[Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend vom 1. September 2016 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Deutscher Bundestag Drucksache 18/9538
18. Wahlperiode 05.09.2016
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke, Jan Korte, Frank Tempel,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE.
– Drucksache 18/9337 –
Qualitätsstandards der Bundesprogramme im Bereich Linksextremismus
bzw. linke Militanz
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Seit dem 1. Januar 2015 läuft das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ Es
sieht sich als Fortsetzung der Bundesprogramme „Toleranz fördern –
Kompetenz stärken“ und des umstrittenen Bundesprogramms „Initiative Demokratie
stärken“. Während im früheren Bundesprogramm „Initiative Demokratie
stärken“ Projekte im Bereich des so genannten Linksextremismus gefördert
wurden, ist im gegenwärtigen Bundesprogramm vor allem von „linker Militanz“ die
Rede. In der Evaluation des Programms „Initiative Demokratie stärken“ hatte
insbesondere im Bereich der Projekte zum Linksextremismus wurden teils
schwere Mängel beanstandet.
Laut der Internetseite „Demokratie leben!“ werden aktuell drei Modellprojekte
zur Radikalisierungsprävention im Bereich „linke Militanz“ gefördert. Eines
davon ist das Projekt „Beratungs- und Bildungsstelle ‚Annedore‘ für Demokratie,
Recht und Freiheit“ der Stiftung SPI – Sozialpädagogisches Institut Berlin
„Walter May“. Der Träger richtet sich an Multiplikatorinnen und
Multiplikatoren der Bildungs- und Jugendarbeit.
Ein weiteres Projekt wird von Minor – Projektkontor für Bildung und Forschung
e. V. mit dem Titel „Frontaldiskurs – Konfrontationen die Stirn bieten mit
Medien, Kunst und Kultur“ durchgeführt. Bereits im Bundesprogramm „Initiative
Demokratie stärken“ war der Träger mit einem Projekt gegen Linksextremismus
vertreten. In den Reflexionen über das Präventionsprojekt gegen
Linksextremismus (2011 bis 2014) räumt der Träger erhebliche Schwierigkeiten ein, die
Zielgruppe zu erreichen, und arbeitete nicht wie vorgesehen mit explizit linken
Jugendlichen, sondern mit heterogenen Zielgruppen. Dies bewertete die
wissenschaftliche Begleitung wie folgt: „Mit dieser Umsteuerung verliert das Projekt
– aus Sicht der Wissenschaftlichen Begleitung – allerdings an Kontur“
(Ergebnisbericht der Wissenschaftlichen Begleitung des Bundesprogramms „Initiative
Demokratie stärken“, Berichtszeitraum 1. Januar 2013 bis 31. Dezember 2013,
S. 94).
Das dritte Projekt wird von der Stiftung Gedenkstätte Berlin-
Hohenschönhausen mit dem Titel „Linke Militanz in Geschichte und Gegenwart. Aufklärung
gefährdeter Jugendlicher über Linksextremismus und Gewalt“ umgesetzt. Auch
dieser Träger führte ein ähnliches Projekt im Programm „Initiative Demokratie
stärken“ durch. Dieses Projekt wurde von der wissenschaftlichen Begleitung
durchweg negativ bewertet. So heißt es bspw.: „Durch die offenbar
weitreichend einseitige Materialauswahl und die suggestive Verbindung von
Kontinuitäten zwischen einem totalitären Kommunismus und aktuellen
Erscheinungsformen des ‚Linksextremismus‘ entsteht aus Sicht der Wissenschaftlichen
Begleitung in der Projektpraxis die Problematik normativer Parteilichkeit. Mag
Parteilichkeit als Prinzip der Erinnerungsarbeit an historischen Orten, denen es
neben der Wissensvermittlung auch um das Gedenken an die Opfer von Unrecht
geht, legitim und geboten sein, so ist sie als Prinzip politischer Bildung aufgrund
der Pauschalität der vermittelten Inhalte problematisch. Entsprechende
fachliche Grenzziehungen und Sensibilitäten waren in den beobachteten
Seminarsequenzen nur bedingt erkennbar“ (Ergebnisbericht der Wissenschaftlichen
Begleitung des Bundesprogramms „Initiative Demokratie stärken“,
Berichtszeitraum 1. Januar 2013 bis 31. Dezember 2013; S. 81). Zudem moniert die
Wissenschaftliche Begleitung „gesteuerte Beweisführung“ und „wenige
Methodenwechsel, durch Formate des Frontalunterrichts und eine die Diskussion stark
wertend kommentierende und hierdurch inhaltlich lenkende Rolle der
Workshop-Leiterin bzw. des Workshop-Leiters“ (ebd., S. 80).
1. Gibt es bereits einen Zwischenbericht der wissenschaftlichen Begleitung zu
den jeweiligen Programmsäulen im Programm „Demokratie leben!“?
Wenn ja, warum wurde er noch nicht veröffentlicht?
Wenn nein, wann ist mit der Fertigstellung und Veröffentlichung zu
rechnen?
Das Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus,
Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ wird sowohl in den Programmbereichen B, C,
D und E als auch als Ganzes durch das Deutsche Jugendinstitut wissenschaftlich
begleitet und evaluiert.
Die ersten Zwischenberichte zu den Programmsäulen B, C, D und E, die in erster
Linie eine Bewertung auf Grundlage der Konzeptanalysen vornehmen, werden in
Kürze veröffentlicht. Die Veröffentlichung des Abschlussberichts der
wissenschaftlichen Begleitung und Programmevaluation erfolgt nach Abschluss des
Bundesprogramms.
2. Welche Summen beantragten die Projekte aus dem Programmbereich
„Modellprojekte zur Radikalisierungsprävention“?
Welche Mittel wurden ihnen zur Verfügung gestellt, und welche wurden
bisher abgerufen (bitte pro Jahr und Projekt auflisten)?
Eine Übersicht der erfragten Summen findet sich in der Anlage.
3. Aus welchen Gründen fördert die Bundesregierung
Deradikalisierungsprogramme gegen linke Militanz?
Die Förderung von Modellprojekten zur Radikalisierungsprävention im
Themenfeld „linke Militanz“ ist fokussiert auf die Erprobung unterschiedlicher Wege der
Zugangserschließung zu linken, militanzaffinen jungen Menschen und zu jungen
Menschen in entsprechenden Risikokontexten sowie auf die Entwicklung jeweils
jugend- und zielgruppenadäquater, modellhafter pädagogischer Angebote.
a) Wie beschreibt die Bundesregierung das Problem der linken Militanz?
Formen linker Militanz treten in unterschiedlichen Bereichen (z. B.
Antikapitalismus) oder als jugendkulturelle Ausdrucksform auf. Die Ursachen von Militanz
können dabei ein Ausdruck von radikaler Systemopposition und
Demokratiefeindschaft, die Folge eskalierender Konflikte zwischen politischen Gruppen, die
Folge eines situativ eskalierenden Protestgeschehens auf Demonstrationen, oder
auch – losgelöst von politischen Zielen – ein Attraktivitätsmoment für die
Teilnahme an Protestereignissen sein. Diese heterogenen Ausprägungen und
Ursachen können wichtige Anknüpfungspunkte für die präventive Arbeit von
Modellprojekten bilden.
b) Gibt es erprobte Präventionsstrategien gegen linke Militanz, auf die die
Projekte aufbauen können?
c) Gibt es in der Wissenschaft Reflexionen zu Deradikalisierung, die sich –
neben Islamismus und Rechtsextremismus – mit linker Militanz
beschäftigen?
Wenn ja, welche?
d) Worin sieht die Bundesregierung Vorteile der Deradikalisierung linker
Militanz gegenüber der umstrittenen Linksextremismusprävention?
Die Fragen 3b bis 3d werden aufgrund des Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Anstelle von geschlossenen Weltbildern oder miteinander in ihrer Gegnerschaft
gegenüber der Demokratie verbundenen Organisationsstrukturen werden im
Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und
Menschenfeindlichkeit“ problematische Phänomene als Ausdruck
gesellschaftlichen Protestgeschehens und gesellschaftlicher Protestkulturen in der
Jugendphase verortet. Protest und Protestbewegungen sind nicht per se problematisch,
sondern Ausdruck einer Zivilgesellschaft, die die Kontroversität von Positionen
in pluralistischen Gesellschaften spiegelt und ihre Anliegen mehrheitlich mit
demokratischen Mitteln zum Ausdruck bringt.
In einigen Protestbewegungen gab und gibt es immer wieder Debatten um die
Rolle von Gewalt und den Umgang mit politischen Gegnern und der Staatsgewalt,
in deren Folge sich immer wieder neben gewaltfrei-aktionistischen auch
gewaltbefürwortende und militante Strömungen ausbilden. Solche szeneinternen
Militanzdebatten existieren in den unterschiedlichen Themenfeldern wie
Antifaschismus, Antikapitalismus und Anti-Imperialismus oder in politisch polarisierten
Fußballfanszenen.
Damit rücken auch Aspekte gesellschaftlichen Protestgeschehens in der
Jugendphase in den Fokus, die z. T. auch gewaltaffine und gewalttätige Ausprägungen
umfassen und unterschiedliche Ursachen (wie z. B. situative Dynamiken) haben
können.
Die pädagogische Arbeit in diesem Themenfeld kann zum Teil auf den
Erfahrungen des Bundesprogramms „Initiative Demokratie stärken“ aufbauen. Die
wissenschaftliche Begleitung dieses Bundesprogramms kam zu dem Ergebnis, dass
im Programmverlauf einzelne Modellprojekte konkretisierende oder auf
Einzelphänomene abzielende Ansätze realisierten, um in spezialisierten Szenediskursen
zu agieren und linksaffine bis linksmilitante Zielgruppen durch politische
Bildungsprozesse zu erreichen (vgl. Gesamtbericht der Wissenschaftlichen
Begleitung des Bundesprogramms „Initiative Demokratie stärken“, Berichtszeitraum
1. Januar 2011 bis 31. Dezember 2014).
Das Forschungsfeld zu „Linke Militanz“ ist insgesamt begrenzt (was u. a. auch
an schwierigen Feldzugängen im Themenfeld liegt (vgl. Glaser 2013 in
Schultens/Glaser 2013).
Die wenigen aktuellen Forschungsarbeiten zum Thema legen den Schwerpunkt
auf die Analyse des Phänomens „Linke Militanz“, thematisieren jedoch die Frage
des Umgangs nicht oder nur am Rande. Jugendliche in militanten linken
Gruppierungen werden dabei vor allem im Kontext der Protest- und
Bewegungsforschung untersucht. Studien und wissenschaftliche Publikationen, die sich in
jüngerer Zeit mit dem Thema beschäftigt haben, sind u. a. Schuhmacher (2014),
Hildebradt u. a. ( 2015 ) und Heiland/Keupp/Straus (2013) sowie Schultens/
Glaser (2013).
4. Welche Zwischenergebnisse des Projekts der Stiftung SPI „Beratungs- und
Bildungsstelle ‚Annedore‘ für Demokratie, Recht und Freiheit“ sind der
Bundesregierung bekannt?
a) Wie viele Maßnahmen gegen linke Militanz konnte der Träger bereits
umsetzen?
Welche Ansätze wurden dabei verfolgt?
b) Berät der Träger im Rahmen des Projekts auch zu anderen Phänomenen
(wie bspw. Rechtsextremismus)?
Wenn ja, zu welchen Anteilen, und warum wird das Projekt als eines
gegen linke Militanz gelistet?
Die Fragen 4a und 4b werden aufgrund des Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Bislang fanden zwei Workshops im Mai und Oktober 2015 statt. Es wurden
24 Lehrer und Lehrerinnen erreicht.
Im Rahmen der Projektumsetzung wurden inhaltliche und methodische Module
zu Wissensvermittlung über Radikalisierungsprozesse, der parlamentarischen
Demokratie, Grundwerten der Demokratie und den Phänomenbereichen Linke
Militanz, Rechtsextremismus und islamistischen Extremismus erstellt. Die
Module wurden in ein generelles Workshop-Konzept gefasst, das bezüglich des
Umfangs und der Inhalte modifizierbar ist und entsprechend der jeweiligen
Zielgruppe und deren Bedarfen vor Ort optimiert wird. Ziel ist die Übertragung von
Arbeitsansätzen der mobilen Beratungsarbeit für Demokratieentwicklung gegen
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF) auf die Entwicklung und
Erprobung von Inhalten und Methoden der Fortbildungsarbeit zur
Demokratieförderung gegen ideologisch motivierte Delinquenz und politische Militanz junger
Menschen.
Es wird ein breiter Ansatz der Radikalisierungsprävention, der sich nicht sofort
nach einem politischen Phänomenbereich ausrichtet, sondern die Stärkung von
Demokratiekompetenz ins Auge fasst, verfolgt. Der Träger entwickelt einen
Ansatz, Erscheinungsformen ideologisch motivierter Gewaltbereitschaft und
militanter Systemfeindlichkeit im Zusammenhang zu bearbeiten, und nicht nach
Phänomenbereichen „rechtsextremistisch“, „islamistisch“ sowie „linke Militanz“ zu
trennen. Die Phänomene stehen in Wechselwirkung zueinander und gehen z. T.
ineinander über.
Zentraler Gedanke ist dabei, nicht gegen einzelne Erscheinungsformen
vorzugehen, sondern für die Achtung von Menschenrechten, für konstruktive
bürgerschaftliche Teilhabe und Beteiligung sowie für das Rechtsstaatsprinzip und das
„rechtsstaatlich eingehegte“ Gewaltmonopol des demokratischen
Verfassungsstaates einzutreten.
Der Träger verfolgt einen breiten Ansatz der Radikalisierungsprävention, der
auch die Bereiche Rechtsextremismus und islamistische Orientierungen und
Handlungen einschließt.
c) Welche Zielgruppen möchte der Träger in seinem aktuellen Projekt
erreichen, und wie strebt er dies an?
Die Hauptzielgruppe des Modellprojekts sind Multiplikatorinnen und
Multiplikatoren insbesondere aus den Bereichen Schule und Jugendarbeit,
Jugendsozialarbeit und der Präventionsarbeit mit jungen Menschen. Im Rahmen einzelner
Maßnahmen und Prozessbegleitungen wird in Kooperation mit Akteuren der
Zielgruppe und direkt mit jungen Menschen in den Schulen und Einrichtungen
gearbeitet. Die Zielgruppenansprache soll in erster Linie über bestehende Kontakte,
Arbeitsbeziehungen und Netzwerke erfolgen.
d) Welche Vorerfahrungen hat der Träger im Themenfeld „linke Militanz“?
Seit 2001 ist der Träger mit seinem Projekt „Mobiles Beratungsteam >>
Ostkreuz<< für Demokratieentwicklung, Menschenrechte und Integration“ in der
Beratungsarbeit für Demokratieentwicklung – gegen Gruppenbezogene
Menschenfeindlichkeit (GMF) und politischen Autoritarismus tätig. Daneben betreibt
der Träger das Projekt „POLIS* - Bezirkliche Koordinierungsstelle für
Demokratieentwicklung am Ort der Vielfalt Marzahn-Hellersdorf“ und die ehemalige
Koordinierungsstelle des Lokalen Aktionsplans Hellersdorf Nord/Ost. Auch die
Niederlassung Brandenburg setzt sich mit extremistischen Bestrebungen
auseinander.
Angesichts der multidimensionalen Konfliktlage wird die Beratung von
Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zur Auseinandersetzung mit verschiedenen
Erscheinungsformen von GMF und politischem Autoritarismus dabei nicht nach
verschiedenen Phänomenbereichen getrennt, sondern integriert betrachtet.
Im Rahmen angebotener Beratungsarbeit u. a. im Rahmen von „Schule ohne
Rassismus – Schule mit Courage“ wurden nicht nur Erfahrungen mit jungen
Menschen gesammelt, die Dispositionen für rechtsextreme und islamistische
Orientierungen aufwiesen, sondern auch mit in der (Selbst-)Wahrnehmung links
positionierten Jugendlichen.
Diese wiesen oftmals Merkmale eines „autoritären Charakters“,
Verschwörungstheorien, ideologisch motivierter Gewaltaffinität und politischer Militanz auf.
e) Welche Problembeschreibung von linker Militanz nimmt der Träger vor,
und welche Präventions- bzw. Deradikalisierungsstrategien verfolgt er?
Insgesamt ist in der Statistik der Berliner Polizei ein Anstieg politisch motivierter
Kriminalität sowohl „rechts“ als auch „links“ zu verzeichnen. Bezüglich der
Bedarfseinschätzung für Maßnahmen zur Prävention ideologisch motivierter
Delinquenz und politischer Militanz junger Menschen, welche die GMF-Prävention
ergänzen könnten, sind insbesondere die in der amtlichen Statistik aufgeführten
Straftaten gegen politische Gegner oder Straftaten gegen die Polizei relevant.
Straftaten (darunter auch Gewaltdelikte) gegen politische Gegner machen einen
Handlungsbedarf im Sinne einer Miteinbeziehung und Bearbeitung u. a. der
Themenfelder „Konstruktion von Feindbildern“, „Entmenschlichung der politischen
Gegner“, „Akzeptanz von Pluralismus“, „Ambiguitätstoleranz“ und
„Menschenrechte als Rechte und Freiheiten der Andersdenkenden“ notwendig. Aus den
Straftaten gegen die Polizei ergibt sich ein Handlungsbedarf bezüglich u. a. der
Themenfelder „staatliches Gewaltmonopol“, „Rechtsstaatsprinzip“, „Funktion
und Aufgaben der Polizei“, „Demokratische Partizipation“, „Protest“,
„Versammlungsfreiheit“, „legitimer und illegitimer Widerstand“.
Diese Themenfelder sind relevant für die Präventionsarbeit gegen politische
Radikalisierungen, da sie Bausteine eines Radikalisierungsprozesses (in jeweils
spezifischer Form) sein können.
5. Welche Zwischenergebnisse des von Minor – Projektkontor für Bildung und
Forschung e. V. mit dem Titel „Frontaldiskurs – Konfrontationen die Stirn
bieten mit Medien, Kunst und Kultur“ umgesetzten Projekts sind der
Bundesregierung bekannt?
a) Welche Zielgruppen möchte der Träger in seinem aktuellen Projekt
erreichen, und wie strebt er dies an?
b) Welche Vorerfahrungen hat der Träger im Themenfeld „linke Militanz“?
Die Fragen 5a und 5b werden aufgrund des Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Zielgruppe sind junge Menschen, die im Begriff sind sich zu radikalisieren und
dabei insbesondere Jugendliche, deren radikale und extremistische Einstellungen
dem linken Spektrum zuzuordnen sind. Der Zugang zur Zielgruppe erfolgt über
lokale Kooperationspartner wie Jugendeinrichtungen, Schulen, Träger der
Jugendarbeit etc. mit (teilweise) linksaffinem Klientel.
Das Auswahlkriterium für die sogenannten Teilprojekte ist das Vorhandensein
von Konfrontationsdynamiken in Sozialräumen, an denen linksaffine Jugendliche
teilhaben. Die sogenannten Teilprojekte finden in Sozialräumen statt, in denen
eine stabile linke Szene vorhanden ist und/oder Konflikt-/
Konfrontationskonstellationen mit anderen jugendkulturellen Szenen (v. a. rechtsextreme Gruppen)
vorliegen.
Das Vorgehen soll mit fortschreitender Projektlaufzeit auch eine Einbindung der
Jugendgruppen, zu denen das konflikthafte/eskalierte Verhältnis besteht,
enthalten.
Der Träger verfügt im Themenfeld Radikalisierungsprävention über
wissenschaftliche Expertise sowie über langjährige praktische Erfahrung.
Schwerpunkt der politischen Bildungsarbeit sind präventive Aktivitäten sowohl mit
rechtsextrem bzw. rechtsradikal orientierten als auch linksmilitanten
Jugendlichen und jungen Erwachsenen, insbesondere in Jugendeinrichtungen und im
Strafvollzug.
Im Rahmen des Bundesprogramms „Initiative Demokratie Stärken“ wurde im
Programmbereich „Linksextremismus“ das Modellvorhaben „Kulturschock“
umgesetzt. Bei dem Modellprojekt „Frontaldiskurs“ handelt es sich um eine
Weiterentwicklung dieses Ansatzes.
c) Welche Problembeschreibung von linker Militanz nimmt der Träger vor,
und welche Präventions- bzw. Deradikalisierungsstrategien verfolgt er?
Nach Einschätzung des Trägers sind linksextremistisch bzw. linksradikal
orientierte Meinungen und Einstellungen von Jugendlichen in vielen Settings
verbreitet.
Sie reichen von Randmeinungen einzelner Jugendlicher in Schule und Freizeit
über Teilgruppen in gemischten Milieus bis zu wenigen homogenen
linksmilitanten Gruppen in Großstädten. In den meisten Fällen liegt diesen Haltungen kein
geschlossenes Weltbild zugrunde. Vielmehr basieren nach Einschätzung des
Zuwendungsempfängers radikale und extremistische Meinungen und Einstellungen
von Jugendlichen überwiegend auf verkürzten und/oder ideologisierten
Antworten auf legitime Fragen – etwa nach gesellschaftliche Gerechtigkeit,
Vermögensverteilung, Bildungschancen, Teilhabe an demokratischen Entscheidungen oder
globaler Politik. Diese Fragen als von einem echten Interesse an einer positiven
Gesellschaftsentwicklung motiviert anzuerkennen, ist Grundlage des
Modellprojektvorhabens. Zielstellungen im Bereich Deradikalisierung beziehen sich daher
insbesondere auf Problematiken hinsichtlich der Negierung der rechtsstaatlichen,
demokratischen Grundordnung sowie der Anerkennung bis hin zur Anwendung
von Gewalt als Mittel des Umgangs mit Konflikten bzw. der politischen
Auseinandersetzung. Das Projekt verfolgt im Wesentlichen den Ansatz der sekundären
Prävention, es wendet sich an konkrete, identifizierbare, gefährdete Personen und
Gruppen. Ferner ist der Ansatz sozialraumorientiert, er hat lokale
Konfrontationsdynamiken zum Ausgangspunkt.
Mit dem Modellvorhaben sollen insbesondere Jugendliche die Möglichkeit
bekommen, die eigene Frontstellung gegenüber anderen Gruppen und die damit ggf.
verbundene Gewalt zu verlassen sowie alternative Ausdrucksmöglichkeiten zu
nutzen.
Das methodische Instrumentarium basiert auf einer Verknüpfung von politischer
Bildung mit medien-, kunst- und kulturpädagogischen Methoden.
Das Modellprojektvorhaben entwickelt dabei Methoden für alternative
Umgangsmöglichkeiten mit kurzfristigen Konfrontationsdynamiken politischer
Aktionsformen (Demonstrationen, Blockaden, Besetzungen etc.) und für langfristig
verfestigte Frontstellungen zwischen Jugendgruppen.
6. Hat die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen in ihrem Antrag für das
Projekt mit dem Titel „Linke Militanz in Geschichte und Gegenwart.
Aufklärung gefährdeter Jugendlicher über Linksextremismus und Gewalt“ Bezug
auf die in der Vorbemerkung angeführte Kritik der Wissenschaftlichen
Begleitforschung an seinem früheren Projekt genommen?
Wenn ja, wie plant der Träger zu gewährleisten, diese Kritikpunkte in seinem
aktuellen Projekt nicht mehr zu wiederholen?
Wenn nein, gibt es fachliche Auflagen der Bundesregierung an den Träger,
die Kritikpunkte der Wissenschaftlichen Begleitung zu berücksichtigen?
a) Inwiefern ist das aktuell geförderte Projekt innovativ und neu?
Worin bestehen die Unterschiede zum Vorgängerprojekt?
Modellprojekte im Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktive gegen
Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ dienen der Erprobung und
Weiterentwicklung pädagogischer Ansätze und Methoden zur
Radikalisierungsprävention und Demokratiestärkung. In diesem Kontext ist auch das genannte
Modellprojekt so konzipiert, dass eine stetige Weiterentwicklung und
Evaluierung des methodischen Vorgehens erfolgt.
Im Sachbericht zum Förderjahr 2013 wird deutlich, dass der Projektträger
selbstkritisch mit dem eigenen Vorgehen umgeht und Herausforderungen bei der
Projektumsetzung analysiert. Zudem geht er in einem weiteren Evaluationsbericht
auf die Kritik externer und interner Sachverständiger ein.
Der Antrag für das Förderjahr 2015 im Bundesprogramm „Demokratie leben“
greift ebendiese Herausforderungen auf und entwickelt das aktuell laufende
Modellprojekt insgesamt weiter.
Dabei wird explizit auf erkannte Probleme bei der Umsetzung der vorherigen
Förderperiode eingegangen und ein stark empirisch ausgerichteter Zugang zur
Thematik gewählt.
Der Träger wurde darauf hingewiesen, das Projektkonzept vor dem Hintergrund
weiterzuentwickeln und auf die Kritik eingehend zu optimieren.
b) Welche Zwischenergebnisse des Projekts sind der Bundesregierung
bekannt?
Der Sachbericht zum Förderjahr 2015 gibt an, dass ca. 3 621 Teilnehmende
erreicht werden konnten und die Inhalte der Seminare laufend aktualisiert werden.
In interaktiven Rollenspielen werden die Teilnehmenden dazu befähigt,
linksmilitante Argumentationsmuster zu erkennen und für die Probleme, die in diesem
Zusammenhang entstehen können, sensibilisiert. Die Ziele aus dem Antrag
konnten im Förderjahr 2015 erreicht werden, es wurden zwei neue Themenmodule
erprobt und in Zusammenarbeit mit der pädagogischen Arbeitsstelle der
Gedenkstätte weiterentwickelt. Zudem recherchierte der Projektträger in
Zusammenarbeit mit dem Deutschen Jugendinstitut mögliche Interventionsformate zum
Thema „Linke Militanz im Internet“. Eine verstärkte Zusammenarbeit mit der
wissenschaftlichen Begleitung ist auch im Antrag für das Förderjahr 2016
vorgesehen. Die Zwischenergebnisse zeigen demnach, dass das veränderte Konzept
wie geplant umgesetzt wurde und stetig weiterentwickelt wird.
c) Welche Zielgruppen möchte der Träger in seinem aktuellen Projekt
erreichen, und wie strebt er dies an?
Hauptzielgruppe des Modellprojektes sind junge Menschen, die im Begriff sind,
sich zu radikalisieren.
Zudem richtet es sich an Mitglieder und Sympathisanten radikalisierter
Cliquen/Szenen, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sowie staatliche und
zivilgesellschaftliche Akteure. Die Zielgruppen sollen über Kooperationspartner
(Schulen im gesamten Bundesgebiet und Träger der Jugendhilfe sowie der
sozialen Arbeit) sowie die Öffentlichkeitsarbeit des Trägers erreicht werden.
d) Welche Vorerfahrungen hat der Träger im Themenfeld „linke Militanz“?
Bereits im Rahmen des vorherigen, durch das BMFSFJ geförderte Modellprojekt
zu aktuellen Themen des Linksextremismus erkannte der Träger eine hohe
Nachfrage nach Seminarangeboten zum Thema „linke Militanz“. Diese Erfahrungen
mit Seminaren im Themenfeld „Linksextremismus“ dienen als Basis für das neu
konzipierte Modellprojekt „linke Militanz“. Durch langjährige Erfahrungen mit
Projekten zu Themen des linken politischen Spektrums verfügt der Träger über
ein hohes Maß an Erfahrungen in dem Themenfeld.
e) Welche Problembeschreibung nimmt der Träger vor, und welche
Präventions- bzw. Deradikalisierungsstrategien verfolgt er?
Als Ausgangspunkt des Handlungsbedarfs beschreibt der Träger einen
erkennbaren Anstieg von Straftaten, die dem Bereich der linken Militanz zuzuordnen sind.
Empirisch unterlegt wird dies mit Erkenntnissen aus aktuellen
Verfassungsschutzberichten. Zudem berichtet der Träger von einem ausgeprägten Niveau an
Straftaten in Berlin, die dem linksextremen Spektrum zuzuordnen sind. Um
diesen Entwicklungen präventiv zu begegnen, sollen sich Jugendliche mit
linksradikalen Politikkonzepten auseinandersetzen, zudem soll ihnen die Möglichkeit
gegeben werden, sich eingehend mit der Thematik auseinanderzusetzen.
f) Wie differenziert der Träger zwischen linker Militanz und
Linksextremismus?
Die Anträge sowie die Sachberichte des Projektträgers fordern keine fachliche
Unterscheidung zwischen linker Militanz und Linksextremismus, infolgedessen
finden sich auch diesbezüglich keine Aussagen in den eingereichten Unterlagen.
g) In welcher Höhe erhielt der Träger in den Jahren 2010 bis 2015
Fördergelder aus den Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend?
Für welchen Zweck waren diese bestimmt, und in welcher Höhe wurden
sie abgerufen (bitte pro Jahr aufschlüsseln)?
Bundesprogramm
Initiative Demokratie
Stärken Demokratie leben!
Gesamt
Projekttitel
Präventive Seminararbeit mit
Jugendlichen gegen
Linksextremismus
Linke Militanz in Geschichte und
Gegenwart. Aufklärung gefährdeter
Jugendlicher über Linksextremismus und Gewalt
(geplanter)
Förderzeitraum
01.09.2011 -
31.12.2014
01.01.2015 -
31.12.2019
2011
bewilligt 114.766,00 € 114.766,00 €
abgerufen 114.766,00 € 114.766,00 €
2012
bewilligt 149.937,30 € 149.937,30 €
abgerufen 149.937,30 € 149.937,30 €
2013
bewilligt 149.015,37 € 149.015,37 €
abgerufen 149.015,37 € 149.015,37 €
2014
bewilligt 158.338,00 € 158.338,00 €
abgerufen 158.338,00 € 158.338,00 €
2015
bewilligt 128.000,00 € 128.000,00 €
abgerufen 128.000,00 € 128.000,00 €
2016
bewilligt 130.000,00 € 130.000,00 €
(bisher)
abgerufen 85.000,00 € 85.000,00 €
Gesamt bewilligt 572.056,67 € 258.000,00 € 830.056,67 €
Gesamt ausgezahlt 572.056,67 € 213.000,00 € 785.056,67 €
7. Welche Aktivitäten des Landratsamts Göppingen, Kreisjugendamt, der
Stadtverwaltung Herrenberg, der Stadt Kaufbeuren, Referat 500,
Kaufbeuren aktiv, der Verbandsgemeindeverwaltung Höhr-Grenzhausen, des
Regionalverbands Saarbrücken, Jugendamt Abteilung 51.5, der Einheitsgemeinde
Stadt Genthin und des Altmarkkreises Salzwedel, die allesamt in der
Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE.
auf Bundestagsdrucksache 18/4019 bezüglich der Programmsäule
„Partnerschaften für Demokratie“ als Träger genannt worden sind, sind in Bezug auf
linke Militanz der Bundesregierung bekannt (bitte nach Trägern
aufschlüsseln)?
Keine der benannten Institutionen haben als Träger lokaler Partnerschaften für
Demokratie im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ bislang
Maßnahmen im Themenfeld „linke Militanz“ durchgeführt, obwohl sie dieses
Themenfeld in ihren Unterlagen aufgeführt haben.
8. Sind der Bundesregierung weitere Träger im Rahmen des Bundesprogramms
„Demokratie leben!“ bekannt, die Aktivitäten gegen linke Militanz
entfalten?
Wenn ja, welche Träger und welche Aktivitäten sind das?
Der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin setzt folgendes
Begleitprojekt um:
Das Begleitprojekt Gewaltdiskurse unter Linksradikalen/Linksextreminsten ist
ein Forschungsprojekt zur Analyse von Diskussionen und Auseinandersetzungen
innerhalb und zwischen linksradikalen und linksextremen Gruppen zu politisch
motivierter Gewalt.
Entsprechend soll das Projekt Antworten auf folgende Fragestellungen geben:
Welchen Stellenwert hat politisch motivierte Gewalt in Diskursen der
extremen Linken?
Wie wird Gewaltanwendung prinzipiell und konkret begründet und
gerechtfertigt?
Wo bestehen in der Gewaltfrage die Trennlinien zwischen gemäßigter und
radikaler bzw. extremer gewaltbereiter Linker?
Aus der Analyse sollen Hinweise für aktuelle und zukünftige
Präventionsmaßnahmen eruiert werden.
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Druck: Printsystem GmbH, Schafwäsche 1-3, 71296 Heimsheim,
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ISSN 0722-8333]