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Kleine AnfrageWahlperiode 18Beantwortet

Brennelementefabrik Lingen und AREVA

Genehmigter Uran-Durchsatz, Herstellungskapazität, Auslastung, Rückholung frischer Brennelemente aufgrund des Atomausstiegs, ausgelieferte Brennelemente, Geschäftsentwicklung seit dem Atomunfall von Fukushima, Einsatz von Gadoliniumoxid in Brennelementen (Rechtsgrundlage, Strahlenschutz, Auswirkungen auf Zwischen- bzw. Endlagerung u.a.); Stilllegung im Bereich der Trockenkonversion, Riss in einer Stahlbetonkonsole, falsch assemblierte Brennelemente; Befristung des Betriebs und Einbeziehung in den Atomausstieg<br /> (insgesamt 28 Einzelfragen)

Fraktion

DIE LINKE

Ressort

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit

Datum

19.01.2015

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 18/357616.12.2014

Brennelementefabrik Lingen und AREVA

der Abgeordneten Hubertus Zdebel, Eva Bulling-Schröter, Caren Lay, Ralph Lenkert, Kerstin Kassner und der Fraktion DIE LINKE.

Vorbemerkung

In Lingen produziert die Advanced Nuclear Fuels GmbH (ANF) Brennelemente für den weltweiten Einsatz in Atomkraftwerken. Die frühere Siemens-Anlage gehört heute zum französischen Staatskonzern AREVA. Der Betrieb der Anlage ist nicht vom Atomausstieg betroffen und darf ohne Befristung dauerhaft fortgesetzt werden. Nach der Katastrophe von Fukushima wurden in Deutschland acht Atomkraftwerke (AKW) stillgelegt. Sieben dieser AKWs waren laut eigner Aussage der ANF bis dahin Kunden bei der ANF Lingen. Der Umsatz der ANF Lingen soll demnach um 40 Prozent eingebrochen sein. Das Unternehmen kündigte Kurzarbeit an, AREVA reagierte mit Stellenkürzungen in Deutschland, auch am Standort Lingen (vgl. www.lingen.de/Newsmeldungen/wirtschaft_ aktuell/areva_hat_erfolgreich_umstrukturiert.html).

Als eine Reaktion auf die Kundenverluste in Deutschland hat ANF nach Medienberichten die Herstellung von Brennelementen mit einer Beimischung von Gadoliniumoxid aufgenommen: „Neben einer Anpassung der Brennelementkapazitäten können voraussichtlich ab dem vierten Quartal 2014 sogenannte Gadolinium-Tabletten für Europa und China gefertigt werden.“ Außerdem heißt es: „Ein weiteres Geschäftsfeld, das sich aus den abgeschalteten oder noch abzuschaltenden Kernkraftwerken akquiriert hat, ist das Zurückholen noch frischer Brennelemente.“ (vgl. www.noz.de/lokales/lingen/artikel/464819/anf- inlingen-akquiriert-neue-geschaftsfelder).

Diese Beimischung eines Seltene-Erden-Metalls soll offenbar höhere Abbrände bei den Brennelementen ermöglichen. „Gadolinium wird in Form von Gadoliniumoxid in modernen Brennelementen als abbrennbares Absorbermaterial verwendet, das nach einem Brennelementewechsel zu Beginn des Betriebszyklus die durch einen Überschuss an Kernbrennstoff entstehende zu hohe Reaktivität des Reaktors begrenzt. Mit zunehmendem Abbrand der Brennelemente wird auch das Gadolinium abgebaut.“ (vgl. www.institut-seltene-erden.org/gadolinium- gdordnungszahl-64/).

In einer Presseerklärung berichtet der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel über technische Probleme in der Uranfabrik Lingen: „Dabei wurde im Rahmen einer wiederkehrenden Prüfung ein Riss im Ofenrohr des Drehrohrofens im Bereich der Trockenkonversion entdeckt. Als Ursache dafür wird ein Alterungseffekt angenommen. Das betroffene Bauteil soll ausgetauscht werden. Der Drehrohrofen steht zurzeit still und kann erst nach der Reparatur wieder in Betrieb genommen werden. Zum anderen war ein Riss in einer Stahlbetonkonsole unterhalb eines Dachträgers aufgetreten, der ebenfalls meldepflichtig war. Grund dafür war eine falsch ausgeführte Bewehrung. Der Vorgang wird weiter untersucht. Bezüglich einer falschen Assemblierung von Brennelementen, die wegen des Atomausstiegs nicht zum Einsatz kamen, wird der Bund um eine Einschätzung gebeten.“ (vgl. www.umwelt.niedersachsen.de/aktuelles/ pressemitteilungen/brennelementefabrik-in-lingen-besichtigt--129061.html).

In den letzten Monaten und Wochen haben sich die Hinweise verdichtet, dass die AREVA als Mutterkonzern der ANF erhebliche wirtschaftliche Probleme hat, die auch auf die Katastrophe von Fukushima und den damit einhergehenden Auftragsrückgängen zurückgeführt werden. Außerdem werden als Gründe die erheblichen Bauverzögerungen und damit verbundene Kostenexplosionen bei den beiden AKW-Neubauten in Olkiluoto (Finnland) und Flamaville (Frankreich) genannt (vgl. www.nzz.ch/wirtschaft/atomkonzern-areva-am-abgrund- 1.18429919).

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen28

1

Wie hoch ist derzeit die genehmigte Menge von angereichertem Uran, mit der maximal pro Jahr auf dem Gelände der Brennelementefabrik Lingen hantiert werden darf?

2

Was genau ist nach Kenntnis der Bundesregierung gemeint, wenn von der ANF davon gesprochen wird, dass es eine „Anpassung der Brennelementkapazitäten“ gegeben habe bzw. vorgenommen werden soll?

3

Von welchen Atomkraftwerken hat die ANF dort nicht mehr benötigte frische Brennelemente zurückgenommen, um wie viele Brennelemente je AKW handelte es sich dabei, und bis wann soll diese Rückholung insgesamt abgeschlossen sein?

4

Wie viele Uranbrennelemente (BE) jeweils für Siedewasser- bzw. Druckwasserreaktoren (SWR bzw. DWR) können pro Jahr maximal bei der ANF hergestellt werden, und wie hoch war die Jahresproduktion seit 2009 jeweils (bitte Anzahl BE für SWR und DWR angeben)?

5

An welche Atomkraftwerke gingen jeweils pro Jahr seit 2009 und bis einschließlich 2014 die hergestellten Brennelemente, und wie viele Brennelemente gingen jeweils an diese AKW (bitte aufgeschlüsselt nach SWR und DWR angeben)?

6

Welche Maßnahmen haben nach Kenntnis der Bundesregierung dazu geführt, dass die ANF die deutschen Kundenverluste nach der Katastrophe von Fukushima in etwa kompensieren konnte, und wie hat sich die Kundenstruktur seitdem verändert (bitte aufgeschlüsselt nach neuen Kunden bzw. AKWs, erhöhte BE-Lieferungen an bisherige Kunden oder andere Maßnahmen angeben)?

7

Erreicht die ANF nach Kenntnis der Bundesregierung in den Geschäftsjahren nach Fukushima inzwischen wieder einen Jahres-Umsatz in der Höhe von vor Fukushima?

8

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Auslastung der ANF in den Jahren 2013 und 2014 gemessen an der Kapazität der Anlage und gemessen an den Jahren 2009 und 2010?

9

Wie hoch waren die Gewinnabführungen der ANF Lingen in den Jahren 2009 bis heute jeweils in Richtung an den Mutterkonzern?

10

Hat die Bundesregierung Kenntnisse darüber, ob die ANF der Muttergesellschaft AREVA oder anderen Tochtergesellschaften der AREVA Kredite zur Verfügung gestellt hat?

Wenn ja, in welcher Höhe?

11

Wann hat die ANF Lingen mit dem Einsatz von Gadoliniumoxid begonnen, und welche technischen Veränderungen mussten dafür am Standort Lingen vorgenommen werden?

12

Welche Genehmigungen auf welcher Rechtsgrundlage mussten dafür von welchem Ministerium erteilt werden, und wann sind diese jeweils erteilt worden?

13

Welche Veränderungen hinsichtlich Strahlenschutz, Arbeitsschutz oder sonstiger Schutzvorschriften mit Bezug auf die Gesundheit der Beschäftigten oder der Bevölkerung sind durch den Einsatz des Gadoliniumoxid eingetreten?

14

Aus welchen Gründen ergibt sich aus dem Einsatz von Gadoliniumoxid in den Brennelementen nach Kenntnis der Bundesregierung ein verbesserter Absatz für die ANF?

15

Welche Vorteile bringt dieses Material gegenüber herkömmlichen Brennelementen im Reaktoreinsatz?

16

Wie sind Brennelemente mit Gadoliniumoxid im Grundsatz aufgebaut, und wie hoch je Pellet und je Brennelement ist der Anteil von Uran, dessen Anreicherung mit Uran 235 und des Anteils von Gadoliniumoxid?

17

Werden Brennelemente mit Gadoliniumoxid in Deutschland eingesetzt?

Wenn ja, seit wann werden sie eingesetzt (erstmaliger Einsatz im Reaktor), von welchen Herstellern, in welchen Atomkraftwerken und jeweils wie viele Brennelemente?

Wenn nein, hat die Bundesregierung Kenntnis, warum nicht?

18

Hat der Einsatz von Gadoliniumoxid in den Brennelementen nach dem Reaktoreinsatz Auswirkungen auf das Abklingverhalten und auf die weitere Zwischenlagerung in Castorbehältern oder der Endlagerung?

Wenn ja, welche?

Wenn nein, warum nicht?

19

Wie viele Beschäftigte hatte die ANF Lingen nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils in den Jahren 2010 bis heute?

20

Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die wirtschaftliche Situation der AREVA insgesamt und hinsichtlich möglicher Auswirkungen auf die Geschäftsbereiche in Erlangen und Lingen?

21

Welchen Stellenwert hat nach Kenntnissen der Bundesregierung die ANF Lingen im Rahmen der weltweiten Brennelementeproduktion von AREVA insgesamt, und sieht die Bundesregierung Risiken, dass es zu einer Verlagerung der Produktion vom Standort Lingen zu anderen Brennelementefabriken der AREVA im Ausland kommen könnte?

22

Was genau erfolgt im Bereich der Trockenkonversion bei der Herstellung von Brennelementen, und welche Probleme und Risiken sind mit dem Riss im Ofenrohr des Drehrohrofens verbunden?

23

Ist der Austausch des Ofenrohrs inzwischen erfolgt und der Bereich der Trockenkonversion wieder in Betrieb, bzw. bis wann soll das erfolgen?

24

Welche Auswirkungen auf den Gesamtbetrieb hatte oder hat die Stilllegung der Trockenkonversion?

25

Welche Bedeutung hat der Riss in einer Stahlbetonkonsole unterhalb eines Dachträgers, und warum ist dieser meldepflichtig?

26

Welche Ergebnisse zum Riss in einer Stahlbetonkonsole unterhalb eines Dachträgers haben die weiteren Untersuchungen gebracht, bzw. bis wann werden diese erwartet?

27

Für welche AKWs waren die falsch assemblierten Brennelemente aus der ANF Lingen bestimmt, was genau wurde falsch gemacht, wo bzw. von wem ist der Fehler bemerkt worden, und wie schätzt die Bundesregierung diesen Vorgang ein?

28

Plant die Bundesregierung den Atomausstieg auch auf die Brennelementefabrik in Lingen auszuweiten und den Betrieb zu befristen?

Wenn ja, in welcher Weise soll das erfolgen?

Wenn nein, warum nicht?

Berlin, den 16. Dezember 2014

Dr. Gregor Gysi und Fraktion

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