des Bündnisses bei ihrem Gipfel in
Lissabon am 20. November 2010 verabschiedeten Neuen Strategischen Konzept
bekennt sich die NATO zu einer aktiven Rolle bei der Förderung internationaler
Sicherheit im Rahmen kooperativer Sicherheit. Hierzu gehört auch der
sicherheitspolitische Dialog mit an einem solchen Dialog interessierten Staaten.
Sofern die Volksrepublik China an einem derartigen Dialog mit der NATO
interessiert ist, unterstützt die Bundesregierung diese Bemühungen.
Die strategische Partnerschaft zwischen der NATO und Russland stellt einen
Kernbereich der Aktivitäten der NATO dar und ist in ihrer Geschichte, ihrer
Bedeutung und Intensität mit dem Angebot zum sicherheitspolitischen Dialog
nicht zu vergleichen.
20. Wie bewertet die Bundesregierung die bisherigen Erfahrungen aus der
internationalen Zusammenarbeit mit China in der Pirateriebekämpfung am
Horn von Afrika oder der Entsendung chinesischer Soldaten in UNO-
Missionen wie nach Liberia, in die Demokratische Republik Kongo oder in den
Sudan, und welche Potentiale ergeben sich daraus für eine kooperative
Lösung der Spannungen in Ost- und Südostasien?
Die Bundesregierung begrüßt verstärktes Engagement für die
Friedensmissionen der Vereinten Nationen. Auch in diesem Bereich ist China inzwischen als
sechzehntgrößter Truppensteller ein wichtiger Akteur. China unterstreicht
ebenfalls in dieser Rolle die Bedeutung der Nichteinmischung in die inneren
Angelegenheiten derjenigen Länder, in denen VN-Friedensmissionen eingerichtet
sind.
Deutsche Kräfte sind gemeinsam mit chinesischen in den VN-
Friedensmissionen UNMISS, UNIFIL, UNAMID und UNMIL engagiert. China ist auf Basis
des Sicherheitsratsmandats aus den Resolutionen 1846 (2008) und 1851 (2008)
bei der Eindämmung der von Somalia ausgehenden Piraterie aktiv. Chinesische
Vertreter nehmen regelmäßig an den Koordinierungstreffen des „Shared
Awareness and Deconfliction (SHADE)“-Mechanismus in Bahrain teil, in denen die
operative Koordinierung der meisten Antipiraterie-Akteure (EU, NATO, USA-
geführte Kräfte sowie unilaterale Akteure wie China) stattfindet. In diesem
Zusammenhang wurde ein hoher Grad an Koordination erreicht. China nimmt auch
an den regelmäßigen Sitzungen der Kontaktgruppe zur Bekämpfung der
Piraterie vor der Küste von Somalia (CGPCS) teil, die das Forum für die politische
Abstimmung der an der Pirateriebekämpfung beteiligten Akteure darstellt. Eine
Übertragbarkeit kooperativer Ansätze aus dieser Zusammenarbeit für Ost- und
Südostasien sieht die Bundesregierung derzeit nur begrenzt.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 9 – Drucksache 17/856121. Wie bewertet die Bundesregierung die Möglichkeit des Aufbaus bzw.
Ausbaus einer multilateralen Sicherheitsarchitektur in der Region?
Die Bundesregierung begrüßt die zunehmende Verflechtung in der
asiatischpazifischen Region, auch im sicherheitspolitischen Bereich. Neben dem
Außenministerprozess ASEAN-Regionalforum (ARF) gibt es seit 2010 ein neues
sicherheitspolitisches Forum, das „ASEAN Verteidigungsministertreffen Plus“
(ASEAN Defence Ministers’ Meeting Plus, ADMM Plus). Dazu befasst sich der
„Ostasiengipfel“ (East Asia Summit, EAS) zunehmend auch mit strategischen
Themen, seit 2011 unter Beteiligung Russlands und der USA.
Sicherheitspolitische Themen werden nun auch auf Ebene der Staats- und Regierungschefs
besprochen. Mit diesen Entwicklungen geht aber noch nicht der Aufbau einer
multilateralen Sicherheitsstruktur einher. Dem steht nicht zuletzt der Grundsatz
der Nichteinmischung entgegen, wie er in der ASEAN Charta, aber auch im
TAC zum Ausdruck kommt. Die Staaten der asiatisch-pazifischen Region
bevorzugen die unverbindliche, konsensorientierte Konferenzdiplomatie, die
durch die Erweiterung bestehender Formate und die Schaffung neuer
Konferenzformate intensiviert wird. Die Vertiefung der Zusammenarbeit im Sinne des
Aufbaus eines Systems kollektiver Sicherheit ist aus Sicht der Bundesregierung
derzeit nicht absehbar. Der trilaterale Dialog auf Ebene der Regierungschefs
zwischen China, Japan und Südkorea ist derzeit noch weitgehend
wirtschaftspolitisch orientiert, bietet aber Ansätze für die Diskussion sicherheitspolitischer
Fragen.
22. Wie bewertet die Bundesregierung eine Stärkung des ASEAN Regional
Forums (ARF) in diesem Zusammenhang, und welchen Stellenwert räumt
sie dem ARF generell ein?
Aus Sicht der Bundesregierung ist das ARF das wichtigste sicherheitspolitische
Forum in der asiatisch-pazifischen Region. Aufgrund der Heterogenität seiner
Zusammensetzung ist aus Sicht der Bundesregierung allerdings nicht zu
erwarten, dass sich das Forum zu einem sicherheitspolitischen
Entscheidungsgremium fortentwickelt. In den von Deutschland veranstalteten Konferenzen zu
Vertrauens- und Sicherheitsbildenden Maßnahmen mit dem ARF und dem
angeregten Dialog zwischen „ARF Unit“ und OSZE-Sekretariat (siehe Antwort zu
Frage 28) findet ein intensiver Erfahrungsaustausch über den am besten
geeigneten institutionellen und prozeduralen Rahmen von Vertrauensbildung und
Transparenz in den jeweiligen Regionen statt.
23. Durch wen wurde die EU jeweils beim ASEAN Regional Forum seit dem
Jahr 2005 hochrangig vertreten, und welche Ziele verfolgt sie im Rahmen
dieses Forums?
Bei den Außenministertreffen der letzten Jahre im Rahmen des ASEAN-
Regionalforums (ARF) war die EU wie folgt vertreten (Delegationsleitung):
2005–2007 HR/SG Javier Solana
2008 Staatssekretärin Rama Yade (Frankreich)
2009 HR/SG Solana
2010 Außenminister Janos Martonyi (Ungarn)
2011 EZ-Ministerin Elbieta Bienkowska (Polen)
Die EU als Teilnehmer am ARF nutzt dieses, um für sicherheitspolitische
Konzepte zu werben, Vertrauensbildung und präventive Diplomatie auszubauen und
Drucksache 17/8561 – 10 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiodedas ARF zum Erfahrungsaustausch mit der OSZE zu bewegen. Seit 1994 hat die
EU über 20 gemeinsame Veranstaltungen mit dem ARF ausgerichtet.
24. Welche weiteren Schritte ergreift die Bundesregierung, um die Einbindung
Chinas in Maßnahmen zur Vertrauensbildung und Steigerung der
Transparenz im Sicherheitssektor zu befördern?
Über die in den Antworten zu den Fragen 18 und 28 gemachten Aussagen hinaus,
sind hier insbesondere der Staatssekretärsdialog des Auswärtigen Amts sowie
der strategische Dialog des Bundesministeriums der Verteidigung zu nennen.
25. Wann und in welcher Form hat sich die Bundesregierung mit der
Regierung der USA über ihre Positionierung im Rahmen der Nuclear Suppliers
Group (NSG) zum Nuklearhandel zwischen China und Pakistan
abgestimmt?
Die Bundesregierung stimmt sich in einem regelmäßigen Dialog auf allen
Ebenen eng zu außen- und sicherheitspolitischen Fragen mit der Regierung der
Vereinigten Staaten von Amerika ab. In diesem Rahmen werden alle Fragen von
bilateralem Interesse erörtert, einschließlich der jeweiligen Positionierung im
Rahmen der Nuclear Suppliers Group (NSG).
26. Wann und in welcher Form hat sich die Bundesregierung mit der
chinesischen Regierung über ihre Positionierung im Rahmen der NSG zum
Nuklearhandel zwischen China und Pakistan ausgetauscht?
Die Bundesregierung hat ihre Haltung im Rahmen der regulären Arbeit der NSG
dargelegt. Ein darüber hinaus gehender Austausch mit der Regierung der
Volksrepublik China zu diesem Themenkomplex hat nicht stattgefunden.
27. Wurde der Nuklearhandel zwischen China und Pakistan und Deutschlands
Positionierung dazu innerhalb der NSG bei den Regierungskonsultationen
im Juni vergangenen Jahres thematisiert?
Diese Frage wurde bei den Regierungskonsultationen im Juni 2011 nicht
thematisiert.
28. Gibt es mit China und anderen Staaten der Region einen Austausch über
die im Rahmen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (OSZE) gesammelten Erfahrungen zum Aufbau regionaler
Systeme kollektiver Sicherheit, und wenn ja, in welcher Form?
China und andere Staaten des asiatisch-pazifischen Raums sind in den ARF-
Dialog mit der OSZE eingebunden. Deutschland (für die EU) hat am 28./29.
November 2011 (nach einer vergleichbaren Veranstaltung im Jahr 2008) mit dem
indonesischen ARF-Vorsitz in Berlin einen hochrangigen Workshop zu
Vertrauensbildenden Maßnahmen und Präventiver Diplomatie veranstaltet, an dem sich
die Volksrepublik China sehr aktiv beteiligt hat. Schwerpunkte des Workshops
waren der Austausch zwischen ARF und OSZE über bislang gesammelte
Erfahrungen sowie über den Umgang mit künftigen Herausforderungen (z. B. Cyber
Security, Maritime Sicherheit, MANPADS). Als Ergebnis des Workshops wurde
eine Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen ARF und OSZE vereinbart.
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 11 – Drucksache 17/8561Auch im Rahmen hochrangiger bilateraler Dialoge wird China regelmäßig auf
die Erfahrungen der OSZE hingewiesen.
29. Von wem und in welcher Weise wurden bei den deutsch-chinesischen
Regierungskonsultationen 2011 das EU-Waffenembargo sowie die
sicherheitspolitische Lage in Ost- und Südostasien angesprochen?
Das EU-Waffenembargo wurde bei den Regierungskonsultationen im Juni 2011
nicht angesprochen. Die sicherheitspolitische Lage in Ost- und Südostasien
wurde anhand der Entwicklungen im Südchinesischen Meer im Gespräch der
Außenminister thematisiert. Der Bundesminister des Auswärtigen, Dr. Guido
Westerwelle, hat sich zu den Regierungskonsultationen in der
Regierungsbefragung am 29. Juni 2011 ausführlich geäußert.
30. Welche Position vertritt die Bundesregierung hinsichtlich des EU-
Waffenembargos und Chinas Wunsch nach Aufhebung, und wie reagierte die
chinesische Seite darauf?
Die Haltung der Bundesregierung zum EU-Waffenembargo gegen China hat
die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper, am 19. Januar 2011
dem Deutschen Bundestag dargelegt. Bundesaußenminister Dr. Guido
Westerwelle hat diese Haltung in der Regierungsbefragung am 29. Juni 2011 bekräftigt.
Wir haben grundsätzliches Interesse an einer vollständigen Normalisierung des
Verhältnisses der EU zu China. Zu einer Aufhebung besteht aber weiterhin kein
Konsens innerhalb der Europäischen Union. Die Voraussetzungen zu einer
Aufhebung sind auch aus Sicht der Bundesregierung derzeit nicht gegeben. Das
anhaltende Interesse der chinesischen Seite an einer Aufhebung des EU-
Waffenembargos ist der Bundesregierung bewusst, auch wenn diese Frage in den
bilateralen Gesprächen 2011 nur gelegentlich thematisiert wurde.
31. In welcher Weise beeinflussen die aktuellen Entwicklungen die
Bedingungen, die die Bundesregierung für eine Aufhebung des Embargos für
notwendig erachtet?
Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper, hat am 19. Januar
2011 im Deutschen Bundestag folgende Bedingungen für eine positive Haltung
der Bundesregierung zu einer Aufhebung des Waffenembargos durch die EU
genannt:
a) Nachhaltige Entspannung in der Taiwanstraße. Hier gibt es deutliche
Fortschritte, diese sind jedoch noch nicht unumkehrbar. China verhält sich derzeit
konstruktiv und pragmatisch, hält sich aber auch die militärische Option
weiterhin offen und unternimmt gegen Taiwan gerichtete
Rüstungsanstrengungen.
b) Weitere Verbesserungen der Menschenrechtssituation. Auch hier gab es seit
1989 Fortschritte, gerade jedoch in den letzten zwei Jahren einige negative
Entwicklungen. Noch sind auch Personen in Haft, die im Zusammenhang mit
Tiananmen verurteilt wurden.
Die Bewertung der Bedingungen für eine Aufhebung des EU-Waffenembargos
erfolgt im nationalen und im EU-Rahmen auf der Grundlage aktueller
Entwicklungen und längerfristiger Tendenzen.
Drucksache 17/8561 – 12 – Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode32. Welche Schlüsse zieht die Bundesregierung aus der aktuellen Lage für ihre
Rüstungsexportpolitik, die laut dem Rüstungsexportbericht 2010
zahlreiche Staaten der Region einschließt?
Die Bundesregierung entscheidet über die Genehmigung von
Rüstungsgüterausfuhren nach Maßgabe der „Politischen Grundsätze der Bundesregierung für den
Export von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern“ aus dem Jahr 2000
und des „Gemeinsamen Standpunktes 2008/944/GASP des Rates der
Europäischen Union vom 8. Dezember 2008 betreffend gemeinsame Regeln für die
Kontrolle der Ausfuhr von Militärtechnologie“. Im Hinblick auf die fragliche
Region, die durch eine Reihe von nicht abschließend geklärten
Gebietsstreitigkeiten gekennzeichnet ist, erfolgt die Risikobewertung von Einzelfällen u. a.
unter dem Gesichtspunkt des Kriteriums 4 des Gemeinsamen Standpunktes
2008/944. Danach verweigern die Mitgliedstaaten eine Ausfuhrgenehmigung,
wenn eindeutig das Risiko besteht, dass der angegebene Empfänger die
Militärtechnologie oder die Militärgüter, die zur Ausfuhr bestimmt sind, zum Zwecke
der Aggression gegen ein anderes Land der Region oder zur gewaltsamen
Durchsetzung eines Gebietsanspruches benutzt. In derartigen Ausfuhrfällen
wird die Bundesregierung, wie auch bisher, keine Genehmigungen erteilen.
33. In welchen konkreten Fällen und Zusammenhängen seit dem Jahr 2005 ist
anzunehmen, dass Aktivitäten seitens der Bundesregierung und deutscher
Unternehmen in und mit China zu einem Technologietransfer in den
chinesischen Rüstungssektor geführt haben?
Entscheidung über die Genehmigung von Ausfuhren von Rüstungsgütern und
Technologie trifft die Bundesregierung nach Maßgabe der der „Politischen
Grundsätze der Bundesregierung für den Export von Kriegswaffen und
sonstigen Rüstungsgütern“ aus dem Jahr 2000 und des „Gemeinsamen Standpunktes
2008/944/GASP des Rates der Europäischen Union vom 8. Dezember 2008
betreffend gemeinsame Regeln für die Kontrolle der Ausfuhr von
Militärtechnologie und Militärgütern“.
Das EU-Waffenembargo gegenüber der Volksrepublik China wird durch die
Bundesregierung grundsätzlich auf alle Ausfuhren von Rüstungsgütern und
entsprechender Technologie angewendet. In Fällen der Ausfuhr von Dual-Use-
Gütern und Technologie, die nicht durch das Embargo erfasst werden, bewertet
die Bundesregierung deren militärisches Verwendungspotential sorgfältig. Der
Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse zu Technologietransfers aus
Deutschland in die chinesische Rüstungsindustrie vor.
34. In welchen konkreten Fällen kam es seit dem Jahr 2005 in Deutschland zu
chinesischer Spionage im Rüstungssektor, wie zuletzt im
Verfassungsschutzbericht 2010 angedeutet, und wie bewertet die Bundesregierung dies
angesichts der aktuellen Lage?
Die Volksrepublik China verfügt mit dem „Military Intelligence Departement“
(MID) über einen militärischen Nachrichtendienst, der in die militärische
Struktur der Volksbefreiungsarmee eingebettet ist. Sein Aufgabenspektrum umfasst
unter anderem die Beschaffung von Informationen über aktuelle Entwicklungen
im Bereich der Rüstungstechnik. Um ihren Informationsbedarf zu decken,
gehen chinesische Nachrichtendienste auch auf Selbstanbieter mit sensiblen
Zugängen ein. Ein Angehöriger des Militärattachéstabes einer chinesischen
Auslandsvertretung traf sich 2005 mit einem deutschen Staatsbürger, der früher
bei einem deutschen Rüstungsunternehmen arbeitete und anbot,
Forschungsberichte über militärische Entwicklungen seines früheren Arbeitgebers zu ver-
Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode – 13 – Drucksache 17/8561äußern. Die Übergabe des Materials konnte jedoch verhindert werden. Der
deutsche Staatsbürger wurde wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit verurteilt.
Auch in den Folgejahren lassen sich andauernde Bemühungen des MID
feststellen, offen Informationen über die Rüstungstechnologie zu sammeln. So
beziehen Mitarbeiter des MID wehrtechnische Zeitschriften und besuchen
Rüstungsmessen oder Unternehmen, die auf diesem Sektor tätig sind.
Die Bundesregierung unterstreicht in ihren Gesprächen mit Vertretern der
Volksrepublik China kontinuierlich die Notwendigkeit der Vertrauensbildung zum
Ausbau der strategischen Partnerschaft.
35. Welche konkreten Schritte plant die Bundesregierung zu einer
Zusammenarbeit bzw. Abstimmung mit China im Bereich des globalen
Ressourcenmanagements insbesondere im Hinblick auf Rohstoffinteressen als
Konfliktursache in Südostasien sowie beiderseitige Ressourceninteressen auf
dem afrikanischen Kontinent?
Fragen des globalen Ressourcenmanagements werden im Rahmen der laufenden
bilateralen Kontakte mit China erörtert.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co., Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]