[Deutscher Bundestag Drucksache 18/5570
18. Wahlperiode 16.07.2015Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Sevim Dağdelen, Dr. Sahra
Wagenknecht, Wolfgang Gehrcke, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
DIE LINKE.
– Drucksache 18/5367 –
Zypern in der Krise – Eine Bilanz
Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Infolge der weltweiten Finanzkrise in den Jahren 2007 und 2008 geriet auch
Zypern in eine ökonomische Schieflage. Arbeitslosigkeit und
Staatsverschuldung stiegen stark an. Zyprische Banken hielten einen Großteil ihrer Anlagen
in griechischen Staatsanleihen. Die hohe Anzahl an notleidenden Krediten und
die Auswirkungen einer „Gläubigerbeteiligung“ für Eigentümer griechischer
Anleihen führten zu weiteren Verlusten bei den zyprischen Banken. Die
zyprische Regierung sah sich finanziell nicht dazu in der Lage, den
überdimensionierten und in Schieflage geratenen Bankensektor ausreichend zu stützen.
Nachdem Zypern Mittel aus dem ESFS und Europäischen
Stabilitätsmechanismus (ESM) im Juni 2012 beantragt hatte, erarbeitete die Troika einen
„Rettungsplan“ für das Land, der eine starke Beteiligung der zyprischen Sparer
vorsah (
www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/zwangsgabe-in-zypern-sparer-unter-
schock-a-889378.html). Dieser „Rettungsplan“ wurde im März 2013 vom
zyprischen Parlament abgelehnt. Trotzdem wurde im weiteren Verlauf ohne
Parlamentsbeteiligung weiter verhandelt. Nach der Wahl eines neuen
Staatsoberhauptes kam es im März 2013 zur Festlegung neoliberaler
Strukturanpassungsprogramme und zur Kürzung öffentlicher Ausgaben.
Die im Memorandum of Understanding (MoU) verhandelten Bedingungen für
einen Hilfskredit in Höhe von 10 Mrd. Euro aus Mitteln des ESM umfassten
u. a. die Abwicklung der Laiki-Bank und eine Umstrukturierung der Bank of
Cyprus. Infolgedessen verloren einige Sparer, aber auch Unternehmen und
öffentliche Einrichtungen bis zu 47,5 Prozent ihrer Einlagen (
www.spiegel.de/
wirtschaft/soziales/bank-of-cyprus-zwangsabgabe-auf-47-5-prozent-erhoeht-
a-913773.html). Im Rahmen des MoU wurden sogenannte
Strukturanpassungsprogramme unter dem Diktum der Haushaltskonsolidierung beschlossen.
Diese Maßnahmen trafen direkt Angestellte, Rentner und zyprische Sparer:
Gestiegene Arbeitslosigkeit, insbesondere bei jungen Menschen, Insolvenz
von kleinen und mittelständischen Unternehmen und ein Einbruch der
Wirtschaftsleistung waren die Folge (
www.deutschlandfunk.de/zypern-proteste-
gegen-sparpolitik.795.de.html?dram:article_id=313327).Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums der Finanzen vom 14. Juli 2015
übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Drucksache 18/5570 – 2 – Deutscher Bundestag – 18. WahlperiodeNach Ansicht der Fragesteller werden in Zypern – ähnlich wie in anderen
Krisenstaaten – soziale Verwerfungen bei den „Hilfsprogrammen“ nicht nur
billigend in Kauf genommen, sondern die Kürzung von Löhnen, Renten- und
Sozialleistungen bei der Kreditvergabe zur Bedingung gemacht.
Laut Berichten der Tageszeitung „DER TAGESSPIEGEL“ und einer
Dokumentation des Fernsehsenders „arte“ wurde die zyprische Regierung unter
Druck gesetzt, einen Verkauf des Griechenlandgeschäftes zyprischer Banken
an die griechische Piraeus-Bank unter Wert zuzustimmen (
www.tagesspiegel.
de/politik/troikaaufzypernfrissoderstirbwiederdealdurchgesetztwurde/
114111203.html, auch:
www.tagesspiegel.de/wirtschaft/klage-vor-
demeuropaeischen-gerichtshof-zwang-die-ezb-zypern-zu-einem-
milliardenminus-geschaeft/11389170.html).
Mit keinem Wort erwähnt die Bundesregierung in ihrer Antwort auf die
entsprechende Schriftliche Frage 29 der Abgeordneten Sevim Dağdelen
(Bundestagsdrucksache 18/4494) die zugrundeliegenden Berechnungen bei der
Abstoßung des Griechenlandgeschäfts, noch etwaige Verluste zyprischer Sparer.
Sollten sich obige Vorwürfe erhärten, würde es sich nach der Meinung von
Nicholas Papadopoulos, Vorsitzender des Finanzausschusses im zyprischen
Parlament, „um einen der größten Skandale in der Geschichte der Eurozone“
handeln (
www.tagesspiegel.de/wirtschaft/klage-vor-dem-
europaeischengerichtshof-zwang-die-ezb-zypern-zu-einem-milliarden-minus-geschaeft/
11389170.html).
1. Wie viel Prozent der durch die bisher durchgeführten
Anpassungsprogramme realisierten fiskalischen Anpassung des zyprischen Haushalts
ergaben sich nach Kenntnis der Bundesregierung durch zusätzliche Einnahmen,
und wie viel Prozent ergaben sich durch Ausgabenkürzungen?
In der bisherigen Programmperiode hat sich der staatliche Primärsaldo in
Zypern in der Programmdefinition von –1,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes
(BIP) im Jahr 2013 um 4,4 Prozentpunkte erhöht, so dass im Jahr 2014 ein
Primärüberschuss von +2,6 Prozent in der Abgrenzung des Anpassungsprogramms
realisiert werden konnte (vgl. Tabelle). Im gleichen Zeitraum sind die
staatlichen Einnahmen von 36,5 Prozent des BIP im Jahr 2013 auf 40,3 Prozent des
BIP im Jahr 2014 um 3,8 Prozentpunkte gestiegen. Die Staatsausgaben ohne
Zinsausgaben (Primärausgaben) haben sich von 38,3 Prozent des BIP im Jahr
2013 auf 37,7 Prozent des BIP im Jahr 2014 (ohne Einmalausgaben zur
Rekapitalisierung der Genossenschaftsbanken) um 0,6 Prozentpunkte verringert.
Bezogen auf den Primärsaldo in Prozent des BIP trägt daher bisher insbesondere die
Erhöhung der Einnahmequote zur fiskalischen Anpassung in Zypern bei.
Betrachtet man die Prognosen für 2015, gilt dies auch in diesem Jahr.
Zusammensetzung der fiskalischen Anpassung des Staates – in % des BIP –
Quelle: Europäische Kommission (sechster Überprüfungsbericht), eigene Berechnungen.
* Ohne Einmalausgaben zur Rekapitalisierung der Genossenschaftsbanken i. H. v. 8,6 Prozent des BIP.
2013 2014 2015 2013 bis
2015
Einnahmen des Staates 36,5 40,3 39,3 +2,8
Primärausgaben 38,3 37,7* 37,8 –0,5
Primärsaldo –1,8 2,6 1,5 +3,3
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 3 – Drucksache 18/55702. Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die
Nettoprivatvermögen in Zypern seit dem Jahr 2011 entwickelt (bitte nach Jahren auflisten)?
Der Bundesregierung liegen keine Informationen für den gesamten Zeitraum
seit dem Jahr 2011 vor.
Die Europäische Zentralbank hat im April 2013 eine Studie zur
Vermögensverteilung in der Eurozone veröffentlicht. Danach lag der Medianwert des
Nettovermögens in Zypern bei 266 900 Euro (zum Vergleich: Deutschland 51 400
Euro), das durchschnittliche Nettovermögen bei 670 900 Euro (zum Vergleich:
Deutschland 195 200 Euro). Der Anteil der zyprischen Haushalte am gesamten
Nettovermögen der Haushalte in der Eurozone liegt bei 0,6 Prozent und damit
oberhalb des Anteils der zyprischen Haushalte an allen Haushalten der Eurozone
von 0,2 Prozent. Weitere Erkenntnisse zur Vermögensverteilung in Zypern
liegen der Bundesregierung nicht vor.
3. Wann und in welchem Umfang ist nach Kenntnis der Bundesregierung seit
dem Jahr 2011 Kapital aus Zypern abgewandert (bitte nach Jahren
auflisten)?
Die Entwicklung der Kapitalströme wird in der Zahlungsbilanz erfasst. Das
Nettoauslandsvermögen enthält den Bestand der Auslandsaktiva und -passiva.
Kapitalexporte (Investitionen im Ausland) führen zu einer Zunahme der
Auslandsaktiva und umgekehrt tragen Kapitalimporte (ausländische Investitionen
im Inland) zum Wachstum der Auslandspassiva bei. Tätigt ein Land mehr
Investitionen im Ausland als umgekehrt, d. h. exportiert es netto Kapital, nimmt das
Nettovermögen im Ausland zu.
Gemäß der Zahlungsbilanzstatistik des Internationalen Währungsfonds ist das
Nettoauslandsvermögen Zyperns im Zeitraum der Jahre 2011 bis 2014 von
–16,8 Mrd. US-Dollar auf –35,1 Mrd. US-Dollar gefallen. Die Veränderungen
der Kennzahlen im Zeitraum der Jahre 2011 bis 2014 sind aus der folgenden
Tabelle ersichtlich.
Quelle: Zahlungsbilanzstatistik des Internationalen Währungsfonds (IWF).
4. Wann und in welchem Umfang setzte die zyprische Regierung nach
Kenntnis der Bundesregierung Maßnahmen zur Konjunkturbelebung (z. B.
öffentliche Investitionen in Infrastruktur und Bildung) um?
a) Welche dieser Maßnahmen waren Teil des MoU?
b) Welche diesbezüglichen MoU-Maßnahmen wurden nicht umgesetzt?
Das Anpassungsprogramm für Zypern zielt auf die Rückkehr zu nachhaltigem
Wirtschaftswachstum ab. Daher wurden im Anpassungsprogramm neben
Maßnahmen zur Stabilisierung des Bankensektors und der Konsolidierung der
Staatsfinanzen substanzielle Strukturreformen zur Verbesserung der
Wettbewerbsfähigkeit vereinbart. Die Strukturreformen betreffen insbesondere die
Verbesserung der öffentlichen Verwaltung und speziell der Finanzverwaltung, das
Gesundheitssystem, den Arbeitsmarkt, die reglementierten Berufe, die
Wettbewerbsaufsicht, die Immobilienbesteuerung und -wirtschaft, die Tourismuswirt-
2011 2012 2013 2014
Netto-Auslandsvermögen in Mrd. USD –16,8 –37,8 –39,2 –35,1
Auslandsvermögen in Mrd. USD 112,7 151,5 136,7 115,3
Auslandsverbindlichkeiten in Mrd. USD 129,5 189,2 175,9 150,4
Drucksache 18/5570 – 4 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiodeschaft und den Energiesektor. Zudem wurde ein Privatisierungsplan zur
Verbesserung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit durch einen verstärkten
Wettbewerb und die Förderung von Kapitalzuflüssen und zur Unterstützung der
Finanzierbarkeit der Schuldenlast vereinbart.
Eine detaillierte Darstellung aller im Programm enthaltenen Einzelmaßnahmen
und ihres Umsetzungsstandes enthalten die von der Europäischen Kommission
veröffentlichten Überprüfungsberichte. Diese wurden dem Deutschen
Bundestag vor ihrer Veröffentlichung zugeleitet.
5. Welche einnahmewirksamen Maßnahmen wurden nach Kenntnis der
Bundesregierung seitens der zyprischen Regierung seit dem Jahr 2011
durchgesetzt?
a) Welche dieser Maßnahmen waren Teil des MoU?
b) Welche diesbezüglichen MoU-Maßnahmen wurden nicht umgesetzt?
c) Welche konjunkturellen Effekte hatten nach Kenntnis der
Bundesregierung die im MoU aufgeführten „einnahmewirksamen
Maßnahmen“ (vor allem der Verbrauchssteuer- und Gebührenerhöhungen) auf
die zyprische Binnennachfrage?
Zypern hat in den Jahren seit dem Jahr 2011 eine Vielzahl von Maßnahmen zur
Erhöhung der Staatseinnahmen getroffen. Bereits vor den Verhandlungen über
ein Anpassungsprogramm hat Zypern die Bankenabgabe auf Einlagen erhöht
und einen Mechanismus für eine regelmäßige Überprüfung der
Verbrauchsteuern geschaffen. Das im Rahmen der Verhandlungen über die Auflagen des
Anpassungsprogramms vereinbarte Memorandum of Understanding (MoU)
umfasst die folgenden Maßnahmen: Erhöhung der Verbrauchsteuern auf
Alkoholika, Tabak und Mineralöl, Erhöhung der Mehrwertsteuer, Einführung einer
Steuer auf Wettgewinne, Abschaffung von Ausnahmen bei der jährlichen
Unternehmensabgabe, Verlängerung der befristeten Erhöhung der Abgabe auf
Arbeitseinkommen, Erhöhung der Sozialabgaben, Erhöhung der Steuer auf
Immobilien, Erhöhung der Körperschaftsteuer auf Unternehmensgewinne, Erhöhung
der Zinssteuer sowie Erhöhung der Gebühren für öffentliche Dienstleistungen.
Einen Teil der im MoU enthaltenen Maßnahmen hatte Zypern bereits vor Beginn
des Anpassungsprogramms umgesetzt.
Eine detaillierte Darstellung aller im Programm enthaltenen Einzelmaßnahmen
und ihres Umsetzungsstandes enthalten die von der Europäischen Kommission
veröffentlichten Überprüfungsberichte. Diese wurden dem Deutschen
Bundestag vor ihrer Veröffentlichung zugeleitet.
Die Binnennachfrage in Zypern hat sich wie folgt entwickelt:
Veränderung der Binnennachfrage in Prozent des BIP
Quelle: Europäische Kommission, sechster Überprüfungsbericht.
6. Welche Maßnahmen zur Besteuerung von privaten Vermögen und
Unternehmensgewinnen – neben der einmaligen Besteuerung von Konten der
Laiki-Bank – wurden nach Kenntnis der Bundesregierung in Zypern seit
dem Jahr 2011 ergriffen, um die staatlichen Einnahmen zu erhöhen?
a) Welche dieser Maßnahmen waren im MoU vorgesehen?
2013 2014 2015
–7,6 –3,8 –0,1
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 5 – Drucksache 18/5570b) Welche diesbezüglichen MoU-Maßnahmen wurden nicht umgesetzt?
c) Wann und in welchem Umfang hat sich die Bundesregierung für die
Besteuerung größer Vermögen zur Erhöhung der staatlichen Einnahmen
eingesetzt?
Unter den in Antwort zu Frage 5 aufgeführten Maßnahmen zur Erhöhung der
Staatseinnahmen Zyperns stellt die Erhöhung der Steuer auf Immobilien eine
Erhöhung der Steuer auf Vermögen dar. Die Erhöhung der Körperschaftsteuer ist
eine Erhöhung der Steuer auf Unternehmensgewinne.
Im Rahmen der Verhandlungen über das Anpassungsprogramm für Zypern hat
sich die Bundesregierung allgemein für Maßnahmen zur Konsolidierung des
Staatshaushalts zur Sicherung der Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen
eingesetzt. Dabei hat sie sich insbesondere für die Erhöhung der Körperschaftsteuer
eingesetzt.
7. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die absolute und relative
Armut in Zypern seit dem Jahr 2011 verändert (bitte nach Jahren auflisten),
und welche weitere Entwicklung erwartet die Bundesregierung bis zum
Jahr 2020?
Als Maßzahlen für eine Armutsgefährdung veröffentlicht Eurostat den Anteil
der unter erheblicher materieller Deprivation leidenden Personen und die
Armutsrisikoquote auf Basis von EU-SILC (Statistics on Income and Living
Conditions/Gemeinschaftsstatistik über Einkommens- und Lebensbedingungen).
Personen sind laut der von Eurostat verwendeten Definition erheblicher
materieller Entbehrung ausgesetzt, wenn sie Mangel in mindestens vier der neun
Bereiche nennen: unerwartete Ausgaben, eine Woche Urlaub, Schuldentilgung,
eine Mahlzeit alle zwei Tage mit Fleisch oder Fisch, angemessen warme
Wohnung, Farbfernseher, Waschmaschine, Telefon, Auto. Die Armutsrisikoquote ist
eine Kennziffer für eine relativ niedrige Position in der Einkommensverteilung.
Sie misst den Anteil der Personen, deren bedarfsgewichtetes Nettoeinkommen
weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens beträgt.
Aktuellere Daten liegen der Bundesregierung nicht vor.
8. Wann und in welchem Ausmaß wurden nach Kenntnis der Bundesregierung
seit dem Jahr 2011 in Zypern Lohnkürzungen bei öffentlichen und privaten
Beschäftigten umgesetzt?
a) Welche dieser Maßnahmen waren im MoU vorgesehen?
b) Welche diesbezüglichen MoU-Maßnahmen wurden nicht umgesetzt?
Zypern hat im Jahr 2012 vor dem Beginn des Anpassungsprogramms eine
gestaffelte Verringerung der Bezüge von Rentnern und Beschäftigten des
öffentlichen Sektors durchgeführt. Dabei wurden Einkommen bis 1 000 Euro monatlich
von der Maßnahme ausgenommen. Bei Einkommen über 1 000 Euro monatlich
Jahr Erhebliche materielle Deprivation
in % der Bevölkerung
Armutsrisikoquote
in % der Bevölkerung
2011 11,7 14,8
2012 15,0 14,7
2013 16,1 15,3
2014 15,3 (Prognose) Keine Angabe
Drucksache 18/5570 – 6 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiodelag die Verringerung zwischen 6,5 Prozent für Einkommen bis 1 500 Euro
monatlich und 12,5 Prozent für Einkommen über 4 000 Euro monatlich.
Im Jahr 2013 hat Zypern als Teil der im MoU vereinbarten Maßnahmen eine
erneute gestaffelte Verringerung der Bezüge von Rentnern und Angestellten des
öffentlichen Sektors durchgeführt. Diese Verringerung betrug zwischen 0,8
Prozent für Bezüge bis 2 000 Euro monatlich und 2,0 Prozent für Bezüge über
4 000 Euro monatlich.
In welchem Umfang private Arbeitgeber mit ihren Beschäftigten einzel- oder
tarifvertraglich Lohnkürzungen vereinbart haben, ist der Bundesregierung nicht
bekannt.
Eine detaillierte Darstellung aller im Programm enthaltenen Einzelmaßnahmen
und ihres Umsetzungsstandes enthalten die von der Europäischen Kommission
veröffentlichten Überprüfungsberichte. Diese wurden dem Deutschen
Bundestag vor ihrer Veröffentlichung zugeleitet.
9. Wie entwickelten sich nach Kenntnis der Bundesregierung die
Arbeitslosigkeit und insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit (Zahl der arbeitslosen
15- bis 24-Jährigen als Anteil der Erwerbspersonen der gleichen
Altersklasse) in Zypern seit dem Jahr 2011?
a) Welche Branchen sind nach Kenntnis der Bundesregierung von der
diesbezüglichen Arbeitsmarktentwicklung besonders betroffen?
b) Wie entwickelten sich nach Kenntnis der Bundesregierung die
Lohnersatzleistungen für Erwerbslose in Zypern seit dem Jahr 2011 (bitte
nach Jahren auflisten)?
Eurostat veröffentlicht die Arbeitslosenquoten insgesamt und unter
arbeitssuchenden Jugendlichen auf Basis der EU-Arbeitskräfteerhebung:
Die Europäische Kommission erwartet laut dem letzten Überprüfungsbericht
des Anpassungsprogramms für Zypern Arbeitslosenquoten in den Jahren 2015,
2016 und 2017 von 16,2 Prozent, 15,2 Prozent und 13,8 Prozent.
Eurostat veröffentlicht die Anzahl der Beschäftigten nach Wirtschaftszweigen
auf Basis der EU-Arbeitskräfteerhebung:
Insgesamt
%
Jugendliche
%
2011 17,9 22,4
2012 11,9 27,7
2013 15,9 38,9
2014 16,1 36,0
Beschäftigte in 1 000 Personen 2011 2012 2013 2014
Land- und Forstwirtschaft, Fischerei 15,2 11,2 11,3 16,1
Bergbau und Gewinnung von Steinen
und Erden
0,9 (u) 1,0 (u) 0,6 (u)
keine
Angabe
Verarbeitendes Gewerbe/Herstellung
von Waren
31,0 28,8 27,4 29,6
Energieversorgung 1,5 (u) 2,0 1,9 2,1
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 7 – Drucksache 18/5570Anmerkung: Unterteilung der Wirtschaftszweige nach NACE 2 Klassifikation; (u) geringe
Zuverlässigkeit.
Die Ausgaben Zyperns zur Einkommensunterstützung für Arbeitslose betrugen
nach Angaben der Europäischen Kommission im Jahr 2011 123,4 Mio. Euro.
Aktuellere Daten liegen der Bundesregierung nicht vor.
10. Welche Maßnahmen wurden nach Kenntnis der Bundesregierung bei den
Rentenreformen in Zypern umgesetzt?
a) Welche dieser Maßnahmen waren im MoU vorgesehen?
Wasserversorgung; Abwasser- und
Abfallentsorgung und Beseitigung von
Umweltverschmutzungen
3,9 5,6 4,7 2,6
Baugewerbe/Bau 45,9 40,3 29,5 25,2
Handel; Instandhaltung und Reparatur
von Kraftfahrzeugen
74,4 72,1 67,6 63,9
Verkehr und Lagerei 14,6 14,8 15,1 14,3
Gastgewerbe/Beherbergung und
Gastronomie
27,6 29,7 29,3 28,4
Information und Kommunikation 10,0 10,4 8,9 9,5
Erbringung von Finanz- und
Versicherungsdienstleistungen
20,5 23,1 22,3 20,7
Grundstücks- und Wohnungswesen 1,6 2,2 1,4 (u) 1,5 (u)
Erbringung von freiberuflichen,
wissenschaftlichen und technischen
Dienstleistungen
23,2 24,8 24,7 25,7
Erbringung von sonstigen
wirtschaftlichen Dienstleistungen
8,8 8,0 9,4 9,2
Öffentliche Verwaltung, Verteidigung;
Sozialversicherung
27,8 24,8 26,5 26,6
Erziehung und Unterricht 31,6 28,6 29,2 32,6
Gesundheits- und Sozialwesen 15,8 16,0 16,3 17,6
Kunst, Unterhaltung und Erholung 7,7 6,2 4,8 4,9
Erbringung von sonstigen
Dienstleistungen
11,4 10,9 10,4 10,1
Private Haushalte mit Hauspersonal;
Herstellung von Waren und Erbringung von
Dienstleistungen durch Private Haushalte
für den Eigenbedarf ohne ausgeprägten
Schwerpunkt
23,1 23,5 22,5 20,4
Exterritoriale Organisationen und
Körperschaften
1,7 1,4 (u) 1,2 (u) 1,4
Insgesamt – Alle NACE-
Wirtschaftszweige
398,2 385,2 365,1 362,7
Beschäftigte in 1 000 Personen 2011 2012 2013 2014
Drucksache 18/5570 – 8 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiodeb) Welche diesbezüglichen MoU-Maßnahmen wurden nicht umgesetzt?
Zypern hat das Rentensystem angepasst, um dessen langfristige Tragfähigkeit zu
verbessern. Das gesetzliche Renteneintrittsalter wird in Zukunft automatisch
alle fünf Jahre entsprechend der Entwicklung der Lebenserwartung angepasst.
Dies ist erstmalig für das Jahr 2018 vorgesehen. Abschläge für vorzeitigen
Renteneintritt wurden eingeführt. Das Mindestalter für abschlagsfreie Renten wird
schrittweise (um sechs Monate pro Jahr) auf das reguläre Renteneintrittsalter
erhöht. Die Mindestbeitragsdauer wird schrittweise von zehn auf 15 Jahre erhöht.
Die Maßnahmen bezüglich der Renten im privaten Sektor wurden im
Allgemeinen wirkungsgleich auf die Altersversorgung im öffentlichen Sektor übertragen.
Im öffentlichen Sektor wurde zudem das reguläre Renteneintrittsalter um zwei
Jahre erhöht.
Eine detaillierte Darstellung aller im Programm enthaltenen Einzelmaßnahmen
und ihres Umsetzungsstandes enthalten die von der Europäischen Kommission
veröffentlichten Überprüfungsberichte. Diese wurden dem Deutschen
Bundestag vor ihrer Veröffentlichung zugeleitet.
11. Wie haben sich die durchschnittlichen Rentenbezüge nach Kenntnis der
Bundesregierung in Zypern seit dem Jahr 2007 entwickelt (in Euro, bitte
nach Frauen bzw. Männer, nach Rentengruppe, Beitragsjahren etc.
aufschlüsseln)?
a) Inwieweit wirken sich nach Kenntnis der Bundesregierung die
Anpassungen des Rentensystems auf Rentenbezieher ehemals
einkommensschwacher Schichten aus?
b) Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Altersarmut
(Einkommen geringer als 60 Prozent des Medianeinkommens der über
63-Jährigen) seit dem Jahr 2011 in Zypern entwickelt?
Die zyprische Regierung hat der Bundesregierung folgende Tabelle zur
Verfügung gestellt:
Anmerkung: Durchschnittlicher monatlicher Betrag in Euro berechnet als Gesamtausgaben/(mittlere Anzahl der Empfänger im jeweiligen
Jahr).
Die dargestellten monatlichen Beträge werden dreizehnmal im Jahr ausgezahlt.
Eine Aufschlüsselung nach Geschlecht und Beitragsjahren liegt der
Bundesregierung nicht vor.
Zypern besitzt ein so genanntes Social Pension Scheme, welches Bürgerinnen
und Bürgern mit keinen oder nur geringen Rentenansprüchen als einheitliche
Zusatzleistung zugutekommt. Das Social Pension Scheme ist steuerfinanziert
und wird ebenfalls dreizehnmal im Jahr gezahlt.
Art der Rente 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014
Altersrente 517,81 556,16 580,53 614,56 647,69 673,05 685,48 696,71
Änderung in % 7,4% 4,4% 5,9% 5,4% 3,9% 1,8% 1,6%
Witwenrente 390,46 418,45 431,15 450,98 469,41 483,39 494,34 500,66
Änderung in % 7,2% 3,0% 4,6% 4,1% 3,0% 2,3% 1,3%
Invalidenrente 516,90 542,66 548,11 564,17 586,34 603,70 600,94 610,64
Änderung in % 5,0% 1,0% 2,9% 3,9% 3,0% –0,5% 1,6%
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 9 – Drucksache 18/5570Die untere Darstellung der zyprischen Regierung gibt die Entwicklung der
monatlichen Bezüge aus dem Social Pension Scheme wieder.
Eurostat veröffentlicht die Armutsrisikoquote. Sie misst den Anteil der
Personen, deren bedarfsgewichtetes Nettoeinkommen weniger als 60 Prozent des
mittleren Einkommens beträgt.
Aktuellere Daten liegen der Bundesregierung nicht vor.
12. Welche Maßnahmen wurden nach Kenntnis der Bundesregierung im
Rahmen einer Strukturreform des Bildungssystems in Zypern ergriffen?
a) Welche dieser Maßnahmen waren im MoU vorgesehen?
b) Welche diesbezüglichen Maßnahmen des MoU wurden nicht
umgesetzt?
Im MoU werden folgende strukturelle Reformen im Bildungssystem genannt:
Einzuführen im Haushaltsjahr 2014
1. Reduzierung der Zahl der Lehrer, die an das Ministerium für Bildung und
Kultur abgeordnet sind,
2. Aufhebung des Verhältnisses der Lehrzeit an Abendschulen von 1:1,5
zwischen allgemeiner und technischer/beruflicher Bildung,
3. Aufhebung der Zulassung für Lehrer in zwei oder mehreren Schulbezirken,
4. Aufhebung von Betreuungskomponenten für Aus- und Weiterbildung von
neuen Lehrern,
5. Kostenreduzierung von Nachmittags- und Abendprogrammen.
Steuerliche Maßnahmen mit Wirkung im Jahr 2013
Die Sicherstellung der Reduzierung der Gesamtausgaben für Sozialleistungen
von mindestens 113 Mio. Euro durch u. a. die Abschaffung von redundanten und
überlappenden Maßnahmen, wie die Mütterzulage, die Familienzulage und die
Bildungszulage.
Steuerliche Maßnahmen mit Wirkung im Jahr 2014
Die Sicherstellung der Reduzierung der Gesamtausgaben für Sozialleistungen
von mindestens 28,5 Mio. Euro durch u. a. die Straffung von Kindergeld und
Bildungsförderung.
Nach Informationen des europäischen Netzwerkes Eurydice, das Informationen
zu den Bildungssystemen in Europa darstellt und in dem Deutschland Mitglied
ist, wurde ein Aktionsplan zum Ausbau des Bildungssystems verabschiedet. Der
2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014
Social Pension 274,61 286,64 299,51 315,36 324,75 332,19 336,28 336,28
Änderung in % 4,4 % 4,5 % 5,3 % 3,0 % 2,3 % 1,2 % 0,0 %
Jahr Armutsrisikoquote in % der Bevölkerung ab 65 Jahren
2011 35,5
2012 29,3
2013 20,1
Drucksache 18/5570 – 10 – Deutscher Bundestag – 18. WahlperiodeAktionsplan beinhaltet Vorschläge zu drei Themen: 1. Stellenbesetzungssystem
für Lehrer, 2. Evaluierung des Bildungssystems, 3. Aus- und
Weiterbildungssystem für Lehrer. Im Jahr 2015 wurden weiterentwickelte Vorschläge zum
Stellenbesetzungssystem für Lehrer und ein Konzept für die professionelle Ausbildung
von Pädagogen vorgelegt sowie ein Zeitplan für den Primar- und
Sekundarbereich (Description of National Education Systems, Online-Enzyklopädie).
In den Jahren 2012 und 2013 wurde die Nationale Einarbeitungsphase für Lehrer
im Zuge von Budgetkürzungen abgeschafft. Die berufliche Weiterbildung für
Lehrer ist aber verpflichtend („The Teaching Profession in Europe: Practices,
Perceptions, and Policies“, 2015).
Im Jahr 2012 wurde das System für die Gewährung von Bildungsförderung im
Bereich Hochschule geändert. Die Bildungsförderung wird nun auf der Basis
des Familieneinkommens gewährt. Zugleich wird seit dem Jahr 2012 das
Kindergeld nicht mehr für Studierende an Hochschulen gewährt. Die
Budgetvergabe für Darlehen wurde reduziert (Unterstützung für Unterkunft, Essen,
Transport und Gesundheitsversicherung in der Ausbildung wurden nicht gekürzt,
„Funding of Education in Europe 2000–2012“, 2013).
13. Wann und in welchem Umfang wurden nach Kenntnis der
Bundesregierung Lehrerstellen in Zypern seit dem Jahr 2011 abgebaut?
Nach Informationen von Eurydice ist die Zahl der befristet und unbefristet
eingestellten Lehrer für insgesamt zwischen den Jahren 2010/2011 und 2011/2012
gesunken („Funding of Education in Europe 2000–2012“, 2013).
14. Wann und in welchem Ausmaß wurden nach Kenntnis der
Bundesregierung Einsparungen im zyprischen Gesundheitswesen seit dem Jahr 2011
umgesetzt?
a) Welche dieser Maßnahmen waren im MoU vorgesehen?
b) Welche der diesbezüglichen Maßnahmen des MoU wurden nicht
umgesetzt?
Zur Stärkung der Nachhaltigkeit der Finanzierungsstruktur und der Effizienz der
öffentlichen Gesundheitsversorgung in Zypern wurden im Rahmen des
Anpassungsprogramms Maßnahmen vereinbart. Im aktuellen sechsten
Überprüfungsbericht des Anpassungsprogramms hat die Europäische Kommission über den
Umsetzungsstand berichtet.
Zypern hat mit den Programmpartnern die Einführung eines nationalen
Gesundheitssystem (NHS) vereinbart. Das NHS wird auf den Grundprinzipien der
freien Wahl des Behandlers, des sozialen Ausgleichs und Zusammenhalts, der
finanziellen Nachhaltigkeit sowie der allgemeinen Absicherung im Rahmen
eines Grundversorgungspakets entwickelt und umgesetzt. Allerdings ist es bei
der Einführung des NHS zu Verzögerungen gekommen. Die Gesetzesvorlage
betreffend das staatliche Gesundheitssystem wurde dem Abgeordnetenhaus
bisher nicht vorgelegt und auch die Gesetzesvorlage betreffend die Umwandlung
der Krankenhäuser in selbstverwaltete Einheiten wurde bisher nicht gebilligt.
Zypern hat mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Vereinbarung
unterzeichnet, um intensive technische Unterstützung für die Umsetzung der
Gesundheitsreformen zu erhalten. Die WHO-Experten haben vor Ort in Zypern mit
der Arbeit begonnen. Zypern bewertet regelmäßig die Einziehung der
Pflichtbeiträge zur Krankenversicherung von öffentlich Bediensteten (aktiv und im
Ruhestand) und aller Zuzahlungen für die Inanspruchnahme öffentlicher
Gesundheitsdienstleistungen unter Gegenüberstellung der erwarteten Einnahmen.
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 11 – Drucksache 18/5570Zyperns Ministerrat hat kein verbindliches Paket von Eventualmaßnahmen
verabschiedet, damit der vereinbarte Budgetrahmen für öffentliche
Gesundheitsausgaben bei gleichzeitiger Gewährleistung eines angemessenen Zugangs zu
Gesundheitsleistungen nicht überschritten wird; den Programmpartnern wurde
jedoch ein Papier dazu vorgelegt. Zypern hat die Einkommensgrenzen für die
kostenlose öffentliche Gesundheitsversorgung überprüft. Es veröffentlicht
fortgesetzt klinische Leitlinien und Verschreibungsrichtlinien und überprüft ihre
Umsetzung. Zypern richtet ein System zur Bewertung von
Gesundheitstechnologien ein. Zypern führt eine regelmäßige Überprüfung des Katalogs an
allgemein erstattungsfähigen medizinischen Leistungen auf der Grundlage
objektiver, nachprüfbarer Kriterien, einschließlich Kosteneffizienzkriterien durch.
Eine detaillierte Darstellung aller im Programm enthaltenen Einzelmaßnahmen
und ihres Umsetzungsstandes enthalten die von der Europäischen Kommission
veröffentlichten Überprüfungsberichte. Diese wurden dem Deutschen
Bundestag vor ihrer Veröffentlichung zugeleitet.
15. Inwiefern hat die Bundesregierung, entsprechend ihrer
menschenrechtlichen Verpflichtungen, vor der Zustimmung ihrer Vertreter im
Gouverneursrat des ESM geprüft, inwiefern mit den Bestimmungen des MoU
Eingriffe in soziale und andere Menschenrechte in Zypern vorgeschrieben
wurden und inwiefern diese gerechtfertigt, verhältnismäßig, geeignet,
nicht diskriminierend und den Wesensgehalt der Rechte beachtend waren?
Durch das Urteil des Gerichtshofes der Europäischen Union vom 27. November
2012 (Rs. C-370/12) wurde die Vereinbarkeit des ESM-Vertrages mit den EU-
Verträgen festgestellt. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil vom
18. März 2014 (2 BvR 1390/12 u. a.) auch in der Hauptsache in sechs
Verfassungsbeschwerde- und einem Organstreitverfahren verfassungsrechtliche Kritik
gegen den ESM als unbegründet erachtet. Vor diesem Hintergrund bestehen
keine Zweifel daran, dass sowohl der ESM als Institution, als auch die im ESM-
Vertrag vorgesehene Mitwirkung der EU-Organe sowie der ESM-
Mitgliedstaaten an der Beschlussfassung in den ESM-Gremien rechtmäßig sind.
16. Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung zentrale Indikatoren
zur Leistungsfähigkeit des zyprischen Gesundheitssystems (z. B. Anteil
Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt, Krankenhausaufenthalte,
Krankenhausbetten, Anzahl der Ärzte und Pfleger, medizinische
Ausstattung) seit dem Jahr 2011 verändert (bitte nach Jahren auflisten)?
Quellen: WHO, Weltbank.
Indikator 2010 2011 2012 2013
Gesamtausgaben Gesundheit
(% BIP)
7,3 7,6 7,4 7,4
Öfftl. Gesundheitsausgaben
(% Gesamte öfftl. Ausgaben)
7,5 7,7 7,5 7,5
Öfftl. Gesundheitsausgaben
(% Gesamte Gesundheitsausgaben)
47,6 46,8 46,5 46,3
Priv. Gesundheitsausgaben
(% Gesamte Gesundheitsausgaben)
52,4 53,2 53,5 53,7
Out-of-pocket Gesundheitsausgaben
(% Gesamte Gesundheitsausgaben)
46 46 47 47
Drucksache 18/5570 – 12 – Deutscher Bundestag – 18. WahlperiodeDaten zu Infrastruktur und medizinischem Personal sind für das Jahr 2011 sowie
die Folgejahre nicht veröffentlicht.
17. Welche Auswirkungen hatten nach Kenntnis der Bundesregierungen die
MoU-Anpassungen im Gesundheitssystem auf die Höhe der privaten
Gesundheitsausgaben (z. B. durch erhöhte Gebühren und gestiegene
Eigenanteile)?
Für die Jahre 2011 bis 2013 ist keine Veränderung der privaten
Gesundheitsausgaben (als Teil der Gesundheitsausgaben) festzustellen (vgl. auch Daten der
WHO und Weltbank). Der Bundesregierung liegt keine Studie vor, die den
Effekt der Gesundheitsreform auf private Ausgaben analysiert.
18. Welche der vom MoU in den Punkten 3.5 f. geforderten
Privatisierungsvorhaben wurden nach Kenntnis der Bundesregierung seitens der
zyprischen Regierung und des zyprischen Parlaments bisher konkret
umgesetzt?
a) Welche Privatisierungsmaßnahmen öffentlichen Eigentums sind für
die Zukunft geplant, und wie werden diese organisiert (z. B. durch eine
Treuhandorganisation oder Ähnliches)?
b) Wie viele Angestellte sind und waren nach Kenntnis der
Bundesregierung von den vereinbarten Privatisierungsvorhaben betroffen?
c) Welche Einnahmen konnte der zyprische Staat aus der Privatisierung
öffentlichen Eigentums seit dem Jahr 2011 generieren (bitte nach
Erlösen aus dem Verkauf von Immobilien und Grundstücken, Wohnungen,
Krankenhäusern, Staatsbetrieben der Ver- und Entsorgung,
Infrastruktur, öffentlicher Verkehr etc. aufschlüsseln)
Die zyprische Regierung hat mit den Programmpartnern die Umsetzung eines
Privatisierungsplans vereinbart. Der Plan soll durch die Förderung intensiveren
Wettbewerbs und höherer Kapitalzuflüsse zu mehr wirtschaftlicher Effizienz
beitragen und die Schuldentragfähigkeit verbessern. Der Plan sieht die
Privatisierung u. a. von CyTA (Telekommunikation), EAC (Strom), CPA
(Hafenbewirtschaftung) sowie Grundstücken vor. CyTA und CPA werden innerhalb der
Programmlaufzeit privatisiert, EAC bis Mitte des Jahres 2018.
Der von der Regierung nach Beratung mit den Programmpartnern festgesetzte
Privatisierungsplan soll bis zum Ende des Programmzeitraums mindestens
1 Mrd. Euro und bis spätestens zum Jahr 2018 weitere 400 Mio. Euro erzielen,
die zum Abbau der öffentlichen Verschuldung verwendet werden. Nach den
Angaben der Europäischen Kommission in den Überprüfungsberichten führt
Zypern bisher Vorbereitungsarbeiten für die Privatisierung durch, die
beispielsweise der Umwandlung von CyTA in eine Kapitalgesellschaft dienen sollen.
Bisher hat die Europäische Kommission von keinen Privatisierungserlösen
berichtet.
Eine detaillierte Darstellung aller im Programm enthaltenen Einzelmaßnahmen
und ihres Umsetzungsstandes enthalten die von der Europäischen Kommission
veröffentlichten Überprüfungsberichte. Diese wurden dem Deutschen
Bundestag vor ihrer Veröffentlichung zugeleitet.
19. Wie ist nach Kenntnis der Bundesregierung aktuell die zyprische
Gläubigerstruktur, d. h. wie viele Milliarden (Prozent) der zyprischen
Staatsverschuldung entfallen auf ausländische Gläubiger (bitte zwischen
öffentlichen und privaten Banken, Versicherungen, Pensionsfonds, Hedgefonds
u. a. differenzieren) und einheimische Gläubiger (bitte zwischen öffent-
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 13 – Drucksache 18/5570lichen und privaten Banken, Versicherungen, Pensionskassen u. a.
differenzieren)?
Die Bruttoverschuldung des zyprischen Staates belief sich Ende des Jahres 2014
nach Angaben der Europäischen Kommission auf 18,8 Mrd. Euro.
Struktur der Verschuldung Zyperns Ende 2014
Quelle: Finanzministerium Zypern, Europäische Kommission, eigene Berechnung
20. Welche Gruppen von Schuldnern zyprischer Banken wären nach Kenntnis
der Bundesregierung im Hinblick auf die Zahl notleidender Kredite von
den geforderten Zwangsvollstreckungen (
www.consilium.europa.eu/de/
meetings/eurogroup/2015/02/16/) betroffen?
Nach Angaben der Europäischen Kommission in ihrem aktuellen sechsten
Überprüfungsbericht des Anpassungsprogramms für Zypern beträgt der Anteil
notleidender Kredite (non-performing loans) in Zypern Ende des Jahres 2014
bei Krediten an juristische Personen 58 Prozent und bei Krediten an natürliche
Mrd. Euro %
Inländische Wertpapiere 4,0 21,1
T-Bills 0,7 3,6
Inländische Anleihen 3,2 17,0
darunter Rekapitalisierungsanleihe Cyprus Popular Bank 1,1 5,8
Sparzertifikate 0,1 0,5
Ausländische Wertpapiere 2,7 14,4
Kurzläufer (Euro Commercial Papers) 0,0 0,2
Ausländische Anleihen (Euro Medium Term Notes) 2,7 14,2
Einheimische Kredite 1,7 9,1
Zentralbank von Zypern 1,3 6,9
Genossenschaftszentralbank 0,4 2,2
Ausländische Kredite 4,0 21,2
Russische Föderation 2,5 13,3
Entwicklungsbank des Europarates 0,3 1,5
Europäische Investitionsbank 0,9 4,5
Frankreich 0,0 0,0
EFSF (Zypern zuzurechnende EFSF Darlehen für GRC, PRT, IRL) 0,3 1,3
Private Banken 0,1 0,6
Programmkredite 6,1 32,7
ESM 5,7 30,3
IWF 0,4 2,4
Sonstig 0,3 1,6
Gesamt 18,8 100,0
Drucksache 18/5570 – 14 – Deutscher Bundestag – 18. WahlperiodePersonen 52,7 Prozent. Der Bundesregierung liegen keine Informationen über
die praktischen Auswirkungen der unlängst in Kraft getretenen Reform des
Zwangsvollstreckungs- und Insolvenzrechts vor.
21. Welche Konsequenzen und Schlussfolgerungen zieht die
Bundesregierung aus den Auswirkungen der von März 2013 bis April 2015
eingesetzten Kapitalverkehrskontrollen, auch im Hinblick auf ein etwaiges
ähnliches Vorgehen in Griechenland?
22. Wie und in welchem Ausmaß beeinflussten nach Kenntnis der
Bundesregierung die im MoU verabredeten Kapitalverkehrskontrollen die
wirtschaftliche Entwicklung Zyperns?
Die Fragen 21 und 22 werden im Zusammenhang beantwortet.
Zypern hat im März 2013 vorübergehende Kapitalverkehrskontrollen
eingeführt, um eine geordnete Wiedereröffnung seiner zum damaligen Zeitpunkt
temporär geschlossenen Banken zu ermöglichen. Es hat damals erklärt, die
eingeführten Kapitalverkehrskontrollen schrittweise wieder aufzuheben, sofern die
Umstände es zulassen und die Finanzstabilität gesichert werden kann. Unter
anderem aufgrund von Fortschritten bei der Restrukturierung und Stabilisierung
des Bankensektors und im Rahmen seines Programms konnte Zypern nach
schrittweiser Lockerung die Beschränkungen für den Zahlungsverkehr
innerhalb des Landes im Mai 2014 gänzlich aufheben. Die letzten Beschränkungen
für den Zahlungsverkehr mit dem Ausland wurden im April 2015 aufgehoben.
Die Situation Zyperns war damals sehr spezifisch und außergewöhnlich. Zypern
hatte sein Bankensystem nach hohen Verlusten vorübergehend geschlossen und
in dieser Zeit die Rekapitalisierung der Bank of Cyprus (damals größte Bank)
und die Abwicklung der Laiki Popular Bank (damals zweitgrößte Bank) unter
Beteiligung der Eigentümer und Gläubiger dieser Banken einschließlich eines
teilweisen Bail-in der unbesicherten Einlagen über 100 000 Euro durchgeführt.
Eine Kapitalflucht hätte die für die Realwirtschaft notwendige Wiedereröffnung
der Banken erschwert.
23. Inwieweit waren nach Kenntnis der Bundesregierung zyprische
Unternehmen, Sparer, Rentner, Pensionsfonds und andere inländische Anleger von
der Abwicklung der Laiki-Bank und der einmaligen Besteuerung von
Sparanlagen der Bank of Cyprus betroffen?
Nach Angaben in den Überprüfungsberichten der Europäischen Kommission
wurden Pensionsfonds, die von der Abwicklung der Laiki-Bank betroffen
waren, vom zyprischen Staat mit einer Zahlung von rund 299 Mio. Euro
entschädigt. Weitere Informationen zur Verteilungswirkung der Abwicklung der Laiki-
Bank und der Restrukturierung der Bank of Cyprus bezüglich einzelner Gruppen
sind der Bundesregierung nicht bekannt.
24. Welchen Wert hatte nach Kenntnis der Bundesregierung das
Griechenlandgeschäft der drei großen zyprischen Banken kurz vor dem Verkauf an
die Piraeus-Bank Ende März 2013, und wie wurde dieser Wert errechnet?
25. Welche Konsequenzen und Schlussfolgerungen zieht die
Bundesregierung aus den Einschätzungen des Vorsitzenden des zyprischen
Finanzausschusses Nicholas Papadopoulus, nach denen Zypern gezwungen wurde,
das Griechenlandgeschäft zyprischer Banken weit unter Wert zu
verkaufen (
www.tagesspiegel.de/wirtschaft/klage-vor-dem-europaeischen-
Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode – 15 – Drucksache 18/5570gerichtshof-zwang-die-ezb-zypern-zu-einem-milliarden-
minusgeschaeft/11389170.html)?
Wie und in welchem Rahmen wird sich die Bundesregierung für die
umfängliche Aufklärung dieser Vorwürfe einsetzen?
Die Fragen 24 und 25 werden im Zusammenhang beantwortet.
Die Bundesregierung war an der Bewertung der griechischen Filialen zyprischer
Banken, die vor Beginn des Anpassungsprogramms verkauft wurden, nicht
beteiligt. Nach Angaben des Käufers, der Piraeus Bank, betrug der Kaufpreis
524 Mio. Euro.
26. Welche Auswirkungen haben nach Kenntnis der Bundesregierung die EU-
Sanktionen gegen Russland auf das zyprische Anpassungsprogramm
(
www.handelsblatt.com/politik/international/wirtschaftssanktionen-
undder-westen-sanktionen-koennten-zypern-rettung-gefaehrden/9897126-4.
html)?
Die Europäische Kommission berichtet in ihrem aktuellen sechsten
Überprüfungsbericht des Anpassungsprogramms für Zypern auch über
makroökonomische Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung Zyperns. Dabei führt sie die
wirtschaftliche Rezession in Russland als einen Risikofaktor an.
27. Welche Maßnahmen hat nach Kenntnis der Bundesregierung die zyprische
Regierung ergriffen, um die Gas- und Ölvorkommen vor der zyprischen
Küste auszubeuten, um nach Punkt 5.6 des MoU Zyperns Energiesektor
umzugestalten?
Die Europäische Kommission hat in ihrem aktuellen sechsten
Überprüfungsbericht des Anpassungsprogramms für Zypern auch über den Umsetzungsstand
der entsprechenden Vereinbarungen des MoU informiert. Danach hat Zypern
den Programmpartnern den aktualisierten Fahrplan (roll-out plan) für die
Schaffung der für die Erdgasgewinnung benötigten Infrastruktur vorgelegt. Weiterhin
hat Zypern den Programmpartnern einen umfassenden Entwurf des
Aufsichtsrahmens und der Marktorganisation für den umstrukturierten Energie- und
Gassektor vorgelegt, mit dem das Ziel offener, transparenter und
wettbewerbsfähiger Energiemärkte verfolgt wird. Das Gesetz über den Ressourcenfonds, in den
die verschiedenen Arten öffentlicher Einnahmen aus Offshore-Gasgewinnung
und -verkauf fließen sollen, und die Vorschriften über die Ein- und Abgänge des
Fonds wurden dem Abgeordnetenhaus bis zum Zeitpunkt der sechsten
Programmüberprüfung noch nicht vorgelegt.
28. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung im Hinblick auf
die wirtschaftliche und politische Zukunft ganz Zyperns aus dem
Umstand, dass der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan und die
AKP-Regierung die wirtschaftliche und finanzielle Abhängigkeit des
Nordens der Republik Zyperns seit der Invasion und der Teilung der Insel im
Jahr 1974 immer wieder zur Einmischung in die Politik der Insel
ausnutzten und mit ihrer Politik gegen die Republik Zypern bisher eine Lösung
der Zypern-Frage verhindert haben (
www.eurotopics.net/de/home/
presseschau/archiv/article/ARTICLE162248-Nordzypern-wuerde-
Widerstandgegen-Tuerkei-wagen)?
Am 15. Mai 2015 wurden die Verhandlungen zur Lösung der Zypernfrage
zwischen dem Präsidenten der Republik Zypern, Nikos Anastasiades, und dem
türkisch-zyprischen Volksgruppenführer, Mustafa Akinci, unter Ägide der Verein-
Drucksache 18/5570 – 16 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiodeten Nationen nach mehrmonatigem Aussetzen wieder aufgenommen. Die
Bundesregierung unterstützt beide Seiten und ist sich der wichtigen Rolle der Türkei
als Garantiemacht bewusst. Beim letzten Einigungsversuch im Jahr 2004
(„Annan-Plan“) unterstützte die Türkei eine Einigung aktiv.
29. Inwieweit trifft es nach Kenntnis der Bundesregierung zu, dass der
türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan den türkisch besetzten Norden
der Republik Zyperns nicht als gleichberechtigten Verhandlungspartner in
den Zyperngesprächen ansieht, sondern diesen weiterhin als das „Kind“
der Türkei betrachtet, und warnte, „dass die Türkei keine Annäherung in
der Zypern-Frage akzeptiere, die einen Preis habe“ (
www.welt.de/print/
welt_kompakt/print_politik/article140187389/Hoffnung-auf-
Wiedervereinigung-in-Zypern.html)?
Hierzu liegen der Bundesregierung keine Erkenntnisse vor.
30. Welche Maßnahmen hat nach Kenntnis der Bundesregierung die
zyprische Regierung für den Fall eines „Grexit“ getroffen (
www.faz.net/
agenturmeldungen/adhoc/zypern-trifft-vorkehrungen-fuer-grexit-
13520907.html)?
Die zyprische Regierung hat in den europäischen Gremien allgemein darüber
informiert, dass sie generelle Vorsorgemaßnahmen vorbereitet hat.
31. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung darüber, dass türkische
Kriegsschiffe im November 2011 Erkundungsschiffe, die im Auftrag der
griechisch-zypriotischen Regierung nach Erdgasfeldern suchen,
abdrängten, weswegen zur Unterstützung Zyperns russische Unterseeboote nach
Zypern verlegt wurden (NDR, 1. November 2011)?
Hierzu liegen der Bundesregierung keine Erkenntnisse vor.Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co., Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin,
www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44,
www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]