[Deutscher Bundestag Drucksache 15/5192
15. Wahlperiode 31. 03. 2005
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung
und Landwirtschaft vom 30. März 2005 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Dr. Christel Happach-Kasan,
Hans-Michael Goldmann, Dr. Karl Addicks, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion der FDP
– Drucksache 15/5152 –
Erfassung von Waldschäden in Deutschland durch den jährlichen
Waldzustandsbericht
Vo r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Seit 1984 erstellt die Bundesregierung in jedem Jahr den Waldzustandsbericht.
In einem repräsentativen Verfahren wird bundesweit auf einem 16 × 16 km-
Netz der Kronenzustand der Bäume erfasst und vier Schadstufen zugeordnet.
Seit 1990 werden die Wälder aller Bundesländer untersucht.
Schon 1984 war das Verfahren umstritten und bekannt dafür, verfälschte Werte
wiederzugeben. 1988 bezeichnete das Magazin „Nature“ den deutschen
Waldzustandsbericht als schlicht falsch und irreführend. 1996 kam ein von 18
führenden Experten erstelltes Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für
Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie einhellig zu dem
Ergebnis, das Verfahren der Waldzustandserfassung sei wegen Unbrauchbarkeit
abzuschaffen.
Dies alles blieb jedoch ohne Auswirkung, obwohl es offensichtlich nicht
möglich ist, durch die Bewertung des Kronenzustands der Bäume die spezifische
Ursache von jährlichen Veränderungen des Waldzustands festzustellen.
Vo r b e m e r k u n g d e r B u n d e s r e g i e r u n g
Die von der Bundesregierung eingesetzte Expertengruppe hat sich mit der
Waldzustandserhebung und dem forstlichen Umweltmonitoring befasst. Im
Waldzustandsbericht der Bundesregierung 1997 (Bundestagsdrucksache 13/9442) ist
ihre Stellungnahme abgedruckt. In der Zusammenfassung wird ausgeführt:
„Der Expertenkreis misst langfristigen Zeitreihen umweltbezogener Daten
große Bedeutung zu. Zeitreihen sind eine wichtige Grundlage insbesondere für
eine Bewertung anthropogener Veränderungen in Wäldern, für
Erfolgsnachweise der Luftreinhaltung und für Prognosen. Es wird nachdrücklich
empfohlen, Übersichtserhebungen (z. B. ergänzte Kronenzustandserhebung,
Bodenzustandserhebung, Waldernährungserhebung) in zweckmäßigen Abständen zu
wiederholen.
Die Expertengruppe stellt fest, dass die visuelle Erfassung der
Kronenverlichtung auch künftig als wesentliches Merkmal zur Beurteilung des Zustandes von
Bäumen herangezogen werden soll. Das Merkmal reagiert empfindlich auf
äußere Stressoren und besitzt Signalcharakter.“
Die Waldzustandserhebung wurde Anfang der 80er Jahre konzipiert, um
großflächig repräsentativ den Waldzustand beurteilen und jährlich eine Information
zur Entwicklung der neuartigen Waldschäden ableiten zu können. Hierzu wurde
unter Beteiligung von Experten aus Bund, Ländern und der Wissenschaft ein
Stichprobenverfahren entwickelt und umgesetzt. Verfahren und
Erhebungsmerkmale wurden entsprechend dem Informationsbedarf, dem Stand von
Wissenschaft und Technik und den finanziellen und personellen Möglichkeiten
von Bund und Ländern entwickelt. Die Kronenzustandserfassung wird ergänzt
durch intensive prozessbezogene Untersuchungen auf
Dauerbeobachtungsflächen. Das Verfahren der Waldzustandserhebung unterliegt einer ständigen
Evaluierung. Die Einsetzung der Expertengruppe war ebenso Ergebnis dieser
laufenden Überprüfung wie neue Forschungsprojekte, z. B. das IFOM-Projekt
(1999 bis 2004, Integrierende Auswertung der Daten des forstlichen
Umweltmonitorings). Die Bedeutung der Kronenverlichtung als ursachenunspezifischer
Ausdruck des Waldzustandes wurde in den letzten 20 Jahren vielfach diskutiert,
ein besseres Merkmal, das sich innerhalb weniger Wochen erheben und
kurzfristig auswerten lässt, jedoch bisher nicht gefunden.
1. Welche Möglichkeiten sieht die Bundesregierung, den Zustand heimischer
Wälder, der derzeit nur einmal jährlich bei Vorstellung des
Waldzustandsberichtes die breite Öffentlichkeit erreicht, über das ganze Jahr hinweg im
Bewusstsein der Bevölkerung zu halten?
Der jährliche Waldzustandsbericht des Bundes ist nur ein Teil einer
umfangreichen Berichterstattung des Bundes und der Länder über den Zustand der
Waldökosysteme bzw. waldpolitische Fragen. Neben dem Bundesbericht werden die
Waldzustandsberichte der Länder sowie der Europäischen Union und der
Europäischen Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen publiziert, alle zu
unterschiedlichen Zeitpunkten. Unabhängig davon unterrichtet die
Bundesregierung über ihre waldpolitischen Vorhaben und Aktivitäten sowie über
besondere waldbezogene Ereignisse. Die forstlichen Forschungs- und
Versuchsanstalten des Bundes und der Länder berichten über aktuelle Befunde aus der
Forschung.
2. Wie steht die Bundesregierung zu der vom renommierten Ökologen
Prof. Heinz Ellenberg, Universität Göttingen, im Jahr 1995 geäußerten
Einschätzung, die nach 1980 begonnenen Erhebungen des Waldzustands
hätten zwar bei allen berücksichtigten Baumarten manche Fluktuationen,
aber keine stetige Zunahme höherer Schädigungsstufen ergeben, und
welche neueren Studien kann die Regierung anführen, die diese Aussage
entkräften?
Es trifft zu, dass die Kronenzustände unserer Hauptbaumarten einer natürlichen
Fluktuation unterliegen. Dies erklärt sich insbesondere durch die von Jahr zu
Jahr sehr unterschiedlichen Einflüsse von Witterung, Fruktifikation und
Schadorganismen (siehe Abschnitt II.3 im Waldzustandsbericht 2004,
„Einflussfaktoren auf den Waldzustand“, Bundestagsdrucksache 15/4500).
Unzutreffend ist allerdings, dass sich keine stetige Zunahme höherer
Kronenverlichtungen ergäbe. Die Entwicklung der Kronenzustände unserer
Hauptbaumarten (dargestellt in Abschnitt II.1 des Waldzustandsberichts 2004) belegt
insbesondere bei den Laubbaumarten Eiche und Buche eine deutliche Zunahme
der Kronenverlichtungen.
3. Wie beurteilt die Bundesregierung die Vergleichbarkeit der in den
Waldzustandsberichten unterschiedlicher europäischer Länder angeführten
Durchschnittswerte der Kronen-Dichte (bzw. Belaubungsdichte)?
Die Bundesregierung sieht die Vergleichbarkeit der Durchschnittswerte der
Belaubungsdichte unterschiedlicher europäischer Länder durch eine europaweit
abgestimmte und in einer EU-Verordnung verbindlich vorgeschriebene
Arbeitsanleitung sowie regelmäßige Maßnahmen zur Datenqualitätssicherung als
sichergestellt an.
4. Wie beurteilt die Bundesregierung heute die zu Beginn der 1990er Jahre
als sehr stark geschädigt eingestuften Wälder Nordskandinaviens, deren
schlechter Zustand damals über einen längeren Zeitraum hinweg die
Medien in Deutschland beherrschte?
Der Bundesregierung liegen derartige Informationen nicht vor. Im Übrigen
wird auf den europäischen Waldzustandsbericht verwiesen, der für die Länder
Schweden und Finnland ein deutlich niedrigeres Schadniveau und für
Norwegen ein ähnliches Schadniveau wie das in Deutschland ausweist. Der Bericht ist
unter
www.icp-forests.org abrufbar.
5. Könnte es sich nach Einschätzung der Bundesregierung bei dieser „starken
Schädigung“ um einen Fehler bei der Waldzustandserfassung gehandelt
haben, der auf eine falsch zugrunde gelegte Standortgunst für den
nordskandinavischen Raum mit einer daraus resultierenden vergleichsweise
hohen Kronenverlichtungsrate zurückzuführen ist?
Siehe Antwort auf Frage 4.
6. Teilt die Bundesregierung die Einschätzung von Experten, dass es für jede
einzelne unserer Waldbaumarten nicht nur einen einzigen Normalzustand
der Kronendichte gibt, wie es die für die Erstellung des
Waldzustandsberichts allgemein angewandte Photoserie glauben lässt, sondern
ungezählte verschiedene Normalzustände, je nach Bodengüte und nach
Standortgunst?
Ja. Aus diesem Grund hat die Arbeitsgemeinschaft Dauerbeobachtungsflächen
der Länder und des Bundes die Photoserie „Waldbäume – Bilderserien zur
Einschätzung von Kronenverlichtungen bei Waldbäumen“ erarbeitet und im
Geleitwort mit folgendem Hinweis versehen:
„Die vorliegenden Bilderserien sollen die Einschätzung von
Kronenverlichtungen erleichtern und vereinheitlichen. … Sie sollen Hilfestellung bei der
Einschätzung von Kronenschäden der wichtigsten Waldbäume geben. Die Serien
sind Beispiele für verschiedene Verlichtungsgrade, sie dürfen jedoch nicht als
absolute Referenz verstanden werden.“
Diese natürliche Vielfalt der Kronenausprägungen steht daher auch stets im
Mittelpunkt der Abstimmungs- und Schulungskurse zu Beginn der jährlichen
Waldzustandserhebungen. Aus diesem Grund wird die Waldzustandserhebung
auch nur von erfahrenem, speziell geschultem Forstpersonal durchgeführt.
Im Übrigen leistet die Photoserie einen wichtigen Beitrag zur zeitlichen
Kontinuität der Kroneneinschätzung. Mit Hilfe der dort gegebenen Beispiele wird
sichergestellt, dass es über die langen Jahre der Waldzustandserhebung nicht zu
schleichenden Verschiebungen des Bewertungsmaßstabes kommt (z. B. durch
Gewöhnungseffekte).
7. Wie könnte dieser oben angesprochene Aspekt bei der
Waldschadenserhebung Berücksichtigung finden?
Dieser Aspekt wird bereits berücksichtigt; siehe Antwort zu Frage 6.
8. Welchen Änderungsbedarf bei der Erstellung künftiger
Waldzustandsberichte in Bezug auf eine stärkere Berücksichtigung der
Standortabhängigkeit der Belaubungsdichte von Waldbäumen sieht die Bundesregierung?
Die Bundesregierung sieht hier keinen Änderungsbedarf.
9. Ist der Bundesregierung bekannt, ob die Länder den Waldzustandsbericht
nutzen, und wenn ja, wie?
Ja. Die Länder wirken an der Erstellung des Waldzustandsberichtes des Bundes
maßgeblich mit. Sie nutzen den Waldzustandsbericht des Bundes als zentrale
Informationsquelle über den Waldzustand in den anderen Ländern, dessen
Entwicklung und die dieser Entwicklung jeweils zugrunde liegenden Ursachen.
Im Übrigen nutzen die Länder ihre eigenen Waldzustandsberichte in ähnlicher
Weise wie die Bundesregierung zur Unterrichtung ihrer Parlamente sowie der
Öffentlichkeit.
10. Wie beurteilt die Bundesregierung die deutliche Kritik führender
Forstwissenschaftler an dem Verfahren der Waldzustandserhebung und
insbesondere an der gültigen Definition der angeblichen Schäden und der
Schadensklassen?
11. Wird die Bundesregierung diese in der obigen Frage angesprochene Kritik
aufnehmen und bei der nächsten Waldzustandserhebung berücksichtigen,
und wenn nein, mit welcher Begründung wird sie dies nicht tun?
Siehe Vorbemerkung.
12. Teilt die Bundesregierung die Einschätzung, dass Stickstoffeinträge zwar
zum Zuwachs von Waldbäumen beitragen, aber gleichzeitig auch deren
Blätter (bzw. Nadeln) stärker hygromorph und damit anfälliger für
Schädlinge sowie für Trockenheit und Fröste machen?
Welche Forschungsergebnisse lassen sich hierzu anführen?
Die Einschätzung der Bundesregierung zu dieser Fragestellung ergibt sich aus
dem Waldzustandsbericht 2002, Abschnitt III.2.3 „Luftverunreinigungen“
(Bundestagsdrucksache 15/270).
13. Hält die Bundesregierung die weiterhin auf hohem Niveau befindlichen
Stickstoff-Emissionen, die hauptsächlich durch den Verkehrs- und
Industrie-Abgaseintrag (besonders NO2 und NO3) hervorgerufen werden, für
weiterhin hinnehmbar, und wie beurteilt sie die dadurch sowohl in Wäldern
als auch auf nicht landwirtschaftlich genutzten Flächen wie Magerwiesen
verursachte Artenverarmung in Bodenvegetation und -fauna, und welche
Maßnahmen will sie ergreifen, um die Stickstoffeinträge aus der Luft zu
mindern?
Die Haltung der Bundesregierung zu den Stickstoffemissionen und den daraus
abgeleiteten Maßnahmen ergibt sich aus den Kapiteln II.3.4
„Luftverunreinigungen“ und IV „Maßnahmen der Bundesregierung gegen neuartige
Waldschäden“ des Waldzustandsberichtes 2004 (Bundestagsdrucksache 15/4500).
14. Teilt die Bundesregierung die Einschätzung, dass Eigentümer aller
Besitzarten durch die gezielte Pflege der Bestände zu einem besseren
Waldzustand beitragen?
Die Bundesregierung teilt die Einschätzung, dass die Waldbesitzer durch
Bewirtschaftungsmaßnahmen zu einem besseren Waldzustand beitragen können.
15. Wie steht die Bundesregierung nach den bisherigen Erfahrungen zu dem
Vorschlag, die Waldzustandserhebung einzustellen und sich stattdessen
auf die sehr viel detaillierteren und somit in ihren Ergebnissen vermutlich
brauchbareren „Level-II“-Untersuchungen auf Dauerbeobachtungsflächen
sowie auf die Bodenzustandserhebung zu konzentrieren?
Zu einer umfassenden Beschreibung und Beurteilung des Zustands der
Waldökosysteme sind Übersichtserhebungen wie die Waldzustandserhebung und die
Bodenzustandserhebung im Wald wie auch die Bundeswaldinventur genauso
erforderlich wie die Aufklärung von Ursache-Wirkungs-Beziehungen auf
Level-II- und anderen Dauerbeobachtungsflächen. Die Bundesregierung sieht
– insbesondere auch vor dem Ziel, zeitnah Information über den Waldzustand
und seine Entwicklung zu gewinnen – keine Alternative zur jährlichen
terrestrischen Waldzustandserhebung.
16. Falls die Bundesregierung den in Frage 15 genannten Vorschlag
befürwortet, wird sie den Bundesländern einen entsprechenden Vorschlag
unterbreiten, und wenn ja, wann wird dies geschehen?
Siehe Antwort zu Frage 15.
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ISSN 0722-8333]