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Kleine AnfrageWahlperiode 13Beantwortet

Wirtschaftliche Aussichten der Gentechnik (G-SIG: 13011017)

Wirtschaftliche Rahmendaten der Gen-/Biotechnologie/-offensive der Bundesregierung: Firmen, Gewinne/Verluste, Arbeitsplätze, Förderung der Gentechnologie aus öffentlichen Mitteln, Verbesserung der Patentstatistik

Fraktion

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ressort

Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie

Datum

14.11.1995

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 13/279224. 10. 95

Wirtschaftliche Aussichten der Gentechnik

des Abgeordneten Dr. Manuel Kiper und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Vorbemerkung

Die Bundesregierung und Bundesminister Dr. Jürgen Rüttgers haben angekündigt, bis zum Jahre 2000 Deutschland bei Gen-/ Biotechnologie zur Nummer eins in Europa zu machen. Eine weitere Lockerung der Genehmigungsverfahren wurde in Aussicht gestellt. 200 Mio. DM zusätzlich wurden für Gentechnik am Menschen (Humangenomforschung und Gentherapie) zur Verfügung gestellt. Da in der Öffentlichkeit die gentechnischen Versprechen, Krankheiten zu heilen und Welthunger zu beseitigen, nur noch wenig glaubhaft vertreten werden können, wird jetzt um mehr Akzeptanz für die Gentechnik vor allem mit dem Hinweis auf die Schaffung von Arbeitsplätzen geworben. Die chemische und pharmazeutische Industrie in Europa hat allerdings in den letzten Jahren Hunderttausende von Stellen abgebaut. Damit erscheint auch das Arbeitsplatzargument wenig überzeugend.

Die Bundesregierung betreibt dabei gegenüber den USA mit ihren eigenen Worten eine Aufholjagd. Für die Genbranche waren und sind die USA das viel gepriesene Wirtschaftswunderland. Dies muß allerdings für die grüne Gentechnik (d. h. an Kulturpflanzen) in Frage gestellt werden. Nach Angaben der angesehenen Zeitschrift Bio/Technology belaufen sich die bisherigen Verluste der grünen Gentechnik in den USA bislang auf 3,2 Mrd. Dollar in den letzten 16 Jahren, 102 Mio. Dollar Verluste wurden letztes Jahr erwirtschaftet (Bio/Technologie 13. Juni 1995, S. 541 f.). In der sogenannten roten Gentechnik (d. h. im Pharmabereich) beliefen sich die Verluste der 152 größeren US-amerikanischen Firmen allein im Jahre 1994 sogar auf 1,3 Mrd. Dollar (Bio/Technology 13. Mai 1995, S. 422-5). Nur zehn der 1 311 Gen-/ Biotechnologiefirmen werfen nach einer 1995 er Marktstudie von Frost & Sullivan Gewinne ab. Im Durchschnitt waren bislang in den USA Subventionen von 450 Mio. Dollar notwendig, um eine einzige Firma in die schwarzen Zahlen zu bringen.

Hintergrund für diese schlechten wirtschaftlichen Daten amerikanischer Gentechnikfirmen ist der früher unterschätzte zeitliche und finanzielle Aufwand, um neue Produkte zu entwickeln und ihre Zulassung zu erreichen. 1994 erwiesen sich allein zehn der angekündigten pharmazeutischen Wunderprodukte in den USA in der klinischen Prüfung (Phase II oder III) als Fehlschläge, so ein Hepatitismedikament und ein Medikament gegen Augenkrankheiten.

„Ernüchterung hat sich mittlerweile in der Branche eingestellt", notierte das Handelsblatt im vergangenen Dezember. Grund: „Die Träume von gentechnischen Wundermitteln und schnellen Abkürzungen zu neuen Medikamenten erfüllten sich nicht." Und weiter: „Die Hoffnungen auf Wundermittel gegen Krebs, AIDS und andere Krankheiten wurden bisher nicht erfüllt, und nach einer Reihe von Enttäuschungen mit neuen Medikamenten aus den Labors suchten viele Anleger den Notausgang. Die Aktienkurse etlicher Unternehmen fielen zum Teil um über 90 % und selbst der Wert solider Firmen wie Genentech oder Chiron ging in den Keller." (HB 1. Dezember 1994, S. 10)

Auch in Europa, wo es zur Zeit nach Angaben von Biotechnology- Business News 485 Gen-/Biotechnologiefirmen gibt, häufen sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die beiden führenden britischen Gentechnikfirmen meldeten kürzlich klinische Mißerfolge mit ihren erwarteten gentechnischen Medikamenten zur Krebsbehandlung und zur Verhinderung der Gewebeabstoßung bei Lebertransplantationen.

Der angebliche wirtschaftliche Boom der Gentechnik in den USA beruhte bislang auf dem ständigen Zufluß von Risikokapital über 20 Mrd. Dollar in den letzten 20 Jahren. 97 000 Arbeitsplätze wurden damit in den USA geschaffen. In Europa gibt es Wirtschaftsstudien zufolge in der Branche bislang lediglich 27 000 Arbeitsplätze, nach Angaben der Bundesregierung allein in Deutschland allerdings 40 000. Hier mangelt es, wie auch die Bundesregierung erklärt, an Risikokapital, dem die Bundesregierung mit einer eigenen Initiative begegnet. In der Bundesrepublik Deutschland wird die Biotechnologie/Gentechnik allerdings bereits mit jährlich insgesamt mehr als 1 Mrd. DM aus öffentlichen Mitteln gefördert. Die direkte Förderung aus dem Bundeshaushalt beträgt über 300 Mio. DM. Zusätzlich kommen Hunderte von Millionen aus den Länderhaushalten, den EG- Forschungsprogrammen, der indirekten staatlichen Förderung über die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), VW-Stiftung, Max-Planck- Gesellschaft etc.

Demnach läuft die Gen-/Biotechnologie bisher und offensichtlich bis auf weiteres nur über Milliardensubventionen aus Steuergeldern bzw. Risikokapital. Die meisten angekündigten bzw. erhofften medizinischen Durchbrüche erweisen sich jedoch als Fehlschläge. Wenigstens 200 Mio. Dollar sind in den USA durchschnittlich aufzuwenden, um ein medizinisch erfolgreiches gentechnisches Produkt zu etablieren. Verdrängt wurden dabei bislang fast ausschließlich herkömmliche andere Medikamente.

Allerdings sind bei den gentechnischen Pharmazeutika einige Präparate auch neu und erwirtschaften zum Teil Umsätze von mehreren 100 Mio. DM. Europäische pharmazeutische Unternehmen haben sich deshalb massiv in erfolgreiche amerikanische Gentechnikunternehmen eingekauft.

Wir fragen die Bundesregierung:

L Zu den wirtschaftlichen Rahmendaten der Gen-/ Biotechnologieoffensive der Bundesregierung

Fragen24

1

Wie viele Gen-/Biotechnologiefirmen gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung in den USA, in Europa, in Japan und in Deutschland?

2

Wie hohe Gewinne/Verluste haben die Gen-/ Biotechnologiefirmen in den USA, in Europa, in Japan und in Deutschland seit ihrer Gründung gemacht, und wie ist die Entwicklung der Branche in den letzten Jahren gewesen?

3

Wie schätzt die Bundesregierung die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung der Gen-/Biotechnologiefirmen ein, und worauf stützt sie diese Einschätzungen?

4

Welcher Kapitalaufwand ist nach Kenntnis der Bundesregierung erfahrungsgemäß bzw. bisher durchschnittlich notwendig, um eine Gentechnikfirma in die Gewinnzone zu bringen?

5

Welche Chancen sieht die Bundesregierung für eine weitere Risikokapitalfinanzierung von Gen-/ Biotechnologieunternehmen in den USA, welche Chancen in Europa bzw. in Deutschland?

6

Wie viele Gen-/Biotechnologieunternehmen wurden seit 1973, aufgeschlüsselt nach den einzelnen Jahren, in Deutschland gegründet, und wie viele dieser Firmen existieren nach Kenntnis der Bundesregierung noch?

7

Wie hat sich die Verabschiedung des Gentechnikgesetzes 1990, die Lockerung der Sicherheitsbestimmungen des Gentechnikgesetzes bzw. der Gentechniksicherheitsverordnung 1994/95 nach Kenntnis der Bundesregierung auf die Ansiedlung ausländischer Gen-/Biotechnologiefirmen in der Bundesrepublik Deutschland bzw. auf die Neugründung von Unternehmen zahlenmäßig ausgewirkt?

8

Worauf stützt die Bundesregierung ihre Auffassung, daß durch das Gentechnikgesetz in seiner Fassung von 1990 das Investitionsklima in die Gen-/Biotechnologie in Deutschland verschlechtert und nunmehr nach seiner Novellierung verbessert worden ist?

9

Wie viele Arbeitsplätze in der Gentechnik haben deutsche Firmen seit 1973, aufgeschlüsselt auf die einzelnen Jahre, in Deutschland bzw. im Ausland geschaffen?

Welche Definition von Gentechnik liegt diesen Zahlen zugrunde?

10

Welche weiteren Initiativen plant die Bundesregierung, um die „Aufholjagd" auf dem Sektor Gen-/Biotechnologie gegenüber den USA zum Erfolg zu führen?

11

Wie viele Gentechniklabors, wie viele gentechnische gewerbliche Anlagen und wie viele gentechnische Produktionsanlagen sind zur Zeit in Deutschland genehmigt, und wie hat sich diese Zahl seit 1973 entwickelt?

12

Wie viele gentechnische Arbeitsplätze gibt es zur Zeit in Deutschland, und wie hat sich diese Zahl seit 1973 entwickelt?

13

Teilt die Bundesregierung noch die im BMFT-Journal 1993 vertretene Auffassung, „das neue Gentechnikgesetz" sichere „den Forschungsstandort Deutschland", „in der EG " würden „Millionen neue Arbeitsplätze entstehen"?

14

Wie hoch ist der Anteil gentechnischer Labors bzw. Arbeitsplätze, der in Deutschland aus öffentlichen Mitteln bzw. aus Bundesmitteln finanziert wird?

15

Wie haben sich die öffentlichen Fördermittel für gentechnische Vorhaben seit 1973 in Deutschland entwickelt, und welche Aufwendungen sind zukünftig geplant?

16

Wie hoch sind die öffentlichen Fördermittel in den USA, in Japan und in anderen EU-Ländern im Vergleich zur Bundesrepublik Deutschland?

17

Teilt die Bundesregierung die anfangs der 90er Jahre vom seinerzeitigen Bundesminister für Forschung und Technologie im BMFT-Journal verbreitete Auffassung, daß neun der 50 weltweit führenden Gen-/ Biotechnologiegroßforschungseinrichtungen in Deutschland liegen?

Wie beurteilt die Bundesregierung die Qualität der bundesdeutschen gen-/biotechnologischen Forschung zur Zeit?

18

Wie viele Patente pro Kopf der Bevölkerung sind in den letzten Jahren auf deutsche Anmelder im Vergleich zu Anmeldern aus den USA, Japan und den übrigen EU-Ländern insgesamt erteilt worden, und wie beurteilt die Bundesregierung den Trend?

19

Wie hat sich diesbezüglich die Patentstatistik auf dem Sektor Gen-/Biotechnologie entwickelt?

20

Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung bislang ergriffen, um die Anmeldung von Patenten aus den mit öffentlichen Mitteln geförderten Forschungseinrichtungen zu verbessern?

Hält die Bundesregierung diese Maßnahmen für ausreichend?

21

Welche besonderen Maßnahmen hat die Bundesregierung ergriffen, um die Anmeldung von Patenten aus dem Bereich Gen-/Biotechnologie zu verstärken?

22

Unterstützt die Bundesregierung die Forderung und die in den USA bereits geübte Praxis, auch Entdeckungen von Gensequenzen und Algorithmen als Erfindungen patentierbar zu machen?

23

Wie beurteilt die Bundesregierung die verstärkte Patentanmeldung von Entdeckungen und Erfindungen aus Forschungseinrichtungen in ihrer Wirkung auf den öffentlichen Wissenschafts- und Forschungsbetrieb?

24

Wie viele und welche verschiedenen gentechnisch hergestellten Wirkstoffe und wie viele und welche genmanipulierten neuartigen Lebewesen sind in den USA bislang in den Handel zugelassen worden, wie viele und welche in Japan und wie viele und welche in Deutschland?

Wie viele dieser Wirkstoffe und Lebewesen unterliegen dem Patentschutz?

Bonn, den 9. Oktober 1995

Dr. Manuel Kiper Joseph Fischer (Frankfurt), Kerstin Müller (Köln) und Fraktion

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