[Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Auswärtigen Amts vom 27. Juli 2016 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Deutscher Bundestag Drucksache 18/9326
18. Wahlperiode 29.07.2016
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Sevim Dağdelen, Wolfgang Gehrcke,
Dr. André Hahn, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE.
– Drucksache 18/9172 –
Visaliberalisierungen der EU mit der Türkei, Ukraine, Georgien und dem Kosovo
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Mit mehr als 50 Ländern hat die EU schon Visafreiheit vereinbart. Der
Visadialog wird seitens der EU als ein „wichtiges und wirksames Instrument zur
Förderung der weitreichenden und schwierigen Reformen in den Bereichen Justiz
und Inneres und darüber hinaus“ betrachtet, „denn er wirkt sich auf Bereiche
wie Rechtsstaatlichkeit und Justizreform aus“. Das wichtigste Instrument des
Dialoges ist der Aktionsplan zur Visaliberalisierung, der genau auf jedes
Partnerland abgestimmt ist und vier Themenblöcke umfasst: i)
Dokumentensicherheit einschließlich biometrischer Daten; ii) integriertes Grenzmanagement,
Migrationsmanagement und Asyl; iii) öffentliche Ordnung und Sicherheit;
iv) Außenbeziehungen und Grundrechte. Die Zielvorgaben wurden mit Blick
auf die Verabschiedung eines rechtlichen, politischen und institutionellen
Rahmens (Phase 1) sowie dessen wirksame und nachhaltige Umsetzung (Phase 2)
festgelegt (
http://europa.eu/rapid/press-release_IP-15-6367_de.htm).
Seit längerem verhandelt die EU Visaliberalisierungen für Staatsangehörige
Georgiens, der Ukraine, der Türkei und des Kosovo. Die angestrebten
Visaliberalisierungen sollen die Staatsangehörigen der betreffenden Länder für
Kurzaufenthalte von bis zu 90 Tagen in einem Zeitraum von 180 Tagen von der
Visumpflicht im Schengen-Raum befreit sein (
www.euractiv.de/section/
euaussenpolitik/news/wegen-einbruechen-eu-vertagt-visa-freiheit-fuer-georgien/).
Die Visaliberalisierung für die Türkei steht dabei im Zusammenhang mit dem
EU-Türkei-Abkommen zur Verhinderung der irregulären Zuflucht von
Schutzsuchenden in die EU, im Gegenzug zur Fluchtabwehr sollte die Visumpflicht
gegenüber der Türkei bereits Ende Juni 2016 fallen (
www.heute.de/eu-tuerkei-
deal-streit-um-visaliberalisierung-43465952.html). Dies scheitert aber nach wie
vor an der unvollständigen Umsetzung der Visa-Roadmap, wobei von den
72 Kriterien drei nach wie vor nicht erfüllt sind (Bundestagsdrucksache
18/8581). Die EU verlangt, dass die Türkei ihre unverhältnismäßig weit
gefassten Terrorgesetze ändert, die nach Einschätzung von Kritikerinnen und
Kritikern dazu dienen, gegen Regierungsgegner vorzugehen. Die türkische Führung
lehnt dies bislang ab und droht stattdessen, den Flüchtlingsdeal mit der EU bis
Deutscher Bundestag Drucksache 18/9326
18. Wahlperiode 29.07.2016
spätestens Oktober 2016 platzen zu lassen, wenn es bis dahin keine
Visabefreiung gibt (
www.euractiv.de/section/eu-aussenpolitik/news/wegen-
einbruecheneu-vertagt-visa-freiheit-fuer-georgien/).
Als erfüllt gelten dagegen die Voraussetzungen für die Visaliberalisierung
seitens des Kosovo, Georgiens und der Ukraine. Trotzdem wurden die avisierten
Visa-erleichterungen für sie auf der Tagung des Rates „Justiz und Inneres“ am
9./10. Juni 2016 nicht beschlossen, da es von unterschiedlichen Ländern
unterschiedliche Vorbehalte gibt (
www.dw.com/de/eu-visa-pflicht-f%C3%BCr-t%C3
%BCrken-bleibt-vorerst/a-19320868). Dagegen wurde der Vorschlag der
Kommission, die Visaliberalisierung für georgische Staatsangehörige Ende Juni 2016
durchzuführen, von der großen Mehrheit der Mitgliedstaaten befürwortet.
Bereits im Vorfeld der Ratstagung sprach sich die Bundesregierung, unterstützt von
Frankreich, Belgien und Italien, bezogen auf Georgien für eine Verschiebung der
Beschlussfassung aus (
www.focus.de/politik/deutschland/abstimmung-
gestrichendeutschland-blockiert-mit-anderen-staaten-visumfreiheit-fuer-georgier_id_560
8530.html). Begründet wurde dies damit, dass zunächst ein Bericht der
Kommission über die Auswirkungen der Visaliberalisierung für Georgien auf den
Bereich der Organisierten Kriminalität abgewartet werden müsse (www.
euractiv.de/section/eu-aussenpolitik/news/wegen-einbruechen-eu-vertagt-
visafreiheit-fuer-georgien/).
1. Wie hoch war die Zahl der im Jahr 2015 und im ersten Halbjahr 2016
beantragten, erteilten bzw. abgelehnten Visa für die Türkei, Ukraine, Georgien
und das Kosovo (bitte tabellarisch und in der Differenzierung wie in der
Antwort zu Frage 1 auf Bundestagsdrucksache 18/4765 darstellen)?
Es wird auf die Anlage zu Frage 1 verwiesen.
Die Zahlen der im ersten Halbjahr 2016 beantragten, erteilten und abgelehnten
Visa liegen noch nicht vor.
2. Wie haben sich die Zahlen erteilter Visa bzw. die Ablehnungsquoten im Jahr
2015 im Vergleich zu den Jahren ab 2010 prozentual entwickelt (bitte
entsprechend den Ländern differenzieren, nach Jahren auflisten und bei Ländern
mit mehreren Auslandsvertretungen deren Werte gesondert ausweisen), und
wie hoch war im Jahr 2015 die Ablehnungsquote in Bezug auf Schengen-
Visa im EU-Durchschnitt?
Es wird auf die Anlage zu Frage 2 verwiesen. Infolge einer Modifizierung der
statistischen Auswertung werden seit dem Jahr 2014 Visumanträge, die von
Antragstellern zurückgezogen worden sind, gesondert ausgewiesen (davor wurden
sie in der Kategorie „abgelehnt“ erfasst). Daher ist bei der statistischen
Auswertung ein genauer Vergleichsmaßstab zum Vorjahr nicht herstellbar.
Angaben zur durchschnittlichen Ablehnungsquote aller Schengen-
Mitgliedstaaten in Bezug auf Schengenvisa sind eingestellt auf der Webseite der Europäischen
Kommission unter
http://ec.europa.eu/dgs/home-affairs/what-we-do/policies/
borders-and-visas/visa-policy/index_en.htm.
r cksac e 18/9326 – 2 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode
3. Wie viele Ausnahmevisa wurden im Jahr 2015 an den Grenzen von der
Bundespolizei bzw. beauftragten Behörden der Länder an Staatsangehörige der
Türkei, Ukraine, Georgiens und des Kosovos erteilt (bitte zusätzlich nach
den zehn wichtigsten Herkunftsländern und den Gründen bzw. der
Rechtsgrundlage differenziert darstellen)?
Die Bundespolizei und die mit grenzpolizeilichen Aufgaben betrauten Behörden
erteilten in den Jahren 2014 und 2015 Ausnahmevisa an georgische,
kosovarische, türkische und ukrainische Staatsangehörige wie folgt:
Georgien Kosovo Türkei Ukraine
2014
Gesamt 48 9 329 2.362
davon Seeleute 37 0 298 2.316
2015
Gesamt 45 14 400 2.056
davon Seeleute 43 1 372 2.007
Die Bundespolizei und die mit grenzpolizeilichen Aufgaben betrauten Behörden
erteilten in den Jahren 2014 und 2015 Ausnahmevisa an die nachstehend
genannten Nationalitäten (Top-10):
Top-10 2014 Top-10 2015
Gesamt davon Seeleute Gesamt
davon
Seeleute
Philippinen 5.606 5.590 Philippinen 4.419 4.403
Ukraine 2.362 2.316 Ukraine 2.056 2.007
Indien 1.352 1.297 Indien 1.315 1.249
Russische
Föderation 1.166 1.067
Russische
Föderation 749 656
Indonesien 539 535 Indonesien 457 452
China 400 363 Türkei 400 371
Türkei 329 298 China 370 342
Myanmar 220 220 Myanmar 264 264
Südafrika 83 40 Madagaskar 111 111
Nepal 63 63 Ägypten 60 36
Eine darüber hinausgehende Aufschlüsselung nach Gründen und
Rechtsgrundlagen ist nicht möglich.
4. Wie viele der im Jahr 2015 erteilten Schengen-Visa waren Jahres-,
Zweijahres-, Dreijahresvisa, Fünfjahres- bzw. insgesamt Jahres- bzw.
Mehrjahresvisa (bitte auch die Vergleichswerte des Vorjahres nennen und bitte zudem
die Angaben nach Ukraine, Georgien, Türkei und dem Kosovo differenziert
darstellen)?
Die deutschen Auslandsvertretungen erteilten im Jahr 2015 weltweit insgesamt
529 576 Visa mit ein- oder mehrjähriger Gültigkeitsdauer (2014: 464 776;
Steigerungsrate: +13,94 Prozent). Darunter fielen 332 486 Jahresvisa (287 771;
+15,54 Prozent), 93 985 Zweijahresvisa (80 560; +16,66 Prozent), 67 019
Dreijahresvisa (72 912; -8,08 Prozent), 11 300 Vierjahresvisa (4 279; +164,08
Prozent) sowie 24 786 Fünfjahresvisa (19 254; +28,73 Prozent). Der Anteil der Visa
Deutscher Bundestag – 18. ahlperiode – 3 – Drucksache 18/9326
mit einer Gültigkeitsdauer zwischen einem und fünf Jahren am
Gesamtvisaaufkommen betrug 27,75 Prozent (2014: 23,92 Prozent). Längerfristige Visa mit
einer Gültigkeitsdauer, die nicht genau den Werten eines Ein-, Zwei-, Drei-,
Vieroder Fünfjahresvisums entspricht, werden aus technischen Gründen erst seit dem
Jahr 2015 gesondert erfasst.
Im Übrigen wird auf die Anlage zu Frage 4 verwiesen.
5. Wie lauten die statistischen Angaben über die Visaerteilung im Jahr 2015
bezogen auf die Ukraine, Türkei, Georgien und das Kosovo, differenziert
nach Aufenthaltszwecken und Schengen- bzw. nationalen Visa (bitte wie in
der Antwort zu Frage 10 auf Bundestagsdrucksache 18/4765 antworten)?
Es wird auf die entsprechenden Anlagen zu Frage 5 verwiesen.
6. Wie viele gefälschte bzw. „erschlichene“ (bitte differenzieren) Visa wurden
nach Kenntnis der Bundesregierung im Jahr 2015 bzw. im Jahr 2014 von
bundesdeutschen Behörden bezogen auf die Türkei, Ukraine, Georgien und
das Kosovo entdeckt (etwa bei Kontrollen, Zurückschiebungen,
Zurückweisungen), und wie wird die Entwicklung im Vergleich zu den Vorjahren ab
2008 bewertet?
In den Jahren 2014 und 2015 stellten die Bundespolizei und die mit
grenzpolizeilichen Aufgaben betrauten Behörden keine ge- und verfälschten deutschen Visa
bei georgischen, kosovarischen und ukrainischen Staatsangehörigen fest. Bei
türkischen Staatsangehörigen wurden 2014 insgesamt vier und in 2015 keine
geoder verfälschten deutschen Visa festgestellt.
In den Jahren seit 2008 waren die Feststellungen ge- und verfälschter deutscher
Visa bei georgischen, kosovarischen und ukrainischen Staatsangehörigen
konstant auf äußerst geringem Niveau. Bei türkischen Staatsangehörigen stellte sich
die Entwicklung wie folgt dar:
Delikte gemäß § 95 Absatz 2 Nummer 2 AufenthG stellten die deutschen
Grenzbehörden in den Jahren 2014 und 2015 wie folgt fest:
r cksac e 18/9326 – 4 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode
Erschleichung eines
Aufenthaltstitels Georgien Kosovo Türkei Ukraine
2014 81 17 148 792
2015 74 31 111 666
Die Entwicklung seit 2008 stellt sich folgendermaßen dar:*
*
7. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung für die Ukraine, Türkei,
Georgien und das Kosovo dazu vor, wie viele Personen in den Jahren 2015
bzw. 2014 nach Ablauf der Gültigkeit eines Schengen-Visums nicht bzw. zu
spät wieder ausgereist sind, durch welche Behörden und bei welcher
Gelegenheit wurde dies festgestellt (bitte auflisten), und wie bewertet die
Bundesregierung die Entwicklung im Vergleich zu den vorherigen Jahren ab 2008?
Die Bundespolizei stellte in den Jahren 2014 und 2015 den unerlaubten
Aufenthalt aufgrund eines abgelaufenen Aufenthaltstitels oder Visums (eine
Aufschlüsselung ist nicht möglich) georgischer, kosovarischer, türkischer und ukrainischer
Staatsangehöriger wie folgt fest:
Georgien Kosovo Türkei Ukraine
2014
Unerlaubter Aufenthalt mit
abgelaufenem
Aufenthaltstitel/Visum
78 239 1.101 226
Festgestellt bei der Ausreise 55 204 1.035 190
2015
Unerlaubter Aufenthalt mit
abgelaufenem
Aufenthaltstitel/Visum
87 278 1.351 217
Festgestellt bei der Ausreise 76 264 1.315 197
* Die farbige Darstellung der Abbildung ist auf Bundestagsdrucksache 18/9326 auf der Internetseite des Deutschen Bundestages abrufbar.
Deutscher Bundestag – 18. ahlperiode – 5 – Drucksache 18/9326
Die Entwicklung der festgestellten unerlaubten Aufenthalte mit abgelaufenem
Aufenthaltstitel oder Visum stellt sich seit 2008 wie folgt dar:*
*
8. Inwieweit hat die Bundesregierung Kenntnis darüber, wie viele Menschen
aus Georgien, der Türkei, dem Kosovo und der Ukraine einen biometrischen
Pass besitzen, der Voraussetzung für die visafreie Einreise in den Schengen-
Raum ist?
Nach Schätzung der deutschen Botschaft in Tiflis betrug der Anteil von Inhabern
georgischer biometrischer Reisepässe, die den Anforderungen an die visafreie
Einreise genügen würden, am Gesamtaufkommen der Schengen-Visaanträge
Mitte April 2016 etwa 70 Prozent. Der Anteil steigt stetig; im Fall der Visafreiheit
ist mit sehr schneller Zunahme zu rechnen.
Die Türkei hat nach den der Bundesregierung vorliegenden Informationen noch
nicht mit der Ausstellung biometrischer Reisepässe gemäß EU-Standards
begonnen.
Nach Informationen der deutschen Botschaft Pristina besitzen derzeit 698 975
von insgesamt 1,713 Millionen Kosovaren biometrische kosovarische Reisepässe
gemäß EU-Standards, die eine visafreie Einreise erlauben würden.
Die EU-Delegation in Kiew teilte Anfang Januar 2016 mit, im Jahr 2015 seien
749 339 biometrische ukrainische Reisepässe, die den Anforderungen an die
visafreie Einreise genügen würden, ausgestellt worden. Die derzeitigen
Produktionskapazitäten der staatlichen Passdruckerei erlaube die Herstellung von
maximal 6 500 Pässen am Tag oder 150 000 bis 160 000 Pässen pro Monat. Diese Zahl
könne auf 230 000 bis 250 000 Pässe monatlich gesteigert werden. Für das Jahr
2016 werde eine Steigerung der Antragszahlen von 25 bis 30 Prozent erwartet.
Die ukrainischen Behörden scheinen auf eine entsprechende Nachfragesteigerung
vorbereitet. Seit Januar 2016 erfasst die deutsche Botschaft in Kiew den Anteil
biometrischer Pässe an ihrem Antragsaufkommen im Bereich der Schengenvisa.
Er lag Anfang April 2016 bei etwas über 20 Prozent. Nach Auskunft des
ukrainischen Migrationsdienstes und des ukrainischen Grenzdienstes von Mitte April
2016 sind mittlerweile zwei Drittel der neu ausgegebenen Pässe biometrisch; die
Tendenz zur Beantragung biometrischer Pässe verstärke sich weiter.
* Die farbige Darstellung der Abbildung ist auf Bundestagsdrucksache 18/9326 auf der Internetseite des Deutschen Bundestages abrufbar.
r cksac e 18/9326 – 6 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode
9. Inwieweit trifft es nach Kenntnis der Bundesregierung zu, dass die
Entscheidung über eine Visaliberalisierung mit der Türkei nicht allein wegen der
Nichterfüllung der rechtlichen Voraussetzungen, sondern auch wegen der
innenpolitischen Entwicklungen in der Türkei, des Drucks auf kurdische
Oppositionelle im Parlament und der Beschimpfung türkischstämmiger
Bundestagsabgeordneter nicht zum 1. Juli 2016 eingeführt werden konnte (
www.dw.com/
de/eu-visa-pflicht-f%C3%BCr-t%C3%BCrken-bleibt-vorerst/a-19320868)?
Voraussetzung für die Visaliberalisierung mit der Türkei ist weiterhin, dass die
Türkei alle Vorgaben des Fahrplans für die Visaliberalisierung (Visa-Roadmap)
erfüllt. Dies wurde auch in der EU-Türkei-Erklärung vom 18. März 2016
festgehalten. Erst wenn die Europäische Kommission die Erfüllung dieser Vorgaben
feststellt, werden Rat und Europäisches Parlament über eine Aufhebung der
Visapflicht entscheiden. Die Entscheidung, ob Staatsangehörige von Drittländern
wie die Türkei von der Visumpflicht befreit werden, erfolgt nach der Verordnung
(EG) Nr. 539/2001 anhand mehrerer Kriterien. Dazu zählen unter anderem die
Außenbeziehungen der Union zu den Drittländern, wobei auch Erwägungen in
Bezug auf die Menschenrechte und die Grundfreiheiten zu berücksichtigen sind.
10. Inwieweit teilt die Bundesregierung Befürchtungen, wonach eine
Visaliberalisierung mit der Türkei in der derzeitigen Situation, wie z. B. auch im
türkischen Parlament, dazu führen würde, dass sehr viele kurdisch-türkische
Staatsbürger/-innen um Asyl nachsuchen würden, weil ihre Sicherheit nicht
gewährleistet ist (
www.dw.com/de/eu-visa-pflicht-f%C3%BCr-t%C3%B
Crkenbleibt-vorerst/a-19320868)?
Die Bundesregierung verfolgt die innenpolitischen Entwicklungen in der Türkei
sehr aufmerksam. Dies gilt insbesondere für den Konflikt mit der Arbeiterpartei
Kurdistans PKK und die Aufhebung der Immunität von zahlreichen
Abgeordneten, darunter viele Politiker der pro-kurdischen Partei Halklarin Demokratik
Partisi, HDP. Diese Themen sind regelmäßig Gegenstand von Gesprächen mit
türkischen Regierungsvertretern, in denen die Bundesregierung zu einer schnellen
Wiederaufnahme von Friedensverhandlungen aufruft. Auch die Entwicklungen
im Nachgang des Putschversuchs vom 15./16. Juli 2016 beobachtet die
Bundesregierung genau, insbesondere im Hinblick auf etwaige Auswirkungen auf die
Asyl- und Migrationssituation.
Hypothetische Aussagen über künftige Asylbewerberzahlen aus der Türkei trifft
die Bundesregierung nicht.
11. Inwieweit entspricht es nach Kenntnis der Bundesregierung der Visa-
Roadmap mit der Türkei, dass das Kriterium Nr. 1 – derzeit „nahezu erfüllt“, da
die Ausstellung biometrischer Pässe nach EU-Standards erst ab Oktober
2016 erfolge (Bundestagsdrucksache 18/8581) – vor, mit oder erst nach dem
Tag der Aufhebung der Visumpflicht für türkische Staatsangehörige
vollständig erfüllt wird?
Nach Kenntnis der Bundesregierung ist es der Türkei aus technischen Gründen
nicht möglich, die Zielvorgabe des Fahrplans für die Visaliberalisierung zur
Ausstellung biometrischer Pässe nach EU-Standard bis Oktober 2016 vollständig zu
erfüllen. Die Europäische Kommission hat die türkischen Behörden darauf
hingewiesen, dass die Visumpflicht für Inhaber biometrischer Pässe erst aufgehoben
werden kann, wenn die türkische Regierung allen Mitgliedstaaten die Zertifikate
zur Verfügung gestellt hat, die die Überprüfung der Echtheit der türkischen
Reisepässe und das Lesen der auf den Chips gespeicherten Informationen
ermöglichen.
Deutscher Bundestag – 18. ahlperiode – 7 – Drucksache 18/9326
12. Welche konkreten Fortschritte hat es nach Kenntnis der Bundesregierung
bezüglich des Kriteriums Nr. 42 der Visa-Roadmap mit der Türkei zur
Umsetzung der nationalen Strategie und des nationalen Aktionsplans zur
Korruptionsbekämpfung und der Empfehlungen der Gruppe der Staaten gegen
Korruption (GRECO) (Begutachtungsrunde I, II und III) gegeben, das „nicht
erfüllt“ sei (Bundestagsdrucksache 18/8581)?
13. Welche konkreten Fortschritte hat es nach Kenntnis der Bundesregierung
bezüglich des Kriteriums Nr. 54 der Visa-Roadmap mit der Türkei zum
Abschluss und zur uneingeschränkten sowie effektiven Umsetzung einer
Vereinbarung über operative Zusammenarbeit mit Europol gegeben, das „nicht
erfüllt“ sei (Bundestagsdrucksache 18/8581)?
14. Welche konkreten Fortschritte hat es nach Kenntnis der Bundesregierung
bezüglich des Kriteriums Nr. 65 der Visa-Roadmap mit der Türkei zur
Überarbeitung – im Einklang mit der Europäischen Menschenrechtskonvention
(EMRK) und mit der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für
Menschenrechte (EGMR), mit dem EU-Besitzstand und mit den
Gepflogenheiten der EU-Mitgliedstaaten – des rechtlichen Rahmens im Bereich
Organisierte Kriminalität und Terrorismus sowie seiner Auslegung durch die
Gerichte, die Sicherheitskräfte und die Strafverfolgungsbehörden, um das
Recht auf Freiheit und Sicherheit, das Recht auf ein faires Verfahren und auf
freie Meinungsäußerung, auf Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit in der
Praxis sicherzustellen, gegeben, das „nicht erfüllt“ sei (Bundestagsdrucksache
18/8581)?
Die Fragen 12 bis 14 werden zusammengefasst beantwortet.
In ihrem Zweiten Bericht über die Fortschritte bei der Umsetzung der EU-Türkei-
Erklärung vom 15. Juni 2016 (COM (2016) 4349) stellt die Europäische
Kommission fest, dass bei einer Zusammenkunft mit türkischen Behördenvertretern
am 2. und 3. Juni 2016 aussichtsreiche Gespräche über konkrete Lösungen und
praktische Maßnahmen, einschließlich der erforderlichen gesetzlichen und
verfahrenstechnischen Änderungen in Bezug auf die noch ausstehenden Vorgaben
geführt worden seien. Darüber hinaus sind der Bundesregierung seit dem Dritten
Bericht der Europäischen Kommission über die Fortschritte der Türkei bei der
Erfüllung der Vorgaben des Fahrplans für die Visaliberalisierung (COM (2016)
278 final) vom 4. Mai 2016 keine konkreten Fortschritte in Bezug auf die
Kriterien Nr. 42, 54 und 65 bekannt.
15. Inwieweit definiert die Türkei nach Kenntnis der Bundesregierung in
ihrem „Anti-Terror-Gesetz“ Terror ähnlich wie viele EU-Länder, so dass
Artikel 302 des Strafgesetzbuches (StGB) der Türkei im Einklang mit
EU-Recht ist (
www.sueddeutsche.de/politik/raetsel-der-woche-was-steht-
imtuerkischen-anti-terror-gesetz-1.2992859)?
In ihrem jährlichen Türkei-Bericht der Europäischen Kommission (ehemals
Fortschrittsbericht) vom 10. November 2015 (SWD (2015) 216 final) stellte die
Europäische Kommission fest, das türkische Antiterrorgesetz stehe „weder mit der
Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) und der Rechtsprechung des
Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) noch mit dem
Rahmenbeschluss des EU-Rates zur Terrorismusbekämpfung im Einklang. Insbesondere
wurden noch keine Änderungen verabschiedet, die seine Anwendung auf
unbestreitbar terroristische Straftaten beschränken.“ Die Anpassung der türkischen
Anti-Terror-Gesetzgebung an EU-Standards und die Rechtsprechung des EGMR
ist ein Kriterium der Visa-Roadmap. Die Feststellung, ob dieses Kriterium im
Rahmen der Visa-Roadmap erfüllt ist, nimmt die Europäische Kommission vor.
In ihrem dritten Fortschrittsbericht zur Erfüllung der Visa-Roadmap vom 4. Mai
r cksac e 18/9326 – 8 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode
2016 stellte die Europäische Kommission fest, dass die Erfüllung dieser
Voraussetzung ausstehe.
16. Inwieweit teilt die Bundesregierung die Auffassung, dass die Aufweichung
des Artikels 302 StGB der Türkei über die Vorschriften zur „Beihilfe“
erfolgt, die in Artikel 39 des türkischen StGB geregelt sind und die einen
bestimmten geringeren Tatbeitrag betreffen, so dass Staatsanwälte auch Dinge
wie einen Friedensaufruf als Propaganda umdeuten, wie es bei den
sogenannten Akademiker-Prozessen gehandhabt wird (
www.sueddeutsche.de/politik/
raetsel-der-woche-was-steht-im-tuerkischen-anti-terror-gesetz-1.2992859)?
Auf die Antwort zu Frage 15 wird verwiesen. Darüber hinaus wird auf die
Antwort der Bundesregierung auf die Schriftliche Frage des Abgeordneten Kai
Gehring auf Bundestagsdrucksache 18/8458 vom 13. Mai 2016 verwiesen.
17. Welche konkreten Fortschritte gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung
bezüglich des Kriteriums Nr. 47 der Visa-Roadmap mit der Türkei, das
„teilweise erfüllt“ sei, da wegen der Nichtanerkennung Zyperns durch die Türkei
keine Zusammenarbeit mit dem EU-Mitgliedstaat Zypern erfolge und die
Zusammenarbeit der Türkei mit anderen Mitgliedstaaten nicht
zufriedenstellend sei (Bundestagsdrucksache 18/8581)?
18. Welche konkreten Fortschritte gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung
bezüglich des Kriteriums Nr. 56 der Visa-Roadmap mit der Türkei, das
„teilweise erfüllt“ sei, da das neue türkische Gesetz zum Schutz
personenbezogener Daten nicht den EU-Datenschutzstandards entspreche, insbesondere in
Hinblick auf die Unabhängigkeit der Datenschutzbehörde und die Geltung
des Gesetzes für Strafverfolgungs- und Justizbehörden
(Bundestagsdrucksache 18/8581)?
Die Fragen 17 und 18 werden zusammengefasst beantwortet.
Auf die Antwort zu den Fragen 12 bis 14 wird verwiesen, sie gilt analog für die
genannten Kriterien Nr. 47 und 56.
19. Welche konkreten Fortschritte gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung
bezüglich des Kriteriums Nr. 68 der Visa-Roadmap mit der Türkei, das
„teilweise erfüllt“ sei, da türkische Behörden, vor allem türkische Konsulate, das
Abkommen bisher nicht immer ordnungsgemäß umsetzten und die
Bestimmungen zur Rückübernahme Drittstaatsangehöriger erst ab Juni 2016 gelten
(Bundestagsdrucksache 18/8581)?
Seit der Antwort der Bundesregierung auf Bundestagsdrucksache 18/8581 sind
hinsichtlich des Kriteriums Nr. 68 der Visa-Roadmap mit der Türkei laut
Europäischer Kommission (Zweiter Bericht über die Fortschritte bei der Umsetzung
der EU-Türkei-Erklärung vom 15. Juni 2016 (COM (2016) 4349)) die
Bestimmungen des Rückübernahmeabkommens zwischen der EU und der Türkei vom
1. Juni 2016 in Bezug auf Drittstaatsangehörige in Kraft getreten. Die Türkei hat
die im Zuge der EU-Türkei-Erklärung vom 18. März 2016 zugesagte
Rückübernahme von Drittstaatsangehörigen ab dem 1. Juni 2016 aber bislang noch nicht
durch den notwendigen Kabinettsbeschluss umgesetzt.
Deutscher Bundestag – 18. ahlperiode – 9 – Drucksache 18/9326
20. Inwieweit teilt die Bundesregierung die Auffassung der EU-Kommission,
die Georgien attestiert, alle technischen und politischen Bedingungen für die
Visafreiheit zu erfüllen (
www.dw.com/de/eu-visa-pflicht-f%C3%BCr-t%C3
%BCrken-bleibt-vorerst/a-19320868)?
Die Bundesregierung teilt die Auffassung der Europäischen Kommission, dass
Georgien alle für die vier Themenblöcke festgelegten Zielvorgaben seines
Aktionsplans zur Visaliberalisierung erfüllt.
21. Trifft es zu, dass Georgien 35 Bedingungen für eine Visaliberalisierung
erfüllen musste, und welche waren das (bitte auflisten) (
http://de.francais-
express.com/nachrichten/welt-politik/-5756-steinmeier-stellt-
georgienvisafreiheit-in-aussicht/)?
Der Visaliberalisierungsaktionsplan für Georgien enthält für die erste Phase
(Gesetzgebung und Planung) 29 Kriterien, für die zweite Phase (effektive und
nachhaltige Umsetzung relevanter Maßnahmen) 36 Kriterien. Die Fortschrittsberichte
der Europäischen Kommission über die Umsetzung des
Visaliberalisierungsaktionsplans, aus denen die einzelnen Kriterien hervorgehen, sind auf der Internetseite
der Europäischen Kommission abrufbar:
http://ec.europa.eu/dgs/home-affairs/
what-we-do/policies/international-affairs/eastern-partnership/visa-
liberalisationmoldova-ukraine-and-georgia/index_en.htm.
22. Inwieweit hat die Verschiebung der Beschlussfassung zur
Visaliberalisierung der EU mit Georgien nach Kenntnis der Bundesregierung mit Bedenken
zu tun, dass eine Entscheidung über die Visaliberalisierung für Georgien vor
eine entsprechende Entscheidung bezüglich der Ukraine seitens der Ukraine
auf wenig bzw. kein Verständnis stoßen und möglicherweise Auswirkungen
auf die Minsk-Gespräche haben würde und daher eine zeitgleiche
Einführung angestrebt wird (
www.handelsblatt.com/politik/international/signal-
anosteuropa-merkel-sichert-georgien-baldige-visafreiheit-zu/13740016.html)?
Die europäischen Visaliberalisierungsprozesse behandeln jedes Land gesondert
nach seinen individuellen Fortschritten. Sowohl Georgien (siehe Antwort zu
Frage 20) als auch die Ukraine (siehe Antwort zu Frage 25) haben aus Sicht der
Bundesregierung die Zielvorgaben ihres jeweiligen Aktionsplans zur
Visaliberalisierung erfüllt. Beide Länder haben hierfür beachtliche Reformanstrengungen
unternommen. Daher ist die Erwartung nachvollziehbar, dass beide
Visaliberalisierungsprozesse in einem zeitlichen Zusammenhang abgeschlossen werden.
23. Inwieweit ist eine Beschlussfassung des Rates im Vorfeld der
Parlamentswahlen in Georgien am 8. Oktober 2016 auch im Interesse der
Bundesregierung, und wird eine solche Beschlussfassung vor den Wahlen seitens der
Bundesregierung aktiv unterstützt?
Die Europäische Union hat Georgien, wie den übrigen östlichen Partnerländern
der EU, bei Erfüllung der notwendigen Voraussetzungen die Visaliberalisierung
zugesagt. Georgien hat diese Voraussetzungen durch konsequente Umsetzung
von Reformen erfüllt. Die Bundesregierung hat sich allerdings – zusammen mit
anderen EU-Mitgliedstaaten – dafür eingesetzt, dass die Visafreiheit für Georgien
zeitgleich mit oder nach Änderung des Aussetzungsmechanismus gemäß Artikel
1a der Verordnung Nr. 539/2001 (EG-Visum-VO) in Kraft tritt. Derzeit wird der
Legislativvorschlag zum Aussetzungsmechanismus im Europäischen Parlament
beraten. Die Bundesregierung geht davon aus, dass nach seiner Verabschiedung
rasch über die Aufhebung der Visapflicht für georgische Staatsangehörige
abger cksac e 18/9326 – 10 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode
stimmt werden kann. Der Bundesregierung ist bewusst, dass der Frage der
Visaliberalisierung im Kontext der georgischen Wahlen große Bedeutung
beigemessen wird. Sie unterstützt eine möglichst rasche Erfüllung der Zusagen zur
Visaliberalisierung seitens der EU.
24. Inwieweit trifft es zu, ein weiteres Argument für die Verschiebung der
Entscheidung bezogen auf Georgien sei die gegenwärtig laufende Überarbeitung des
geltenden sogenannten Aussetzungsmechanismus, welcher nach Auffassung
der Bundesregierung zunächst in Kraft treten muss (
http://ec.europa.eu/
transparency/regdoc/rep/1/2016/DE/1-2016-290-DE-F1-1.PDF).
Auf die Antwort zu Frage 23 wird verwiesen.
25. Inwieweit teilt die Bundesregierung die Auffassung der EU-Kommission,
die der Ukraine attestiert, alle technischen und politischen Bedingungen für
die Visafreiheit zu erfüllen (
www.dw.com/de/eu-visa-pflicht-f%C3%B
Crt%C3%BCrken-bleibt-vorerst/a-19320868)?
Die Bundesregierung teilt die Auffassung der Europäischen Kommission, dass
die Ukraine alle für die vier Themenblöcke festgelegten Zielvorgaben ihres
Aktionsplans zur Visaliberalisierung erfüllt.
26. Inwieweit definiert die Ukraine nach Kenntnis der Bundesregierung in ihrem
„Anti-Terror-Gesetz“ Terror ähnlich wie viele EU-Länder, so dass sich
dieses im Einklang mit EU-Recht befindet (
http://zakon4.rada.gov.ua/laws/
show/638-15/print1390144709543656)?
Gemäß Artikel 1 des ukrainischen Gesetzes „Über den Kampf gegen den
Terrorismus“ ist Terrorismus definiert als „gemeingefährliche Handlungen, die in
bewusster, zielgerichteter Gewaltanwendung durch Geiselnahmen,
Brandstiftungen, Morde, Folter oder Einschüchterung der Bevölkerung und der Behörden oder
sonstigen Anschlägen auf Leib oder Leben unschuldiger Menschen oder in der
Androhung von Gewalttaten zum Erreichen verbrecherischer Ziele bestehen.“
Die Europäische Kommission führt in ihrem ersten Bericht über die Umsetzung
des Aktionsplans zur Visaliberalisierung durch die Ukraine vom 16. September
2011 (SEC(2011) 1076 final) aus, dass die Ukraine in Bezug auf den Kampf
gegen den Terrorismus die weit überwiegende Mehrzahl der UN- und
Europaratskonventionen ratifiziert und in Kraft gesetzt hat.
27. Inwieweit wird nach Kenntnis der Bundesregierung das „Anti-Terror-
Gesetz“ der Ukraine über Vorschriften bezüglich der „Antiterror-Operation“
aufgeweicht, die einen bestimmten geringeren Tatbeitrag betreffen, so dass
Staatsanwälte auch Aufrufe zur Kriegsdienstverweigerung als Propaganda
oder z. B. „Behinderung der Tätigkeit der ukrainischen Streitkräfte“
umdeuten, wie es bei dem 49-jährigen Fernsehjournalisten Ruslan Kotsaba der Fall
war (
www.deutschlandfunk.de/haftstrafe-fuer-ukrainischen-kriegsreporter-
unerwuenschte.1773.de.html?dram:article_id=356382)?
Das ukrainische „Anti-Terror-Gesetz“ definiert die Begriffe „Terrorismus“ und
„terroristischer Akt“ und setzt sie in Verbindung mit bestimmten Vorschriften des
Strafgesetzbuches. Weitere Vorschriften sind der Bundesregierung nicht bekannt.
Der Journalist Ruslan Kotsaba wurde vom Berufungsgericht in Ivano-Frankivsk
am 14. Juli 2016 freigesprochen.
Deutscher Bundestag – 18. ahlperiode – 11 – Drucksache 18/9326
28. Inwieweit teilt die Bundesregierung die Auffassung der EU-Kommission,
die dem Kosovo attestiert, alle technischen und politischen Bedingungen für
die Visafreiheit zu erfüllen (
www.zeit.de/news/2016-05/04/eu-
bruesselempfiehlt-auch-visa-freiheit-fuer-das-kosovo-04182003)?
In ihrem Vierten Bericht über die Fortschritte Kosovos bei der Erfüllung der
Vorgaben des Fahrplans für die Visaliberalisierung vom 4. Mai 2016 (COM (2016)
276 final) stellt die Europäische Kommission fest, dass Kosovo die Erfordernisse
seines Fahrplans zur Visaliberalisierung („Roadmap“) erfüllt habe, mit der
Maßgabe, dass Kosovo zum Zeitpunkt der Annahme dieses Vorschlags durch das
Europäische Parlament und den Rat das Abkommen über die Festlegung des
Verlaufs der Grenze zu Montenegro ratifiziert und seine Ergebnisse bei der
Bekämpfung der organisierten Kriminalität und der Korruption verbessert hat.
Nach Kenntnis der Bundesregierung ist das Grenzabkommen zwischen Kosovo
und Montenegro noch nicht ratifiziert worden. Eine aktuelle schriftliche
Bestandsaufnahme über die Bekämpfung von organisierter Kriminalität und
Korruption in Kosovo liegt der Bundesregierung nicht vor.
29. Welche Kriterien bzw. Bedingungen muss das Kosovo erfüllen, um alle
technischen und politischen Bedingungen für die Visafreiheit zu erfüllen (bitte
auflisten)?
Auf die Antwort zu Frage 28 wird verwiesen.
30. Inwieweit trifft es nach Kenntnis der Bundesregierung zu, dass insbesondere
die fünf EU-Mitgliedstaaten (Rumänien, Griechenland, Spanien, Zypern und
die Slowakei), die das Kosovo nicht völkerrechtlich anerkannt haben, der
Aufhebung der Visapflicht entgegenstehen, weil die von den aktuellen
kosovarischen Behörden ausgestellten Reisepässe nicht gültig sind und man mit
einem kosovarischen Reisepass nicht einreisen kann wie im Fall Spaniens
(
www.exteriores.gob.es/Consulados/HAMBURGO/de/InfoAus/Paginas/
Einreisebestimmungen.aspx)?
Der Bundesregierung ist bekannt, dass EU-Mitgliedstaaten, die Kosovo
völkerrechtlich nicht anerkennen, kosovarische Reisepässe nicht anerkennen. Die
Entscheidung über die Visafreiheit berührt nicht die Standpunkte der Mitgliedstaaten
zum Status Kosovos und steht im Einklang mit der Resolution 1244/1999 des
VN-Sicherheitsrates und dem Gutachten des Internationalen Gerichtshofs zur
Unabhängigkeitserklärung Kosovos.
31. Inwieweit teilt die Bundesregierung die Auffassung der Fragestellerinnen
und Fragesteller, dass ungeachtet der Nichtanerkennung einiger EU-Staaten,
durch den Prozess zur Visaliberalisierung das Kosovo entgegen dem
Wunsch dieser EU-Staaten faktisch wie ein völkerrechtlich anerkannter Staat
behandelt wird?
Die Rechtsauffassungen der EU-Mitgliedstaaten zum völkerrechtlichen Status
von Kosovo sind nicht einheitlich. Die Europäische Kommission stellt in ihrem
vierten Fortschrittsbericht zur Visaliberalisierung vom 4. Mai 2016 klar, dass der
Visadialog die diesbezügliche Rechtsposition der EU-Mitgliedstaaten unberührt
lässt.
r cksac e 18/9326 – 12 – Deutscher Bundestag – 18. Wahlperiode
32. Inwieweit teilt die Bundesregierung die Auffassung, vor dem Hintergrund
der aktuellen Migrationslage in der EU und des erfolgreichen Abschlusses
der Dialoge über die Liberalisierung der Visabestimmungen mit Georgien,
der Ukraine, Kosovo und der Türkei, dass der bestehende Mechanismus zur
Aussetzung der Visumbefreiung nicht die notwendige Flexibilität bietet, um
in bestimmten Notlagen tätig zu werden (
http://ec.europa.eu/transparency/
regdoc/rep/1/2016/DE/1-2016-290-DE-F1-1.PDF)?
33. Teilt die Bundesregierung die Auffassung, dass die möglichen Gründe für
eine Aussetzung zu eng gefasst sind, so dass zum Beispiel der Fall nicht
berücksichtigt ist, dass ein Drittland bei der Rückübernahme von
Drittstaatsangehörigen, die durch das betreffende Drittland gereist sind, nicht mit der
Union zusammenarbeitet, obwohl ein zwischen der Union oder einem
Mitgliedstaat und dem betreffenden Drittland geschlossenes
Rückübernahmeabkommen eine Rückübernahmepflicht enthält (
http://ec.europa.eu/transparency/
regdoc/rep/1/2016/DE/1-2016-290-DE-F1-1.PDF)?
34. Teilt die Bundesregierung die Kritik, dass nur die Mitgliedstaaten den
Mechanismus zur Aussetzung der Visumbefreiung im Wege einer Mitteilung
auslösen und deshalb künftig auch die Kommission die Initiative ergreifen
können soll (
http://ec.europa.eu/transparency/regdoc/rep/1/2016/DE/1-2016-
290-DE-F1-1.PDF)?
35. Teilt die Bundesregierung die Kritik, dass die Bezugszeiträume und die
Fristen zu lang sind, um eine rasche Reaktion in Notlagen zu ermöglichen (http://
ec.europa.eu/transparency/regdoc/rep/1/2016/DE/1-2016-290-DE-F1-1.PDF)?
Die Fragen 32 bis 35 werden zusammen beantwortet.
Mit Blick auf die Entwicklung der Flüchtlingssituation in der EU seit Anfang
2015 hält die Bundesregierung einen effizienten Mechanismus zur Aussetzung
der Aufhebung der Visapflicht für erforderlich. Der bisherige Mechanismus in
Artikel 1a der Verordnung (EG) Nr. 539/2001 vom 15. März 2001 (EG-Visum-
VO) erfüllt diese Anforderungen aus Sicht der Bundesregierung nicht. Dies gilt
insbesondere hinsichtlich der Bedingung im bisherigen Mechanismus, die das
Vorliegen einer „Notlage, die ein Mitgliedstaat allein nicht beheben kann“, für
dessen Auslösung verlangt. Die von der Europäischen Kommission
vorgeschlagene Fortentwicklung des bestehenden Mechanismus soll es ermöglichen, die
Befreiung von der Visumpflicht für Staatsangehörige von Drittstaaten bei Vorliegen
bestimmter objektiver Umstände in einem transparenten Verfahren schneller und
effektiver als bisher (vorübergehend) auszusetzen. Zudem wurde ein Monitoring-
Mechanismus für die Zeit nach der Visaliberalisierung hinzugefügt, um die
fortwährende Einhaltung der Voraussetzungen für die Aufhebung der Visapflicht
abzusichern.
Die Bundesregierung teilt die Auffassung, dass mangelnde Kooperation eines
Drittstaates bei der Rückübernahme Drittstaatsangehöriger trotz eines hierzu
verpflichtenden Rückübernahmeabkommens einen möglichen Grund zur
Aussetzung der Aufhebung der Visapflicht darstellen sollte.
Die Bundesregierung ist der Ansicht, dass künftig auch die Europäische
Kommission die Initiative zur Aussetzung der Visaliberalisierung ergreifen können
sollte. Ferner erachtet die Bundesregierung kürzere Fristen und Bezugszeiträume
für eine Aussetzung der Visaliberalisierung für sinnvoll.
Deutscher Bundestag – 18. ahlperiode – 13 – Drucksache 18/9326
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ISSN 0722-8333]