[Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend vom 6. Juni 2016 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Deutscher Bundestag Drucksache 18/8713
18. Wahlperiode 08.06.2016
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Norbert Müller (Potsdam),
Sigrid Hupach, Frank Tempel, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE.
– Drucksache 18/8534 –
Umsetzung der Empfehlungen des „Runden Tisches Sexueller Kindermissbrauch“
zur Entschädigung der Opfer sexuellen Missbrauchs im familiären und
institutionellen Bereich
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Unter dem Namen Runder Tisch Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits-
und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im
familiären Bereich (RTKM) tagte 2010 und 2011 eine von der Bundesregierung
initiierte Arbeitsgruppe. Sie sollte Möglichkeiten der Aufarbeitung,
Verhaltensregeln und Lösungen im Umgang mit Kindesmissbrauch entwickeln.
Hintergrund der Einrichtung des RTKM waren zahlreiche Fälle sexuellen Missbrauchs
im Bereich der römisch-katholischen Kirche und in Internaten wie der
Odenwaldschule.
Der RTKM legte im November 2011 seinen Abschlussbericht vor. Der
Abschlussbericht empfiehlt neben der Einrichtung eines Hilfesystems die Stärkung
der Rechte Betroffener im Sozialrecht. Dazu hat er mehrere konkrete
Empfehlungen ausgesprochen (siehe Abschlussbericht Runder Tisch Sexueller
Kindesmissbrauch S. 29 ff. und 70 ff.).
Auf die Ergebnisse des RTKM wurde auch im Koalitionsvertrag zwischen
CDU, CSU und SPD der 18. Legislaturperiode Bezug genommen und Vorhaben
verabredet. Im Koalitionsvertrag heißt es unter der Überschrift „(Sexuelle)
Gewalt gegen Kinder, Regelsysteme, Zukunft“ unter anderem, „wir werden die
Umsetzung des Abschlussberichts ,Sexueller Kindesmissbrauch in
Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und
im familiären Bereich‘ in dieser Legislaturperiode weiter voranbringen. Die
Hilfen für die Betroffenen müssen verstärkt durch die Regelsysteme erfolgen. […]
Der bestehende Hilfefonds für Betroffene aus dem familiären Bereich wird
gemeinsam mit den Kirchen, Ländern, Verbänden und Institutionen im Rahmen
ihrer Verantwortung zu einem Fonds für Betroffene aus dem familiären und
institutionellen Bereich weiterentwickelt. Dazu wird eine Arbeitsgruppe
eingerichtet, die bis Mitte des Jahres 2014 für das bestehende, erweiterte Hilfesystem
einen Umsetzungsvorschlag vorlegen soll“ (Koalitionsvertrag, S. 70 f.).
Als Brücke bis zur Reform der Regelsysteme und zur Novellierung des
Opferentschädigungsgesetzes (OEG) sollte ein ergänzendes Hilfesystem durch Bund,
Länder, Kommunen und Institutionen eingerichtet werden. Dabei sollte ein
unbürokratisches und schnelles Verfahren sichergestellt werden, um den
Betroffenen zügig Hilfe und Unterstützung zukommen zu lassen. Unterschieden wurde
dabei zwischen einem Hilfefonds für Opfer im familiären Bereich und einem
Hilfefonds für Opfer aus dem institutionellen Bereich. Die Finanzierung der
Fonds sollte sich dementsprechend auch aus unterschiedlichen Quellen speisen.
Am 30. November 2011 haben die damaligen Bundesministerinnen für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Kristina Schröder, der Justiz, Sabine Leutheuser-
Schnarrenberger, und für Bildung und Forschung, Dr. Annette Schavan, die
Einrichtung eines auf 100 Mio. Euro dotierten Fonds für Betroffene aus dem
familiären Bereich versprochen. Zum 1. Mai 2013 wurde der Fonds Sexueller
Missbrauch (FSM) im familiären Bereich eingerichtet. Doch bis heute ist ein
Einvernehmen zwischen Bund und Ländern zum FSM im familiären Bereich nicht
zustande gekommen, da insbesondere die Bereitschaft der Länder für die
Einzahlung in den Fonds gering ist. Nach Kenntnis der Fragestellerinnen und
Fragesteller haben lediglich der Bund sowie die Länder Mecklenburg-Vorpommern
und Bayern in den Fonds eingezahlt. Derzeit fehlen mindestens noch 42 Mio.
Euro. Die Antragsfrist für Betroffene sollte ursprünglich am 30. April 2016
ablaufen, wurde jedoch am 15. März 2016 ausgesetzt, ohne ein neues Fristende zu
benennen.
Für den institutionellen Bereich fordert der Koalitionsvertrag eine
Weiterentwicklung sowie die Einrichtung einer Arbeitsgruppe, die bis Mitte 2014 für das
bestehende erweiterte Hilfesystem einen Umsetzungsvorschlag vorlegen sollte.
Dies ist nach Kenntnis der Fragestellerinnen und Fragesteller bis heute nicht
erfolgt. Erste Vereinbarungen mit Institutionen zur Errichtung eines Fonds für
Opfer sexuellen Missbrauchs in Einrichtungen wurden am 6. Dezember 2013
geschlossen. In diesem Fonds können zunächst Fälle bearbeitet werden, die
sexuellen Missbrauch in bestimmten Einrichtungen der evangelischen und der
katholischen Kirche erlitten haben. Nach derzeitigem Stand können Anträge für
den institutionellen Bereich nur bis zum 31. August 2016 gestellt werden,
obwohl derzeit noch nicht einmal alle Länder entsprechende Vereinbarungen
abgeschlossen haben, noch nicht alle Länder ihre Verantwortung als Träger
staatlicher Institutionen wahrnehmen und sich noch immer nicht alle freien Träger
von Institutionen ihrer Verantwortung stellen. Darüber hinaus stellt sich die
Frage, wer für das auf dem Gebiet der ehemaligen DDR begangene Unrecht die
Verantwortung übernimmt. Nach Kenntnis der Fragestellerinnen und
Fragesteller übernimmt nach derzeitigem Stand nur das Land Berlin die Verantwortung
für Taten vor 1990 auf dem Gebiet der ehemaligen DDR.
Um das Verfahren für Betroffene zu erleichtern, wird ein einheitliches
Antragsformular genutzt, die Geschäftsstelle des „Fonds Sexueller Missbrauch im
familiären Bereich“ übernimmt die Entgegennahme sämtlicher Anträge. Die
Entgegennahme der Anträge hat derzeit aber nicht automatisch eine Bearbeitung
und Entschädigung zur Folge, da noch immer nicht alle verantwortlichen
Institutionen Vereinbarungen über einen Beitritt in die Hilfefonds unterzeichnet haben
(vgl. hierzu
www.fonds-missbrauch.de/kurzinfo-fonds-sexueller-missbrauch/).
Vor diesem Hintergrund kommen die Fragestellerinnen und Fragesteller zu dem
Schluss, dass das Ziel schneller unbürokratischer Hilfen für die Betroffenen bis
heute nicht erreicht worden ist. Zudem stellen sich zahlreiche Fragen zur
Reform des OEG sowie der Überführung der Hilfesysteme zu sexuellem
Missbrauch in das OEG.
1. Wie verläuft die Umsetzung des FSM im familiären Bereich, und welche
weiteren Vorhaben plant die Bundesregierung, um die Umsetzung des FSM
im familiären Bereich gemäß den definierten Zielen sicherzustellen?
a) Welche Bundesländer haben in den FSM eingezahlt bzw. ihren Anteil voll
und ganz erbracht?
Die Länder Mecklenburg-Vorpommern (1,03 Mio. Euro) und Bayern (7,61 Mio.
Euro) haben in den FSM eingezahlt und ihren Anteil gemäß Königsteiner
Schlüssel von 2012 erbracht (Basis 50 Mio. Euro).
b) Was hat die Bundesregierung unternommen, um die säumigen
Bundesländer zur Zahlung ihres Beitrags in den FSM zu bewegen?
Was wird die Bundesregierung unternehmen, um sicherzustellen, dass die
säumigen Bundesländer ihren Verpflichtungen nachkommen?
Die Bundesregierung hat seit Vorliegen der Empfehlungen des Runden Tisches
„Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits-und Machverhältnissen in
privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich (RTKM)“ die
Länder mehrfach schriftlich und in Gesprächen sowohl auf der Fach- als auch der
politischen Ebene aufgefordert, sich an einer gemeinsamen Lösung für Betroffene
sexuellen Missbrauchs zu beteiligen.
Die Bundesländer haben seit Beginn der Verhandlungen am RTKM bekräftigt,
dass sie eine Beteiligung an einem ergänzenden Hilfesystem für Betroffene
sexuellen Missbrauchs im familiären Bereich ablehnen und stattdessen eine
Verbesserung der Regelsysteme fordern. 14 Länder sind bei ihrer Ablehnung geblieben.
Eine rechtliche Verpflichtung zur Beteiligung besteht nicht.
c) Wie viele Anträge auf Hilfen aus dem FSM liegen derzeit vor?
Wie viele davon sind bearbeitet und abgeschlossen (bitte absolut und
relativ)?
Es liegen 4 578 Anträge mit familiärem Bezug vor (Stichtag 31. März 2016), die
sich in unterschiedlichen Bearbeitungsständen befinden. Bislang gelten 66
Anträge als komplett abgeschlossen. Hier haben die Antragstellerinnen und
Antragsteller die Gesamtsumme für Leistungen in Höhe von 10 000 Euro in Anspruch
genommen, um damit z. B. Therapien finanzieren zu können.
d) Wie viele der bearbeiteten und abgeschlossenen Anträge wurden positiv
beschieden, wie viele wurden teilweise positiv beschieden, und wie viele
wurden abgelehnt (bitte absolut und relativ)?
Anträge können nicht nur einmalig für eine Leistungsart, sondern mehrmalig auf
eine bzw. mehrere Leistungen gestellt werden. 1 659 Anträge wurden erstmals
beschieden (Stand: 31. März 2016). 89 Prozent (1 477) der Anträge wurden in Teilen
oder in vollem Umfang positiv beschieden und 11 Prozent (182) negativ. Bei
negativ beschiedenen Anträgen können neue Tatsachen vorgetragen oder Folgeanträge
für neue Leistungen bis zu einer Höhe von 10 000 Euro bzw. 15 000 Euro (bei
behinderungsbedingtem Mehrbedarf) gestellt werden.
e) Wie lange ist die derzeitige tatsächliche Bearbeitungsdauer von Anträgen
beim FSM (bitte detailliert aufschlüsseln sowie die durchschnittliche
Bearbeitungsdauer angeben)?
Die derzeitige Bearbeitungsdauer beträgt ca. 13 Monate vom Antragseingang bis
zur Leistungsentscheidung. Eine weitere Aufschlüsselung ist nicht möglich.
f) Welche Ursachen liegen einer überdurchschnittlichen Bearbeitungsdauer
zu Grunde?
Wie beurteilt die Bundesregierung die Dauer der Verfahren, und welche
konkreten Schritte werden unternommen werden, um die
Bearbeitungsdauer zu verkürzen?
Die Ausgestaltung des eng mit der Betroffenenvertretung erarbeiteten und
abgestimmten Hilfesystems beruht von der Antragstellung bis zur Bewilligung und
Auszahlung auf den Empfehlungen des RTKM. Die Eckpfeiler des Hilfesystems
wurden gemeinsam mit der Betroffenenvertretung und im Einvernehmen mit dem
Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM)
festgelegt. Das Verfahren wird anonymisiert durchgeführt und die Gewährung
von Hilfen durch unabhängige ehrenamtliche Expertengremien (Clearingstelle),
in denen auch Betroffene mitarbeiten, geprüft.
Die Sach- und Fachkompetenz zur Entscheidung über die beantragten Leistungen
liegt ausschließlich bei der Clearingstelle.
Zudem muss berücksichtigt werden, dass das EHS ein niedrigschwelliges System
ist, d. h. es wird keine strenge Beweis- und Darlegungslast als Voraussetzung für
die Gewährung von Hilfen zu Grunde gelegt. Die sachgerechte Gewährung von
Hilfeleistungen beruht allein auf einer Plausibilitätsprüfung zum Missbrauch,
Folgeschaden und Hilfeleistungen durch die Expertengremien.
Selbstverständlich wird jede denkbare Möglichkeit zur Verfahrensoptimierung
vorgenommen. Dieser sind jedoch auch Grenzen gesetzt, da eine effektivere
Administration nicht zu weniger Sensibilität im Verwaltungshandeln führen darf.
Zur Steigerung der Effizienz und besseren Bewältigung des Antragsaufkommens
ist es gelungen, erst kürzlich den Personalbestand in der Geschäftsstelle sowie die
Anzahl der ehrenamtlich arbeitenden Clearingstellen – von ursprünglich zwei auf
mittlerweile acht Gremien – zu erhöhen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die
Zahl der für einen Ausbau der Clearingstelle zur Verfügung stehenden
ehrenamtlichen Kräfte begrenzt ist.
Das Verfahren an sich genießt gerade aufgrund seiner betroffenengerechten
Ausgestaltung ein hohes Maß an Zustimmung und Akzeptanz. Allerdings werden
auch die Schwierigkeiten, die die Länge der Bearbeitungsdauer mit sich bringt,
gesehen. Konsequent wird alles daran gesetzt, das bestehende System
kontinuierlich nach zu justieren und weiterzuentwickeln.
g) Sind die im Fonds vorgesehenen Mittel ausreichend, um alle Betroffenen
gemäß den definierten Zielen zu entschädigen?
Eine definitive Aussage kann erst dann getroffen werden, wenn alle Anträge
abschließend bearbeitet wurden.
h) Plant die Bundesregierung, ein Antragsende beim FSM festzusetzen?
Hierzu kann noch keine Aussage getroffen werden. Ziel ist, den Betroffenen im
Rahmen der Regelsysteme entsprechende Hilfe und Unterstützung gewähren zu
können.
Wie soll ein Anschluss an die Reform des OEG gewährleistet werden?
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und das
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) befinden sich in
Beratungen darüber, wie die wertvollen Erfahrungen aus dem Ergänzenden
Hilfesystem, welche Hilfen Betroffene sexuellen Kindesmissbrauchs grundlegend
benötigen, in die Reformierung des Opferentschädigungsrechts Einzug halten.
i) Plant die Bundesregierung, den FSM in ein dauerhaftes System zu
überführen, falls die Reform des OEG keine Besserung für Betroffene
sexuellen Kindesmissbrauchs beinhaltet?
Eine Antwort darauf wäre spekulativ.
2. Wie verläuft die Umsetzung des FSM im institutionellen Bereich (so
genanntes Ergänzendes Hilfesystem – EHS), und welche weiteren Vorhaben plant
die Bundesregierung, um die Umsetzung des FSM im institutionellen
Bereich gemäß den definierten Zielen sicherzustellen?
a) Was hat die Bundesregierung unternommen, um Betroffene aus dem
institutionellen Bereich an EHS teilhaben zu lassen?
Die Fragen 2 und 2a werden gemeinsam beantwortet.
Betroffene, die sexuellen Missbrauch in Institutionen erleiden mussten, können
seit Beginn (1. Mai 2013) Anträge an das Ergänzende Hilfesystem (EHS) richten.
Mit einer Reihe von nichtstaatlichen Institutionen und Ländern wurden seither
Vereinbarungen zur Beteiligung am EHS geschlossen. Organisationsstrukturen
des FSM werden auch für die Bearbeitung institutioneller Anträge zur Verfügung
gestellt. Die sich am EHS beteiligenden Länder und nichtstaatlichen Institutionen
entscheiden auf Basis der Clearingstellen-Empfehlung eigenständig und teilen
diese Entscheidung den Antragstellerinnen und Antragstellern mit. Die
Verantwortung für die Finanzierung liegt ebenfalls bei den nichtstaatlichen Institutionen
bzw. Ländern.
b) Welche Institutionen sind dem EHS beigetreten (bitte detailliert
ausführen)?
Nicht-staatliche Institutionen:
Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), Deutsche Bischofskonferenz
(DBK),
Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK),
Deutscher Caritasverband e. V. (DCV),
Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB),
Deutsches Rotes Kreuz (DRK), Deutscher Kinderschutzbund (DKSB),
Arbeiterwohlfahrt (AWO).
Länder: Freie und Hansestadt Hamburg, die Freistaaten Bayern, Sachsen und
Thüringen, die Länder Berlin, Baden-Württemberg, Brandenburg, Rheinland Pfalz,
Niedersachsen, Saarland und Schleswig-Holstein.
c) Wird mit den beigetretenen Institutionen der Bereich der Institutionen
umfassend abgedeckt, so dass alle Betroffenen entschädigt werden
können, und wenn nein, aus welchen Institutionen werden Betroffene nicht
entschädigt werden können (bitte detailliert ausführen)?
Mit den bisher o. g. Vereinbarungspartnern können die eingegangenen Anträge,
die den institutionellen Bereich betreffen, weitgehend abgedeckt werden. Für
Einzelfälle, in denen z. B. die Institutionen nicht mehr existieren, werden Lösungen
gesucht.
d) Wie viele Anträge liegen derzeit vor?
Wie viele davon sind bearbeitet und abgeschlossen (bitte absolut und
relativ)?
e) Wie viele der bearbeiteten und abgeschlossenen Anträge wurden positiv
beschieden, wie viele wurden teilweise positiv beschieden, und wie viele
wurden abgelehnt (bitte absolut und relativ)?
Die Fragen 2d und 2e werden gemeinsam beantwortet.
Derzeit liegen 245 Anträge vor (Stichtag 31. März 2016), die sich alle in
unterschiedlichen Bearbeitungsständen befinden. Zehn Antragsverfahren konnten
bisher abgeschlossen werden. In vier Fällen hat die jeweilige Institution
Arbeitgeberverantwortung übernommen, sechs Anträge wurden abgelehnt.
f) Wie lang ist die derzeitige tatsächliche Bearbeitungsdauer von Anträgen
beim EHS (bitte detailliert aufschlüsseln sowie die durchschnittliche
Bearbeitungsdauer angeben)?
g) Welche Ursachen liegen einer überdurchschnittlichen Bearbeitungsdauer
zu Grunde?
Wie beurteilt die Bundesregierung die Dauer der Verfahren, und welche
konkreten Schritte werden unternommen werden, um die
Bearbeitungsdauer zu verkürzen?
Die Fragen 2f und 2g werden gemeinsam beantwortet.
Eine konkrete und valide Angabe zur Bearbeitungsdauer der Anträge im
institutionellen Bereich ist nicht möglich. Diese Anträge können – wie auch im
familiären Bereich – bereits seit 1. Mai 2013 gestellt werden.
Eine Bearbeitung wird jedoch erst mit dem Abschluss einer Vereinbarung mit der
zuständigen Institution möglich. Die erste Vereinbarung (EKD) wurde Anfang
Dezember 2013 geschlossen, seither sind nach und nach Vereinbarungspartner
hinzugekommen. Das Antragsverfahren im institutionellen Bereich ist aufgrund
der Notwendigkeit der Einbindung der Institutionen sowie der Berücksichtigung
besonderer datenschutzrechtlicher Aspekte zum Schutz der Antragsteller und
Antragstellerinnen im Verwaltungsverfahren aufwändiger als die Bearbeitung im
familiären Bereich. Dieser Prozess der Antragsbearbeitung wurde gemeinsam mit
den institutionellen Vereinbarungspartnern, der Betroffenenvertretung und dem
UBSKM entwickelt und in den geschlossenen Vereinbarungen abgebildet.
h) Sind die im Fonds vorgesehenen Mittel ausreichend, um alle Betroffenen
gemäß den definierten Zielen zu entschädigen?
Die Fondsmittel sind nicht für Leistungen des institutionellen Bereichs
vorgesehen. Hier stehen die Institutionen selbst in der Verantwortung.
i) Wurde die im Koalitionsvertrag geforderte Arbeitsgruppe eingerichtet
(wenn ja, wird um Übersendung des Umsetzungsvorschlags gebeten)?
Die im Koalitionsvertrag geforderte Arbeitsgruppe wurde zwischen Bund und
Ländern unter Einbindung der Betroffenenvertretung des FSM und UBSKM Mitte
2014 eingerichtet. In der Folge konnten eine Reihe von Vereinbarungen mit
verschiedenen Ländern und nichtstaatlichen Institutionen (s. Antwort zu Frage 2b)
abgeschlossen werden.
j) Plant die Bundesregierung die Antragsfrist für Anträge an das EHS, die
zum 31. August 2016 ausläuft, obwohl derzeit noch nicht einmal alle
Länder in ihrer Verantwortung als Arbeitgeber in staatlichen Institutionen
(Arbeitgeberverantwortung) entsprechende Vereinbarungen
abgeschlossen haben, zu verlängern bzw. zu entfristen?
Wenn nein, warum nicht, und mit welchen Gründen wird diese
Ungleichbehandlung gegenüber dem FSM gerechtfertigt?
Es ist derzeit nicht geplant, die zum 31. August 2016 ablaufende Frist zu
verlängern. Eine Verlängerung dieser Frist wäre nur im Einverständnis mit den
beteiligten Institutionen möglich.
k) Was unternimmt die Bundesregierung, um Betroffene sexuellen
Missbrauchs in Institutionen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR an
Leistungen aus dem EHS teilhaben zu lassen?
Welche Maßnahmen sind geplant, um diese Betroffenen nicht schlechter
zu stellen?
l) Welche Bundesländer neben Berlin auf dem Gebiet der ehemaligen DDR
haben Verantwortung für Taten vor 1990 übernommen und sich am EHS
beteiligt?
Mit welchen Argumenten lehnen die anderen Bundesländer ihre
Verantwortung ab?
Die Fragen 2k und 2l werden gemeinsam beantwortet.
Hilfeleistungen für diese Betroffenen stehen auf der Grundlage einer gesonderten
Vereinbarung zwischen Bund und dem jeweiligen Land zur Verfügung.
Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen waren neben Berlin an den Verhandlungen
für die gesonderte „DDR-Lösung“ beteiligt. In den beiden Bundesländern laufen
dazu noch Abstimmungsprozesse. Weitere Bundesländer lehnen eine
Verantwortungsübernahme ab und begründen dies mit der fehlenden Rechtsnachfolge.
3. Wie ist der Stand zur Reform des OEG?
Wann wird nach derzeitigem Stand der Planungen ein Referentenentwurf
vorliegen?
Der Koalitionsvertrag (S. 74) enthält den Auftrag: „Wir wollen das Recht der
Sozialen Entschädigung und der Opferentschädigung in einem zeitgemäßen
Regelwerk zukunftsfest neu ordnen. Hierbei wollen wir veränderten gesellschaftlichen
Entwicklungen und Erkenntnissen auch im Bereich psychischer Gewalt
Rechnung tragen. Opfer von Gewalttaten sollen schnellen und unbürokratischen
Zugang zu Sofortmaßnahmen (z. B. Traumaambulanzen) erhalten und professionell
begleitet werden. Ein transparenter und spezifischer Leistungskatalog soll zu
einer verbesserten Teilhabe beitragen. Mit der Gesetzesreform gehen keine
Leistungsverschlechterungen einher.“ Zur Umsetzung dieses Auftrags erarbeitet das
BMAS derzeit einen entsprechenden Gesetzentwurf, der noch innerhalb der
Bundesregierung abgestimmt werden muss. Das entsprechende parlamentarische
Gesetzgebungsverfahren soll noch in diesem Jahr begonnen werden.
4. Inwieweit ist mit der Reform des OEG eine Verbesserung der Hilfen für
Betroffene sexueller Gewalt vorgesehen?
Welche konkreten Verbesserungen sind geplant (bitte jeweils detailliert
ausführen)?
Bei der umfassenden Reform der Sozialen Entschädigung (s. Antwort zu Frage 3)
sollen wichtige Erkenntnisse der letzten Jahre zum sexuellen Missbrauch,
insbesondere aus den Beratungen des Runden Tisches „Sexueller Kindesmissbrauch“,
aber auch aus den vom BMAS veranstalteten Werkstattgesprächen zum OEG
berücksichtigt werden. Anliegen sind hierbei der niedrigschwellige Zugang zu
schnellen Hilfen wie professionelle Opferbegleitung und Traumaambulanzen
sowie die Ausgestaltung von Entschädigungsleistungen als Einmalzahlungen, um
dauerhafte Viktimisierungen zu begrenzen. Wie die Verbesserungen im
Einzelnen aussehen könnten, lässt sich derzeit noch nicht benennen, da die
entsprechende Abstimmung innerhalb der Bundesregierung noch nicht abgeschlossen
ist.
5. Inwieweit werden bei der Reform des OEG die konkreten
Verbesserungsvorschläge und Handlungsempfehlungen des Abschlussberichts des RTKM
(S. 29 und 70 ff.) aufgegriffen (bitte jeweils detailliert ausführen)?
a) Plant die Bundesregierung, dass Entscheidungen nach dem OEG nur noch
von wenigen spezialisierten Behörden und Gerichten getroffen werden?
b) Plant die Bundesregierung, dass in größerem Umfang vorläufige
Leistungen bewilligt werden, und wenn nein, warum nicht?
c) Plant die Bundesregierung, dass die Verfahrensdauer in
Versorgungsbehörden verkürzt wird, indem grundsätzlich nicht mehr auf den Ausgang
des Strafverfahrens gewartet wird, und wenn nein, warum nicht?
d) Plant die Bundesregierung, dass die Kompetenz der eingesetzten
Gutachterinnen und Gutachter besser garantiert wird, und wenn ja, wie soll das
gewährleistet werden?
e) Plant die Bundesregierung, die Verfahren für Opfer von sexuellem
Missbrauch schonender zu gestalten hinsichtlich der Antragstellung und der
Sensibilisierung der Bearbeiterinnen und Bearbeiter, und wenn ja, wie,
und wenn nein, warum nicht?
Ist die Erstellung eines eigenen Antragsformulars für Betroffene
sexuellen Kindesmissbrauchs geplant, und wenn nein, warum nicht?
f) Plant die Bundesregierung die Einrichtung einer „Lotsenstruktur“ mit der
Funktion einer zentralen Anlaufstelle, in der über die verschiedenen
Systeme des Sozialrechts und nicht nur des sozialen Entschädigungsrechts
Auskunft gegeben wird, und wenn nein, warum nicht?
g) Plant die Bundesregierung die bundesweite Einführung eines
„unrechtsanerkennenden Versagungsbescheids“?
6. Welche weiteren Eckpunkte wird die Bundesregierung bei der Reform des
OEG berücksichtigen (bitte detailliert ausführen)?
7. Wird die Bundesregierung bei der Reform des OEG die folgenden Aspekte
beachten?
a) Plant die Bundesregierung, eine umfassende von den Leistungsträgern
unabhängige und der Schweigepflicht unterliegende, kostenlose
Rechtsberatung über das OEG und weitere Hilfen für Betroffene einzuführen?
Wenn ja, wie will die Bundesregierung das gewährleisten?
Wenn nein, warum nicht?
b) Plant die Bundesregierung, für alle staatlichen Stellen eine
Informationspflicht über das OEG einzuführen, und wenn nein, warum nicht?
c) Wird die Härtefallregelung nach § 10a OEG wegfallen und das OEG in
der neuen Fassung vollumfänglich für alle Betroffenen Geltung erhalten,
auch für diejenigen, die in Westdeutschland vor Mai 1976
beziehungsweise in Ostdeutschland vor Oktober 1990 Opfer von sexuellem
Kindesmissbrauch geworden sind, und wenn nein, warum nicht?
d) Plant die Bundesregierung, gesetzlich zu regeln, unter welchen leicht
feststellbaren äußeren Umständen ein vorsätzlicher rechtswidriger tätlicher
Angriff angenommen werden muss, und wenn nein, warum nicht?
e) Plant die Bundesregierung, gesetzlich zu regeln, dass bei bestimmten
festgestellten, typischen psychischen oder physischen Gesundheitsschäden
die Kausalität vermutet wird, und wenn nein, warum nicht?
f) Plant die Bundesregierung, Hilfen schneller zu gewähren und den
(medizinischen) Rehabilitationsgedanken in den Vordergrund zu stellen?
Wenn ja, wie will sie das gewährleisten?
Wenn nein, warum nicht?
g) Plant die Bundesregierung die Einführung von Case-Managern, und wenn
ja, welche Aufgaben sollen sie erfüllen?
Die Fragen 5, 6 und 7 werden gemeinsam beantwortet.
Aussagen zu Planungen der Bundesregierung zur Reform der Sozialen
Entschädigung können derzeit noch nicht getroffen werden, da hierzu die erforderliche
Abstimmung innerhalb der Bundesregierung noch nicht abgeschlossen ist.
8. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung daraus für die
anstehende Reform des Achten Buches Sozialgesetzbuch?
Im Rahmen der Reform des Achten Buches Sozialgesetzbuch – Kinder- und
Jugendhilfe (SGB VIII) – soll in Umsetzung des Gesamtkonzepts für den Schutz
von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt und Ausbeutung ein
uneingeschränkter Anspruch für Kinder und Jugendliche auf Beratung durch die
Kinder- und Jugendhilfe auch ohne Kenntnis der Eltern eingeführt werden.
Die bislang bestehende Zugangsvoraussetzung des Vorliegens einer „Not- und
Konfliktlage“ zur Beratung soll entfallen. Darüber hinaus wird ebenfalls in
Umsetzung des Gesamtkonzepts für den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor
sexueller Gewalt und Ausbeutung im Rahmen der Reform des SGB VIII
hinsichtlich der Regelungen zur Betriebserlaubnis für Einrichtungen der Kinder- und
Jugendhilfe gesetzlich klargestellt werden, dass Beteiligungs- und
Beschwerdeverfahren für Kinder und Jugendliche sowie Schutzkonzepte in Einrichtungen nicht
nur in neuen, sondern auch in bestehenden Einrichtungen Anwendung finden
müssen. Die angestrebte Reform soll insgesamt zur Stärkung von Kindern und
Jugendlichen führen, indem Leistungsangebote, Hilfeprozesse und
Schutzmaßnahmen stärker am Kind ausgerichtet werden. Durch die Umsetzung der sich aus
der Evaluation des Bundeskinderschutzgesetzes (BKiSchG) ergebenden
gesetzlichen Handlungsbedarfe im Rahmen der Reform soll der Schutz von Kindern und
Jugendlichen weiter verbessert werden. Dies wird auch zu einem besseren Schutz
von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt beitragen.
9. Welche weiteren Schritte wird die Bundesregierung unternehmen, um die
Vereinbarungen im Koalitionsvertrag unter der Überschrift „(Sexuelle)
Gewalt gegen Kinder, Regelsysteme, Zukunft“ umzusetzen (bitte detailliert
ausführen)?
Das in der Antwort zu Frage 8 bereits genannte Gesamtkonzept zum Schutz von
Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt basiert auf den Säulen Strafrecht
und Strafverfolgung, Schutz im Strafverfahren, Recht und Schutz verwirklichen,
Hilfen und Therapien verbessern und Persönlichkeitsverletzungen in den
digitalen Medien bekämpfen. Im Rahmen dieser fünf Säulen hat die Bundesregierung
bereits unterschiedliche Maßnahmen ergriffen, weitere werden folgen.
Mit dem 49. Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuches – Umsetzung
europäischer Vorgaben zum Sexualstrafrecht (49. StrÄndG), das am 27. Januar 2016 in
Kraft getreten ist, wurde die Altersgrenze der verjährungsrechtlichen
Ruhensregelung für bestimmte Sexualstraftatbestände angehoben. In § 78b Absatz 1
Nummer 1 StGB ist nunmehr vorgesehen, dass die Verjährung insbesondere für
Sexualstraftaten zum Nachteil von Kindern nach §§ 176, 176a und 176b StGB bis zur
Vollendung des 30. Lebensjahres des Opfers ruht. Das 49. StrÄndG hat darüber
hinaus den Schutzbereich von § 174 StGB (Sexueller Missbrauch von
Schutzbefohlenen) erweitert.
Mit dem Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Verbesserung des Schutzes der
sexuellen Selbstbestimmung sollen Strafbarkeitslücken geschlossen werden, die
im Bereich der sexuellen Nötigung und Vergewaltigung aufgetreten sind. Der
Gesetzentwurf sieht auch die Verbesserung des strafrechtlichen Schutzes
behinderter Opfer vor sexueller Gewalt vor. Der Gesetzentwurf befindet sich
gegenwärtig im parlamentarischen Verfahren.
Ein Meilenstein für den Opferschutz ist die Regelung der psychosozialen
Prozessbegleitung, insbesondere in § 406g StPO und dem Gesetz über die
psychosoziale Prozessbegleitung im Strafverfahren (PsychPbG). Damit bekommen
besonders schutzbedürftige Opfer die Möglichkeit, vor, während und nach der
Hauptverhandlung professionell begleitet zu werden. Kinder und Jugendliche, die
Opfer von Sexual- oder Gewaltdelikten nach § 397a Absatz 1 Nummer 4 und 5 StPO
geworden sind, erhalten einen Rechtsanspruch auf kostenlose psychosoziale
Prozessbegleitung. Für andere Opfer von schweren Gewalt- und Sexualstraftaten
nach § 397a Nummer 1 bis 3 StPO soll das Gericht nach Lage des Einzelfalls
entscheiden, ob psychosoziale Prozessbegleitung erfolgen soll. Die Regelungen
zur psychosozialen Prozessbegleitung treten am 1. Januar 2017 in Kraft.
Um die Rechte von Kindern und Jugendlichen auf Schutz weiter zu verbessern,
soll auf der Grundlage der Evaluation des Bundeskinderschutzgesetzes dort, wo
Bedarf besteht, nachgebessert werden (vgl. Ausführungen zu Frage 8).
Ferner wird die Präventionsinitiative „Trau Dich!“ in Kooperation mit der
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung weitergeführt. Damit geht der Bund
auf weitere Bundesländer zu, um Schülerinnen und Schüler, sowie deren
Lehrkräfte und die Schulleitungen zu sensibilisieren, Hilfeangebote vor Ort bekannt
zu machen und lokale Netzwerke zu initiieren. Zusammen mit der Initiative „Kein
Raum für Missbrauch“ des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen
Kindesmissbrauchs wird es so in einem aufeinander abgestimmten Vorgehen
gelingen, dass Schulen zu Schutz- und zu Kompetenzorten werden.
Mit weiteren durch das BMFSFJ initiierten Modellprojekten in der
Behindertenhilfe und für sexuell auffällige Jugendliche werden die Empfehlungen des
Runden Tisches umgesetzt und die Weiterentwicklung in Praxis und Forschung in
diesen Bereichen gefördert.
Um Hilfen und Beratungsangebote für Betroffene zu verbessern wird das
BMFSFJ Fachberatungsstellen für Menschen, die von sexualisierter Gewalt in der
Kindheit betroffen sind, durch eine neue Struktur auf der Bundesebene stärken.
Grundlage dafür ist ein Konzept, das gemeinsam mit diesen Einrichtungen
erarbeitet wurde.
Der Gesetzgeber hat bestehende Kritikpunkte für den Bereich der
psychotherapeutischen Versorgung aufgegriffen und mit dem GKV-
Versorgungsstärkungsgesetz (GKV-VSG), dessen Regelungen zum Großteil am 23. Juli 2015 in Kraft
getretenen sind, den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) beauftragt, die
Rahmenbedingungen für die Erbringung ambulanter Psychotherapie zu Lasten der
gesetzlichen Krankenversicherung bis zum 30. Juni 2016 zu überarbeiten. Bei der
Umsetzung des Auftrags hat der G-BA klarstellende Regelungen zu treffen, die
ermöglichen, dass Versicherte zeitnahe und angemessene psychotherapeutische
Leistungen zur Krankenbehandlung erhalten können. Die fachlichen Beratungen
werden derzeit geführt mit dem Ziel, eine bedarfsgerechte, flächendeckende und
gut erreichbare medizinische Versorgung der Patientinnen und Patienten auf
hohem Niveau sicherzustellen.
Der Auftrag an den G-BA umfasst Regelungen zur Flexibilisierung des
Therapieangebotes, insbesondere zur Einrichtung von psychotherapeutischen
Sprechstunden, zur Förderung der frühzeitigen diagnostischen Abklärung und der
Akutversorgung, zur Förderung von Gruppentherapien und der Rezidivprophylaxe sowie
zur Vereinfachung des Antrags- und Gutachterverfahrens.
Ausgehend von den Ergebnissen des Runden Tisches „Sexueller
Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen
Einrichtungen und im familiären Bereich“ wurde zudem im Hinblick auf die
Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung im Ergebnis eines mit allen
Beteiligten unter Moderation des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG)
geführten intensiven Diskussionsprozesses von den Selbstverwaltungsorganen auf
der Bundesebene (GKV-Spitzenverband, Kassenärztliche Bundesvereinigung,
Deutsche Krankenhausgesellschaft, Bundespsychotherapeutenkammer,
Bundesärztekammer) eine gemeinsame „Rahmenempfehlung zur Verbesserung des
Informationsangebots, der Zusammenarbeit in der Versorgung von Opfern
sexuellen Missbrauchs und des Zugangs zur Versorgung“ unterzeichnet. Diese
beinhaltet unter anderem verbesserte Informationsangebote, eine engere regionale
Zusammenarbeit und die bessere Verfügbarkeit bestehender Angebote, um Opfern
von sexuellem Missbrauch schneller und wirksamer helfen zu können. Die
Rahmenempfehlung ist u. a. im Internetangebot des BMG abrufbar unter:
www.bmg.
bund.de/themen/krankenversicherung/leistungen/opferhilfe-sexueller-missbrauch.
html. Die Rahmenempfehlung enthält einen Katalog von Maßnahmen, die zum
Teil direkt von den Akteuren der Bundesebene umgesetzt werden können und
zum Teil auf die zuständigen Selbstverwaltungsorgane auf Landesebene
ausgerichtet sind.
Darüber hinaus hat das BMG in den letzten Jahren vielfältige Initiativen
umgesetzt oder angestoßen, die zur Verbesserung eines gesunden Aufwachsens der
Kinder und zur Verbesserung des Kinderschutzes in der Medizin beitragen sollen.
Hierzu zählt u. a. die Weiterentwicklung der Untersuchungen zur Früherkennung
von Krankheiten bei versicherten Kindern und Jugendlichen bis zur Vollendung
des 18. Lebensjahres (§ 26 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch) im Rahmen des
in seinen wesentlichen Teilen am 25. Juli 2015 in Kraft getretenen
Präventionsgesetzes. Darüber hinaus wurden die Anforderungen an die
Früherkennungsuntersuchungen für Kinder vom G-BA überarbeitet und neu gestaltet. Die
überarbeiteten Untersuchungsinhalte sollen in Kürze in Kraft treten.
Das BMG unterstützt darüber hinaus die Verankerung des Kinderschutzes in der
Medizin. So setzt es sich auch für die Entwicklung einer medizinischen S3-
Leitlinie „Kindesmisshandlung, -missbrauch, -vernachlässigung“ ein, womit
Ärztinnen und Ärzten und anderen Akteuren des Gesundheitswesens ein
Handlungsleitfaden auf der Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse gegeben werden
soll. Durch neu entwickelte Weiterbildungsmaßnahmen für medizinische Berufe
soll den Akteuren darüber hinaus ein Überblick über die Rechtslage, die
Gesetzesänderungen, die Epidemiologie und Diagnostik von Misshandlungsformen
gegeben werden. Zur Klärung der Frage, ob therapeutische Angebote für Kinder
nach Gewalterfahrung ausreichend sind, wurde ein Gutachten in Auftrag
gegeben, um Therapieangebote für psychisch traumatisierte, von Gewalt betroffene
Kinder und Jugendliche in Deutschland zu analysieren.
Gutes Aufwachsen mit neuen Medien ist Teil des Gesamtkonzepts. Als
gemeinsame Initiative des I-KiZ – Zentrum für Kinderschutz im Internet, von jugend-
schutz.net , der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM)
e. V. und Google startete vor anderthalb Jahren das Netzwerk gegen Missbrauch
und sexuelle Ausbeutung von Kindern („Keine Grauzonen im Internet“) unter der
Schirmherrschaft der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend, Manuela Schwesig. Ziel des Netzwerks ist es, die Bekämpfung von
Darstellungen der sexuellen Ausbeutung von Kindern voranzutreiben, die rechtlich
in einer Grauzone liegen. Auch wenn diese Darstellungen nicht in jedem Land
illegal sind, verletzen sie die Würde und die Privatsphäre von Kindern.
Das BMFSFJ fördert das I-KiZ und das Kompetenzzentrum „Keine Grauzonen“
bei jugendschutz.net sowie die Arbeit der FSM e. V., die sie als Partner für das
Netzwerk leistet.
Mit der Einrichtung des Runden Tisches wurde auch das Amt einer bzw. eines
Unabhängigen Beauftragten geschaffen. Der Beauftragte für Fragen des
sexuellen Kindesmissbrauchs ist das Amt der Bundesregierung für die Anliegen von
Betroffenen und deren Angehörigen, für Expertinnen und Experten aus Praxis
und Wissenschaft sowie für alle Menschen in Politik und Gesellschaft, die sich
gegen sexuelle Gewalt engagieren. Zu seinen wesentlichen Aufgaben zählen, den
Belangen Betroffener sexualisierter Gewalt in der Kindheit zu einer
angemessenen Berücksichtigung zu verhelfen.
Der Beauftragte ist unabhängig und nicht weisungsgebunden.
Die Bundesregierung begleitet die Umsetzung der Empfehlungen des Runden
Tisches kontinuierlich im Rahmen der Arbeit der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zum
Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt und Ausbeutung.
Hier sind verschiedene Arbeitsgruppen aktiv, die sich aus Vertreterinnen und
Vertretern des Bundes, des Deutschen Bundestages, des Betroffenenrates, der
Länder und Kommunen, aus der Wissenschaft und verschiedenen
Nichtregierungsorganisationen zusammensetzen. Sie tagen zweimal jährlich zu den Themen
„Prävention/Intervention“ sowie „Kinderhandel/Ausbeutung im Tourismus/
Internationale Kooperation“ und können Expertengruppen einsetzen und
Expertisen in Auftrag geben. In den Arbeitsgruppen werden die bereits ergriffenen
Maßnahmen bewertet, Empfehlungen zur Weiterentwicklung erarbeitet und darüber
hinaus neue Handlungsbedarfe identifiziert.
Zudem fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung entsprechend
der Empfehlungen des „Rundes Tisches“ in den Bereichen Bildungs- und
Gesundheitsforschung Forschungsvorhaben zu sexualisierter Gewalt. Die
Förderlinie „Forschung im Zusammenhang mit sexueller Gewalt gegen Kinder und
Jugendliche in pädagogischen Kontexten“ umfasst 17 Forschungsvorhaben, fünf
Juniorprofessuren und ein Koordinierungsvorhaben.
Der Förderschwerpunkt „Forschungsverbünde zu Verhaltensstörungen im
Zusammenhang mit Gewalt, Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch in
Kindheit und Jugend“ umfasst elf Forschungsverbünde. Das Gesamtvolumen der
Förderung liegt bei rd. 35 Mio. Euro.
Zur weiteren Umsetzung der Empfehlungen des Runden Tisches wird eine
Fortführung dieser Förderlinien angestrebt.
Hinsichtlich der übrigen Sachverhalte, die der Koalitionsvertrag unter der
Überschrift „(Sexuelle) Gewalt gegen Kinder, Regelsysteme, Zukunft“ auflistet, wird
auf die Beantwortung der vorherigen Fragen verwiesen.
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ISSN 0722-8333]