Über die Zahl der Ausbildungsplätze anbietenden Bet riebe in den neuen Ländern kann zur Zeit keine definitive Aussage getroffen werden. Informationen liegen jedoch zur Struktur der Ausbildungsbetriebe vor. Nach Analysen des Bundesinstituts für Berufsbildung wurden im Herbst letzten Jahres 75 Prozent der Auszubildenden in den neuen Ländern in Bet rieben mit mehr als 500 Beschäftigten (Kombinate, Genossenschaften) ausgebildet, in den alten Bundesländern lediglich 20 Prozent). Während in den alten Bundesländern 50 Prozent der Auszubildenden im Bereich Industrie und Handel ausgebildet wurden, waren es in den neuen Bundesländern 80 Prozent. Im Handwerk ist die Situation umgekehrt: 35 Prozent der Auszubildenden in den alten und rund 9 Prozent in den neuen Bundesländern. Deutliche Unterschiede liegen auch im Landwirtschaftsbereich vor; 8 Prozent der Auszubildenden wurden in den neuen Bundesländern in der Landwirtschaft ausgebildet gegenüber rund 2 Prozent in den alten Bundesländern. Dagegen wurde in den Praxen der freien Berufe in den alten Bundesländern weit mehr ausgebildet als in den neuen Ländern, zum Teil weil solche Ausbildungsberufe oder solche Betriebe noch fehlten.
Mit dem begonnenen wirtschaftlichen Veränderungsprozeß in Richtung einer stärker mittelständischen Betriebs- und Wi rt -schaftsstruktur werden auch Änderungen der Ausbildungsstruktur einhergehen. Neugründungen im Handwerk und im Bereich der freien Berufe sind erste Anzeichen dieser Entwicklung. Auch in der Ausbildungsstatistik sind diese Anpassungsprozesse erkennbar.
Nach den Ergebnissen einer Berufsschulbefragung in den neuen Ländern sind für das Ausbildungsjahr 1990/91 rund 123 000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen worden, 97 500 bereits in Berufen nach dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) und 25 500 in Berufen nach der Systematik der Facharbeiterberufe der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Ein Strukturvergleich der Neuabschlüsse in BBiG-Berufen zwischen den alten und neuen Bundesländern zeigt neben noch deutlichen Unterschieden, daß sich die Ausbildungsstrukturen zum Teil schon angenähert haben.
Übersicht 1: Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge nach ausgewählten Berufen in den alten und neuen Bundesländern 1990
Berufe nach Berufsbildungsgesetz Neue Länder Alte Länder Anzahl in % Anzahl in % Bäcker/Bäckerin 1 813 1,9 5 885 1,1 Bankkaufmann/-frau 1 827 1,9 22 696 4,2 Bauzeichner/-in 442 0,5 4 308 0,8 Bürogehilfe/-gehilfin 1 028 1,1 5 216 1,0 Bürokaufmann/-frau 1 928 2,0 27 575 5,1 Energieelektroniker/-in Anlagentechnik 1 759 1,8 9 657 1,8 Energieelektroniker/-in Betriebstechnik 1 656. 1,7 13 265 2,4 Fachgehilfe/-gehilfin i. steuer- u. wirt. Ber. 30 0,0 9 088 1,7 Fachverkäufer/-in i. Nahrungsmittelhandw. 388 0,4 9 515 1,7 Fleischer/-in 1 406 1,4 2 912 0,5 Friseur/-in 1 727 1,8 20 183 3,7 Gas- und Wasserinstallateur/-in 1 592 1,6 6 844 1,3 Hauswirtschafter/-in (Land) 108 0,1 666 0,1 Hauswirtschafter/in (Stadt) 227 0,2 2 497 0,5 Industriekaufmann/-frau 2 246 2,3 25 459 4,7 Industriemechaniker/-in Betriebstechnik 5 660 5,8 8 033 1,5 Industriemechaniker/-in Masch./Systemtechn. 1 472 1,5 9 337 1,7 Industriemechaniker/-in Produktionstechnik 1 241 1,3 2 212 0,4 Kaufmann/-frau im Einzelhandel 5 301 5,4 27 855 5,1 Kaufmann/-frau im Groß- und Außenhandel 535 0,5 19 468 3,6 Koch/Köchin 3 779 3,9 8 171 1,5 Kommunikationselektroniker/-in 446 0,5 3 687 0,7 Kraftfahrzeugmechaniker/-in 2 911 3,0 23 240 4,3 Landmaschinenmechaniker/-in 1 094 1,1 1 685 0,3 Landwirt/-in 2 926 3,0 11 038 2,0 Maler/-in und Lackierer/-in . 1 890 1,9 9 791 1,8 Maurer 6 289 6,5 16 071 2,9 Metallbauer/-in 472 0,5 6 451 1,2 Radio- und Fernsehtechniker/-in 173 0,2 3 116 0,6 Sparkassenkaufmann/-frau 28 0,0 1 129 0,2 Technischer Zeichner/Technische Zeichnerin 813 0,8 4 302 0,8 Tischler/-in 2 230 2,3 12 306 2,3 Verkäufer/-in 1 015 1,0 12 499 2,3 Werkzeugmechaniker/-in Stanz/Umformtechn. 870 0,9 4 003 0,7 Zentralheizungs- u. Lüftungsbauer/-in 931 1,0 4 889 0,9 Nicht genannte Berufe 38 251 39,2 184 369 33,8 Behinderten-Ausbildungsberufe (BBiG/HWO) 962 1,0 5 772 1,1 Insgesamt 97 484 545 190
Der in diesen Zahlen erkennbare Annäherungsprozeß wird sich infolge des wirtschaftlichen Erneuerungsprozesses 1991 beschleunigt fortsetzen. Dabei wird der Anteil von Ausbildungsverträgen in mittelständischen Bet rieben zu Lasten großbetrieblicher Ausbildung steigen.
Nach der monatlichen Statistik der Bundesanstalt für Arbeit waren von Oktober 1990 bis Ende Mai 1991 insgesamt 75 907 Berufsausbildungsstellen den Arbeitsämtern in den neuen Bundesländern zur Vermittlung gemeldet worden, im gleichen Zeitraum sind 15 520 Stellen wieder zurückgezogen worden, so daß insgesamt 60 387 Stellen verfügbar waren. Von diesen Ausbildungsstellen befanden sich 44 795 in Bet rieben und 15 592 in außer - betrieblichen Einrichtungen. Gebraucht werden Ausbildungsplätze für rund 100 000 bis 110 000 Schulabgänger und eine nicht genau einschätzbare Zahl sogenannter Konkurslehrlinge (gemeldet bis Ende Mai 20 600). Informationen aus den neuen Ländern zum erheblich ausgeweiteten Übergang in die gymnasiale Oberstufe (bis über 30 Prozent) belegen, daß mit der im Berufsbildungsbericht 1991 angenommenen Anzahl von 120 000 Schulabgängern die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen eher überschätzt worden ist.
Bei der Bewertung der Statistik der Bundesanstalt für Arbeit ist zu berücksichtigen, daß in den Zahlen der gemeldeten Berufsausbildungsstellen noch nicht die erheblichen Reserven an Ausbildungsplätzen in überbetrieblichen Einrichtungen enthalten sind, die nach § 40c des Arbeitsförderungsgesetzes noch finanziert werden können. In der Statistik sind auch die Ausbildungsplätze nicht enthalten, die durch das Programm der Bundesregierung zur Förderung von Ausbildungsplätzen in Kleinunternehmen zusätzlich mobilisiert werden können. Die Richtlinien für dieses Programm wurden vom Bundesminister für Bildung und Wissenschaft am 13. Juni 1991 erlassen. Ferner haben in den Zahlen zum Teil die Ausbildungsplätze im öffentlichen Dienst und die von der Treuhand eingeleiteten Maßnahmen im Ausbildungsbereich noch keinen Niederschlag gefunden. Schließlich ist zu berücksichtigen, daß aller Erfahrung nach auch in den nächsten Wochen und Monaten den Arbeitsämtern noch weitere Ausbildungsplätze angeboten werden und daß wegen der den Ausbildungsbetrieben vorliegenden Initiativbewerbungen von Jugendlichen nicht alle Ausbildungsstellen den Arbeitsämtern zur Vermittlung gemeldet werden. Die Perspektive ist also durchaus günstiger, als die statistische Momentaufnahme Ende Mai zeigt.