[Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Auswärtigen Amts vom 26. Mai 2016 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Deutscher Bundestag Drucksache 18/8602
18. Wahlperiode 31.05.2016
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke, Frank Tempel,
Wolfgang Gehrcke, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE.
– Drucksache 18/8344 –
Verwendung von EU-Mitteln für Flüchtlingslager in der Türkei
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Im Rahmen ihres Abkommens mit der Türkei zur Begrenzung der „irregulären
Migration aus der Türkei in die EU“ erklärte sich die Europäische Union (EU)
dazu bereit, der Türkei bis zum Jahr 2018 insgesamt 6 Mrd. Euro an finanzieller
Unterstützung zu zahlen, die für die Versorgung und Unterbringung der
Flüchtlinge in der Türkei und für die Förderung weiterer „Projekte für Personen, die
vorübergehenden Schutz genießen“, eingesetzt werden sollen (
www.consilium.
europa.eu/de/press/press-releases/2016/03/18-eu-turkey-statement/).
In der Türkei leben derzeit nach Angaben des staatlichen
Katastrophenhilfswerkes AFAD rund 2,7 Millionen syrische Flüchtlinge. Die Aufnahme dieser
Flüchtlinge stellt das Land vor große Herausforderungen, Spannungen mit der
einheimischen Bevölkerung sind nicht auszuschließen.
So kam es in Cesme und Dikili zu Protesten gegen die Ankunft und
Unterbringung von Flüchtlingen, die im Zuge des EU-Türkei-Abkommens von den
griechischen Inseln zur türkischen Ägäisküste zurückgeführt wurden. Sorgen der
Anwohnerinnen und Anwohner um Einbußen beim Tourismusgeschäft und rapide
Lohneinbrüche durch billigere Arbeitskräfte aus Syrien mischen sich dabei mit
offen fremdenfeindlichen Ressentiments über angeblich steigende Kriminalität
(
www.br.de/nachrichten/fluechtlinge-rueckfuehrung-protest-tuerkische-staedte-
100.html;
www.tagesschau.de/ausland/tuerkei-fluechtlinge-protest-rueckfuehrung-
101.html).
Politikerinnen und Politiker der sozialdemokratischen und prokurdischen
Oppositionsparteien CHP und HDP in der Türkei sowie Vertreterinnen und Vertreter
der alevitischen und kurdischen Bevölkerungsgruppen zeigten sich indessen
besorgt, dass die türkische Regierung die gezielte Ansiedlung von syrischen
sunnitischen Flüchtlingen in Siedlungsgebieten der ethnischen und religiösen
Minderheiten zur demographischen – und politischen – Veränderung nutzen könnte
(
http://rudaw.net/english/middleeast/turkey/30032016; www.heise.de/tp/artikel/47/
47935/1.html).
Dazu kommt die Befürchtung, dass die Flüchtlingslager der staatlichen
Hilfsorganisation AFAD als Stützpunkte für dschihadistische Kämpfer aus Syrien
dienen könnten. „In Maraş, wo auch viele alevitische Dörfer beheimatet sind,
werden systematisch und ganz bewusst Flüchtlingscamps errichtet, in denen
Dschihadisten untergebracht werden“, heißt es in einem von der „Alevitischen
Union in Europa“ verbreiteten Aufruf. In den Augen der Dschihadisten sind die
Aleviten Ungläubige oder Abtrünnige vom Islam, die getötet werden dürfen
(
http://alevi.com/de/?p=8302).
Seit Anfang April 2016 protestieren Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes
Sivricehöyük und weiterer alevitischer Dörfer in der Provinz Kahramanmaras
gegen den Bau eines Container-Flüchtlingslagers für 25 000 sunnitische Syrerinnen
und Syrer. Die Zahl der Flüchtlinge würde diejenige der wenigen Tausend
Aleviten in den umliegenden Dörfern bei weitem übertreffen. Sprecher der Aleviten
betonten dabei, dass sich ihr Protest nicht gegen die Flüchtlinge richte. Angesichts
der ethnisch-religiösen Verhältnisse in der von Kurden und Türken, Aleviten und
Sunniten gemischt besiedelten Provinz, in der es 1978 zu einem Pogrom an
hunderten von Aleviten kam, befürchten sie allerdings erneute Spannungen zwischen
den verschiedenen Glaubensgemeinschaften (
www.hurriyetdailynews.com/
turkishvillagers-rally-against-refugee-camp-plans-citing-fear-of-sunni-extremists.aspx?
pageID=238&nID=97458&NewsCatID=341;
www.hurriyetdailynews.com/
Default.aspx?pageID=238&nid=97964&NewsCatID=341).
1. Inwieweit und mit welchem Ergebnis hat sich die Bundesregierung oder
– nach ihrer Kenntnis – die EU bislang um Auskünfte von Seiten der
türkischen Behörden über die Verwendung bereits gezahlter oder zugesagter EU-
Gelder bei der Unterbringung und Versorgung von Flüchtlingen in der
Türkei bemüht?
Mit der Erklärung des EU-Türkei-Gipfels vom 29. November 2015 ist unter
anderem die Bereitstellung finanzieller Unterstützung der EU zugunsten der in der
Türkei unter vorübergehendem Schutz stehenden syrischen Flüchtlinge sowie
deren Aufnahmegemeinden über die sogenannten EU-Türkei-Flüchtlingsfazilität in
Höhe von 3 Mrd. Euro vereinbart worden. Die EU hat sich beim EU-Türkei-
Gipfel am 18. März 2016 bereit erklärt, zusätzliche Mittel für die Fazilität in Höhe
von weiteren 3 Mrd. Euro bis Ende 2018 zu mobilisieren, sobald die vorhandenen
Mittel nahezu vollständig ausgeschöpft und die in der Gipfelerklärung genannten
Verpflichtungen erfüllt worden sind. Bei den zugesagten Mitteln handelt es sich
nicht um pauschale Zahlungen an die türkische Regierung, vielmehr setzt die
Europäische Kommission in Abstimmung mit der Türkei sukzessive Projekte um,
die im Einklang mit den Zielen des EU-Türkei-Aktionsplans stehen. Die Mittel
werden von der Europäischen Kommission verwaltet. Sie entscheidet über
einzelne Projekte und wählt die notwendigen Durchführungsorganisationen aus. Seit
März 2016 werden aus der EU-Türkei-Flüchtlingsfazilität Projekte im Bereich
der humanitären Grundversorgung und Schulbildung finanziert. Projekte in den
Bereichen Gesundheit, Bildung, Infrastruktur, Lebensmittelversorgung und
sonstige Lebenshaltungskosten sollen folgen. Die Projekte, die bislang über die EU-
Türkei-Flüchtlingsfazilität finanziert wurden (bislang etwa 190 Mio. Euro an
Mittelzusagen für konkrete Projekte), sind der Bundesregierung bekannt, da sie
jeweils direkt von der Europäischen Kommission in Auftrag gegeben werden und
die EU-Mitgliedstaaten darüber informiert werden. Im Anhang befindet sich eine
aktuelle Projektliste.
2. Welche Möglichkeiten der Mitsprache und Mitentscheidung über die
regionale Unterbringung von Flüchtlingen in der Türkei hat die EU als
Geldgeberin nach Kenntnis der Bundesregierung, und inwieweit hat sie
gegebenenfalls bislang von dieser Mitsprachemöglichkeit Gebrauch gemacht?
Es wird auf die Antwort zu Frage 1 verwiesen. Die Europäische Kommission und
die EU-Mitgliedstaaten entscheiden im Lenkungsausschuss der EU-Türkei-
Flüchtlingsfazilität über die strategischen Leitlinien der Mittelverwendung, also
auch über sektorale und geografische Verteilung. Dabei wird die Türkei eng
eingebunden. Sie nimmt an den Sitzungen des Lenkungsausschusses teil. Die
Grundlage für entsprechende Entscheidungen bildet primär das sich derzeit in
Abstimmung befindende „Joint Needs Assessment“, also eine gemeinsame
Bedarfsanalyse der Türkei und der EU.
3. In welchen Regionen oder Provinzen der Türkei befinden sich nach Kenntnis
der Bundesregierung derzeit wie viele Flüchtlingslager für nichtsyrische
Flüchtlinge?
Derzeit gibt es in der Türkei 26 offizielle Flüchtlingslager, in denen türkischen
offiziellen Angaben zufolge Syrer und Iraker beherbergt werden.
Die türkische Katastrophenschutzbehörde AFAD ist nach Kenntnis der
Bundesregierung zuständig für diese Flüchtlingslager. Die AFAD koordiniert dies
gemeinsam mit anderen staatlichen türkischen Behörden und Ressorts sowie dem
Türkischen Roten Halbmond. Dabei sollen einzelfallabhängig auch
Nichtregierungsorganisationen eingebunden werden. Details, insbesondere zu den
jeweiligen Belegungszahlen sowie der Bauweise (Zelte oder Container) dieser
Flüchtlingslager, können der Internetseite der AFAD entnommen werden (
www.afad.
gov.tr/en/Index.aspx). Nach Auskunft vom UNHCR sind im AFAD-Lager Islahiye/
Gaziantep 8 195 irakische Flüchtlinge (von insgesamt 17 662) und im AFAD-
Lager in Midyat (Mardin) 1 055 weitere irakische Flüchtlinge (jesidischer
Herkunft) von insgesamt 4 087 untergebracht. Darüber hinaus gibt es im Südosten
der Türkei eine kleine Zahl kommunaler Flüchtlingslager, die ebenfalls
nichtsyrische Flüchtlinge beherbergen. Über diese Lager liegen der Bundesregierung
keine weiteren Informationen vor.
Türkischen Medienberichten zufolge sollen derzeit drei weitere Flüchtlingslager
geplant sein oder sich im Bau befinden, eines in der Provinz Kahramanmaras und
zwei in der Provinz Hatay.
a) Wie viele Personen leben jeweils nach Kenntnis der Bundesregierung seit
wie langer Zeit in diesen Camps (bitte soweit wie möglich nach
Geschlecht und Alter der dort lebenden Personen differenzieren)?
Die AFAD-Lager bestehen seit etwa Mai 2014. Die türkische Migrationsbehörde
stellt Zahlen zu Geschlecht und Alter nicht zur Verfügung beziehungsweise
sammelt diese Daten nicht für nichtsyrische Flüchtlinge. Zu den kommunalen Camps
wird auf die Antwort zu Frage 3 verwiesen.
b) Wer betreibt nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils diese Camps
(AFAD, Stadtverwaltungen, NGOs etc.)?
Die AFAD betreibt die beiden genannten Lager Islahiye und Midyat. Die
kommunalen Lager werden von den jeweiligen Stadtverwaltungen geführt.
c) Inwieweit sind diese Camps von ihrer Infrastruktur und Bauweise her für
eine langfristige oder dauerhafte Bewohnung vorgesehen (falls möglich,
bitte Bewohnungszeiträume angeben oder schätzen)?
Die AFAD-Lager sind für einen langfristigen Betrieb ausgerichtet. Zu den
kommunalen Lagern liegen der Bundesregierung keine weiteren Informationen vor.
d) Inwieweit, in welcher Höhe und für welche Aufgaben genau werden nach
Kenntnis der Bundesregierung EU-Mittel für den Aufbau, Ausbau oder
Betrieb dieser Camps verwendet?
Laut Auskunft der EU-Delegation sind bislang noch keine Mittel vorgesehen.
4. In welchen Regionen oder Provinzen der Türkei befinden sich nach Kenntnis
der Bundesregierung derzeit wie viele Flüchtlingslager für syrische
Flüchtlinge?
In den 26 staatlichen Flüchtlingslagern sind derzeit 263 383 syrische Flüchtlinge
untergebracht (Stand: 9. Mai 2016, Quelle: AFAD). Darüber hinaus gibt es eine
nicht bekannte Anzahl kommunaler Lager insbesondere im Südosten der Türkei
(Zahlen zu den dort unterkommenden syrischen Flüchtlingen sind ebenso wenig
bekannt).
Provinz Flüchtlingsunterkunft Typ Anzahl insgesamt
Hatay Altınözü 1 Zeltlager 263 Abschnitte 1.375 Syrer 18.622
Altınözü 2 Zeltlager 622 Zelte 3.094 Syrer
Yayladağı 1 Zeltlager 236 Zelte
310 Abschnitte
2.746 Syrer
Yayladağı 2 Zeltlager 510 Zelte 3.378 Syrer
Apaydın Containerstadt 1.181 Container 5.234 Syrer
Güvenççi Zeltlager 1.000 Zelte 2.795 Syrer
Gaziantep İslahiye 1 Zeltlager 1.898 Zelte 7.986 Syrer 48.081
İslahiye 2 Zeltlager 2.364 Abschnitte 9.467 Syrer
8.195 Iraker
Karkamış Zeltlager 1.686 Zelte 7.150 Syrer
Nizip 1 Zeltlager 1.858 Zelte 10.454 Syrer
Nizip 2 Containerstadt 938 Container 4.829 Syrer
Şanlıurfa Ceylanpınar Zeltlager 4.771 Zelte 21.727 Syrer 104.330
Akçakale Zeltlager 5.000 Zelte 29.752 Syrer
Harran Containerstadt 2.000 Container 13.767 Syrer
Viranşehir Zeltlager 4.100 Zelte 17.315 Syrer
Suruç Zeltlager 7.000 Zelte 21.769 Syrer
Kilis Öncüpınar Containerstadt 2.063 Container 10.078 Syrer 33.032
Elbeyli Beşiriye
Containerstadt
3.592 Container 22.954 Syrer
Mardin Mardin Zeltlager 1.300 Zelte 3.032 Syrer
1.055 Iraker
13.057
Nusaybin Zeltlager 3.270 Abschnitte 0
Derik Zeltlager 2.100 Abschnitte 8.970 Syrer
Kahramanmaraş
Zentrales Zeltlager 3.684 Zelte 18.411 Syrer 18.411
Osmaniye Cevdetiye Zeltlager 2.012 Zelte 9.275 Syrer 9.275
Adıyaman Zentrales Zeltlager 2.260 Zelte 9.611 Syrer 9.611
Adana Sarıçam Zeltlager 2.162 Zelte 10.350 Syrer 10.350
Malatya Beydağı Containerstadt 2.083 Container 7.864 Syrer 7.864
a) Wie viele Personen leben jeweils nach Kenntnis der Bundesregierung seit
wie langer Zeit in diesen Camps (bitte soweit wie möglich nach
Geschlecht und Alter der dort lebenden Personen differenzieren)?
Es wird auf die Antworten zu den Fragen 3 und 4 verwiesen. Eine weitere
Aufteilung ist von der AFAD nicht erhältlich, nur folgende Gesamtaufstellung der
syrischen Flüchtlinge nach Alter und Geschlecht mit Stand vom 5. Mai 2016:
Alter Männlich Weiblich Insgesamt
Insgesamt 1.463.038 1.285.329 2.748.367
0-4 187.838 175.358 363.196
5-9 198.514 187.613 386.127
10-14 151.451 138.657 290.108
15-19 172.495 143.392 315.887
20-24 181.330 143.415 324.745
25-29 148.559 115.815 264.375
30-34 121.336 97.078 218.414
35-39 86.922 74.266 161.188
40-44 59.999 56.615 116.614
45-49 48.385 44.555 92.941
50-54 37.740 36.483 74.223
55-59 25.500 25.634 51.134
60-64 17.715 18.268 35.983
65-69 11.514 11.871 23.385
70-74 6.251 7.203 13.454
75-79 3.841 4.588 8.429
80-84 2.067 2.612 4.679
85-89 1.121 1.285 2.406
90 + 459 620 1.079
b) Wer betreibt nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils diese Camps
(AFAD, Stadtverwaltungen, NGOs etc.)?
Nach Kenntnis der Bundesregierung betreibt die türkische
Katastrophenschutzbehörde AFAD diese Camps. Zu weiteren Camps liegen der Bundesregierung
keine Informationen vor.
c) Inwieweit sind diese Camps von ihrer Infrastruktur und Bauweise her für
eine langfristige oder dauerhafte Bewohnung vorgesehen (falls möglich,
bitte Bewohnungszeiträume angeben oder schätzen)?
Die Camps sind längerfristig angelegt. Ihre Nutzungsdauer variiert. Bezüglich der
Nutzungsdauer von weiteren Camps liegen keine Informationen vor.
d) Inwieweit, in welcher Höhe und für welche Aufgaben genau werden nach
Kenntnis der Bundesregierung EU-Mittel für den Betrieb dieser Camps
verwendet?
Laut Auskunft der EU-Delegation sind bislang noch keine Mittel vorgesehen.
5. In welchen Regionen oder Provinzen der Türkei sollen nach Kenntnis der
Bundesregierung weitere Lager für nichtsyrische Flüchtlinge erbaut werden?
Bislang sind nach Angaben des UNHCR keine weiteren Lager vorgesehen.
a) Wie viele Personen sollen nach Kenntnis der Bundesregierung in den
geplanten oder derzeit erbauten Camps unterkommen, und für welchen
voraussichtlichen Zeitraum?
Die Unterbringung der Flüchtlinge erfolgt in bereits bestehenden Einrichtungen.
Weitere Erkenntnisse liegen der Bundesregierung hierzu nicht vor.
b) Wer betreibt nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils diese Camps
(AFAD, Stadtverwaltungen, NGOs etc.)?
Nach Kenntnis der Bundesregierung betreibt die türkische
Katastrophenschutzbehörde AFAD diese Camps. Zu weiteren Camps liegen keine Informationen vor.
c) Inwieweit, in welcher Höhe und für welche Aufgaben genau werden nach
Kenntnis der Bundesregierung EU-Mittel für den Bau und Betrieb dieser
Camps verwendet?
Bislang sind nach Kenntnis der Bundesregierung keine EU-Mittel für den Bau
und Betrieb dieser Camps vorgesehen.
6. In welchen Regionen oder Provinzen der Türkei sollen nach Kenntnis der
Bundesregierung weitere Lager für syrische Flüchtlinge erbaut werden?
In Kahramanmaras soll ein bestehendes AFAD-Lager verlegt werden.
Bestehende Lager sollen ausgebaut und Zelte durch zweigeschossige Container ersetzt
werden.
a) Wie viele Personen sollen nach Kenntnis der Bundesregierung in den
geplanten oder derzeit erbauten Camps unterkommen, und für welchen
voraussichtlichen Zeitraum?
Türkischen Angaben zufolge ist dies abhängig von der weiteren Entwicklung der
Flüchtlingszahlen.
b) Wer betreibt nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils diese Camps
(AFAD, Stadtverwaltungen, NGOs etc.)?
Nach Kenntnis der Bundesregierung betreibt die türkische
Katastrophenschutzbehörde AFAD diese Camps.
c) Inwieweit, in welcher Höhe und für welche Aufgaben genau werden nach
Kenntnis der Bundesregierung EU-Mittel für den Bau und Betrieb dieser
Camps verwendet?
Hierzu steht die Europäische Kommission in Kontakt mit der türkischen
Regierung.
7. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über eine gezielte oder
mutmaßliche Ansiedlungspolitik von syrischen sunnitisch-arabischen
Flüchtlingen in mehrheitlich von Kurdinnen und Kurden oder der alevitischen
Glaubensgemeinschaft besiedelten Gebieten?
Syrische Flüchtlinge sind, wenn sie nicht in Flüchtlingslagern untergebracht sind,
grundsätzlich in ihrer Entscheidung frei, wo sie sich ansiedeln wollen. In ihrer
gewählten Provinz unterliegen sie der Residenzpflicht.
a) Inwieweit hat die Bundesregierung Kenntnis von Protesten der
Oppositionsparteien sowie Angehöriger der kurdischen und alevitischen
Bevölkerungsgruppe gegen den Neubau von Flüchtlingscamps?
In Kahramanmaras sind örtliche Proteste der überwiegend alevitischen
Bevölkerung gegen Umsiedelungspläne eines Flüchtlingslagers bekannt, das auf Boden
gebaut wurde, für den die Eigentümer jetzt Nutzungsrechte geltend machen. Die
Regierung behält sich vor, örtlich Höchstgrenzen vorzusehen, um Überlastungen
und soziale Ausgrenzung einzugrenzen.
Darüber hinaus sind der Bundesregierung Berichte türkischer Medien bekannt, in
denen der türkischen Regierung unterstellt wird, durch die Ansiedlung von
Flüchtlingscamps mit einer mehrheitlich sunnitischen Bevölkerung in
mehrheitlich von Kurden oder Aleviten besiedelten Gebieten Einfluss auf die örtlichen
demographischen Verhältnisse nehmen zu wollen.
b) Inwieweit sieht die Bundesregierung die Gefahr von Spannungen oder
Konflikten zwischen verschiedenen Bevölkerungs- und Religionsgruppen
in der Türkei, aufgrund der Ansiedlung von syrischen Flüchtlingen in
Regionen, die von ethnischen oder religiösen Minderheiten bewohnt
werden?
Die türkische Bevölkerung zeigt sich auch im sechsten Jahr der Flüchtlingskrise
ganz überwiegend tolerant gegenüber syrischen Flüchtlingen. Auslöser für die
vergleichsweise wenigen lokalen Konflikte sind meist Mietstreitigkeiten und
ähnliche Vorfälle.
Vereinzelte Proteste von ethnischen oder religiösen Minderheiten gegen den Bau
von Flüchtlingslagern in den von ihnen bewohnten Gegenden deuten aber darauf
hin, dass es ein gewisses Spannungspotential gibt, wenn die türkische Regierung
bei der Verteilung von Flüchtlingen im Land nicht den örtlichen demografischen
Verhältnissen Rechnung trägt.
c) Welche Möglichkeit hat die Bundesregierung – und nach ihrer Kenntnis
die EU –, im Rahmen des Flüchtlingsabkommens mit der Türkei auf den
Bau und die regionale Verteilung von Flüchtlingslagern in der Türkei
Einfluss zu nehmen?
Die EU und die Bundesregierung haben grundsätzlich keine Möglichkeit, auf die
regionale Verteilung der Flüchtlingslager innerhalb der Türkei Einfluss
auszuüben.
8. Inwieweit hat die Bundesregierung Kenntnis über eine nach der ethnischen
oder Religionszugehörigkeit (Araber, Kurden, Turkmenen etc./Sunniten,
Alawiten, Christen) der syrischen Flüchtlinge differenzierten Aufnahme-
und Betreuungspolitik durch die türkische Regierung bzw. eine
Ungleichbehandlung der verschiedenen Flüchtlingsgruppen?
Hierzu liegen der Bundesregierung keine über die Medienberichterstattung
hinausgehenden Erkenntnisse vor.
9. Welche Kenntnis hat die Bundesregierung über die Pläne der türkischen
Regierung, syrischen Flüchtlingen die türkische Staatsbürgerschaft anzubieten?
Dies ist nach Auskunft der türkischen Behörden bislang nicht vorgesehen.
a) Wie viele in der Türkei lebende syrische Flüchtlinge wurden nach
Kenntnis der Bundesregierung bereits eingebürgert?
Der Bundesregierung sind lediglich vereinzelte Einbürgerungen syrischer
Flüchtlinge aufgrund von Einzelentscheidungen bekannt.
b) Wie viele und welche syrischen Flüchtlinge sollen nach Kenntnis der
Bundesregierung nach welcher Aufenthaltsdauer und welchen sonstigen
Kriterien in der Türkei eingebürgert werden oder ihnen die Einbürgerung
in Aussicht gestellt werden?
Bislang gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung keine Pläne, syrische
Flüchtlinge einzubürgern. Der Aufenthaltstitel („Temporary protection“) ermöglicht es
syrischen Flüchtlingen, auch nach fünfjährigem Aufenthalt in der Türkei bislang
nicht eingebürgert zu werden.
10. Von welchen Protesten der örtlichen Bevölkerung gegen die Aufnahme und
Unterbringung von Flüchtlingen in der Türkei während der letzten fünf Jahre
hat die Bundesregierung Kenntnis (bitte Datum, Ort, Teilnehmerzahl, Anlass
angeben)?
Nach Kenntnis der Bundesregierung hat es vereinzelte Proteste der örtlichen
Bevölkerung gegen die Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen in der
Türkei gegeben. Datum, Ort, Teilnehmerzahl und Anlass sind der Bundesregierung
nicht im Einzelnen bekannt.
a) Was war nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils die Motivation
solcher Proteste?
Der Bundesregierung sind nur Einzelfälle solcher Proteste bekannt, in den
wenigen bekannten Fällen waren diese überwiegend durch das Mietniveau oder
Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt motiviert.
b) Wie reagierten nach Kenntnis der Bundesregierung die örtlichen
Behörden bzw. die türkische Regierung auf solche Proteste?
Die Reaktion der türkischen Regierung auf Proteste erfolgte in der Regel mit
polizeilichen Maßnahmen zur Eindämmung der Proteste.
c) Inwieweit kann die Bundesregierung eine Zunahme von Protesten gegen
die Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen in der Türkei seit
Abschluss des EU-Türkei-Abkommens erkennen?
Nach Angaben des UNHCR ist keine Zunahme erkennbar; lediglich in Izmir gab
es anfangs vereinzelte Proteste gegen die Aufnahme und Unterbringung von
Flüchtlingen.
11. Welche Haltung zum EU-Türkei-Flüchtlingsabkommen und generell zur
Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen in der Türkei nehmen nach
Kenntnis der Bundesregierung die Oppositionsparteien CHP, HDP und MHP
ein?
Nach Kenntnis der Bundesregierung stehen die türkischen Oppositionsparteien
dem EU-Türkei-Abkommen negativ gegenüber. Die türkischen
Oppositionsparteien CHP und MHP bewerten die Flüchtlingspolitik der türkischen Regierung
insgesamt kritisch bis negativ und wünschten sich weniger Flüchtlinge im Land.
12. Von welchen gewalttätigen Übergriffen auf Flüchtlinge in der Türkei
während der letzten fünf Jahre hat die Bundesregierung Kenntnis (bitte Datum,
Ort, Anlass und mögliche Opfer und deren ethnische und religiöse Identität
angeben)?
a) Von wem – Bevölkerung, rechtsextreme Gruppierungen etc. – gingen
diese Übergriffe nach Kenntnis der Bundesregierung aus?
b) Wie reagierten nach Kenntnis der Bundesregierung die örtlichen
Behörden bzw. die türkische Regierung auf solche Übergriffe?
c) Inwieweit kann die Bundesregierung einen Anstieg von Gewalttaten
gegen Flüchtlinge seit Abschluss des EU-Türkei-Flüchtlingsabkommens
erkennen?
Die Fragen 12 bis 12 c werden zusammengefasst beantwortet.
Der Bundesregierung liegen hierzu keine Erkenntnisse vor.
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ISSN 0722-8333]